Neu im Kino/Filmkritik: „Die letzte Fahrt der Demeter“, die erste Fahrt mit Graf Dracula als Passagier

August 17, 2023

Wer Bram Stokers Roman „Dracula“ gelesen oder eine der vielen Verfilmungen des Romans gesehen hat, weiß, wie die Fahrt der Demeter endet. Die Demeter ist das Frachtschiff, das Graf Dracula und mehrere mit Erde gefüllte Kisten aus seiner Heimat, den Karpaten, nach England befördert. In London möchte er das Nachtleben in sich aufsaugen. Während der Fahrt tötet Dracula die Seeleute. Als die Demeter während eines Orkans in der zur Grafschaft Yorkshire gehörenden Hafenstadt Whitby strandet, ist die gesamte Besatzung tot.

Bram Stoker schildert diese Reise auf wenigen Seiten. In meiner dreihundertseitigen Übersetzung des Romans sind es keine fünf Seiten, in denen es vor allem darum geht, zu erklären, wie Graf Dracula aus seiner Heimat nach England gelangt. Dort spielt dann der größte Teil des Romans. In den Verfilmungen, die für jede Generation von Kinogängern die Figur des blutsaugenden Grafen neu interpretierten, wurde es bislang ähnlich gehandhabt. Die Reise interessierte nicht weiter.

Schon vor über zwanzig Jahren hatte Bragi Schut jr. die Idee, das Logbuch der Demeter als Grundlage für einen Spielfilm zu nehmen. Seine Idee kam bei Produzenten gut an. Anschließend wanderte das Projekt durch viele Hände, bis die Geschichte der letzten Fahrt der Demeter jetzt von André Øvredal verfilmt wurde. Øvredal inszenierte davor „Troll Hunter“ und „Scary Story we tell in the Dark“. Beides durchaus gelungene Genrewerke. Auch sein neuester Film „Die letzte Fahrt der Demeter“ ist ein Horrorfilm, der am besten funktioniert, wenn man ihn als netten altmodischen, zu lang geratenen Grusler goutiert. Denn wofür Øvredal zwei Stunden benötigt, wurde früher in neunzig Minuten erzählt. Wie früher wurde der Film nicht auf einem Schiff, sondern im Studio gedreht und im Zweifelsfall sind Atmosphäre und Schocks wichtiger als Logik und Wahrscheinlichkeit.

Die Länge ist nur ein Problem des Films. Ein anderes ist die Geschichte, die auf dem Logbuch der Demeter basiert und dieses auf Spielfilmlänge erweitert. Dafür werden auch einige neue Figuren erfunden: ein naseweiser Schiffsjunge, ein überqualifizierter Doktor, der hier zum ersten Mal auf der Demeter als Schiffsarzt anheuert, und eine junge Frau, die ihr bisheriges Leben in den Karpaten in dem Dorf verbrachte, das von Graf Dracula beherrscht wird. Gerade Anna ist die problematischste neue Figur. Denn obwohl sie ihr Leben mehr oder weniger mit dem Blutsauger verbrachte und von ihm an Bord geschmuggelt wurde, weiß sie nicht, wie man sich vor ihm schützt oder ihn töten kann. Sie hat weniger Ahnung von Vampiren, ihren Eigenschaften, Stärken und Schwächen als Professor van Helsing, der in „Die letzte Fahrt der Demeter“ nicht auftaucht.

Henry Clemens, der Mediziner, der zurück nach England will und deshalb auf der „Demeter“ anheuert, ist eine okaye neue Figur, die als Wissenschaftler einen van-Helsing-Touch hat. Er kann Menschen verarzten. Beispielsweise Anna, die, als sie auf der Demeter gefunden wird, schwer verletzt ist. Er stellt Vermutungen über die Ursachen ihrer Verletzungen an. Er will herausfinden, was auf der Demeter geschieht. Und er will Dracula besiegen.

Die Seeleute verhalten sich ziemlich idiotisch. So suchen sie den geheimnisvollen Passagier, den einige der Seemänner gesehen habe wollen, bevorzugt nach Einbruch der Dunkelheit. Schließlich ist er tagsüber nicht zu sehen. Auch nachdem sie sehen, wie einige ihrer Kameraden, die von Dracula zu Vampiren gemacht wurden, im Sonnenlicht verbrennen, kommen sie nicht auf die Idee, dass sie den unbekannten Passagier tagsüber suchen und ins Sonnenlicht zerren sollten. Als sie ihm eine Falle stellen, stellen sie diese nachts und in Sichtweite des rettenden Landes. Letztendlich sind sie Vampirfutter.

