Neu im Kino/Filmkritik: „Was haben wir gelacht“, damals, über diese Witze

Juli 15, 2026

Ist das witzig? War das jemals witzig gewesen? Wenn Eva Müller und Isabel Schneider in ihrem Dokumentarfilm „Was haben wir gelacht“ Szenen aus „Wetten dass…?“-Shows aus den achtziger und neunziger Jahren zusammenschneiden, in denen Thomas Gottschalk, damals noch der junge, elanvolle, frischen Wind zuerst in das Radio-, später TV-Programm bringende Moderator, den Frauen Komplimente macht, sie auf der Couch neben sich platziert und berührt, dann ist das eine Collage männlicher Übergriffigkeiten, die durch die ebenfalls in der Doku präsentierten Collagen von Harald-Schmidt-Witzen mühelos getoppt wird. Kontextualisiert werden die Auftritte der damals jungen Moderatoren durch Bilder aus den Shows von Rudi Carrell und Hans-Joachim Kulenkampff, die damals in ihren Samstagabendshows einen schon sehr altväterlichen Humor pflegten. Sicher, einige Auftritte, Witze und anzügliche Bemerkungen wurde schon damals kritisiert, aber vieles versendete sich ohne endlose Wiederholungsschleifen und YouTube-Clips schnell. Die Gespräche von Gottschalk mit den Stars wurden oft für wichtige Dinge genutzt, wie Pinkelpause, Essensnachschub aus der Küche holen und Gespräche über die Wetten.

Trotzdem; wenn man diese männlichen Humorleistungen geballt sieht, ist das schon sehr unangenehm. Es ist ein Blick in eine Zeit, als Frauen im Unterhaltungsfernsehen, der großen Samstagabendshow für die ganze Familie, vor allem das hübsche, dumm-dümmliche Beiwerk waren.

Für ihren Dokumentarfilm „Was haben wir gelacht“ interviewten Eva Müller und Isabel Schneider die Komikerinnen Maren Kroymann, Hella von Sinnen, Gaby Köster und Esther Schweins und die Moderatorin Bettina Böttinger über ihre Anfänge im Showgeschäft und wie sie sich Freiräume erkämpften. Sie konfrontieren sie auch mit Ausschnitten aus damaligen Sendungen. Dank des guten Schnitts, kommentieren sich die Interviewten so, dass der Eindruck eines Gesprächs entsteht.

Deutlich wird dabei, wie groß die Widerstände der Männer auf der Bühne und im Saal gegen einen eigenständigen weiblichen Humor waren. Frauen, so die damals herrschende Meinung, sind nur als dumme, vollbusige Blondine witzig.

Das änderte sich im Fernsehen mit dem Privatfernsehen, das neue Formate ausprobierte, in denen sich nicht etablierte Künstler austoben konnten. Diese Experimentierfreude war kein künstlerisches Programm, sondern kommerzielles Kalkül. Mit jungen Gesichtern und einem anderen Humor (vieles was im Privatfernsehen als Humor lief, war nicht besser, oft sogar schlechter und auch konservativer als der öffentlich-rechtliche Humor) konnte mit geringen Kosten ein neues Publikum angesprochen werden.

Was haben wir gelacht“ ist ein gelungener, kurzweiliger und informativer Rückblick auf den männlich dominierten Humor in den achtziger und neunziger Jahre im deutschen Fernsehen. Der Dokumentarfilm ist keine Analyse, sondern, kommentiert von Zeitzeuginnen, ein sich durch die TV-Archive wühlendes Panoptikum des damals allgemein akzeptierten Humors. Der Rückblick zeigt, wie viel sich in den vergangenen Jahrzehnten veränderte.

Was haben wir gelacht (Deutschland 2026)

Regie: Eva Müller, Isabel Schneider

Drehbuch: Eva Müller, Isabel Schneider

mit Maren Kroymann, Hella von Sinnen, Bettina Böttinger, Gaby Köster, Esther Schweins

Länge: 103 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Kinostart: 16. Juli 2026

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Was haben wir gelacht“

Moviepilot über „Was haben wir gelacht“

 


Neu im Kino/Filmkritik: Moritz Bleibtreu ist „Caveman“?

Januar 27, 2023

Hinter der Bühne hat seine langjährige Freundin gerade mit ihm Schluss gemacht und der erste Witz bei seinem Stand-up-Programm – es ist sein erster Auftritt bei einem Open-Mic-Abend – wird mit peinlichem Schweigen quittiert. Also beginnt Bobby Müller (Moritz Bleibtreu) aus seinem Leben und über die Unterschiede zwischen Männern und Frauen zu philosophieren. Diese Beichte kommt besser an.

