Fast zehn Jahre nach seinem letzten Kinospielfilm „Rückkehr nach Montauk“ und fünf Jahre nach dem Dokumentarfilm „Der Waldmacher“ kehrt Volker Schlöndorff mit seinem neuen Film „Heimsuchung“ wieder zurück ins Kino. Es handelt sich um eine Literaturverfilmung. Schlöndorff-Fans sagen sich jetzt, womit auch sonst. Schließlich wurde er damit berühmt. Er verfilmte „Der junge Törless“, „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“, „Die Blechtrommel“, „Die Fälschung“, „Eine Liebe von Swann“, „Die Geschichte der Dienerin“ und „Homo Faber“. Aber in den vergangenen Jahrzehnten verfilmte er, abgesehen von einer Friedrich-Ani-TV-Verfilmung („Der namenlose Tag“) und mehreren Verfilmungen von Theaterstücken, keine Romane. Seine letzte Literaturverfilmung war 1998 „Palmetto – Dumme sterben nicht aus“, die Verfilmung eines Kriminalromans von James Hadley Chase.
Jetzt nahm er sich Jenny Erpenbecks „Heimsuchung“ vor. Ihr 2007 erschienener Roman ist ein Bestseller, Abiturlektüre und in der Guardian-Liste der hundert besten Bücher des 21. Jahrhunderts.
Schlöndorff schrieb auch das Drehbuch und erwartungsgemäß handelt sich sich um eine werkgetreue, gewohnt respektvolle filmische Nacherzählung des Romans. In diesem Fall legt sie die Probleme des Romans offen, ist teils gelungener als der Roman und stößt auf ganz eigene filmische Probleme. Ein unbestreitbarer Vorteil des Romans ist dabei seine Länge. Mit 192 Seiten ist er ziemlich kurz.
Im Mittelpunkt der Geschichte steht ein Grundstück an einem märkischen See. Gedreht wurde am Scharmützelsee und im Einstein-Haus in Caputh (bei Potsdam). Während der Weimarer Republik verkauft ein Bauer es an einen jüdischen Tuchfabrikanten und einen Architekten. Der Fabrikant errichtet ein kleines Badehaus. Der Architekt baut für sich und seine zukünftige Frau ein ansehnliches Haus im Bauhaus-Stil. Nach 1933 erwirbt er von dem Fabrikanten, der mit seiner Familie aus Deutschland flüchten will, das Nachbarhaus. Der Architekt passt sich geschmeidig an den Nationalsozialismus an. Er plant Konzentrationslager. Und er ist tief verärgert über die Ablehnung von Albert Speer.
Nach dem Krieg – inzwischen liegt das Grundstück in der DDR – passt er sich dem neuen System an und muss dann doch Richtung Westen flüchten. Eine systemtreue Schriftstellerin und ihre Familie ziehen ein.
Nach der Wende, während der Film immer mehr zu einer beliebigen Abfolge von Personen wird, wechseln wieder die Bewohner und Eigentümerverhältnisse des Hauses.
Die einzige Person, die immer da ist, ist ein schweigsamer Gärtner, der unbekümmert von den weltpolitischen Umbrüchen seine Arbeit erledigt. Im Roman altert er. Im Film scheint er eine mythische Gestalt zu sein, die nicht altert, immer da ist und nichts sagt.
Erpenbeck erzählt „Heimsuchung“ aus verschiedenen Perspektiven. In jedem Kapitel steht eine andere namenlose Figur im Mittelpunkt. Dazwischen gibt es jedes Mal ein kurzes Kapitel mit dem Gärtnern. Das führt dazu, dass sie in der Chronologie immer wieder um kurze Zeiträume springt, wenn sie beispielsweise zuerst von dem Architekten und anschließend von seinen jüdischen Nachbarn erzählt. Aber letztendlich erzählt sie chronologisch. In einigen wenigen Sätzen verlässt sie das Grundstück. Sie gibt so in einigen Fällen Hinweise auf das weitere Leben der Figuren.
Schlöndorff erzählt „Heimsuchung“, abgesehen von einer geisterhaften Rahmung am Filmanfang und -ende, strikt chronologisch und aus einer Perspektive. Die Enkelin der Schriftstellerin fungiert als Erzählerin, die alle Bewohner des Hauses zu Wort kommen lässt. Die gesamte Geschichte konzentriert sich auf das Haus des Architekten. Die Welt hinter den Grenzen des Grundstücks wird nur sichtbar, wenn sie auf das Grundstück und die dort lebenden Menschen Auswirkungen hat. Über Halbsätze und herumliegende KZ-Baupläne wird manchmal deutlich, wann einzelne Episoden spielen. Vertieft wird das weder im Buch noch im Film. Weltgeschichte ist bestenfalls ein Hintergrundrauschen. Manchmal, wenn sie direkte Auswirkungen auf die zahlreichen Bewohner des Hauses hat, mehr.
