Neu im Kino/Filmkritik: „Rust – Legende des Westens“, der Western, für den eine Frau starb

Mai 2, 2025

Ganz kommen wir um die tragische Entstehungsgeschichte von Joel Souzas Western „Rust – Legende des Westens“ nicht herum. Denn sie ist der Grund, warum der Western nach einer Unterbrechung fertig gedreht wurde und jetzt sogar im Kino läuft.

Bei den ursprünglichen Dreharbeiteten erschoss Hauptdarsteller Alec Baldwin am 21. Oktober 2021 am zwölften Drehtag Kamerafrau Halyna Hutchins. Entgegen den Sicherheitsbestimmungen war der Revolver mit scharfer Munition geladen. Baldwin sollte den Revolver auf die Kamera richten und abdrücken. Das tat er. Hutchins starb. Souza wurde von der gleichen Kugel verletzt.

Danach wurden die Dreharbeiten zuerst unter-, später abgebrochen. In den folgenden Tagen wurde mehr über die chaotischen Dreharbeiten bekannt. Unter anderem gab es mehrere Klagen und Kündigungen von Crewmitgliedern wegen der Nichtbefolgung von Sicherheitsvorschriften, die solche tödlichen Unfälle verhindern sollten. Es kam zu Gerichtsverfahren, Urteilen und außergerichtlichen Einigungen.

Am 20. April 2023 wurden die Dreharbeiten fortgesetzt. Teils mit anderen Schauspielern und Crewmitgliedern. Regisseur Souza sagte, er wolle möglichst viel von Halyna Hutchins gedrehtem Material verwenden. Wie viele von Hutchins gemachten Aufnahmen jetzt in „Rust – Legende des Westens“ verwendet wurden, ist unklar. Es ist auch unklar, wie umfangreich der Nachdreh, der am 22. Mai 2023 endete, war.

Am Ende des Abspanns wird gesagt, dass alle Einnahmen aus dem Film der Familie von Halyna Hutchins zugute kommen sollen.

Wer mehr über den tödlichen Unfall lesen will, findet auf der deutschen und der englischen Wikipedia-Seite umfangreiche Informationen dazu.

Ob man die Fertigstellung und kommerzielle Verwertung das Films als eine ablehnenswerte Pietätlosigkeit oder als eine letzte Ehrerbietung gegenüber der Toten wertet, liegt im Auge des Betrachters. Das ändert nichts daran, dass in der Vergangenheit auch nach tödlichen Unglücken die Filme nach mehr oder weniger kurzer Zeit ins Kino kamen. Bei „The Crow“ (dem Original, nicht dem schon jetzt vergessenem Remake) war der Tod von Hauptdarsteller Brandon Lee, ebenfalls mit einer scharfen Schusswaffe während der Dreharbeiten, das Marketing-Tool um den Fantasy-Horrorfilm, auch wegen der Filmgeschichte und der Inszenierung, zu einem Kultfilm zu machen.

Im Fall von „Rust – Legende des Westens“ ist der durch den Hauptdarsteller, der gleichzeitig einer der Produzenten des Films ist, verursachte Tod der Kamerafrau eine Tatsache, die zu wichtig ist, um sie in Besprechungen nicht anzusprechen, aber für den Film an sich ist sie unerheblich.

Und eben diesem Film wollen wir uns jetzt zuwenden.

Der von Joel Souza inszenierte Western spielt in den frühen 1880er Jahren in Kansas. Dort versucht der 13-jährige friedfertige Lucas Hollister (Patrick Scott McDermott) mit seinem jüngerem Bruder in einer einsam gelegenen Holzhütte und etwas Subsistenzland- un Viehwirtschaft zu überleben. Als er einen Kojoten erschießen will, erschießt er zufällig einen Mann. Er wird zum Tod durch den Strang verurteilt. Sein jüngerer Bruder kommt, auch mit der Hilfe einer ihm bislang unbekannten Tante, in ein Kinderheim.

Kurz darauf – in dem Moment ist die erste halbe Stunde des 140-minütigen Films bereits um – taucht aus heiterem Himmel der uns bislang gänzlich unbekannte Harland Rust (Alex Baldwin) auf. Der berüchtigte Outlaw und Großvater von Lucas befreit den Jungen. Gemeinsam machen sie sich auf den Weg Richtung Mexiko. Verfolgt werden sie von dem Sheriff, seinen Männern und vielen Kopfgeldjägern, die das hohe, auf Harland ausgetzte Kopfgeld haben wollen.

