Neu im Kino/Filmkritik: „’Das Haus‘ mag mich nicht.“

Oktober 10, 2021

2029 könnten in Deutschland die nächsten Wahlen den Aufstieg eines faschistisch-totalitären Regimes endgültig besiegeln. Journalist Jonas Hellström (Tobias Moretti) bekommt die Folgen schon vor der Wahl zu spüren. Ihm werden – zu Unrecht – Recherchefehler vorgeworfen. Er erhält ein Schreibverbot und wird beurlaubt.

Zusammen mit seiner Frau Lucia (Valery Tscheplanowa), einer Anwältin, begibt er sich auf eine malerisch gelegene Insel. Dort steht ihr vollautomatisches Haus. Dieses Smarthome bestellt selbstständig Lebensmittel, sorgt für die richtige Temperatur und nimmt seinen Bewohnern fast alles ab. Deshalb reguliert man, wenn nötig, beim Duschen die Wassertemperatur verbal und sagt, immer wieder, „Tür auf“ und „Tür zu“, anstatt selbst die Tür zu öffnen. Johann und Lucia genießen die Zwangspause und ärgern sich über die Eigenheiten des Hauses. Denn es funktioniert nicht immer hunderprozentig fehlerfrei. Lucia vermutet sogar, dass das Haus sie nicht möge. Währenddessen ruft Jonas den Techniker an.

In der Filmmitte tauchen dann zwei polizeilich gesuchten Linksterroristen bei ihnen auf. Sie sollen einen Anschlag verübt haben; können aber beweisen, dass sie zur Tatzeit an einem anderen Ort waren. Lucia ist ihre Anwältin und auch irgendwie in die Pläne der Terroristen eingeweiht. Jetzt will sie sie ins sichere Ausland bringen.

Das Haus“ sieht wie die erste Fassung einer halbwegs strukturierten Ideensammlung aus. Viele aktuelle Themen werden angesprochen. Aktuelle Entwicklungen werden in die Zukunft extropliert. Aber alles bleibt skizzenhaft. Potentielle Konflikte existieren nur auf dem Papier. Die Dialoge sind fast durchgägngig Erste-Fassung-Platzhalter, die später durch bessere Dialoge ersetzt werden. Nicht in diesem Fall.

Und so ist „Das Haus“ ein gut aussehender, gut besetzter, an einer interessanten Location spielender Film, bei dem unklar ist, um was es eigentlich geht. Um ein durchgeknalltes Haus? Um eine Warnung vor dem Faschismus? Um eine Erörterung über den Ethos des Journalismus? Um eine Diskussion über die verschiedenen Formen des Widerstandes? Um eine auf der Kippe stehende Ehe? Immerhin hat Lucia in ihrem Haus ihren Mann mit seinem Chef betrogen. Das alles sprechen Rick Ostermann (Regie, Drehbuch) und Patrick Brunken (Drehbuch) in ihrer Verfilmung einer Geschichte von Dirk Kurbjuweit an. Kurbjuweit leitet das „Spiegel“-Hauptstadtbüro. Seine Kurzgeschichte erschien in „2029 – Geschichten von Morgen“. Aus diesem Sammelband verfilmte Maria Schrader bereits, äußerst gelungen, Emma Braslavskys Geschichte „Ich bin dein Mensch“. Ihr Film erhielt zahlriche Deutschten Filmpreise, unter anderem den als Bester Film, und er ist die deutsche Nominierung für den Auslands-Oscar.

Das wir mit „Das Haus“ nicht passieren. Denn während „Ich bin dein Mensch“ sich auf einen Konflikt und eine Frage (Sind Roboter Menschen?) konzentriert, spricht „Das Haus“ viele aktuelle Themen an, entscheidet sich für keines, bleibt daher notgedrungen immer an der Oberfläche und ohne einen eindeutigen Fokus. Dabei hätte ein rachsüchtiges Haus und ein zerstrittenes Ehepaar, das sich gegen das Haus wehren muss, doch mühelos für einen abendfüllenden, gerne schwarzhumorigen, Horrorfilm gereicht.

Wegen Tobias Moretti und dem titelgebendem Traumhaus kann man sich den Film irgendwann einmal im Fernsehen ansehen. Er sieht wie der ambitionierte TV-Film-der-Woche aus, bei dem der Drehbuchautor streikte.

Das Haus (Deutschland 2021)

Regie: Rick Ostermann

Buch: Rick Ostermann, Patrick Brunken

LV: Dirk Kurbjuweit: Das Haus, 2019 (in „2029 – Geschichten von Morgen“)

mit Tobias Moretti, Valery Tscheplanowa, Lisa Vicari, Max von der Groeben, Hans-Jochen Wagner, Samir Fuchs, Daniel Krauss, Alexander Wipprecht

Länge: 92 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Das Haus“

Moviepilot über „Das Haus“

Wikipedia über „Das Haus“

Meine Besprechung von Rick Ostermanns „Wolfskinder“ (Deutschland 2013)


Neu im Kino/Filmkritik: Elektrisiert „Electric Girl“?

