Drehbuch: Sophie Linnenbaum, Michael Fetter Nathansky
Paula Feinmann glaubt, dass sie auf dem Sprung von einer Neben- zu einer Hauptfigur ist. Aber da gibt es plötzlich Merkwürdigkeiten und Probleme. Gemeinsam mit ihrer besten Freundin will sie mehr über ihre Herkunft, vor allem über ihren spurlos verschwundenen Vater, erfahren. Ihre Suche führt sie auch in die Welt der Outtakes (die ziemlich genau das sind, was man sich darunter vorstellt).
TV-Premiere. Gelungene, sehr gut aussehende Mischung aus Science-Fiction, Satire und Meta-Werk. Ein auf sehr vergnügliche Weise ‚verkopftes‘ und zum Nachdenken anregendes Werk. Sozusagen extraordinär.
Der 16-jährigen Paula Feinmann könnte der Aufstieg von einer Nebenfigur zur Hauptfigur gelingen. Jedenfalls ist ihr Lehrer an der Hauptfigurenschule von ihr überzeugt. Aber ein, zwei Fähigkeiten fehlen ihr noch. Ihr verstorbener Vater, der eine Hauptfigur war, könnte ihr dabei helfen. Als sie nach Informationen über ihn sucht, entdeckt sie einige Geheimnisse, die ihr Leben verändern. Und sie begegnet den am Rand der Gesellschaft lebenden Outtakes.
Das liest sich jetzt vielleicht etwas rätselhaft, aber die Verwirrung kann schnell aufgeklärt werden. Die Gesellschaft, die Sophie Linnenbaum in ihrem Abschlussfilm an der Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF entwirft, ist eine klassische Dystopie. Zwischen den verschiedenen Gesellschaftsschichten gibt es starre Grenzen. Es gibt eine Oberschicht (die Hauptfiguren), eine Unterschicht (die Nebenfiguren) und die von der Gesellschaft Ausgestossenen (die Outtakes). Die Heldin gehört zur Unterschicht. Sie hat Fähigkeiten, die sie nicht haben sollte und die dazu führen, dass sie das System herausfordert. In neueren Geschichten, wie den Young-Adult-Dystopien „Die Tribute von Panem“ und „Maze Runner“, führt das dann zu einer das System zerstörenden Revolution. Früher, zum Beispiel in George Orwells „1984“, nicht. Aber die Struktur der Gesellschaft und die Erzählmuster sind bekannt. Die Bilder auch. Nur die Namen für die verschiedenen Klassen ändern sich. Bei Linnenbaum kommen diese Namen aus der Welt des Films – und das ist die geniale Idee von „The Ordinaries“: sie wendet die Filmtheorie einfach auf die Erzählmuster von Dystopien an. Diese Idee führt sie dann konsequent aus. Während die Hauptfiguren über eine breite Palette an Ausdrucksmöglichkeiten verfügen, haben die Nebenfiguren weniger Ausdrucksmöglichkeiten. Teilweise sagen sie in Dauerschleifen immer wieder die gleichen Sätze auf. Mehr benötigen sie nicht für ihr Leben. Die Outtakes sind die Figuren und Teile, die aus Filmen herausgeschnitten wurden. Sie sind Filmfehler. Sie können teilweise nur halbe Sätze sagen oder sich nur sprunghaft bewegen. Sie sind der Teil des Films vor und nach der großen Actionszene oder dem Dialog. Sie sind unwichtig.
Diese drei Welten malt Linnenbaum liebevoll und überaus detailreich aus. Dazu gehören selbstverständlich auch unzählige Anspielungen auf andere Filme. Eine immer wieder singende und tanzende Hauptfiguren-Familie erinnert natürlich an französische Komödien und bringt mehr als einen Hauch von Amélie in den Film. Die Gebäude und Wohnungen, in denen die Nebenfiguren leben, strahlen die freudlose Ostblock-Tristesse des Kalten Krieges aus. Und irgendwann sitzt ein Forrest Gump auf einer Bank.
Bei all dem Spaß am Filmzitat regt „The Ordinaries“ auch zum Nachdenken über unsere Gesellschaft an.
Dazu trägt auch die von Linnenbaum und ihrem Co-Drehbuchautor Michael Fetter Nathansky, der ebenfalls an der Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF studierte, Geschichte von Paulas Suche nach dem Vermächtnis ihres Vaters, den anscheinend niemand kennt und der keine Spuren hinterlassen hat, und ihrem Kampf um den Aufstieg in die Kaste der Hauptdarsteller bei.
Wie Natalia Sinelnikova mit ihrer vor einigen Monaten im Kino gelaufenen, ebenfalls sehenswerten Dystopie „Wir könnten genauso gut tot sein“ über das aus dem Ruder laufende Leben in einer Gated Community, setzt sich Sophie Linnenbaum mit ihrem Abschlussfilm „The Ordinaries“ erfreulich von dem den unzähligen Abschlussfilmen ab, die sich in einer Selbstbespiegelung über die eigene Jugend in der Provinz und desaströsen Liebeserfahrungen erschöpfen. „Wir könnten genauso gut tot sein“ und „The Ordinaries“, die beide von Regiestudentinnen der Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF als Abschlussfilm inszeniert wurden, erzählen spannende Genregeschichten. Beide Filme erzählen Science-Fiction-Geschichten, die sehr gut mit ihrem überschaubarem Budget umgehen und neugierig auf ihre nächsten Arbeiten machen.
