Neu im Kino/Filmkritik: „Minari – Wo wir Wurzeln schlagen“ und eine neue Heimat finden

In Arkansas will Jacob Yi auf einem einsam gelegenem Gelände koreanisches Gemüse anbauen. Vorher lebte er mit seiner Frau Monica und ihren Kindern, der zwölfjährigen Anne und dem siebenjährigem, schwer kranken David in Kalifornien. Als Hilfsarbeiter sortierte er in einer Hühnerfarm zehn Jahre lang Hühner aus. Zum Überleben reichte der karge Lohn. Aber nicht zur Verwirklichung des amerikanischen Traums. Der soll sich für die koreanisch-amerikanische Einwandererfamilie jetzt in Arkansas erfüllen.

In seinem vierten, hochgelobtem und mit über fünfzig Preisen ausgezeichnetem Spielfilm „Minari – Wo wir Wurzeln schlagen“ erzählt Lee Isaac Chung, mehr oder weniger, die Geschichte seiner Kindheit und seiner Familie in den Achtzigern in Arkansas. Seinen Ursprung hatte Chungs Film in einer Sammlung von Notizen, die er anfertigte, um seiner Tochter von seinen Eltern und seiner Familie zu erzählen.

Dieser Ursprung bestimmt dann auch die Erzählhaltung, Perspektive und Stimmung des Films. „Minari“ sucht nicht das große Drama oder die große Konfrontation zwischen sich unversöhnlich gegenüberstehenden nett-strebsamen Einwanderern und bösartig-rassistischen Einheimischen. Chung konzentriert sich auf das Leben der koreanischen Familie und, vor allem, wie sie miteinander umgehen und versuchen, das schwere Leben auf der Farm zu meistern. Dabei ist das Farmhaus keine Villa mit einer großen Veranda, sondern ein Wohnwagen. Zwar ein großer Wohnwagen und ohne Räder, aber immer noch ein auf einer Wiese stehender Wohnwagen, in dem schon für die vierköpfige Familie zu wenig Platz ist. Nachdem die direkt aus Korea kommende Großmutter Soon-Ja (Youn Yuh-jung; Oscar als beste Nebendarstellerin) zu ihnen zieht, ist alles noch beengter.

Aber an ein Haus ist nicht du denken. Zuerst müssen die Felder bestellt werden. Dafür verhandeln sie mit einem Wünschelrutengänger, der behauptet, Wasser auf dem trockenen Landstück zu finden. Jacob hat eine andere Lösung für das Problem. Sie bestellen den Boden. Er sammelt Erfahrungen als Farmer. Dabei hilft ihm der mindestens sehr schrullige, in religiösen Rätseln sprechende Paul (Will Patton). Aber er ist kein religiöser Fanatiker, sondern einfach nur der nette durchgeknallte Nachbar von nebenan (ohne Axt!). Später versucht Jacob seine Ernte an Händler zu verkaufen, die sie an die koreanische Gemeinschaft in der nächsten größeren Stadt verkaufen können. David und seine Großmutter begegenen in einem Tümpel einer Schlange. Chung erzählt auch, wie durch eine Verkettung unglücklicher Umstände die Großmutter ein Feuer auslöst, das auf die Scheune mit der Ernte übergreift. Und er erzählt, wie die Familie den Gottesdienst besucht und in die Gemeinde aufgenommen wird.

Das geschieht alles ohne die großen Kinokonflikte. Stattdessen lösen sich in „Minari“ eigentlich alle potentiellen Konflikte schnell in Wohlgefallen auf. Fast so wie im richtigen Leben. Außerdem will Chung, wie gesagt, von seiner Familie, ihrem Leben, ihrer Herkunft und wie sie an einem anderen Ort eine neue Heimat finden, erzählen.

Ist damit ein wenig wie das Blättern in alten Aufzeichnungen oder einem Fotoalbum.

Letztendliche erzählt Chung, mit viel Sympathie für seine autobiographisch inspirierten Figuren und die Schönheiten der Landschaft, die sattsam bekannte Geschichte vom amerikanischen Traum und wie er sich, nach Rückschlägen, erfüllt. Nur dieses Mal nicht für ausgewanderte Europäier, sondern für eine neue Generation von Einwanderern. Das ist eine durchgehend optimistische Erzählung, die keine Brüche, keine Untiefen und auch keine dunklen Seiten hat. Dafür gibt es dann andere Filme; – die natürlich auch nicht dafür taugen, seiner Tochter die Familiengeschichte zu erzählen.

Minari – Wo wir Wurzeln schlagen (Minari, USA 2020)

Regie: Lee Isaac Chung

Drehbuch: Lee Isaac Chung

mit Steven Yeun, Yeri Han, Alan Kim, Noel Kate Cho, Yuh-Jung Youn, Scott Haze, Will Patton, Darryl Cox, Esther Moon

Länge: 116 Minuten

FSK. Ab 6 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Minari“

Metacritic über „Minari“

Rotten Tomatoes über „Minari“

Wikipedia über „Minari“ (deutsch, englisch)

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