Beginnen wir mit der schlechten Nachricht: „Im Süden“, das neue Buch von Daniel Woodrell, enthält keine neuen Zeilen von ihm.
Und jetzt die gute Nachricht: Nachdem seine drei ersten Romane „Cajun Blues“ (Under the bright Lights, 1986), „Zoff für den Boss“ (Muscle for the Wing, 1988; jetzt „Der Boss“) und „John X“ (The Ones you do, 1992), die alle in der fiktiven Louisiana-Gemeinde St. Bruno spielen und den Kriminalpolizisten Rene Shade zum Protagonisten haben, seit Ewigkeiten nur noch antiquarisch erhältlich waren und teils zu astronomischen Preisen angeboten werden, kann man sich jetzt die Bayou-Trilogie (sozusagen, nach Rene-Shade-Serie und St.-Bruno-Bücher, die dritte Sammelbezeichnung für die drei Noirs) in einem Buch, ergänzt um ein sechsseitiges Vorwort von Frank Göhre, zu einem normalen Preis besorgen und entdecken, dass Daniel Woodrell schon seit seinem ersten Roman mit den Genreregeln spielte und sich um die düsteren Seiten der amerikanischen Wirklichkeit kümmerte. Denn St. Bruno ist eine dieser hochkorrupten Südstaatengemeinden, in denen das Verbrechen prächtig gedeiht und die Polizei hauptsächlich den Verkehr regeln soll, manchmal darf sie auch etwas störenden Schmutz beseitigen.
In „Cajun Blues“ untersucht Rene Shade den Mord an einem afroamerikanischen Lokalpolitiker. Weil er nicht glaubt, dass der Redneck Jewell Cobb der alleinige Täter ist, ermittelt er weiter und stolpert in einen Korruptionsskandal.
In „Der Boss“ wollen drei aus dem Gefängnis entlassene Mitglieder der weißen Gefängnisbruderschaft „The Wing“ die Macht in St. Bruno übernehmen. Nachdem sie bei ihrem ersten Überfall einen Polizisten töten, soll Rene Shade sie finden. Und wenn die Polizistenmörder dabei sterben, ist es, so die Stadtväter, auch nicht schlimm. Dabei hilft ihm sein Jugendfreund Shuggie. Ein Gangster.
Und in „John X“ hat Rene Shade nur noch eine Nebenrolle. Im Mittelpunkt steht sein Vater John X. Shade, der plötzlich mit seiner Tochter auftaucht und einfach wieder seinen Platz als Herr des Hauses beansprucht. Dabei ist er vor allem nach St. Bruno zurückgekehrt, weil er mächtig Ärger hat.
In diesen drei Noirs folgt Daniel Woodrell rudimentär den Konventionen des Polizeiromans, indem er einen Polizisten zum Helden nimmt und die Geschichte aus verschiedenen Perspektiven erzählt. Dabei höhlt er die Genrekonventionen immer mehr, zugunsten von prägnant geschriebenen Szenen aus. Denn die Romane wirken zunehmend wie miteinander verknüpfte, herrlich lakonisch erzählte Kurzgeschichten voller absurder und grotesker Szenen.
Später wurde Daniel Woodrell mit Verbrechergeschichten, in der die Ich-Erzähler für ein Familientreffen eine Pistole einstecken und Kinder viel zu früh erwachsen werden müssen, zum Chronisten der Ozarks.
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Daniel Woodrell: Im Süden – Die Bayou-Trilogie
Heyne, 2012
656 Seiten
10,99 Euro
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„Originalausgabe“
The Bayou Trilogy
Mulholland Books, 2011
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enthält
Under the bright lights
1986
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Deutsche Erstausgabe
Cajun Blues
(übersetzt von Christine Strüh und Adelheid Zöfel)
Heyne, 1994
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Muscle for the Wing
1988
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Deutsche Erstausgabe
Zoff für den Boss
(übersetzt von Christine Strüh und Adelheid Zöfel)
Während im Fernsehen die Wilsberg-Krimis mit Leonard Lansink seit Jahren äußerst beliebt sind, hat Wilsberg-Erfinder Jürgen Kehrer seit „Wilsberg und die dritte Generation“ (2006) keinen eigenständigen Kriminalroman mit dem sympathischen Privatdetektiv aus Münster geschrieben. Aber immerhin hat er für seine Kurzgeschichten-Sammlung „Wilsbergs Welt“ drei neue Wilsberg-Geschichten geschrieben.
In dem Sammelband sind:
Wilsbergs Welt
Der Krötenmann (Originalveröffentlichung)
Der Rest ist Schweigen (aus Sandra Lüpkes/Jürgen Kehrer [Hrsg.]: Mörderisches Münsterland, 2010)
Raucher sind Mörder (aus Leo P. Ard [Hrsg.]: Der Mörder kennt die Satzung, 1996 [überarbeitete Fassung 2007])
Wilsberg und die Leiche mit dem Löffel (Originalveröffentlichung)
Wilsberg am Hellweg – Chronik eines annoncierten Todes (aus H. P. Karr/Herbert Knorr [Hrsg.]: Mord am Hellweg IV, 2008)
„Mein Name ist Li, Schmutzli“ (Originalveröffentlichung)
Wilsberg – Eine Weihnachtsgeschichte (aus Jan Costin Wagner [Hrsg.]: Mordsweihnachten, 2010)
Der Rest der Welt
Zweites Leben, zweiter Tod (veröffentlicht als Download bei der Buchhandelskette Jokers)
Von Schleim bis Hammerhart (aus Mörderisches vom Rothaarsteig, 2012)
Leer kann auch grausam sein (aus Jürgen Alberts [Hrsg.]: Morden im hohen Norden, 2006)
Der Kaplan klebt Pappplakate (aus Sandra Lüpkes [Hrsg.]: Wer tötete Fischers Fritz?, 2008)
Mord im Samba-Express (aus Gesine Schulz/Ina Coelen [Hrsg.]: Radieschen von unten, 2006)
Glück ab in Ahlen (aus H. P. Karr/Herbert Knorr [Hrsg.]: Mord am Hellweg III, 2006)
Das Manöver des letzten Augenblicks (aus Jan Zweyer/Thomas Koch [Hrsg.]: Tot auf Töwerland, 2009)
Die fünfzehn Geschichten sind durchgängig flott zu lesen und die Schlusspointe ist meistens sehr gelungen und auch überraschend. Wobei mir die Wilsberg-Geschichten wegen des bekannten Charakters und weil sie mehr auf Witz und weniger auf Mord und Totschlag setzen, besser gefallen.
Allerdings ist die von Jürgen Kehrer zusammen mit Sandra Lüpkes geschriebene Geschichte „Der Rest ist Schweigen“ auch die schwächste Geschichte des Sammelbandes, weil sie sich wie zwei ziemlich unabhängige Geschichten liest (die Einteilung in zwei Akte, wobei Wilsberg nur in dem zweiten Akt auftritt, verstärkt diesen Effekt), die typische Wilsberg-Lakonie weitgehend fehlt und die Idee den echten Georg Wilsberg mit dem Wilsberg-Schauspieler zusammentreffen zu lassen, keine neuen Aspekte zutage fördert.
Und, immerhin stirbt die Hoffnung zuletzt, vielleicht sind die neuen Wilsberg-Geschichten auch ein Hinweis auf ein neues Wilsberg-Buch.
Scheidung und Homosexualität gehen bei der sich nach außen tiefgläubig katholisch gegeben Camorra überhaupt nicht. Aber solange die Ehefrau und die Öffentlichkeit es nicht mitbekommen, kann man sich eine Geliebte leisten.
Aber, wie gesagt, Homosexualität ist eine ganz andere Sache und deshalb darf niemand erfahren, dass Giovanni, der verheiratete Sohn von Don Antonio, und Salvatore, einer von Don Antonios Geldeintreibern, sich lieben und alle vier Wochen auf den Klippen von Mergellina Sex haben.
Genau diese Idee und der Zeichenstil machen aus Valerio Bindis (Szenario) und MP5s (Zeichnungen) Comicversion von L. R. Carrinos Noir „Der Verstoß“ einen besonderen Comic. Denn die Geschichte folgt davon abgesehen weitgehend den Konventionen des Gangsterkrimis, in dem in der Ehrenwerten Gesellschaft Misstrauen und Paranoia herrschen und Probleme auch mit einem Mord, auch im Kreis der Familie, aus der Welt geschafft werden.
Eben diese vom Misstrauen beherrschte Welt wird von MP5 in holzschnittartigen Schwarz-Weiß-Zeichnungen, in denen die einzelnen Charaktere kaum zu unterscheiden sind, umgesetzt und sie stehen in einem interessanten Zwiegespräch mit der Geschichte und der Welt der Verbrecher.
L. R. Carrinos Roman „Der Verstoß“ erscheint demnächst bei Pulp Master und ich bin schon auf die Unterschiede zwischen Roman und Comic gespannt.
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Valerio Bindi/MP5: Der Frevel am Altar der Heiligen Klara
Mit „Bourbon Street: Die Geister des Cornelius“ gelingt Autor Philippe Charlot und Zeichner Alexis Chabert eine wunderschöne Liebeserklärung an den Jazz. Das liegt nicht nur an der Geschichte (1997, nach dem Erfolg des Buena Vista Social Club, beschließt Alvin die alte Band wieder zusammen zu stellen, um mit ihrem traditionellem New-Orleans-Jazz wieder vor Publikum zu spielen. Als Zugpferd brauchen sie den vor einem halben Jahrhundert spurlos verschwundenen Cornelius, den Trompeter ihrer damaligen Gruppe.), sondern auch an den atmosphärischen Zeichnungen und, vor allem, wie Charlot und Chabert ihre Geschichte erzählen. So ist ihr Erzähler Louis ‚Satchmo‘ Armstrong 1997 seit 26 Jahren tot. Gegenwart und Vergangenheit gehen immer wieder nahtlos ineinander über, Erinnerungen sind gegenwärtig, Realität und Fantasie kaum zu unterscheiden und sie befruchten sich, wie bei einer Jazz-Improvisation, gegenseitig.
