Ölmagnat Happer (Burt Lancaster!) schickt den Jungmanager MacIntyre wegen seines schottischen Namens nach Schottland. Dort soll er die Bewohner eines kleinen Dorfes von einer Ölraffinierie in Sichtweite überzeugen. Dummerweise stellt sich ein am Strand lebender Einsiedler quer.
Wunderschönes, damals auch an der Kinokasse sehr erfolgreiches Märchen. Denn es ist „eine nuancenreiche Komödie voller origineller Figuren, deren Schwächen nie verletzend geschildert werden, und voller wehmütiger Sehnsucht nach einem anderen Leben“ (Fischer Film Almanach 1984)
Chris Menges war der Kameramann und Mark Knopfler („Dire Straits“) schrieb die Musik.
mit Burt Lancaster, Peter Riegert, Fulton Mackay, Denis Lawson, Peter Capaldi, Norman Chancer
Ölmagnat Happer (Burt Lancaster!) schickt den Jungmanager MacIntyre wegen seines schottischen Namens nach Schottland. Dort soll er die Bewohner eines kleinen Dorfes von einer Ölraffinierie in Sichtweite überzeugen. Dummerweise stellt sich ein am Strand lebender Einsiedler quer.
Wunderschönes, damals auch an der Kinokasse sehr erfolgreiches Märchen. Denn es ist „eine nuancenreiche Komödie voller origineller Figuren, deren Schwächen nie verletzend geschildert werden, und voller wehmütiger Sehnsucht nach einem anderen Leben“ (Fischer Film Almanach 1984)
Chris Menges war der Kameramann und Mark Knopfler („Dire Straits“) schrieb die Musik.
mit Burt Lancaster, Peter Riegert, Fulton Mackay, Denis Lawson, Peter Capaldi, Norman Chancer
Nach dem hoffnungslos vermurksten DC-Film „Suicide Squad“ konnte jede Fortsetzung, die gleichzeitig ein Neustart ist, nur besser sein. Die Frage war nur, wieviel besser James Gunns „The Suicide Squad“ ist.
Gunn ist spätestens seit seinen beiden „The Guardians of the Galaxy“-Marvel-Filmen ein bei Fanboys bekannt-beliebter Regisseur, der schon für den dritten Film engagiert war. Dann gab es ein unerfreuliches Hin und Her wegen alter Tweets. Er wurde zuerst gefeuert, es gab Proteste dagegen, danach wurde er wieder engagiert und demnächst inszeniert er seinen dritten „Guardians of the Galaxy“-Film. Davor drehte er für das konkurrierende DC-Kinouniversum, das aktuell eine umfassende und nötige Neuausrichtung erfährt, „The Suicide Squad“.
Vor dem Dreh ließ der bekennende Comic-Junkie sich zusichern, dass er machen dürfte, was er wolle. Dazu gehört, dass der Film blutig sein darf (seit dem Erfolg von „Deadpool“ dürfen Superheldenfilme eine höhere Altersfreigabe haben), dass er nach Belieben das Team aus bekannten und unbekannten Figuren zusammen stellen kann und dass er jedes Teammitglied umbringen dürfte. Das war nach dem ersten „Suicide Squad“ wohl auch kein großes Problem. Denn besonders beliebt ist der Film unter den Fans nicht. Von den damaligen Mitgliedern des ziemlich blassen Selbstmordkommandos ist nur Harley Quinn (Margot Robbie) allgemein beliebt. Nachdem sie schon einen Solo-Film bekommen hat, ist sie jetzt wieder dabei. Viola Davis spielt wieder Amanda Waller, die skrupellose Oberbefehlshaberin der von ihr zusammengestellten Selbstmordkommandos (und sie hat wieder zu wenige Szenen). Joel Kinnaman ist wieder als Colonel Rick Flag dabei. Wahrscheinlich durfte er die Rolle wieder übernehmen, weil er beim letzten Mal nicht besonders auffiel und irgendein Karrieresoldat das Kindermädchen für die aus vollkommen durchgeknallten, zu Höchststrafen verurteilten Verbrechern bestehende Selbstmordtruppe spielen muss. Das sind dann auch schon die für die neue Mission wichtigen Figuren, die James Gunn aus dem vorherigen Film übernahm.
