„Nur zu deinem Schutz“ – ein kleiner Nachtrag

Januar 18, 2013

Coben - Nur zu deinem Schutz

Wenn Harlan Coben einen neuen Roman veröffentlicht, gibt es normalerweise einen gelungenen Buchtrailer und einige Interviews mit ihm.

So auch bei seinem ersten Mickey-Bolitar-Roman „Nur zu deinem Schutz“ (Shelter, 2011), der sich in erster Linie an ein jugendliches Publikum richtet und den ich auch schon besprochen habe.

Aber ohne diese Videos:


Robert Littell und Charles Cumming denken in „Philby“ und „Die Trinity-Verschwörung“ über die Cambridge Five nach

Januar 12, 2013

Die Bücher habe ich schon vor einigen Tagen gelesen, aber ich weiß immer noch nicht, wie ich meine Buchbesprechung beginnen soll. Denn ich hatte mir vorgenommen, „Philby – Porträt des Spions als junger Mann“ von Robert Littell und „Die Trinity-Verschwörung“ von Charles Cumming gemeinsam zu besprechen.

Immerhin sind beide Werke Spionageromane (was noch kein Grund wäre), beide spielen in England (schon eher ein Grund), sind von hochgelobten Spionageroman-Autoren (dito), beschäftigen sich mit den Cambridge Five – und das ist der Grund.

Die Cambridge Five, wie die Doppelspione genannt wurden, waren Kim Philby, Guy Burgess, Anthony Blunt, Donald Maclean und John Cairncross. Sie studierten am Trinity College der Universität Cambridge, arbeiteten bereits während des zweiten Weltkriegs für den sowjetischen Geheimdienst und teilweise für den englischen Geheimdienst. Nach dem zweiten Weltkrieg erlangten sie wichtige Positionen im Geheimdienst und Außenministerium und einer wurde Leiter der königlichen Gemäldegalerie.

Ihre Enttarnung war ein großer Geheimdienstskandal und auch heute noch sind die Namen der Cambridge Five einer breiten Öffentlichkeit als Doppelagenten (oder Trippelagenten?) bekannt.

Wenn fast zeitgleich zwei Spionageromane erscheinen, die sich mit diesem Fall beschäftigen, dann lädt das natürlich zum Vergleich ein. Auch wenn der eine Roman in der Vergangenheit, der andere in der Gegenwart spielt.

Littell - Philby - 2

Robert Littell, hochgelobt, seit Jahren im Geschäft und immer noch viel zu unbekannt, schrieb über die Vergangenheit. In „Philby – Porträt des Spions als junger Mann“ erzählt er von Harold Adrian Russell ‚Kim‘ Philbys Jahren als junger Mann: wie er 1933 nach Wien fuhr um den dortigen Kommunisten gegen Kanzler Dollfuß zu helfen und er sich in Litzi Friedmann, eine ungarischstämmige, jüdische Kommunistin, verliebte und sie später, um sie vor der Judenverfolgung zu schützen, heiratete. Danach ging es zurück nach England, wo er zusammen mit Guy Burgess, einem homosexuellem Mitstudenten am Trinity College, die Idee hatte, als Spion für den sowjetischen Geheimdienst zu arbeiten. Aufgrund ihrer Herkunft und der damit verbundenen glänzenden Kontakte in die Oberschicht war der NKWD interessiert und Kim Philbys Rehabilitierungsprogramm begann, indem er als Times-Journalist betont deutschlandfreundlich über den spanischen Bürgerkrieg schrieb.

1940 wurde Philby, weil er ja seine jugendliche Phase als Kommunist hinter sich gelassen hatte, vom MI6 angeworben – und seine Karriere als Doppelagent begann. Wobei die Sowjets sich fragten, ob er nicht vielleicht sogar ein Trippelagent sei.

Robert Littell hielt sich, wie er im Nachwort sagt, eng an die historischen Fakten, die ja schon fantastisch genug sind, und er bietet am Ende eine Erklärung für Kim Philbys Verhalten an, die sowohl fantastisch, irrwitzig und logisch ist. Jedenfalls in der Welt der Geheimdienste, in denen jeder jeden als Falschspieler verdächtigt und Intrigen und Komplotte oft von so langer Hand vorbereitet werden, dass am Ende keiner mehr weiß, wem er noch vertrauen kann.

Anstatt diese wahre Geschichte jetzt aus einer Perspektive zu schildern oder als allwissender Erzähler die endgültige Wahrheit zu verkünden, wählte Littell einen anderen Zugang. Er lässt Kim Philbys Leben aus der Sicht von anderen Menschen, mit denen er mehr oder weniger gut vertraut war, schildern. Dabei hat nicht nur jeder Ich-Erzähler einen eigenen Blick auf Kim Philby, sondern auch auf die anderen Charaktere. Gleichzeitig führt Littell so auch auf erzählerische Ebene in die Spiegelwelt der Spione ein. Denn es ist unklar, ob eine Sicht die wahre Sicht auf Philby ist oder ob sich aus den verschiedenen Perspektiven das Bild des wahren Philby oder nur ein weiteres Trugbild entsteht.

Philby – Porträt des Spions als junger Mann“ ist, wie auch die anderen Romane von Robert Littell, ein intellektuelles, gut zu lesendes Vergnügen.

Cumming - Die Trinity-Verschwörung 2

Das kann von Charles Cummings „Die Trinity-Verschwörung“ nicht behauptet werden. In England hat er vor „Die Trinity-Verschwörung“ bereits vier und danach einen Spionage-Roman veröffentlicht. Mail on Sunday nannte ihn, den „Meister des modernen Spionageromans“. Library Journal meinte „Charles Cumming kann es jederzeit mit John le Carré aufnehmen“. Die Kirkus Reviews und die Washington Post hielten „Die Trinity-Verschwörung“ für einen der besten Thriller des Jahres. Und Hollywood hat die Filmrechte bereits gekauft; aber das macht Hollywood ja ständig. Für seinen neuesten Roman „A foreign Country“ erhielt er den CWA Ian Fleming Steel Dagger.

Und dennoch war, vor allem nach dem grandiosen „Philby – Porträt des Spions als junger Mann“, „Die Trinity-Verschwörung“ ein rechter Langweiler.

Dabei beginnt die Geschichte vielversprechend.

Der Anfang Vierzigjährige Sam Gaddis ist Uni-Professor und Russlandexperte mit einem Berg Schulden, die er mit einem Bestseller abbauen könnte. Zum Beispiel über ein bis heute unbekanntes sechstes Mitglied der legendären Cambridge Five, das sogar noch lebt.

Diese gut gepflegte Geheimdienstlegende und Verschwörungstheorie von einem sechsten Mann erhält neue Nahrung, als Gaddis von Holly Levette, einer jungen Frau, die er während einer Lesung kennen lernt, den Nachlass ihrer Mutter, die vor ihrem Tod an einer Geschichte des KGB arbeitete, erhält und seiner Freundin Charlotte Berg, die Journalistin ist und gerade an einer Reportage über den sechsten Mann der Cambridge Five arbeitet, anbietet, mit ihm ihre Rechercheergebnisse zu teilen. Am nächsten Tag hat sie, so steht es in ihrem Totenschein, einen tödlichen Herzanfall.

Gaddis beginnt mit ihren bisherigen Rechercheergebnissen nach dem sechsten Mann zu suchen. Dabei muss er, während seiner Hatz durch halb Europa, feststellen, dass jemand alle Mitwisser ausschaltet und der englische Geheimdienst eine junge Agentin, die ihm später hilft, auf ihn angesetzt hat.

Dummerweise versumpft Charles Cummings Roman nach einem verheißungsvollen Auftakt schnell in einer episodischen Reise durch halb Europa, die zwar die Seiten füllt, unseren Helden Sam Gaddis aber nicht wirklich näher an die Lösung, die dann doch erschreckend banal ist, bringt.

Außerdem, und das ist das größte Problem, von „Die Trinity-Verschwörung“, verhält Gaddis sich als Wissenschaftler absolut unvernünftig. Anstatt sich wenigstens einmal den Nachlass von Levettes Mutter anzusehen, hetzt er durch die Welt und, nachdem er einige Morde mitansehen durfte (der super effektive Killer weiß nichts von seiner Existenz) und der englische Geheimdienst (auch nicht gerade mit Geistesgrößen gesegnet) ihm mehrmals aus der Patsche geholfen hat, sieht er sich endlich, kurz vor dem Ende des Romans, den Nachlass an und – Oh, Wunder! – findet in diesen Dokumenten die Lösung.

Die Trinity-Verschwörung“ hat einen fast schon klassischen Idiotenplot.

Robert Littell: Philby – Porträt des Spions als junger Mann

(übersetzt von Werner Löcher-Lawrence)

Arche, 2012

288 Seiten

19,95 Euro

Originalausgabe

Philby: Portrait de l’espion en jeune homme

Éditions Baker Street, Paris, 2011

Charles Cumming: Die Trinity-Verschwörung

(übersetzt von Walter Ahlers)

Goldmann, 2012

448 Seiten

9,99 Euro

Originalausgabe

The Trinity Six

Harper Collins, London, 2011

Hinweise

Meine Besprechung von Robert Littels „Zufallscode“/“Der Gastprofessor“ (The Visiting Professor, 1993)

Meine Besprechung von Robert Littels „Die Söhne Abrahms“ (Vicious Circle, 2006)

Robert Littell in der Kriminalakte

Homepage von Charles Cumming

Wikipedia über die Cambridge Five (deutsch, englisch)

Crime Library über die Cambridge Spione


Nicht nett: Mit „Nur zu deinem Schutz“ soll der Harlan-Coben-Virus jetzt auch Jugendliche infizieren

Januar 9, 2013

Coben - Nur zu deinem Schutz

Carl Hiaasen hat es getan. Mehrmals und auch sehr erfolgreich.

Elmore Leonard hat es einmal getan.

Robert B. Parker hat es ebenfalls einmal getan – und bislang wurden ihre Jugendbücher nicht übersetzt.

Harlan Coben hat es jetzt getan. Der Jugendkrimi „Nur zu deinem Schutz“ schließt unmittelbar an den Myron-Bolitar-Thriller „Sein letzter Wille“ an. Aber jetzt wird die Geschichte nicht aus Myrons Bolitars Sicht, sondern von dem fünfzehnjährigen Mickey Bolitar erzählt, der inzwischen von Myron quasi adoptiert wurde, in Myrons Kinderzimmer einzog und auf die dortige, vor New York gelegene, Kleinstadt-Highschool geht.

Mickey ist der Sohn von Myrons Bruder Brad, der vor kurzem in Los Angeles bei einem Autounfall ums Leben kam. Die beiden Brüder hatten sich zerstritten und aus den Augen verloren. Mickeys drogensüchtige Mutter ist derzeit in einer Entzugsklinik und Mickey hasst Myron.