Was spätestens jetzt zu einem zünftigen Western werden könnte, plätschert weiter bedeutungsschwanger vor sich hin. Die Story ist aus unzähligen Western bekannt. Souza, der auch das Drehbuch schrieb, reiht die bekannten Versatzstücke aneinander. Er spricht immer wieder interessante Aspekte an, die aus einem anspruchlosem B-Picture einen besseren Film hätten machen können. Es sind Momente, in den der Western-Fan sich sehnsüchtig einen Sam Peckinpah oder Walter Hill als Regisseur wünscht. Bei Souza reicht es nur für ein überlanges B-Picture. Er benötigt epische hundertvierzig Minuten für eine Geschichte, die in den fünfziger Jahren ein routinierter Western-Regisseur in der halben Zeit besser erzählt hätte.

Die Kameraarbeit von Halyna Hutchins und Bianca Cline, die nach ihrem Tod den Posten übernahm, ist gelungen und deutlich besser als in vergleichbar budgetierten B-Western. Vor allem die Landschaftsaufnahmen gefallen. Bei den gut ausgeleuchteten Innenaufnahmen nervt die Marotte, als sei man auf einer John-Ford-Gedächtnisveranstaltung, immer mindestens eine Aufnahme einzufügen, in der die Kamera aus dem Raum auf eine im Tageslicht vor der offenen Tür stehenden Person blickt. Vor allem bei den Innenaufnahmen bevorzugen Hutchins und Cline wenig Licht und eine monochrome Farbgestaltung in verschiedenen Brauntönen. Gerne nehmen sie Menschen aus einer leichten Untersicht auf. Auch wenn einges über die gesamte Laufzeit nervt, ist das nicht ihre, sondern die Schuld des Regisseurs, der nicht in der Lage war, „Rust“ auf eine Laufzeit von deutlich unter zwei Stunden zu kürzen.

Rust – Legende des Westens“ ist ein okayer, wenn auch deutlich zu lang geratener B-Western, bei dem die überlegte Bildgestaltung positiv auffällt. Ohne den Todesfall bei den Dreharbeiten wäre der Western bei uns irgendwann direkt auf DVD erschienen.

Rust – Legende des Westens (Rust, USA 2024)

Regie: Joel Souza

Drehbuc: Joel Souza

mit Alec Baldwin, Patrick Scott McDermott, Travis Fimmel, Frances Fisher, Josh Hopkins, Jake Busey, Devon Werkheiser

Länge: 140 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Rust“

Metacritic über „Rust“

Rotten Tomatoes über „Rust“

Wikipedia über „Rust“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: Auf dem Weg nach „Kandahar“

August 19, 2023

Nachdem Black-Ops-Agent Tom Harris (Gerard Butler) im Iran einen Atomreaktor sabotiert hat, wird er enttarnt. Im Fernsehen wird sein Gesicht gezeigt. Ab diesem Moment steht er auf ungefähr jeder iranischen und irgendwie mit dem Iran assozierbaren Todesliste. Er muss also so schnell wie möglich das Land verlassen. Den gebuchten Flug kann er selbstverständlich nicht benutzen. Aber sein Vorgesetzter organisiert einen alternativen Fluchtweg. Er muss nur innerhalb der nächsten 30 Stunden lebendig nach Afghanistan gelangen. In Kandahar steht auf einem alten CIA-Flugplatz dann sein Flugzeug. Begleitet wird er auf der gefährlichen Fahrt durch weitgehend menschenleeres Gebiet von dem afghanischen Übersetzer Mohammad Doud (Navid Negahban).

Verfolgt werden sie von Kahil Nasir (Ali Fazal), einem eiskalten, auf sein Ziel fokussiertem Killer, der anscheinend über unendliche Ressourcen verfügen kann.

Kandahar“ ist nach „Angel has fallen“ und „Greenland“ die dritte Zusammenarbeit von Regisseur Ric Roman Waugh und Gerard Butler. Geschrieben wurde die Geschichte von Mitchell LaFortune, einem ehemaligen Offizier des US-Verteidigungsnachrichtendienstes Defense Intelligence Agency (DIA), der auch in Afghanistan arbeitete.

