Neu im Kino/Filmkritik: „Bullet Train“, Abfahrt Tokio Hauptbahnhof, mit vielen Killern an Bord

August 4, 2022

Ladybug (Brad Pitt) soll nur eine Koffer aus einem Zug klauen. Der ‚Marienkäfer‘ steigt in Tokio ein in den nach Kyoto fahrenden Hochgeschwindigkeitszug Shinkansen. An der nächsten Station will er, mit dem Koffer, aussteigen. Aber Ladybug ist ein vom Pech verfolgter Auftragskiller. Deshalb weiß er, dass das kein einfacher Auftrag ist und alles, was schiefgehen kann, schiefgehen wird. Mit dieser, auf Erfahrung beruhender, Einstellung hat er einen Vorteil gegenüber den anderen Killer, die ebenfalls im Zug sitzen, die er teils von früher kennt und die er in den kommenden beiden Filmstunden kennen lernen wird. Ladybug ist daran gewöhnt zu improvisieren.

Die anderen Killer haben dagegen die irrwitzige Hoffnung, dass sie ihre Pläne mühelos verwirklichen können. In dem Moment sind im Shinkansen, so wird uns gesagt, das Killerduo Tangerine (Aaron Taylor-Johnson) und Lemon (Brian Tyree Henry), der Prince und Kimura (Andrew Koji). Kimura will in dem Zug den Prince umbringen. Wegen ihm liegt sein sechsjähriger Sohn im Koma im Krankenhaus. Der Prince ist, im Gegensatz zu unseren Erwartungen und im Gegensatz zum Roman, eine Schülerin im Pubertätsalter (Joey King).

Tangerine und Lemon sind mit dem Sohn des Gangsterbosses White Death im Zug. Sie haben ihn gerade aus den Händen einer Entführerbande gerettet, indem sie sie töteten. Das Lösegeld haben sie ebenfalls bei sich. Es ist in dem Koffer, den Ladybug stehlen soll.

Zu diesen Killern gesellen sich im Lauf des Films, mit jedem Halt, weitere Killer dazu, die teils nur kurze Auftritte haben. Im Rahmen von „Bullet Train“ bedeutet das, dass sie schnell tot sind.

David Leitch (zuletzt „Fast & Furious Presents: Hobbs & Shaw“) harte Actionkomödie „Bullet Train“ basiert auf dem gleichnamigem Thriller von Kotaro Isaka. Für den Film wurde die Prämisse und etliche Handlungselemente übernommen, aber auch vieles dazuerfunden und verändert. Unter anderem wurde aus den im Roman rein japanischen Killern eine Multikulti-Besetzung. Manchmal wurde auch das Geschlecht des Killers geändert. Gangsterboss Minegishi wird im Film zu White Death und er erhält eine andere Biographie. Drehbuchautor Zak Olkewicz verändert auch gleich die Motive des Mannes, der für die Killerversammlung im Zug verantwortlich ist. Denn es ist kein Zufall, dass ein gutes Dutzend Killer gerade diesen Zug benutzen.

Leitch erzählt dies angenehm flott über alle Absurditäten und Unwahrscheinlichkeiten hinweg. Die im knalligen Post-Tarantino/Guy-Ritchie-Stil erzählte Killerballade kümmert sich wenig um Plausibilität und Realismus. Dafür gibt es popkulturelle Anspielungen (so liest der Prince Trevanians Profikillerode „Shibumi“), lange Monologe (dank Lemon erfahren wir, wie im Buch, alles über Thomas, die kleine Lokomotive und seine Freunde), visuelle Spielereien, erklärende Rückblenden, viel ultrabrutale und in ihrer Übertreibung komische Gewalt und einige Witze. Wobei es im Film, außer man findet absurde Mordmethoden und unangemessenes Verhalten witzig, wenige genuine Lacher gibt. Dafür ist der gesamte Grundton des sich nicht ernst nehmenden Films humoristisch, vor allem von der lakonisch schwarzhumorigen Sorte.

Bullet Train“ ist eine kurzweilige, ultrabrutale Actionkomödie, die einfach nur ein rabiater Sommerspaß sein will. So als kurzweilige Überbrückung bis zum nächsten „Deadpool“- oder Guy-Ritchie-Film.

Bullet Train (Bullet Train, USA 2022)

Regie: David Leitch

Drehbuch: Zak Olkewicz

LV: Kōtarō Isaka: Mariabitoru, 2010 (Bullet Train)

mit Brad Pitt, Joey King, Aaron Taylor-Johnson, Brian Tyree Henry, Andrew Koji, Hiroyuki Sanada, Michael Shannon, Bad Bunny, Zazie Beetz, Logan Lerman, Karen Fukuhara, Masi Oka, Sandra Bullock

Länge: 127 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Die Vorlage (meine Besprechung)

Kotaro Isaka: Bullet Train

(übersetzt von Katja Busson)

Hoffmann und Campe, 2022

384 Seiten

22 Euro

Originalausgabe

Mariabitoru

Kadokawa, Tokio, 2010

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Bullet Train“

Metacritic über „Bullet Train“

Rotten Tomatoes über „Bullet Train“

Wikipedia über Kotaro Isaka, „Bullet Train“ (Roman) und „Bullet Train“ (Film) (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von David Leitchs „Atomic Blond“ (Atomic Blonde,USA 2017)

Meine Besprehung von David Leitchs „Deadpool 2“ (Deadpool 2, USA 2018)

Meine Besprechung von David Leitchs „Fast & Furious: Hobbs & Shaw“ (Fast & Furious presents: Hobbs & Shaw, USA 2019)

Meine Besprechung von Kotaro Isakas „Bullet Train“ (Mariabitoru, 2010)


Verfilmte Bücher: Kotaro Isakas „Bullet Train“ ist jetzt ein Film mit Brad Pitt

Juli 26, 2022

Bald ist es soweit: der neue Film mit Brad Pitt startet Anfang August in den Kinos. Die Werbemaschine mit Trailern, Pressekonferenzen und Autogrammen auf dem roten Teppich läuft und erzeugt die notwendige Aufmerksamkeit für die Actionkomödie, die auf einem Roman von Kotaro Isaka basiert.