Das ist für langjährige Leser der Myron-Bolitar-Thriller ein interessanter Perspektivwechsel: der bewunderte Held als, nun, Bösewicht. Allerdings, das muss auch gesagt werden: auf die Dauer ist das keine gute Idee. Denn schon bei „Nur zu deinem Schutz“ fragt der langjährige Myron-Bolitar-Fan sich spätestens in der Mitte des Buches, was für ein Trottel Mickey ist. Denn er beginnt auf eigene Faust seine spurlos verschwundene Mitschülerin und Freundin Ashley zu suchen.

Dabei, Pubertät hin, Pubertät her, wäre es viel vernünftiger gewesen, wenn er Mickey davon erzählt hätte. Dann hätte er und sein Freund Win, die in den letzten Jahren in mehreren lesenswert-kurzweiligen Thrillern vielen Menschen geholfen haben, sich auf die Suche nach Ashley gemacht.

Denn, auch wenn Myron nicht mit seinen Heldentaten protzt, hätte Mickey über Myrons Eltern, die er mag, oder den Dorfklatsch davon erfahren müssen. Immerhin wird Mickey an der Schule immer wieder auf Myrons lange zurückliegende und sehr kurze Basketball-Karriere angesprochen.

Abgesehen von diesem Glaubwürdigkeitsproblem (das natürlich nur Myron-Bolitar-Fans haben), ist „Nur zu deinem Schutz“ ein flotter Thriller, der sich an ein jugendliches Publikum („empfohlen ab 13 Jahre“) richtet. Mit einer entsprechend überschaubaren Handlung. Denn eigentlich geht es auf den über dreihundert Seiten nur um Schulprobleme, seine beginnende Freundschaft zu den Schulaußenseitern Ema und Löffel und der Suche nach einer verschwundenen Mitschülerin, die sich unter einer falschen Adresse an der Schule anmeldete und auch von einem tätowierten Mann gesucht wird. Die Spur führt Mickey, Ema und Löffel rasch in einen schäbigen Stripclub in Newark.

Und, während Harlan Cobens andere Romane unabhängig voneinander und in jeder beliebigen Reihenfolge gelesen werden können, beginnt er in „Nur zu deinem Schutz“ einen größeren Handlungsfaden, der sich in diesem Roman noch im Aufwerfen von Rätseln erschöpft und der mit der Historie (Nazi-Verbrechen, Judenverfolgung, Hippietum) zu kämpfen hat. Denn Mickey erfährt bei seiner Suche nach Ashley auch Dinge über seinen Vater, warum er seine Jugend in den verschiedensten exotischen Ländern verbrachte und es gibt am Ende einen merkwürdigen Hinweis auf den Mörder seines Vaters; – falls er überhaupt wirklich tot ist.

Diese Geschichte wird in dem zweiten Mickey-Bolitar-Roman „Seconds Away“, der in den USA im September 2012 erschien, fortgeführt.

Harlan Coben: Nur zu deinem Schutz

(übersetzt von Anja Galic)

cbt, 2012

352 Seiten

14,99 Euro

Originalausgabe

Shelter

G. P. Putnam’s Sons, 2011

Hinweise

Homepage von Harlan Coben

Mein Gespräch mit Harlan Coben über Myron Bolitar und seine Arbeit

Meine Besprechung von Harlan Cobens „Kein böser Traum“ (Just one look, 2004)

Meine Besprechung von Harlan Cobens „Kein Friede den Toten“ (The Innocent, 2005)

Meine Besprechung von Harlan Coben „Der Insider“ (Fade away, 1996)

Meine Besprechung von Harlan Cobens „Das Grab im Wald“ (The Woods, 2007)

Meine Besprechung von Harlan Cobens „Sie sehen dich“ (Hold tight, 2008)

Meine Kurzbesprechung der Harlan-Coben-Verfilmung „Kein Sterbenswort“ (F 2006)

Meine Besprechung von Harlan Cobens „Von meinem Blut“ (Long Lost, 2009)

Meine Besprechung von Harlan Cobens „In seinen Händen“ (Caught, 2010)

Meine Besprechung von Harlan Cobens „Sein letzter Wille“ (Live Wire, 2011)

Harlan Coben in der Kriminalakte


Kurzkritik: Friedrich Ani: Süden und das heimliche Leben

Januar 8, 2013

Ani - Süden und das heimliche Leben

Obwohl Tabor Süden schon seit „Süden“ als Privatdetektiv arbeitetet, hat sich wenig geändert. Schon in der Vermisstenabteilung der Polizei suchte und fand er die Vermissten nicht mit Hilfe der Technik, sondern indem er ihren Leben nachlauschte und die Leute, die die Vermissten kannten, reden ließ. Gerne in einer Wirtschaft beim Bier. Als Privatdetektiv erledigt er seine Arbeit genau so.

Deshalb sitzt er am Anfang von „Süden und das heimliche Leben“ in der Wirtschaft von Dieter ‚Dieda‘ und Charlotte Nickl und hört den Stammkunden von „Charly’s Tante“ zu. Sie alle wollen, dass er ihre verschwundene Bedienung Ilka Senner findet. Alle haben sie gemocht und sie hätte demnächst sogar die Wirtschaft übernehmen sollen. Allerdings wusste auch niemand viel über die allein lebende Sechsundvierzigjährige.

Tabor Süden versucht herauszufinden, warum die unscheinbare Ilka verschwand. In ihrer Wohnung kommt er zur Überzeugung, dass sie ihr Verschwinden plante.

Süden und das heimliche Leben“ bewegt sich von der ersten bis zur letzten Seite auf vertrautem Ani-Terrain: es geht, wie immer, um die kleinen Leute und die Eckkneipen, in denen die Zeit anscheinend stehen geblieben ist. Entsprechend klein und vertraut sind die Gründe, weshalb die Vermissten aus ihrer vertrauten Umgebung verschwinden. Dabei lebten die Vermissten in den Süden-Romanen oft ein so unauffälliges Leben, dass ihr Verschwinden kaum auffällt. So ist Ilka, wie langjährig geschulte Krimileser vermuten könnten, keine untergetauchte Mörderin oder Terroristin oder eine von einem Stalker verfolgte Frau. Sie ist eine unscheinbare Frau, die sich in den vergangenen Jahrzehnten auch bemühte, ein entsprechend unauffälliges Leben zu führen.

Und Friedrich Ani verleiht diesen auf den ersten Blick unscheinbar-unauffälligen Menschen, die man im Linienbus sieht und schnell wieder vergisst, in seinen Geschichten eine Stimme.

Außerdem ist „Süden und das heimliche Leben“ ein handfester Krimi in denen Menschen versuchen, ihre Geheimnisse mit allen Mitteln zu schützen, sie falsche Namen benutzen und am Ende gibt es sogar einen Mord.

Friedrich Ani: Süden und das heimliche Leben

Knaur, 2012

208 Seiten

8,99 Euro

Hinweise

Homepage von Friedrich Ani

Meine Besprechung von Friedrich Anis „Wer lebt, stirbt“ (2007)

Meine Besprechung von Friedrich Anis „Der verschwundene Gast“ (2008)

Meine Besprechung von Friedrich Anis “Totsein verjährt nicht” (2009)

Meine Besprechung von Friedrich Anis “Die Tat” (2010)

Meine Besprechung von Friedrich Anis „Süden“ (2011, mit Interview)

Meine Besprechung von Friedrich Anis “Süden und die Schlüsselkinder” (2011)

Friedrich Ani in der Kriminalakte


Kurzkritik: Charlie Huston und „Die Hank-Thompson-Trilogie“

Dezember 26, 2012

Huston - Die Hank-Thompson-Trilogie -2

Wenn Sie jetzt, verursacht von den vielen Weihnachtsfilmen und Predigten, einen Anfall christlicher Nächstenliebe bekommen und für ihren Nachbarn auf dessen Katze aufpassen wollen: Lassen Sie es sein. Denn es könnte Ihnen wie Hank Thompson ergehen.

Hank ist Barkeeper in New York. Lower East Side. Ein netter Kalifornier, dessen Baseball-Karriere mit einem Unfall endete, dessen Collegezeit, mangels Antrieb, ohne Abschluss endete, der mit einer Schauspielerin nach New York zog, von ihr herausgeworfen wurde, zu viel trinkt und keine große Karriere in Aussicht hat, aber er ist, wie gesagt, ein netter, ehrlicher, hilfsbereiter Typ, der keiner Fliege was zuleide tun kann.

Deshalb nimmt er für einige Tage die Katze von seinem Nachbarn in seine Obhut – und kurz darauf wird er zusammengeschlagen, bei ihm und dem Nachbarn wird eingebrochen und plötzliche zeigen viele zwielichtige Charaktere ein erstaunliches Interesse an dem Nobody Hank.

Aber „Der Prügelknabe“ Hank Thompson hat Glück im Unglück. Er kann mit dem Geld aus New York entkommen. Im zweiten Band der „Hank-Thompson-Trilogie“, die jetzt unter diesem Titel bei Heyne als Sammelband erschien, ist er „Der Gejagte“ und im dritten Band „Ein gefährlicher Mann“.

Dabei ist er immer der friedfertige Pechvogel, der, weil die Umstände halt so sind, wie sie sind, eine beeindruckende Menge an Gewalt ausüben muss, ihm unglaubliche Schmerzen zugefügt werden (rückblickend betrachtet war der Sportunfall harmlos) und er eine beeindruckende Menge an Leichen, für die er mehr oder weniger unmittelbar verantwortlich ist, hinterlässt. Zu seinen Gunsten spricht, dass er kein kaltblütiger Killer ist, es auch nie wird (was ihm in „Ein gefährlicher Mann“ vor wirklich schwierige Probleme stellt) und dass wir, dank Charlie Hustons schnörkelloser Hardboiled-Schreibe, mit ihm viele vergnügliche Stunden erleben können.

Und genau deshalb verrate ich jetzt auch nichts über die weiteren, von Charlie Huston schnörkellos, schwarzhumorig erzählten Abenteuer von Hank Thompson in Mexiko und etlichen Bundesstaaten der USA von der West- bis zur Ostküste.

