
In der Berliner Litarturkritik ist meine Besprechung von Garry Dishers viertem Hal-Challis-Roman „Beweiskette“ (Chain of Evidence, 2007) online. Disher erhielt dafür den Ned-Kelly-Preis und auch mir hat der Krimi gefallen.

In der Berliner Litarturkritik ist meine Besprechung von Garry Dishers viertem Hal-Challis-Roman „Beweiskette“ (Chain of Evidence, 2007) online. Disher erhielt dafür den Ned-Kelly-Preis und auch mir hat der Krimi gefallen.

Neben dem Buch zum Film gibt es auch den Comic zum Film. Sie erscheinen parallel zum Filmstart und verschwinden danach, bis auf ganz wenige Ausnahmen, ziemlich schnell vom Markt. Wenn Jahrzehnte nach dem Filmstart ein Zeichner den Comic zu einem Film zeichnet, dann stellt sich natürlich die Frage, warum er das tut. Die nächste ist, was er Neues zu dem Werk beitragen kann. Denn Jon J. Muth nahm sich nicht irgendeinen Film, sondern einen wahren Klassiker vor: Fritz Langs „M“.
„M“ erzählt, inspiriert von mehreren wahren Fällen, die Geschichte eines von der Polizei und Verbrechern im Berlin der frühen dreißiger Jahre gejagten mehrfachen Kindermörders. Bei der Jagd nach dem Mörder zeigt Fritz Lang in seinem ersten Tonfilm einen auch heute noch beeindruckend souveränen Umgang mit den Möglichkeiten des Tonfilms. Dennoch bleiben vor allem die Bilder im Gedächtnis. Wenn der mit einem „M“ aus Kreide gekennzeichnete Mörder verfolgt wird. Wenn er sich auf einem Speicher versteckt. Wenn die Verbrecher ihn in dem leeren Bürogebäude suchen. Oft ist es auch die Kombination aus Schnitten, Geräuschen und Dialogen. Da werden plötzlich die Erzfeinde, Polizisten und Verbrecher, vor unseren Augen zu Verbündeten. Fritz Lang schneidet zwischen einer Besprechung der Polizisten und einer der Verbrecher bruchlos hin und her. Die Botschaft ist so klar, wie erschreckend: Sie stehen zwar auf verschiedenen Seiten des Gesetzes, aber bei der Jagd nach dem Mörder haben sie, wenn auch teilweise aufgrund verschiedener Motive, das gleiche Ziel.
Lang wiederholt diese Parallelität zwischen Polizisten und Verbrechern bei der Entdeckung des Mörders. Während die Polizei die Wohnung des Mörders entdeckt und die Fahndung einleitet, hat ein blinder Luftballonverkäufer den Mörder an seinem Pfeifen wiedererkannt und er lässt ihn mit einem Kreide-“M“ am Mantel kennzeichnen. So kann der Kindermörder von den Verbrechern einfacher verfolgt werden.
Auch das Ende des Films hat nichts von seiner Kraft verloren. In einem riesigen Saal stehen hunderte Verbrecher und Huren. Es ist ein Querschnitt durch die Bevölkerung und ein lynchwütiger Mob. Denn nach einer Pro-Forma-Gerichtsverhandlung wollen sie den Kindermörder zum Tode verurteilen und so ihrer Lynchjustiz einen rechtstaatlichen Anschein geben. Da beginnt der Mörder um sein Leben zu betteln. Er erzählt, dass er morden muss, während sie die Wahl hätten.
Peter Lorre verlieh in seiner ersten Hauptrolle dem Mörder und seinen Ängsten ein einprägsames Gesicht. Damit empfahl er sich, bis auf die „Mr. Moto“-Serie, für die nächsten Jahrzehnte für die Rolle des Bösewichtes.
Bereits in den ersten Minuten des Films und fast bildgleich in Muths Comic wird die Stimmung in der Großstadt greifbar. In einem Hinterhof spielen Kinder. Sie singen einen Abzählreim über den Angst und Schrecken verbreitenden Kindermörder. Eine Mutter deckt den Mittagstisch, ruft ihre Tochter und, anstatt ihr erschrockenes Gesicht zu zeigen, als sie begreift, dass der Mörder ihre Tochter hat, sehen wir nur den Tisch und hören die Rufe der Mutter. Muth verband dabei in einem ganzseitigem Panel, in dem wir die Dächer der Stadt sehen, den letzten Ruf der Mutter („Elsie!!!) mit dem ersten Ruf des Zeitungsjungen („Extraausgabe!“).