In Japan ist der 1971 geborene Isaka ein Bestsellerautor. Bis jetzt veröffentlichte er 24 Romane. Er erhielt mehrere Preise, unter anderem von den Mystery Writers of Japan, und mehrere seiner Bücher waren für den prestigeträchtigen Naoki-Preis nominiert. Übersetzungen erschienen bereits in den USA, China, Korea, Frankreich und Italien. Mehrere seiner Bücher wurden verfilmt.

Bullet Train“, die Vorlage für die gleichnamige Verfilmung, erschien im Frühling auf Deutsch und es ist der erste ins Deutsche übersetzte Roman von Kotaro Isaka. Im Original erschien der Thriller bereits 2010. Für die Romangeschichte ist das Jahr egal. Sie spielt in einem etwas zeitlosem Paralleluniversum, in dem es Mobiltelefone und jugendliche Killer gibt und sich niemand darüber wundert.

Satoshi Oji, genannt „Der Prinz“, ist dieser jugendliche Killer. Er ist ein vierzehnjähriger hochintelligenter und hochgradig psychopathischer Schüler, der seine Mitschüler terrorisiert und bereits für mehrere Morde verantwortlich ist. Eines seiner Opfer ist Wataru Kimura. Der Sechsjährige liegt im Krankenhaus im Koma. Sein Vater Yuichi Kimura will Oji dafür töten. Früher war Kimura ein Profikiller, heute ist er ein alleinerziehender Alkoholiker.

Kimura steigt in Tokio in den Shinkansen Hayate. Neben ihm und Oji sind noch ungefähr drei weitere Killer im Zug, die nichts voneinander wissen, aber bis zur Endstation aufeinandertreffen. Einige von ihnen überleben die Begegnung nicht.

Die Prämisse von „Bullet Train“ – Ein Zug, fünf Killer, ein Koffer voller Geld: Wer überlebt? – ist so einfach wie genial. Schließlich hat sie, ohne dass der Autor lange überlegen muss, das Potential für einige Körperverletzungen, Straftaten und, selbstverständlich, Morde. Dass da schnell an eine Verfilmung gedacht wird, ist nachvollziehbar. Doch dazu später mehr. Bleiben wir zuerst bei dem Roman.

Er beginnt mit der Zugabfahrt. Fünf Seiten später befindet sich Kimura, gefesselt an einen Sitzplatz, in der Gewalt von Oji. Auf den nächsten Seiten stellt Isaka die anderen Killer vor, die ebenfalls in dem fast leeren Hochgeschwindigkeitszug mitfahren.

Das sind die beiden Killer Lemon und Tangerine, die oft für Zwillinge gehalten werden (sind sie nicht) und „Die Zitrusfrüchte“ genannt werden. Tangerine liebt klassiche Literatur. Lemon liebt eine alte Kinder-TV-Serie über Thomas, die kleine Lokomotive und seine Freunde. Er kennt alle Loks und ihre Eigenschaften. Bei ihnen ist Minegishi Junior, der von ihnen aus den Händen von Entführern befreite Sohn eines Gangsterbosses, und der Koffer mit dem Lösegeld. Dummerweise verschwindet der Koffer spurlos und Minegishi Junior verstirbt einfach so im Zug. Weil sein Vater Yoshio Minegishi einer dieser knallharten Gangsterbosse, der Fehler mit dem Tod bestraft, ahnen Lemon und Tangerine, dass das ihr Todesurteil ist.

Fünfter im Bunde ist Nanao, genannt „Der Marienkäfer“. Er soll einen Koffer klauen. Dummerweise ist er vom Pech verfolgt und damit eigentlich der ungeeignetste Mann für alle halb- und illegalen Aufträge.

Im Lauf der Geschichte stoßen weitere Killer, auch eine unscheinbar aussehende Killerin, mit teils sehr speziellen Mordmethoden dazu.

Das klingt jetzt nach einem großen Spaß: auf gut vierhundert Seiten machen sich ein über ein halbes Dutzend Killer während einer kurzen Zugfahrt in einem Hochgeschwindigkeitszug das Leben zur Hölle. Doch schnell wird „Bullet Train“ zu einer ziemlich eintönigen Zeitschinderei. Die Killer laufen immer wieder durch den Zug, lassen einen Koffer mal verschwinden, mal wieder auftauchen, nur um zu sehen, wie die anderen Passagiere darauf reagieren. Die Story bringt dieses Versteckspiel nicht voran.

Die Figuren bleiben bei diesem Hin- und Hergerenne im Zug eindimensionale Comicfiguren. Jede von ihnen hat ein, zwei Gimmicks (wie eine Leidenschaft für Thomas, die kleine Lokomotive, oder immerwährendes Pech), die ihnen einen Wiedererkennungswert, aber keine Persönlichkeit verschaffen. Sie haben keine weitergehende Motive, Ziele und Wünsche. Sie wollen nur einen Auftrag zu erledigen. Hindernisse werden aus dem Weg geräumt. Und wenn das Hindernis ein Mensch ist, wird dieser irgendwann getötet.