Graf Dracula ist erst gegen Ende länger im Bild. Er sieht aus wie Nosferatu, also wie Max Schreck in Friedrich Wilhelm Murnaus Stummfilm „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“ (eine nicht autorisierte Verfilmung von Stokers Roman) oder wie Klaus Kinski in Werner Herzogs Remake „Nosferatu – Phantom der Nacht“. Allerdings hat Javier Botets Dracula nichts verführerisches. Er ist ein nur nach Nahrung gierendes Monster.

Gerade weil die Macher in „Die letzte Fahr der Demeter“ nicht eine neue Menschen-müssen-auf-einem-Schiff-gegen-ein-Monster-kämpfen-Geschichte erzählen wollen, sondern einen Teil von Stokers „Dracula“-Roman als eigenständigen Film verfilmen wollten, müssen sie auch die gesamte, allseits bekannte Vampirmythologie und die Geschichte des Grafen Dracula beachten. Das führt schon bei der Beladung der Demeter in der Schwarzmeerstadt Warna zu den ersten Problemen. Während die Einheimischen sofort das Zeichen des Grafen Dracula auf einer Kiste erkennen und sich danach weigern, das Schiff weiter zu beladen und mitzufahren, bekommen der Kapitän und seine Stammbesatzungsmitglieder nichts davon mit. Auf See müssen sie sich, wie wir es aus unzähligen anderen Horrorfilmen kennen, immer wieder dumm und irrational verhalten.So verläuft die letzte Fahrt der Demeter dann, mit einigen selbst verschuldeten Problemen, ziemlich vorhersehbar.

Wie es besser geht zeigen die „Sherlock“-Erfindern Mark Gatiss und Steven Moffat in der von ihnen geschriebenen dreiteilige BBC-Miniserie „Dracula“ (mit Claes Bang als Dracula). Die zweite Folge schildert ebenfalls die Geschichte der Überfahrt. 

Die letzte Fahrt der Demeter (The last Voyage of the Demeter, USA/Deutschland 2023)

Regie: André Øvredal

Drehbuch: Bragi Schut jr., Zak Olkewicz (basierend auf der Story von Bragi Schut jr.)

LV: Bram Stoker: Dracula, 1897 (Dracula) (genaugenommen nur das wenigen Seiten umfassende Logbuch der Demeter)

mit Corey Hawkins, Aisling Franciosi, Liam Cunningham, David Dastmalchian, Javier Botet, Woody Norman

Länge: 119 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Filmportal über „Die letzte Fahrt der Demeter“ (wurde im Studio Babelsberg gedreht)

Moviepilot über „Die letzte Fahrt der Demeter“

Metacritic über „Die letzte Fahrt der Demeter“

Rotten Tomatoes über „Die letzte Fahrt der Demeter“

Wikipedia über „Die letzte Fahrt der Demeter“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von André Øvredals „Scary Stories to tell in the Dark“ (Scary Stories to tell in the Dark, USA 2019)

und dann gibt es noch einige andere Manifestationen von Graf Dracula, die ich ausführlicher besprochen habe

Meine Besprechung von Dario Argentos „Dario Argentos Dracula“ (Dracula 3D, Italien 2012)

Meine Besprechung von Gary Shores „Dracula Untold“ (Dracula Untold, USA 2014)

Meine Besprechung von Jonny Campbell/Damon Thomas/Paul McGuigans „Dracula“ (Dracula, Großbritannien 2020 – TV-Serie nach einem Buch von Mark Gatiss und Steven Moffat)

Meine Besprechung von Chris McKays „Renfield“ (Renfield, USA 2023)

Meine Besprechung von Roy Thomas/Mike Mignolas „Bram Stoker’s Dracula“ (Bram Stoker’s Dracula 1-4, 1993)


Neu im Kino/Filmkritik: „Bullet Train“, Abfahrt Tokio Hauptbahnhof, mit vielen Killern an Bord

August 4, 2022

Ladybug (Brad Pitt) soll nur eine Koffer aus einem Zug klauen. Der ‚Marienkäfer‘ steigt in Tokio ein in den nach Kyoto fahrenden Hochgeschwindigkeitszug Shinkansen. An der nächsten Station will er, mit dem Koffer, aussteigen. Aber Ladybug ist ein vom Pech verfolgter Auftragskiller. Deshalb weiß er, dass das kein einfacher Auftrag ist und alles, was schiefgehen kann, schiefgehen wird. Mit dieser, auf Erfahrung beruhender, Einstellung hat er einen Vorteil gegenüber den anderen Killer, die ebenfalls im Zug sitzen, die er teils von früher kennt und die er in den kommenden beiden Filmstunden kennen lernen wird. Ladybug ist daran gewöhnt zu improvisieren.