Gutgut, die Bekleidung von Vampirella ist nicht wirklich für einen Kampf geeignet.
Auch nicht für arktische Temperaturen.
Aber wer will schon eine züchtig gekleidete Vampirella?
Eben.
Daher darf die Vampirjägerin, seit sie 1969 von Forrest J. Ackerman und Trina Robbins erfunden wurde, in ihrer bekannt-figurbetonten Kleidung durch die Comics toben.
Für die jetzt auch bei uns startende „Vampirella Master Series“ (die Originalausgaben erschienen bereits größtenteils 1997) schrieben Grant Morrison („The Invisibles“, „The Filth“, viele Geschichten für „Batman“ und „New X-Men“) und Mark Millar („Kick-Ass“, „Wanted“) die beiden, aufeinander aufbauenden Dreiteiler „Aufstieg des Bösen“ und „Heiliger Krieg“ und die Einzelhefte „Das blutrote Spiel“ (geschrieben nur von Grant Morrison) und „Ein kalter Tag in der Hölle“ (geschrieben nur von Mark Millar). In dieser Geschichte muss Vampirella in der Arktis gegen Vampire kämpfen und während die Männer sich dich mehrere Jacken hüllen und zittern (gut, das kann auch an den angreifenden Vampiren liegen), springt Vampirella kaum bekleidet durch die Geschichte.
In „Das blutrote Spiel“ will eine von einem Geist besessene junge Frau, die so zur Menschenherzen sammelnden Serienmörderin wurde, Vampirella das Herz herausreißen.
In „Aufstieg des Bösen“ beginnt sie ihren Kampf gegen die Vampire, die die USA erobern wollen und dafür die Mafia übernehmen. In dem Haus des Mafiosis Don Fattoni kommt es zwischen Vampirella (die selbst ein Vampir ist, aber nicht wie ein gewöhnlicher Vampir getötet werden kann) und den Vampiren, die von dem diabolischen von Kreist angeführt werden, zu einem erbarmungslosem Kampf.
Nach dieser grandiosen Schlachtplatte, garniert mit Schwarzem Humor, ist „Heiliger Krieg“ (bei dem Millar und Morrison von Steven Grant unterstützt wurden) eine leichte Enttäuschung. Die in Rom spielende Geschichte, die nahtlos an „Aufstieg des Bösen“ anknüpft, springt etwas konfus zwischen den verschiedenen Handlungsorten hin und her und plätschert, wegen der Vor- und Rückblenden, in denen verschiedene Charaktere wichtige Informationen erzählen, eher vor sich hin. Denn es geht um Vampirellas Kampf gegen die Vampire, den Rachegelüsten von Don Fattonis Tochter und über den Kampf einer katholischen Schwesternschaft, die seit Jahrhunderten Vampire tötet, und jetzt wieder, dieses Mal mit Vampirella, in den Kampf zieht.
In dem kurzweiligem Vampirella-Sammelband „Heiliger Krieg“ gibt es viel für’s Auge, gute Sprüche und für die Vampire sehr gemeine Todesarten. Ich sage nur gesegneter Regen, Ampullen mit Weihwasser, Kugeln, deren Spitzen mit kleine Kreuzen verziert wurden und Lichtblitze.
Oh, und es gibt Duschen mit Blut, das Körpertemperatur hat.
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Grant Morrison/Mark Millar: Vampirella: Heiliger Krieg (Master Series 1)
Dreißig Tage die eine einzige lange Nacht sind, in der Vampire sich ungestört ernähren können.
Für sie ist das ein Festschmaus, auf den sie viele Jahrhunderte verzichteten, weil die plötzliche Entvölkerung einer ganzen Stadt natürlich Fragen provoziert hätte. Fragen, die in einer Hetzjagd auf die Vampire münden könnten.
Deshalb haben die alten Vampire in den vergangenen Jahrhunderten alles versucht, damit wir Menschen nicht mehr an sie glauben. Die Erzählungen über sie für Märchen und Legenden halten.
Aber jetzt hat Marlow die anderen Vampire nach Barrow eingeladen und die Barrow-Bewohner kämpfen um ihr Leben. In Sheriff Eben Olemaun finden die wenig distinguierten Blutsauger einen gleichwertigen Gegner; auch nachdem Vincente, das Oberhaupt der Vampire, um alle Zeugen und Spuren ihres Angriffs zu beseitigen, die totale Vernichtung von Barrow befiehlt.
Autor Steve Niles hatte diese Idee von einer Vampirinvasion in einem Ort, an dem eine Nacht einen Monat dauert, und, nachdem Hollywood die Idee verwarf, schrieb er mit Zeichner Ben Templesmith (dessen atmosphärischen Bilder einen großen Anteil am Erfolg der Serie haben) den Comic „30 Days of Night“. 2007 wurde diese Geschichte von David Slade mit Josh Hartnett, Melissa George, Danny Huston und Ben Foster verfilmt und der größte Pluspunkt des formelhaften Vampir-Western (Ihr erinnert euch doch noch an den Western, in dem die Guten von einer Horde johlender Indianer umzingelt werden und sie dann in dem Fort um ihr Überleben kämpfen müssen?) ist die alptraumhafte Landschaft (Nebenbemerkung: gedreht wurde in Neuseeland, aber schon die klassischen Hollywood-Horrorfilme wurden nicht vor Ort, sondern im Studio gedreht.).
Schon lange vor dem Film hatten Niles und Templesmith die in „30 Days of Night“ begonnene Geschichte weitererzählt und mir gefallen „Dunkle Tage“ und „Rückkehr nach Barrow“ deutlich besser. Denn in „30 Days of Night“ wird auf achtzig Seiten eigentlich nur die Prämisse (Vampire beißen sich durch die Stadt) erzählt und im arg plötzlichen Ende vernichtet Eben Olemaun die Vampire, indem er selbst zu einem Vampir wird und das tut, was echte Vampire nicht tun: er bringt seine Artgenossen um. So etwas tun nur Menschen.
In „Dunkle Tage“ und „Rückkehr nach Barrow“ erzählen Niles und Templesmith die Geschichte weiter und jetzt, nachdem die „30 Days of Night“-Welt etabliert ist, konzentrieren sie sich mehr auf die Geschichte.
In „Dunkle Tage“ ist Stella Olemaun, die Frau des verstorbenen Eben Olemaun, in Los Angeles. Sie hat ein Buch über die Ereignisse in Barrow geschrieben und will alle Vampire töten. Mit einigen Gleichgesinnten beginnt sie ihren Kampf.
In „Rückkehr nach Barrow“ erfahren wir, was sich seit dem Vampirangriff in Barrow veränderte: die Bewohner haben gelernt, mit der Vampirplage zu leben. Jedes Jahr bereiten sie sich vor der dreißigtägigen Nacht auf das Ankommen der Vampire vor. Aber dieses Mal wird die Schlacht heftiger als in den vorherigen Jahren.
Diese drei Geschichten sind jetzt als „30 Days of Night – Die Barrow-Trilogie“ erschienen.
Danach baute Steve Niles seinen Vampirkosmos in Comics, Büchern und Filmen weiter aus. Nicht immer mit ihm als Autor.
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Steve Niles/Ben Templesmith: 30 Days of Night – Die Barrow-Trilogie
(übersetzt von Frank Neubauer)
Cross Cult, 2012
400 Seiten
35 Euro
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Originalausgabe/enthält
30 Days of Night
IDW, 2002
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30 Days of Night: Dark Days
IDW, 2004
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30 Days of Night: Return to Barrow
IDW, 2004
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Verfilmungen
30 Days of Night (30 Days of Night, USA 2007)
Regie: David Slade
Drehbuch: Steve Niles, Stuart Beattie, Brian Nelson
mit Josh Hartnett, Melissa George, Danny Huston, Ben Foster, Mark Boone Junior, Mark Rendall
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30 Days of Night: Dark Days (30 Days of Night: Dark Days, USA 2010)
Regie: Ben Ketai
Drehbuch: Steve Niles, Ben Ketai
mit Kiele Sanchez, Rhys Coiro, Diora Baird, Harold Perrineau, Mia Kirshner, Troy Ruptash, Ben Cotton
Daniel Kehlmanns Roman „Die Vermessung der Welt“ über Alexander von Humboldt und Carl Friedrich Gauß war ein Bestseller und die Verfilmung von Detlev Buck soll auch ein Erfolg werden. Immerhin reiste Buck („Wir können auch anders“, „Knallhart“) mit seinem Team auch nach Ecuador, um beeindruckende Bilder aus dem Dschungel und der Einöde aufzunehmen. Es wurde in 3D gedreht; was für einen deutschen Spielfilm noch ein Novum ist.
Und der Rowohlt Verlag veröffentlichte das Drehbuch von Daniel Kehlmann, Detlev Buck und Daniel Nocke mit einigen ergänzenden Texten und vielen Bildern aus dem Film und einigen von den Dreharbeiten. Die Filmbilder machen auch neugierig auf den Film.
Das Drehbuch nicht. Denn, so Detlev Buck: „Wir setzen zwei Biographien gegeneinander, verschneiden sie, ohne sie gleich aufeinander zulaufen zu lassen. Es gibt keinen Antagonisten, keinen Showdown, nicht den Wendepunkt, das ganze dramaturgische Geschirr gibt es nicht.“
Das führt dazu, dass in einer episodischen Struktur, die sich auf Anekdoten konzentriert, Alexander von Humboldt durch die Welt hetzt und alles mögliche von Pflanzen bis zu Menschenskeletten einsammelt, während Carl Friedrich Gauß in seiner Studierstube die Grundlagen der modernen Mathematik formuliert und, wenn er seine Wohnung verlässt, das Land vermisst. Aber warum wir uns für diese beiden Männer interessieren sollten und was sie antreibt, bleibt schleierhaft. Über ihre historische Bedeutung erfahren wir auch nichts. Und über die Zeit, außer dass damals alles schlimm, Kant vertrottelt und der König ein eitler Fatzke war, erfahren wir nichts substantielles.
