Neu im Kino/Filmkritik: Kevin Costner hat „3 Days to kill“ in Paris

Mai 9, 2014

Warum sollte bei Kevin Costner nicht das funktionieren, was Luc Besson mit Liam Neeson gelang? Einen älteren Schauspieler zu einem veritablen Actionhelden ummodeln? Nun, dafür gibt es drei Gründe: das Drehbuch, der Regisseur und die Actionszenen. Denn „3 Days to kill“ kommt dem Ideal eines Actionfilms ohne Action erstaunlich nahe. Dafür sehen wir Kevin Costner auf einem Fahrrad durch Paris radeln.
Aber beginnen wir am Anfang: Kevin Costner spielt Ethan Renner, einen US-Geheimagenten. Sein neuester Auftrag führt ihn nach Belgrad. Dort soll er den „Wolf“, den gefährlichsten Terroristen der Welt, dessen Gesicht niemand kennt, und dessen rechte Hand, den „Albino“, bei einem Waffendeal ausschalten. Der Auftrag geht gründlich schief, sein Team wird dezimiert und weil Renner während der Verfolgung des Albinos hustend zusammenbricht, wird er von einem Arzt untersucht, der ihm sagt, dass er einen Gehirntumor habe und innerhalb der nächsten drei bis fünf Monate sterben werde.
Renner, für den der Beruf immer an erster Stelle stand, will sich jetzt mit seiner Ex-Frau (Connie Nielsen) und seiner Tochter (Hailee Steinfeld), die in Paris leben, versöhnen.
Ehe er so richtig mit der Familienzusammenführung beginnen kann, bietet die geheimnisvolle CIA-Agentin Vivi Delay (Amber Heard im Femme-Fatale-Modus) ihm ein Heilmittel an. Er muss dafür in den nächsten drei Tagen nur einige Morde begehen, wobei er auch seine Scharte in Belgrad ausbügeln kann. Denn „Der Wolf“ und „Der Albino“, stehen auch auf dieser Liste.
Wen er umbringen soll, sagt ihm Vivi immer sehr kurzfristig. Was natürlich zu ständigen Konflikten mit seiner Frau und seiner Tochter, die beide nichts davon erfahren sollen, führt. Außerdem hat er von Vivi ein Medikament erhalten hat, das in den ungünstigsten Momenten zu Bewusstseinstrübungen führt,
„Der Wolf“. „Der Albino“. Nein, das ist definitiv nicht die Geheimagentenwelt von John le Carré. Es ist auch nicht die Geheimagentenwelt von Ian Fleming. Das ist die Welt des Pulps, des fröhlichen Trashes, der keine Gedanken an Wahrscheinlichkeit und Logik opfert. Was okay wäre, wenn die Geschichte wenigstens in sich schlüssig wäre. Aber „3 Days to kill“ klatscht einfach einen Thriller an ein Familiendrama und tut so, als handele es sich um zwei vollkommen verschiedene Filme. Das funktioniert nie, aber spätestens nach dieser Szene ist das gedankenlos zusammengeschusterte Drehbuch nur noch ärgerlich: Renner bringt in einer der raren Actionszenen des Films in einem Besson-hektisch geschnittenem Faustkampf einen auf ihn angesetzten Killer um und findet bei ihm Bilder von seiner Frau und seiner Tochter. Anstatt jetzt seine Liebsten in Sicherheit zu bringen, bringt er seiner Tochter erst einmal das Fahrradfahren bei, während wir gerade vor Ärger die vordere Stuhlreihe auffressen.
So gemacht, stehen sich Thriller und Familiendrama ständig im Weg. Dass das Familiendrama dann auch noch eines der banalen Art ist, hilft nicht.
Garniert wird diese Verbindung mit etwas klamaukigem Witz. Denn selbstverständlich ruft das Töchterchen ihren Vater immer in den unpassendsten Momenten an, gerät in dumme Situationen und selbstverständlich lässt Daddy sich in Erziehungsfragen von einem Verbrecher, dem glücklich verheirateten Buchhalter des Terroristen, beraten, den der davor und danach verprügelt.
Die Actionszenen sind durchgängig Post-Action-Szenen. Entweder gibt es viel Wackelkamera und genug Schnitte, um auch einen asthamatischen Großvater zu einem Bruce-Lee-Verschnitt zu machen, oder es gibt die schönen Vorher-Nachher-Szenen, in denen wir zuerst einen Raum voller Bösewichter sehen und Sekunden später einen Raum voller toter Bösewichter mit einem Kevin Costner in der Mitte, der für die Leichen verantwortlich ist, aber keine Falte in seiner Jeans hat. Das ist beim ersten Mal witzig. Schon beim zweiten Mal verpufft der Witz.
Regisseur von diesem cineastischem Zugunglück ist McG. Genau der McG, der die beiden „3 Engel für Charlie“-Filme und „Terminator: Die Erlösung“ (Terminator: Salvation) ruinierte. Da wird „3 Days to kill“ zu seinem bislang besten Werk. Denn die Familienszenen sind gar nicht so schlecht inszeniert. Da verlässt er sich auf Kevin Costner, Connie Nielsen und Hailee Steinfeld, die alle viel zu gut für diesen Film sind.
Und die Aufnahmen von Paris sind schön, weil Paris eine schöne Stadt ist.
Nein, so wird das nichts mit Kevin Costner als Action-Helden. Dabei überzeugte er kürzlich in „Jack Ryan: Shadow Recruit“ und in zahlreichen Western, wie dem immer noch unterschätzten „Open Range“,zeigte er, dass er Action kann. Auch in dem Thriller „No Way Out“ machte er eine gute Figur. Er braucht allerdings einen Regisseur, der ihn als letzten Cowboy inszenieren kann. McG ist dafür eindeutig der falsche Mann.

