Neu im Kino/Filmkritik: „Der Glanz der Unsichtbaren“ erstrahlt

Einige Details muten typisch französisch an. Aber Obdachlosigkeit gibt es auch in anderen Wohlfahrtsstaaten und überall gibt es ähnliche Hilfsangebote wie das L’Envol, eine Tagesstätte, in der Frauen ihre Wäsche waschen, Essen und Entspannen können, bevor sie am Abend den geschützten Raum verlassen und auf der Straße übernachten müssen.

Dieser geschützte Raum soll nun geschlossen werden, weil die Leiterin Manu (Corinne Masiero), ihre Mitarbeiterinnen Audrey (Audrey Lamy), Angélique (Déborah Lukumuena) und die ehrenamtliche Helferin Hélène (Noéme Lvovsky) nicht effektiv genug arbeiten. Keiner ihrer Schützlinge hat eine Arbeit gefunden. Ihnen wird eine letzte Frist von drei Monaten gewährt.

Also beginnen Manu, Audrey, Angélique und Hélène, nicht ohne Konflikte im Team, nach den verschütteten Potentialen von Edith Piaf, Dalida, Lady Di, Brigitte Macon, Salma Hayek, Francoise Hardy und La Cicciolina, wie sich ihre Kundinnen nennen, wenn sie unbedingt einen Namen angeben müssen, zu suchen. Dabei haben einige der Damen ungeahnte Talente und eine manchmal bei der Jobsuche hinderliche Wahrheitsliebe.

Außerdem dehnen und brechen sie, angesichts des nahen Endes der Tagesstätte, eherne Regeln des Berufs und der Verwaltung.

Die erste Idee für „Der Glanz der Unsichtbaren“ hatte Louis-Julien Petit, als er das von Claire Lajeunie veröffentlichte Buch „Sur la route des invisibles, femmes dans la rue“ und ihren damit zusammenhängenden Dokumentarfilm „Femmes invisilbes: survivre dans la rue“ entdeckte. Er wollte einen Film über diese Frauen machen, der die obdachlosen Frauen als Individuen porträtierte und der ihre Probleme aus ihrer Sicht behandelt. In einer ersten Drehbuchfassung, die er später komplett verwarf, spielte der Film vor allem auf der Straße. Jetzt spielt der Film vor allem im L’Envol und es geht, sehr humorvoll, um den Kampf der Frauen für ihre Belange. Dabei müssen die Sozialarbeiterinnen und die ständigen Besucherinnen des Tageszentrums zuerst begreifen, was ihre Interessen sind. Gedreht wurde chronologisch mit wenigen Profi-Schauspielern und Laien, die sich selbst spielten als obdachlose Frauen. Diese Art des Drehens, die vom Regisseur gewollten Improvisationen während der Dreharbeiten und der Ungewissheit, ob die Laienschauspielerinnen wirklich bis zum letzten Drehtag dabei bleiben, bestimmt die episodische Erzählweise des Films.

Entstanden ist eine fein ausbalancierte, tief in der Realität verwurzelte Feelgood-Komödie über obdachlose Frauen, die für ihre Interessen kämpfen, und Sozialarbeiterinnen, die ihnen helfen. Das hat unbestritten einen Ken-Loach-Touch. Auch wenn Louis-Julien Petit niemals so klassenkämpferisch wie Loach die Situation in Frankreich analysiert.

Der Glanz der Unsichtbaren (Les Invisibles, Frankreich 2018)

Regie: Louis-Julien Petit

Drehbuch: Louis-Julien Petit, Marion Doussot, Claire Lajeunie

LV: Claire Lajeunie: Sur la route des invisibles, femmes dans la rue

mit Audrey Lamy, Corinne Masiero, Noémie Lvovsky, Déborah Lukumuena, Adolpha van Meerhaeghe, Patricia Mouchon, Khoukha Boukherbache, Assia Menmadala, Marianne Garcia, Laetitia Grigy

Länge: 102 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Der Glanz der Unsichtbaren“

AlloCiné über „Der Glanz der Unsichtbaren“

Rotten Tomatoes über „Der Glanz der Unsichtbaren“

Wikipedia über „Der Glanz der Unsichtbaren“ (englisch, französisch)

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