So stellt sich beim Lesen des Drehbuchs, das der Bauplan für den Film ist, schnell das Gefühl des Leerlaufs ein. Das ist der hier Preis für den Verzicht auf die gängigen dramaturgischen Regeln; und dabei wäre es allein schon eine Herausforderung gewesen, diese beiden Biographien in einem Film zu einem schlüssigen Ganzen zusammen zu fügen.
Neben dem Drehbuch gibt es noch eine schon vor dem Dreh aus Budgetgründen gestrichene Szene mit Storyboard-Zeichnungen (die in ihrem anekdotischem Ton durchaus in den Film gepasst hätte), ein lesenswertes Interview mit Daniel Kehlmann und Detlev Buck, einen ebenso informativen Bericht von Willi Winkler über die Dreharbeiten in Ecuador, einen kurzen Drehbericht von Wenka von Mikulicz (die in der Stoffentwicklung der Filmproduktionsfirma Boje Buck arbeitet und einen kleinen Auftritt im Film hat) und Überlegungen zu 3D von Jan Distelmeyer.
Das Filmbuch „Die Vermessung der Welt“ ist eine gelungene Ergänzung zum Film. Dummerweise scheint gerade dieser, nach einer Lektüre des Drehbuchs, nicht so gelungen zu sein.
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Daniel Kehlmann/Detlev Buck: Die Vermessung der Welt – Das Buch zum Film
rororo, 2012
208 Seiten
12,99 Euro
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Verfilmung
Die Vermessung der Welt (Deutschland/Österreich 2012)
Regie: Detlev Buck
Drehbuch: Daniel Kehlmann, Detlev Buck, Daniel Nocke
mit Albrecht Abraham Schuch, Aaron Denkel, Florian David Fitz, Lennart Hänsel, Jérémy Kapone, Vicky Krieps, Sunnyi Melles, Katharina Thalbach, David Kross, Sven Regener, Leander Haußmann, Daniel Kehlmann (als unheimlicher Mann), Detlev Buck (als wütender Mann)
Das kommt jetzt vielleicht für einige wie ein Schock: die Macher des Jahrbuchs „Das Science-Fiction-Jahr“ haben den Aufbau des Buches geändert.
Aber keine Panik: das bedeutet nur eine kleine Umstellung. Früher gab es einen großen Schwerpunkt und dann einzelne Rubriken, wie Interviews, Kunst und „Science & Speculation“, viele Besprechungen von Büchern, Filmen, Hörspielen und Computerspielen, immer auch mit längeren Aufsätzen, Marktberichte aus der deutschen, amerikanischen und britischen Science-Fiction-Szene und Listen der wichtigen Preisen.
Jetzt gibt es am Anfang einen großen Teil, in dem alle diese Aufsätze gesammelt sind („Feature“ genannt) und danach die Rezensionen und die Marktberichte.
In den längeren Aufsätzen schreibt Rainer Eisfeld über den am 5. Juni 2012 verstorbenen Ray Bradbury („Fahrenheit 451“), Gary K. Wolfe schreibt über Science-Fiction als Frontierliteratur, Margaret Atwood (eigentlich Ernste Literatur, aber auch die Dystopie „Der Report der Magd“) über ihre Kindheitserinnerungen an Science-Fiction-Geschichten, David Hughes über Edgar Rice Burroughs‘ John Carter und seinen langen Weg ins Kino, Dietmar Dath über Philip K. Dick, Peter M Gaschler über Rainer Werner Fassbinders Science-Fiction-Film „Welt am Draht“, Hartmut Kasper unterhält sich mit Heinrich Steinfest, Sascha Mamczak und Sebastian Pirling mit Cory Doctorow, Uwe Neuhold mit Professor Klaus Mainzer über Künstliche Intelligenz und Christian Enders schreibt über die Crowd-Funding-Finanzierung von „Iron Sky“.
Nach diesen dreihundert Seiten gibt es vierhundertfünzig Seiten mit Besprechungen von Büchern, Comics, Hörspielen, Filmen und Computerspielen.
Es gibt den Marktbericht im gewohnten Umfang aus den bekannten Ländern, einige Nachrufe und die Preisträgerlisten.
Und es gibt eine beruhigende Meldung: die Herausgeber Sascha Mamczak, Sebastian Pirling und Wolfgang Jeschke wollen „Das Science-Fiction-Jahr“ auch in den kommenden Jahren als Wundertüte für den Science-Fiction-Fan veröffentlichen. In gedruckter Form.
Deadpool, der Söldner mit der großen Klappe, ist zurück und dieses Mal lassen mich seine Abenteuer seltsam unbeteiligt zurück.
In der Serie „Deadpool Corps“, die von Krimiautor Victor Gischler erzählt wird, hat Deadpool eine Gruppe Gleichgesinnter, nämlich Lady Deadpool, Kid Deadpool, Headpool und Dogpool um sich gescharrt. Sie sollen das Multiversum retten. In dem ebenfalls von Gischler geschriebenem, ersten „Deadpool Corps“-Sammelband erzählt er, wie Deadpool sie rekrutiert. Das war großes Kino.
Jetzt macht der Chaot Deadpool sich mit seinen fast genauso chaotischen Kumpanen in „Deadpool Corps 2“ (Deadpool Sonderband 3 [ist etwas unglücklich nummeriert) auf den Weg das Multiversum zu retten. Kollateralschäden inclusive. Dabei hinterlässt ihr Gegner einen ziemlich enttäuschenden Eindruck.
in „Deadpool Corps 3: You say you want a Revolution“ (Deadpool Sonderband 4) landet das Deadpool Corps auf einem abgelegenem Planeten und ihre Art der Entwicklungshilfe besteht im Starten einer Revolution, in der sie Familienstreitigkeiten ausnutzen und sich dabei eine goldene Nase verdienen.
Es gibt zwar einige Gags und herrlich absurde Episoden aber insgesamt wirken die beiden Geschichten (wobei „Deadpool Corps 3“ die bessere ist) eher chaotisch als wirklich durchdacht und eher pubertär (sogar gemessen an dem pubertären „Deadpool“-Standard) als witzig.
Und dabei haben mir die anderen von Victor Gischler geschriebenen „Deadpool“-Geschichten verdammt gut gefallen.
„Lang lebe Hydra!“, erschienen in der Reihe „Deadpool MAX“ und geschrieben von David Lapham, verärgert mit einer schlecht konstruierten Geschichte. Denn jetzt sollen wir glauben, dass Deadpool fanatisch die Terrororganisation Hydra verfolgt und sich dabei wie ein kleiner Junge an der Nase herumführen lässt.
Deadpool ist zwar pubertär, will nur seinen Spaß haben (was er vor allem buchstabiert als Fressen, Saufen, Fernseh glotzen, Kloppen), hat eine große Klappe – und ist letztendlich doch nicht so dumm, wie er auf den ersten Blick wirkt.
In „Lang lebe Hydra!“ wird er allerdings zum Trottel degradiert.
Das ist nicht witzig.
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Victor Gischler (Autor)/Rob Liefeld/Marat Mychaels (Zeichner): Deadpool Corps 2 (Deadpool Sonderband 3)
(übersetzt von Michael Strittmatter)
Panini, 2011
148 Seiten
16,95 Euro
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Originalausgabe/enthält
Deadpool Corps 1 – 6
Marvel, Juni 2010 – November 2010
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Victor Gischler (Autor)Rob Liefeld/Marat Mychaels (Zeichner): Deadpool Corps 3: You say you want a Revolution (Deadpool Sonderband 4)
(übersetzt von Michael Strittmatter)
Panini, 2012
148 Seiten
16,95 Euro
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Originalausgabe/enthält
Deadpool Corps 7 – 12: You say you want a Revolution (Part 1 – Part 6)
Marvel, Dezember 2010 – Mai 2011
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David Lapham (Autor)/Kyle Baker (Zeichner): Deadpool MAX: Lang lebe Hydra!
Seit Donnerstag läuft Oliver Stones durchwachsene Don-Winslow-Verfilmung „Savages“ im Kino und wir können mit Don Winslows grandiosen Krimis „Zeit des Zorns“ und „Kings of Cool“ weiter in das Leben von Ben, Chon und O einsteigen.
„Zeit des Zorns“ ist die Vorlage für „Savages“ und der Roman erzählt im großen und ganzen auch die gleiche Geschichte: Ben und Chon sind Freunde und sie verkaufen in Laguna Beach, Kalifornien, im großen Stil selbst angebautes, supergutes Gras. Ben ist Buddhist, der einen Teil des Gewinns in Dritte-Welt-Hilfsprojekte investiert. Chon ist Ex-Navy-SEALS und er hat Baditude. O ist ihre gemeinsame Geliebte – und für die drei Freunde ist das kein Problem.
Ein Problem ist dagegen der Vorschlag des mexikanischen Baja-Kartells, das sich bei ihnen einkaufen möchte. Ben und Chon lehnen das Kooperationsangebot ab, das Kartell entführt O und, weil Ben und Chon O unbedingt zurück haben wollen und ein Probleme mit Befehlen haben, geraten die Dinge außer Kontrolle.
„Kings of Cool“ wird, durchaus zutreffend als Prequel zu „Zeit des Zorns“ angekündigt. Denn Don Winslow erzählt eine ältere Geschichte aus dem Leben von Ben, Chon und O, die sich bereits 2005 in Laguna Beach abspielte. Gleichzeitig geht er noch weiter in die Vergangenheit zurück und erzählt von den Eltern von Ben, Chon und O – und wie sich die Drogenszene und die Gegenkultur in Südkalifornien von den sechziger Jahren bis zur Gegenwart entwickelte. Dabei begegnen wir auch einigen Charakteren, wie Bobby Z und Frankie Machianno (aka Frankie Machine), denen Don Winslow bereits eigene Romane widmete. Hier haben sie nur das Fanherz erfreuenden Cameo-Auftritte. Gleichzeitig müssen sich die Charaktere, und das ist das Thema des Buches, immer zwischen ihrer biologischen und ihrer gewählten Familie, ihren Freunden, entscheiden.