Letztendlich stellte er eine vollkommen neue „Suicide Squad“ zusammen und bringt die meisten Mitglieder dieses Selbstmordkommandos gleich in den ersten Minuten an einem Inselstrand um. Wer in den vergangenen Wochen und Monaten einen der zahllosen Trailer und Featurettes gesehen hat, muss sich in diesem Moment schon von einigen in ihnen prominent gezeigten Gesichtern verabschieden – und kann sich ausrechnen, wer bessere und wer schlechtere Überlebenschancen hat.
In dem Moment betritt nämlich einige Meter weiter eine andere, von ‚Bloodsport‘ Robert DuBois (Idris Elba) angeführte Suicide Squad die Insel Corto Maltese. Sie müssen nach Jotunheim, einer festungsähnlichen Forschungseinrichtung, und dort die für die USA unangenehmen Reste von Projekt Starfish beseitigen. Begonnen wurde das Projekt von den Nazis, die in dem Actionfilm nicht weiter erwähnt werden.
Das danach folgende Abenteuer ist eine blutige Geschichte im Stil eines Actionthrillers der siebziger/achtziger Jahre, als ein oder mehrere Soldaten oder Söldner im Auftrag der US-Regierung einen geheimen Auftrag in irgendeinem lateinamerikanischem Land ausführen und dabei über Leichen gehen konnten. Immer nach der Methode ‚Gewalt ist gut, exzessive Gewalt ist besser‘. Also wird blutig gestorben, geköpft, Glieder abgeschlagen oder auch mal ein Mensch halbiert. Gerne garniert mit einem zynischen Spruch.
In „The Suicide Squad“ kommt dann noch das Wissen um die Comic-Ursprünge der Geschichte hinzu. Alles ist noch eine Spur lauter, greller und plakativer. Alle Mitglieder und der Oberbösewicht, selbstverständlich ein durchgeknallter Wissenschaftler, sind in ihrem Wesen überlebensgroß. Superkräfte, wie wir sie von den Superhelden aus Comics und Filmen kennen, hat kein Mitglied der Suicide Squad. Aber sie haben manchmal beeindruckende Fähigkeiten und beeindruckend Waffen; wobei manche dieser Waffen sich beeindruckend unpraktisch für einen Kampf gegen Schusswaffen und Handgranaten erweisen. Und kein Mitglied von Bloodsports Truppe ist ein Genie. Diese Verbrecher sind halt eine neue Ausgabe des „Dreckigen Dutzend“, die für die Mission erpresst wurden und, wenn sie denn überleben, eine Straferleichterung erhalten. Denn wie in dem Kriegsfilmklassiker ist für jedes Mitglied der Einheit der Tod wahrscheinlicher als das Überleben der Mission.
Und dann gibt es noch ein unmögliches, aber sympathisches Wesen. In „The Guardians of the Galaxy“ war das der Baum Groot. In „The Suicide Squad“ ist es ein menschenfressender, dummer, aber auch irgendwie liebenswerter Hai King Shark (im Original von Sylvester Stallone gesprochen). Nachdem er von Ratcatcher 2 (ihre Superfähigkeit: gut im Umgang mit Ratten) überzeugt wurde, dass er, wenn er hungrig ist, die Mitglieder des Selbstmordkommandos nicht essen soll, ist er eigentlich ein ganz lieber Kumpel, der keiner Fliege was antun kann; – gut, wahrscheinlich weil er davon nicht satt wird und er während der Mission genug Bösewichter essen kann.
James Gunn erzählt diese vollkommen absurde Geschichte in einer gelungenen Mischung aus derbem Humor, brachialer Action, blutiger Gewalt und überhöhten Comic-Images, unterlegt mit etlichen bekannten Songs. Das macht „The Suicide Squad“ zur auf der Erde spielende Hardcore-Version von „The Guardians of the Galaxy“.