The Ordinaries (Deutschland 2022)
Regie: Sophie Linnenbaum
Drehbuch: Sophie Linnenbaum, Michael Fetter Nathansky
mit Fine Sendel, Jule Böwe, Henning Peker, Noah Tinwa, Sira-Anna Faal, Denise M’Baye, Pasquale Aleardi, Noah Bailey, Christian Steyer, Birgit Berthold
Nachdem seine Lieder jahrzehntelang aus jedem Radio ertönten und seit seiner Premiere 2007 fast fünf Millionen Besucher das aus seinen bekanntesten Hits bestehende Musical „Ich war noch niemals in New York“ gesehen haben, müssen Udo Jürgens und seine Lieder wahrscheinlich nicht mehr vorgestellt werden. Seine Lieder sind so bekannt und beliebt, dass damit auch ein großes Kinopublikum angesprochen wird.
Das war wohl die Überlegung der Macher des Film-Musicals „Ich war noch niemals in New York“, das sich sehr, sehr locker an den Figuren und der Geschichte des Musicals orientiert. Wer also das Musical kennt, wird über die fast vollkommen neue Geschichte etwas erstaunt sein.
Als Maria Wartberg (Katharina Thalbach) in ihrer Wohnung unglücklich stürzt, verliert sie ihr Gedächtnis. Sie erinnert sich nur daran, dass sie noch niemals in New York war. Um sich diesen Wunsch zu erfüllen, schleicht sie sich auf den luxuriösen Ozeandampfer „Maximiliane“.
Ihre Tochter Lisa (Heike Makatsch), eine zickige TV-Moderatorin, eilt ihr hinterher. Bevor sie ihre Mutter gefunden hat, legt das Schiff ab und die Filmgeschichte fräst sich durch den Fundus altmodischer Gesangs- und Verwechslungskomödien, die immer den Muff deutscher Schlagerfilme, verströmt. Da sind der nette Vater Axel Staudach (Moritz Bleibtreu) und sein zwölfjähriger Sohn Florian (Marlon Schramm), die an eine Mischung aus e. o. plauens „Vater und Sohn“-Bildergeschichten (plauen lebte von 1903 bis 1944) und der Heinz-Rühmann-Komödie „Wenn der Vater mit dem Sohne“ (1955) erinnern. Die beiden ‚Unterhalter‘ Otto (Uwe Ochsenknecht) und James (Mat Schuh) sind ölige Casanovas für älteren Damen, die nicht den Mumm haben, echte Heiratsschwindler zu sein. Costa (Pasquale Aleardi) ist, abgefüllt mit „Griechischer Wein“, der hyperpotente Südländer, der, immerhin Leben wir nicht mehr in den fünfziger Jahren, homosexuell ist. Bis er sich dazu bekennt, vergeht viel Filmzeit. Der zweite Schwule ist Lisas Maskenbildner Fred (Michael Ostrowski), der sich erfolgreich bemüht, alle Klischees über Schwule herunterzuspielen, als habe es die „Bullyparade“ und „Der Schuh des Manitu“ noch nicht gegeben.
Der Humor ist altbacken. Die Klischees über Geschlechter und Berufe scheinen direkt aus den Fünfzigern zu kommen.
In dieser quietschbunten Retro-Kunstwelt singen die Schauspieler die bekannten Udo-Jürgens-Hits und tanzen dazu. Beides natürlich nicht so gut, wie es echte Sänger und Tänzer getan hätten, aber dafür authentisch.
Die Tanznummern zitieren dabei immer wieder bekannte Vorbilder. Nur wenn es in Hollywood ein Pool war, in dem mindestens eine halbe Hundertschaft Schwimmerinnen ein atemberaubendes Wasserballett präsentierten, ist es in der deutschen Version ein kleiner Pool auf einem Ozeandampfer, der schon mit einer Skatrunde übervoll ist.
Die Lieder von Udo Jürgens, die immer deutlich besser als das übliche deutsche Schlagergedöns waren (und sind), erfahren eine Retro-Bearbeitung, die ihre Botschaft ins Gegenteil verkehren. Anstatt dem Aufbruch nach New York wird gleich nach Klein-Kleckersdorf abgebogen.
„Ich war noch niemals in New York“ reanimiert die gruseligen Schlagerfilme, die vor allem in den fünfziger und sechziger Jahren von deutschen Produzenten in Serie hergestellt wurden. An der Kinokasse waren diese Schlager- und Heimatschnulzen erfolgreich, weil sie dem Publikum eine heile Welt zeigten, die nichts mit der aktuellen Realität und der deutschen Vergangenheit zu tun hatte.
Ich war noch niemals in New York(Deutschland 2019)
Regie: Philipp Stölzl
Drehbuch: Alexander Dydyna, Philipp Stölzl, Jan Berger (Mitarbeit), Karsten Dusse (Dialog Polish)
mit Heike Makatsch, Moritz Bleibtreu, Katharina Thalbach, Uwe Ochsenknecht, Michael Ostrowski, Pasquale Aleardi, Marion Schramm, Mat Schuh, Andreja Schneider, Stefan Kurt, Frank Zander
LV: Gretchen Dutschke: Wir hatten ein barbarisch, schönes Leben, 1996
Hochgelobtes Biopic über Rudi Dutschke und die wilden Jahre in Westberlin um 1968.
„Ein ernsthafter, respektabler, in seinen Details nachdenklich stimmender Film auf der Höhe der Möglichkeiten des Genres.“ (Lexikon des internationalen Films)
mit Christoph Bach, Emily Cox, Pasquale Aleardi, Matthias Koeberlin