Problematisch ist die von Isaka gewählte Struktur. Er wechselt nämlich kontinuierlich zwischen den verschiedenen Killern. Etliche Ereignisse erzählt er aus mehreren Perspektiven. Beim Lesen stellt sich, weil wir die gleichen Ereignisse zuerst aus der Perspektive von dem einen Killer, dann aus der von einem anderen Killer noch einmal erfahren, schnell das Gefühl des Stillstands ein. Ich hatte beim Lesen sogar den Verdacht, dass ich, wenn ich nur die Geschichte von einem der Killer verfolgen und die anderen Kapitel überblättern würde, nichts wesentliches verpassen würde.

Gleichzeitig hatte ich das Gefühl, dass der Thriller mit seinen überraschenden Wendungen, die deutlich von asiatischen Actionfilmen und Mangas inspiriert sind, mir als Teenager gefallen hätte.

Die Rechte für die Verfilmung gingen dann nach Hollywood. Aus einem harten Actionthriller wurde letztendlich eine Actionkomödie. Aus den im Buch rein japanischen Killern wurde eine beachtliche Hollywood-Starbesetzung, die sich im Shinkansen das Leben zur Hölle macht und versucht, sich gegenseitig umzubringen. Also nicht die Schauspieler, sondern die von ihnen gespielten Figuren.

Kotaro Isaka: Bullet Train

(übersetzt von Katja Busson)

Hoffmann und Campe, 2022

384 Seiten

22 Euro

Originalausgabe

Mariabitoru

Kadokawa, Tokio, 2010

Die Verfilmung (startet am 4. August; die Besprechung gibt es zum Kinostart)

 

Bullet Train (Bullet Train, USA 2022)

Regie: David Leitch

Drehbuch: Zak Olkewicz

LV: Kōtarō Isaka: Mariabitoru, 2010 (Bullet Train)

mit Brad Pitt, Joey King, Aaron Taylor-Johnson, Brian Tyree Henry, Andrew Koji, Hiroyuki Sanada, Michael Shannon, Bad Bunny, Zazie Beetz, Logan Lerman, Karen Fukuhara, Masi Oka, Sandra Bullock

Länge: 127 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Perlentaucher über „Bullet Train“

Bookmarks über „Bullet Train“

Wikipedia über Kotaro Isaka, „Bullet Train“ (Roman) und „Bullet Train“ (Film) (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 23. April: Mr. Holmes

April 22, 2022

SWR, 23.50

Mr. Holmes (Mr. Holmes, Großbritannien 2015)

Regie: Bill Condon

Drehbuch: Jeffrey Hatcher

LV: Mitch Cullin: A slight trick of the mind, 2005 (Neuausgabe als „Mr. Holmes“)

Sherlock Holmes, inzwischen ein alter Tattergreis, löst seinen letzten Fall.

Überzeugendes, auf mehreren Ebenen spielendes Schauspielerkino, das daran krankt, dass der Protagonist Sherlock Holmes sein soll und dass der Fall ziemlich durchschaubar ist. So durchschaubar, dass der echte Sherlock Holmes ihn innerhalb einer Mikrosekunde gelöst hätte.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Ian McKellen, Laura Linney, Milo Parker, Hiroyuki Sanada, Hattie Morahan, Patrick Kennedy, Nicholas Rowe

Hinweise

Moviepilot über „Mr. Holmes“

Metacritic über „Mr. Holmes“

Rotten Tomatoes über „Mr. Holmes“

Wikipedia über „Mr. Holmes“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Bill Condons „Inside Wikileaks – Die fünfte Gewalt“ (Inside Wikileaks, USA 2013)

Meine Besprechung von Bill Condons „Mr. Holmes“ (Mr. Holmes, Großbritannien 2015)

Meine Besprechung von Bill Condons „Die Schöne und das Biest“ (Beauty and the Beast, USA 2016)

Meine Besprechung von Bill Condons „The good Liar – Das alte Böse“ (The good Liar, USA 2019)

Homepage von Sir Arthur Conan Doyle (Erben)

Krimi-Couch über Sir Arthur Conan Doyle

Kirjasto über Sir Arthur Conan Doyle

Wikipedia über Sir Arthur Conan Doyle (deutsch, englisch)

Sherlockian.net (Einstiegsseite mit vielen Links)

Facebook-Seite der deutschen Sherlock-Holmes-Gesellschaft

Thrilling Detective über Sherlock Holmes

Meine Besprechung Arthur Conan Doyles „Sherlock Holmes – Sämtliche Werke in 3 Bänden“ (Die Erzählungen I, Die Erzählungen II, Die Romane) (3 Bände im Schuber)

Meine Besprechung von Arthur Conan Doyles “Sherlock Holmes Geschichten”, “Sherlock Holmes Kriminalgeschichten” und “The Adventures of Sherlock Holmes” (und hier eine Auflistung der in diesen Werken enthaltenen Geschichten)

Meine Besprechung von Arthur Conan Doyles „Sherlock Holmes – Seine Abschiedsvorstellung“ (His last Bow, 1917)

Meine Besprechung von Arthur Conan Doyles „Sherlock Holmes‘ Buch der Fälle“ (The Case-Book of Sherlock Holmes, 1927)

Meine Besprechung von Anthony Horowitz‘ „Das Geheimnis des weißen Bandes“ (The House of Silk, 2011)

Meine Besprechung von Anthony Horowitz‘ „Der Fall Moriarty“ (Moriarty, 2014)

Meine Besprechung von Mattias Boströms „Von Mr. Holmes zu Sherlock“ (Fran Holmes till Sherlock, 2013)

Meine Besprechung von Ian Edginton (Autor)/Davide Fabbris (Zeichner): Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Zombies! (Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Zombies, 2010)

Meine Besprechung von Ian Edginton (Autor)/Horacio Domingues/Davide Fabbris (Zeichner) „Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Dracula“ (Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Jekyll/Hyde; Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Dracula, 2010/2011)

Meine Besprechung von „Sherlock: Ein Fall von Pink“ (A Study in Pink, GB 2010)