Sprachlich hat Don Winslow zuletzt anscheinend eine gehörige Portion Ken Bruen gelesen. Denn seine Sätze sind noch knapper, sein Stil noch assoziativer und auch das Schriftbild erinnert manchmal, wenn er nur ein, zwei Worte in einer Zeile hat, eher an Lyrik als an einen Roman. Einige Szenen schreibt er auch im Stil eines Drehbuchs und die Geschichten entwickeln so einen richtigen Drive (die vielen kurzen, teils sogar sehr kurzen Kapitel helfen auch), der einen in die Geschichte hineinzieht und die mit ihrem schwarzen Humor und ihrem lakonischen Erzählgestus immer wieder sehr komisch ist.
Dabei skizziert Don Winslow, wie Elmore Leonard, die Charaktere in seinen knappen Beschreibungen und Dialogen so kurzweilig, dass wir ihnen stundenlang zuhören könnten, ohne groß auf die Handlung zu achten. Die ist nämlich gerade in „Zeit des Zorns“ eine Nebensache gegenüber der Sprache.
Beispiel gefällig?
Zufällig ausgewählt:
Tatsächlich trug er eins von diesen „Old Guys Rule“-T-Shirts, die völlig daneben sind, denn wenn alte Säcke wirklich das Sagen hätten, würden sie’s nicht auf billigen T-Shirts behaupten.
Sie würden’s einfach, na ja, sagen.
Das sind Typen, die soziale Medien nicht kapieren, weshalb Ben vermutet, dass die Zeiten, in denen sie was zu sagen hatten, genauso vergessen sind wie Compact Discs.
Obwohl beide Bücher unabhängig voneinander gelesen werden können, sollte man zuerst „Kings of Cool“ und dann „Zeit des Zorns“ lesen. Denn dann haben Ben, Chon, O, DEA-Agent Dennis Cain, Kartell-Killer Miguael Arroyo, genannt Lado, und Kartell-Chefin Elena Sanchez Lauter mehr Tiefe – und wir wissen, warum Chons Vater John senior, der Gründungsmitglied der Association war, einer Gruppe von Laguna Beach Boys, die mit dem Schmuggel von Marihuana reich wurden, und Chon sich, wenn sie sich zufällig auf der Straße begegnen, nur höflich begrüßen.
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Don Winslow: Zeit des Zorns
(übersetzt von Conny Lösch)
Suhrkamp 2011
352 Seiten
9,99 Euro
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Originalausgabe
Savages
Simon & Schuster, New York, 2010
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Don Winslow: Kings of Cool
(übersetzt von Conny Lösch)
Suhrkamp, 2012
368 Seiten
19,95 Euro
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Originalausgabe
The Kings of Cool
Simon & Schuster, New York, 2012
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Anfang November besucht Don Winslow für eine Tage Deutschland und stellt die „Kings of Cool“ in folgenden Städten vor
„Savages“ ist kein wirklich schlechter Film, aber es ist ein enttäuschender Film. Immerhin hat Oliver Stone einen Kriminalroman von Don Winslow verfilmt und Don Winslow hat in den vergangenen Jahren eine faktengesättigte alternative Geschichte von Südkalifornien, Mexiko und dem blühenden, grenzüberschreitendem Drogengeschäft, dem „war on drugs“ und der Surferszene geschrieben. Auch in „Zeit des Zorns“ (Savages, 2010) geht es darum. Ben und Chon sind Erzeuger von erstklassigem Marihuana, das sie in Laguna Beach an eine entsprechend vermögende Kundschaft verkaufen. Ben investiert einen Teil seines so erwirtschafteten Vermögens in Dritte-Welt-Hilsprojekte und bei Konflikten bevorzugt er den friedlichen Weg zwischen Ghandi und Buddhismus. Chon ist das Gegenteil. Als Ex-Navy-SEAL löst er Konflikte lieber anders. Trotzdem sind sie die besten Freunde und sie teilen sich auch eine Freundin. O, eigentlich Ophelia, ist ein wahrer Sonnenschein, deren Lebenserfüllung im Einkaufen besteht und die, im Gegensatz zu ihrer Mutter, stolz auf ihren kleinen Busen ist.
Für Ben, Chon und O läuft alles bestens, bis das Baja-Kartell ihnen ein Angebot macht, das sie als Nimm-an-oder-stirb-Offerte nicht ausschlagen sollten. Trotzdem lehnen sie das Beteiligungsangebot ab. Statt zu expandieren, wollen sie sich aus dem Drogengeschäft zurückziehen. Weil so aber auch ihr erstklassiger Stoff, an dem das Kartell interessiert ist, vom Markt verschwinden würde, entführen sie O.
Und das lassen die beiden Jungs sich nicht gefallen.
Noch bevor Don Winslows „Savages“ in den USA veröffentlicht wurde, sicherte Oliver Stone sich die Rechte und machte sich, mit Don Winslow und Shane Salerno („Armageddon – Das jüngste Gericht“, „Shaft – Noch Fragen?“) an die Arbeit. Genau, der Oliver Stone, der uns in „Platoon“ den Vietnamkrieg erklärte, in „JFK – Tatort Dallas“ die Ermordung Kennedys aufklärte, die Drehbücher für „12 Uhr nachts – Midnight Express“, „Scarface“, „Im Jahr des Drachen“ und „8 Millionen Wege zu sterben“, alles Thriller in denen es um Drogenhandel ging, schrieb, mit „Salvador“ einen Ausflug nach Südamerika machte und der in den vergangenen Jahren mehrere Dokumentarfilme über die Gegend „South of the Border“ (so hieß auch eine seiner Dokus) machte, in denen er die Unwissenheit der US-Amerikaner über Südamerika anprangerte.
Auf dem Papier sah das nach einer Ehe zweier Geistesverwandter aus. Obwohl Oliver Stone eher von einem missionarischem Eifer getrieben ist, der seine Filme oft so kontrovers, teilweise ärgerlich und deshalb auch spannend macht. Er ist ein Mann mit einer Agenda, die er stolz in die Welt brüllt.
Don Winslow ist – das Gegenteil. Seine Wut ist gezähmter. Dafür durchtränkt er seine schnörkellos erzählten Genregeschichten mit einem schwarzen Humor, der gleichmäßig gegen alle austeilt, und in denen das Bild einer Gesellschaft entsteht, die sich in ihren Widersprüchen gut eingerichtet hat. Jedenfalls heute. Früher war das etwas anders, wie er in dem eben erschienen grandiosen Roman „Kings of Cool“, in dem er die Vorgeschichte von „Zeit des Zorns“ erzählt und dabei bis in die sechziger Jahre zurückgeht.
Aber anstatt ein zweites „Scarface“ zu inszenieren oder eine große Anklage gegen den „war on drugs“ zu fahren, begnügt Oliver Stone sich in seiner Don-Winslow-Verfilmung mit dem braven heruntererzählen einer kleinen Gangstergeschichte, der die individuelle Oliver-Stone-Handschrift fehlt und die früher in neunzig Minuten erzählt worden wäre. Stone braucht, auch weil die Geschichte am Anfang und in der Mitte mit ihren vielen Subplots unglaublich lange vor sich hin mäandert, über zwei Stunden und er trifft dabei niemals den lakonischen Don-Winslow-Tonfall. Dafür lässt er die Geschichte von O erzählen, verändert etliche Details (so gibt es mehrere helfende Navy-Seals-Freunde von Chon und auch der Kampf von Ben und Chon gegen das Baja-Kartell verläuft anders) und er bietet am Filmende zwei Enden an. Eines davon hat er aus dem Buch übernommen – und, auch wenn Stones Ende nicht schlecht ist, zeigt gerade dieser Kunstgriff mit einem erfundenem und einem wahren Ende, dass er sich nie sicher war, wie er mit der Geschichte umgehen sollte. Außerdem bedient er in „Savages“ die gängigen Südamerika-Klischees von Armut und Drogenhandel, wonach alle Mexikaner Drogenschmuggler oder bestialische Mörder sind. Dieses arg plakatives Bild erstaunt gerade bei Oliver Stone, der es aufgrund seiner früheren Arbeiten besser wissen müsste.
„Savages“ ist kein wirklich schlechter Film. Es ist ein absolut okayer, gut besetzter Noir-Thriller, vor sonniger Kulisse, mit Gangstern, die sich gegenseitig verraten und umbringen.
Es ist aber auch ein Film, der weit hinter den Erwartungen zurückbleibt und selbstverständlich ist Don Winslows Roman „Zeit des Zorns“, wegen seiner Baditude, viel besser.
Savages (Savages, USA 2012)
Regie: Oliver Stone
Drehbuch: Shane Salerno, Don Winslow, Oliver Stone
LV: Don Winslow: Savages, 2010 (Zeit des Zorns)
mit Aaron Taylor-Johnson, Blake Lively, Taylor Kitsch, Benicio Del Toro, Salma Hayek, John Travolta, Demián Bichir, Shea Whigham, Sandra Echeverria, Emile irsch
Einerseits sind die James-Bond-Romane von Ian Fleming Kalter-Kriegs-Lektüre aus dem letzten Jahrhundert, andererseits sind die literarischen Modernisierungen von verschiedenen Autoren nicht immer unbedingt überzeugend gewesen und die teils hohen Preise für ältere Ausgaben der Bond-Romane zeigen, dass es immer noch ein großes Interesse an den Abenteuern des Geheimagenten gibt.
