Endlich übersetzt: „Ich töte lieber sanft“ von George V. Higgins

September 18, 2013

Higgins - Ich töte lieber sanft

Als vor einem guten Jahr „Killing them softly“ von Andrew Dominik mit Brad Pitt und dem kürzlich verstorbenen James Gandolfini in unseren Kinos anlief, hatte ich eigentlich mit einer Veröffentlichung der Vorlage, dem Gangsterkrimi „Cogan’s Trade“ gerechnet. Aber die erschien, obwohl Hoffman & Campe 1973 George V. Higgins‘ Debütroman und Goldmann in den Neunzigern einige Bücher des produktiven Schriftstellers veröffentlichte, erst jetzt auf Deutsch.

In dem Roman wird Troubleshooter Jackie Cogan von der Bostoner Mafia beauftragt, herauszufinden, wer eine illegale Pokerrunde überfallen hat. Schnell verdächtigt er zwei nicht besonders intelligente Kleingangster. Aber er will auch Mark Trattman, dem Organisator der Pokerrunde, einen Denkzettel verpassen. Denn der hatte in der Vergangenheit einen Überfall auf seine Pokerrunde inszeniert, später damit geprahlt und damals keine Quittung für sein Fehlverhalten bekommen.

„Ich töte lieber sanft“ erschien in den USA bereits 1974 und George V. Higgins, der mit seinem ersten Roman „Die Freunde von Eddie Coyle/Hübscher Abend bis jetzt“ (The Friends of Eddie Coyle, 1971) einen Kriminalromanklassiker, Unterabteilung Gangsterkrimi, schuf, weil er ein ungeschöntes Bild des Kleingangstertums zeichnete und die Dialoge sich wie Abhörprotokolle lasen. Dieses Ohr für den Slang der Verbrecher hatte er vorher als Anwalt und Staatsanwalt in Boston geschärft. Das war eine Sprechweise, die teilweise auch von US-Amerikanern kaum verstanden wurde und es den Übersetzern nicht leicht macht. Außerdem entfaltet sich die Geschichte nicht in den Taten der Verbrecher, sondern in ihren Gesprächen darüber.

Auch Higgins’ dritter Roman „Ich töte lieber sanft“ besteht fast nur aus Dialogen. Über Seiten reden die Gangster ohne Punkt und Komma. Die Gespräche kreisen oft, mit Wiederholungen, um sich selbst. Oft ist lange Zeit nicht klar, wo das Gespräch hinführen soll. Gerade das macht den Roman einerseits mühsam zu lesen (Oh man, warum geht die Story nicht im Richard-Stark-Tempo weiter?), aber auch faszinierend (Uh, das ist die Wirklichkeit.). Higgins’ erste Romane, vor allem sein Debüt, wurde von der Kritik abgefeiert und auch heute noch zählt er zu den Innovatoren des Genres, die von angloamerikanischen Krimifans geachtet werden. Der kürzlich verstorbene Elmore Leonard änderte danach seinen Schreibstil und er wurde nicht müde, Higgins’ stilistischen Einfluss auf sein Werk zu betonen. Quentin Tarantinos Endlosdialoge sind ebenfalls von Higgins beeinflusst.

Und mit der Übersetzung von „Cogan’s Trade“ als „Ich töte lieber sanft“ wird vielleicht eine kleine Wiederentdeckung von George V. Higgins bei uns eingeleitet.

Denn der Verlag Antje Kunstmann plant weitere Übersetzungen. Für Januar ist „Die Freunde von Eddie Coyle“ angekündigt. Ebenfalls übersetzt von Dirk van Gunsteren.

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George V. Higgins: Ich töte lieber sanft

(übersetzt von Dirk van Gunsteren)

Verlag Antje Kunstmann, 2013

240 Seiten

14,95 Euro

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Originalausgabe

Cogan’s Trade

Alfred A. Knopf, 1974

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Neuausgabe, zum Filmstart, als „Killing them softly“

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Verfilmung

Killing them softly (Killing them softly, USA 2012)

Regie: Andrew Dominik

Drehbuch: Andrew Dominik

LV: George V. Higgins: Cogan’s Trade, 1974 (Neuauflage als „Killing them softly“, keine deutsche Übersetzung)

mit Brad Pitt, James Gandolfini, Ray Liotta, Richard Jenkins, Scoot McNairy, Ben Mendelsohn, Vincent Curatola, Trevor Long, Max Casella, Sam Shepard

Länge: 104 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

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Hinweise

Fantastic Fiction über George V. Higgins

Krimi-Couch über George V. Higgins

Wikipedia über George V. Higgins (deutsch, englisch)

New York Times über George V. Higgins

Mulholland Books: Brian Greene über George V. Higgins

Elmore Leonard über George V. Higgins

Weekly Lizard: Justin Peacock über George V. Higgins und das Must-Read-Book “The Friends of Eddie Coyle”

