Jean Seberg – Against all Enemies(Seberg, USA 2019)
Regie: Benedict Andrews
Drehbuch: Joe Shrapnel, Anna Waterhouse
1968 trifft die Schauspielerin Jean Seberg („Außer Atem“) den Black-Panther-Aktivisten Hakim Jamal. Sie verlieben sich. Sie werden vom FBI beobachtet, das eine Rufmordkampagne gegen sie startet.
Biopic mit einer gewohnt überzeugenden Kristen Stewart in der Hauptrolle, das ziemlich schnell zu einem mutlosen Film über die Gewissenskonflikte eines fiktiven FBI-Agenten wird. Da wäre mehr möglich gewesen.
Die freundlich gemeinte, auf den Badezimmerspiegel geschriebene und übersehene Warnung, die erst sichtbar wird, wenn genug Wasserdampf im Raum ist, kommt etwas spät. Denn in dem Moment hat Asia Reaves (Zazie Beetz) bereits ihr Zimmer in der Nobelherberge „Virgil“ bezogen. Es ist ein in New York liegendes, seit über hundert Jahren existierendes Gasthaus, das eine „John Wick“-Aura versprüht. Und dieser Eindruck täuscht nicht. Das „Virgil“ ist kein normales Hotel. Die Gäste und Teile des Personals sind speziell. Das stellt Asia, die hier als Zimmermädchen anfangen will, schon in der ersten Nacht fest, als einige maskierte Wesen sie im Schlaf betäuben wollen. Asia wird wach. Sie wehrt sich – und Regisseur Kirill Sokolow („Why don’t you just die!“, „No Looking Back“) präsentiert die erste große Actionszene seines neuen Films „They will kill you“. Ab diesem Moment gibt es, bis auf wenige Verschnaufpausen, nur noch Action. Und viele Lacher. Asia tritt und schlägt um sich. Sie setzt alles ein, was es in einem Personalzimmer gibt. In ihrem Koffer hat sie einige weitere Überraschungen, wie eine Schrotflinte und ein Schwert. Körperteile und Köpfe fliegen durch das Zimmer. Blut spritzt. Am Ende steht nur noch Asia – bevor einige Minuten später alle von ihr abgeschlachteten Menschen wieder aufstehen. Sie sind Unsterbliche. Asia soll für ein regelmäßig stattfindendes Ritual das Opfer sein.
Die letzten zehn Jahre ihres Lebens verbrachte Asia im Gefängnis. Sie wollte ihre jüngere Schwester vor ihrem gewalttätigem Vater beschützen und verletzte ihn schwer. In den Waschräumen des Gefängnisses erhielt sie ihre Kampfausbildung. Jetzt ist sie ins „Virgil“ gekommen, um ihre Schwester aus dem Haus herauszuholen.
„They will kill you“ ist eine abgedrehte Splatter-Schlachtplatte mit viel schwarzem Humor, abstrusen Kämpfen (auch mit einer brennenden Axt), bizarren Einfälle (ich sage nur „Auge“) und sehr viel herumspritzendem Blut.
Die Story selbst ist eine neunzigminütige Nacherzählung von „Ready or not“ und „Ready or not 2“ (ab dem 9. April im Kino). Nur schlechter. Die Regeln des Tötens und Überlebens werden so improvisiert, dass der nächste Kill funktioniert. Oder halt nicht. Immerhin sind in dem Moment bereits der Kopf, Arme und Beine der Untoten fotogen durch den Raum verteilt worden. Es gibt mehrere erklärende Rückblenden, die deutlich schlechter in die Geschichte eingeflochten als zuletzt in „Good Luck, Have Fun, Don’t Die“ oder in einem Tarantino-Film. In diesen Filmen sind sie ein Teil der Geschichte, der die Geschichte vorantreibt. In „They will kill you“ verlangsamen sie die in einer Nacht spielende Haupthandlung.
Frei nach der legendären Gerichtsentscheidung des Bundesverfassungsgerichts zum Einzug des Horrorfilms „Tanz der Teufel“, dass Zombies keine Menschen seien und ihnen damit keine Menschenwürde zukomme, dürfen die Bewohner des „Virgil“ in diesem Tanz der Untoten gequält, massakriert, um Körperteile erleichtert, dem Gelächter des Publikums zum Frass vorgeworfen und, nun, immer wieder kurzzeitig getötet werden. Die unsterblichen Mitglieder der satanischen Sekte stehen ja wieder auf. Erst am Ende des Films befördert Asia sie final (bis zur im Horrorfilmgenre natürlich immer möglichen Fortsetzung) in einen anderen Bewusstseinszustand.
Zazie Beetz, die wir spätestens seit „Deadpool 2“ als Heldin mit der Superkraft „Glück“ kennen und lieben, überzeugt auch hier als lucky Heldin, die alles tut, um ihre jüngere Schwester zu retten und eine beeindrucken Menge an Frisurvarianten präsentiert. Da ist dann wirklich keine Zeit, das blutbesudelte T-Shirt zu wechseln.
Ein x-beliebiger Diner in Los Angeles an einem x-beliebigen Abend mit einer ebenso x-beliebigen Kundschaft. So sieht es auf den ersten Blick aus. Bis ein seltsam kostümierter Mann auftaucht, der von seiner Kleidung, seinem Aussehen und seinem Habitus ein Obachloser ist. In einer großen Rede behauptet er, er sei aus der Zukunft, er und einige auserwählte Diner-Gäste könnten eine in wenigen Stunden anstehende Katastrophe verhindertn. Falls sie ihn freiwillig begleiten und diese Nacht überleben. Auch das ist, wie jeder Großstadt-Bewohner und -Besucher weiß, nicht ungewöhnlich.
