Neu im Kino/Filmkritik: Über den Dokumentarfilm „Herr Bachmann und seine Klasse“

Auf der diesjährigen Berlinale erhielt Maria Speths Dokumentarfilm „Herr Bachmann und seine Klasse“ den Silbernen Bären und, später, den Berlinale Publikums-Preis für den besten Wettbewerbsfilm. Seit dem Bären-Gewinn wird der Film einhellig abgefeiert. Zuletzt wurde er in den Kategorien „Bester Dokumentarfilm“ und „Beste Regie“ für den Deutschen Filmpreis nominiert.

Dabei erzählt er doch nur von einem Lehrer und seiner Klasse. Der titelgebende Lehrer Dieter Bachmann unterrichtet in Stadtallendorf, einer Stadt in Hessen in der Nähe von Marburg, an der Gesamtschule eine sechste Schulklasse, genaugenommen die 6b. Am Ende des Schuljahres gibt es die Empfehlungen für die weiterführenden Schulen. Die Schüler haben fast alle einen Migrationshintergrund. Bei einigen kamen die Eltern als Gastarbeiter nach Deutschland. Andere sind erst vor wenigen Monaten nach Deutschland gekommen. Viele haben Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache. Es wird auch türkisch, bulgarisch und italienisch gesprochen. Dieser hohe Migrationsanteil unterscheidet diese Klasse, jedenfalls außerhalb von Großstädten, vielleicht etwas von anderen Schulklassen. Aber insgesamt ist es eine ganz normale Schulklasse mit ganz normalen Teenagern.

Maria Speth beobachtet diese Klasse und die Dynamik zwischen den Schülern und ihrem Lehrer, den sie über ihren Mann kennen lernte, ausführlich. Die Dreharbeiten waren von Januar bis Juni 2017. Insgesamt hatte sie über dreißig Drehtage und am Ende zweihundert Stunden Rohmaterial. Daraus kondensierte sie in jahrelanger Arbeit die jetzige 217-minütige Kinofassung.

Das sind fast vier Stunden. Und dann noch in der Schule. Als hätten wir während unserer Kindheit und Jugend nicht genug Stunden an diesem Ort des Schreckens verbracht. Trotzdem lohnt sich die Rückkehr in das Klassenzimmer, das in diesem Fall auf einer Kinoleinwand in einem gemütlichen Kinosaal und ohne Notendruck ist.

Den Notendruck lehnt Herr Bachmann ebenfalls ab. Er ist der Ansicht, dass es in der Schule um andere, um nicht zu sagen wichtigere Dinge geht. Deshalb sieht sein Klassenzimmer wie ein Zimmer in einem Jugendhaus aus. Mit einer Schlafcouch in der einen, einem Schlagzeug in der anderen Ecke. Neben Musik gibt es auch Entspannung an der frischen Luft und Werkunterricht. Er versucht ihnen Vertrauen in ihre Fähigkeiten zu geben. Das und sein aufrichtiges Interesse an seinen Schülern, ihrem Leben und ihren Problemen unterscheidet ihn von anderen Lehrern. Er fragt sie nach ihrer Meinung und den Gründen dafür. Er lernt sie, durch sein Wesen und seinen Unterricht, Toleranz und Neugierde.

Über ihn selbst erfahren wir wenig. Er studierte in Berlin und wurde erst relativ spät Lehrer. Mehr aus Verlegenheit, als aus Berufung. Wobei, wenn man ihn mit seiner Klasse sieht, es dann doch Berufung war. Inzwischen ist er nämlich pensioniert.

Maria Speth zeigt das Geschehen im Klassenzimmer als beobachtende Dokumentation, die dann auch mit den Problemen zu kämpfen hat, mit denen beobachtende Dokumentarfilme zu kämpfen haben. Es gibt kein Voice-Over oder sprechende Köpfe, die schnell wichtige Informationen vermitteln. Das alles muss man sich aus dem Film erschließen. Dass Herr Bachmann an einer Gesamtschule unterrichtet, ahnt man ungefähr nach dem dritten gemeinsamen Essen im Klassenzimmer, aber es wird niemals deutlich gesagt.

In ihrem Film konzentriert Speth sich auf Herrn Bachmann (ein Lehrer verdient eine gewisse respektvolle Anrede) und die Menschen, denen er begegnet. Niemand kommentiert ihn oder seinen Unterricht. Es gibt daher keine kritische oder auch lobende Stimme. Es gibt auch keine Einordnung von seinem Unterrichtsstil in das mir hessische und bundesdeutsche Bildungswesen. Speth schildert einen Einzelfall, der für sich selbst steht. Es ist daher auch unklar, wie sehr Herr Bachmann sich von anderen Lehrern an dieser Schule und in Deutschland unterscheidet.

Das sind jetzt allerdings keine Einwände gegen den Film. „Herr Bachmann und seine Klasse“ ist ein trotz seiner epischen Länge sehr kurzweiliger Film mit positiven Botschaft, der auch für Menschen sehenswert ist, die eine Schule zuletzt bei ihrer Abschlussfeier gesehen haben. Und in jedem Fall sollte es in der Schule mehr Bachmänner geben.

Herr Bachmann und seine Klasse (Deutschland 2021)

Regie: Maria Speth

Drehbuch: Maria Speth, Reinhold Vorschneider

mit Dieter Bachmann, Aynur Bal, Önder Cavdar

Länge: 217 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Herr Bachmann und seine Klasse“

Moviepilot über „Herr Bachmann und seine Klasse“

Rotten Tomatoes über „Herr Bachmann und seine Klasse“

Wikipedia über „Herr Bachmann und seine Klasse“

Berlinale über „Herr Bachmann und seine Klasse“

One Response to Neu im Kino/Filmkritik: Über den Dokumentarfilm „Herr Bachmann und seine Klasse“

  1. […] GEWINNER: Herr Bachmann und seine Klasse […]

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