National Post: Robert Fulford über George V. Higgins

Meine Besprechung von Andrew Dominiks „Killing them softly“ (Killing the softly, USA 2012)


TV-Tipp für den 8. September: Die Entführung der U-Bahn Pelham 123

September 8, 2013

Pro7, 20.15

Die Entführung der U-Bahn Pelham 123 (The Taking of Pelham 123, USA 2009)

Regie: Tony Scott

Drehbuch: Brian Helgeland

LV: John Godey: The Taking of Pelham One Two Three, 1973 (Abfahrt Pelham 1 Uhr 23)

In New York nehmen Gangster die Passagiere einer U-Bahn als Geisel. Sie fordern binnen einer Stunde 10 Millionen Dollar Lösegeld. Ein Fahrdienstleiter beginnt mit den Verhandlungen.

Für das Update des 1973er Thriller-Klassikers „Stoppt die Todesfahrt der U-Bahn 123“ von Joseph Sargent, nach einem Drehbuch von Peter Stone, mit Walter Matthau, Robert Shaw und Martin Balsam musste Brian Helgeland nicht viel tun. Denn Romanautor John Godey hat sich eine ebenso einfach, wie spektakuläre Story ausgedacht. Da musste Brian Helgeland nur der Story folgen und aus den vielen im Buch auftretenden Charakteren (die so auch ein Bild der US-amerikanischen Gesellschaft in den frühen Siebzigern entstehen lassen) die für einen Film wichtigen auswählen. Tony Scott bebilderte dann das ganze mit einer für seine Verhältnisse angenehm zurückhaltenden Regie.

Aber während die 1973er-Version immer noch thrillt, bedient Scott einfach nur ziemlich glatt und damit auch vorhersehbar-langweilig die Spannungsmachinerie. Es ist nicht wirklich Falsches in „Die Entführung der U-Bahn Pelham 123“, aber auch nichts, was zum wiederholten Ansehen reizt.

mit Denzel Washington, John Travolta, Luis Guzmán, John Turturro, James Gandolfini

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Die Entführung der U-Bahn Pelham 123“

Metacritic über „Die Entführung der U-Bahn Pelham 123“

Rotten Tomatoes über „Die Entfürhung der U-Bahn Pelham 123“

Wikipedia über „Die Entführung der U-Bahn Pelham 123“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von John Godeys „Abfahrt Pelham 1 Uhr 23“ (The Taking of Pelham One Two Three, 1973)

„The Taking of Pelham 123“ in der Kriminalakte


R. i. P.: James Gandolfini, Vince Flynn

Juni 21, 2013

 

Was für ein trauriger Tag

R. i. P. James Gandolfini (18. September 1961, Westwood, New Jersey/USA – 19. Juni 2013, Rom, Italien)

Als ich in der Nacht bei Collider die Todesnachricht las, war ich erstaunt: James Gandolfini war erst 51 Jahre alt, als er am 19. Juni in Rom an einem Herzinfarkt starb. Bekannt wurde er als Mafiosi Tony Soprano in der TV-Serie „The Sopranos“ (in den USA ein Erfolg, hier im Free-TV ein Flop). Einer seiner letzten Filmauftritte war als seelisch gebrochener Killer in der George-V.-Higgins-Verfilmung „Killing them softly“. Grandios – und einer der Gründe, sich den Noir anzusehen.

Nachrufe gibt es ziemlich überall: Süddeutsche Zeitung, Faz, SpiegelOnline, Die Zeit, taz, Rolling Stone (deutsch), NZZ, Variety, New York Daily News und New York Times

Weitere Informationen über ihn bei Wikipedia (deutsch, englisch)

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R. i. P. Vince Flynn (6. April 1966, St. Paul, Minnesota/USA – 19. Juni 2013, St. Paul, Minnesota/USA)

Wie bei dem kürzlich verstorbenen Iain Banks kam der Tod von Vince Flynn nicht wirklich überraschend. Bereits vor zwei Jahren sagte er, dass er Prostatakrebs habe. Am 19. Juni ist er mit 47 Jahren gestorben.

Bekannt ist er in der Krimiszene für seine Polit-Thriller mit CIA-Agent Mitch Rapp.

Eine Hollywood-Verfilmung ist schon seit längerem geplant. Zuletzt mit Bruce Willis als Mitch Rapp.

Nachrufe gibt es auf englischsprachigen Seiten, wie The Rap Sheet, Huffington Post, Variety, Washington Times, Washington Post und Publisher’s Weekly.

Mehr Informationen auf seiner Homepage, auf seinem YouTube-Kanal und bei Wikipedia (deutsch, englisch). Die deutschen Ausgaben seiner Romane erscheinen bei Heyne.