Ungewöhnlich ist dann, dass dieser Mann, nennen wir ihn den Mann aus der Zukunft, wirklich aus der Zukunft kommt und er wirklich eine die Welt vernichtende Katastrophe verhindern will. Zögernd erklären sich einige Diner-Gäste bereit, ihm zu helfen. Gemeinsam macht sich diese Gruppe höchst seltsamer Weltretter auf den Weg. Auch der Mann aus der Zukunft hält sie für eine sehr ungewöhnliche Gruppe. Auf den ersten Blick hat sie keine Chance, die Welt zu retten. Aber der Zeitreisende hat schon 116 erfolglose Versuche hinter sich. Immer mit anders zusammengestellten Gruppen von Diner-Gästen, die er irgendwann einmal für erfolgversprechender hielt. Also versucht er es mit diesen Nobodys – und viel mehr soll nicht über Gore Verbinskis neuesten Film „Good Luck, Have Fun, Don’t Die“ verraten werden.
Es handelt sich um den abgedrehtesten Science-Fiction-Film seit Ewigkeiten. Die Story verbreitet ein kräftiges „12 Monkeys“-Gefühl. Schließlich geht es auch in Verbinskis Film um eine Zeitreise, ein offensichtlicher Nobody (gespielt von Sam Rockwell) soll die Welt retten und die Mission ist ziemlich aussichtslos. Verbinski erzählt dies äußerst humorvoll, sarkastisch, pointiert und kurzweilig. Während die Mission immer mehr aus dem Ruder läuft, aber auch erfolgreicher als viele frühere Versuchte ist, erzählt Verbinski in gut platzierten Rückblenden, wer die Begleiter des Zeitreisenden sind und warum sie ihn begleiten. In den Momenten gibt es auch etwas Medien- und Gesellschaftskritik. Die heutige, oft erschreckend gedankenlose Nutzung von Handys, Computern, Virtual Reality und Künstlicher Intelligenz wird kritisiert. Satirisch übertrieben wird auf die Gefahren der Technik hingewiesen. Es gibt Klone von toten Kindern und einen erschreckend legeren Umgang mit den Folgen von Schulmassakern. Denn wenn man nach einer Schulschießerei einen Klon von seinem Sohn bestellen kann, ist so ein gewaltsamer Tod nicht mehr so schmerzhaft. Außerdem kann man den Klon-Sohn nach seinen Vorstellungen erschaffen.
In den Rückblenden nehmen Regisseur Verbinski und Drehbuchautor Matthew Robinson sich die aktuellen Schlagzeilen und die Gesellschaft bewegenden Themen vor, während der Zeitreisende und seine Weltretter sich durch das nächtliche Los Angeles auf dem Weg zum Ziel ihrer Mission schlagen. Dabei begegnen sie immer absurderen und lebensgefährlicheren Gefahren.
„Good Luck, Have Fun, Don’t Die“ ist ein Volltreffer als schwarzhumorige Science-Fiction-Satire. Die Gesellschaftskritik ist sicher nicht besonders subtil, aber treffend. Und das Ende ist…stark.
Good Luck, Have Fun, Don’t Die(Good Luck, Have Fun, Don’t Die, USA/Deutschland 2025)
Regie: Gore Verbinski
Drehbuch: Matthew Robinson
mit Sam Rockwell, Juno Temple, Haley Lu Richardson, Michael Peña, Zazie Beetz, Asim Chaudhry, Tom Taylor, Georgia Goodman, Daniel Barnett, Artie Wilkinson-Hunt, Riccardo Drayton
Vor fünf Jahren war „Joker“ ein überraschend erfolgreicher Film. Er wurde von der Kritik und dem Publikum abgefeiert, erhielt in Venedig den Goldenen Löwen und spielte weltweit über eine Milliarde US-Dollar ein. Das war angesichts seines R-Rating (also „nicht jugendfrei“) ein sensationelles Ergebnis. Und weil „Joker“ mit einem Budget von irgendetwas zwischen 55 und 70 Millionen US-Dollar äußerst günstig war, war eine Fortsetzung schnell beschlossen. Diese soll jetzt erstaunliche 190 bis 200 Millionen Dollar gekostet haben. Dabei spielt die Geschichte fast ausschließlich an drei Orten: einem Gefängnis, einem Gerichtssaal und, für die zahlreichen Musik-Nummern, die aus dem Film ein Musical machen, einer stilisierten Bühne.
In „Joker“ bringt der erfolglose, nicht witzige Comedian Arthur Fleck sechs Menschen um. Die Morde an drei Yuppies in der U-Bahn und an TV-Talkmaster Murray Franklin vor laufender Kamera machen den zunehmend geistig verwirrten Fleck berühmt. Er wird immer mehr zum Joker, einem Chaos stiftendem Bösen Clown und Erzfeind von Batman, der im ersten „Joker“-Film und auch in der Fortsetzung nicht auftaucht.
Der in Gotham City (aka New York) spielende Film war eine unübersehbare Liebeserklärung an Martin Scorseses „Taxi Driver“ und, noch mehr, „King of Comedy“. Todd Phillips Gotham sieht wie New York in den siebziger Jahren aus. Wirklich gepackt hat mich diese von sich und ihrer eigenen Bedeutung masslos überzeugte Origin-Story nie.