The Suicide Squad(The Suicide Squad, USA 2021)
Regie: James Gunn
Drehbuch: James Gunn
mit Idris Elba, Margot Robbie, Viola Davis, John Cena, Joel Kinnaman, Jai Courtney, Peter Capaldi, David Dastmalchian, Daniela Melchior, Michael Rooker, Alice Braga, Peter Davidson, Joaquin Cosio, Juan Diego Botto, Storm Reid, Nathan Fillion, Steve Agee, Sean Gunn, Mayling Ng, Flula Borg, Jennifer Holland, Tinashe Kajese, Sylvester Stallone (nur Stimme, nur im Original), John Ostrander, Taika Waititi
Vor Sherlock Holmes gab es Jack Whicher. Er ermittelte im viktorianischen England der 1860er und 1870er Jahre und – das kommt jetzt für einige Holmesianer vielleicht als Schock – Jack Whicher ist eine reale Gestalt, die eine Inspiration für Charles Dickens‘ Inspector Bucket in „Bleak House“ war. Er war Scotland-Yard-Inspector und einer seiner bekanntesten Fälle war der Mord von Road Hill House 1860, der 2008 von Kate Summerscale in dem Sachbuch „The Suspicions of Mr Whicher or The Murder at Road Hill House“ verarbeitet wurde. Das Buch war dann die Vorlage für den gleichnamigen Film, der den Auftakt zu einer kleinen, betulich erzählten Filmreihe bildete. Insgesamt entstanden zwischen 2011 und 2014 vier spielfilmlange Filme mit Paddy Considine als Jack Whicher. Dabei ist er nur in „Der Mord von Road Hill House“ Polizist. In „Der Mord in Angel Lane“, „Mein Fleisch und Blut“ und „Der Schein trügt“ arbeitet er als Privatdetektiv.
In „Der Mord von Road Hill House“ versucht er den Mord an einem dreijährigem Kind aufzuklären. Der Mörder muss, weil es keine Einbruchspuren gibt, jemand aus der Familie oder des Personals sein. Der wahre Fall ist ein echter Rätselkrimi, ein Locked-Room-Mystery, das damals von der Öffentlichkeit interessiert verfolgt wurde und in der Literatur seine Spuren hinterließ, wie in Wilkie Collins‘ „Der Monddiamant“.
In „Der Mord in der Angel Lane“ arbeitet Jack Whicher nicht mehr als Polizist. Er wird von Lady Susan Spencer gebeten, ihre schwangere Nichte Mary Spencer, die in London spurlos verschwunden ist, zu suchen. Da wird ihre Leihe gefunden. Whicher sucht ihr verschwundenes Kind und ihren Mörder.
In „Mein Fleisch und Blut“ bittet Sir Edward Shore Whicher ihn um Hilfe. Sein Sohn, der einige Zeit in Indien lebte, wird in London von einem Inder verfolgt. Anscheinend will der Inder Charles Shore umbringen, weil dieser in Indien etwas getan hat.
In „Der Schein trügt“ beschattet Whicher die Frau von Sir Henry Coverly. Es gelingt ihm, Beweise für ihre Untreue zu beschaffen. Als ihr Liebhaber ermordet wird, beginnt Whicher den Täter zu suchen.
Wer von „Der Verdacht des Mr. Whicher“ eine Variante von Sherlock Holmes, vor allem in seinen neuen Inkarnationen, erwartet, – immerhin wird die Serie mit dem Spruch „Im viktorianischen England beruht die Gerechtigkeit auf dem Verdacht des Mr. Whicher.“ beworben -, und es gerne etwas stylisch in Richtung „Peaky Blinders“ oder „Ripper Street“ hätte, dürfte enttäuscht sein. Mr. Whicher ist doch ein ziemlich normaler Mann. Er ist kein Exzentriker oder Genie, sondern eher ein Kommissar Maigret oder ein notorisch schlecht gelaunter Inspector Barnaby. Seine Ermittlungen stützen sich weniger auf Spuren, als auf Befragungen von Menschen, die mehr oder weniger viel zu verbergen haben und mehr oder weniger schamlos lügen. Dabei ist er mit Fällen und Motiven konfrontiert, die jederzeit spielen könnten. Gesellschaftliche Zwänge und Regeln werden nicht, wie in anderen in der Vergangenheit spielenden Krimis, als wichtiger Teil der Ermittlung angesprochen.
Aber das Zeitkolorit ist mit den Gebäuden, den Kutschen und den Kleidern gut getroffen, Paddy Considine ist immer ein Gewinn, die anderen Schauspieler sind auch gut und allzuviele historische Kriminalfilme gibt es nicht.
