Neu im Kino/Filmkritik: Über den Animationsfilm „Forgotten Island“

Oktober 9, 2026

Die impulsive Jo und die schlaue Raissa sind schon seit Ewigkeiten beste Freundinnen. Aber jetzt ist die Schule zu Ende. Raissa wird am nächsten Tag die Philippinen in Richtung California Institute of Technology verlassen. Sie wurde dort angenommen. Für Jo ist das eine Katastrophe. Ihr Talent liegt im verursachen von Chaos und dabei Spaß zu haben. Aber sie haben noch eine Nacht, die sie gemeinsam am Strand verbringen können.

Plötzlich öffnet sich, vom Meer kommend, ein Portal, das sie zur mythischen Insel Nakali herab zieht. Dort werden sie am nächsten Tag am Strand wach. Sie erinnern sich an nichts. Aber der auf den ersten Blick sympathische Werwolf-Hund Raww, der sich im Verlauf von Joel Crawford und Januel Mercados Animationsfilm „Forgotten Island“ als überaus windiger Geselle entpuppt, kann ihnen helfen. Er verrät ihnen auch, wie sie wieder in ihre Welt zurückkehren können. Die Sache hat nur einen kleinen Haken: dafür müssen sie Erinnerungen opfern.

Und schon sind wir mitten drin in einer Achterbahnfahrt, die keine Verschnaufpause kennt. Ständig passiert etwas. Es gibt Gags und Überraschungen am laufenden Band. Immer sieht es toll aus. Während des Films lenkt das ziemlich erfolgreich davon ab, dass die Geschichte nicht gut ist. Da werden Figuren von Szene zu Szene mal gut, mal böse; halt gerade so, wie es in dieser Szene überraschender ist. Eine emotionale Bindung des Zuschauers an die Figuren kann so nicht entstehen. Da werden wichtige Punkte galant übergangen. Das beginnt schon mit der Etablierung der Freundschaft zwischen Raissa und Jo. Vor dem Büro des Direktors erzählt Raissa Jo, dass sie sie in der Klasse verteidigte, nachdem die Lehrerin Jo wegen ihres Benehmens zum Direktor schickte. Wie Raissa Jo verteigte, wird nicht gezeigt.

Das geht so weiter. Später wird gesagt, jeder Gegenstand am Freundschaftsband von Jo und Raissa stehe für ein wichtiges Ereignis in ihrer Freundschaft. Gezeigt werden uns diese Ereignisse nicht. So fragen wir uns, warum ein Mixtape im Lauf einer jahrelangen Freundschaft so wichtig sein soll.

Auch bei den anderen Figuren erfahren wir nichts über ihre Erinnerungen. Aber wir sollen glauben, dass der Verlust bestimmter Erinnerungen aus lieben Wesen ganz furchtbar böse Wesen machen kann.

Entsprechend abrupt verlaufen verschiedene Entwicklungen bei den Figuren. Und die Botschaft des Films, die auch etwas mit Freundschaft zu tun hat, kommt ziemlich unvermittelt.

Auf der Plus-Seite des Films steht eindeutig der starke Fokus auf die philippinische Kultur. In diesem Punkt erinnert Crawford und Mercados DreamWorks-Film „Forgotten Island“ an den Disney-Film „Vaiana“ (Moana, USA 2016; 2026 gab es ein überflüssiges Remake). Auch dass Frauen hier in der ersten Reihe stehen, gefällt.

Vollkommen unklar ist, für wenn der Film gemacht wurde. In Deutschland ist „Forgotten Island“ ‚frei ab 12 Jahre‘. Von seiner Machart her ist es ein klassischer Animationsfilm, der in erster Linie Kinder anspricht. Also Menschen bis 12 Jahre. Die in dem Film angesprochenen Themen und wie sie behandelt werden, sind dann eher für die Knapp-Zwanzigjährigen gedacht, die nach dem Abitur überlegen, in welche Stadt sie zum studieren umziehen sollen. Für sie sind die Figuren und die Konflikte dann zu einfach. Außerdem können sie sich einen Film mit ungefähr gleichaltrigen Protagonisten ansehen, die vor den gleichen Fragen stehen.

„Forgotten Island“ ist ein Kinderfilm, der sein Thema als Thema für Erwachsene behandelt.

Forgotten Island (Forgotten Island, USA 2026)

Regie: Joel Crawford, Januel Mercado

Drehbuch: Joel Crawford, Januel Mercado

mit (im Original den Stimmen von) H.E.R., Liza Soberano, Dave Franco, Jenny Slate, Manny Jacinto, Dolly de Leon, Jo Koy, Ronny Chieng, Lea Salonga

(in der deutschen Synchronisation den Stimmen von) Magdalena Höfner, Gabrielle Pietermann, Tim Schwarzmaier, Maximiliane Häcke, Manuel Straube

Länge: 109 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

–

Hinweise

Moviepilot über „Forgotten Island“

Metacritic über „Forgotten Island“

Rotten Tomatoes über „Forgotten Island“

Wikipedia über „Forgotten Island“


Neu im Kino/Filmkritik: Über Diablo Codys Horrorkomödie „Lisa Frankenstein“

Februar 22, 2024

Der Abend und der Besuch auf der Party verliefen so desaströs, dass Lisa Swallows panikartig die Flucht ergreift, in der Nacht über den verlassenen Bachelor’s-Grove-Friedhof läuft, sich kurz an einem Grab, das sie tagsüber öfter besucht, ausheult und anschließend erschöpft in ihr Bett fällt.