„Joker: Folie à Deux“ erzählt die Geschichte von Arthur Fleck (Joaquin Phoenix) nahtlos weiter. Seit ungefähr zwei Jahren sitzt er in der psychiatrischen Anstalt Arkham, die schon in den fünfziger Jahren eine hoffnungslos heruntergekommene, versiffte Gefängnisklinik gewesen wäre. Er ist nur noch ein Schatten seiner selbst. Seine Anwältin versucht ihn auf den anstehenden Gerichtsprozess vorzubereiten. Sie möchte auf Unzurechnungsfähigkeit plädieren.
Zur gleichen Zeit lernt Fleck in der Anstalt während eines Chorsingens ‚Harley Quinn‘ Lee Quinzel (Lady Gaga) kennen. Sie behauptet, sein größter Fan zu sein. Sie verlieben sich ineinander.
Während der Gerichtsverhandlung, die fast die gesamte zweite Hälfte des Films einnimmt, feuert Fleck seine Anwältin und übernimmt seine Verteidigung – in der Maske des Jokers.
Das klingt doch ganz gut. Aber „Folie à deux“ ist mehr die Idee von einem Film als ein echter Film.
Todd Phillips erzählt Flecks Geschichte als Musical. Die meisten Gesangsnummern, die einen großen Teil des Films einnehmen, spielen sich in seinem Kopf ab. Sie kommentieren die Ereignisse und imaginieren gemeinsame Auftritte von ihm mit Harley Quinn als singendes Liebespaar mit mörderischen Tendenzen. Sie singen bekannte Songs, die sich nicht von vor sechzig, siebzig Jahren aufgenommenem klassischen Big-Band-Jazz unterscheiden.
Während „Folie à deux“ einerseits Flecks Geschichte weitererzählt, wiederholt er die Struktur des ersten „Joker“-Films erstaunlich genau. Allerdings verzichten die Macher dieses Mal auf die offensichtlichen politischen Anspielungen und die damit verbundene krude politische Botschaft. In „Folie à deux“ dreht sich alles um Flecks Leiden in Arkham, sein Auftreten vor Gericht, wo er stolz den der Anklage bislang unbekannten Mord an seiner Mutter gesteht, und seine Beziehung zu Lee Quinzel, die sein größter Fan ist. Vor Gericht treten dann auch einige aus dem ersten Film bekannte Figuren als Zeugen der Anklage wieder auf.
Eine irgendwie eine packende Geschichte ergibt sich aus diesen hübsch hintereinander drapierten Szenen nicht. Eigentlich wiederholen sie nur den ersten Film noch einmal. Mit kleinen Variationen in einer anderen Umgebung und einem etwas anderem Ende.
Arthur Fleck ist, auch wenn „Joker“ seine Origin-Story erzählte und er jetzt der Joker sein sollte, immer noch nicht der Joker, sondern Arthur Fleck, ein Geisteskranker mit einer gespaltenen Persönlichkeit. Er ist ein leidender Mann, der von allen herumgestoßen wird. Nur in wenigen Momenten des Films, vor allem wenn er sich vor Gericht in eigener Sache verteidigt und dabei alles tut, um eine möglichst hohe Strafe zu erhalten, ist Fleck der Joker. Also, er trägt die Maske des Jokers.
Das Ende ist dann ‚mutig‘ oder ‚konsequent‘; ich kann jedenfalls sehr gut mit diesem Ende leben. Wenn nur der Weg dorthin unterhaltsamer (und kürzer) gewesen wäre.
Joker: Folie à Deux (Joker: Folie à Deux, USA 2024)
Regie: Todd Phillips
Drehbuch: Scott Silver, Todd Phillips (basierend auf der DC-Comics-Figur)
mit Joaquin Phoenix, Lady Gaga, Brendan Gleeson, Catherine Keener, Zazie Beetz, Steve Coogan, Harry Lawtey, Leigh Gill, Ken Leung, Jacob Lofland, Bill Smitrovich
Jean Seberg – Against all Enemies(Seberg, USA 2019)
Regie: Benedict Andrews
Drehbuch: Joe Shrapnel, Anna Waterhouse
1968 trifft die Schauspielerin Jean Seberg („Außer Atem“) den Black-Panther-Aktivisten Hakim Jamal. Sie verlieben sich. Sie werden vom FBI beobachtet, das eine Rufmordkampagne gegen sie startet.
Biopic mit einer gewohnt überzeugenden Kristen Stewart in der Hauptrolle, das ziemlich schnell zu einem mutlosen Film über die Gewissenskonflikte eines fiktiven FBI-Agenten wird. Da wäre mehr möglich gewesen.
Jean Seberg – Against all Enemies(Seberg, USA 2019)
Regie: Benedict Andrews
Drehbuch: Joe Shrapnel, Anna Waterhouse
1968 trifft die Schauspielerin Jean Seberg („Außer Atem“) den Black-Panther-Aktivisten Hakim Jamal. Sie verlieben sich. Sie werden vom FBI beobachtet, das eine Rufmordkampagne gegen sie startet.
TV-Premiere. Biopic mit einer gewohnt überzeugenden Kristen Stewart in der Hauptrolle, das ziemlich schnell zu einem mutlosen Film über die Gewissenskonflikte eines fiktiven FBI-Agenten wird. Da wäre mehr möglich gewesen.