Als Bonusmaterial gibt es ein informatives kurzes „Behind the Scenes“ zum ersten Whicher-Film „Der Mord von Road Hill House“.
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Der Verdacht des Mr. Whicher: Der Mord von Road Hill House (The Suspicions of Mr Whicher: The Murder at Road Hill House, Großbritannien 2011)
Regie: James Hawes
Drehbuch: Neil McKay
LV: Kate Summerscale: The Suspicions of Mr Whicher or The Murder at Road Hill House, 2008 (Der Verdacht des Mr Whicher oder Der Mord von Road Hill House)
mit Paddy Considine, Peter Capaldi, Tom Georgeson, William Beck, Emma Fielding, Tim Pigott-Smit, Kathe O’Flynn
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Der Verdacht des Mr. Whicher: Der Mord in der Angel Lane(The Suspicions of Mr Whicher: The Murder in Angel Lane, Großbritannien 2013)
Regie: Christopher Menaul
Drehbuch: Neil McKay
mit Paddy Considine, Olivia Colman, William Beck, Shaun Dingwall
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Der Verdacht des Mr. Whicher: Mein Fleisch und Blut (The Suspicions of Mr Whicher: Beyond the Pale, Großbritannien 2014)
Regie: David Blair
Drehbuch: Helen Edmundson
mit Paddy Considine, Nancy Carroll, John Hefferman, Adrian Quinton, Laura Frances-Morgan, Raphael Brandman, Tyler Bennett, Nicholas Jones, Ellora Torchia, Tim Pigott-Smith
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Der Verdacht des Mr. Whicher: Der Schein trügt (The Suspicions of Mr Whicher: The Ties that bind, Großbritannien 2014)
Regie: Geoffrey Sax
Drehbuch: Helen Edmundson
mit Paddy Considine, Helen Bradbury, Nancy Caroll, Ristead Cooper, Joanna Horton, James Northcote, Luke Thompson
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Die DVDs
Der Verdacht des Mr. Whicher: Der Mord von Road Hill House/Der Mord in der Angel Lane
Polyband
Bild 1,78:1 (16:9)
Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial: Behind the Scenes
Länge: 180 Minuten (2 x 90 Minuten)
FSK: ab 12 Jahre
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Der Verdacht des Mr. Whicher: Mein Fleisch und Blut/Der Schein trügt
3sat, 22.25 Local Hero(Großbritannien 1983, Regie: Bill Forsyth)
Drehbuch: Bill Forsyth
Ölmagnat Happer (Burt Lancaster!) schickt den Jungmanager MacIntyre wegen seines schottischen Namens nach Schottland. Dort soll er die Bewohner eines kleinen Dorfes von einer Ölraffinierie in Sichtweite überzeugen. Dummerweise stellt sich ein am Strand lebender Einsiedler quer.
Wunderschönes, damals auch an der Kinokasse sehr erfolgreiches Märchen. Denn es ist „eine nuancenreiche Komödie voller origineller Figuren, deren Schwächen nie verletzend geschildert werden, und voller wehmütiger Sehnsucht nach einem anderen Leben“ (Fischer Film Almanach 1984)
Chris Menges war der Kameramann und Mark Knopfler („Dire Straits“) schrieb die Musik.
mit Burt Lancaster, Peter Riegert, Fulton Mackay, Denis Lawson, Peter Capaldi, Norman Chancer Wiederholung: Freitag, 25. September, 02.15 Uhr (Taggenau!) Hinweise Rotten Tomatoes über „Local Hero“
Wikipedia über „Local Hero“ (deutsch, englisch)
„Inside WikiLeaks – Die fünfte Gewalt“, der erste Spielfilm über die Enthüllungsplattform, ist kein guter Film und dennoch ist es ein sehenswerter Film.