Charlie Huston: Die Hank-Thompson-Trilogie

Heyne, 2013

1024 Seiten

13,99 Euro

enthält

Der Prügelknabe

(übersetzt von Markus Naegele)

Originalausgabe

Caught Stealing

Ballantine Books, 2004

Der Gejagte

(übersetzt von Alexander Wagner und Markus Naegele)

Originalausgabe

Six Bad Things

Ballantine Books, 2005

Ein gefährlicher Mann

(übersetzt von Alexander Wagner und Markus Naegele)

Originalausgabe

A Dangerous Man

Ballantine Books, 2006

Hinweise

Pulp Noir: Homepage/Blog von Charlie Huston

Meine Besprechung von Charlie Hustons „Killing Game“ (The Shotgun Rule, 2007)

Meine Besprechung von Charlie Hustons „Das Clean-Team“ (The mystic arts of erasing all signs of death, 2009)

Meine Besprechung von Charlie Hustons „Bis zum letzten Tropfen“ (Every last drop, 2008)

Meine Besprechung von Charlie Huston (Autor)/ Lan Medina (Zeichner) „Deathlok: Der Zerstörer (MAX 41)“ (Deathlok: The Demolisher, Vol. 1 – 7, Januar – Juli 2010)

Mein Interview mit Charlie Huston

Charlie Huston in der Kriminalakte

 


Holy Shit, Frank Miller’s „Holy Terror“

Dezember 24, 2012

Miller - Holy Terror

Miller - Holy Terror limitiert

Er selbst nannte seinen neuen Comic, bevor er veröffentlicht wurde, „naked Propaganda“ und das ist „Holy Terror“ auch. Und wie immer bei politischer Propaganda ist kein Platz für Differenzierungen. Die Guten sind gut. Die Bösen böse. Die dick aufgetragene politische Botschaft entweder ganz großer Mist oder die triumphale Verkündung der Wahrheit. In Frank Millers neuester Graphic Novel „Holy Terror“ sind die Bösen eine Al-Qaida-Gruppe, die Empire City (vulgo Gotham, vulgo Sin City, vulgo New York) vernichten will. Und nur der „Richter“ (vulgo Batman) und die „Katze“ Natalie Stack (vulgo Catwoman) können die Katastrophe verhindern.

Frank Miller, der den Klassiker „Batman: Die Rückkehr des dunklen Ritters“ und die Noir-Serie „Sin City“ schrieb, wollte die Geschichte ursprünglich als Batman-Geschichte erzählen und überlegte es sich, weil sie nicht in den Batman-Kosmos passe, anders. Dennoch sind die Parallelen zu Batman noch vorhanden. Vor allem am Anfang sind sie überdeutlich. Aber dass die Bösewichter mordgierige Islamisten sind und dass alle guten Amerikaner sich gegen sie verbünden müssen und dass in diesem Kampf alle Mittel erlaubt sind, macht „Holy War“ zu einem Stück ärgerlicher, humorloser, konservativer Propaganda, bei der man sich wirklich fragt, ob man Frank Miller früher anders betrachtet und seine reaktionäre Weltanschauung übersehen hat oder ob er, der auch die gesamte Occupy-Bewegung für einen Haufen Nichtsnutze hielt, in den letzten Jahren zunehmend konservativer wurde.

Jedenfalls können sein abstrakter „Sin City“-Zeichenstil, die hier noch abstrakter geraten ist, und die oft beidseitigen Panels nicht über die Botschaft, die wie ein sehr verspäteter Nachklapp zur Post-9/11-Paranoia und einem Geburtstagsgeschenk für die Tea Party wirkt, und die erzählerischen Schwächen der banalen Geschichte hinwegtäuschen.

Holy Terror“ ist ein ärgerliches Werk auf dem Niveau seiner komplett vermurksten „The Spirit“-Verfilmung, das mit einem Zitat von Mohammed beginnt („Tötet die Heiden, wo immer ihr sie findet.“) und mit der Widmung „Mit Respekt Theo Van Gogh gewidmet (1957 – 2004)“ endet.

Nuff said.

Miller - All Star Batman

Vor einigen Jahren war Frank Miller, wie ein Blick in den jetzt erschienenen Sammelband „All-Star Batman“ zeigt, politisch noch nicht so drauf. In dem Sammelband sind die zehn „All-Star Batman“-Bände „All Star-Batman & Robin, the Boy Wonder“ enthalten, die in den USA in einem arg unregelmäßigem Rhythmus erschienen; nämlich September, November, Dezember 2005, März 2006, Juli, September, November 2007, Januar, April und August 2008.

Frank Miller schrieb die Geschichte und Jim Lee, der für die Verspätungen verantwortlich war, zeichnete, eher traditionell und schön bunt, die grandiosen Panels. Sie erzählen, wie Batman Bruce Wayne den zwölfjährigen Dick Grayson, Sohn einer Hochseilartistenfamilie, aus den Händen von Gangstern befreit (Oh, ja, die Gangster ermordeten seine Eltern), zwangsrekrutiert und in der Bathöhle, feinfühlig wie ein von niemandem kontrollierter Kasernenhofschleifer, zu seinem Gehilfen Robin macht. Diese Wie-der Held-zum Helden-wurde-und-seinen-Gehilfen-rekrutierte-Geschichte ist außerhalb der offiziellen Kontinuität des DC-Comic-Universums, weshalb Frank Miller sich bei seiner Neuerzählung bekannter Ereignisse einige Freiheiten nehmen konnte.

Das ist zwar auch kein Meisterwerk, aber ein ungleich gelungeneres Werk.

Frank Miller: Holy Terror

(übersetzt von Bernd Kronsbein)

Panini, 2012

124 Seiten

29,95 Euro

Originalausgabe

Holy Terror

Legendary, 2011

Frank Miller (Autor)/Jim Lee (Zeichner)/Scott Williams (Tusche): All-Star Batman

(übersetzt von Steve Kups)

Panini 2012

252 Seiten

19,95 Euro

Originalausgabe

All Star Batman & Robin: The Boy Wonder, Issue 1 – 10

September 2005 – August 2008

Hinweise

Blog/Homepage von Frank Miller

Wikipedia über Frank Miller (deutsch, englisch) und Jim Lee (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Frank Miller/Geoff Darrows “Hard Boiled” (Hard Boiled, 1990/1992)

Meine Besprechung von Frank Miller (Autor)/Dave Gibbons‘ (Zeichner) „Martha Washington – Ein amerikanischer Traum (Band 1)“ (Give me liberty, 1990)

Frank Miller in der Kriminalakte


Norman Bates ist „Psycho“ und „Psycho II“

Dezember 18, 2012

Bloch - Psycho - Golkonda2Bloch - Psycho 2-2

Als ich „Psycho“ zum ersten Mal las, war ich erstaunt, wie sehr Alfred Hitchcocks Film sich von Robert Blochs Roman unterscheidet.

Als ich „Psycho“ jetzt zum zweiten Mal las, war ich erstaunt, wie viel Alfred Hitchcock in seinen Film übernommen hat.

Aber einen großen Unterschied gibt es: im Buch sieht Norman Bates anders aus als im Film. Denn Norman-Bates-Darsteller Anthony Perkins (in der Rolle seines Lebens) ist kein dicker Mann mit einem rundlichen Gesicht, rosafarbener Kopfhaut, sich lichtendem sandfarbenem Haar und einer randlosen Brille.

Die Grundstruktur der Geschichte wurde von Drehbuchautor Joseph Stefano und Regisseur Alfred Hitchcock allerdings erstaunlich genau übernommen.

Norman Bates betreibt das einsam gelegene Bates Motel, er wird von seiner herrischen Mutter unterdrückt und Mary Crane mietet sich eines Nachts bei ihm ein. Sie wird im Badezimmer ermordet und Norman bringt die Leiche weg. Marys Schwester Lila und Marys künftiger Ehemann Sam Loomis suchen sie und wir erfahren im Roman schon nach zwei Dritteln, dass Normans Mutter seit zwanzig Jahren tot ist.

Weitere große Unterschiede zwischen dem Roman und dem Film sind, dass in Blochs Roman das erste Drittel des Films (also Marys Diebstahl und ihre Fahrt zu ihrem Künftigem, Sam Loomis) in einem kurzen Rückblick eingefügt wird und wir in dem Roman mehr über Norman Bates erfahren.

Psycho“ ist ein spannender Kriminalroman, der wirklich geschickt mit den Erwartungen spielt und, wenn man weiß (was inzwischen ja als Allgemeinwissen vorausgesetzt werden kann), dass Mutter nur in Normans Vorstellung lebt und er die Morde begeht, fällt beim Lesen auf, wie geschickt Robert Bloch den Wahnsinn und die Schizophrenie von Norman Bates zeichnet und den Leser, wenn er das nicht weiß, auf eine falsche Fährte lockt.

Der Roman liegt jetzt in einer neuen Übersetzung vor, die als Grundlage den von Robert Bloch kurz vor seinem Tod am 23. September 1994 überarbeiteten Text nimmt, und er ist auch bei einer wiederholten Lektüre mit unter zweihundert Seiten ein kleiner, fieser Thriller.

Über zwanzig Jahre später kehrte Robert Bloch wieder zu Norman Bates zurück und obwohl sein Roman „Psycho 2“ heißt, hat er mit dem zeitgleich im Kino laufenden Horrorfilm „Psycho 2“, außer dem Hauptcharakter, nichts zu tun.

In Robert Blochs Roman ist Norman Bates nicht geheilt. Er sitzt immer noch in einer Irrenanstalt und liest viel. Während eines Gewitters nutzt er, im allgemeinen Chaos, einen unbewachten Moment aus. Er bringt eine Nonne, die mit ihm über seine Taten reden wollte, um und zieht sich ihre Tracht an. Er kann die Anstalt verlassen und als er mit dem Lieferwagen der Nonne flüchten will, entdeckt ihn ihre Ordensschwester, und er muss sie mitnehmen. Kurz darauf bringt er sie um und verbrennt sie in ihrem Auto. Die Polizei glaubt, dass die zweite Leiche der flüchtige Norman Bates ist. Aber sie weiß nicht, dass Norman auf seiner Flucht auch einen Anhalter mitgenommen hat.

Normans Psychiater Dr. Adam Claiborne glaubt jedenfalls nicht, dass Norman Bates tot ist. Er glaubt, dass der Flüchtling in Fairdale Sam Loomis und dessen Frau Lila ermordete und jetzt auf dem Weg nach Hollywood ist. Denn dort will ein Hollywood-Produzent einen Horrorfilm über Norman Bates drehen.

Claiborne, der sich für seinen Patienten verantwortlich fühlt, will weitere Morde verhindern. Er macht sich auf den Weg nach Hollywood.

Und wenn die Geschichte von „Psycho II“, die als geradliniger Flucht-Thriller beginnt, in Hollywood ankommt, entwirft Robert Bloch ein Sittengemälde der Filmstadt, das sicher von eigenen Erlebnissen des Drehbuchautors mit Produzenten, Regisseuren und Schauspielern inspiriert ist. Es gibt auch ätzende Kommentare zu den immer gewalttätiger und sexistischer werdenden neuen Horrorfilmen und Erinnerungen an Hollywoods Stummfilmära.

Im letzten Drittel verirrt die Geschichte sich dann auf einige Nebenschauplätze, wie einem Bordell, in dem Schauspieler-Doppelgänger ihre sexuellen Dienste einer männlich-homosexuellen Kundschaft anbieten.