Das Ergebnis ist ein okayes B-Picture, das lobenswerte Ambitionen hat. Es will nicht nur eine gängige Actiongeschichte erzählen, sondern auch die dortige politische Situation und die damit verbundenen Konflikte beleuchten. Aber letztendlich werden nur die altbekannten Klischees, leicht upgedatet, reproduziert. Die Action ist eher dünn gesät. Dafür wird auf der Fahrt nach Kandahar viel geredet über Krieg und Frieden in der Region.

Kandahar (Kandahar, USA 2023)

Regie: Ric Roman Waugh

Drehbuch: Mitchell LaFortune

mit Gerard Butler, Navid Negahban, Travis Fimmel, Ali Fazal

Länge: 121 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „Kandahar“

Metacritic über „Kandahar“

Rotten Tomatoes über „Kandahar“

Wikipedia über „Kandahar“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Ric Roman Waughs „Snitch – Ein riskanter Deal“ (Snitch, USA 2013)

Meine Besprechung von Ric Roman Waughs „Angel has fallen“ (Angel has fallen, USA 2019)

Meine Besprechung von Ric Roman Waughs „Greenland“ (Greenland, USA 2020)


Neu im Kino/Filmkritik: „Delia’s gone“, aber wer hat sie ermordet?

Oktober 14, 2022

Für den Mord an seiner Schwester Delia saß Louis in Ohio fünf Jahre im Gefängnis. Seitdem lebt er freiwillig in einem Pflegeheim. Besuche erhält er keine. Das ist dem nach einem Unfall psychisch und auch physisch behindertem Louis ganz recht. Er lebt in seiner Welt. Er braucht Ruhe und geordnete Abläufe.

Als Stacker ihn besucht, verändert sich alles. Stacker war in der Kleinstadt, in der Louis mit Delia lebte, einer von Delias Freunden. Stacker weiß, dass Delias Mörder noch nicht bestraft wurde. Bevor er Louis mehr verraten kann, rastet Louis aus. Sie werden getrennt.

Kurz darauf macht Louis sich auf den Weg in seine alte Heimatstadt. Er will Delias Mörder finden.

Delia’s gone“ ist ein okayer Country-Noir. „Born to be Blue“-Regisseur Robert Budreau erzählt in seinem neuem Film eine ziemlich einfache Kriminalgeschichte mit einem ungewöhnlichem Helden; überzeugend gespielt von Stephan James („Beale Street“). Dieser ist nach einem Unfall auf dem Niveau eines Kindes stehen geblieben. Er stolpert, oft tollpatschig, durch die Welt. Er überblickt nie die Folgen seiner Handlungen. Deshalb kann ein harmloses Gespräch schnell handgreiflich werden und der Gespächspartner am Ende tot sein.

Die Lösung ist, immerhin muss Louis in der Lage sein, Delias Mörder zu finden, wenig überraschend, aber glaubwürdig. Und einige Szenen bringen die Geschichte nicht voran, verschaffen aber Marisa Tomei (zuletzt May Parker in den „Spider-Man“-Filmen) und Paul Walter Hauser („Richard Jewell“) zusätzliche Screentime als ungleiches Polizistenpaar. Sie spielen die zwei Provinzpolizisten, die Louis jagen und sich dabei kabbeln. Denn Tomei erteilt Hauser gerne Befehle.

Delia’s gone (Delia’s gone, USA/Kanada 2022)

Regie: Robert Budreau

Drehbuch: Robert Budreau (nach der Kurzgeschichte „Caged Bird Sing“ von Michael Hamblin)

mit Stephan James, Paul Walter Hauser, Travis Fimmel, Marisa Tomei, Genelle Williams

Länge: 95 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „Delia’s gone“

Metacritic über „Delia’s gone“

Rotten Tomatoes über „Delia’s gone“

Wikipedia über „Delia’s gone“

Meine Besprechung von Robert Budreaus „Born to be Blue“ (Born to be Blue, Kanada/Großbritannien 2015) – mit Bruce Webers Chet-Baker-Doku „Let’s get lost“ und einem Baker-Konzert und der DVD