Viele der Bewohner des Hauses lernen sich dabei nie kennen, weil sie zu verschiedenen Zeiten im Haus lebten und keinerlei Kontakt zueinander haben. So zerfällt der Film, stärker als der Roman, in eine Abfolge nicht zusammenhängender Episoden. Jeder hat hier sicher seine Lieblingsfigur und Lieblingsepisode. Aber insgesamt ist der erste Teil des Films gelungener als die zweite Hälfte. Im ersten Teil steht der von Lars Eidinger gespielte Architekt im Mittelpunkt. Es geht um den Kauf des Grundstücks, den Bau des Hauses, das Leben in dem Haus während der Weimarer Zeit, der Nazi-Diktatur und den ersten Jahren der DDR. Der Architekt hat Erfolg als Architekt und passt sich den Verhältnissen an. In diesem Teil von „Heimsuchung“ wird eine präzise datierbare, in sich geschlossene größere und mehr in die Tiefe gehende Geschichte erzählt. Danach wird es episodischer, oberflächlicher – und langweiliger. Es ist wie das desinteressierte Blättern in verschiedenen Jahrgängen einer Tageszeitung. Einige Berichte sind länger, andere kürzer und einige berühren einen sofort, wie die Gefühle eines jüdischen Mädchens, das das Haus am See verlassen muss, oder wenn die Frau des Architekten sich während der letzten Kriegstage im geheimen Kleiderschrank des Hauses vor sowjetischen Soldaten versteckt.
Dank der vielen bekannten Schauspieler, unter anderem Detlev Buck, Lars Eidinger, Susanne Wolff, Ulrich Matthes, Martina Gedeck und Angela Winkler, gewinnen die vielen Figuren auch in kurzen Auftritten Kontur. Trotzdem verfolgt man die Kurzauftritte der Schauspieler und die Ereignisse in dem Haus, vor allem ab den fünfziger Jahren, zunehmend desinteressiert. Zu schnell verschwinden die einzelnen Figuren aus dem Film. Zu wenig erfahren wir über sie und ihr Leben außerhalb des Hauses in der Schule, bei der Arbeit oder in der Freizeit mit Freunden. Zu folgenlos für die weitere Geschichte sind ihre Taten. Normalerweise wissen die neuen Bewohner nichts über die vorherigen Bewohner – und es ist ihnen auch egal.
Hier zeigt sich, wie auch bei „In die Sonne schauen“ und „Here“, dass die Idee, einen nur an einem räumlich sehr begrenzten, austauschbarem Ort spielenden Film, dessen Handlung sich über mehrere Jahrzehnte, teils Jahrhunderte oder, im Fall von „Here“, einen noch längeren Zeitraum erstreckt, auf dem Papier faszinierend, in der filmischen Umsetzung schwierig ist. Der alles zusammenhaltende erzählerische Bogen ist dann so beliebig, dass er kaum bis überhaupt nicht vorhanden ist.
Schlöndorffs „Heimsuchung“ ist eine top besetzte, werkgetreue, gediegene Verfilmung von Erpenbecks Roman.

Heimsuchung – Eine Jahrhundertgeschichte (Deutschland 2026)
Regie: Volker Schlöndorff
Drehbuch: Volker Schlöndorff
LV: Jenny Erpenbeck: Heimsuchung, 2007
mit Martina Gedeck, Susanne Wolff, Lars Eidinger, Michael Maertens, Ulrich Matthes, Angela Winkler, Detlev Buck, Ludwig Trepte, Wigand Witting, Maria Matschke Engel, Josefin Platt, David Bennent
Länge: 121 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
Kinostart: 15. Oktober 2026
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Die Vorlage

Jenny Erpenbeck: Heimsuchung
Penguin Verlag, 2018
192 Seiten
14 Euro
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Originalausgabe
Eichborn, 2007
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Hinweise
Rotten Tomatoes über „Heimsuchung“
Wikipedia über „Heimsuchung“ (Buch, Film) und Jenny Erpenbeck (deutsch, englisch)
Meine Besprechung von Volker Schlöndorffs „Rückkehr nach Montauk“ (Deutschland 2017)
Veröffentlicht von AxelB