Marc-Uwe Kling erzählt Geschichten aus dem Qualityland

Hardcore-Science-Fiction-Fans, die ihren William Gibson neben Cixin Liu neben Ted Chiang (um nicht noch einmal die alten Recken zu bemühen) fein säuberlich im Regal stehen haben, dürften von „Qualityland“ und „Qualityland 2.0“ enttäuscht sein. Zu episodisch sind die beiden Bücher, zu vertraut die Gedanken zur Überwachung, Computern und Algorithmen und zu didaktisch die Dialoge. So in Richtung „Die Sendung mit der Maus“ gehend. Auch gestandene Überwachungsgegner, die ihre Bücher von und über Edward Snowden neben die Sachbücher über Facebook, die globale Überwachung und den Cyberwar stehen haben, dürften in den „Qualityland“-Büchern vor allem vertraute Befürchtungen in neuen Formulierungen finden.

Aber sie sind auch nicht wirklich das Zielpublikum. Das sind primär die Fans der vier Känguru-Bücher, in denen Marc-Uwe Kling von sich und seinem Mitbewohner, einem kommunistischem Känguru, erzählt. Die Känguru-Geschichten waren zunächst kurze Betrachtungen aus dem Leben des in Kreuzberg (Wo sonst?) ambitionslos vor sich hin lebenden Kleinkünstlers, die in jeder beliebigen Reihenfolge genossen werden können. Später verband Kling einige der immer nur wenige Seiten umfassenden Geschichten miteinander, indem er in neueren Geschichten frühere Gedanken und Ereignisse wieder ansprach, variierte und weiter erzählte. Mit viel Wohlwollen kann man das dann als buchfüllende Geschichte beschreiben. Aber letztendlich bleiben die Känguru-Geschichten episodische Betrachtungen über Gott und die Welt. Sie sind witzig. Der allgemeinverträgliche Humor ist perfekt für kurze Beiträge im Radio und Lesebühnen geeignet. Denn niemand wird in den zwei-, dreiminütigen Stücken intellektuell überfordert. Die Anspielungen setzen ein vulgär-bildungsbürgerliches und rudimentärstes popkulturelles Wissen (mit Bud Spencer und Terence Hill sind Sie auf der sicheren Seite) voraus. Es ist also wichtig, zu wissen, dass Kant ein wichtiger Philosoph war, aber es ist unwichtig zu wissen, was er genau gesagt hat.

Seine beiden „Qualityland“-Büchern wirken wie eine mild satirische Fortsetzung der Känguru-Geschichten im Science-Fiction-Gewand und mit geänderten Namen. Qualityland ist eine Zukunft, in der alle glücklich sind, weil Algorithmen uns alle Entscheidungen abnehmen und Roboter lästige Aufgaben übernehmen. Der Nachname eines Jungen ist jetzt der Beruf seines Vaters, der Nachname eines Mädchens der Beruf ihrer Mutter während der Zeugung. Der gesellschaftliche Status wird über Punkte definiert. Je nachdem, was man tut, ändert sich der Punktestand und damit die gesellschaftliche Position. Letztendlich ist Qualityland eine Fortschreibung der Gegenwart, die mehr Dystopie als Utopie ist.

Der Protagonist der beiden Bücher ist Peter Arbeitsloser, ein Verschrotter von psyschich kranken Robotern. Weil der gelernte Maschinentherapeut es nicht übers Herz bringt, die Maschinen zu verschrotten, lässt er sie in seinem Junggesellenkeller leben. Es sind eine E-Poetin mit Schreibblockade, ein Kampfroboter mit posttraumatischer Belastungsstörung, eine Drohne mit Flugangst und ein Sexdroide mit Erektionsproblemen.

Dazu kommen, als seine menschlichen Freunde, Kiki Unbekannt, eine Hackerin (und mindestens so gesetzesverachtend und systemkritisch wie das schlaue Känguru), seine Ex-Freundin Sandra Admin und, als eremitärer Warner in einer alten Fabrik lebend, der Alte. Er ist ein belesener Computerfreak, der das Internet löschen will.

Im ersten „Qualityland“-Buch erhält Arbeitsloser ungewollt von dem Versandhändler TheShop einen Delfinvibrator. TheShop behauptet, aufgrund einer Algorithmen-Prognose will er einen Delfinvibrator haben. Arbeitsloser sieht das anders und will das Ding zurückgeben. Aber das ist schwieriger als gedacht, weil Algorithmen keine Fehler machen. Und wenn doch, geben sie es nicht zu.

Im zweiten Band erzählt Kling von weiteren Abenteuer von Peter Arbeitsloser. Seine Freundin Kiki Unbekannt will jetzt herausfinden, wer ihre Eltern sind. Außerdem wird sie von dem Puppenspieler gejagt.

In einem zweiten Erzählstrang geht es in beiden Büchern um die Politik. So tritt im ersten Band der superschlaue Androide John of Us im Kampf um die Präsidentschaft gegen den hemmungslos an niederste Instinkte appellierende Conrad Koch an. Im zweiten Band, nachdem John of Us bei einem Attentat starb, erzählt Kling, was nach dem Attentat geschieht.

Das liest sich in seiner episodischen, jede Ablenkung dankbar aufnehmenden Struktur durchgehend flott weg, ist auch für einige Lacher gut und bestätigt die eigene Weltsicht. Jedenfalls regte mich nichts zum Nachdenken, zum Widerspruch oder zum Überdenken meiner Meinung an.

Marc-Uwe Kling: Qualityland 2.0 – Kikis Geheimnis

Ullstein, 2020

432 Seiten

19 Euro

Marc-Uwe Kling: Qualityland

Ullstein, 2019

384 Seiten

11 Euro

Gebundene Ausgabe

Ullstein, 2017

Hinweise

Perlentaucher über „Qualityland“ und „Qualityland 2.0“

Homepage von Marc-Uwe Kling

Wikipedia über Marc-Uwe Kling

Meine Besprechung von Dani Levys Marc-Uwe-Kling-Verfilmung „Die Känguru-Chroniken“ (Deutschland 2020) und der Vorlage(n)

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