Ladybug (Brad Pitt) soll nur eine Koffer aus einem Zug klauen. Der ‚Marienkäfer‘ steigt in Tokio ein in den nach Kyoto fahrenden Hochgeschwindigkeitszug Shinkansen. An der nächsten Station will er, mit dem Koffer, aussteigen. Aber Ladybug ist ein vom Pech verfolgter Auftragskiller. Deshalb weiß er, dass das kein einfacher Auftrag ist und alles, was schiefgehen kann, schiefgehen wird. Mit dieser, auf Erfahrung beruhender, Einstellung hat er einen Vorteil gegenüber den anderen Killer, die ebenfalls im Zug sitzen, die er teils von früher kennt und die er in den kommenden beiden Filmstunden kennen lernen wird. Ladybug ist daran gewöhnt zu improvisieren.
Die anderen Killer haben dagegen die irrwitzige Hoffnung, dass sie ihre Pläne mühelos verwirklichen können. In dem Moment sind im Shinkansen, so wird uns gesagt, das Killerduo Tangerine (Aaron Taylor-Johnson) und Lemon (Brian Tyree Henry), der Prince und Kimura (Andrew Koji). Kimura will in dem Zug den Prince umbringen. Wegen ihm liegt sein sechsjähriger Sohn im Koma im Krankenhaus. Der Prince ist, im Gegensatz zu unseren Erwartungen und im Gegensatz zum Roman, eine Schülerin im Pubertätsalter (Joey King).
Tangerine und Lemon sind mit dem Sohn des Gangsterbosses White Death im Zug. Sie haben ihn gerade aus den Händen einer Entführerbande gerettet, indem sie sie töteten. Das Lösegeld haben sie ebenfalls bei sich. Es ist in dem Koffer, den Ladybug stehlen soll.
Zu diesen Killern gesellen sich im Lauf des Films, mit jedem Halt, weitere Killer dazu, die teils nur kurze Auftritte haben. Im Rahmen von „Bullet Train“ bedeutet das, dass sie schnell tot sind.
David Leitch (zuletzt „Fast & Furious Presents: Hobbs & Shaw“) harte Actionkomödie „Bullet Train“ basiert auf dem gleichnamigem Thriller von Kotaro Isaka. Für den Film wurde die Prämisse und etliche Handlungselemente übernommen, aber auch vieles dazuerfunden und verändert. Unter anderem wurde aus den im Roman rein japanischen Killern eine Multikulti-Besetzung. Manchmal wurde auch das Geschlecht des Killers geändert. Gangsterboss Minegishi wird im Film zu White Death und er erhält eine andere Biographie. Drehbuchautor Zak Olkewicz verändert auch gleich die Motive des Mannes, der für die Killerversammlung im Zug verantwortlich ist. Denn es ist kein Zufall, dass ein gutes Dutzend Killer gerade diesen Zug benutzen.
Leitch erzählt dies angenehm flott über alle Absurditäten und Unwahrscheinlichkeiten hinweg. Die im knalligen Post-Tarantino/Guy-Ritchie-Stil erzählte Killerballade kümmert sich wenig um Plausibilität und Realismus. Dafür gibt es popkulturelle Anspielungen (so liest der Prince Trevanians Profikillerode „Shibumi“), lange Monologe (dank Lemon erfahren wir, wie im Buch, alles über Thomas, die kleine Lokomotive und seine Freunde), visuelle Spielereien, erklärende Rückblenden, viel ultrabrutale und in ihrer Übertreibung komische Gewalt und einige Witze. Wobei es im Film, außer man findet absurde Mordmethoden und unangemessenes Verhalten witzig, wenige genuine Lacher gibt. Dafür ist der gesamte Grundton des sich nicht ernst nehmenden Films humoristisch, vor allem von der lakonisch schwarzhumorigen Sorte.
„Bullet Train“ ist eine kurzweilige, ultrabrutale Actionkomödie, die einfach nur ein rabiater Sommerspaß sein will. So als kurzweilige Überbrückung bis zum nächsten „Deadpool“- oder Guy-Ritchie-Film.
Bald ist es soweit: der neue Film mit Brad Pitt startet Anfang August in den Kinos. Die Werbemaschine mit Trailern, Pressekonferenzen und Autogrammen auf dem roten Teppich läuft und erzeugt die notwendige Aufmerksamkeit für die Actionkomödie, die auf einem Roman von Kotaro Isaka basiert.
In Japan ist der 1971 geborene Isaka ein Bestsellerautor. Bis jetzt veröffentlichte er 24 Romane. Er erhielt mehrere Preise, unter anderem von den Mystery Writers of Japan, und mehrere seiner Bücher waren für den prestigeträchtigen Naoki-Preis nominiert. Übersetzungen erschienen bereits in den USA, China, Korea, Frankreich und Italien. Mehrere seiner Bücher wurden verfilmt.
„Bullet Train“, die Vorlage für die gleichnamige Verfilmung, erschien im Frühling auf Deutsch und es ist der erste ins Deutsche übersetzte Roman von Kotaro Isaka. Im Original erschien der Thriller bereits 2010. Für die Romangeschichte ist das Jahr egal. Sie spielt in einem etwas zeitlosem Paralleluniversum, in dem es Mobiltelefone und jugendliche Killer gibt und sich niemand darüber wundert.
Satoshi Oji, genannt „Der Prinz“, ist dieser jugendliche Killer. Er ist ein vierzehnjähriger hochintelligenter und hochgradig psychopathischer Schüler, der seine Mitschüler terrorisiert und bereits für mehrere Morde verantwortlich ist. Eines seiner Opfer ist Wataru Kimura. Der Sechsjährige liegt im Krankenhaus im Koma. Sein Vater Yuichi Kimura will Oji dafür töten. Früher war Kimura ein Profikiller, heute ist er ein alleinerziehender Alkoholiker.