Jetzt hat Cross Cult (jau, die „The Walking Dead“ und das halbe „Raumschiff Enterprise“-Universum deutschen Lesern nahebringen) Ian Flemings James-Bond-Romane neu übersetzten gelassen, das schicke Retro-Cover der englischsprachigen Penguin-Ausgaben übernommen und, wenige Wochen vor Daniel Craigs drittem Einsatz als James Bond („Skyfall“ startet am 1. November), die ersten drei James-Bond-Romane „Casino Royale“, „Leben und sterben lassen“ und „Moonraker“ veröffentlicht.
Für die Neuübersetzung gibt es einen guten Grund, wie Siegfried Tesche in „Das große James-Bond-Buch“ beim ersten Bond-Roman schreibt: „’Casino Royale‘ wurde, wie alle anderen deutschen Ausgaben auch, gekürzt und zum Teil falsch oder lückenhaft übersetzt. Zudem wurden antideutsche Formulierungen, die in einigen Fleming-Romanen auftauchen, schlicht weggelassen. Dr. Jürgen Müller, Cheflektor Taschenbuch bei Ullstein, zu den Kürzungen: ‚Ich kann aus meiner Verlagskenntnis heraus nur anmerken, dass dies damals eine in der gesamten Branche nicht unübliche Usance war: die Taschenbuchbände wurden ganz einfach auf einen Umfang getrimmt, den der angestrebte Ladenpreis zuließ.‘ (…) In allen Übersetzungen wurden die Kapitelüberschriften und fast immer auch Produktbezeichnungen, ein wichtiges Element in Flemings Stil, weggelassen.“
Am heftigsten wurde wohl „Im Geheimdienst ihrer Majestät“ gekürzt. Wegen der antideutschen Tendenzen lehnte der Ullstein-Verlag, der die deutschen Ausgaben von „Casino Royale“ und „Leben und sterben lassen“ veröffentlichte, eine Veröffentlichung von „Moonraker“ ab. Der Scherz-Verlag veröffentlichte 1968 die deutsche Übersetzung des 1955 im Original erschienenen Romans nur in seinem Taschenbuchprogramm.
In „Casino Royale“ soll James Bond am Baccara-Tisch den russischen Agenten ‚Le Chiffre‘ ruinieren und ihn so in den Ruhestand schicken. Le Chiffre fügt sich aber nicht klaglos seinem Schicksal.
In „Leben und sterben lassen“ kämpft James Bond gegen Mr. Big, einen Meisterverbrecher und Voodoobaron, der mit Goldmünzen aus einem Piratenschatz die sowjetische Spionage in den USA finanziert.
In „Moonraker“ will der Millionär und Ex-Nazi Sir Hugo Drax (1955 war eine Million mehr wert als heute) den Engländern eine Superrakete schenken. Als Drax in einem Spielkasino falsch spielt, soll James Bond ihm eine Lektion erteilen.
Im Dezember geht es, chronologisch, mit „Diamantenfieber“ weiter. Für März 2013 sind „Liebesgrüße aus Moskau“ und „Dr. No“ angekündigt. Im Juni 2013 erscheinen „Goldfinger“ und „In tödlicher Mission“, im September 2013 „Feuerball“ und „Der Spion, der mich liebte“, im Dezember 2013 „Im Geheimdienst ihrer Majestät“ und „Man lebt nur zweimal“, und, abschließend, im März 2014 „Der Mann mit dem goldenen Colt“ und „Octopussy“ – und wenn dann alles zwölf James-Bond-Romane und die beiden Kurzgeschichtensammlungen im Regal nebeneinander stehen, sehen sie auch hübsch aus.
Für die Verfilmungen wurden dann nur noch Elemente der Geschichte übernommen. Entsprechend viel gibt es auch für die Fans der Filme in den Vorlagen zu entdecken.
Auch ich werde die Romane wieder lesen. Denn ich kenne ja nur die alten Übersetzungen (auch die Originalausgaben habe ich vor langer, langer Zeit gelesen) und, so die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ vom 19. März 1966: „Man ließ Fleming nicht übersetzen, sondern bearbeiten, das heißt verkürzt nacherzählen. Flemings Geschichten sind unterschiedlicher Länge; sie wurden auf immer das gleiche 190-Seiten-Volumen getrimmt. Was man wegnahm, war gerade das, was den Reiz der Bond-Geschichten ausmachte: Man entfernte Teile der Kulisse und beließ die reine Aktion.“
Nun, bei Cross Cult variiert die Länge der ersten drei Bände zwischen 240 und 352 Seiten und auch wir Deutschen können endlich die James-Bond-Romane so lesen, wie Ian Fleming sie schrieb.
Der erste Eindruck und ein schneller Vergleich zwischen den alten Übersetzungen und den neuen Übersetzungen, überzeugt.
Ian Fleming: Casino Royale
(übersetzt von Stephanie Pannen und Anika Klüver)
Cross Cult, 2012
240 Seiten
11,80 Euro
–
Originalausgabe
Casino Royale, 1953
–
Erste deutsche Übersetzung von Günter Eichel
Ullstein Taschenbuchverlag, 1960
–
Ian Fleming: Leben und sterben lassen
(übersetzt von Stephanie Pannen und Anika Klüver)
Cross Cult, 2012
336 Seiten
12,80 Euro
–
Originalausgabe
To live and let die, 1954
–
Erste deutsche Übersetzung von Günter Eichel
Ullstein Taschenbuchverlag, 1961
–
Ian Fleming: Moonraker
(übersetzt von Stephanie Pannen und Anika Klüver)
Cross Cult, 2012
352 Seiten
12,80 Euro
–
Originalausgabe
Moonraker, 1955
–
Erste deutsche Übersetzung von M. F. Arnemann
007 James Bond Mondblitz
Scherz Verlag, 1968
(Ullstein lehnte eine Veröffentlichung wegen antideutscher Tendenzen ab)
Es hat, obwohl der Romanautor sofort nach der Erstveröffentlichung Marlon Brando einen Brief schrieb, in dem er ihn fragte, ob er die Hauptrolle spielen wolle, lange gedauert bis Jack Kerouacs bereits 1957 veröffentlichter Roman „On the Road“ verfilmt wurde.
Ob Kerouac damals wirklich den Brief an Marlon Brando, der damals ein Star war, schrieb, oder ob das eine der weiteren Legenden ist, die sich um den Roman ranken, kann nicht geklärt werden. Aber immerhin hatte Kerouac nichts gegen eine Verfilmung. Er hatte auch nichts gegen eine Überarbeitung, wie Howard Cunnell in „Diesmal schnell“ (enthalten in „On the Road – Die Urfassung“) zeigt. Nach seinem ersten Roman „The Town and the City“ (erschienen 1950) begann Jack Kerouac nach eigenen Worten im Oktober 1948 mit den Arbeiten an einem neuen Roman, der von Bewegung, dem Leben auf der Straße, handeln sollte. Dafür unternahm er zwischen 1947 und 1950, letztendlich, mehrere Reisen, notierte währenddessen seine Erlebnisse und was er hörte in Reisetagebüchern. Überarbeitete seine Notizen mehrmals, bis er im April 1951 in einem dreiwöchigem Schreibrausch auf einer einzigen Papierrolle die Urfassung von „On the Road“ schrieb. Danach begann er mit den Überarbeitungen, die letztendlich in dem 1957 erschienenen „On the Road“ mündeten, der schnell zum Klassiker und Bibel der Beat-Generation wurde. Immerhin porträtierte er aus eigenem Erleben die Nachkriegsgeneration, die ihren Platz in den Vereinigten Staaten suchte und die in einer konservativen Gesellschaft einen unbändigen Hunger nach Freiheit hatte.
Außerdem porträtierte er die Ikonen der Beat-Generation. In der Urfassung unter ihren richtigen Namen, in dem 1957 veröffentlichtem Roman unter Pseudonymen. Sal Paradise (Buch) ist Jack Kerouac. Dean Moriarty ist Neal Cassady, Marylou ist Luanne Henderson, Camille ist Carolyn Cassady, Old Bull Lee ist William S. Burroughs, Carlo Marx ist Allen Ginsberg, Jane ist Joan Vollmer, Galatea Dunkle ist Helen Hinkle, Ed Dunkle ist Al Hinkle, Terry ist Bea Franco undsoweiter.
Der Roman schildert, unterteilt in fünf Bücher, die, bis auf das letzte Buch, jeweils eine Reise schildern, mehrere Reisen von Jack Kerouac durch die USA und seine Beziehung zu Neal Cassidy, der für ihn eine Art Vorbild war. Dabei folgt er, vor allem weil die Reisen von Kerouac oft, außer dem Wunsch am anderen Ende des Landes jemand zu treffen, kein richtiges Ziel hatten, der episodischen Chronologie der Straße, die das Gegenteil der konventionellen Dramaturgie mit Anfang-Mitte-Ende ist. Eben deshalb wurde „On the Road“ auch immer für unverfilmbar gehalten. Denn wie soll man ein Buch, das keine Geschichte erzählt, verfilmen? Vor allem ohne die Zuschauer mit endlosen Wiederholungen, die immer wieder, an verschiedenen Orten, letztendlich das gleiche erzählen, zu langweilen?
Walter Salles (Central Station, Die Reise des jungen Che) nahm in seiner Verfilmung den einfachen Weg, in dem er sich weitgehend an Jack Kerouacs Roman hält und dessen Reisen und Erlebnisse chronologisch, mit einigen notwendigen Kürzungen und Umstellungen, schildert.
Dabei versucht er, oft mit der Handkamera und nah bei den Schauspielern, die Lebensenergie der Charaktere und die Energie des Bebop, der damals von ihnen bewunderten Musik, einzufangen.
Und „On the Road“ ist auch wie eine Bebop-Improvisation während eines Konzertes: schnell, energetisch, etwas zerfetzt – und am Ende auch etwas lang, wenn Jack Kerouac noch eine und noch eine Reise unternimmt.
