Über Jacob Ross‘ Inselkrimi „Die Knochenleser“

Einige Seemeilen neben der fiktiven Karibikinsel Saint Marie, wo wechselnde aus England eingeflogene Ermittler „Death in Paradise“ aufklären, liegt Camoha, eine ebenso fiktive Insel, die als ebenso archetyische Karibikinsel beschrieben werden kann. Auf dieser Insel gibt es Touristen, christliche und andere Glaubensgemeinschaften, Revolten, Polizeigewalt und Korruption, viel Korruption.

Im Mai 1999 verlor Michael ‚Digger‘ Digson, der Ich-Erzähler in „Die Knochenleser“, bei dem Vergewaltigungsaufstand seine Mutter. Wahrscheinlich wurde sie ermordet. Als der sich Jahre später ziellos durch sein Leben treiben lassende hochintelligente Schulabbrecher Digson den Mord an einem Kind auf offener Straße beobachtet, trifft er Detective Superintendent Chilman. Der sieht in ihm Potential und bietet ihm eine Arbeit in einer noch zu gründenden Spezialeinheit der Polizei an. Schmackhaft macht er ihm die Arbeit unter anderem mit dem Hinweis, dass er in den Polizeiakten nach dem Mörder seiner Mutter suchen kann.

Neben diesen von Digson mehr oder weniger energisch vorangetriebenen Ermittlungen, erfahren wir auch, wie das Team ausgebildet und zu einem Team wird. Als Chilman in Pension geht (das ist auf Seite 88), hat er noch eine Aufgabe für sie. Sie sollen das schon länger zurückliegende Verschwinden von Nathan aufklären. Wahrscheinlich hat er nicht die Insel verlassen, sondern er wurde ermordet.

Bei diesem Fall soll ihnen Miss Stanislaus helfen. Sie ist zwar keine Polizistin, aber Chilman hat sie zu ihnen geschickt und der Polizeichef befiehlt ihnen, sie in ihre Einheit aufzunehmen.

„Die Knochenleser“ ist der erste „Kriminalroman“ von Jacob Ross. Der 1956 auf Grenada geborene Ross lebt seit 1984 im Vereinigten Königreich. Vor „Die Knochenleser“ veröffentlichte er bereits den Roman „Pynter Bender“ (ausgezeichnet als Bestes Debüt von der Society of Authors), Theaterstücke, Kurzgeschichten und Gedichte. „Die Knochenleser“ erhielt den damals neuen Jhalak Prize for Book of the Year by a Writer of Colour. Im darauffolgenden Jahr erhielt Reni Eddo-Lodge den Preis für „Warum ich nicht länger mit Weißen über Hautfarbe spreche“ (Why I’m no longer talking to White People about Race). Ihr Essay ist unbedingt lesenswert.

Über „Die Knochenleser“ kann das nicht gesagt werden. Ross erzählt seine Geschichte chronologisch, was in diesem Fall dazu führt, dass der für den Roman zentrale Kriminalfall erst sehr spät beginnt. In der ersten Hälfte des Buches erzählt er alles über Digsons Anwerbung, seine Ausbildung, seine Arbeit als Polizist, der Suche nach dem Mörder seiner Mutter und einige Seiten über die Ermittlungen im Fall Nathan. In der zweiten Hälfte geht es eher um den Mord an Bello Hunt, Diakon der Spirituellen Baptistenkirche Kinder des Einhorns. Auch hier scheint Ross sich für alles außer dem reichlich nebulösem Kriminalfall zu interessieren. Der wird eher nebenbei, kaum nachvollziehbar und im Off weitergesponnen.

Das könnte natürlich ausgeglichen werden durch die Sprache, eine intensive Beschreibung des Insellebens und interessante Figuren. Sprachlich hat mich der Roman nicht angesprochen und die überflüssige Verwendung des Dialekts genervt. Die Figuren sind eher unsympathisch und in ihrem Verhalten oft nervig. Das korrupte Inselleben haben wir so ähnlich schon in anderen und besseren Romanen gelesen, die in Entwicklungsländern spielen. Spontan fallen mir die in Südamerika und Afrika spielenden Kriminalromane von Yasmina Khadra, Janis Otsiemi, Gary Victor und, auch wenn sie keine Polizeikrimis schreibt, Claudia Piñeiro ein.

Jacob Ross: Die Knochenleser

(übersetzt von Karin Diemerling)

Suhrkamp, 2022

384 Seiten

15,95 Euro

Originalausgabe

The Bone Readers

Peepal Tree Press, Leeds/UK, 2016

Die Übersetzung folgt der Sphere-Neuausgabe von 2018.

Hinweise

Perlentaucher über „Die Knochenleser“ (da kommt der Roman viel besser an)

Wikipedia über „Die Knochenleser“ und Jacob Ross

One Response to Über Jacob Ross‘ Inselkrimi „Die Knochenleser“

  1. […] 10 (3) Jacob Ross: Die Knochenleser […]

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