Muth gelingt es bereits auf den ersten Seiten, die Stimmung des Films in den Comic zu transportieren. Auch wenn die Skyline in seinem Comic nicht die von Berlin ist. Er hat sowieso seine Version von „M“ um den spezifischen historischen Kontext (das Berliner der Weimarer Jahre), der die meisten zeitgenössischen Leser auch nicht interessieren dürfte, erleichtert. Ebenso fehlt der detaillierte, fast dokumentarischen Blick auf die Polizeiarbeit, die Verhöre bei einer Polizeirazzia (eine wunderschöne Ansammlung schauspielerischer Kabinettstücke) und die Gefühle des Volkes. Lang wechselt hier zwischen detaillierten Einzelporträts und der Darstellung einer lynchwütigen Masse, aus der er immer wieder, besonders am Ende bei der Gerichtsverhandlung, einzelne Gesichter hervorhebt.
Muth beschäftigt sich stattdessen genauer mit der Psychologie des Mörders. Das wird besonders deutlich als der Mörder im Traum von seinen Opfern besucht wird.
Aber – und hier zeigt sich, wie prägend ein Schauspieler für eine Geschichte sein kann – Muths Mörder sieht nicht wie Peter Lorre, der im Film erstaunlich selten zu sehen ist, aus. Er sieht weniger bedrohlich aus. Er erinnert an ein ängstliches Kind und am Ende, wenn er sich vor dem Verbrechergericht verteidigt, an einen jungen, wild gestikulierenden Strafverteidiger, der vor einer Jury seinen großen Auftritt hat. Peter Lorre ist in diesem Moment nur noch ein bedauernswertes, um Gnade winselndes Häufchen Elend.
Sowieso sehen in Muths Comic alle Charaktere anders aus als in Langs Film. Denn Muth stellte den gesamten Film mit Freunden nach, fotografierte sie und bearbeitete dann die Fotografien. Dabei stellt sich beim Betrachten seiner Schwarzweiß-Zeichnungen (die ganz selten um einige Farbtupfer ergänzt werden) ein eigentümlicher Effekt ein. Denn sie erscheinen viel flüchtiger als die gestochen scharfen Bilder aus dem Film.
Mit diesen kleinen Änderungen beweist Muths Interpretation des klassischen Films genug Eigenständigkeit, um auch den Kennern des Films zu gefallen.
Wie eigentlich immer bei CrossCult ist die Ausstattung vorzüglich. Neben einem Nachwort von Jon J. Muth gibt es auch zwei sehr informative Texte von Georg Seeßlen und Jochen Ecke zum Film, zum Comic, den Gemeinsamkeiten und Unterschieden. Sie runden „M“ perfekt ab.
Und warum hat Jon J. Muth ausgerechnet „M“ als Comic inszeniert? „’M‘ gehört zu der Sorte Film, deren Summe gehaltvoller ist als ihre Teile. Ich habe mich immer schon zu einfachen Geschichten mit komplexen Implikationen hingezogen gefühlt. Solche Geschichten finden sich selten in der Literatur, wohl, weil man sie am Leichtesten missverstehen kann. Moral ist ein konstanter Prozess in uns allen. Alle großen Werke der Literatur dramatisieren diesen Prozess, und er hat mich auch dazu gebracht, ‚M‘ als Graphic Novel umzusetzen.“ schreibt Muth in seinem Nachwort zu „M“.
Jon J. Muth – M
CrossCult, 2009
208 Seiten
25 Euro
–
Originalausgabe
Abrams, 2008 (erste Ausgabe in gebundener Form)
–
Erstausgabe
Eclipse, 1990 (4 Hefte, out of print)
–
Der Film
M – Mörder unter uns (D 1931)
Regie: Fritz Lang
Drehbuch: Thea von Harbou, Fritz Lang
mit Peter Lorre, Ellen Widmann, Inge Landgut, Gustav Gründgens, Otto Wernicke, Theo Lingen
–
Hinweise
Quasi-Homepage von Jon J. Muth
Wikipedia über den Spielfilm „M“
Internet Archive: „M“ (mit englischen Untertiteln; die wir natürlich nicht brauchen – und wenn Sie den Film bis jetzt nicht gesehen haben, dann tun Sie es jetzt. Ich habe ihn mir für diese Besprechung wieder angesehen und ich war wieder begeistert. „M“ ist immer noch ein spannender Thriller.)