Kimura steigt in Tokio in den Shinkansen Hayate. Neben ihm und Oji sind noch ungefähr drei weitere Killer im Zug, die nichts voneinander wissen, aber bis zur Endstation aufeinandertreffen. Einige von ihnen überleben die Begegnung nicht.
Die Prämisse von „Bullet Train“ – Ein Zug, fünf Killer, ein Koffer voller Geld: Wer überlebt? – ist so einfach wie genial. Schließlich hat sie, ohne dass der Autor lange überlegen muss, das Potential für einige Körperverletzungen, Straftaten und, selbstverständlich, Morde. Dass da schnell an eine Verfilmung gedacht wird, ist nachvollziehbar. Doch dazu später mehr. Bleiben wir zuerst bei dem Roman.
Er beginnt mit der Zugabfahrt. Fünf Seiten später befindet sich Kimura, gefesselt an einen Sitzplatz, in der Gewalt von Oji. Auf den nächsten Seiten stellt Isaka die anderen Killer vor, die ebenfalls in dem fast leeren Hochgeschwindigkeitszug mitfahren.
Das sind die beiden Killer Lemon und Tangerine, die oft für Zwillinge gehalten werden (sind sie nicht) und „Die Zitrusfrüchte“ genannt werden. Tangerine liebt klassiche Literatur. Lemon liebt eine alte Kinder-TV-Serie über Thomas, die kleine Lokomotive und seine Freunde. Er kennt alle Loks und ihre Eigenschaften. Bei ihnen ist Minegishi Junior, der von ihnen aus den Händen von Entführern befreite Sohn eines Gangsterbosses, und der Koffer mit dem Lösegeld. Dummerweise verschwindet der Koffer spurlos und Minegishi Junior verstirbt einfach so im Zug. Weil sein Vater Yoshio Minegishi einer dieser knallharten Gangsterbosse, der Fehler mit dem Tod bestraft, ahnen Lemon und Tangerine, dass das ihr Todesurteil ist.
Fünfter im Bunde ist Nanao, genannt „Der Marienkäfer“. Er soll einen Koffer klauen. Dummerweise ist er vom Pech verfolgt und damit eigentlich der ungeeignetste Mann für alle halb- und illegalen Aufträge.
Im Lauf der Geschichte stoßen weitere Killer, auch eine unscheinbar aussehende Killerin, mit teils sehr speziellen Mordmethoden dazu.
Das klingt jetzt nach einem großen Spaß: auf gut vierhundert Seiten machen sich ein über ein halbes Dutzend Killer während einer kurzen Zugfahrt in einem Hochgeschwindigkeitszug das Leben zur Hölle. Doch schnell wird „Bullet Train“ zu einer ziemlich eintönigen Zeitschinderei. Die Killer laufen immer wieder durch den Zug, lassen einen Koffer mal verschwinden, mal wieder auftauchen, nur um zu sehen, wie die anderen Passagiere darauf reagieren. Die Story bringt dieses Versteckspiel nicht voran.
Die Figuren bleiben bei diesem Hin- und Hergerenne im Zug eindimensionale Comicfiguren. Jede von ihnen hat ein, zwei Gimmicks (wie eine Leidenschaft für Thomas, die kleine Lokomotive, oder immerwährendes Pech), die ihnen einen Wiedererkennungswert, aber keine Persönlichkeit verschaffen. Sie haben keine weitergehende Motive, Ziele und Wünsche. Sie wollen nur einen Auftrag zu erledigen. Hindernisse werden aus dem Weg geräumt. Und wenn das Hindernis ein Mensch ist, wird dieser irgendwann getötet.
Problematisch ist die von Isaka gewählte Struktur. Er wechselt nämlich kontinuierlich zwischen den verschiedenen Killern. Etliche Ereignisse erzählt er aus mehreren Perspektiven. Beim Lesen stellt sich, weil wir die gleichen Ereignisse zuerst aus der Perspektive von dem einen Killer, dann aus der von einem anderen Killer noch einmal erfahren, schnell das Gefühl des Stillstands ein. Ich hatte beim Lesen sogar den Verdacht, dass ich, wenn ich nur die Geschichte von einem der Killer verfolgen und die anderen Kapitel überblättern würde, nichts wesentliches verpassen würde.
Gleichzeitig hatte ich das Gefühl, dass der Thriller mit seinen überraschenden Wendungen, die deutlich von asiatischen Actionfilmen und Mangas inspiriert sind, mir als Teenager gefallen hätte.
Die Rechte für die Verfilmung gingen dann nach Hollywood. Aus einem harten Actionthriller wurde letztendlich eine Actionkomödie. Aus den im Buch rein japanischen Killern wurde eine beachtliche Hollywood-Starbesetzung, die sich im Shinkansen das Leben zur Hölle macht und versucht, sich gegenseitig umzubringen. Also nicht die Schauspieler, sondern die von ihnen gespielten Figuren.
Kotaro Isaka: Bullet Train
(übersetzt von Katja Busson)
Hoffmann und Campe, 2022
384 Seiten
22 Euro
–
Originalausgabe
Mariabitoru
Kadokawa, Tokio, 2010
–
Die Verfilmung (startet am 4. August; die Besprechung gibt es zum Kinostart)
Monate später als geplant richtet Kristen Stewart ihren Zeige- und Mittelfinger im Kino auf das Publikum. Sie spielt in „Jean Seberg – Against all Enemies“ die titelgebende Jean Seberg.