Juli 12, 2019

Als die 23-jährige Mia den Job als Synchronsprecherin der Anime-Superheldin Kimiko erhält, ist sie im siebten Himmel. Denn Kimiko kämpft über mehrere Staffeln gegen Bösewichter und rettet Menschen. Mit dieser sich über Monate und Jahre hinziehenden Arbeit könnte die Poetry-Slammerin ihre Arbeit als Bedienung in einer abgewrackten Szene-Kneipe aufgeben.

Während sie sich auf die Rolle vorbereitet, identifiziert sie sich zunehmend mit Kimiko. Sie hält sich ebenfalls für eine Superheldin. Sie kann ebenfalls Elektrizität sehen und sie rettet ebenfalls Menschen. Sie glaubt auch, dass die Bösewichter, die in dem Anime die Welt übernehmen wollen, auch in der tristen bundesdeutschen Realität die Welt übernehmen wollen.

In dem Moment hat Mia mit ihrem seltsamen Verhalten schon etliche Menschen verstört. Denn es ist unklar, ob sie in einer manischen Phase ist und dringend eine ärztliche Behandlung benötigt oder, immerhin ist „Electric Girl“ ein Spielfilm, sie Kimikos Wiedergängerin im tristen Hamburg ist. Dann wäre sie eine Superheldin, die tut, was Superhelden in Comics und Filmen tun.

Electric Girl“ ist der neue Spielfilm von Ziska Riemann. „Lollipop Monster“ war 2011 ihr erster Film. Ihr nächster Film „Get Lucky“ läuft am 26. September in unseren Kinos an. Er ist als „Die erste unzensierte Teenie-Komödie über das erste Mal“ angekündigt. Daneben ist sie auch als Musikerin und vor allem als Comiczeichnerin bekannt. Mit Gerhard Seyfried veröffentlichte sie mehrere Comics.

Comicteile gibt es auch in „Electric Girl“. Kimikos Geschichte basiert auf einem Manga. Es gibt größere animierte Ausschnitte aus der fiktiven Animeserie, Und wie Mia mit ihren Synchrontexten in Kimikos Welt eintaucht, taucht Ziska Riemann in Mias Welt ein. Als Zuschauer soll man hundertprozentig ihre Perspektive übernehmen. Ihre zunehmend wahnhafte Überidentifikation mit Kimiko soll so erfahrbar werden.

Das gelingt nicht. Riemann fügt immer wieder objektivierende Szenen ein. Andere Figuren äußern ihr Unverständnis über Mias Handlungen. Es sind Handlungen, die von nett über nervig verpeilt zunehmend die Grenze zur Gefährdung anderer Menschen überschreiten. Zum Beispiel als sie ihre Eltern besucht und dabei ihrem Vater begegnet. Sie tut Dinge, die man oft nicht versteht und vor allem nicht gutheißen kann. In diesen Momenten betrachtet man die Protagonistin aus einer distanzierten Beobachterperspektive als klinischen Fall.

Allerdings ist und will „Electric Girl“ keine klinische Studie sein, die wahnhaftes Verhalten ernsthaft diskutiert. Man soll ja Mias Wahn miterleben, wie man einen Rausch erlebt. In einem Rausch hört man nicht auf Bedenkenträger und ist auch nicht an einer objektiven Analyse interessiert.

Zwischen diesen beiden Erzählhaltungen schwankend, garniert mit einer beliebig austauschbaren Superheldengeschichte (Mia hätte auch die Sesamstraße synchronisieren können), setzt sich „Electric Girl“ unglücklich zwischen die Stühle.

Wie es anders geht zeigt David Fincher in seiner grandiosen Chuck-Palahniuk-Verfilmung „Fight Club“. Von der Qualität dieses Klassikers ist „Electric Girl“ meilenweit entfernt.

Electric Girl (Deutschland 2018)

Regie: Ziska Riemann

Drehbuch: Dagmar Gabler, Angela Christlieb, Ziska Riemann, Luci van Org

mit Victoria Schulz, Hans-Jochen Wagner, Svenja Jung, Björn von der Wellen, Irene Kugler, Victor Hildebrand, Oona von Maydell

Länge: 89 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Electric Girl“

Moviepilot über „Electric Girl“

 