Killshot (Killshot, USA 2008)
Regie: John Madden
Drehbuch: Hossein Amini
LV: Elmore Leonard: Killshot, 1989 (Beruf: Killer; Killshot)
Nachdem „Killshot“ lange im Weinstein-Giftschrank eingesperrt war (der Hauptdreh war im Januar 2006 erledigt, dann gab’s Nachdrehs und endlose Umschnitte) und in den USA vor wenigen Wochen nur auf DVD erschien, habe ich mit einem deutschen Kinostart schon nicht mehr gerechnet.
Die Story ist typischer Leonard: Profikiller Armand „Blackbird“ Degas hinterlässt niemals Zeugen. Als er bei einem Verbrechen von einem Ehepaar beobachtet wird, hilft ihnen auch das Zeugenschutzprogramm der Polizei nicht weiter.
Die Kritiken sind durchwachsen, aber noch auf der positiven Seite. Denn irgendwo scheint in der Produktion ein guter Film verloren gegangen zu sein.
Elmore Leonard hat vor über zwei eine frühere Version von „Killshot“ gesehen und war begeistert:
I was thrilled to see my story adapted the way it was. John captured my characters and their tone, and I think has a winner in Killshot. Fans of my work will see and hear my book on the screen. (…) The secret to a good adaptation is you start with a good screenwriter, a guy who knows how to write, a guy who respects and understands the work. The combination of screenwriter Hossein Amini, and director John Madden was great, for Killshot because they both got my sound, and that’s what my writing is all about.
Vor wenigen Tagen erschien bei Bertz + Fischer das von Rider Strong gelesene Hörbuch. In knapp acht Stunden liest er den gesamten Roman im Original ohne große Effekthaschereien vor. „Killshot“. Das macht es auch für mich (der kein großer Freund von Hörbüchern ist) zu einem sehr anhörbarem Werk. Denn dass mir die Story, klassischer Leonard, der sich auf wenige Charaktere und einen Western-Showdown konzentriert, gefällt, ist klar.
mit Thomas Jane, Diane Lane, Mickey Rourke, Hal Holbrook, Joseph Gordon-Levitt
Hinweise
Amerikanische Homepage zum Film (derzeit nur DVD-Info und Trailer)
Meine Besprechung von „Up in Honey’s Room“ (2007)
Meine Besprechung von „Gangsterbraut“ (The hot Kid, 2005)
Meine Besprechung von „Callgirls“ (Mr. Paradise, 2004)
Mein Porträt „Man nennt ihn Dutch – Elmore Leonard zum Achtzigsten“ erschien im „Krimijahrbuch 2006“

Das Hörbuch
Elmore Leonard: Killshot
(gelesen von Rider Strong)
Bertz + Fischer Audiobooks, 2009
7:47 Stunden
19,90 Euro

Vor dem Lesen der ersten Zeilen sortierte ich Gisa Klönnes dritten Kriminalroman „Nacht ohne Schatten“ in die Kategorie „Für mich uninteressant“ ein, denn
– mir gefiel das Cover nicht
– mir gefiel der Titel nicht
– der Klappentext sprach mich nicht an
Trotzdem könnte mir „Nacht ohne Schatten“ gefallen.
Dann gab es einige Besprechungen, die meine Meinung, dass „Nacht ohne Schatten“ mir nicht gefallen würde, bestätigten.
Trotzdem könnte mir „Nacht ohne Schatten“ gefallen.
In einem Interview sagte Gisa Klönne, dass es um Frauenhass und –verachtung gehe. Dabei schien sie zu viele Dinge einfach in einen Topf zu werfen und mehr am Beweisen einer These als am Erzählen einer spannenden Geschichte interessiert zu sein.