3 Days To Kil - Plakat

3 Days to kill (3 Days to kill, USA/Frankreich 2014)
Regie: McG
Drehbuch: Luc Besson, Adi Hasak
mit Kevin Costner, Amber Heard, Hailee Steinfeld, Connie Nielsen, Tómas Lemarquis, Richard Sammel, Marc Andréoni, Bruno Ricci
Länge: 116 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Englische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „3 Days to kill“
Moviepilot über „3 Days to kill“
Metacritic über „3 Days to kill“
Rotten Tomatoes über „3 Days to kill“
Wikipedia über „3 Days to kill“ (englisch, französisch)


Neu im Kino/Filmkritik: Die Orson-Scott-Card-Verfilmung „Ender’s Game – Das große Spiel“

Oktober 24, 2013

Für alle Fans von Orson Scott Cards Science-Fiction-Klassiker „Ender’s Game“, der bei uns als „Enders Spiel“ erschien, ist die Verfilmung die gelungene Mainstream-Variante des Romans, mit den üblichen Veränderungen und Aktualisierungen.

Cards vielschichtiger Roman erschien 1985, eroberte sofort die Herzen der Leser und erhielt den Hugo- und Nebula-Award, zwei prestigeträchtige Science-Fiction-Preise. In seinem Debütroman erzählt er die Geschichte des jungen Ender Wiggins, der in einer Militärschule ausgebildet wird, um der Anführer der Menschheit gegen außerirdische Invasoren, die Krabbler (bzw. Formics oder Schaben), zu werden.

Im Roman ist Ender am Anfang sechs Jahre, am Ende elf Jahre, und das Militär manipuliert ihn und sein Leben schamlos für die große Schlacht. Der Kalte Krieg ist als Subtext der Geschichte offensichtlich; auch in der von Scott 1991 überarbeiteten Fassung. Außerdem hat das Militär wegen des seit Jahrzehnten drohenden Angriffs der Aliens die totale Macht über die Menschen, die gegen den übermächtigen Feind einen fragilen Burgfrieden schlossen.

Der Südafrikaner Gavin Hood, der nach seinem Drehbuch den Film inszenierte, konzentrierte sich auf den Hauptplot des gut fünfhundertseitigen Romans und ließ den im Film zwölfjährigen Ender von dem 1997 geborenen Asa Butterfield („Hugo Cabret“) spielen. So werden aus den Kindersoldaten des Romans sehr junge Erwachsene, die kaum jünger als die Soldaten in westlichen Demokratien sind, die in Auslandseinsätzen die Demokratie verteidigen dürfen. Diese Änderung, die aus filmischer Sicht absolut nachvollziehbar ist, verharmlost allerdings auch die inhumanen Taten der Erwachsenen ungemein. Davon abgesehen ist Ender im Film, wie im Buch, der jüngste und talentierteste Soldat in der Raumstation. Er ist ein geborener Führer und überragender Stratege.