Trotzdem ist „Psycho II“ ist eine würdige Fortsetzung.

Robert Bloch: Psycho – Ungekürzte Neuübersetzung, mit einer Nachbemerkung des Autors

(übersetzt von Hannes Riffel)

Golkonda, 2012

192 Seiten

14,90 Euro

Originalausgabe

Psycho – 35th Anniversary Edition

Gauntlet Publications, 1994

Erstausgabe

Psycho

Simon and Schuster, 1959

Robert Bloch: Psycho 2

(übersetzt von Willy Thaler)

Heyne, 1983

256 Seiten

(nur noch antiquarisch erhältlich)

Originalausgabe

Psycho II

Whispers Press, 1982

Hinweise

The Unofficial Robert Bloch Website

Wikipedia über Robert Bloch (deutsch, englisch)

Kirjasto über Robert Bloch

Krimi-Couch über Robert Bloch

Phantastik-Couch über Robert Bloch

Robert Bloch in der Kriminalakte


Kein Wiener Schmäh: Ein schönes Buch über Fritz Lang und sein Werk

Dezember 13, 2012

Viennale - Retrospektive Fritz Lang3

Der am 2. August 1976 verstorbene Fritz Lang ist immer noch einer der einflussreichsten Regisseure. In Deutschland drehte der am 5. Dezember 1890 in Wien geborene Regisseur „Dr. Mabuse, der Spieler“, „Die Nibelungen“, „Metropolis“, „Spione“ (zu Unrecht arg unbekannt), „Frau im Mond“, „M“ und „Das Testament des Dr. Mabuse“. In Hollywood musste er, nach seiner Flucht aus Deutschland über Frankreich (wo er 1933/1934 „Liliom“ drehte; deutsche Premiere war am 17. März 1973 im NDR; Kinopremiere war am 29. Oktober 1984 in Hof), mit kleineren Budgets auskommen; was gerade für seine vielen Noirs kein Nachteil war. Es entstanden „Blinde Wut“ (Fury), „Gehetzt“ (You only live once), „Du und ich“ (You and me), „Rache für Jesse James“ (The Return of Jesse James), „Menschenjagd“ (Man Hunt), „Auch Henker sterben“ (Hangman also die; nach einem Drehbuch von Bertold Brecht), „Gefährliche Begegnung“ (The Woman in the Window), „Engel der Gejagten“ (Rancho Notorious), „Gardenia – Eine Frau will vergessen“ (The blue Gardenia), „Heißes Eisen“ (The Big Heat) und, als sein letzter Hollywood-Film, „Jenseits aller Zweifel“ (Beyond a reasonable Doubt).

1958 kehrte er für den Doppelfilm „Der Tiger von Eschnapur/Das indische Grabmal“ und „Die 1000 Augen des Dr. Mabuse“, sein letzter Film, nach Deutschland zurück.

In Deutschland gibt es im Buchhandel, abgesehen den Sammelbänden über „Metropolis“ (anlässlich der Aufführung der fast vollständigen Fassung auf der Berlinale 2010) und „M“ und der rororo-Bildmonographie „Fritz Lang“ (von 1985), nichts über Fritz Lang. Der Band „Fritz Lang“ der legendären Hanser Reihe Film von 1976 (1986 gab es eine ergänzte Auflage), in dem alle Filme von Fritz Lang chronologisch besprochen wurden, ist schon lange nur noch antiquarisch erhältlich – und das Internet ist bei toten Künstlern, wenn man einen umfassenden und gründlichen Einblick in deren Werk erhalten will, verglichen mit den offiziellen und Fanseiten zu Joel & Ethan Coen, David Lynch und Quentin Tarantino (um nur einige zu nennen), nicht unbedingt eine große Hilfe.

Die Veröffentlichung von „Fritz Lang“ von Astrid Johanna Ofner und Stefan Flach, die die Texte für den Sammelband auswählten, anlässlich einer Retrospektive der Viennale und des Österreichischen Filmmuseums vom 18. Oktober bis 29. November 2012, schließt diese Lücke, für die nächste Zeit, mit einem Sammelband, der zu einem großen Teil aus bislang nicht übersetzten Texten besteht.

Alle Filme von Fritz Lang, bis auf seine beiden verschollenen, 1919 gedrehten Stummfilme „Halbblut“ und „Der Herr der Liebe“, werden chronologisch vorgestellt, indem zeitgenössische und neuere Filmkritiken (unter anderem von Graham Greene, Francois Truffaut, Jean-Luc Godard, Eric Rohmer, Enno Patalas, Norbert Grob und Frieda Grafe) und etliche Ausschnitte aus Peter Bogdanovichs Interview mit Fritz Lang (erschienen 1967 als „Fritz Lang in America“, nie übersetzt und auch im Original nur antiquarisch erhältlich) zusammengestellt wurden. Ergänzt werden diese Texte natürlich immer mit den Stabangaben und Film- und Setbildern. Das ist so gelungen, dass bei Langs Hollywood-Filmen der konsequente Verzicht auf die deutschen Filmtitel vollkommen unverständlich bleibt.

Ergänzt werden die über die Hälfte des Buches einnehmenden Filmvorstellungen um mehrere Essays, die anscheinend jetzt alle erstmals auf Deutsch erschienen, und einem langen Monolog von Fritz Lang, der 1965 und 1966 in der Cahiers du Cinéma abgedruckt wurde (Gretchen Berg: Die Wiener Nacht – Ein Bekenntnis von Fritz Lang) und seine „Erinnerungen an Wien“, die bislang nur in Bruchstücken veröffentlicht wurden.

Die anderen Essays sind „Über einige Begegnungen mit Fritz-Lang-Filmen“ von Peter Nau (Originalbeitrag), „Meine Begegnung mit Fritz Lang“ von Michel Piccoli, der ihn bei den Dreharbeiten von Jean-Luc Godards „Le Mépris“ (Die Verachtung) traf (Originalabdruck Cahiers du Cinéma, November 1990), „Fritz Langs Stil“ von Georges Franju (erstmals 1937 in Cinématographe, überarbeitet im November 1959 im Cahiers du Cinéma), „Hinter der Kamera“ von Otis Ferguson (Originalabdruck New Republic, Juni/Juli 1941), „Die Tragödie des Lang’schen Helden“ von Jean Douchet (Originalabdruck in Cahiers du Cinéma, November 1990), „Briefe von Bertolt Brecht an Fritz Lang“ von Bernard Eisenschitz und „Das Monster von Hollywood“ von Mary Morris (Originalausgabe Picture Magazin, Februar 1945).

Ich erspare mir jetzt den Satz „das Buch gehört in jede gutsortierte Filmbibliothek“, sondern sage: setzt dieses Schnäppchen gefälligst auf eure Weihnachtswunschliste.

Astrid Johanna Ofner (Hrsg.): Fritz Lang – Eine Retrospektive der Viennale und des Österreichischen Filmmuseums

Viennale, 2012 (Vertrieb Schüren Verlag)

208 Seiten

19,90 Euro

Hinweise

Wikipedia über Fritz Lang (deutsch, englisch)

Senses of Cinema: Dan Shaw über Fritz Lang

BFI über Fritz Lang

MovieMaker: Interview von 1972 mit Fritz Lang

Manhola Dargis: Making Hollywood Films Was Brutal, Even for Fritz Lang (New York Times, 21. Januar 2011)

Meine Besprechung von Fritz Langs „Du und ich“ (You and me, USA 1938)

Meine Besprechung von Fritz Langs „Auch Henker sterben“ (Hangmen also die, USA 1943)

Fritz Lang in der Kriminalakte

Bonusmaterial

eine 45-minütige, deutschsprachige Doku über Fritz Lang


Patrick Gensing schreibt über den „Terror von Rechts“

Dezember 4, 2012

Gensing - Terror von Rechts

Wenn ein Sachbuchautor im Moment ein Buch über den NSU schreibt, muss er sich schon vor der ersten Zeile überlegen, wie er damit zurechtkommt, dass es fast täglich neue Erkenntnisse gibt, die vor allem die Ermittlungsbehörden in einem sehr schlechten Licht da stehen lassen. Denn der NSU ist für die deutschen Sicherheitsbehörden das, was 9/11 für die US-Sicherheitsbehörden war: der Super-Gau. Sie haben über Jahre nichts von dem sich quer durch Deutschland mordendem Trio, das dabei Unterstützer gehabt haben muss, gewusst. Sie haben immer wieder betont, dass es keinen Rechtsterrorismus, keine rechte RAF, gebe.

In seinem Buch „Terror von Rechts – Die Nazi-Morde und das Versagen der Politik“ versucht Patrick Gensing diese Klippe zu umschiffen, indem er in der ersten Hälfte des Buches das Milieu, aus dem die NSU-Terroristen gekommen sind, beschreibt. Dabei zeigt er, dass es in den vergangenen Jahren schon immer einen Terror von Rechts gab, der von den Sicherheitsbehörde, vor allem dem Verfassungsschutz als selbsternanntes Frühwarnsystem, weitgehend übersehen wurde. So gab es 1980 einen Anschlag auf das Münchner Oktoberfest bei dem 13 Menschen starben und 211 Menschen verletzt wurden. Die Hintergründe des Attentates sind immer noch ungeklärt. Die Wehrsportgruppe Hoffmann (WSG) wurde damals als Wanderverein verniedlicht. Seit 1990 gab es bei über 180 Morden einen rechtsextremen Hintergrund. Die Bundesregierung ging dagegen vor vier Jahren nur bei vierzig Morden von einem rechtsextremen Hintergrund aus und veränderte auf Druck der Öffentlichkeit seitdem die statistische Erfassung.

In der zweiten Hälfte seines Buches beschreibt Gensing das Versagen der Politik in den vergangenen Jahren. Vor allem in den Parlamenten und mit einem genauen Blick auf die Besonderheiten in der ehemaligen DDR, vor allem in Sachsen, wo die NPD im Landtag sitzt. Denn anstatt den Rechtsextremismus zu bekämpfen, forderte die aktuelle Bundesregierung von Gruppen, die sich gegen Rechts engagieren, das Unterzeichnen einer Extremismusklausel verlangt. Und durch die ständige Gleichsetzung von Links- und Rechtsextremismus wird, vor allem von konservativen Politikern, eine gleich gefährlich Bedrohung der Demokratie suggeriert.

Das ist alles kundig geschrieben. Immerhin beschäftigt Gensing sich schon länger mit dem Rechtsextremismus und ist einer der Köpfe von „Publikative“, einer Internetseite zum Rechtsextremismus.