Trotzdem könnte mir „Nacht ohne Schatten“ gefallen, aber andere Bücher interessierten mich mehr.
Aber dann erhielt „Nacht ohne Schatten“ den Glauser als bester Kriminalroman des Jahres und ich dachte mir: „Dann muss ich es doch mal lesen. Denn Cover, Titel, Klappentext und Besprechungen können ja die falschen Signale aussenden. Manchmal sind Autoren einfach nicht gut darin, ihre Geschichte in wenigen Worten zu verkaufen und ich verpasse einen guten Krimi.“
Nach den ersten Zeilen hätte ich das Werk am liebsten in die Ecke gefeuert. Nicht wegen des Themas „Frauenverachtung“, sondern wegen der Sprache. Es gibt eine missglückte Formulierung nach der nächsten. Einige Beispiele gefällig?
„Nur der Reporter Sanders schnürt zum Podium.“
„Der Tag schwimmt bleigrau auf die Windschutzscheibe zu, während Judith den Dienstwagen auf die Zoobrücke lenkt.“
„Ein hämmerndes Geräusch am Fenster der Beifahrertür reißt ihn aus seinen Gedanken, der Wagen würgt und macht einen Satz vorwärts, weil Mannis Fuß vor Schreck von der Kupplung rutscht.“
Schnürende Reporter? Schwimmende Tage? Würgende Wagen?
Das ist kein falsch verstandener Chandler. Das ist kein poetisches Spiel mit der Sprache. Das ist Murks; – und eine kleine, von mir unter Autoren gestartete Umfrage bestätigte das. Alle fanden die Sätze schlecht formuliert. Über die Erzählzeit gab’s geteilte Ansichten.
Aber in einem Kriminalroman kommt es ja nicht nur auf die Sprache an (dennoch sollte sie nicht ständig von der Lektüre ablenken) und wenn eine Krimijury das Buch eines Kollegen auszeichnet, dann muss es nach Adam Riese als Genrewerk irgendwie besser als die anderen innerhalb des Jahres erschienenen Werke sein und, auch wenn ich eine Jury-Entscheidung nicht unbedingt teile, kann ich normalerweise erahnen, warum ein Werk ausgezeichnet wurde.
„Nacht ohne Schatten“ beginnt ohne lange Vorrede (aber mit einem vollkommen überflüssigem Prolog) mit dem ersten Mord. Auf den ersten vierzig Seiten liefert Klönne einen erstochenen S-Bahn-Fahrer, einen verbrannten Pizzeria-Wirt und eine in der Pizzeria in einem verschlossenen Raum gefundene jungen Frau (die während des gesamten Romans im Koma liegt). Kommissarin Judith Krieger weiß sofort, dass die Taten miteinander zusammenhängen, dass es um Frauenhass geht und dass ein in Steinwurfweite der beiden Tatorte liegendes Künstlerhaus etwas mit den Straftaten zu tun hat.
Aus dieser Prämisse, immerhin sind wir erst auf Seite fünfzig, könnte man etwas machen. Aber Gisa Klönne lässt ihre Charaktere bis wenige Seiten vor Schluss nur sinnlos herumhängen. Es wird vermutet, räsoniert und über Gott und die Welt sinniert. Ab und zu stolpern die Polizisten über einen Beweis. Dann wird wieder vermutet, aber nichts getan, um die Vermutungen mit Fakten zu untermauern. Falls dann doch mal Ermittlungen stattfinden, finden sie meisten außerhalb der Geschichte statt und wir erfahren nur die Ergebnisse. Über den toten Pizzabäcker und seine Geschäfte, immerhin soll er ein ganz schlimmer Frauenhändler sein, erfahren wir überhaupt nichts. Über den S-Bahn-Fahrer nicht viel mehr.
Stattdessen wird einem die Botschaft „Männer sind Schweine“ wie das heilige Evangelium um die Ohren gehauen. Es geht um Frauenhass und Frauenverachtung. Es geht um Gewalt in der Ehe, um Prostitution, um Sexsklavinnen. Es geht um (zu viele) wichtige Themen, die Gisa Klönne dem Leser ohne einen erzählerischen Fokus, nennt und mit einer feministischen Botschaft verkleistert, die höchstens von den bereits Überzeugten geglaubt wird.