Hood, der mit „Tsotsi“ und „Machtlos“ explizit politische Filme drehte, lässt in seinem neuen Film den politischen Hintergrund des Kalten Krieges weg, ohne ihn durch einen offenkundigen anderen politischen Hintergrund zu ersetzen. Beispielsweise und durchaus möglich als zeitgemäßes Update von Cards Roman wären das Kindersoldaten in Afrika, die gesellschaftliche Situation in Südafrika, der Kampf des Westens gegen den islamistischen Terrorismus oder der Einsatz von Drohnen, die aus weitab vom Kampfgebiet liegenden Einsatzzentralen gesteuert werden. So wird die Geschichte von „Enders Spiel“ zu einem Science-Fiction-Abenteuerfilm, in dem die militärische Ausbildung ein tolles Abenteuer mit harten, aber gerechten Ausbildern ist und Freundschaften fürs Leben geschlossen werden. Für den Film wurde Enders große Prüfung, die im Buch nur knappe sechs Seiten umfasst, erweitert, ohne – weil Ender den Kampf an einem Computerdisplay dirigiert – besonders packend zu sein. Es sind einfach Raumschiffe, die gegen andere Raumschiffe kämpfen – und weil wir weder die menschliche Besatzung noch die schabenartigen Gegner kennen oder sehen, können wir nur die Leistung des Feldherrn bewundern, der bedenkenlos Raumschiffe für das Kriegsziel opfert. Allerdings verwendet Hood wesentlich weniger Zeit als Card auf das Erklären der verschiedenen taktischen Züge in den von Ender gewonnenen Spielen, die als Teil von Enders detailliert geschilderter Ausbildung natürlich wichtig sind, um sein Feldherrentalent zu begreifen.

Im Film rückt dagegen die fast schon freundschaftliche Beziehung von Ender zu seinen Ausbildern Oberst Hyrum Graff (Harrison Ford) und Mazer Rackham (Ben Kingsley) und zu den anderen Soldaten stärker in den Mittelpunkt. So ist Enders rechte Hand Bean (Aramis Knight; seine Geschichte erzählt Orson Scott Card in „Enders Schatten“) von Anfang an in Enders Truppe. Das und auch die anderen Veränderungen gegenüber dem Roman sind alles kluge Entscheidungen, die der Filmgeschichte dienen.

Die im Buch gestellten moralischen Fragen, vor allem natürlich ob der Zweck die Mittel heiligt, sind immer noch vorhanden und so regt der Science-Fiction-Film „Ender’s Game“ auch zum Nachdenken an. Obwohl die moralischen Fragen und politischen Ansichten des Romans für ein weltweites Publikum so lange weichgespült wurden, bis sie in einem politischen Vakuum spielen.

Ender s Game - Plakat

Ender’s Game – Das große Spiel (Ender’s Game, USA 2013)

Regie: Gavin Hood

Drehbuch: Gavin Hood

LV: Orson Scott Card: Ender’s Game, 1985 (Das große Spiel, Enders Spiel)

mit Asa Butterfield, Harrison Ford, Ben Kingsley, Abigail Breslin, Hailee Steinfeld, Moises Arias, Viola Davis, Nonso Anozie, Aramis Knight

Länge: 114 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Die Vorlage

Card - Enders Spiel - 2

Orson Scott Card: Enders Spiel

(übersetzt von Karl-Ulrich Burgdorf)

Heyne, 2012

464 Seiten

8,99 Euro

Originalausgabe

Ender’s Game

Tor, 1985

(1991 erschien eine vom Autor leicht überarbeitete Ausgabe)

Frühere deutsche Ausgaben als „Das große Spiel“ und, als Doppelband mit dem zweiten Ender-Roman, als „Ender“.

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Ender’s Game – Das große Spiel“

Moviepilot über „Ender’s Game – Das große Spiel“

Metacritic über „Ender’s Game – Das große Spiel“

Rotten Tomatoes über „Ender’s Game – Das große Spiel“

Wikipedia über „Ender’s Game – Das große Spiel“ (deutsch, englisch)

Homepage von Orson Scott Card

Phantastik-Couch über Orson Scott Card

Wikipedia über Orson Scott Card (deutsch, englisch)

Epilog: Interview mit Orson Scott Card (2004)

Meine Besprechung von Orson Scott Card (Projektleitung)/Christopher Yost (Skript)/Pasqual Ferrys (Zeichnungen) „Ender’s Game – Das große Spiel (Band 1)“ (Ender’s Game: Battle School 1 – 5, 2009)