TV-Tipp für den 14. Februar: Maggies Plan

Februar 14, 2019

3sat, 22.25

Maggies Plan (Maggie’s Plan, USA 2015)

Regie: Rebecca Miller

Drehbuch: Rebecca Miller (nach einer Geschichte von Karen Rinaldi)

Die New Yorkerin Maggie (Greta Gerwig) will ein Baby und sie hat auch schon den perfekten Samenspender gefunden. Da trifft die Akademikerin zufällig einen Literaturprofessor (Ethan Hawke), verliebt sich in ihn und ihr erster Plan geht in die Binsen. Als drei Jahre später das Zusammenleben mit John nicht so traumhaft ist, wie sie sich erhofft hat, entwirft sie einen neuen Plan.

TV-Premiere: Wunderschöne Screwball-Comedy im New Yorker Intellektuellenmilieu. Das erinnert natürlich an Woody Allen, aber Rebecca Miller hat eine ganz andere Handschrift.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Greta Gerwig, Ethan Hawke, Julianne Moore, Bill Hader, Maya Rudolph, Travis Fimmel, Ida Rohatyn, Wallace Shawn

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Berlinale über „Maggies Plan“

Moviepilot über „Maggies Plan“

Metacritic über „Maggies Plan“

Rotten Tomatoes über „Maggies Plan“

Wikipedia über „Maggies Plan“

Meine Besprechung von Rebecca Millers „Maggies Plan“ (Maggie’s Plan, USA 2015)


Neu im Kino/Filmkritik: „Maggies Plan“ geht erfreulich schief

August 5, 2016

Eigentlich ist Maggie eine furchtbare Person. Die Anfang Dreißigjährige, allein lebende New Yorkerin wünscht sich ein Kind und sie hat dafür, inclusive Samenspender, schon alles durchgeplant. Da lernt sie John, einen angenehmen, verständnisvollen und interessierten Gesprächspartner, kennen. Er ist Dozent an der Universität, an der sie ebenfalls ohne große Karriereambitionen arbeitet. Aber er will sich verändern Er sieht sich als Romancier. Er gibt der literaturbegeisterten Maggie sein Manuskript zum Lesen und sie ist begeistert. Er könnte der perfekte Mann sein, wenn er nicht verheiratet wäre und Kinder hätte.

Drei Jahre später fasst Maggie einen neuen Plan. Denn das mit den Kindern hat zwar geklappt. Sie darf sogar auf Johns Kinder aus erster Ehe aufpassen. Aber ihr Traummann, der immer noch an seinem autobiographisch inspiriertem Roman arbeitet, ist der typische Feierabend-Daddy, der sich überhaupt nicht um die Kinder kümmert und die Karriere seiner Frau sabotiert. Nicht aus Bösartigkeit, sondern aus purer Ignoranz. Im Bett klappt es auch nicht mehr.

Weil für Maggie ein normales Beziehungsende zu profan ist, soll John sich wieder in seine Ex-Frau Georgette, eine egozentrische und ehrgeizige Akademikerin, verlieben. Die, so denkt Maggie sich, passen auch besser zusammen. Nur wie bringt man die beiden wieder zusammen?

Ein Plan muss her, der, wie alle Pläne, perfekt ist, bis er auf die Wirklichkeit trifft.

Maggie wird von Greta Gerwig gespielt und allein schon deshalb ist Maggie eine liebenswert-verpeilte Person, die auch gut in einem Woody-Allen-Film ausgehoben wäre. Immerhin spielt Rebecca Millers Screwball-Comedy in diesem New Yorker Intellektuellenmilieu und es geht um deren Liebeswirren und mehr oder weniger intellektuelle Arbeit.

Georgette wird von Julianne Moore gespielt und, auch wenn in der deutschen Fassung ihr dänischer Akzent, wahrscheinlich nicht mehr vorhanden ist (ich habe mich durch die Originalfassung gelacht), sagen ihre Kleider und ihre sich gegen Himmel türmende Frisur alles über diesen Charakter. Auch als kleinste Person dominiert sie den Raum.

Zwischen den beiden Frauen versucht John sein Glück. Ethan Hawke spielt ihn und schon deshalb erinnert sein Möchtegern-Schriftsteller an Jesse aus Richard Linklaters „Before Sunset“/“Before Sunset“/“Before Midnight“. Mit weniger Verantwortungsbewusstsein. Dafür hat er ja zwei Frauen, die sein Schicksal planen.