Doch was damals neu und in einer konservativen Gesellschaft (Seht euch einfach noch einmal einen Doris-Day-Film an.) skandalös war, – Sex mit wechselnden Partnern, Untreue, Scheidungen, exzessiver Drogengebrauch -, taugt heute nicht mehr zum Skandal, sondern ist einfach Teil jeder Jugendkultur und der Selbstfindung nach der Pubertät. Denn die meisten Charaktere in Kerouacs „On the Road“ sind erstaunlich jung. Kerouac ist 1922 geboren und damit, mit Mitte Zwanzig, der Älteste. Und er war im Krieg; was in „On the Road“ allerdings höchstens in Nebensätzen, wenn er mal wieder einen Veteranenscheck erhält, angesprochen wird. Neal Cassidy ist 1926 geboren, war „ein junger, geheimnisumwobener Knacki“, der gerade die kaum jüngere, 16-jährige Louanne geheiratet hatte. Allen Ginsberg ist ebenfalls Jahrgang 1926. Der von ihnen bewunderte William S. Burroughs, den sie 1949 auf einer Reise besuchen, ist Jahrgang 1914, und seine Freundin Joan Vollmer, die er 1951 in Mexiko bei einem Wilhelm-Tell-Spiel erschoss, ist Jahrgang 1923.
„On the Road“ ist ein ehrenwerter, aber auch etwas zu vorsichtiger Versuch, den Roman zu verfilmen. Denn letztendlich hält Salles sich zu sehr an den Roman, der ja auch ein fiktionalisierter Tatsachenbericht mit eher karg gezeichneten Personen ist, die sich während der in dem Roman geschilderten Jahre kaum verändern. Und sie erscheinen im Film glamouröser als im Buch, das (ich habe eben die Urfassung gelesen) ein erstaunlich nüchternes und ungeschöntes Bild von ihnen zeichnet. Hier erscheint das Unterwegs-Sein oft weniger als die Suche nach etwas, als die Flucht vor Verantwortung. So verteilt Neal Cassady seine Ehefrauen und Geliebten, samt der von ihm gezeugten Kinder, über das gesamte Land und, weil er ständig pleite ist, zahlt er auch keine Alimente.
Deshalb hätte ich es interessanter gefunden, wenn Walter Salles, wie David Cronenberg bei seiner William-S.-Burroughs-Verfilmung „Naked Lunch“, auch auf die Entstehung des Romans eingegangen wäre und er so ein komplexeres Spiel zwischen Fiktion und Realität gewagt hätte oder wenn er sich deutlicher auf einen bestimmten Aspekt des doch arg mäanderten Romans beschränkt hätte, zum Beispiel auf die Beziehung von Jack Kerouac zu Neal Cassady als die Suche nach einer Vaterfigur. Der erste Satz der Urfassung „Zum ersten Mal traf ich Neal, kurz nachdem mein Vater gestorben war…“ legt diese Lesart ja nahe.
Obwohl, dann die Kritiker, die jetzt über zu viel Textnähe jammern und den Film als zu brav kritisieren, dann sicher über eine zu freie Bearbeitung des Kultbuches jammern würden.
Letztendlich trifft Walter Salles mit seiner Kerouac-Verfilmung den Ton des damals revolutionären Romans doch ziemlich gut. Dummerweise ist das, was damals tabubrechend war und so niemals verfilmt worden wäre, heute gar nicht mehr so aufregend und die Sehnsucht nach der Freiheit der Landstraße wurde seitdem in zahlreichen Road-Movies immer wieder thematisiert.
On the Road (On the Road, USA/GB/F/BR, 2012)
Regie: Walter Salles
Drehbuch: Jose Rivera
LV: Jack Kerouac: On the Road, 1957 (Unterwegs)
mit Garrett Hedlund, Sam Riley, Kristen Stewart, Amy Adams, Tom Sturridge, Kirsten Dunst, Viggo Mortensen, Steve Buscemi, Terrence Howard, Alice Braga
Länge: 137 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
–
Die Vorlage in der Urfassung
Jack Keroauc: On the Road – Die Urfassung
(übersetzt von Ulrich Blumenbach)
rororo, 2011
576 Seiten
9,99 Euro
(ab Seiten 439 die Nachworte: Howard Cunnell: Diesmal schnell – Wie Jack Kerouac ‚Unterwegs‘ schrieb; Penny Vlagopoulos: Die Neuerfindung Amerikas – Kerouacs Nation von ‚Untergrundmonstern‘; George Mouratidis: ‚Ins Herz der Dinge‘ – Neal Cassady und die Suche nach dem Authendischen; Joshua Kupetz: ‚Der gerade Weg führt nur zum Tod‘ – Die Urfassung von ‚Unterwegs‘ und die zeitgenössische Literaturtheorie)
Bis Steven Spielbergs anscheinend sehr staatstragender Abraham-Lincoln-Film „Lincoln“ in die Kinos kommt, können wir uns mit Timur Bekmanbetovs Version von Abraham Lincolns Leben vergnügen. Der „Wanted“-Regisseur wagt in seinem Biopic einen neuen Blick auf das Leben von Abraham Lincoln (12. Februar 1809 – 15. April 1865). Danach, wie schon Seth Grahame-Smith in seiner lesenswerten Biographie „Abraham Lincoln, Vampirjäger“ enthüllte, war Abraham Lincoln nicht nur Ehemann, Vater, Präsident der USA und Befreier der Sklaven, sondern auch ein sehr erfolgreicher Vampirjäger.
In seinem Roman folgt Seth Grahame-Smith den Konventionen einer Biographie, in dem er Lincolns Leben scheinbar objektiv von seiner Geburt bis zum Tod schildert, seine Behauptungen mit Bildern und Fußnoten erhärtet, peinlich genau auf die Schreibfehler in Abraham Lincolns lange verschwundenen Tagebüchern hinweist und natürlich die große Enthüllung macht, die zum Kauf des Buches animieren soll: Abraham Lincoln war Vampirjäger – und weil der Biograph Seth Grahame-Smith von Henry Sturges, einem Freund Lincolns, im heutigen New York die Tagebücher, über die es lange Zeit nur Gerüchte gab und deren Existenz von Historikern bezweifelt wurde, erhalten hat und Grahame-Smith auch mit einigen, hm, Zeitzeugen reden konnte, kann er wirklich neues über Abraham Lincoln berichten. Der Roman ist ein großer Spaß.
Für den Film nahmen sich die Macher dann, wie auch in anderen Biopics, zahlreiche Freiheiten, die Historiker die Wände hochgehen lassen, aber das Leben filmisch dramatisieren und auf die gängigen filmischen Konventionen hinbiegen. Da wird Abraham Lincolns Kampf gegen die Vampire zu einer zutiefst persönlichen Angelegenheit, die in einem großen Kampf von Lincoln gegen Adam, den für den Film erfundenen Anführer der Vampire, mündet. Ein Kampf, der auch über das Ende des Bürgerkrieges entscheidet. Dabei ist dieser Krieg, im Film, kein Krieg über die Zukunft der Sklaverei, sondern über die Zukunft Amerikas, das, wenn Lincoln verliert, ein Vampirstaat wird. Denn für die Vampire sind die Sklaven eine unerschöpfliche Quelle von billigen Mahlzeiten.
Schon davor geht es heftig zur Sache, wenn Abrahm Lincoln, dessen Leben im Film von 1820 bis 1865 episodenhaft geschildert wird, mit seiner Lieblingswaffe, einer Axt (Oookay, vielleicht nicht wirklich die beste Waffe, um gegen Vampire vorzugehen. Vor allem in engen Räumen. Aber optisch sieht’s gut aus und mit Schwertern wurde im „Highlander“ und in Old Europe geköpft.), ganze Vampirhorden abschlachtet. Bekmanbetov inszenierte dies, in schönster „Wanted“-Manier, in Zeitlupe – und immer einen Hauch zu unblutig. Fast so, als hätten die Macher – erfolglos – auf eine „frei ab 12 Jahre“-Freigabe spekuliert.
Und viele dieser Schlachten und Kämpfe sind einfach zu übertrieben und zu sehr in einer Comicwelt, um wirklich ernst genommen zu werden. Die 3D-Effekte und die viel zu vielen Spezialeffekte (CGI rules!) verstärken diesen Effekt des Unrealistischen noch. Da hilft es auch nichts, dass die Vampire gegen die Abraham Lincoln und seine Freunde kämpfen, nicht vom „Twilight“-Virus infiziert, sondern echte Blutsauger sind, die auch am Tag zubeißen können.
Davon abgesehen folgt „Abraham Lincoln, Vampirjäger“ weitgehend den bekannten Pfaden eines Biopics, wie es schon zu Hollywoods Glanzzeiten gediegen und durchaus etwas langatmig in seiner chronologischen Abhandlung der wichtigen Erlebnisse des Porträtierten inszeniert wurde.
Allerdings wird im Film gerade dieser Widerspruch zwischen der absurden Prämisse und der konventionellen Form nicht genutzt.
Letztendlich ist „Abraham Lincoln, Vampirjäger“ nur „Wanted“ im 19. Jahrhundert, getarnt als blutleeres Biopic. Und dabei hätte der Film wirklich spaßig werden können.
Abraham Lincoln, Vampirjäger (Abraham Lincoln: Vampire Hunter, USA 2012)
Regie: Timur Bekmanbetov
Drehbuch: Seth Grahame-Smith
LV: Seth Grahame-Smith: Abraham Lincoln – Vampire Hunter, 2010 (Abraham Lincoln, Vampirjäger)
mit Benjamin Walker, Dominic Cooper, Anthony Mackie, Mary Elizabeth Winstead, Rufus Sewell, Martin Csokas, Erin Wasson
In diesem Fall war es wohl keine gute Idee, den Roman als Reiselektüre auf die Zugfahrt mitzunehmen. Denn jetzt weiß ich nicht, ob mich die DB oder Ben Aaronovitch zuverlässig immer wieder in den Schlaf rüttelte.