Meine Besprechung von „Sherlock: Eine Legende kehrt zurück – Staffel 1“ (Sherlock, GB 2010)

Meine Besprechung von “Sherlock: Eine Legende kehrt zurück -Staffel 2″ (Sherlock, GB 2012)

Meine Besprechung von „Sherlock – Staffel 3“ (Sherlock, GB 2014)

Meine Besprechung von „Sherlock: Die Braut des Grauens“ (Sherlock: The Abominable Bride, Großbritannien 2016)

Mein Hinweis auf „“Sherlock: Eine Legende kehrt zurück – Staffel 4“ (Sherlock, GB 2017)

Meine Besprechung von “Sherlock: Ein Skandal in Belgravia” (A Scandal in Belgravia, GB 2012)

Meine Besprechung von Guy Ritchies „Sherlock Holmes: Spiel im Schatten“ (Sherlock Holmes: A Game of Shadows, USA 2011)

Meine Besprechung von Bill Condons „Mr. Holmes“ (Mr. Holmes, Großbritannien 2015)

Sherlock Holmes in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 3. Juli: Mr. Holmes

Juli 2, 2019

Arte, 20.15

Mr. Holmes (Mr. Holmes, Großbritannien 2015)

Regie: Bill Condon

Drehbuch: Jeffrey Hatcher

LV: Mitch Cullin: A slight trick of the mind, 2005 (Neuausgabe als „Mr. Holmes“)

TV-Premiere: Sherlock Holmes, inzwischen ein alter Tattergreis, löst seinen letzten Fall.

Überzeugendes, auf mehreren Ebenen spielendes Schauspielerkino, das daran krankt, dass der Protagonist Sherlock Holmes sein soll und dass der Fall ziemlich durchschaubar ist. So durchschaubar, dass der echte Sherlock Holmes ihn innerhalb einer Mikrosekunde gelöst hätte.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Ian McKellen, Laura Linney, Milo Parker, Hiroyuki Sanada, Hattie Morahan, Patrick Kennedy, Nicholas Rowe

Wiederholung: Freitag, 5. Juli, 13.40 Uhr

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Mr. Holmes“

Metacritic über „Mr. Holmes“

Rotten Tomatoes über „Mr. Holmes“

Wikipedia über „Mr. Holmes“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Bill Condons „Inside Wikileaks – Die fünfte Gewalt“ (Inside Wikileaks, USA 2013)

Meine Besprechung von Bill Condons „Mr. Holmes“ (Mr. Holmes, Großbritannien 2015)

Meine Besprechung von Bill Condons „Die Schöne und das Biest“ (Beauty and the Beast, USA 2016)

Homepage von Sir Arthur Conan Doyle (Erben)

Krimi-Couch über Sir Arthur Conan Doyle

Kirjasto über Sir Arthur Conan Doyle

Wikipedia über Sir Arthur Conan Doyle (deutsch, englisch)

Sherlockian.net (Einstiegsseite mit vielen Links)

Facebook-Seite der deutschen Sherlock-Holmes-Gesellschaft

Thrilling Detective über Sherlock Holmes

Meine Besprechung von Arthur Conan Doyles “Sherlock Holmes Geschichten”, “Sherlock Holmes Kriminalgeschichten” und “The Adventures of Sherlock Holmes” (und hier eine Auflistung der in diesen Werken enthaltenen Geschichten)

Meine Besprechung von Arthur Conan Doyles „Sherlock Holmes – Seine Abschiedsvorstellung“ (His last Bow, 1917)

Meine Besprechung von Anthony Horowitz‘ „Das Geheimnis des weißen Bandes“ (The House of Silk, 2011)

Meine Besprechung von Anthony Horowitz‘ „Der Fall Moriarty“ (Moriarty, 2014)

Meine Besprechung von Mattias Boströms „Von Mr. Holmes zu Sherlock“ (Fran Holmes till Sherlock, 2013)

Meine Besprechung von Ian Edginton (Autor)/Davide Fabbris (Zeichner): Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Zombies! (Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Zombies, 2010)

Meine Besprechung von Ian Edginton (Autor)/Horacio Domingues/Davide Fabbris (Zeichner) „Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Dracula“ (Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Jekyll/Hyde; Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Dracula, 2010/2011)

Meine Besprechung von „Sherlock: Ein Fall von Pink“ (A Study in Pink, GB 2010)

Meine Besprechung von „Sherlock: Eine Legende kehrt zurück – Staffel 1“ (Sherlock, GB 2010)

Meine Besprechung von “Sherlock: Eine Legende kehrt zurück -Staffel 2″ (Sherlock, GB 2012)

Meine Besprechung von „Sherlock – Staffel 3“ (Sherlock, GB 2014)

Meine Besprechung von „Sherlock: Die Braut des Grauens“ (Sherlock: The Abominable Bride, Großbritannien 2016)

Mein Hinweis auf „“Sherlock: Eine Legende kehrt zurück – Staffel 4“ (Sherlock, GB 2017)

Meine Besprechung von “Sherlock: Ein Skandal in Belgravia” (A Scandal in Belgravia, GB 2012)

Meine Besprechung von Guy Ritchies „Sherlock Holmes: Spiel im Schatten“ (Sherlock Holmes: A Game of Shadows, USA 2011)

Sherlock Holmes in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik: Das Alien ist „Life“

März 23, 2017

In naher Zukunft: die ISS-Raumstation im Erdorbit: ein sechsköpfiges internationales Forscherteam sucht nach außerirdischem Leben und findet es in einem Einzeller vom Mars. Er wächst. Er stirbt und wird mit Stromstößen wieder zum Leben erweckt. Als er sich dagegen wehrt, soll er flambiert werden, was dem Ding aus einer anderen Welt nicht gefällt.

