Neu im Kino/Filmkritik: „Gentle Monster“: netter Ehemann, liebevoller Vater und möglicherweise „?“

September 18, 2026

Es wird zwar in allen mir bekannten Besprechungen verraten, aber weil der Trailer es nicht verrät, gibt es eine Spoilerwarnung.

Als eines Tages die Polizei klingelt und beginnt, das Haus von Lucy (Léa Seydoux) und Philip Weiss (Laurence Rupp) zu durchsuchen, bricht Lucys auf den ersten Blick heile Welt zusammen. Die Pianistin lebt mit ihrem Mann, einem Filmemacher, und ihrem gemeinsamen Kind auf dem Land in einem großen, links-bürgerlich verwilderten Villa.

Warum die Polizei ihr Haus durchsuchte, verrät Regisseurin Marie Kreutzer erst einige Minuten später, als Lucy das Polizeigebäude betritt und zur für die Durchsuchung zuständigen Polizistin geht. Elsa Kühn (Jella Haase) arbeitet in der Abteilung Pädakriminalität.

Ihr Mann soll pornographische Bilder von Kindern besitzen.

Während Lucy sich jetzt mühsam durch die verschiedenen Aspekte des Themas quält, fragte ich mich, wie man ein so wichtiges Thema so versemmeln kann. Wobei, das muss ich zugeben, ich mich in den ersten Minuten, wenn Kreutzer impressionistische Bilder vom glücklichen Familienleben zeigt, fragte, welche Geschichte der Film erzählen möchte. Erst nach fünfzehn, zwanzig Minuten, mit der Hausdurchsuchung, gibt es das die Filmgeschichte startende Ereignis.

Während der Hausdurchsuchung verlor „Gentle Monster“ mich endgültig. Die Polizistin erklärt nicht, warum sie das Haus durchsuchen wollen. Philip fragt nicht. Er lässt die Beamten ohne ein Widerwort in das Haus. Die später hinzukommende Lucy nimmt zwar die Polizisten wahr, begibt sich aber erst einmal in die Küche. Als Philip dann jemand anrufen möchte, lässt Elsa ihn telefonieren. Wen er warum anruft, interessiert die Polizistin nicht. Dabei könnte er einen Mittäter warnen.

Niemand von ihnen verhält sich in dem Moment in irgendeiner Beziehung plausibel oder so, wie es nach ihrem vorherigen Verhalten erwartbar wäre. Immerhin kann Philips Verhalten mühelos als umfassendes Schuldeingeständnis verstanden werden.

Auch danach mäandert der enervierend ereignislose, meist sinnfrei zwischen drei Sprachen wechselnde Film vor sich hin. Philip verschwindet aus der Filmgeschichte in eine Arrestzelle. Ab und an wird über ihn und seine möglichen Taten gesprochen. Lucy darf nachdenklich und viel auf ihrem Klavier herumklimpern. Was sie denkt, erfahren wir nicht. Dafür erfahren wir viel, viel zu viel, über das Privatleben der Kommissarin und ihre Probleme mit ihrem zunehmend pflegebürftigem und übergriffigem Vater. Das Thema „sexuelle Gewalt“ und die Frage von Mitwisserschaft und möglicher Mittäterschaft wird hier auch angesprochen, aber die Hauptgeschichte bringt diese Nebengeschichte nicht voran. Man hätte sie ersatzlos streichen können.

Über Pädophilie, kriminelle pädophile Netzwerke und Schutzbehauptungen von Tätern erfahren wir auch einiges. In Nebensätzen und auf die denkbar ungeschickteste Art und Weise. Es ist, als habe Kreutzer einen Drehbuchratgeber gelesen und beschlossen, einfach alles anders zu machen.

Dazu gehört, dass an allen Figuren – obwohl Kreutzer recherchierte und mit dem Fall Florian Teichtmeister (einer der Hauptdarsteller ihres vorherigen Films „Corsage“ wurde nach der Fertigstellung des Films wegen des Besitzes kinderpornographischer Aufnahmen angeklagt und zu einer zweijährigen Freiheitsstrafe verurteilt) – die Diskussionen der vergangenen Jahre spurlos vorbeigingen. So sollen wir auch nur eine Zehntelsekunde Philips nicht weiter vertiefte Schutzbehauptung glauben, er habe das Material nur als Recherchematerial für einen Dokumentarfilm gesammelt. Seine nächste Schutzbehauptung ist genauso idiotisch.

Die Frage, wie man damit umgeht, wenn sich herausstellt, dass ein geliebter Mensch möglicherweise pädophil ist, hätte einen besseren Film als dieses langatmig, konfuse und gänzlich spannungsfreie, hochkarätig besetzte Werk verdient.