Aber es ist auch immer etwas verquast. Da wo ich mir eine Zuspitzung gewünscht hätte, liefert er ein Zitat – und der Gang der Argumentation erschließt sich mehr aus den Kapitelüberschriften und weniger aus dem Text. Es wird oft zu ausführlich aus anderen Texten zitiert und, immerhin arbeitet Gensing als Journalist für tagesschau.de und das Polit-Magazin „Panorama“, die aktuelle Vor-Ort-Recherche fehlt. So liest sich „Terror von Rechts“ über weite Strecken wie ein „Kommentar“ und, weil Gensing das gesellschaftliche Klima, inclusive dem Extremismus der Mitte, das zum Entstehen des NSU führte, beschreiben will, zeichnet er ein großes, historisch gesättigtes, grenzüberschreitendes Bild, das aber auch immer wieder zerfasert und das die Verbindungen zwischen dem gesellschaftlichem Klima, Rechtsextremisten und dem NSU-Trio nur noch rudimentär nachzeichnet.

So hatte ich am Ende das Gefühl, nichts wirklich neues über den NSU und das Versagen der Sicherheitsdienste erfahren zu haben. Stattdessen wurde nur mein Wissen über den Rechtsextremismus aufgefrischt.

Patrick Gensing: Terror von Rechts – Die Nazi-Morde und das Versagen der Politik

Rotbuch, 2012

240 Seiten

14,95 Euro


Kurzkritik: Roger Smith: Stiller Tod

November 28, 2012

Für Zeitungsleser und Krimifans ist Südafrika heute, fast zwanzig Jahre nach dem Ende der Apartheid, ein Hort der Kriminalität und es ist aus dieser Sicht schon verwunderlich, dass in dem Land 2010 die Fußballweltmeisterschaft friedlich abgehalten werden konnte und dass dort überhaupt noch Menschen leben.

Für TV-Schnulzen-Fans ist Südafrika das Paradies mit schönen Menschen die in einer schönen Landschaft über schnöde Liebesprobleme reden.

Der in Kapstadt lebende Südafrikaner Roger Smith versucht in seinem neuen Roman „Stiller Tod“, nach drei düster-blutigen Hardboiled-Thrillern, diese beiden Welten zu vereinigen; mit einer deutlichen Schlagseite zum von Kriminalität beherrschten Kapstadt.

In einer von der Außenwelt abgeschlossenen Reichensiedlung lebt der Motion-Capture-Software-Erfinder Nick Exley mit seiner Frau und seiner vierjährigen Tochter Sunny den zufriedenen Müßiggang der Reichen und Schönen. Eines Tages ertrinkt seine Tochter und, noch während er versucht, mit dem Verlust zurechtzukommen, erzählt ihm der Sicherheitsbeamte Vernon Saul, dass seine Frau einen Liebhaber hat, mit dem sie sich im Bett vergnügte, während Sunny ertrank.

Damit und mit seiner scheinbar selbstlosen Hilfsbereitschaft, die die Vorurteile von Exley über korrupte Polizisten und eine ebenso korrupte Justiz schamlos ausnutzt, setzt damit eine Serie von Verbrechen in Gang.

Denn Vernon Saul ist einer der von ihm beschriebenen korrupten, machtbesessenen Polizisten. Schamlos manipuliert er nicht nur Exley, sondern auch seine kranke Mutter und die Ex-Prostituierte Dawn, die jetzt in einem heruntergekommenen Striplokal tanzt und die er auch zu Exley bringt. Als Tänzerin für ein Musikvideo, das Exley für einen Kunden machen soll. Dabei weiß Saul, dass die Wirklichkeit, die er seinem neuen Studienobjekt (denn mehr ist Exley für ihn zunächst nicht) schildert, mit der Realität nichts zu tun hat.

So untergräbt Roger Smith zunächst die lieb gewonnenen Südafrik-Klischees – und bestätigt sie gleich darauf wieder. Dazu gibt es eine kräftige Portion „Pretty Woman“. Denn selbstverständlich wissen wir, als Dawn zum ersten Mal Exleys Haus betritt, was passieren wird.

Sowieso ahnen Hardboiled- und Noir-Fans schnell, wie sich die um einige Subplots angereicherte Geschichte der zwei Fremde in der Siedlung entwickeln wird.

Roger Smith: Stiller Tod

(übersetzt von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann)

Tropen, 2012

384 Seiten

19,90 Euro

Originaltitel

Capture

Serpent’s Tail, London 2012

Hinweise

Homepage von Roger Smith

Deutsche Homepage von Roger Smith

Meine Besprechung von Roger Smiths „Kap der Finsternis“ (Mixed Blood, 2009)

Roger Smith in der Kriminalakte

 


Auf, auf, zu „111 Orte in Berlin, die Geschichte erzählen“

November 27, 2012

Nach den „111 Orten in Berlin, die man gesehen haben muss“, legen Autorin Lucia Jay von Seldeneck, Rechercheurin Carolin Huder und Fotografin Verena Eidel mit „111 Orte in Berlin, die Geschichte erzählen“ einen Folgeband vor. Aber während die Orte in dem ersten Band oft auch etwas für das Auge waren, sind geschichtsträchtige Orte oft, wie auch die Bilder in dem Buch zeigen, erschreckend austauschbar. Es sind Filmstudiohallen (sieht wie eine x-beliebige Lagerhalle im Nirgendwo aus), Wohnungen (Reihenhäuser, Reihenhäuser und Reihenhäuser) und Brachen. Manchmal auch ehemalige Brachen, die jetzt bebaut sind.

Aber es sind auch Orte, an denen man – jedenfalls wenn man das Buch in der Hand hat – erfahren kann, was früher an diesen Orten war und wie sehr Berlin sich in den vergangenen Jahren, Jahrzehnten und Jahrhunderten veränderte. Es sind auch Anekdoten, die wir Berliner unseren Freunden bei ihrem nächsten Berlin-Besuch erzählen können.

Zum Beispiel über die Mietskaserne in Moabit, in der die Brüder Sass, die als Geldschrankknacker in den zwanziger Jahren berühmt waren, wohnten oder die CCC-Studios in Spandau, in dem Louis Armstrong 1961 in dem Spielfilm „Auf Wiedersehen“ mitspielte und danach etwas Verrücktes tun wollte oder der Salon Kitty, ein Edelbordell in Charlottenburg, in dem die Damen im Auftrag des NS-Geheimdienstes ihre Kunden aushorchen sollten oder die damals vollkommen unbebaute Schlucht, in der 1810 die Bewegung von Turnvater Jahn ihren Anfang nahm. Der Dustere Keller liegt heute in Kreuzberg (Nostizstraße/Arndtstraße) und ist nur noch an einer Senke im Kopfsteinpflaster erkennbar.

Aufgebaut ist „111 Orte in Berlin, die Geschichte erzählen“ wie die anderen Bände der „111 Orte“-Reihe des Emons-Verlages: für jeden Ort gibt es eine Doppelseite. Links einen einseitigen Text. Rechts zwei Bilder. Ein historisches. Ein aktuelles. Und natürlich eine Wegbeschreibung.

Und jetzt mache ich mich mal auf den Weg, ein, zwei geschichtsträchtige Orte zu besuchen.

Lucia Jay von Seldeneck/Carolin Huder/Verena Eidel: 111 Orte in Berlin, die Geschichte erzählen

Emons, 2012

240 Seiten

14,95 Euro

Hinweise

Meine Besprechung von Lucia Jay von Seldeneck/Carolin Huder/Verena Eidels „111 Orte in Berlin, die man gesehen haben muss“ (2011)


Sehr Noir: Mit Daniel Woodrell „Im Süden“

November 22, 2012

Beginnen wir mit der schlechten Nachricht: „Im Süden“, das neue Buch von Daniel Woodrell, enthält keine neuen Zeilen von ihm.

Und jetzt die gute Nachricht: Nachdem seine drei ersten Romane „Cajun Blues“ (Under the bright Lights, 1986), „Zoff für den Boss“ (Muscle for the Wing, 1988; jetzt „Der Boss“) und „John X“ (The Ones you do, 1992), die alle in der fiktiven Louisiana-Gemeinde St. Bruno spielen und den Kriminalpolizisten Rene Shade zum Protagonisten haben, seit Ewigkeiten nur noch antiquarisch erhältlich waren und teils zu astronomischen Preisen angeboten werden, kann man sich jetzt die Bayou-Trilogie (sozusagen, nach Rene-Shade-Serie und St.-Bruno-Bücher, die dritte Sammelbezeichnung für die drei Noirs) in einem Buch, ergänzt um ein sechsseitiges Vorwort von Frank Göhre, zu einem normalen Preis besorgen und entdecken, dass Daniel Woodrell schon seit seinem ersten Roman mit den Genreregeln spielte und sich um die düsteren Seiten der amerikanischen Wirklichkeit kümmerte. Denn St. Bruno ist eine dieser hochkorrupten Südstaatengemeinden, in denen das Verbrechen prächtig gedeiht und die Polizei hauptsächlich den Verkehr regeln soll, manchmal darf sie auch etwas störenden Schmutz beseitigen.

In „Cajun Blues“ untersucht Rene Shade den Mord an einem afroamerikanischen Lokalpolitiker. Weil er nicht glaubt, dass der Redneck Jewell Cobb der alleinige Täter ist, ermittelt er weiter und stolpert in einen Korruptionsskandal.

In „Der Boss“ wollen drei aus dem Gefängnis entlassene Mitglieder der weißen Gefängnisbruderschaft „The Wing“ die Macht in St. Bruno übernehmen. Nachdem sie bei ihrem ersten Überfall einen Polizisten töten, soll Rene Shade sie finden. Und wenn die Polizistenmörder dabei sterben, ist es, so die Stadtväter, auch nicht schlimm. Dabei hilft ihm sein Jugendfreund Shuggie. Ein Gangster.

Und in „John X“ hat Rene Shade nur noch eine Nebenrolle. Im Mittelpunkt steht sein Vater John X. Shade, der plötzlich mit seiner Tochter auftaucht und einfach wieder seinen Platz als Herr des Hauses beansprucht. Dabei ist er vor allem nach St. Bruno zurückgekehrt, weil er mächtig Ärger hat.

In diesen drei Noirs folgt Daniel Woodrell rudimentär den Konventionen des Polizeiromans, indem er einen Polizisten zum Helden nimmt und die Geschichte aus verschiedenen Perspektiven erzählt. Dabei höhlt er die Genrekonventionen immer mehr, zugunsten von prägnant geschriebenen Szenen aus. Denn die Romane wirken zunehmend wie miteinander verknüpfte, herrlich lakonisch erzählte Kurzgeschichten voller absurder und grotesker Szenen.

Später wurde Daniel Woodrell mit Verbrechergeschichten, in der die Ich-Erzähler für ein Familientreffen eine Pistole einstecken und Kinder viel zu früh erwachsen werden müssen, zum Chronisten der Ozarks.