Die Geschichte von WikiLeaks dürfte in großen Zügen ja bekannt sein: der australische Hacker Julian Assange (grandios gespielt von Benedict Cumberbatch) gründet eine Plattform, auf der er Geheimdokumente online stellt. Daniel Domscheit-Berg (damals Daniel Berg, ebenfalls grandios von Daniel Brühl gespielt) wird sein Vertrauter. Mit ihren Enthüllungen bringen sie die Julius-Bär-Bank in die Bredouille (im Film übergibt ein von Axel Milberg gespielter Banker Domscheit-Berg bei seiner ersten Übergabe von Geheiminformationen im Januar 2008 das Material), leaken Informationen über die isländische Kaupthing Bank, veröffentlichen das „Collateral Murder“ genannte Video über einem US-Militäreinsatz, bei dem mehrere Zivilisten und zwei Reuters-Angestellte ermordet wurden, und stellen Tonnen von US-Regierungsdokumenten online. Diese vom US-Soldaten Bradley Manning beschafften Dokumente werden auch, zeitgleich zur WikiLeaks-Veröffentlichung im Juli 2010 in mehreren Zeitungen, wie „The Guardian“ und „Der Spiegel“, veröffentlicht. Die US-Regierung beginnt gegen den Störenfried vorzugehen. Die Wege von Assange und Domscheit-Berg trennen sich. Fast gleichzeitig werfen zwei Schwedinnen Assange vor, sie vergewaltigt zu haben. Assange will nicht in Schweden aussagen und sitzt seit über einem Jahr, als politischer Flüchtling, in der ecuadorianischen Botschaft in London fest.
Bill Condons Film folgt dieser Geschichte, erzählt dabei von der Freundschaft zwischen Assange und Berg, die als platonische Liebesgeschichte mit all ihren Verwerfungen und Problemen quasi im Mittelpunkt des Films steht, entwirft ein Psychogramm von Assange als charismatisches, von seiner Mission überzeugtes Arschloch und erzählt von der großen Enthüllung der US-Regierungsdokumente und damit der Beziehung zwischen Assange und dem Guardian. Die New York Times und der Spiegel, die daran auch beteiligt waren, bleiben Zaungäste – und den anonymen Whistleblowern gebührt während des gesamten Films kaum ein Halbsatz.
Das ist viel Stoff für einen Film und mit über zwei Stunden ist „Inside WikiLeaks“ auch zu lang geraten. Er franst an allen Ecken und Enden aus, weil Regisseur Bill Condon („Gods and Monsters“, „Kinsey“, „Breaking Dawn – Bis(s) zum Ende der Nacht“) und Drehbuchautor Josh Singer („The West Wing“, „Lie to me“, „Fringe“) alles erzählen wollen; jedenfalls soweit die Geschichte bis jetzt bekannt ist und das innerhalb von zwei Stunden. Man merkt daher auch immer, dass in diesem mit entsprechend heißer Nadel gestricktem Film eine ordentliche Überarbeitung des Drehbuchs, die zu einer eindeutigen erzählerischen Perspektive geführt hätte, fehlt. Ein Mangel, den „Inside WikiLeaks“ mit anderen Filmen, die unmittelbar nach den Ereignissen gedreht wurden, teilt. Denn der historische Abstand, der dazu führt, dass man Fakten von Fiktion trennen kann und dass man die Ereignisse und ihre Bewertung in Ruhe einsortieren kann, fehlt. Die Reflektion über das Ausmaß des Umbruchs fehlt noch. Die Zeit und der Wille, sich für eine Geschichte zu entscheiden fehlt und wahrscheinlich wäre „Inside WikiLeaks“ in der jetzigen Form als drei- oder vierstündiger TV-Film, in dem dann die Zeit gewesen wäre, tiefer in die Materie einzusteigen und man auch ganz anders zwischen Haupt- und Nebenplots wechseln kann, gelungener.