Cineasten kennen Seberg vor allem aus der Rolle, die sie 1960 zum Star machte. In „Außer Atem“ spielt sie die in Paris lebende, Zeitungen verkaufende Studentin Patricia, die sich in den Kleinkriminellen Michel Poiccard verliebt. Der hat während einer Verkehrskontrolle einen Polizisten erschossen und ist jetzt auf der Flucht. Der stilistisch einflussreiche Krimi markiert auch den Beginn der Karrieren ihres Filmpartners Jean-Paul Belmondo und des Regisseurs Jean-Luc Godard. Außerdem ist „Außer Atem“ einer der essenziellen Nouvelle-Vague-Filme, ein Kultfilm und ein Klassiker. Danach war Seberg, die Frau mit der damals vollkommen unweiblichen Kurzhaarfrisur, ein Star. In den nächsten Jahren spielte sie in einigen prestigeträchtigen und auch Big-Budget-Produktionen mit. Aber letztendlich und rückblickend gelang es ihr nicht, an den Erfolg von „Außer Atem“ anzuknüpfen.
Benedict Andrews‘ Biopic „Jean Seberg – Against all Enemies“ beginnt im Mai 1968 in Paris. Die in Frankreich lebende Seberg ist seit 1962 mit dem Schriftsteller Romain Gary verheiratet, gemeinsam haben sie einen Sohn und jetzt möchte sie wieder als Schauspielerin arbeiten.
Auf dem Flug in die USA lernt sie Hakim Jamal kennen. Die blonde Hollywood-Schauspielerin ist von dem afroamerikanischen Polit-Aktivisten, der sich wie ein Popstar durch das Flugzeug bewegt, fasziniert. Sie will ihn näher kennen lernen. In den USA organisiert sie Spendenpartys. Außerdem beginnt sie mit dem ebenfalls verheirateten Aktivisten eine Affäre – und wird dabei vom FBI auf Schritt und Tritt beobachtet.
Die Beobachtung ist Teil der hochgradig illegalen Operation COINTELPRO, in der das FBI Schmutz gegen vermeintliche Staatsfeinde, wie die Black-Panther-Sympathisantin Seberg, sammelt.
„Jean Seberg – Against all Enemies“ hat also alles, was ein Film braucht: eine in mehrfacher Hinsicht skandalträchtige wahre Geschichte, Stars (Kristen Stewart als Jean Seberg, Anthony Mackie als Hakim Jamal, Yvan Attal als Romain Gary, Zazie Beetz als Jamals Frau, Jack O’Connell und Vince Vaughn als FBI-Agenten) , Glamour, 60er-Jahre-Zeitkolorit, Revolution und Pop.
Und dann scheitert das Biopic an seiner eigenen Mutlosigkeit. Die ersten an Jean-Luc Godard erinnernden Minuten, zeigen, was für ein Film hätte entstehen können. Ein Pop-Pamphlet, das an den Stil der sechziger Jahre anknüpft, zugleich spielerisch und strukturiert ist, auf mehreren Ebenen herausfordert und zum Nachdenken anregt.
Diese Experimentierfreude erschöpft sich schon nach wenigen Minuten. Danach folgt Benedict Andrews („Una und Ray“) brav den Konventionen. Er verfolgt Seberg, wenn sie sich mit Jamal trifft und für die Black-Power-Bewegung engagiert. Gleichzeitig erzählt er von einem jungen, stockbürgerlichen, verheirateten Vater und FBI-Agenten, der Seberg beobachtet und abhört. Während seiner Arbeit beginnt dieser Ermittler, eine erfundene Figur, seine Meinung über die ‚Terroristin‘ Seberg zu ändern.
Am Ende kriegen wir statt experimentierfreudigem Godard und politaktivistischem Popkino biederes Besinnungskino über einen FBI-Agenten mit Gewissensbissen.
Das sieht mit Nostalgie-Bonus hübsch aus und Kristen Stewart überzeugt als durch die Überwachung und die Schmutzkampagne des FBI zunehmend psychisch lädierte Jean Seberg. Insgesamt ist der Film aber zu mutlos um nachhaltig zu beeindrucken.
Jean Seberg – Against all Enemies(Seberg, USA 2019)
Regie: Benedict Andrews
Drehbuch: Joe Shrapnel, Anna Waterhouse
mit Kristen Stewart, Jack O’Connell, Margaret Qualley, Zazie Beetz, Yvan Attal, Stephen Root, Colm Meaney, Anthony Mackie, Vince Vaughn
Auf den Filmfestspielen von Venedig erhielt er den Goldenen Löwen. Seitdem werden ihm mehr oder weniger gute Chancen für einen oder mehrere Oscars eingeräumt. Allerdings dauert es bis zur Oscarverleihung noch einige Monate. Außerdem ist der „Joker“ ein Superheldenfilm und die hatten bisher, wie Science-Fiction- und Fantasy-Filme, wenig Glück bei den Oscars.
Bis zu den Nominierungen und Preisverleihungen kann der Verleih sich an den überwiegend positiven Kritiken, den begeisterten Publikumsreaktionen und dem überaus erfreulichem Einspiel – in den USA spielte der Film am Startwochenende über 96 Millionen US-Dollar ein – erfreuen. Außerdem wird über über den Protagonisten, die Gewalt und die Botschaft des Films diskutiert. Denn nichts davon ist wirklich eindeutig und nichts davon wird in dem heute gewöhnlichen Comicfilm-Actionstil präsentiert, in dem alles so unmöglich ist, dass, auch wenn ganze Städte und Galaxien zerstört werden, immer der Entertainment-Aspekt im Vordergrund steht. Wirklich verletzt wird niemand und am Ende gewinnen die Guten.