Gentle Monster (Deutschland/Frankreich/Österreich 2026)

Regie: Marie Kreutzer

Drehbuch: Marie Kreutzer

mit Léa Seydoux, Jella haase, Laurence Rupp, Malo Blanchet, Catherine Deneuve, Anton Rubtsov, Nils Strunk, Sylvester Groth

Länge: 115 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Gentle Monster“

Moviepilot über „Gentle Monster“

Metacritic über „Gentle Monster“

Rotten Tomatoes über „Gentle Monster“

Wikipedia über „Gentle Monster“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Marie Kreutzers „Corsage“ (Österreich/Luxemburg/Deutschland/Frankreich 2022)


Neu im Kino/Filmkritik: Österreich II: Sissi trägt „Corsage“

Juli 9, 2022

1877 ist Elisabeth, die Kaiserin von Österreich-Ungarn, auch bekannt als Sissi (Vicky Krieps), vierzig Jahre und damit nach damaliger Definiton eine alte Frau. Verzweifelt versucht sie ihr Gewicht zu halten. Sie lässt sich jeden Tag in eine enge Corsage pressen. Bei öffentliche Auftritten tritt sie verhüllt auf. Niemand soll die Spuren des Alters in ihrem Gesicht sehen. Von den kaiserlichen Pflichten ist sie gelangweilt und auch angeekelt. Manchmal erscheint sie deshalb überhaupt nicht zu den offiziellen Anlässen. Andere Auftritte beendet sie mit einer Ohnmacht, die mal echt, mal gespielt ist. Außerdem kann, dank der Gesichtsverhüllung, auch eine Doppelgängerin ihre Repräsentationsaufgaben erfüllen.

Die Ehe mit ihrem Mann Kaiser Franz Joseph (Florian Teichtmeister) existiert nur noch auf dem Papier. In der Hofburg leben sie in getrennten Flügeln, beschützt und ständig umgeben von ihrem Personal. Sie sehen sich kaum. Und von der Liebe, die sie vielleicht einmal füreinander empfunden haben, ist nichts mehr spürbar. Versuche von ihr, Franz Joseph bei politischen Entscheidungen zu beraten scheitern kläglich.

Viel Zeit investiert sie in ein rigoroses Schönheits- und Fitnessprogramm. Und, weil ihre Pflichten am Hof vernachlässigbar sind, reist sie viel zu anderen, teils mit ihr verwandten Königs- und Fürstenhäusern.

In ihrem Drama „Corsage“ verfolgt Marie Kreutzer („Der Boden unter den Füßen“, „Was hat uns bloß so ruiniert“) die rastlose Kaiserin über mehrere Monate. Sie zeichnet das Bild einer Frau, die mit der Rolle, die sie für die Öffentlichkeit spielen soll, fremdelt. Und einen Ausweg daraus sucht.

Dabei geht Kreutzer mit den historischen Fakten ähnlich unbekümmert um wie Ernst Marischka in seinen drei „Sissi“-Filmen mit Romy Schneider, die damals Kinohits waren und heute immer noch mindestens einmal im Jahr im TV gezeigt werden.

Kreutzer erfindet und fantasiert in ihrer Interpretation der historischen Figur allerdings nicht nur über das Leben und Sterben der Kaiserin von Österreich-Ungarn. Sie umgibt die Kaiserin auch, teils mehr, teils weniger offensichtlich, mit Dingen, die es damals noch nicht gab, wie einem Traktor, einem modernem Schiff, ein bei einer Abendgesellschaft präsentiertes Lied, das erst Jahrzehnte später geschrieben wurde, Filmkameras und Heroin, das ihr Arzt ihr als vollkommen harmloses Medikament verschreibt und sie zur Drogensüchtigen macht. Blöderweise wurde Heroin erst Ende des 19. Jahrhunderts von Bayer entwickelt, patentiert und ab 1900 verkauft. „Corsage“ endet über zwanzig Jahre früher.

All diese bewusst eingestreuten Irritationen, die auf eine äußerst plumpe, in ihrer Häufung die Intelligenz des Zuschauers beleidigenden Art, die Aktualität der Geschichte betonen sollen, weisen „Corsage“ als eine weitere Fantasie über Sissi (oder historisch korrekt Sisi) aus. Dieses Mal wird sie, quasi als Gegententwurf zur Marischka-Kitsch-Version, als eine widersprüchliche Frau gezeigt, die nicht die ihr zugewiesene öffentliche Rolle ausfüllen möchte und sich emanzipieren möchte. Am Ende, das kann verraten werden, gelingt ihr das auf eine diskussionswürdige Weise, die gleichzeitig reine Fantasie ist.

Wie in einigen anderen neueren Filmen, – Bruno Dumonts misslungene Mediensatire „France“ und Pablo Larraíns grandioses Lady-Diana-Biopic/Horrorfilm „Spencer“ können hier genannt werden -, geht es in „Corsage“ vor allem um das Gefühl der Fremdheit im eigenen Körper und im eigenen Leben. Aber gegen Larrains „Spencer“ ist „Corsage“ noch nicht einmal ein laues Lüftchen. Denn Kreutzer sagt schon in den ersten Minuten alles über Elisabeth und ihre Probleme. In den folgenden gut zwei Stunden bewegt sie sich, viele Freiheiten genießend, dann nur noch rastlos von einem Ort zu einem anderen Ort.

Corsage (Österreich/Luxemburg/Deutschland/Frankreich 2022)

Regie: Marie Kreutzer

Drehbuch: Marie Kreutzer

mit Vicky Krieps, Florian Teichtmeister, Katharina Lorenz, Jeanne Werner, Alma Hasun, Manuel Rubey, Finnegan Oldfield, Aaron Friesz, Rosa Hajjaj, Lilly Marie Tschörtner, Colin Morgan

Länge: 114 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Corsage“

Moviepilot über „Corsage“

Metacritic über „Corsage“

Rotten Tomatoes über „Corsage“

Wikipedia über „Corsage“ (deutsch, englisch)