Bei all den Liebeswirren der in „Maggies Plan“ gezeigten Thirty-Somethings und älter fällt irgendwann auf, dass Maggie und ihr Umfeld Liebe, Ehe und Partnerschaft immer nur in der konservativen Variante von Mann-Frau-Kind buchstabieren. Auch wenn Georgette (mehr) und Maggie (weniger) berufstätig sind.

Maggies Plan - Plakat

Maggies Plan (Maggie’s Plan, USA 2015)

Regie: Rebecca Miller

Drehbuch: Rebecca Miller (nach einer Geschichte von Karen Rinaldi)

mit Greta Gerwig, Ethan Hawke, Julianne Moore, Bill Hader, Maya Rudolph, Travis Fimmel, Ida Rohatyn, Wallace Shawn

Länge: 99 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Berlinale über „Maggies Plan“

Moviepilot über „Maggies Plan“

Metacritic über „Maggies Plan“

Rotten Tomatoes über „Maggies Plan“

Wikipedia über „Maggies Plan“

Im AOL Building sprechen die Regisseurin und die Schauspieler über den Film

Beim NYFF wird sich über die Produktion des Films unterhalten. Es sind also die Menschen vor der Kamera, die normalerweise hinter der Kamera sind


Neu im Kino/Filmkritik: Über die gar nicht so schlechte Spieleverfilmung „Warcraft: The Beginning“

Mai 26, 2016

Überraschend gelungen ist Duncan Jones‘ dritter Spielfilm „Warcraft: The Beginning“. Das sagt jetzt allerdings wenig über den Film an sich, sondern vor allem über den Referenzrahmen aus. „Warcraft: The Beginning“ (ab jetzt nur noch „Warcraft“, im Netz gibt es ja kein Zeilengeld) ist eine Spieleverfilmung und „gute Spieleverfilmung“ ist ein bekanntes Oxymoron. Die meisten Spieleverfilmungen sind als Film und als irgendwie geartete Adaption des Spiels gescheitert. Eine Qual für die Fans des Spiels, weil sie im Film nichts von der Großartigkeit des Spiels finden, und eine für das restliche Publikum, weil es einen grottenschlechten Film sieht, eine Geldverschwendung, bei der vollkommen unklar ist, warum irgendjemand, geschweige den Millionen, das Spiel gekauft haben.

Warcraft“ ist außerdem ein Fantasy-Film und Fantasy-Filme irgendwo zwischen Rittern und eiserne Jungfrauen im Mittelalter und „Herr der Ringe“-Zaubereien interessieren mich herzlich wenig. Ich halte es da mit Alfred Hitchcock, de sich fragte, wie die Menschen in den Kostümen auf die Toilette gehen. Außerdem sind etliche Fantasy-Filme, trotz oder wegen ihres Budgets, schlechte Filme.

Kurz gesagt: in diesem Umfeld sind die Erwartungen notorisch gering.

Aber dann ist der Film von Duncan Jones und seine beiden Science-Fiction-Filme „Moon“ und „Source Code“ haben mir gut gefallen. Sie kosteten nicht viel Geld, hatten aber eine gute Geschichte und gute Schauspieler. Gute Schauspieler hat „Warcraft“ auch, wobei auf die wirklich großen Namen verzichtet wurde. Sie sollten nicht von der Geschichte ablenken.

Ihm könnte also eine gute Spieleverfilmung gelingen.

Oh, und Duncan Jones ist ein bekennender „World of Warcraft“-Spieler, was erst einmal nichts sagt, aber immerhin die Hoffnung weckt, dass er dem Geist des Spiels treu bleibt. Ob ihm das gelingt, kann ich nicht sagen. Computerspiele interessieren mich ungefähr so sehr wie Fantasy-Filme. Und das ist „Warcraft“.