Spaß hat in „Joker“ niemand.
Das liegt auch daran, dass Todd Phillips in seinem Film nicht von einer weiteren Konfrontation zwischen Batman und dem Superschurken Joker erzählt. Sein Film gehört daher, wenigstens für den Moment, nicht zum DC Extended Universe. So wird das von Warner Bros. Pictures und DC Comics gemeinsam produzierte filmische Universum genannt. Nach einem sehr holprigen Start mit düsteren und ernsten Superheldenfilmen wurde es zuletzt mit „Wonder Woman“, „Aquaman“ und „Shazam!“ besser, unterhaltsamer und vergnüglicher.
„Joker“ knüpft nicht an diese Filme und das DCEU an, sondern er ist als Einzelfilm, der in keiner Verbindung zum DCEU steht, konzipiert. Außerdem erzählt er die Entstehungsgeschichte des Jokers. Im Gegensatz zu anderen Superhelden und Superschurken gibt es nicht die allgemein akzeptierte, kanonisierte Ursprungsgeschichte des Jokers. Eigentlich kennt man den Joker in den Comics und Filmen nur als Superschurken mit einem, ähem, problematischen Sozialverhalten, Lust am Chaos und einem verzerrten Clownsgesicht.
Das eröffnet Todd Phillips (die „Hangover“-Filme, „War Dogs“) die Möglichkeit, seine Version von dem Joker und wie der Joker der Joker wurde zu erzählen, ohne sich um all das Drumherum zu kümmern.
Sein Joker heißt Arthur Fleck. Als wir ihn zum ersten Mal in Gotham City in den frühen 1980er Jahren sehen, wedelt er als Clown auf der Straße mit einem Werbeschild herum, das ihm prompt von einer Bande Jugendlicher geklaut wird. Nach einer Verfolgungsjagd stellen sie ihn in einer Nebengasse, schlagen ihn zusammen und zerstören das Schild. Das Schild wird später von Flecks Gehalt abgezogen.
Gotham City ist hier, wie auch in den Comics, ein Synonym für New York City. Es ist die Stadt, in der Martin Scorseses „Taxi Driver“ und „The King of Comedy“ spielen. Beide Filme wurden schon vor der Premiere als Inspirationen für „Joker“ genannt. Vor allem „The King of Comedy“ ist die immer wieder erkennbare Inspiration für „Joker“. Beide Male geht es um einen erfolglosen Künstler, der von seinem Idol wahrgenommen werden will. Bei Scorsese war Jerry Lewis das Idol und Robert De Niro der fanatische Möchtegern-Komiker. Bei Phillips ist Joaquin Phoenix der bis auf die Knochen abgemagerte Möchtegern-Komiker Arthur Fleck und Robert De Niro, in einer kleinen, aber wichtigen Nebenrolle, der bekannte Late-Night-Gastgeber Murray Franklin.
Bis es zur ersten echten Begegnung zwischen Fleck und Franklin kommt, führt Phillips uns in Flecks Psyche. Er ist ein nicht witziger Komiker, ein Clown zum Fürchten, ein von unerklärlichen Lachkrämpfen geplagter Psychopath, der immer noch bei seiner kränkelnden Mutter lebt und der ewige Verlierer, der höchstens in seiner Fantasie das Mädchen bekommt. Es gibt nichts, was ihn irgendwie auf seine spätere Karriere als Superverbrecher Joker vorbereiten könnte. Auch seine ersten verbrecherischen Taten, wie die Ermordung einiger nerviger Yuppies in der U-Bahn, folgen keinem Plan, sondern sind reine Affekthandlungen. Entsprechend ratlos reagiert er am Ende, wenn aus dem Clown Fleck der Joker wird und ganz Gotham City zum Schauplatz einer Straßenschlacht wird, während in einer Gasse neben einem Kino ein künftiger Superheld geboren wird.
Aber wirklich packend ist diese mit Anspielungen und Zitaten reichhaltig gesegnete Origin Story nie. Dafür ist der Film zu sehr überzeugt von seiner eigenen Bedeutung. Die Geschichte, die vor allem eine zwischen Wahn und Wirklichkeit pendelnde Charakterstudie ist, entwickelt sich zu schleppend und zu unentschlossen. So als habe man gleichzeitig provozieren und niemand provozieren wollen.
Und ich habe Arthur Fleck niemals als künftiges Verbrechergenie gesehen. Er ist von der ersten bis zur letzten Minute, auch wenn dann viele Menschen mit einem Clownsgesicht durch die Stadt marodieren, ein Niemand, der in dem Moment zu einer Projektionsfläche wird. Nur ist unklar für was.