Dabei hatten mir die ersten Seiten von „Schwarzer Mond über Soho“, dem zweiten Roman mit Constable Peter Grant, verdammt gut gefallen. Im heutigen London muss er sich mit Hexern und Magiern herumschlagen muss, während er selbst von Detective Inspector Thomas Nightingale in der hohen Kunst der Magie unterrichtet wird.
Jetzt hört er bei einem ermordeten Jazzmusiker leise die Melodie des Jazz-Standards „Body and Soul“ (für mich alten Jazzfan noch ein Pluspunkt) und, wie er schnell herausfindet, sind in den letzten Jahren mehrere Jazzmusiker auf seltsame Art gestorben. Jedenfalls aus Magiersicht; für Normalsterbliche war es ein natürlicher Tod oder Drogenmissbrauch. Grant weiß, dass der übersinnlich begabte Killer weitermorden wird – und der Schlüssel zu seiner Identität und dem Motiv für die Mordserie in dieser speziellen Version von „Body and Soul“ liegt. Aber von wem ist diese Version?
Aaronovitch beginnt seine Geschichte flott und witzig. Die Lakonie, mit der das Übernatürliche mit typische britischer Nonchalance akzeptiert wird, gefällt. Aber dann zieht sich die Geschichte hin zu einem Ende, das mir etwas zu sehr auf einen dritten Band spekulierte (oder war’s das sanfte Rütteln der DB, das mich sanft in einen komatös-unruhigen Schlaf wiegte?), scheinbar ewig hin.
Jedenfalls will ich Ben Aaronovitch und Constable Peter Grant noch eine zweite Chance geben. In „Die Flüsse von London“ (Rivers of London, 2011) erzählt der Polizeineuling Peter Grant, wie er zum ersten Zauberlehrling in England seit einem halben Jahrhundert wurde und einige Verbrechen aufklärte, teils mit, wie wir in „Schwarzer Mond über Soho“ in den kurzen Rückblicken erfahren, ähem, interessanten Ergebnissen. „Die Flüsse von London“ hat es immerhin auf die Longlist für den Theakstons Old Peculier Crime Novel of the Year Award geschafft.
Auf der KrimiZeit-Bestenliste steht Sara Grans „Die Stadt der Toten – Ein Fall für die beste Ermittlerin der Welt“ seit Juli, Kritiker feiern den Krimi euphorisch ab und inzwischen taucht der Roman auch auf etlichen Nominierungslisten, unter anderem für den Hammett- und den Shamus-Preis, auf.
Genug Gründe also, um sich dieses Werk einmal genauer anzusehen. Die Story klingt zwar nicht sonderlich spektakulär: eine Detektivin soll einen während des Hurrikans Katrina in New Orleans verschwundenen, geachteten Staatsanwalt finden. In der zerstörten Stadt beginnt sie sich umzuhören und wird schnell von Jugendlichen auf offener Straße beschossen. Aber wenn alle „Die Stadt der Toten“ zu einem Meisterwerk hochjubeln, muss es ja etwas geben. Da gibt es die Erzählerin Claire DeWitt, die sich selbst „die beste Detektivin der Welt nennt“, in der Vergangenheit anscheinend viele spektakuläre Fälle aufklärte, entsprechend teuer ist, das Werk des französischen Privatdetektivs Jacques Silette bewundert, der in einem rätselhaften Buch, dem „Détection“, seine Grundsätze formulierte und, obwohl einige ihn für einen Scharlatan halten, eine Schar treuer Anhänger um sich scharrte (Pablo De Santis lässt grüßen) und die zuletzt in einer psychiatrischen Klinik war. Nicht aus beruflichen Gründen. Bei ihren Ermittlungen vertraut sie nicht nur, wie andere Privatdetektive, auf tapferes Herumfragen, rumgeschubst und zusammengeschlagen werden und ihre kleinen grauen Zellen, sondern sie erspürt den Täter, legt I-Ging-Münzen und deutet ihre Träume. Sie ist anscheinend ziemlich abgedreht.
Das könnte ein interessanter Ansatz sein, vor allem weil Sara Gran den Privatdetektiv-Roman nicht mit Fantasy kreuzt (Sorry, keine Zauberer, Hexen und Untoten. Auch kein Freund Harvey.), sondern sie wohl eher etwas Spaß innerhalb der Genreregeln haben will. Dummerweise wird nie klar, warum Claire DeWitt die, wie sie sich selbst mehrmals, vollkommen unironisch nennt, beste Privatdetektivin der Welt ist. Sie wirkt eher wie der altbekannte Privatdetektiv mit einigen Marotten.
Außerdem ist der Fall arg dünn und die Lösung, dank der wenigen Verdächtigen, arg naheliegend.
Sara Gran erzählt „Die Stadt der Toten“ in einer nüchternen Prosa, fernab von jeglicher Ironie und Wortwitz, die sich schnell weglesen lässt und ungefähr soviel Eindruck erzielt wie eine laue Sommerbrise.
Da ist nichts, was mich gespannt auf die nächste Ermittlung von Claire DeWitt warten lässt.
Am Ende von „Driver“, dem auch erfolgreich verfilmten Überraschungserfolg von James Sallis, taucht der namenlose Fluchtwagenfahrer, den alle nur Driver (also Fahrer) nennen, unter. Er war in eine böse Geschichte geraten, hatte Ärger mit der Mafia bekommen und einige Menschen starben.
In der Fortsetzung „Driver 2“ lebt er ein zurückgezogenes Leben in Phoenix. Da bemerkt er, dass er verfolgt wird und als er sich zu wehren beginnt, steht er vor der Frage, wer seine Verfolger beauftragte.
Wie die anderen Romane von James Sallis ist auch „Driver 2“ ein Spiel mit den Formen des Noirs und Gangsterromans, in dem James Sallis einerseits die bekannten Genreregeln befolgt und sie andererseits, quasi von innen heraus, aushöhlt. Das macht über die Länge einer längeren Kurzgeschichte, einer Novelle, wirklich Spaß; – auch wenn ich beim Lesen immer die Verfilmung „Drive“ von Nicolas Winding Refn mit dem grandiosen Ryan Gosling als Fahrer im Kopf hatte und „Driver 2“ fast schon als rudimentäres Drehbuch für „Driver 2“ gelesen habe.
–
James Sallis: Driver 2
(übersetzt von Jürgen Bürger und Kathrin Bielfeldt)
Ein Mann wird in der Einöde von einem Truck verfolgt. Er hat keine Ahnung, warum. Er hat nur Angst um sein Leben.
Richard Matheson schrieb diese Kurzgeschichte. Später schrieb er ein auf ihr basierendes Drehbuch, das von dem damaligen Jungregisseur Steven Spielberg verfilmt wurde. Der TV-Film war so gut, dass er sogar im Kino lief.
Noch heute gehört „Duell“ zu den archetypischen und klassischen Suspense-Geschichten, die auch als Comic ein wahrer Pageturner ist, wie die Adaption von Chris Ryall in „Road Rage“ zeigt.
Richard Mathesons Geschichte inspirierte auch Stephen King und seinen Sohn Joe Hill zu „Throttle“, einer Version von „Duell“, die in dem Richard Matheson gewidmeten Kurzgeschichten-Band „He is Legend“ erschien, und gerade im direkten Vergleich wird die Genialität von Mathesons Geschichte überdeutlich.
King und Hill erzählen von einer Outlaw-Bikergang, die gerade bei einem illegalen Geschäft einen empfindlichen finanziellen Verlust erlitt und jetzt überlegt, wie sie wieder an ihr Geld kommt. Da beginnt plötzlich und ohne einen ersichtlichen Grund, ein Trucker sie durch die Einöde zu verfolgen. Der Reihe nach bringt er die Biker um – und am Ende gibt es sogar eine Erklärung für seine Taten.
Matheson verzichtet in seiner Geschichte auf eine solche Erklärung. Der Trucker kommt einfach wie der Zorn Gottes über den Autofahrer: einen Vertreter, der den absolut nichtssagenden Namen „Mann“ hat.
In dem Comicsammelband „Road Rage“ sind diese beiden Geschichten, die beide von Chris Ryall adaptiert wurden, enthalten. Nelson Daniel bebilderte die King/Hill-Geschichte „Vollgas“. Rafa Gares die Matheson-Geschichte „Duell“, die sich optisch ziemlich weit von Spielbergs Film absetzt. Stephen King, Joe Hill und Chris Ryall schrieben einige lesenswerte Worte über die Bedeutung von Richard Matheson, wie sein Werk sie inspirierte und warum die Geschichte „Duell“ so wirkungsvoll ist.
Aber allein schon wegen „Duell“ gehört dieser Comic in jede gut sortierte Sammlung.
Raylan Givens ist ein Charakter von Elmore Leonard, der in den beiden in Florida spielenden Romanen „Jede Wette“ (Pronto, 1993) und „Volles Risiko“ (Riding the Rap, 1995) und der Novelle „Fire in the Hole“ (2001) auftrat.
Raylan Givens ist der Held der grandiosen US-Krimiserie „Justified“, die in den USA demnächst in die vierte Staffel geht, während bei uns derzeit bei Kabel 1 die zweite Staffel so wenige Zuschauer hat, dass ich nicht auf eine vollständige Ausstrahlung der zweiten Staffel wetten würde.
„Raylan“ heißt der neue Roman von Elmore Leonard, in dem U. S. Marshal Raylan Givens in Harlan County, Kentucky, Bösewichter jagt. Dabei liest sich „Raylan“ weniger wie ein Roman, sondern wie drei Episoden für „Justified“: eine sehr gelungene Einzelepisode und eine sehr locker miteinander verknüpfte, durchwachsene Doppelfolge. Leonard selbst sagt in Interviews, er habe „Raylan“ geschrieben, um den Machern der TV-Serie einige Ideen zu liefern, aus denen sie dann machen könnten, was sie wollten. Die echten „Justified“-Fans werden auch einige Verbindungen zwischen Leonards Roman und der Serie entdecken.
