Neu im Kino/Filmkritik: Putin und „Der Magier im Kreml“ und die Macht über das Volk

April 11, 2026

Ein namenlos bleibender Journalist (Jeffrey Wright) hat es geschafft. Wadim Baranov (Paul Dano) empfängt ihn in seinem Haus zu einem Gespräch über sein Leben. Und Baranov hat einiges zu erzählen. In den frühen neunziger Jahren profiliert er sich in Moskau als Avantgarde-Künstler. Später produziert er Reality-TV-Shows und berät die Machthaber. Dabei formt er aus dem ambitioniertem, nach dem Zusammenbruch des Ostblocks quasi arbeitslosen KGB-Agenten Wladimir Putin (Jude Law) den heutigen Präsidenten Russlands. Skrupel hat der im Hintergrund agierende Strippenzieher bei der Inszenierung seines Stückes nie.

Dieser Rückblick auf die neunziger Jahre in der früheren UdSSR und wie sich die Verhältnisse neu sortieren ist der gelungene Teil von Olivier Assayas‘ neuem satirisch gefärbtem Polit-Thriller „Der Magier im Kreml“. Nah den Fakten erzählt er, basierend auf Giuliano da Empolis gleichnamigem Roman, eine erfundene Geschichte. In der zweiten Hälfte, wenn die Macht konsolidiert wird und Gegner, wozu auch frühere Verbündete und Freunde gehören, ausgeschaltet werden, wird der Film zu einer Nummernrevue. Ereignisse folgen aufeinander. Die Einordnung – also wo gerade warum ein Krieg geführt wird und wer aus einem Fenster fällt – bleibt dem Wissen des Zuschauers überlassen. Ohne ein mehr als solides Hintergrundwissen über die russische Innen- und Außenpolitik unter Putin und die damit verbundenen Interessen sind es nur noch verstreute, sich wiederholende, immergleiche Kurzmeldungen aus der Tageszeitung.

Das macht den „Magier im Kreml“ zu einem der schlechteren Filme von Olivier Assayas. Es ist vielleicht sogar sein schlechtester Film (ich habe nicht alle seine Filme gesehen). Die mit fast 150 Minuten zu lang geratene Satire ist eine halbgare Geschichtsstunde, in der, jedenfalls für Nicht-Experten, unklar ist, was Fiktion, was Fakt und was eine satirische Überspitzung realer Verhältnisse und Ereignisse ist.

Vielleicht gibt es irgendwann einen Extended Cut oder, wie bei „Carlos – Der Schakal“, eine deutlich längere TV-Fassung, die dann die Probleme des Films behebt. Bis dahin haben wir, wie erstaunlich viele Filme in der letzten Zeit, einen überlangen Film, der in eine überzeugende erste Hälfte und eine langweilige zweite Hälfte zerfällt.

Der Magier im Kreml (Le mage du Kremlin/The Wizard of the Kremlin, Frankreich/USA 2025)

Regie: Olivier Assayas

Drehbuch: Olivier Assayas, Emmanuel Carrère

LV: Giuliano da Empoli: Le mage du Kremlin, 2022 (Der Magier im Kreml)

mit Paul Dano, Jude Law, Alicia Vikander, Tom Sturridge, Jeffrey Wright, Will Keen

Länge: 146 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

AlloCiné über „Der Magier im Kreml“

Moviepilot über „Der Magier im Kreml“

Metacritic über „Der Magier im Kreml“

Rotten Tomatoes über „Der Magier im Kreml“

Wikipedia über „Der Magier im Kreml“ (deutsch, englisch, französisch)

Meine Besprechung von Olivier Assayas’ „Carlos – Der Schakal“ (Kinofassung)

Meine Besprechung von Olivier Assayas’ „Carlos – Der Schakal“ (Director’s Cut – bzw. die dreiteilige TV-Fassung)

Meine Besprechung von Olvier Assayas’ “Die wilde Zeit” (Après Mai, Frankreich 2012) (und der DVD)

Meine Besprechung von Olivier Assayas‘ „Die Wolken von Sils Maria“ (Clouds over Sils Maria, Deutschland/Frankreich/Schweiz 2014) (mit Pressekonferenzen) und der DVD

Meine Besprechung von Olivier Assayas‘ „Personal Shopper“ (Personal Shopper, Frankreich/Deutschland 2016)

Meine Besprechung von Olivier Assayas‘ „Zwischen den Zeilen“ (Doubles Vies, Frankreich 2018)


Neu im Kino/Filmkritik: Ein Film „Wie im echten Leben“

Juni 30, 2022

Ein bisschen unbeholfen ist Marianne Winckler schon als sie sich zunächst auf eine Stelle bewirbt und später als Putzfrau arbeitet. Sie hat nämlich keine Ahnung, was sie beim Jobcenter beantragen soll, welche Stellen für sie in Frage kommen und wie eine Bewerbung geschrieben wird. Sie erklärt ihre Ahnungslosigkeit damit, dass sie seit Ewigkeiten nicht arbeitete, vor kurzem von ihrem Mann verlassen wurde und jetzt in einer neuen Stadt anfangen will.