Dennoch und trotz seiner üppigen Laufzeit bleibt „Inside WikiLeaks“ oberflächlich und ist, soweit das bei den sich widersprechenden Statements der mehr oder weniger in die Ereignisse verwickelten realen Personen, die in herzlicher Abneigung miteinander verbunden sind und ihren Streit öffentlich austragen, eindeutig gesagt werden kann, sicher oft historisch nicht besonders akkurat. So ist, um nur ein Beispiel zu nennen, Daniel Domscheit-Bergs damalige Freundin und heutige Ehefrau in Wirklichkeit zehn Jähre älter als er; im Film ist sie deutlich jünger und sie wirkt wie eine x-beliebige, unpolitische Studentin. Julian Assange, dem wahrscheinlich nur ein vom ihm geschriebener und inszenierter Film mit ihm in der Hauptrolle gefallen könnte, hat schon mehrmals sein Missfallen über den Film geäußert und auch andere in die WikiLeaks-Geschichte involvierte Menschen zählen in liebenswerter Genauigkeit die Fehler des Films auf. Als gäbe es nur eine Wahrheit. Als sei ein Spielfilm ein Dokumentarfilm, wie Alex Gibneys kürzlich im Kino gelaufene und demnächst auf DVD erscheinende sehr gelungene Dokumentation „We steal Secrets: Die WikiLeaks-Geschichte“ (We steal Secrets: The Story of WikiLeaks, USA 2013), die auch dem Whistleblower Bradley Manning, der WikiLeaks die zahlreichen US-Dokumente gab, seinen gebührenden Platz gibt. In „Inside WikiLeaks“ wird er nur in einem Halbsatz erwähnt und die Vergewaltigungsvorwürfe, die in Gibneys Doku ausführlich geschildert werden, werden in „Inside WikiLeaks“ mit einer Texttafel abgehandelt, weil er letztendlich die gemeinsame Zeit von Julian Assange und Daniel Domscheit-Berg von Dezember 2007 bis zu ihrer Trennung im Spätsommer 2010 schildert.
Nachdem Condon zunächst die üblichen Bildern von jungen Männern, die enthemmt die Tastatur malträtieren und Buchstaben und Zahlen über den Bildschirm flackern, zeigt, gelingen ihm später zahlreiche sehr gelungene Visualisierungen des Cyberspace. Das erste Privatgespräch von Assange und Domscheit-Berg, nachdem sie sich Ende Dezember 2007 in Berlin auf dem Chaos Commmunications Congress (24C3) kennen lernen, ist so grotesk, dass es wahrscheinlich wahr ist: Assange und Domscheit-Berg ziehen sich im nicht mehr existierendem alternativen Künstlerhaus „Tacheles“ in ein Nebenzimmer, in dem sie allein sind, zurück, um sich, an einem Tisch sitzend, via Computer zu unterhalten. Treffender wurde das Lebensgefühl dieser Computernerds wahrscheinlich noch nie gezeigt. Später springt Condon in den Cyberspace und findet für komplexe Vorgänge grandios einfache und eindrückliche Bilder. Zum Beispiel wenn Domscheit-Berg erkennt, dass hinter den vielen WikiLeaks-Mitarbeitern, mit denen er in den vergangenen Monaten eifrig elektronisch kommunizierte und von denen er nur die Namen kannte, immer Assange steckte. Dann erscheint hinter jedem Schreibtisch und hinter jedem Namen, die in einem anonymen, raum- und fensterlosem Großraumbüro stehen, das Gesicht von Assange.
Trotz aller Fehler, die „Inside WikiLeaks“ hat, gelingt es dem Film, vor allem im letzten Drittel, wenn es um die Veröffentlichung von Dokumenten im Guardian und auf WikiLeaks geht, zum Nachdenken über den Wert und die Gefahren von Transparenz anzuregen. Er erzählt auch von den persönlichen Verwerfungen, die es in Projekten immer wieder gibt und wie ein Charismatiker Menschen begeistern kann.
Damit bietet der sich an ein breites Publikum richtende Film, der definitiv kein Anti-WikiLeaks-Film ist, genug Stoff für eine ordentliche Diskussion nach dem Filmende – und das ist dann wieder mehr, als andere Filme liefern.
Inside WikiLeaks – Die fünfte Gewalt (The Fifth Estate, USA 2013)
Regie: Bill Condon
Drehbuch: Josh Singer
LV: Daniel Domscheit-Berg (mit Tina Klopp): Inside WikiLeaks: Meine Zeit bei der gefährlichsten Webseite der Welt, 2011; David Leigh/Luke Harding: WikiLeaks: Inside Julian Assange’s War on Secrecy, 2011 (WikiLeaks: Julian Assanges Krieg gegen Geheimhaltung)
mit Benedict Cumberbatch, Daniel Brühl, Anthony Mackie, Laura Linney, Stanley Tucci, David Thewlis, Peter Capaldi, Alan Rusbridger, Alicia Vikander, Carice van Houten, Moritz Bleibtreu, Axel Milberg, Ludger Pistor, Lisa Kreuzer, Edgar Selge, Alexander Siddig (viele bekannte Namen, aber viele haben nur kurze Auftritte)