Nur; in einem Roman muss diese Botschaft in eine Geschichte transformiert werden, in der der Leser selbst zu dieser Erkenntnis gelangen kann. Anderen Autoren, zuletzt Jason Starr in „Stalking“, gelingt das, woran Gisa Klönne komplett scheitert: eine Geschichte über verschiedene Formen von (falscher) Liebe in einer angemessenen Sprache zu erzählen.
Gisa Klönne: Nacht ohne Schatten
Ullstein, 2009
384 Seiten
8,95 Euro
–
Erstausgabe
Ullstein, 2008
–
Hinweise
Das Syndikat: Pressemitteilung, Laudatio

In den USA ist der Lone Ranger ein Volksheld. Naja, vielleicht nicht mehr bei den heutigen Teenagern. Obwohl diese mit dem Comic „The Lone Ranger“ von Autor Brett Matthews und Zeichner Sergio Cariello mit dem edlen Gesetzeshüter ihre Bekanntschaft machen konnten. Aber bei den Älteren schon. Denn der „Lone Ranger“ hatte seinen ersten Auftritt 1933 im Radio. Später dann auch im Film, Fernsehen, Comics und Büchern. Bei uns wurden einige „Lone Ranger“-Filme in den frühen Achtzigern in der Reihe „Western von gestern“ verbraten.
Der „Lone Ranger“ ist vor allem ein eindimensionaler Kinderheld, an den Erwachsene sich gerne erinnern. Denn der „Lone Ranger“ ist edel, ritterlich, höflich, rücksichtsvoll, gesetzestreu, Nichtraucher, Abstinenzler und bei der Jagd nach den Bösewichtern immer darauf bedacht, diese nicht verletzten und, wenn er doch als letztes Mittel Gewalt anwenden muss, dann versucht er dies für die Bösewichter möglichst schmerzfrei zu tun. Selbstverständlich verwendet er auch keine Kraftausdrücke. Ja, die Erfinder des Lone Rangers, Fran Striker und George Trendle, formulierten sogar einige Statuten für den Ranger, der für das jugendliche Publikum ein Vorbild sein soll.
In ihrer ursprünglich auf sechs Hefte geplanten Neubelebung des „Lone Rangers“ hielten sich Brett Matthews und Sergio Cariello an diese Regeln. Allerdings erneuerten sie sie teilweise für ein zeitgenössisches Publikum. Das wird besonders deutlich in den an einen Italo-Western erinnernden Breitwand-Panels von Cariello. Die Perspektiven sind oft extrem. Die Gewalt auch. Bei den Schusswechseln spritzt das Blut wie in einem Hongkong-Actionfilm. Der einäugige Killer scheint direkt einem Italo-Western entsprungen zu sein; die maskierten Bösewichter aus einem Horrorfilm. Cariellos Bilder haben nichts von der Putzigkeit älterer Comics und sie sind so ausdruckstark, dass Matthwes die Dialoge auf ein Minimum beschränken kann.
Im ersten „Lone Rangers“-Sammelband „Für immer und ewig“ erzählen sie, wie Texas Ranger John Raid zum Lone Ranger wird. Zusammen mit seinem Vater, seinem Bruder und weiteren Rangers gerät er in einen Hinterhalt, den nur Raid schwerverletzt überlebt. Er wird von dem Indianer Tonto gepflegt. Sie werden Freunde. Raid setzt als offiziell Toter eine Maske auf (Naja, eine Augenbinde ist nicht gerade eine gute Maske, aber beim „Spirit“ hat’s auch gereicht.) und wird zum Lone Ranger, der den Tod seiner Freunde rächen will und am Ende seine Bestimmung findet.
In den USA waren die ersten „Lone Ranger“-Hefte von Brett Matthews und Sergio Cariello bereits nach dem ersten Heft so erfolgreich, dass Matthews und Carriello mit dem Erzählen weiterer „Lone Ranger“-Abenteuer beauftragt wurden. Außerdem wurde die Serie 2007 unter anderem für einen Eisner Award als „Beste Serie“ nominiert.
Die deutsche Ausgabe hat ein sehr informatives Nachwort von Christian Endres und mehrere Skizzen von Sergio Cariello, in denen er zeigt, wie sich die verschiedenen Charaktere vom ersten Entwurf bis zum Endergebnis veränderten.