Ab diesem Moment kämpft die Mannschaft des Raumschiffs um ihr Überleben und es hilft, wenn man sich nicht zu genau an Ridley Scotts SF-Horrorfilmklassiker „Alien“ erinnert. Denn Daniel Espinosa liefert letztendlich nur eine Variation des Films ab, die deshalb selten wirklich überrascht, aber dank der Schauspieler, dem Drehbuch, den Spezialeffekte und der ruhig schwebende Kamera gefällt, die in langen Einstellungen die schwerelos durch die Raumstation schwebenden Wissenschaftler begleitet.

Nachdem Espinosa in früheren Filmen, wie „Safe House“, die Wackelkamera und Sekundenschnitte zum nervigen Stilprinzip erhoben hatte, kehrt er in „Life“ endgültig zur traditionellen Inszenierung zurück. Es ist auch eine Inszenierung, die die Schauspieler, die Tricks und die Geschichte in den Mittelpunkt stellt.

Beginnen wir mit den Schauspielern: Ryan Reynolds, Jake Gyllenhaal und Rebecca Ferguson sind die bekannten Namen, die genau deshalb eine größere Chance haben, das Filmende zu erleben. Olga Dihovichnaya, Ariyon Bakare und Hiroyuki Sanada ergänzen die Raumschiffbesatzung, die aus der ganzen Welt stammt. Und nachdem das Alien, von den Wissenschaftlern Calvin genannt, das erste Besatzungsmitglied tötete, ist klar, dass nur ein Narr auf das Überleben einer bestimmten Person wetten würde. Aber jeder bekommt seine große Sterbeszene, in der er tapfer gegen Calvin kämpft. „Life“ ist halt ein Shocker, in dem die Besatzungsmitglieder nur zum Sterben auf der Station sind. Deshalb erfahren wir auch, abgesehen von einem Mitglied, nichts über sie, was über ihre Aufgabe an Bord hinausgeht.

Die Tricks konzentrieren sich auf das Alien und, im Gegensatz zu älteren SF-Filmen, in denen die Astronauten sich normal durch ihr Schiff bewegen, auf die Darstellung der Schwerelosigkeit. Von der ersten bis zur letzten Minute schweben die ISS-Besatzungsmitglieder schwerelos durch das Schiff, wenn sie nicht gerade in einer auf der Erde unmöglichen Position an den Computern arbeiten oder miteinander reden. Anfangs, wenn die Besatzungsmitglieder während einer Besprechung an der Wand und Decke der Station schweben, irritiert das noch etwas. Später nimmt man kaum noch wahr, dass in „Life“ durchgängig auf die traditionelle Zuweisung von ‚oben‘ und ‚unten‘ verzichtet wird.

Das Monster ist ein fast durchsichtiges, glibberiges Quallenwesen, das seine Opfer mit seinen Tentakeln umarmt, umhüllt, erstickt, penetriert und gerade wegen seiner Gestaltlosigkeit Urängste weckt. Es ist nicht die einen zerfetzende „Alien“-Kreatur, sondern mehr ein Nebel des Grauens, der überall und nirgends ist. Und der Reihe nach die Besatzung dezimiert, die sich entsprechend den Genrekonventionen verhalten.

Denn die hochintelligenten Wissenschaftler der ISS-Raumstation versuchen das Wesen genauso wie die Arbeiter auf der Nostromo in „Alien“ oder die Antarktisforscher in „Das Ding aus einer anderen Welt“ zu bekämpfen: mit nackter Gewalt und dem Ziel, das fremde, sie bedrohende, scheinbar unbesiegbare Wesen zu töten. Wobei in „Life“ die sechs Besatzungsmitglieder alle eine lakonischen Todesakzeptanz haben, in der jedes Mitglied in Gefahr und größter Not nicht an sich, sondern an die anderen denkt.

Diese Vorhersehbarkeit des Skripts ist dann auch das größte Problem von „Life“. Wir wissen zwar nicht, wer wann wie stirbt, aber wir wissen, dass die Besatzungsmitglieder der Reihe nach dezimiert werden. Inclusive einiger logischer Brüche (Wo ist das Alien? Wie kam es jetzt an diesen Ort?). Die „Deadpool“-Autoren Paul Wernick und Rhett Reese belassen es in ihrer Geschichte dann auch beim kunstvollen Ausfüllen der bekannten Formel, ohne ihr noch eine zusätzliche Dimension zu geben.

Life (Life, USA 2017)

Regie: Daniel Espinosa

Drehbuch: Paul Wernick, Rhett Reese

mit Jake Gyllenhaal, Ryan Reynolds, Rebecca Ferguson, Olga Dihovichnaya, Ariyon Bakare, Hiroyuki Sanada

Länge: 104 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

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Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Life“

Metacritic über „Life“

Rotten Tomatoes über „Life“

Wikipedia über „Life“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Daniel Espinosas „Sebastian Bergman – Spuren des Todes 1“

Meine Besprechung von Daniel Espinosas „Safe House“ (Safe House, USA 2012)

Meine Besprechung von Daniel Espinosas „Kind 44“ (Child 44, CZ/GB/RO/USA 2015)