Joker (Joker, USA 2019)
Regie: Todd Phillips
Drehbuch: Todd Phillips, Scott Silver
LV: Charakter von Bob Kane, Bill Finger und Jerry Robinson
mit Joaquin Phoenix, Robert De Niro, Zazie Beetz, Frances Conroy, Brett Cullen, Shea Whigham, Bill Camp, Glenn Fleshler, Leigh Gill, Josh Pais, Brian Tyree Henry
Vor zwei Jahren war „Deadpool“ ein Überraschungserfolg. Ein R-rated-Superheldenfilm, der Gewalt zelebriert, respektlos über alles herzieht und der einen sehr robusten Humor hat, das klang in der gepflegten Marvel-, X-Men-, Spider-Man- und Supermansuperheldenwelt nach dem Rezept für ein kommerzielles Desaster. An dieser kommerziellen Prognose änderte auch die Beliebtheit der quasi unverfilmbaren Deadpool-Comics nichts. Wer will auf der Leinwand schon einen Helden sehen, der ständig mit dem Publikum redet, kein Interesse an Weltrettung hat und dessen Zimmer wie eine Studentenbude aussieht?
Entsprechend lange musste Hauptdarsteller Ryan Reynolds nach seinem ersten, kurzen Auftritt als Deadpool in „X-Men Origins: Wolverine“ (2009) für den Film kämpfen. Letztendlich erhielt er ein überschaubares Budget, setzte alles auf eine Karte und gewann. Denn schon die ersten Minuten von „Deadpool“ zeigten: der Kampf hat sich gelohnt und der Comic-Deadpool wurde ohne große Veränderungen zum Film-Deadpool. Das weltweite Einspielergebnis von über 750 Millionen Dollar machte die Fortsetzung zu einen No Brainer. Und weil „Deadpool“ damit auch der R-rated-Film mit dem höchsten Einspiel war, wurde das Erfolgsrezept nicht geändert. Man liefert einfach das gleiche noch einmal ab. Nur eine Nummer größer.
Dieses Mal will Deadpool, nach dem gewaltsamen Tod seiner schwangeren Freundin, einen Teenager beschützen. Im Broadstone House, Essex School for the Young, wird ‚Firefist‘ Russell (Julian Dennison) von allen gemobbt. Vor allem der Direktor dieser Mutantenschule (Eddie Marsan!) malträtiert ihn. Er verfolgt auch ein gänzlich anderes Erziehungskonzept als Professor Xavier mit seiner noblen X-Men-Mutantenschule.
Als Russell ausflippt und Feuerkugeln durch die Luft schleudert, versucht Deadpool ihn zu beruhigen. Die eh schon chaotische Situation gerät vollkommen außer Kontrolle und Deadpool und Russell werden in ein Hochsicherheitsgefängnis gesteckt. Dort besucht Cable, der Soldat aus der Zukunft (Josh Brolin), sie. Er will Russell töten – und schon sind wir mitten drin in einer wunderschönen Endlosklopperei, in der Deadpool auch ein Superheldenteam, die X-Force (weil X-Men ein so laaangweiliger Name ist), zusammenstellt. Dessen erster Einsatz verläuft dann auch wie der erste Einsatz der Avengers. Nur anders. Außer für Domino (Zazie Beetz), deren Superkraft „Glück“ ist.
‚Nur anders‘ bezeichnet ziemlich treffend, was „Deadpool 2“ von anderen Superheldenfilmen unterscheidet. Es ist zwar alles da, was man aus den Marvel-Filmen kennt, aber „John Wick“- und „Atomic Blonde“-Regisseur David Leitch und die Drehbuchautoren Rhett Reese, Paul Wernick und Ryan Reynolds bürsten alles hemmungslos gegen den Strich und runden es mit einem Pennälerwitz und einem Insider-Witz ab.
Das ist, wie die „Deadpool“-Comics, ein großer Spaß für Fans von Superheldengeschichten, die sich eine wohltuende Distanz und ein kindliches Gemüt bewahrt haben. Denn alle kriegen ihr Fett weg. Auch „Green Lantern“, der Film. Und es gibt, nach dem Tod von ‚Deadpool‘ Wade Wilson (Keine Panik. Deadpool ist unsterblich.) eine wunderschöne James-Bond-Titelsequenz, mit Deadpool als Objekt des Begehrens.
Bei dieser ununterbrochenen Abfolge von Gags und Action bemerkt man kaum, dass sogar eine ziemlich komplizierte Geschichte erzählt wird, die auch einige überraschende Wendungen hat. Und dass nebenbei einige sehr ernste Themen angesprochen werden. Nicht mit einem erhobenen Zeigefinger, sondern im Deadpool-Stil.
Nach all dem Werbeoverkill in den letzten Tagen und Wochen, wo Deadpool anscheinend überall war und auf YouTube ein „Deadpool 2“-Clip nach dem nächsten auftauchte, kann ich euch beruhigt versichern, dass „Deadpool 2“ den Hype aushält Es gibt immer noch etliche Gags und Plotwendungen, die man aus den Trailern und Clips nicht ahnt. Die Gags im Film sind besser als die aus den Clips und der Film ist in jeder Beziehung besser als die ganze Werbemaschinerie für das Franchise, dessen nächsten Filme schon, mehr oder weniger offiziell, angekündigt sind.
Deadpool: Gut gemacht, du XXXXX.
Deadpool 2 (Deadpool 2, USA 2018)
Regie: David Leitch
Drehbuch: Rhett Reese, Paul Wernick, Ryan Reynolds
LV: Charaktere von Rob Liefeld und Fabian Nicieza
mit Ryan Reynolds, Josh Brolin, Zazie Beetz, Julian Dennison, Morena Baccarin, Brianna Hildebrand, Shioli Kutsuna, Karan Soni, Leslie Uggams, Eddie Marsan, T. J. Miller, Andre Tricoteux, Jack Kesy, Terry Crews, Lewis Tan, Bill Skarsgård, Rob Delaney