Es geht um die aus einer fremden Welt in das Königreich von Azeroth kommenden Orcs. Die Orcs sehen aus wie eine muskelbepackte Version von Arnold Schwarzenegger. Sie leben für den Krieg und wollen die Welt der Menschen erobern. Die Menschen sind davon nicht begeistert. Ihre Truppen werden angeführt von dem tapferen Krieger Anduin Lothar (Travis Fimmel), dem jungen Zauberer Khadgar (Ben Schnetzer) und dem Wächter Medivh (Ben Foster), der mit seinen magischen Kräften über die Menschen wacht. Allerdings hat er sich in den letzten sechs Jahren in seine Burg zurückgezogen, widmete sich seinen Schriften und der Erschaffung eines Golems. Sekundiert werden sie von dem König Llane (Dominic Cooper) und seiner Gemahlin und Anduins Schwester Lady Taria (Ruth Negga).

Auf der Seite der Orcs haben die Macher weniger Sorgfalt verwandt, obwohl sie die Geschichte aus der Perspektive der Menschen und der Orcs erzählen wollen (was dann bei Friedensverhandlungen zu etwas putzigem Sprachwirrwarr auf der Tonspur sorgt). Einerseits sehen sie sich doch alle recht ähnlich, andererseits gibt es neben ihrem Anführer, dem Hörner tragendem Greis Gul’dan (Daniel Wu), dem tapferen Durotan (Toby Kebbell) und seiner ebenso kriegsbegabten, schwangerschaftsbedingt ausfallenden Frau Draka (Anna Galvin) kaum Charaktere, die einen größeren Wiedererkennungswert haben.

Zwischen beiden Welten steht Garona (Paula Patton), ein Halb-Mensch/Halb-Orc-Wesen, das Anduin gefangen genommen wird und, weil sie die Sprache der Menschen versteht, zur Übersetzerin und Vermittlerin zwischen ihnen wird. Kämpfen kann sie auch und es bleibt ein Rätsel, warum sie und der mit ihr gefangen genommene Orc nicht einfach ausbrechen.

Nachdem diese Fronten geklärt sind, fällt Durotan auf, dass Gul’dan alles zerstört, was in seinen Einflussbereich gerät. Er will sich daher mit den Menschen gegen den wahren Bösewicht verbünden.

Gut, die Story kennen wir wirklich vorwärts und rückwärts, mit allen möglichen Verwicklungen aus jedem zweiten Mittelalterfilm und Duncan Jones erzählt sie brav nach mit vorhersehbaren Wendungen, einem gemächlichen Erzähltempo, seit Ewigkeiten patentierten Dialogen und eindimensionalen Charakteren. Also mit all den Dingen, die wir in seinen vorherigen Filmen nicht vermissten. Daher ist „Warcraft“ vor allem ein Film für die Fantasy-Filmgemeinde, die gerade unter Hobbit-Entzug leidet, und für die Duncan-Jones-Komplettisten.

Denn die Bilder beeindrucken. Auch, was gar nicht so einfach ist, in 3D im IMAX. Wobei die Dimensionen und Proportionen zwischen riesigen Händen und Kleinkinderköpfen bei den Orcs immer wieder falsch wirken. Die Geschichte wird mit etwas Humor und dem augenzwinkernden Einverständnis erzählt, dass wir sie letztendlich schon kennen. Auch wenn die Namen ausgetauscht wurden.

Obwohl der Film „The Beginning“ heißt, erzählt er, bis auf einige Hinweise auf die weitere Geschichte und einigen überraschenden Todesfällen, eine in sich abgeschlossene Geschichte, für die man das Spiel nicht kennen muss.

Überraschend gelungen ist, um wieder auf meine erste Bewertung zurückzukommen, in diesem Fall ein okayer Fantasy-Film, der nichts neu erfindet, angenehm konservativ seine Geschichte erzählt und die bekannten Fallen früherer Spieleverfilmungen umschifft. Das ist im Umfeld von „Tomb Raider“, „Max Payne“, „Hitman – Jeder stirbt alleine“ und „Need for Speed“ schon sehr viel.