Neu im Kino/Filmkritik: „Mr. Holmes“ ist ein alter, vergesslicher Mann

Dezember 24, 2015

Das ist ein einerseits/andererseits-Film. Wobei das größte Problem von „Mr. Holmes“ der Protagonist und der damit zusammenhängende Fall ist. Denn natürlich ist der Film gut gespielt. Ian McKellen in der Hauptrolle überzeugt und die Geschichte entwickelt sich auf drei Zeitebenen konsequent, aber auch wenig überraschend (was nicht unbedingt schlecht ist) und etwas kitschig in der nordisch-herben Variante, auf ihr Ende hin.
1947 lebt Sherlock Holmes, inzwischen biblische 93 Jahre, zurückgezogen mit einer Haushälterin und ihrem Sohn auf einem malerisch gelegenem Landhaus in Sussex. Weil der Hobbyimker langsam sein Gedächtnis verliert, setzt er sich nach einer längeren Japan-Reise (deren Hintergründe wir in Rückblenden erfahren), an seinen Schreibtisch. Er will seinen letzten Fall als Privatdetektiv aufschreiben. Es ist der Fall, der vor dreißig Jahren dazu führte, dass er sich auf dem Privatdetektivgeschäft zurückzog. Dummerweise weiß er nicht mehr, warum er das tat und deshalb schreibt er, chronologisch, den Fall auf.
Das ist natürlich in der Realität eine ziemlich idiotische Idee und das ist einer der Punkte, an denen „Mr. Holmes“ krankt. Denn wenn Sherlock Holmes sich nicht mehr an seinen letzten Fall erinnert, wird er sich auch nicht daran erinnern, wenn er ihn chronologisch, wie eine Fortsetzungsgeschichte, aufschreibt. Sowieso ist das ein ziemlich schwacher Fall. Jedenfalls für Sherlock Holmes. Entsprechend enttäuschend ist dann auch die Lösung. Und, wenn wir uns an den von Sir Arthur Conan Doyle erfundenen Sherlock Holmes erinnern, ist die Konsequenz, die Sherlock Holmes aus der Lösung des Falles zieht, vollkommen unglaubwürdig. Denn der echte Sherlock Holmes niemals so reagiert.
Damit wären wir bei dem zweiten großen Problem des Films. Der Sherlock Holmes in „Mr. Holmes“ ist nicht der Sherlock Holmes, den wir kennen. Daran ändert auch der Hinweis in dieser Sherlock-Holmes-Dekonstruktion nichts, dass der Sherlock Holmes in diesem Film der echte Holmes ist, während wir bislang aus den Aufzeichnungen von Dr. Watson (schon lange vor Filmbeginn verstorben) nur eine idealisierte Version von ihm kennen. In „Mr. Holmes“ hat Holmes jetzt Charaktereigenschaften, die er vorher nie hatte mit einem gegen Null tendierendem Deduktionsvermögen. Das zeigt sich auch an dem in der Gegenwart spielendem ‚Fall‘, in dem es um Bienen und Wespen geht.
Andererseits überzeugt Bill Condons Film als Schauspielerkino und als Drama über das Älterwerden, in dem eine aufkeimende Freundschaft zwischen einem grummeligem alten Mann und einem Kind (ja, das haben wir noch nie gesehen) im Zentrum steht. Das macht „Mr. Holmes“ sehenswert.
Allerdings hätte mir Condons zweite Zusammenarbeit mit Ian McKellen nach dem hochgelobten Biopic „Gods and Monsters“ (USA/GB 1998, über den legendären Horrorfilmregisseur James Whale) viel besser gefallen, wenn sein Protagonist einen anderen Namen hätte.

Mr Holmes - Plakat

Mr. Holmes (Mr. Holmes, Großbritannien 2015)
Regie: Bill Condon
Drehbuch: Jeffrey Hatcher
LV: Mitch Cullin: A slight trick of the mind, 2005 (Neuausgabe als „Mr. Holmes“)
mit Ian McKellen, Laura Linney, Milo Parker, Hiroyuki Sanada, Hattie Morahan, Patrick Kennedy, Nicholas Rowe
Länge: 104 Minuten
FSK: ab 0 Jahre

Hinweise
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Film-Zeit über „Mr. Holmes“
Moviepilot über „Mr. Holmes“
Metacritic über „Mr. Holmes“
Rotten Tomatoes über „Mr. Holmes“
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Meine Besprechung von Bill Condons „Inside Wikileaks – Die fünfte Gewalt“ (Inside Wikileaks, USA 2013)


Neu im Kino/Filmkritik: Colin Firth trifft Nicole Kidman, „Die Liebe seines Lebens“