Und zwar so gut, dass das Ein-Personen-Stück „Caveman“, auf dem Laura Lackmanns gleichnamige Verfilmung basiert, in Deutschland seit über zwanzig Jahren ständig aufgeführt wird. Seit seiner Premiere im Jahr 2000 wurden gut fünf Millionen Tickets verkauft. Es handelt sich um die deutsche Adaption von Rob Beckers Stück „Defending the Caveman“. Esther Schweins, die im Film einen Cameo-Auftritt hat, inszenierte die deutsche Fassung.

Becker schrieb das Stück. Zwischen 1988 und 1991 probierte er bei seinen Auftritten Teile aus. Seine Premiere hatte es 1991 in San Francisco. Anschließend trat Becker jahrelang mit dem Stück auf. Am Broadway wird es seit 1995 aufgeführt. Inzwischen wird seine Rolle von zahlreichen anderen Schauspielern gespielt. Es wurde in 25 Sprachen übersetzt, in über 55 Ländern aufgeführt und von über vierzehn Millionen Menschen gesehen. Irgendetwas hat Becker also richtig gemacht.

Was genau erschließt sich nicht wirklich aus der Verfilmung.

Sie ist nie besonders witzig, aber auch nie besonders peinlich, vulgär oder ärgerlich. Bobby erzählt sich durch sein Leben. Er erklärt den Unterschied zwischen Jägern und Sammlern und so, wie sich Männer von Frauen unterscheiden. Bobby glaubt, dass Männer Jäger und Frauen Sammler sind. Das war schon in der Steinzeit so – und ist heute immer noch so. Deshalb sammeln Frauen Tonnen von Kleidern und anderem Zeug, während Männer für den Kauf von einem neuen Hemd nur einige Sekunden benötigen und es dann ewig tragen. Die gewonnene Zeit verbringen sie mit ihrem besten Freund auf der Couch: schweigend, biertrinkend und irgendein Computerspiel spielend oder einen Film ansehend. Welcher echte Mann braucht da noch ein Hobby?

Einzelne Szenen kommentiert Bobby bereits im Bild. Andere sind, eher witzig gemeint als wirklich witzig, etwas übertrieben inszeniert. Und wieder andere, das gilt vor allem für Bobbys Begegnungen mit seinem imaginärem Steinzeit-Freund Caveman, könnten direkt aus einer längst vergessenen Sketch-Show stammen. Besonders witzig ist das nicht. Dafür sind die Witze insgesamt zu altbacken und zu harmlos. Alle hätten gut in eine dieser unzähligen Sketch-Shows wie „RTL Samstag Nacht“ gepasst. Die füllten bei den Privatsendern, beginnend in den neunziger Jahren, einige Jahre lang ganze Fernsehabende und ich fragte mich immer, wer so etwas witzig findet.

Für die Verfilmung wurde das Ein-Personen-Stück zum Ensemblestück ausgebaut, ohne an der Grundidee etwas zu ändern. Das ist, über dreißig Jahre nach seiner Premiere, immer noch die heile Welt, in der es Liebesärger nur zwischen Männer und Frauen gibt und gendern eine Option ist, auf die ein gestandener, in einem anonymen Reihenhaus lebender Jäger wie Bobby locker verzichten kann. Wahrscheinlich wüsste er noch nicht einmal, was das ist.

Dieser „Caveman“ ist eine dem gesellschaftlichem Diskurs mindestens zwanzig Jahre hinterherhinkende Comedy für den idealtypischen CDU-Wähler.

Im Theater – und das ist der entscheidende Unterschied zum Film – werden alle Rollen von einem Mann gespielt. Er kann spontan auf das Publikum reagieren, improvisieren und die einzelnen Beobachtungen müssen keine kohärente Filmhandlung ergeben. Sie funktionieren auch gut als reine Sammlung von zugespitzten Beobachtungen über das Verhalten von Männern und Frauen.

Caveman (Deutschland 2023)

Regie: Laura Lackmann

Drehbuch: Laura Lackmann (nach dem Solo-Theaterstück von Rob Becker)

mit Moritz Bleibtreu, Laura Tonke, Wotan Wilke Möhring, Martina Hill, Leni Riedel, Liane Forestieri, Jürgen Vogel, Thomas Hermanns, Esther Schweins, Alexandra Neldel

Länge: 100 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Caveman“

Moviepilot über „Caveman“

Wikipedia über „Caveman“