Die anderen Killer haben dagegen die irrwitzige Hoffnung, dass sie ihre Pläne mühelos verwirklichen können. In dem Moment sind im Shinkansen, so wird uns gesagt, das Killerduo Tangerine (Aaron Taylor-Johnson) und Lemon (Brian Tyree Henry), der Prince und Kimura (Andrew Koji). Kimura will in dem Zug den Prince umbringen. Wegen ihm liegt sein sechsjähriger Sohn im Koma im Krankenhaus. Der Prince ist, im Gegensatz zu unseren Erwartungen und im Gegensatz zum Roman, eine Schülerin im Pubertätsalter (Joey King).

Tangerine und Lemon sind mit dem Sohn des Gangsterbosses White Death im Zug. Sie haben ihn gerade aus den Händen einer Entführerbande gerettet, indem sie sie töteten. Das Lösegeld haben sie ebenfalls bei sich. Es ist in dem Koffer, den Ladybug stehlen soll.

Zu diesen Killern gesellen sich im Lauf des Films, mit jedem Halt, weitere Killer dazu, die teils nur kurze Auftritte haben. Im Rahmen von „Bullet Train“ bedeutet das, dass sie schnell tot sind.

David Leitch (zuletzt „Fast & Furious Presents: Hobbs & Shaw“) harte Actionkomödie „Bullet Train“ basiert auf dem gleichnamigem Thriller von Kotaro Isaka. Für den Film wurde die Prämisse und etliche Handlungselemente übernommen, aber auch vieles dazuerfunden und verändert. Unter anderem wurde aus den im Roman rein japanischen Killern eine Multikulti-Besetzung. Manchmal wurde auch das Geschlecht des Killers geändert. Gangsterboss Minegishi wird im Film zu White Death und er erhält eine andere Biographie. Drehbuchautor Zak Olkewicz verändert auch gleich die Motive des Mannes, der für die Killerversammlung im Zug verantwortlich ist. Denn es ist kein Zufall, dass ein gutes Dutzend Killer gerade diesen Zug benutzen.

Leitch erzählt dies angenehm flott über alle Absurditäten und Unwahrscheinlichkeiten hinweg. Die im knalligen Post-Tarantino/Guy-Ritchie-Stil erzählte Killerballade kümmert sich wenig um Plausibilität und Realismus. Dafür gibt es popkulturelle Anspielungen (so liest der Prince Trevanians Profikillerode „Shibumi“), lange Monologe (dank Lemon erfahren wir, wie im Buch, alles über Thomas, die kleine Lokomotive und seine Freunde), visuelle Spielereien, erklärende Rückblenden, viel ultrabrutale und in ihrer Übertreibung komische Gewalt und einige Witze. Wobei es im Film, außer man findet absurde Mordmethoden und unangemessenes Verhalten witzig, wenige genuine Lacher gibt. Dafür ist der gesamte Grundton des sich nicht ernst nehmenden Films humoristisch, vor allem von der lakonisch schwarzhumorigen Sorte.

Bullet Train“ ist eine kurzweilige, ultrabrutale Actionkomödie, die einfach nur ein rabiater Sommerspaß sein will. So als kurzweilige Überbrückung bis zum nächsten „Deadpool“- oder Guy-Ritchie-Film.