Juni 28, 2015

Natürlich ist ein Film mit Colin Firth und Nicole Kidman nicht ganz schlecht und natürlich ist die Lebensgeschichte von Eric Lomax (1919 – 2012), die mit den beiden Stars verfilmt wurde, durchaus beeindruckend. In England, nachdem Lomax vor zwanzig Jahren seine Autobiographie veröffentlichte und zu einer Berühmtheit wurde, ist sie auch allgemein bekannt. Lomax war im Zweiten Weltkrieg in Asien Kriegsgefangener und, nachdem er seine Frau kennen lernte, begann er sich Jahrzehnte später seinen Kriegserlebnissen zu stellen. Und dennoch wirkt „Die Liebe seines Lebens“, was auch ein einigen Freiheiten liegt, die die Macher sich im dritten Akt nahmen, wie ein psychologisch nicht stimmig ausgedachtes Gedankenkonstrukt.
Das beginnt schon mit der ersten Begegnung des späteren Paares. Während einer Bahnfahrt lernt Patti (Nicole Kidman als das schönste Mauerblümchen Englands, über deren Vergangenheit wir absolut nichts erfahren) 1980 Eric Lomax (Colin Firth) kennen. Er ist ein sympathischer Zausel, der die Fahrpläne in- und auswendig kennt, weshalb er ihr gleich einige Tipps für Zugverbindungen und Sehenswürdigkeiten geben kann. Sie verlieben sich, sie heiraten und Patti entdeckt, dass Eric doch keine so gute Partie ist. Er hat einen Ordnungsfimmel. Sie darf bei ihm wohnen, aber sie darf – was ihr vorher überhaupt nicht aufgefallen ist – nichts verändern. Er hat, weil er seine Rechnungen nicht bezahlt, finanzielle Probleme und er hat – auch das bemerkt sie erst in der Hochzeitsnacht – Alpträume, über die er nicht reden will.
Nur langsam erfährt Patti, dass ihr Mann immer noch von einen Kriegserlebnissen verfolgt wird. Er (in den Rückblenden von Jeremy Irvine gespielt) geriet 1942 mit seinen Kameraden nach dem Fall von Singapur in japanische Kriegsgefangenschaft. Dank eines mathematischen Verständnisses findet er anhand weniger Zeichen, die alle etwas mit Zügen zu tun haben, heraus, wohin sie mit dem Zug befördert werden. Sie sollen in Thailand durch unwegsames Dschungelände eine Eisenbahnstrecke bauen. Als Gefangene sind sie billiges Arbeitsmaterial. Wenn sie nicht während des Baus sterben, sterben sie durch die Folter. Lomax wird, nachdem ein von ihm im Geheimen gebautes Radio entdeckt wird, von dem japanischen Offizier und Übersetzer Takashi Nagase gefoltert.
Als Patti herasfindet, dass Nagase immer noch lebt und in Thailand in einem Museum über den Eisenbahnbau arbeitet, macht Lomax sich auf den Weg.
Die erste Begegnung zwischen Lomax und seinem damaligem Folterer gehört dann zu den unglaubwürdigsten Szenen des ganzen Films. Denn der introvertierte Lomax wird innerhalb einer Sekunde zu einem foltergeneigtem Racheengel, der Takashi Nagase töten will. Auch wenn Firth diese Szene im schönstens „Kingsman“-Stil spielt, passt sie einfach nicht zu seinem Charakter.
Jonathan Tepliztkys „Die Liebe seines Lebens“ will mit seiner Rückblendenstrutkur, gleichzeitig ein Kriegsdrama über tapfere Engländer in der Gefangenschaft im Dschungel und ein psychologischer Liebesfilm über ein mittelaltes Paar, bei dem der Ehemann seelische Probleme hat, sein. Aber keine Geschichte packt wirklich.
Dabei hätte man die Probleme wahrscheinlich mit einigen zusätzlichen Szenen und erklärenden Sätzen beheben können.
Ein anderes Problem ist der irreführende deutsche Titel von „The Railway Man“. Denn es geht weniger um die Beziehung von Eric Lomax zu seiner Frau, sondern um seine Kriegserlebnisse (die Rückblenden machen ungefähr die Hälfte des Films aus) und wie er sie verarbeitet.

Die Liebe seines Lebens - Plakat

Die Liebe seines Lebens (The Railway Man, Australien/Großbritannien 2013)
Regie: Jonathan Teplitzky
Drehbuch: Andy Paterson, Frank Cottrell Boyce
LV: Eric Lomax: The Railway Man, 1995
mit Colin Firth, Nicole Kidman, Jeremy Irvine, Stellan Skarsgård, Hiroyuki Sanada, Sam Reid, Tanroh Ishida
Länge: 108 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
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Film-Zeit über „Die Liebe seines Lebens“
Moviepilot über „Die Liebe seines Lebens“
Metacritic über „Die Liebe seines Lebens“
Rotten Tomatoes über „Die Liebe seines Lebens“
Wikipedia über „Die Liebe seines Lebens“ (deutsch, englisch)

History vs. Hollywood über „Die Liebe seines Lebens“


Neu im Kino/Filmkritik: „Wolverine – Weg des Kriegers“ mit viel Japan-Atmosphäre und ohne X-Men-Unterstützung

Juli 25, 2013

 

Was hat man nicht alles vorher über den neuen Auftritt von Hugh Jackman als Wolverine, der unsterbliche Mutant mit dem Stahlklauen aus dem „X-Men“-Universum, gelesen. In Japan sollte er spielen (Stimmt.), sich an Frank Millers in Japan spielender „Wolverine“-Geschichte orientieren (Stimmt nicht. Er wird in den Credits noch nicht einmal als Inspiration genannt.), sich mehr um den Charakter kümmern (Hmhm.) und ein Neuanfang sein (Stimmt irgendwie schon.). Deshalb ist nach den „X-Men“-Filmen und Jackmans erstem Soloauftritt in „X-Men Origins: Wolverine“ (USA 2009) der Originaltitel „The Wolverine“. So werde deutlich, dass der Charakter im Mittelpunkt stehe und die X-Men, zu denen Wolverine gehört, in diesem Film egal seien. Im Film tauchen sie deshalb nicht auf. Und mit Regisseur James Mangold („Walk the Line“, „Todeszug nach Yuma“) und den Drehbuchautoren Mark Bomback („Stirb langsam 4.0“, „Total Recall“), Scott Frank („Out of sight“, „Minority Report“) und Christopher McQuarrie („Die üblichen Verdächtigen“, „Jack Reacher“), der eine frühere Fassung, die von Darren Aronofsky verfilmt werden sollte, schrieb, wollte man auch den Anspruch eines erwachsenen „Wolverine“-Films betonen.

Nun, der erste „Wolverine“-Film „X-Men Origins: Wolverine“ (USA/Neuseeland/Australien 2009) wurde von Gavin Hood („Tsotsi“, „Machtlos“) nach einem Drehbuch von David Benioff („25 Stunden“, „Game of Thrones“) und Skip Woods („Stirb langsam – Ein guter Tag zum Sterben“ [Kein Kommentar]) gedreht – und schon allein bei den Credits konnte man an dem lauthals postulierten Anspruch von „Wolverine – Weg des Kriegers“ zweifeln. Obwohl „X-Men Origins: Wolverine“ eine ziemlich chaotische Geschichte erzählt, die eine Neuausrichtung durchaus rechtfertigt.