Das ist noch nicht einmal die halbe Wahrheit. Denn Marianne ist eine Schriftstellerin, die jetzt über das Leben des Prekariats schreiben will. Nicht besserwisserisch von oben herab, sondern im Rahmen einer investigativen Recherche unter falscher Identität. Günter Wallraff wurde mit solchen Mißstände aufdeckende Reportagen bekannt. Legendär sind seine Undercover-Recherche bei der Bild-Zeitung (in den Siebzigern) und als türkischer Gastarbeiter, der in verschiedenen Firmen schlecht bezahlte Jobs annahm (in den Achtziger).

Mit Marianne tauchen wir in das anstrengende Leben der Putzfrauen in der nordfranzösischen Hafenstadt Caen ein.

Emmanuel Carrères Film basiert auf dem Bestseller „Putze: Mein Leben im Dreck“ von Florence Aubenas. Die bekannte Journalistin Aubenas schrieb im Rahmen einer Undercover-Recherche über ihre Erfahrungen als Frau, die in Caens ohne eine Ausbildung eine Arbeit sucht. Sie bekommt nur schlecht bezahlte Jobs als Putzfrau angeboten. Das 2010 erschienene Buch ist ein schonungsloser Einblick in das Leben des Prekariats. Für den Film wurde eine sich nah an den Reportagen bewegende Geschichte erfunden, die letztendlich in der Gegenwart spielt. Damit ist „Wie im echten Leben“, ohne es explizit zu sagen, auch eine Abrechnung mit Emmanuel Macron und seiner Politik, die immer wieder auf heftigen Protest, zum Beispiel von den Gelbwesten, stieß. Denn die Putzfrauen in Carrères Drama sind viel zu sehr damit beschäftigt, genug Geld für sich und ihre Familien zu verdienen, sich gegenseitig zu helfen und auch manchmal einige Stunden gemeinsamen Glücks zu erleben.

Treibende Kraft hinter dem Film war Juliette Binoche, die auch die Hauptrolle übernahm. Sie sprach immer wieder Aubenas auf eine Verfilmung an. Irgendwann gab Aubenas ihre Zustimmung für eine Verfilmung, wenn Emmanuel Carrère das Drehbuch schrieb. Er war Filmkritiker, ist Buch- und Drehbuchautor (unter anderem mehrere Fred-Vargas-Verfilmungen) und Regisseur von einem Dokumentar- und einem Spielfilm. Carrère übernahm dann auch die Regie.

Sein Film ist typisches französisches Starkino mit sozialem Gewissen, das über Mißstände aufklärt und ein breites Publikum erreichen will. So sollen wir glauben, dass Frankreichs schönste Frau eine Putzfrau ist; – auch wenn sie eine Schriftstellerin ist, die eine Putzfrau spielt. Die anderen Rollen werden von Laien gespielt, die sich selbst spielen. Das verleiht dem Spielfilm eine starke dokumentarische Note.

Carrère erzählt das mit einem Blick auf die soziale Situation der porträtierten Frauen. Er verleiht ihnen eine Stimme und zeigt Probleme innerhalb der französischen Gesellschaft auf. Diese Probleme gibt es so ähnlich auch in anderen Industriegesellschaften.

Als Starkino – wie gesagt: Juliette Binoche spielt die Hauptrolle – macht der Film auch Konzessionen an den Publikumsgeschmack. Alles ist sehr gefällig erzählt. „Wie im echten Leben“ ist nie – und will es auch nie sein – ein Arthaus-Film oder radikales politisch-aufklärerisches und anklagendes Politkino, wie wir es von Ken Loach kennen. Carrères Film ist eher eine Geschichte über Freundschaft, Solidarität und Verrat. Denn natürlich erfahren Mariannes neue Kolleginnen und Arbeitsfreundinnen, die ihr bedingungslos vertrauen, irgendwann, dass sie keine mittellose geschiedene Frau, sondern eine erfolgreiche Schriftstellerin ist und zu einer ganz anderen gesellschaftlichen Klasse gehört.

In diesem Rahmen ist „Wie im echten Leben“ ein sehr gelungenes Drama, das Diskussionen anstoßen kann.

Wie im echten Leben (Ouistreham, Frankreich 2021)

Regie: Emmanuel Carrère

Drehbuch: Emmanuel Carrère, Hélène Devynck

LV: Florence Aubenas: Le Quai d’Quistreham, 2010 (Putze: Mein Leben im Dreck)

mit Juliette Binoche, Hélène Lambert, Léa Carne, Emily Madeleine, Patricia Prieur, Evelyne Porée, Didier Pupin

Länge: 107 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

AlloCiné über „Wie im echten Leben“

Moviepilot über „Wie im echten Leben“

Rotten Tomatoes über „Wie im echten Leben“

Wikipedia über „Wie im echten Leben“