TV-Tipp für den 26. März: Nachtschicht: Wir sind alle keine Engel

März 26, 2016

ZDFneo, 23.15
Nachtschicht: Wir sind alle keine Engel (Deutschland 2014, Regie: Lars Becker)
Drehbuch: Lars Becker
Während der „Ab-in-die-Wüste-Schlussmacherwoche” eines Radiosenders macht Pizza-Bote Mufti via Radio und Moderatorin, die seine Freundin Sharronda über die Trennung informieren soll, mit ihr Schluß. Sharronda flippt aus, überfällt den Blumenladen, in dem sie arbeitete, und das krisenerprobte Team vom Kriminaldauerdienst hat eine neue arbeitsreiche Nacht vor sich.
Denn nachdem die Geiselnahme beendet ist, wird Mufti von einem maskierten Mann auf offener Straße erschossen und Sharrondas Brüder Dexter und Gordon, zwei Schläger mit Nazi-Vergangenheit, haben die Tat gesehen.
Gewohnt kurzweiliger, top besetzter „Nachtschicht“-Krimi mit absurden Situationen und viel Wortwitz. Dieses Mal, wegen des Radiosenders, der eine wichtige Rolle hat, sogar mit vielen bekannten Rocksongs.
mit Armin Rohde, Barbara Auer, Minh-Khai Phan-Thi, Christoph Letkowski, Özgür Karadeniz, Alina Levshin, Katrin Bauerfeind, Clemens Schick, Margarita Broich, Tristan Seith, Edin Hasanovic, Chiara Schoras, Hans Jochen Wagner, Kida Khodr Ramadan
Hinweise

ZDF über „Nachtschicht: Wir sind alle keine Engel“

Wikipedia über „Nachtschicht“

Lexikon der deutschen Krimi-Autoren über Lars Becker

Lars Becker in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 30. April: Nachtschicht: Wir sind alle keine Engel

April 30, 2015

Wer am Montag keine Zeit hatte

ZDFneo, 20.15
Nachtschicht: Wir sind alle keine Engel (Deutschland 2014, Regie: Lars Becker)
Drehbuch: Lars Becker
Während der „Ab-in-die-Wüste-Schlussmacherwoche” eines Radiosenders macht Pizza-Bote Mufti via Radio und Moderatorin, die seine Freundin Sharronda über die Trennung informieren soll, mit ihr Schluß. Sharronda flippt aus, überfällt den Blumenladen, in dem sie arbeitete, und das krisenerprobte Team vom Kriminaldauerdienst hat eine neue arbeitsreiche Nacht vor sich.
Denn nachdem die Geiselnahme beendet ist, wird Mufti von einem maskierten Mann auf offener Straße erschossen und Sharrondas Brüder Dexter und Gordon, zwei Schläger mit Nazi-Vergangenheit, haben die Tat gesehen.
Gewohnt kurzweiliger, top besetzter „Nachtschicht“-Krimi mit absurden Situationen und viel Wortwitz. Dieses Mal, wegen des Radiosenders, der eine wichtige Rolle hat, sogar mit vielen bekannten Rocksongs.
mit Armin Rohde, Barbara Auer, Minh-Khai Phan-Thi, Christoph Letkowski, Özgür Karadeniz, Alina Levshin, Katrin Bauerfeind, Clemens Schick, Margarita Broich, Tristan Seith, Edin Hasanovic, Chiara Schoras, Hans Jochen Wagner, Kida Khodr Ramadan
Hinweise

ZDF über „Nachtschicht: Wir sind alle keine Engel“

Wikipedia über „Nachtschicht“

Lexikon der deutschen Krimi-Autoren über Lars Becker

Lars Becker in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 27. April: Nachtschicht: Wir sind alle keine Engel

April 27, 2015

ZDF, 20.15
Nachtschicht: Wir sind alle keine Engel (Deutschland 2014, Regie: Lars Becker)
Drehbuch: Lars Becker
Während der „Ab-in-die-Wüste-Schlussmacherwoche“ eines Radiosenders macht Pizza-Bote Mufti via Radio und Moderatorin, die seine Freundin Sharronda über die Trennung informieren soll, mit ihr Schluß. Sharronda flippt aus, überfällt den Blumenladen, in dem sie arbeitete, und das krisenerprobte Team vom Kriminaldauerdienst hat eine neue arbeitsreiche Nacht vor sich.
Denn nachdem die Geiselnahme beendet ist, wird Mufti von einem maskierten Mann auf offener Straße erschossen und Sharrondas Brüder Dexter und Gordon, zwei Schläger mit Nazi-Vergangenheit, haben die Tat gesehen.
Gewohnt kurzweiliger, top besetzter „Nachtschicht“-Krimi mit absurden Situationen und viel Wortwitz. Dieses Mal, wegen des Radiosenders, der eine wichtige Rolle hat, sogar mit vielen bekannten Rocksongs.
mit Armin Rohde, Barbara Auer, Minh-Khai Phan-Thi, Christoph Letkowski, Özgür Karadeniz, Alina Levshin, Katrin Bauerfeind, Clemens Schick, Margarita Broich, Tristan Seith, Edin Hasanovic, Chiara Schoras, Hans Jochen Wagner, Kida Khodr Ramadan
Wiederholung: ZDFneo, Donnerstag, 30. April, 20.15 Uhr

Hinweise

ZDF über „Nachtschicht: Wir sind alle keine Engel“

Wikipedia über „Nachtschicht“

Lexikon der deutschen Krimi-Autoren über Lars Becker

Lars Becker in der Kriminalakte


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