Neu im Kino/Filmkritik: Grüß Gott! Der „Beckenrand Sheriff“ will sein Freibad retten

September 14, 2021

In dem bayerischen Ort Grubberg soll das heruntergekommene städtische Freibad geschlossen werden. Auf der frei werdenden Fläche sollen noble Wohnungen entstehen. Bademeister Karl Kruse, der titelgebende „Beckenrand Sheriff“, der sich ein Leben außerhalb des Freibads nicht vorstellen kann, will das verhindern.

Ausgehend von dieser Prämisse entwirft Marcus H. Rosenmüller („Wer früher stirbt, ist länger tot“, „Sommer in Orange“) eine prominent besetzte, entspannt vor sich hin blödelnde Geschichte. In einer Abfolge von Sketchen werden alle wichtigen und aktuellen Themen angesprochen. Mal besser, mal schlechter, aber nie unter der Gürtellinie. So spielt Milan Peschel den betont grantigen, überaus peniblen Bademeister Karl Kruse, der darauf achtet, dass die Stühle millimetergenau ausgerichtet sind. Dimitri Abold spielt Sali, einen aus Nigeria kommenden Asylbewerber, der als Azubi zu ihm geschickt wird. Kruses in der Verwaltung arbeitende Schwester hofft so, Salis Abschiebung zu verhindern. Sali ist zwar willig, aber auch ein Nichtschwimmer. Das wäre kein großes Problem, wenn nicht die selbstverständlich hoffnungslos erfolglose Wasserball-Mannschaft einen Sieg bräuchte (Haben wir das nicht schon in einem Dutzend anderer Komödien gesehen?) und Sali ein begnadeter Ballfänger wäre. Also muss er schwimmen lernen.

Im Schwimmbad trifft er lange nachdem das Bad für den täglichen Publikumsverkehr geschlossen wurde, Lisa (Sarah Mahita). Die junge Schwimmerin war mal die große Olympiahoffnung des Dorfes. Bis eine seltsame, nie vollkommen geklärte Dopinggeschichte diese Karriere beendete. Jetzt trainiert sie heimlich nach Sonnenuntergang. Ihr Vater ist Albert Dengler (Sebastian Bezzel), der Mann, der auf dem Schwimmbadgelände Häuser bauen möchte.

Und so langsam finden sich die Menschen zusammen, die einerseits in herzlicher Abneigung miteinander verbunden sind, und andererseits nur gemeinsam das Freibad retten können.

Bei den Mitteln, die sie dafür einsetzen, und wie ihnen die Rettung gelingt, wird es dann immer wieder ärgerlich. Natürlich ist ein Spielfilm keine verfilmte Gemeinderatsordnung. Und natürlich können die Filmemacher sich beim Erzählen ihrer Geschichte jede künstlerische Freiheiten nehmen. Ärgerlich wird es allerdings dann, wenn man den Eindruck hat, das Wissen der Macher über die Kommunalpolitik erschöpft sich in einer Mischung aus Schlagzeilenlektüre und Stammtischgesprächen. Dabei hätten die realen Verfahren Stoff für mehr und bessere Verwicklungen und politische Winkelzüge geboten. So sammelt, um nur ein Beispiel zu nennen, Kruse irgendwann Unterschriften für den Erhalt des Freibads. Jeder, der schon einmal eine Unterschriftensammlung gemacht hat, weiß, wie schwierig die Formulierung der Forderung ist und wie sehr eine Verwaltung eine Sammlung vor, während und nach der Unterschriftensammlung blockieren kann. Zum Beispiel, indem sie Formulierungen nicht zulässt, die Prüfung endlos hinauszögert oder nur an bestimmten Orten sammeln lässt. All das bietet Stoff für wundervolle komödiantische Verwicklungen, die hier nicht genutzt werden, weil Kommunalpolitik auf nicht informiertem Stammtisch-Niveau behandelt wird.

Beckenrand Sheriff“ ist ein belangloser Bayern-Klamauk, der eine politische Satire hätte sein können.

Beckenrand Sheriff (Deutschland 2021)

Regie: Marcus H. Rosenmüller

Drehbuch: Marcus Pfeiffer

mit Milan Peschel, Dimitri Abold, Sebastian Bezzel, Rick Kavanian, Gisela Schneeberger, Johanna Wokalek, Sarah Mahita, Rocko Schamoni, Thomas Mraz, Frederick Linkemann

Länge: 114 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Filmportal über „Beckenrand Sheriff“

Moviepilot über „Beckenrand Sheriff“

Wikipedia über „Beckenrand Sheriff“


TV-Tipp für den 13. Februar: Kehraus

Februar 12, 2021

BR, 22.00

Kehraus (Deutschland 1983)

Regie: Hanns Christian Müller

Drehbuch: Hanns Christian Müller, Gerhard Polt, Carlo Fedier

Gabelstaplerfahrer Ferdinand Weitel will mehrere vollkommen unsinnige und hoffnungslov überteuerte Versicherungen, die er abgeschlossen hat, rückgängig machen. Bei seinem Besuch in der Versicherung und der Suche nach einem Verantwortlichen platzt er in die dortige Faschingsfeier.