Am nächsten Tag und nach einem Gewitter, erschrickt die Highschool-Schülerin über einen Eindringling, der wie das Monster aus dem Sumpf aussieht und sie anscheinend vergewaltigen will. Als er von der Garten-Springleranlage abgesprüht wird, hält sie ihn plötzlich für ganz sympathisch und als sie die Ähnlichkeit zwischen dem unbekannten Eindringling und dem von ihr verehrten im 19. Jahrhundert gestorbenem Künstler bemerkt, glaubt sie zu Recht, dass der Tote wieder auferstanden ist. Sie kleidet die sich zunächst nur unbeholfen bewegende Kreatur (so ihr Rollenname) ein und beginnt mit ihm durch die Gegend zu streifen.

Die Idee hat was. Drehbuchautorin Diablo Cody, die die Geschichte von „Lisa Frankenstein“ erfunden hat, hat einen guten Namen. Gleich ihr erstes Drehbuch, „Juno“ wurde erfolgreich verfilmt und mit dem Drehbuchoscar ausgezeichnet. „Young Adult“, „Ricki – Wie Familie so ist“ und „Tully“ folgten. Auch wenn die humorvoll-herzig-liebenswerten Dramen am Ende immer etwas harmloser und harmonieseliger waren als sie es hätten sein können, sind es sehenswerte Filme mit guten Rollen für die Hauptdarstellerinnen Charlize Theron (zweimal) und Meryl Streep. Die Horrorkomödie „Jennifer’s Body“ mit Megan Fox als männermordendem Vamp war bestenfalls so halb gelungen. Und auch Codys neue Horrorkomödie „Lisa Frankenstein“ ist nicht gelungen. Sie ist sogar schlechter als „Jennifer’s Body“. Daran ändern die wenigen garantierten Lacher und Slapstick-Momente nichts. Wenn Lisa und die Kreatur, der nach seiner Wiedergeburt einige Körperteile fehlen, sich einige von ihm dringend benötigte Körperteile besorgen, indem sie sie einfach bei einer anderen Person (die noch lebendig ist) abhacken, lacht der Horrorfan über so viel kaltschnäuzig präsentieren Pragmatismus. Die anderen Gags werden von Regisseurin Zelda Williams in ihrem Spielfilmdebüt fast ohne eine einzige Ausnahme gnadenlos versemmelt. Das ist Fremdschäm-Comedy auf dem Niveau einer unlustigen TV-Sketch-Show. Die Story wirkt wie eine erste Gedankensammlung. Untote. Highschool. Erste Liebe. 80er Jahre. Alles drin. Es gibt, beginnend mit „L. I. S. A. – Der helle Wahnsinn“ (Weird Science, USA 1985, einer damals an der Kinokasse erfolgreichen Teeniekomödie, in der zwei Computer-Nerds ihre Traumfrau zusammenbasteln), genug Anspielungen, um das Herz des Cineasten zu erfreuen. Der darf danach mit seinem Filmwissen angeben und ständig klugscheißerisch betonen, dass die zitierten Vorbilder viel besser sind.

Die 80er Jahre beschränken sich in der 1989 spielenden Highschool-Horrorkomödie hauptsächlich auf Lisas Outfit, Frisur und Sonnenbrille. Der Rest ist dann beliebig aus dem Highschool- und Horrorfilmfundus zusammengestellt. Friedhöfe, wie der im Film gezeigte, gehören zur Hollywood-Standard-Dekoration für alte Friedhöfe, auf denen gar schreckliche Dinge geschehen. Die Schule sieht so aus, wie US-amerikanische Schulen immer aussehen. Und Lisas Zimmer mit den Plakaten von B-Horrorfilmen aus den fünfziger Jahren sieht aus wie ein nerdiges Teenagerschlafzimmer.

Die Story funktioniert nicht als Liebesgeschichte (dafür geht es einfach zu schnell) und auch nicht als Horrorgeschichte. Denn es gibt einfach zu viele Episoden, die keinerlei Auswirkung auf die weitere Geschichte haben. So witzig es ist, um nur ein Beispiel zu nennen, wenn Lisa und die Kreatur bei anderen Menschen Körperteile abhacken, so unglaubwürdig ist es, dass das ohne nennenswerte Folgen für die weitere Geschichte geschieht. Da war Doktor Victor Frankenstein schon weiter. Er baute seine Kreatur aus Leichenteilen zusammen.

Wie eine Liebesgeschichte zwischen zwei Teenagern, von denen der eine ein Zombie ist, funktionieren kann, zeigt Jonathan Levine in seiner Zombie-Horrorkomödie „Warm Bodies“. Das ist der eindeutig bessere Filme.

Lisa Frankenstein (Lisa Frankenstein, USA 2024)

Regie: Zelda Williams

Drehbuch: Diablo Cody

mit Kathryn Newton, Cole Sprouse, Liza Soberano, Henry Eikenberry, Joe Chrest, Carla Gugino

Länge: 102 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

–

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Lisa Frankenstein“

Metacritic über „Lisa Frankenstein“

Rotten Tomatoes über „Lisa Frankenstein“

Wikipedia über „Lisa Frankenstein“ (deutsch, englisch)