Der Schlachtruf des „Lone Rangers“ „Hi-Yo, Silver!“, mit dem er sein Pferd antreibt, ertönt jetzt auch wieder in Deutschland.
Brett Matthews (Text)/Sergio Cariello (Zeichungen): The Lone Ranger 1 – Für immer und ewig
(übersetzt von Marc-Oliver Fritsch)
CrossCult 2009
144 Seiten
19,80 Euro
–
Originalausgabe
The Lone Ranger – Volume 1: Now and Forewer
Classic Media/Dynamite Entertainment 2007, 2009
–
Hinweise
Wikipedia über „The Lone Ranger“
Internet Archive: The Lone Ranger (Filme und Comics)
National Film and Sound Archive: The Lone Ranger
Fanseite zu „Western von Gestern“
Noch eine „Western von Gestern“-Fanseite
Comic Book Resources: Interview mit Brett Matthews zu „The Lone Ranger“ (30. Juni 2009)

Zuletzt sorgte Jason Starr zusammen mit Ken Bruen (auf den ersten Blick kein perfektes Paar, aber sie scheinen sich bei einer Tour durch New York gut verstanden zu haben) in den sehr schwarzhumorigen Krimis „Flop“ (Bust, 2006), „Crack“ (Slide, 2007) und „The Max“ (2009) für schallendes Gelächter, wenn ihre Charaktere zielsicher von einem Malheur ins nächste stolperten und ihre großartigen Pläne sich rasant in Luft auflösten.
„Stalking“ hat Jason Starr wieder, wie die meisten seiner Romane, alleine geschrieben und es liest sich wie die Antithese zu den Bruen/Starr-Romanen. Nur bei den Polizisten John Himoto (dem erfolglosesten Detective des Reviers) und Nick Barasco (dem Detective mit der überragenden Aufklärungsquote und dem grandios aufgeblasenem Ego) und in einigen Nebenbemerkungen taucht der aus den Gemeinschaftswerken bekannte schwarze Humor auf. Denn „Stalking“ erzählt ohne große Schnörkel eine klassische Geschichte.
Peter Wells hat sich, nachdem er im Internet ein Bild von ihr gesehen hat, in den Schwarm seiner Jugend verliebt und er zieht wegen ihr nach New York. Dort errichtet er für sie eine gemeinsame noble Wohnung und nimmt, um sie zufällig zu treffen, einen schlecht bezahlten Job in einem Sportstudio an. Gleich beim ersten Mal spricht er sie an und Katie Porter findet ihn auch ganz nett. Er ist Ende Zwanzig, durchtrainiert, aber kein tumber Muskelprotz. Und die langen Haare sind auch ab.
Sie kommt wie er vom platten Land, ist erst seit kurzen in New York, wird von ihrem Chef angemacht und fühlt sich in der anonymen Großstadt einsam. Außerdem hat sie Probleme mit ihrem Freund Andy Barnett, der hinter ihrem Rücken jede gutaussehende Frau anbaggert. Ihr erster Sex verlief für beide nicht toll. Er hält sie für ein steifes Brett. Sie ihn für einen Quasi-Vergewaltiger, der nicht auf ihre Wünsche achtet.
Als er in den nächsten Tagen liebevoll um sie wirbt, will sie vorläufig mit Andy zusammen bleiben. Wells beobachtet das verliebte Paar und bringt, denn niemand darf die von ihm ausfantasierte Liebesidylle stören, den Konkurrenten um.
Später, nach dem Abschluss eines romantischen Abends, zeigt er ihr die von ihm eingerichtete Wohnung und hält um ihre Hand an. Katie ist von seinem Antrag, was keine große Überraschung für uns ist, schockiert. Schließlich schreibt Jason Starr keine Schmonzetten, sondern Noirs. Auch wenn der Noir dieses Mal sehr soft und fast schon mainstreamig daherkommt. Ebenfalls keine Überraschung ist, dass der liebestolle Peter Wells sich von ihrem „Nein“ in seinem Begehren nicht abhalten lässt. Spätestens jetzt gerät alles außer Kontrolle.