Dass man beim Lesen immer das „Justified“-Ensemble und die Optik der TV-Serie vor seinem geistigen Auge hat, ist kein Nachteil. Immerhin treten etliche aus der TV-Serie bekannte Charaktere auf und Raylan Givens muss sich mit mehr oder weniger sympathischen weiblichen Bösewichter herumschlagen. Es sind eine Krankenschwester, die mit dem Herausoperieren von Nieren außerhalb des OP-Raums und ohne Einverständnis des Spenders ein lukratives, aber auch sehr illegales Geschäftsmodell entdeckte (das ist die erste und auch beste Geschichte); eine Vertreterin einer Minenfirma, die auch mal gerne eine Pistole in die Hand nimmt und jemand erschießt; und eine Pokerspielerin mit den falschen Freunden.
Elmore Leonard sorgt also für viel Spaß in Harlan County und Raylan Givens, der, nicht nur wegen seines Hutes, wie ein Überbleibsel aus dem Wilden Westen wirkt, darf auch von der Schusswaffe Gebrauch machen. Wenn Worte nicht helfen. Denn zuerst redet er.
„Raylan“ ist ein oft skizzenhafter, episodenhafter Roman von Elmore Leonard, der nach der ersten Geschichte auch etwas vor sich hin plätschert. Aber nach dem enttäuschenden „Road Dogs“ und dem komplett vermurksten „Djibouti“ ist „Raylan“ wieder ein Elmore-Leonard-Werk, das eben jene Elemente hat, für die ihn seine Fans lieben: eindrucksvolle Charaktere und grandiose Dialoge. Dass dabei der Plot, mal wieder, vernachlässigt wird, ist für langjährige Elmore-Leonard-Fans keine Neuigkeit.
Die deutsche Übersetzung ist für Januar 2013 bei Suhrkamp angekündigt.
Listen und auch Bücher, wie das jetzt erschienene „Die 199 besten Actionfilme & -Serien“ von Wolf Jahnke und Michael Scholten, laden natürlich zum wilden Kritisieren ein. Denn die Auswahl ist immer angreifbar; vor allem wenn der oder die Listenersteller die Liste in eigener Selbstherrlichkeit erstellen, ist die Liste letztendlich nur eine mehr oder weniger umfangreiche Liste von eigenen Lieblingen. Wenn eine solche Liste von Mehreren erstellt wird oder sogar aus bestehenden Listen herausdestilliert wird, wird die Liste objektiver, aber auch langweiliger. Ich meine, wer war bei „Die 50 besten Horrorfilme“, die aus über fünfzig Bestenlisten des letzten Jahrzehnts entstand, wirklich über die Erstplatzierten „Die Nacht der lebenden Toten“, „Der Exorzist“, „Halloween“, „Blutgericht in Texas“ und „Zombie“ erstaunt?
Ein solches Ranking machen Wolf Jahnke und Michael Scholten nicht. Sie listen alphabetisch die 199 Actionfilme und Actionserien auf, die sie für die Besten halten und ergänzten diese Filmvorstellungen um einige Interviews, Zitate aus Actionfilmen, eine Liste der schlechtesten Actionfilme und mehrere Zusammenstellungen von besonders gelungenen Actionszenen, auch aus Nicht-Actionfilmen, wie „Apcalypse Now“ (der Hubschrauberangriff auf das vietnamesische Dorf), „Ben Hur“ (das Wagenrennen) und „Lawrence von Arabien“ (der Sturm auf die Hafenstadt).
In normalerweise einseitigen Texten bemühen sich die beiden Autoren die Filme möglichst objektiv, teils schon lexikalisch trocken, vorzustellen und auch die ein oder andere, teils unbekanntere Hintergrundinformation zu vermitteln.
Das ist okay, aber ich stellte mir öfter, die Frage, warum ein bestimmter Film aufgenommen wurde. So wird bei „The Dark Knight“ viel über Comicverfilmungen, die verschiedenen „Batmans“, aber nichts über die in dem Film enthaltenen Actionszenen gesagt. Auch die von den Autoren verwendete weite Definition von Actionfilm hilft nicht wirklich weiter:
„Züge, Flugzeuge oder Autos, aber auch Motorboote kommen im modernen Actionfilm vor als Zeichen des Fortschritts, als Fluchtmittel, als Tatwaffe, als mobile Festung. Deshalb findet ‚Gladiator‘ keinen Platz im Buch, auch nicht ‚Der letzte Mohikaner‘, (…) Es geht um hochmoderne Zeiten in einer Ära der Industrialisierung, Mechanisierung und des technischen Fortschritts mit Automobilen; (…) Überhaupt geht es um echte Menschen, die leiden, schwitzen und bluten.“
Das ist eine weite Definition, die es erlaubt, Actiontrash, Actionklassiker und auch, nun, ich sage mal gute Filme aus verschiedenen Genres aufzunehmen. So findet man „Snatch – Schweine und Diamanten“ (Komödie) neben „Der Söldner“ (Actiontrash) oder „Mörderischer Vorsprung“ (guter Actionthriller) neben „Naked Killer“ (Hongkong-Action). Einen Schwerpunkt bilden dabei, immerhin sind die beiden Autoren Kinder der achtziger Jahre, die 80er-Jahre-Actionkracher, wie „Avenging Force – Night Hunter“ (mit Michael Dudikoff), “Bloodsport“ (mit Jean-Claude Van Damme), „Delta Force“, „Invasion U. S. A.“ (beide mit Chuck Norris), „Phantom-Kommando“, „Red Heat“ (beide mit Arnold Schwarzenegger) und „Rambo“ (mit Sylvester Stallone). James Bond wird mit sieben Einträgen reichlich und verdient bedacht. Aber auch „Drive“ und „Pulp Fiction“, ein „Anti-Anti-Actionfilm“ (Jahnke/Scholten), sind drin, die ich, wie „Dirty Harry“ (ebenfalls drin), nicht unbedingt als Actionfilme bezeichnen würde. Aber natürlich gewinnt jede Liste mit diesen Filmen.
Eher schon problematisch ist die die Auswahl bei den deutschen Actionfilmen und -Serien. Denn trotz anders lautender Gerüchte gibt es auch Action aus Deutschland und „Alarm für Cobra 11“, „Der Clown“ (beide aus der Actionschmiede von Hermann Joha), „Cascadeur – Die Jagd nach dem Bernsteinzimmer“ (von Stuntman Hardy Martins), „Rampage – Rache ist unbarmherzig“ (von Uwe Boll) und „Straight Shooter“ (von Thomas Bohn) zeigen, dass wir auch Action machen können. Dummerweise sind die Geschichten und die Dialoge eher gruselig und – Lokalpatriotismus hin, Lokalpatriotismus her – im Vergleich zu den besten Actionfilmen aus Hollywood und Hongkong, wie den John-Woo-Filmen „Bullet in the Head“, „Hard Boiled“ und „The Killer“, sind sie nichts, was man sich ansehen müsste. Da wird „Der 7. Sinn“, der wohl eher als Gag aufgenommen wurde, schon zu einem Highlight und die beiden, ebenfalls erwähnten, Dominik-Graf-Filme „Die Katze“ und „Die Sieger“ sind deutsche Actionfilme, die sich wirklich nicht verstecken müssen.
Warum „Invasion U. S. A.“ (Chuck Norris verhindert im Alleingang eine Invasion der Russen in die USA) und „Delta Force“ (Chuck Norris jagt Flugzeugentführer und befriedet dabei den Nahen Osten) zu den besten Actionfilmen, aber „Die City Cobra“ (Sylvester Stallone ballert im Alleingang alle Gangster die ihm über den Weg laufen und eine durchgeknallte Sekte ab) zu den schlechtesten Actionfilmen gehört, verstehe ich nicht. Denn ideologisch bedenklich (höflich gesagt) sind alle drei. Strunzdumm sowieso und Action gibt es in den Filmen überreichlich; in der „City Cobra“ sogar etliche gute Actionszenen. Zum Beispiel wenn Stallone während einer Auto-/Motorradverfolgungsjagd eine Hundertschaft Bösewichter abknallt und diese dann möglichst spektakulär von ihren Maschinen fallen.
Bei den Filmvorstellungen hätte ich mir gewünscht, dass die Drehbuchautoren immer erwähnt würden. Jahnke und Scholten tun es nur, wenn der Regisseur auch das Drehbuch geschrieben hat. Dagegen werden der Kameramann und der Komponist erwähnt. Ein Register fehlt; was natürlich dumm ist, wenn man nur den Originaltitel kennt. Und das Lektorat schlief wohl teilweise. Anders kann ich mir nicht erklären, dass bei „Assault – Anschlag bei Nacht“ John Carpenter mit James Cameron verwechselt wird, oder dass bei „Auf die harte Tour“ ausgerechnet „The Shield“ als Referenzwerk von Regisseur John Badham angegeben wird. Badham führte zwar bei einer Folge der TV-Serie Regie, aber seine bekanntesten Filme sind „Saturday Night Fever“, „Das fliegende Auge“ (einer der 199 Action-Filme des Buches), „War Games“, „Ein Vogel auf dem Drahtseil“ (Bird on a wire), „Drop Zone“ (beides keine grandiosen Filme, aber mit viel spektakulärer Action) und „Codename: Nina“ (erwähnt bei „Nikita“).
Und natürlich fehlen einige Filme, wie „Shoot ‚Em up“, und eine Auflistung der besten Autoverfolgungsjagden. Immerhin waren sie nach „Bullitt“ das Kennzeichen jedes Action-Thrillers und auch die Bourne-Filme kämen ohne eine ordentliche Autoverfolgungsjagd nicht aus.
Trotz dieser Kritik ist die Auswahl der „199 besten Actionfilme & -Serien“ insgesamt durchaus gelungen und sie regt zum Entdecken und Wiederentdecken von einigen Actionfilmen ein.