Daniel Woodrell: Im Süden – Die Bayou-Trilogie

Heyne, 2012

656 Seiten

10,99 Euro

Originalausgabe“

The Bayou Trilogy

Mulholland Books, 2011

enthält

Under the bright lights

1986

Deutsche Erstausgabe

Cajun Blues

(übersetzt von Christine Strüh und Adelheid Zöfel)

Heyne, 1994

Muscle for the Wing

1988

Deutsche Erstausgabe

Zoff für den Boss

(übersetzt von Christine Strüh und Adelheid Zöfel)

Heyne, 1995

(jetzt „Der Boss“)

The Ones you do

1992

Deutsche Erstausgabe

John X

(übersetzt von Teja Schwaner)

Rowohlt, 1999

Hinweise

Kaliber.38 über Daniel Woodrell

Mordlust über Daniel Woodrell

Wikipedia über Daniel Woodrell

The Independent: John Williams über Daniel Woodrell (16. Juni 2006)

The Southeast Review interviewt Daniel Woodrell (1. April 2009)

River Cities’ Reader über Daniel Woodrell (8. April 2010)

The Wall Street Journal/Speakeasy (Steven Kurutz) unterhält sich mit Daniel Woodrell über “Winter’s Bone” (27. Februar 2011)

Daniel Woodrell bei Mulholand Books

Meine Besprechung von Daniel Woodrells „Winters Knochen“ (Winter’s Bone, 2006)

Meine Besprechung von Daniel Woodrells „Der Tod von Sweet Mister“ (The Death of Sweet Mister, 2001)

Daniel Woodrell in der Kriminalakte

 


Kein neuer Wilsberg-Roman, aber immerhin ein kurzweiliger Einblick in „Wilsbergs Welt“

November 12, 2012

Während im Fernsehen die Wilsberg-Krimis mit Leonard Lansink seit Jahren äußerst beliebt sind, hat Wilsberg-Erfinder Jürgen Kehrer seit „Wilsberg und die dritte Generation“ (2006) keinen eigenständigen Kriminalroman mit dem sympathischen Privatdetektiv aus Münster geschrieben. Aber immerhin hat er für seine Kurzgeschichten-Sammlung „Wilsbergs Welt“ drei neue Wilsberg-Geschichten geschrieben.

In dem Sammelband sind:

Wilsbergs Welt

Der Krötenmann (Originalveröffentlichung)

Der Rest ist Schweigen (aus Sandra Lüpkes/Jürgen Kehrer [Hrsg.]: Mörderisches Münsterland, 2010)

Wilsberg und der dritte Mann (aus Angela Eßer [Hrsg.]: Schöne Leich‘ in Wien, 2008)

Raucher sind Mörder (aus Leo P. Ard [Hrsg.]: Der Mörder kennt die Satzung, 1996 [überarbeitete Fassung 2007])

Wilsberg und die Leiche mit dem Löffel (Originalveröffentlichung)

Wilsberg am Hellweg – Chronik eines annoncierten Todes (aus H. P. Karr/Herbert Knorr [Hrsg.]: Mord am Hellweg IV, 2008)

Mein Name ist Li, Schmutzli“ (Originalveröffentlichung)

Wilsberg – Eine Weihnachtsgeschichte (aus Jan Costin Wagner [Hrsg.]: Mordsweihnachten, 2010)

Der Rest der Welt

Zweites Leben, zweiter Tod (veröffentlicht als Download bei der Buchhandelskette Jokers)

Von Schleim bis Hammerhart (aus Mörderisches vom Rothaarsteig, 2012)

Leer kann auch grausam sein (aus Jürgen Alberts [Hrsg.]: Morden im hohen Norden, 2006)

Der Kaplan klebt Pappplakate (aus Sandra Lüpkes [Hrsg.]: Wer tötete Fischers Fritz?, 2008)

Mord im Samba-Express (aus Gesine Schulz/Ina Coelen [Hrsg.]: Radieschen von unten, 2006)

Glück ab in Ahlen (aus H. P. Karr/Herbert Knorr [Hrsg.]: Mord am Hellweg III, 2006)

Das Manöver des letzten Augenblicks (aus Jan Zweyer/Thomas Koch [Hrsg.]: Tot auf Töwerland, 2009)

Die fünfzehn Geschichten sind durchgängig flott zu lesen und die Schlusspointe ist meistens sehr gelungen und auch überraschend. Wobei mir die Wilsberg-Geschichten wegen des bekannten Charakters und weil sie mehr auf Witz und weniger auf Mord und Totschlag setzen, besser gefallen.

Allerdings ist die von Jürgen Kehrer zusammen mit Sandra Lüpkes geschriebene Geschichte „Der Rest ist Schweigen“ auch die schwächste Geschichte des Sammelbandes, weil sie sich wie zwei ziemlich unabhängige Geschichten liest (die Einteilung in zwei Akte, wobei Wilsberg nur in dem zweiten Akt auftritt, verstärkt diesen Effekt), die typische Wilsberg-Lakonie weitgehend fehlt und die Idee den echten Georg Wilsberg mit dem Wilsberg-Schauspieler zusammentreffen zu lassen, keine neuen Aspekte zutage fördert.

Und, immerhin stirbt die Hoffnung zuletzt, vielleicht sind die neuen Wilsberg-Geschichten auch ein Hinweis auf ein neues Wilsberg-Buch.

Jürgen Kehrer: Wilsbergs Welt

Grafit, 2012

192 Seiten

9,99 Euro

Hinweise

Homepage von Jürgen Kehrer

Wikipedia über Jürgen Kehrer

Meine Besprechung von Jürgen Kehrers „Wilsberg und die dritte Generation“ (2006)

Meine Besprechung von Jürgen Kehrers „Fürchte dich nicht“ (2009)

Jürgen Kehrer in der Kriminalakte

 

 

 


Kurzkritik: Valerio Bindi/MP5: Der Frevel am Altar der Heiligen Klara

November 9, 2012

Scheidung und Homosexualität gehen bei der sich nach außen tiefgläubig katholisch gegeben Camorra überhaupt nicht. Aber solange die Ehefrau und die Öffentlichkeit es nicht mitbekommen, kann man sich eine Geliebte leisten.

Aber, wie gesagt, Homosexualität ist eine ganz andere Sache und deshalb darf niemand erfahren, dass Giovanni, der verheiratete Sohn von Don Antonio, und Salvatore, einer von Don Antonios Geldeintreibern, sich lieben und alle vier Wochen auf den Klippen von Mergellina Sex haben.

Genau diese Idee und der Zeichenstil machen aus Valerio Bindis (Szenario) und MP5s (Zeichnungen) Comicversion von L. R. Carrinos Noir „Der Verstoß“ einen besonderen Comic. Denn die Geschichte folgt davon abgesehen weitgehend den Konventionen des Gangsterkrimis, in dem in der Ehrenwerten Gesellschaft Misstrauen und Paranoia herrschen und Probleme auch mit einem Mord, auch im Kreis der Familie, aus der Welt geschafft werden.

Eben diese vom Misstrauen beherrschte Welt wird von MP5 in holzschnittartigen Schwarz-Weiß-Zeichnungen, in denen die einzelnen Charaktere kaum zu unterscheiden sind, umgesetzt und sie stehen in einem interessanten Zwiegespräch mit der Geschichte und der Welt der Verbrecher.

L. R. Carrinos Roman „Der Verstoß“ erscheint demnächst bei Pulp Master und ich bin schon auf die Unterschiede zwischen Roman und Comic gespannt.

Valerio Bindi/MP5: Der Frevel am Altar der Heiligen Klara

(übersetzt von Resel Rebiersch)

schreiber & leser, 2012

184 Seiten

18,80 Euro

Originalausgabe

Acqua Storta

Meridiano zero, Padova, 2010

Hinweise

Homepage von Valerio Bindi

Homepage von MP5

 


Auf der „Bourbon Street“ sind „Die Geister des Cornelius“ lebendig

November 7, 2012

Mit „Bourbon Street: Die Geister des Cornelius“ gelingt Autor Philippe Charlot und Zeichner Alexis Chabert eine wunderschöne Liebeserklärung an den Jazz. Das liegt nicht nur an der Geschichte (1997, nach dem Erfolg des Buena Vista Social Club, beschließt Alvin die alte Band wieder zusammen zu stellen, um mit ihrem traditionellem New-Orleans-Jazz wieder vor Publikum zu spielen. Als Zugpferd brauchen sie den vor einem halben Jahrhundert spurlos verschwundenen Cornelius, den Trompeter ihrer damaligen Gruppe.), sondern auch an den atmosphärischen Zeichnungen und, vor allem, wie Charlot und Chabert ihre Geschichte erzählen. So ist ihr Erzähler Louis ‚Satchmo‘ Armstrong 1997 seit 26 Jahren tot. Gegenwart und Vergangenheit gehen immer wieder nahtlos ineinander über, Erinnerungen sind gegenwärtig, Realität und Fantasie kaum zu unterscheiden und sie befruchten sich, wie bei einer Jazz-Improvisation, gegenseitig.

Philippe Charlot (Text)/Alexis Chabert (Zeichnungen): Bourbon Street: Die Geister des Cornelius

(übersetzt von Marcel Le Comte)

Ehapa Comic Collection, 2012

56 Seiten

13,99 Euro

Originalausgabe

Bourbon Street: Tome 1 – Les Fantômes de Cornelius

Bamboo Edition, 2011

 


In „Heiliger Krieg“ hat Vampirella einiges zu erledigen

November 6, 2012

Gutgut, die Bekleidung von Vampirella ist nicht wirklich für einen Kampf geeignet.

Auch nicht für arktische Temperaturen.

Aber wer will schon eine züchtig gekleidete Vampirella?

Eben.

Daher darf die Vampirjägerin, seit sie 1969 von Forrest J. Ackerman und Trina Robbins erfunden wurde, in ihrer bekannt-figurbetonten Kleidung durch die Comics toben.

Für die jetzt auch bei uns startende „Vampirella Master Series“ (die Originalausgaben erschienen bereits größtenteils 1997) schrieben Grant Morrison („The Invisibles“, „The Filth“, viele Geschichten für „Batman“ und „New X-Men“) und Mark Millar („Kick-Ass“, „Wanted“) die beiden, aufeinander aufbauenden Dreiteiler „Aufstieg des Bösen“ und „Heiliger Krieg“ und die Einzelhefte „Das blutrote Spiel“ (geschrieben nur von Grant Morrison) und „Ein kalter Tag in der Hölle“ (geschrieben nur von Mark Millar). In dieser Geschichte muss Vampirella in der Arktis gegen Vampire kämpfen und während die Männer sich dich mehrere Jacken hüllen und zittern (gut, das kann auch an den angreifenden Vampiren liegen), springt Vampirella kaum bekleidet durch die Geschichte.

In „Das blutrote Spiel“ will eine von einem Geist besessene junge Frau, die so zur Menschenherzen sammelnden Serienmörderin wurde, Vampirella das Herz herausreißen.