Bullet Train (Bullet Train, USA 2022)

Regie: David Leitch

Drehbuch: Zak Olkewicz

LV: Kōtarō Isaka: Mariabitoru, 2010 (Bullet Train)

mit Brad Pitt, Joey King, Aaron Taylor-Johnson, Brian Tyree Henry, Andrew Koji, Hiroyuki Sanada, Michael Shannon, Bad Bunny, Zazie Beetz, Logan Lerman, Karen Fukuhara, Masi Oka, Sandra Bullock

Länge: 127 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Die Vorlage (meine Besprechung)

Kotaro Isaka: Bullet Train

(übersetzt von Katja Busson)

Hoffmann und Campe, 2022

384 Seiten

22 Euro

Originalausgabe

Mariabitoru

Kadokawa, Tokio, 2010

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Bullet Train“

Metacritic über „Bullet Train“

Rotten Tomatoes über „Bullet Train“

Wikipedia über Kotaro Isaka, „Bullet Train“ (Roman) und „Bullet Train“ (Film) (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von David Leitchs „Atomic Blond“ (Atomic Blonde,USA 2017)

Meine Besprehung von David Leitchs „Deadpool 2“ (Deadpool 2, USA 2018)

Meine Besprechung von David Leitchs „Fast & Furious: Hobbs & Shaw“ (Fast & Furious presents: Hobbs & Shaw, USA 2019)

Meine Besprechung von Kotaro Isakas „Bullet Train“ (Mariabitoru, 2010)


Verfilmte Bücher: Kotaro Isakas „Bullet Train“ ist jetzt ein Film mit Brad Pitt

Juli 26, 2022

Bald ist es soweit: der neue Film mit Brad Pitt startet Anfang August in den Kinos. Die Werbemaschine mit Trailern, Pressekonferenzen und Autogrammen auf dem roten Teppich läuft und erzeugt die notwendige Aufmerksamkeit für die Actionkomödie, die auf einem Roman von Kotaro Isaka basiert.

In Japan ist der 1971 geborene Isaka ein Bestsellerautor. Bis jetzt veröffentlichte er 24 Romane. Er erhielt mehrere Preise, unter anderem von den Mystery Writers of Japan, und mehrere seiner Bücher waren für den prestigeträchtigen Naoki-Preis nominiert. Übersetzungen erschienen bereits in den USA, China, Korea, Frankreich und Italien. Mehrere seiner Bücher wurden verfilmt.

Bullet Train“, die Vorlage für die gleichnamige Verfilmung, erschien im Frühling auf Deutsch und es ist der erste ins Deutsche übersetzte Roman von Kotaro Isaka. Im Original erschien der Thriller bereits 2010. Für die Romangeschichte ist das Jahr egal. Sie spielt in einem etwas zeitlosem Paralleluniversum, in dem es Mobiltelefone und jugendliche Killer gibt und sich niemand darüber wundert.

Satoshi Oji, genannt „Der Prinz“, ist dieser jugendliche Killer. Er ist ein vierzehnjähriger hochintelligenter und hochgradig psychopathischer Schüler, der seine Mitschüler terrorisiert und bereits für mehrere Morde verantwortlich ist. Eines seiner Opfer ist Wataru Kimura. Der Sechsjährige liegt im Krankenhaus im Koma. Sein Vater Yuichi Kimura will Oji dafür töten. Früher war Kimura ein Profikiller, heute ist er ein alleinerziehender Alkoholiker.

Kimura steigt in Tokio in den Shinkansen Hayate. Neben ihm und Oji sind noch ungefähr drei weitere Killer im Zug, die nichts voneinander wissen, aber bis zur Endstation aufeinandertreffen. Einige von ihnen überleben die Begegnung nicht.

Die Prämisse von „Bullet Train“ – Ein Zug, fünf Killer, ein Koffer voller Geld: Wer überlebt? – ist so einfach wie genial. Schließlich hat sie, ohne dass der Autor lange überlegen muss, das Potential für einige Körperverletzungen, Straftaten und, selbstverständlich, Morde. Dass da schnell an eine Verfilmung gedacht wird, ist nachvollziehbar. Doch dazu später mehr. Bleiben wir zuerst bei dem Roman.

Er beginnt mit der Zugabfahrt. Fünf Seiten später befindet sich Kimura, gefesselt an einen Sitzplatz, in der Gewalt von Oji. Auf den nächsten Seiten stellt Isaka die anderen Killer vor, die ebenfalls in dem fast leeren Hochgeschwindigkeitszug mitfahren.

Das sind die beiden Killer Lemon und Tangerine, die oft für Zwillinge gehalten werden (sind sie nicht) und „Die Zitrusfrüchte“ genannt werden. Tangerine liebt klassiche Literatur. Lemon liebt eine alte Kinder-TV-Serie über Thomas, die kleine Lokomotive und seine Freunde. Er kennt alle Loks und ihre Eigenschaften. Bei ihnen ist Minegishi Junior, der von ihnen aus den Händen von Entführern befreite Sohn eines Gangsterbosses, und der Koffer mit dem Lösegeld. Dummerweise verschwindet der Koffer spurlos und Minegishi Junior verstirbt einfach so im Zug. Weil sein Vater Yoshio Minegishi einer dieser knallharten Gangsterbosse, der Fehler mit dem Tod bestraft, ahnen Lemon und Tangerine, dass das ihr Todesurteil ist.