Warcraft - Plakat

Warcraft: The Beginning (Warcraft: The Beginning, USA 2016)

Regie: Duncan Jones

Drehbuch: Charles Leavitt, Duncan Jones

mit Travis Fimmel, Paula Patton, Ben Foster, Dominic Cooper, Toby Kebbell, Ben Schnetzer, Robert Kazinsky, Clancy Brown, Daniel Wu, Ruth Negga

Länge: 124 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Warcraft: The Beginning“

Metacritic über „Warcraft: The Beginning“

Rotten Tomatoes über „Warcraft: The Beginning“

Wikipedia über „Warcraft: The Beginning“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Duncan Jones‘ “Moon” (Moon, Großbritannien 2009) und ein Interview mit Duncan Jones über den Film

Meine Besprechung von Duncan Jones‘ „Source Code“ (Source Code, USA 2011)


Grummelig kloppende „Vikings“ bei Amazon Instant Video

Juni 16, 2014

Die erste Staffel von „Vikings“ lief gerade im Free-TV und wurde auf DVD veröffentlicht, da kann der geneigte Wikinger-Fan sich bei Amazon Prime Instant Video bereits die komplette zweite Staffel, wahlweise auf Deutsch oder auf Englisch ansehen.
Die zweite Staffel beginnt mit einer ziemlich blutigen Klopperei zwischen den Männern von Ragnar und Rollo. Das Scharmützel endet erst, als Rollo seinen Bruder nicht töten kann und er sich ergibt. Fortan ist er im Wikinderdorf nur noch leidlich gelitten, aber die meiste Zeit der ersten und zweiten Folge wird sich dann auf das Dorfleben, lässliche Eheprobleme, wie wir sie aus Soap Operas kennen, und der Vorbereitung einer Überfahrt nach England konzentriert.
Gegen Ende der zweiten Episode kommen Ragnar und seine Männer in England an und sie werden auch gleich angegriffen. Sie können die Männer von König Egbert besiegen und wir können vermuten, dass wir in den weiteren Folgen der aus zehn Episoden bestehenden zweiten „Vikings“-Staffel mehr von ihren englischen Abenteuern erfahren.
Dass ich kein großer Freund von Mittelalter- und Fantasy-Filmen bin, dürfte euch nicht überraschen. Aber ich bin auch begeisterungsfähig. Wenn die Story gut ist, wenn es irgendwie überraschend ist, wenn es spannend ist, bin ich dabei.
Aber „Vikings“ bewegt sich dann doch zu sehr in vertrauten Gewässern und gerade die ersten beiden Folgen plätschern teilweise unerträglich vor sich hin. Mögliche Konflikte, vor allem zwischen den beiden Brüdern, zwischen Ragnars Ehefrau und seiner schwangeren Geliebten, zwischen Rollo, dem geächteten Verräter und Fast-Brudermörder, und der Dorfbevölkerung, zwischen den Wikingern und den Göttern werden kaum angesprochen. Sowieso sind die meisten Dorfbewohner für die Geschichte vollkommen nebensächlich. Auch die Hauptcharaktere bleiben blass. Intrigen gibt es keine; wobei so eine richtige Intrige mit Palastrevolution in einem kleinen Dorf schwer zu organisieren ist. Und nachdem Ragnar sich auf den Weg nach England macht, verabschiedet sich die Dorfgemeinschaft aus der Geschichte. Allerdings, wie ein Blick in die Episodenguide verrät, nur vorläufig.
Gut, die ersten beiden Episoden der zweiten Staffel (und mehr kenne ich nicht) sind nur der Auftakt, in dem – hoffentlich – einiges für die restlichen acht Episoden vorbereitet wird, aber für sich alleine stehend, sind sie langweilig.
Abgesehen von der graphischen Gewalt bei den beiden Kämpfen (am Anfang der ersten und am Ende der zweiten Episode) zeigt „Vikings“ nichts, was nicht auch schon vor Jahren in einer TV-Serie gezeigt wurde.
„Vikings“-Erfinder Michael Hirst ist auch verantwortlich für die hochgelobte TV-Serie „Die Tudors“ und die Filme „Elizabeth“ und „Elizabeth – Das goldene Königreich“, beide mit Cate Blanchett in der Hauptrolle.

Vikings - Staffel 2 Amazon - 4

Vikings – Staffel 2 (Vikings, Irland/Kanada 2014)
Regie: Ciarán Donnelly
Drehbuch/Idee: Michael Hirst
mit Travis Fimmel, Katheryn Winnick, Clive Standen, Jessalyn Gilsig, Gustaf Skarsgård, George Blagden, Alexander Ludwig, Alyssa Sutherland, Donal Logue, Linus Roache

Hinweise
Amazon über „Vikings“

History Television über „Vikings“

Rotten Tomatoes über „Vikings“

Wikipedia über „Vikings“ (deutsch, englisch)