Die wenigen Überraschungen im Plot macht Jason Starr allerdings mit seinen gelungen Perspektivenwechsel und pointierten Charakterisierungen wett. So wird erst langsam deutlich, wie verrückt Peter Wells ist. Er ist nicht der nette Junge von nebenan, sondern der Stalker, der glaubt, dass sich jede Frau, wenn er es will, in ihn verlieben muss und dass das Leben ein schmalziger Liebesfilm ist. Aber Andy und seine sexfixierten WG-Genossen sind auch keine Zierde für das männlich Geschlecht. Und Katie ist das kleine, ängstliche Mädchen, das man beschützend in den Arm nehmen möchte. Jason Starr gelingt es, dass wir trotzdem mit ihnen allen in unterschiedlichen Graden sympathisieren und mitleiden.
Eine feine Lektüre.
Jason Starr: Stalking
(übersetzt von Ulla Kösters)
Diogenes, 2009
528 Seiten
11,90 Euro
–
Originalausgabe
The Follower
Orion Books, 2007
–
Hinweise
Meine Besprechung von Ken Bruen/Jason Starrs „Flop“ (Bust, 2006)
Meine Besprechung von Ken Bruen/Jason Starrs „Crack“ (Slide, 2007)


In wenigen Tagen startet Tony Scotts Remake von John Godeys 1973 erschienenem Bestseller „The Taking of Pelham 123“ und wenn Hollywood glaubt, dass die alte Geschichte gut genug für ein Remake (schließlich wurde der Roman bereits 1974 verfilmt) ist, könnte der Roman auch nach 35 Jahren immer noch lesenswert sein. Denn im Gegensatz zu anderen Remakes, wie „Der Schakal“ (nicht nach Frederick Forsyths Roman) oder „Shaft“ (nicht nach Ernest Tidymans Roman), wurde sich dieses Mal anscheinend an Godeys Geschichte gehalten.
Sie ist so einfach, wie effizient: Während der Rush Hour kapern vier Gangster eine U-Bahn. Sie fordern eine Million Dollar (Uh, im Film wegen der Inflation zehn Millionen). Wenn sie nicht innerhalb einer Stunde das Geld haben, stirbt die erste Geisel. Lieutenant Clive Prescott beginnt ziemlich erfolglos mit den Verhandlungen. Denn diese Gangster verhandeln nicht, aber sie haben anscheinend mit allem gerechnet. Naja, fast. Denn in der U-Bahn sitzt ein wie ein Hippie aussehender Zivilpolizist und die New Yorker Polizisten halten überhaupt nichts von Verhandlungen. Sie würden das Problem gerne wie früher lösen: stürmen, die Gangster abknallen und den Tod der Geisel in Kauf nehmen. Der Fahrdienstleiter würde die Typen, die seine U-Bahn gekapert haben und den ganzen Fahrplan durcheinander bringen, am liebsten auf den Mond schießen.
John Godey erzählt diese, dank genauer Recherche, mit vielen Fakten angereicherte Geschichte aus über zwei Dutzend verschiedener Perspektiven: aus der der Geiselnehmer, der Geisel, der Verhandler, dem Bürgermeister, den Medien, undundund. So entsteht neben der Geschichte der Geiselnahme auch ein Porträt von New York in den frühen Siebzigern: die Menschen stürmen neugierig zur U-Bahnstation Grand Central, sie sind wegen der Verspätungen verärgert, sie sind wütend auf die Polizei und den Bürgermeister und fast jede Handlung hat, in der Hochzeit der verschiedenen linken Bewegungen, eine politische Bedeutung.
Nur, und das macht Godeys Thriller, neben der glänzenden Recherche und dem atemlosen Wechseln zwischen den verschiedenen Handlungsfäden und Perspektiven, auch heute noch so lesenswert: den Gangstern ist die Politik (die Befreiung vom weißen Unterdrücker und vom Kapitalismus) herzlich egal. Sie wollen nur das Geld. Sie haben ihren Plan von dem großen Ding perfekt ausgearbeitet – bis dann Zufälle und menschliche Schwächen die Planungen über den Haufen werfen.
Derzeit ist die deutsche Ausgabe nur antiquarisch erhältlich. Die Originalausgabe ist mit dem Plakatmotiv des Remakes überall erhältlich.