In „Aufstieg des Bösen“ beginnt sie ihren Kampf gegen die Vampire, die die USA erobern wollen und dafür die Mafia übernehmen. In dem Haus des Mafiosis Don Fattoni kommt es zwischen Vampirella (die selbst ein Vampir ist, aber nicht wie ein gewöhnlicher Vampir getötet werden kann) und den Vampiren, die von dem diabolischen von Kreist angeführt werden, zu einem erbarmungslosem Kampf.

Nach dieser grandiosen Schlachtplatte, garniert mit Schwarzem Humor, ist „Heiliger Krieg“ (bei dem Millar und Morrison von Steven Grant unterstützt wurden) eine leichte Enttäuschung. Die in Rom spielende Geschichte, die nahtlos an „Aufstieg des Bösen“ anknüpft, springt etwas konfus zwischen den verschiedenen Handlungsorten hin und her und plätschert, wegen der Vor- und Rückblenden, in denen verschiedene Charaktere wichtige Informationen erzählen, eher vor sich hin. Denn es geht um Vampirellas Kampf gegen die Vampire, den Rachegelüsten von Don Fattonis Tochter und über den Kampf einer katholischen Schwesternschaft, die seit Jahrhunderten Vampire tötet, und jetzt wieder, dieses Mal mit Vampirella, in den Kampf zieht.

In dem kurzweiligem Vampirella-Sammelband „Heiliger Krieg“ gibt es viel für’s Auge, gute Sprüche und für die Vampire sehr gemeine Todesarten. Ich sage nur gesegneter Regen, Ampullen mit Weihwasser, Kugeln, deren Spitzen mit kleine Kreuzen verziert wurden und Lichtblitze.

Oh, und es gibt Duschen mit Blut, das Körpertemperatur hat.

Grant Morrison/Mark Millar: Vampirella: Heiliger Krieg (Master Series 1)

(übersetzt von Bernd Kronsbein)

Panini, 2012

180 Seiten

19,95 Euro

enthält

Aufstieg des Bösen (Vampirella Monthly 1 – 3: Ascending Evil, 1997)

Heiliger Krieg (Vampirella Monthly 4 – 6: Holy War, 1997)

Das blutrote Spiel (Vampirella 25th Anniversary Special: The Blood Red Game, 1996)

Ein kalter Tag in der Hölle (Vampirella Strikes 6: A Cold Day in Hell, 1996)

Hinweise

Homepage von Grant Morrison

Homepage von Mark Millar

Meine Besprechung von Mark Millar/Steve McNivens „Nemesis“ (Nemesis, 2010/2011)

Wikipedia über „Vampirella“ (deutsch, englisch)

Homepage von „Vampirella“

 


„30 Days of Night – Die Barrow-Trilogie“ beißt kräftig zu

November 2, 2012

Barrow ist eine Stadt in Alaska, die

von wenigen Menschen bewohnt wird, und

im Winter

die Sonne

dreißig Tage

nicht aufgeht.

Dreißig Tage die eine einzige lange Nacht sind, in der Vampire sich ungestört ernähren können.

Für sie ist das ein Festschmaus, auf den sie viele Jahrhunderte verzichteten, weil die plötzliche Entvölkerung einer ganzen Stadt natürlich Fragen provoziert hätte. Fragen, die in einer Hetzjagd auf die Vampire münden könnten.

Deshalb haben die alten Vampire in den vergangenen Jahrhunderten alles versucht, damit wir Menschen nicht mehr an sie glauben. Die Erzählungen über sie für Märchen und Legenden halten.

Aber jetzt hat Marlow die anderen Vampire nach Barrow eingeladen und die Barrow-Bewohner kämpfen um ihr Leben. In Sheriff Eben Olemaun finden die wenig distinguierten Blutsauger einen gleichwertigen Gegner; auch nachdem Vincente, das Oberhaupt der Vampire, um alle Zeugen und Spuren ihres Angriffs zu beseitigen, die totale Vernichtung von Barrow befiehlt.

Autor Steve Niles hatte diese Idee von einer Vampirinvasion in einem Ort, an dem eine Nacht einen Monat dauert, und, nachdem Hollywood die Idee verwarf, schrieb er mit Zeichner Ben Templesmith (dessen atmosphärischen Bilder einen großen Anteil am Erfolg der Serie haben) den Comic „30 Days of Night“. 2007 wurde diese Geschichte von David Slade mit Josh Hartnett, Melissa George, Danny Huston und Ben Foster verfilmt und der größte Pluspunkt des formelhaften Vampir-Western (Ihr erinnert euch doch noch an den Western, in dem die Guten von einer Horde johlender Indianer umzingelt werden und sie dann in dem Fort um ihr Überleben kämpfen müssen?) ist die alptraumhafte Landschaft (Nebenbemerkung: gedreht wurde in Neuseeland, aber schon die klassischen Hollywood-Horrorfilme wurden nicht vor Ort, sondern im Studio gedreht.).

Schon lange vor dem Film hatten Niles und Templesmith die in „30 Days of Night“ begonnene Geschichte weitererzählt und mir gefallen „Dunkle Tage“ und „Rückkehr nach Barrow“ deutlich besser. Denn in „30 Days of Night“ wird auf achtzig Seiten eigentlich nur die Prämisse (Vampire beißen sich durch die Stadt) erzählt und im arg plötzlichen Ende vernichtet Eben Olemaun die Vampire, indem er selbst zu einem Vampir wird und das tut, was echte Vampire nicht tun: er bringt seine Artgenossen um. So etwas tun nur Menschen.

In „Dunkle Tage“ und „Rückkehr nach Barrow“ erzählen Niles und Templesmith die Geschichte weiter und jetzt, nachdem die „30 Days of Night“-Welt etabliert ist, konzentrieren sie sich mehr auf die Geschichte.

In „Dunkle Tage“ ist Stella Olemaun, die Frau des verstorbenen Eben Olemaun, in Los Angeles. Sie hat ein Buch über die Ereignisse in Barrow geschrieben und will alle Vampire töten. Mit einigen Gleichgesinnten beginnt sie ihren Kampf.

In „Rückkehr nach Barrow“ erfahren wir, was sich seit dem Vampirangriff in Barrow veränderte: die Bewohner haben gelernt, mit der Vampirplage zu leben. Jedes Jahr bereiten sie sich vor der dreißigtägigen Nacht auf das Ankommen der Vampire vor. Aber dieses Mal wird die Schlacht heftiger als in den vorherigen Jahren.

Diese drei Geschichten sind jetzt als „30 Days of Night – Die Barrow-Trilogie“ erschienen.

Danach baute Steve Niles seinen Vampirkosmos in Comics, Büchern und Filmen weiter aus. Nicht immer mit ihm als Autor.

Steve Niles/Ben Templesmith: 30 Days of Night – Die Barrow-Trilogie

(übersetzt von Frank Neubauer)

Cross Cult, 2012

400 Seiten

35 Euro

Originalausgabe/enthält

30 Days of Night

IDW, 2002

30 Days of Night: Dark Days

IDW, 2004

30 Days of Night: Return to Barrow

IDW, 2004

Verfilmungen

30 Days of Night (30 Days of Night, USA 2007)

Regie: David Slade

Drehbuch: Steve Niles, Stuart Beattie, Brian Nelson

mit Josh Hartnett, Melissa George, Danny Huston, Ben Foster, Mark Boone Junior, Mark Rendall

30 Days of Night: Dark Days (30 Days of Night: Dark Days, USA 2010)

Regie: Ben Ketai

Drehbuch: Steve Niles, Ben Ketai

mit Kiele Sanchez, Rhys Coiro, Diora Baird, Harold Perrineau, Mia Kirshner, Troy Ruptash, Ben Cotton

Hinweise

Homepage von Steve Niles

Homepage von Ben Templesmith

Wikipedia über „30 Days of Night“


Einige Worte zu „Daniel Kehlmann/Detlev Buck: Die Vermessung der Welt – Das Buch zum Film“

Oktober 25, 2012

Daniel Kehlmanns Roman „Die Vermessung der Welt“ über Alexander von Humboldt und Carl Friedrich Gauß war ein Bestseller und die Verfilmung von Detlev Buck soll auch ein Erfolg werden. Immerhin reiste Buck („Wir können auch anders“, „Knallhart“) mit seinem Team auch nach Ecuador, um beeindruckende Bilder aus dem Dschungel und der Einöde aufzunehmen. Es wurde in 3D gedreht; was für einen deutschen Spielfilm noch ein Novum ist.

Und der Rowohlt Verlag veröffentlichte das Drehbuch von Daniel Kehlmann, Detlev Buck und Daniel Nocke mit einigen ergänzenden Texten und vielen Bildern aus dem Film und einigen von den Dreharbeiten. Die Filmbilder machen auch neugierig auf den Film.

Das Drehbuch nicht. Denn, so Detlev Buck: „Wir setzen zwei Biographien gegeneinander, verschneiden sie, ohne sie gleich aufeinander zulaufen zu lassen. Es gibt keinen Antagonisten, keinen Showdown, nicht den Wendepunkt, das ganze dramaturgische Geschirr gibt es nicht.“

Das führt dazu, dass in einer episodischen Struktur, die sich auf Anekdoten konzentriert, Alexander von Humboldt durch die Welt hetzt und alles mögliche von Pflanzen bis zu Menschenskeletten einsammelt, während Carl Friedrich Gauß in seiner Studierstube die Grundlagen der modernen Mathematik formuliert und, wenn er seine Wohnung verlässt, das Land vermisst. Aber warum wir uns für diese beiden Männer interessieren sollten und was sie antreibt, bleibt schleierhaft. Über ihre historische Bedeutung erfahren wir auch nichts. Und über die Zeit, außer dass damals alles schlimm, Kant vertrottelt und der König ein eitler Fatzke war, erfahren wir nichts substantielles.

So stellt sich beim Lesen des Drehbuchs, das der Bauplan für den Film ist, schnell das Gefühl des Leerlaufs ein. Das ist der hier Preis für den Verzicht auf die gängigen dramaturgischen Regeln; und dabei wäre es allein schon eine Herausforderung gewesen, diese beiden Biographien in einem Film zu einem schlüssigen Ganzen zusammen zu fügen.

Neben dem Drehbuch gibt es noch eine schon vor dem Dreh aus Budgetgründen gestrichene Szene mit Storyboard-Zeichnungen (die in ihrem anekdotischem Ton durchaus in den Film gepasst hätte), ein lesenswertes Interview mit Daniel Kehlmann und Detlev Buck, einen ebenso informativen Bericht von Willi Winkler über die Dreharbeiten in Ecuador, einen kurzen Drehbericht von Wenka von Mikulicz (die in der Stoffentwicklung der Filmproduktionsfirma Boje Buck arbeitet und einen kleinen Auftritt im Film hat) und Überlegungen zu 3D von Jan Distelmeyer.