Gerhard Polts Spielfilmdebüt ist „eine bundesdeutsche Komödie, die diesen Namen wirklich verdient (…) eine bitterböse Paraphrase auf mehrere bundesrepublikanische Einrichtungen und Typen.“ (Fischer Film Almanach 1984)

Kinostart war der 11. November, auch bekannt als Auftakt der närrischen Jahreszeit.

mit Gerhard Polt, Gisela Schneeberger, Nikolaus Paryla, Dieter Hildebrandt, Jochen Busse, Hans Gündther Martens, Karl Obermayr, Bruno Jonas

Wiederholung: Dienstag, 16. Februar, 3sat, 24.15 Uhr

Hinweise

Filmportal über „Kehraus“

Wikipedia über „Kehraus“


Neu im Kino/Filmkritik: „Wir sind die Neuen“ im Culture Clash

Juli 17, 2014

Nachdem Anne wegen Eigenbedarf (die Tochter der Vermieterin studiert) aus ihrer Wohnung fliegt, hat sie eine Idee: Zurück in die Vergangenheit! Sie will wieder mit ihren alten WG-Genossen aus Studientagen zusammenziehen. Macho Eddi und Softie Johannes sind nach kurzem Zögern dabei und als sie in ihre alte WG einziehen, erleben die drei Sixty-Somethings ihr blaues Wunder. Die drei über ihnen wohnenden Studierenden sind wahre Spießer, die nur an ihren Studienabschluss, Ehe und Karriere denken. Sie sind jetzt schon angepasster als Anne, Eddie und Johannes es jemals sein werden.
In seinem neuen Film „Wir sind die Neuen“ zelebriert Ralf Westhoff (Shoppen, Der letzte schöne Herbsttag) das Aufeinandertreffen der Generationen mit Gisela Schneeberger, Heiner Lauterbach und Michael Wittenborn als den junggebliebenen Alten und Claudia Eisinger, Karoline Schuch und Patrick Güldenberg als den erschreckend alten Jungen, die sich zunächst mit herrlich gemeinen Sätzen bekämpfen, ehe die Fassade der Jungen bröckelt. Wobei auch bei den Alten in ihrer Zweckgemeinschaft nicht alles in Ordnung ist. Aber sie nehmen ihr Schicksal in die Hand, feiern, haben Lust auf Neues und sie haben auch die besseren Pointen gegenüber den blassen Jungen, die schon bei den kleinsten Problemen überfordert sind.
Dass die Komödie dabei die Ästhetik eines TV-Films hat, kann man da verzeihen.

Wir sind die Neuen - Plakat

Wir sind die Neuen (Deutschland 2014)
Regie: Ralf Westhoff
Drehbuch: Ralf Westhoff
mit Gisela Schneeberger, Heiner Lauterbach, Michael Wittenborn, Claudia Eisinger, Karoline Schuch, Patrick Güldenberg, Julia Koschitz, Gustav Peter Wöhler
Länge: 92 Minuten
FSK: ab 0 Jahre

Hinweise
Homepage zum Film
Film-Zeit über „Wir sind die Neuen“
Moviepilot über „Wir sind die Neuen“


Neu im Kino/Filmkritik: Gerhart Polt ruft „…und Äktschn!“

Februar 6, 2014

Muss nicht sein. Wirklich.

Denn Gerhart Polts neue Komödie ist erschreckend unwitzig und altbacken. Polt spielt den hochverschuldeten Hobbyfilmer Hans A. Pospiech, der ein von seiner Bank ausgelobtes Preisgeld erhalten will. Dafür dreht er einen Film über Adolf Hitler, in dem er ihn als Menschen zeigen will – und wir bekommen einen Einblick in ein bayerisches Dorfbiotop, Probleme beim Dreh, die alltägliche Hitler-Verehrung und den schwunghaften Handel mit Nazi-Devotalien. Letzteres gab es schon wesentlich gelungener 1992 in „Schtonk!“, Helmut Dietls Satire über die Veröffentlichung der Hitler-Tagebücher im Magazin „Stern“.

Der restliche Film ist ein einziger Kladderadatsch, mit einigen wenigen treffenden und bitterbösen Beobachtungen des Provinzlebens, der deutschen Vergangenheit und ihrer Bewältigung, viel Leerlauf und dem Gefühl, dass hier ein allererster Rohschnitt eines 25 Jahre alten Films, bei dem Vorne und Hinten nichts stimmt, gezeigt wird.

Einfach nur enttäuschend.

Vor allem weil wir hier nicht über den Debütfilm irgendeines austauschbaren, ambitioniertem Nachwuchshumoristen, der sich für furchtbar witzig hält, sondern über das neue Werk von Gerhard Polt reden, der als bitterböser und genau beobachtender Kabarettist seit Jahrzehnten bekannt ist, der mit „Fast wia im richtigen Leben“ (ab 1979 im TV) und den Kinofilmen „Kehraus“ (1983), „Man spricht Deutsch“ (1988) und „Herr Ober!“ (1991; schon schwächer) herrliche Vermessungen des deutschen Wesens lieferte. Diese Werke sollte man sich mal wieder ansehen.

Und Äktschn - Plakat

…und Äktschn! (Österreich/Deutschland 2013)

Regie: Frederick Baker

Drehbuch: Gerhard Polt, Frederick Baker

mit Gerhart Polt, Gisela Schneeberger, Maximilian Brückner, Robert Meyer, Nikolaus Paryla, Michael Ostrowski, Olaf Krätke, Victor Giacobbo

Länge: 99 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Film-Zeit über „…und Äktschn!“

Moviepilot über „…und Äktschn!“

Wikipedia über „…und Äktschn!“

Zur Versöhnung: ein Blick in die Vergangenheit


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