Fünfter im Bunde ist Nanao, genannt „Der Marienkäfer“. Er soll einen Koffer klauen. Dummerweise ist er vom Pech verfolgt und damit eigentlich der ungeeignetste Mann für alle halb- und illegalen Aufträge.

Im Lauf der Geschichte stoßen weitere Killer, auch eine unscheinbar aussehende Killerin, mit teils sehr speziellen Mordmethoden dazu.

Das klingt jetzt nach einem großen Spaß: auf gut vierhundert Seiten machen sich ein über ein halbes Dutzend Killer während einer kurzen Zugfahrt in einem Hochgeschwindigkeitszug das Leben zur Hölle. Doch schnell wird „Bullet Train“ zu einer ziemlich eintönigen Zeitschinderei. Die Killer laufen immer wieder durch den Zug, lassen einen Koffer mal verschwinden, mal wieder auftauchen, nur um zu sehen, wie die anderen Passagiere darauf reagieren. Die Story bringt dieses Versteckspiel nicht voran.

Die Figuren bleiben bei diesem Hin- und Hergerenne im Zug eindimensionale Comicfiguren. Jede von ihnen hat ein, zwei Gimmicks (wie eine Leidenschaft für Thomas, die kleine Lokomotive, oder immerwährendes Pech), die ihnen einen Wiedererkennungswert, aber keine Persönlichkeit verschaffen. Sie haben keine weitergehende Motive, Ziele und Wünsche. Sie wollen nur einen Auftrag zu erledigen. Hindernisse werden aus dem Weg geräumt. Und wenn das Hindernis ein Mensch ist, wird dieser irgendwann getötet.

Problematisch ist die von Isaka gewählte Struktur. Er wechselt nämlich kontinuierlich zwischen den verschiedenen Killern. Etliche Ereignisse erzählt er aus mehreren Perspektiven. Beim Lesen stellt sich, weil wir die gleichen Ereignisse zuerst aus der Perspektive von dem einen Killer, dann aus der von einem anderen Killer noch einmal erfahren, schnell das Gefühl des Stillstands ein. Ich hatte beim Lesen sogar den Verdacht, dass ich, wenn ich nur die Geschichte von einem der Killer verfolgen und die anderen Kapitel überblättern würde, nichts wesentliches verpassen würde.

Gleichzeitig hatte ich das Gefühl, dass der Thriller mit seinen überraschenden Wendungen, die deutlich von asiatischen Actionfilmen und Mangas inspiriert sind, mir als Teenager gefallen hätte.

Die Rechte für die Verfilmung gingen dann nach Hollywood. Aus einem harten Actionthriller wurde letztendlich eine Actionkomödie. Aus den im Buch rein japanischen Killern wurde eine beachtliche Hollywood-Starbesetzung, die sich im Shinkansen das Leben zur Hölle macht und versucht, sich gegenseitig umzubringen. Also nicht die Schauspieler, sondern die von ihnen gespielten Figuren.

Kotaro Isaka: Bullet Train

(übersetzt von Katja Busson)

Hoffmann und Campe, 2022

384 Seiten

22 Euro

Originalausgabe

Mariabitoru

Kadokawa, Tokio, 2010

Die Verfilmung (startet am 4. August; die Besprechung gibt es zum Kinostart)

 

Bullet Train (Bullet Train, USA 2022)

Regie: David Leitch

Drehbuch: Zak Olkewicz

LV: Kōtarō Isaka: Mariabitoru, 2010 (Bullet Train)

mit Brad Pitt, Joey King, Aaron Taylor-Johnson, Brian Tyree Henry, Andrew Koji, Hiroyuki Sanada, Michael Shannon, Bad Bunny, Zazie Beetz, Logan Lerman, Karen Fukuhara, Masi Oka, Sandra Bullock

Länge: 127 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Perlentaucher über „Bullet Train“

Bookmarks über „Bullet Train“

Wikipedia über Kotaro Isaka, „Bullet Train“ (Roman) und „Bullet Train“ (Film) (deutsch, englisch)