Das Filmbuch „Die Vermessung der Welt“ ist eine gelungene Ergänzung zum Film. Dummerweise scheint gerade dieser, nach einer Lektüre des Drehbuchs, nicht so gelungen zu sein.

Daniel Kehlmann/Detlev Buck: Die Vermessung der Welt – Das Buch zum Film

rororo, 2012

208 Seiten

12,99 Euro

Verfilmung

Die Vermessung der Welt (Deutschland/Österreich 2012)

Regie: Detlev Buck

Drehbuch: Daniel Kehlmann, Detlev Buck, Daniel Nocke

mit Albrecht Abraham Schuch, Aaron Denkel, Florian David Fitz, Lennart Hänsel, Jérémy Kapone, Vicky Krieps, Sunnyi Melles, Katharina Thalbach, David Kross, Sven Regener, Leander Haußmann, Daniel Kehlmann (als unheimlicher Mann), Detlev Buck (als wütender Mann)

Hinweise

Homepage von Daniel Kehlmann

Homepage zum Film

Film-Zeit über „Die Vermessung der Welt“

Wikipedia über „Die Vermessung der Welt“ (Roman)


„Das Science-Fiction-Jahr 2012“ ist gewohnt informativ

Oktober 24, 2012

Das kommt jetzt vielleicht für einige wie ein Schock: die Macher des Jahrbuchs „Das Science-Fiction-Jahr“ haben den Aufbau des Buches geändert.

Aber keine Panik: das bedeutet nur eine kleine Umstellung. Früher gab es einen großen Schwerpunkt und dann einzelne Rubriken, wie Interviews, Kunst und „Science & Speculation“, viele Besprechungen von Büchern, Filmen, Hörspielen und Computerspielen, immer auch mit längeren Aufsätzen, Marktberichte aus der deutschen, amerikanischen und britischen Science-Fiction-Szene und Listen der wichtigen Preisen.

Jetzt gibt es am Anfang einen großen Teil, in dem alle diese Aufsätze gesammelt sind („Feature“ genannt) und danach die Rezensionen und die Marktberichte.

In den längeren Aufsätzen schreibt Rainer Eisfeld über den am 5. Juni 2012 verstorbenen Ray Bradbury („Fahrenheit 451“), Gary K. Wolfe schreibt über Science-Fiction als Frontierliteratur, Margaret Atwood (eigentlich Ernste Literatur, aber auch die Dystopie „Der Report der Magd“) über ihre Kindheitserinnerungen an Science-Fiction-Geschichten, David Hughes über Edgar Rice Burroughs‘ John Carter und seinen langen Weg ins Kino, Dietmar Dath über Philip K. Dick, Peter M Gaschler über Rainer Werner Fassbinders Science-Fiction-Film „Welt am Draht“, Hartmut Kasper unterhält sich mit Heinrich Steinfest, Sascha Mamczak und Sebastian Pirling mit Cory Doctorow, Uwe Neuhold mit Professor Klaus Mainzer über Künstliche Intelligenz und Christian Enders schreibt über die Crowd-Funding-Finanzierung von „Iron Sky“.

Nach diesen dreihundert Seiten gibt es vierhundertfünzig Seiten mit Besprechungen von Büchern, Comics, Hörspielen, Filmen und Computerspielen.

Es gibt den Marktbericht im gewohnten Umfang aus den bekannten Ländern, einige Nachrufe und die Preisträgerlisten.

Und es gibt eine beruhigende Meldung: die Herausgeber Sascha Mamczak, Sebastian Pirling und Wolfgang Jeschke wollen „Das Science-Fiction-Jahr“ auch in den kommenden Jahren als Wundertüte für den Science-Fiction-Fan veröffentlichen. In gedruckter Form.

Sascha Mamczak, Sebastian Pirling, Wolfgang Jeschke (Hrsg.): Das Science-Fiction-Jahr 2012

Heyne, 2012

992 Seiten

32,99 Euro

Hinweise

Meine Besprechung von Sascha Mamczak/Wolfgang Jeschke (Hrsg.) „Das Science Fiction Jahr 2008″

Meine Besprechung von Sascha Mamczak/Wolfgang Jeschke (Hrsg.) „Das Science Fiction Jahr 2009“

Meine Besprechung von Sascha Mamczak/Wolfgang Jeschke (Hrsg.) „Das Science Fiction Jahr 2010“

Meine Besprechung von Sascha Mamczak/Sebastian Pirling/Wolfgang Jeschke (Hrsg.) „Das Science-Fiction-Jahr 2011“


Deadpool randaliert überall

Oktober 22, 2012

Deadpool, der Söldner mit der großen Klappe, ist zurück und dieses Mal lassen mich seine Abenteuer seltsam unbeteiligt zurück.

In der Serie „Deadpool Corps“, die von Krimiautor Victor Gischler erzählt wird, hat Deadpool eine Gruppe Gleichgesinnter, nämlich Lady Deadpool, Kid Deadpool, Headpool und Dogpool um sich gescharrt. Sie sollen das Multiversum retten. In dem ebenfalls von Gischler geschriebenem, ersten „Deadpool Corps“-Sammelband erzählt er, wie Deadpool sie rekrutiert. Das war großes Kino.

Jetzt macht der Chaot Deadpool sich mit seinen fast genauso chaotischen Kumpanen in „Deadpool Corps 2“ (Deadpool Sonderband 3 [ist etwas unglücklich nummeriert) auf den Weg das Multiversum zu retten. Kollateralschäden inclusive. Dabei hinterlässt ihr Gegner einen ziemlich enttäuschenden Eindruck.

in „Deadpool Corps 3: You say you want a Revolution“ (Deadpool Sonderband 4) landet das Deadpool Corps auf einem abgelegenem Planeten und ihre Art der Entwicklungshilfe besteht im Starten einer Revolution, in der sie Familienstreitigkeiten ausnutzen und sich dabei eine goldene Nase verdienen.

Es gibt zwar einige Gags und herrlich absurde Episoden aber insgesamt wirken die beiden Geschichten (wobei „Deadpool Corps 3“ die bessere ist) eher chaotisch als wirklich durchdacht und eher pubertär (sogar gemessen an dem pubertären „Deadpool“-Standard) als witzig.

Und dabei haben mir die anderen von Victor Gischler geschriebenen „Deadpool“-Geschichten verdammt gut gefallen.

Lang lebe Hydra!“, erschienen in der Reihe „Deadpool MAX“ und geschrieben von David Lapham, verärgert mit einer schlecht konstruierten Geschichte. Denn jetzt sollen wir glauben, dass Deadpool fanatisch die Terrororganisation Hydra verfolgt und sich dabei wie ein kleiner Junge an der Nase herumführen lässt.

Deadpool ist zwar pubertär, will nur seinen Spaß haben (was er vor allem buchstabiert als Fressen, Saufen, Fernseh glotzen, Kloppen), hat eine große Klappe – und ist letztendlich doch nicht so dumm, wie er auf den ersten Blick wirkt.

In „Lang lebe Hydra!“ wird er allerdings zum Trottel degradiert.

Das ist nicht witzig.

Victor Gischler (Autor)/Rob Liefeld/Marat Mychaels (Zeichner): Deadpool Corps 2 (Deadpool Sonderband 3)

(übersetzt von Michael Strittmatter)

Panini, 2011

148 Seiten

16,95 Euro

Originalausgabe/enthält

Deadpool Corps 1 – 6

Marvel, Juni 2010 – November 2010

Victor Gischler (Autor)Rob Liefeld/Marat Mychaels (Zeichner): Deadpool Corps 3: You say you want a Revolution (Deadpool Sonderband 4)

(übersetzt von Michael Strittmatter)

Panini, 2012

148 Seiten

16,95 Euro

Originalausgabe/enthält

Deadpool Corps 7 – 12: You say you want a Revolution (Part 1 – Part 6)

Marvel, Dezember 2010 – Mai 2011

David Lapham (Autor)/Kyle Baker (Zeichner): Deadpool MAX: Lang lebe Hydra!

(übersetzt von Michael Strittmatter)

Panini, 2012

148 Seiten

16,95 Euro

Originalausgabe

Deadpool MAX 7 – 12

Marvel, Juni 2011 – Dezember 2011

Hinweise

Wikipedia über Deadpool

Homepage von Victor Gischler

Meine Besprechung von Victor Gischler (Autor)/Bong Dazo (Zeichner): Deadpool – Der Söldner mit der großen Klappe: Kopfsprung (Band 1 von 2) (Deadpool: Merc with a Mouth 1 – 6: Headtrip, 2009/2010)

Meine Besprechung von Victor Gischler (Autor)/Bong Dazo (Zeichner)/Kyle Baker (Zeichner): Deadpool – Der Söldner mit der großen Klappe (Band 2 von 2) (Deadpool: Merc with a Mouth 7: Are you there? It’s me, Deadpool; Deadpool: Marc with a Mouth 8 – 15: Next Stop: Zombieville, 2010)

Meine Besprechung von Daniel Way (Autor)/ Shawn Crystal (Zeichner)/Paco Medina (Zeichner): Deadpool 1 (Deadpool 13/14: Wave of Mutilation; Deadpool 15: Want you to want me, Part 1: The complete idiot’s guide to metaphers, 2009)

Meine Besprechung von Duane Swierczynski (Autor)/Jason Pearson (Zeichner): Deadpool: Weiber, Wummen & Wade Wilson! (Sonderband 1) (Deadpool: Wade Wilson’s War, Vol. 1 – 4, 2010)

Meine Besprechung von Victor Gischler (Autor)/Goran Parlov (Zeichner): The Punisher: Willkommen im Bayou (Punisher (Vol. 7) 71 – 74: Welcome to the Bayou; Punisher (Vol. 7) 75: Dolls/Gateway/Ghouls/Father’s Day/Smalest Bit of This, 2009)

Meine Besprechung von Victor Gischler (Autor)/Duane Swierczynski (Autor)/Laurence Campbell (Zeichner): The Punisher: Abgrund des Bösen (Duane Swierczynski (Autor)/Michel Lacombe (Zeichner): Naturgewalt (Punisher: Force of Nature, April 2008; Victor Gischler (Autor)/Jefte Palo (Zeichner): Alles gespeichert (Punisher: Little Black Book, August 2008; Mike Benson (Autor)/Laurence Campbell (Zeichner): Der Gejagte (Punisher MAX Annual 1: The Haunted, November 2007; Jonathan Maberry (Autor)/Laurence Campbell (Zeichner): Requisiten (Punisher: Naked Kill, August 2009)

Meine Besprechung von Victor Gischler (Autor)/Rob Liefeld/Whilce Portacio/Philip Bond/Paco Medina/Kyle Baker (Zeichner) „Deadpool Corps (Deadpool Sonderband 2)“(Prelude to Deadpool Corps, Vol. 1 – 5, März 2010)