Und die Macher hatten bei „Wolverine – Weg des Kriegers“ auf den ersten Blick den Mut, in einem Superheldenfilm endlich mal etwas neues auszuprobieren. Denn sie erzählen nicht, wie der Superheld zum Superhelden wird, oder wie er in scheinbar endlosen Action-Szenen gegen einen unbesiegbaren, abgrundtief bösen Gegner, der die Welt, das Universum und den ganzen Rest vernichten will, kämpft. Nein, in „Wolverine – Weg des Kriegers“ will der unsterbliche Wolverine sterben – und der reiche, im Sterben liegende Japaner Lord Yashida (Haruhiko Yamanouchi), den er während des Atombombenabwurfs auf Hiroshima 1945 rettete, bietet ihm in der Gegenwart an, diesen Wunsch zu erfüllen.

Aber dann geht irgendetwas vollkommen schief. Drehbuchtechnisch.

Denn kaum ist Logan (so der bürgerliche Name von Wolverine) in Japan angekommen und hat Yashidas Angebot gehört, stirbt dieser und auf seiner Beerdigung wird ein Anschlag auf seine Enkeltochter Mariko (Tao Okamoto), die alles erben soll, verübt. Logan kann den Anschlag der Yakuzas verhindern. Zusammen mit ihr flüchtet er in eine einsam gelegene Hütte. Bei dem Kampf wurde Logan verletzt, aber im Gegensatz zu früheren Kämpfen, in denen seine Wunden sofort verheilten, heilen sie jetzt nicht. Er ist sterblich – und bricht nicht, weil endlich sein sehnlichster Wunsch in Erfüllung geht, in Jubelgesänge aus, sondern er ist extrem stinkig, weil er jetzt Mariko retten und das Komplott gegen sie aufklären will.

Und zwischen all den Yakuzas und Samurais, die mal mit ihm, mal gegen ihn kämpfen, ist auch Viper, die halbseidene, sexy Ärztin von Lord Yashida, die Logan während eines Alptraums mit einem Kuss etwas injizierte, das sein Herz angreift. Gut. Das klingt ziemlich gaga, aber nach Elizabeth Shaws Selbstoperation in Ridley Scotts „Prometheus“ darf jetzt auch Logan sich selbst operieren und ein fremdes „Lebewesen“ aus dem eigenen Körper entfernen.

Die Story selbst ist ziemlich chaotisch, arg länglich und schlecht entwickelt. Denn es dauert gefühlte Ewigkeiten, bis der Hauptplot beginnt, weil wir zuerst erfahren, was 1945 in Japan geschah, wie Logan zurückgezogen in den Bergen lebt und sich mit einigen Hinterwäldlern anlegt, bevor er von Yukio (Rita Fukushima, auch sexy) entdeckt und nach Japan mitgenommen wird. Und dann, nachdem Logan Mariko (ebenfalls sexy; – halt wie alle Frauen in dem Film) auf der Trauerfeier vor ihren Häschern retten konnte, gibt es ein langatmiges Zwischenspiel, in dem Logan etwas über die Freuden der Sterblichkeit sinniert, bevor er, lange vor dem Filmende, doch beschließt, dass er unsterblich bleiben möchte. Das ist zwar nicht wirklich überraschend, aber damit wird die von den Machern groß propagierte Frage, welche Bedeutung Sterblichkeit hat, schnell ad acta gelegt. Es gibt dann noch etwas Gerede über Samurais, Ronins und dass Krieger für einen höheren Zweck kämpfen sollen. Oder so ähnlich.

Der Höhepunkt, der Schlusskampf, ist storytechnisch ein einziges Desaster, bei dem es letztendlich nur noch um ein jeder gegen jeden geht und das anscheinend aus einem anderen Film stammt.

Da hilft es auch nicht, dass James Mangold immer wieder schöne und auch eindrucksvolle Bilder zeigt (zum Beispiel wenn Logan in einem verschneiten Bergdorf von hunderten Pfeilen niedergestreckt wird), stilistisch an Samurai-Filme anknüpft und das ländliche mit dem urbanen Japan verknüpft. Für einen über zweistündigen Film ist das einfach zu wenig und dass Mangold bereits jetzt sagt, dass er einen längeren Director’s Cut plane, klingt da wie eine Drohung. Denn schon jetzt hätte man locker eine gute halbe Stunde kürzen können.

Wolverine – Weg des Kriegers“ (selbstverständlich in 3D) hat bis auf den Hauptdarsteller eigentlich nichts mit „X-Men Origins: Wolverine“ zu tun und ist auch erwachsener als dieser. Immerhin geht es um Sterblichkeit und den Verlust der großen Liebe; gespielt von Famke Janssen als Jean Grey, Logans one and only love, die er im Schlaf mit seinen Stahlklauen tötete und die ihm jetzt Alpträume beschert. Aber ehe die Macher sich dann zu sehr mit solch tiefsinnigen Fragen über Schuld, Sühne und Unsterblichkeit beschäftigten, gibt es immer wieder mal mehr, mal weniger übertriebene Action.

Auch dieser Wolverine ist kein guter Film.

Wolverine - Weg des Kriegers - Plakat

Wolverine – Weg des Kriegers (The Wolverine, USA 2013)

Regie: James Mangold

Drehbuch: Marc Bomback, Scott Frank, Christopher McQuarrie (ungenannt)

mit Hugh Jackman, Hiroyuki Sanada, Tao Okamoto, Rila Fukushima, Famke Janssen, Will Yun Lee, Svetlana Khodchenkova, Haruhiko Yamanouchi, Brian Tee

Länge: 129 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Wolverine – Weg des Krieges“

Metacritic über „Wolverine – Weg des Krieges“

Rotten Tomatoes über „Wolverine – Weg des Krieges“

Wikipedia über „Wolverine – Weg des Krieges“ (deutsch, englisch)

 

 


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