John Godey: Abfahrt Pelham 1 Uhr 23
(übersetzt von Wulf Bergner)
rororo, 1975
208 Seiten
–
Originalausgabe
The Taking of Pelham One Two Three
G. P. Putnam’s Son, 1973
–
Deutsche Erstausgabe
Scherz Verlag
–
Verfilmungen
Stoppt die Todesfahrt der U-Bahn 1-2-3 (The Taking of Pelham 123, USA 1974)
Regie: Joseph Sargent
Drehbuch: Peter Stone
mit Walter Matthau, Robert Shaw, Martin Balsam, Hector Elizondo, Earl Hindman, James Broderick
–
The Taking of Pelham One Two Three (USA 1998, TV-FilmI
Regie: Félix Enríquez Alcalá
Drehbuch: April Smith
mit Edward James Olmos, Vincent D’Onofrio, Donnie Wahlberg, Richard Schiff, Lorraine Bracco
–
Die Entführung der U-Bahn 123 (The Taking of Pelham 123, USA 2009)
Regie: Tony Scott
Drehbuch: Brian Helgeland
mit Denzel Washington, John Travolta, Luis Guzmán, John Turturro, James Gandolfini

Frank Göhre schrieb neben seinen Kriminalromanen immer auch über Kollegen. Die meisten dieser Texte erschienen in den vergangenen Jahrzehnten verstreut als Vor- und Nachworte bei verschiedenen Verlagen, sind oft nicht mehr erhältlich und jetzt, endlich gesammelt, in „Seelenlandschaften – Annäherungen, Rückblicke“ erschienen.
Die ältesten Texte des Sammelbandes sind fast dreißig Jahren alt. Damals betreute Göhre für den schweizer Arche-Verlag eine Werkausgabe der Kriminalromane von Friedrich Glauser und schrieb dafür kurze Einleitungen.
Später schrieb er zusammen mit Jürgen Alberts über zehn Ahnherren und -frauen des deutschen Kriminalromans. Die Porträts wurden, mit vorzüglichen Fotografien von Rainer Griese, als „Kreuzverhöre“ veröffentlicht (Wenn Sie es in einem Antiquariat finden, kaufen Sie es. Es lohnt sich).
Vergangenes Jahr brachte Göhre dann bei der Edition Köln die zehnbändige „Kriminelle Sittengeschichte Deutschlands“ heraus. Jedes der Bücher hat ein informatives Nachwort; etliche davon (auch wenn es nur Überarbeitungen der „Kreuzverhöre“-Texte waren) schrieb Frank Göhre und seine Porträts von Hansjörg Martin, Irene Rodrian, Helga Riedel, Peter Schmidt und Peter Zeindler sind jetzt in „Seelenlandschaften“ nachgedruckt.
Außerdem porträtiert Göhre „Trimmel“-Erfinder Friedhelm Werremeier, Hans Herbst, Ed Sander, Edward Bunker und Tony Hillerman. Es gibt den Text „Albernheiten, Alltagsgeschwätz – Zufällig aufgefundene Notizen eines ehrenwerten ‚Syndikat‘-Mitglieds“ aus dem aktuellen Krimijahrbuch (muss nicht sein) und die alte „Zeit“-Reportage „Jeden Abend Miami Vice“ über Charles Willeford, Hoke Moseley und Miami (muss sein). Ebenfalls aufgenommen wurden die sehr informativen Nachworte zu den neuen Ausgaben von seinen Romanen „Abwärts“ und „St. Pauli Nacht“. In beiden Texten plaudert Göhre etwas aus dem Nähkästchen der Filmproduktion. Bei „Abwärts“ schrieb er zusammen mit Carl Schenkel das Drehbuch, war beim Dreh dabei und schrieb später das Buch zum Film. Bei „St. Pauli Nacht“ war es umgekehrt. Er schrieb zuerst den Roman als Abschluss seiner Kiez-Trilogie (die bei Pendragon wiederveröffentlicht wird), dann etliche Drehbuchfassungen, Sönke Wortmann verfilmte es mit vielen bekannten Schauspielern und für die Neuausgabe überarbeitete Göhre den Roman stark.
Obwohl ich viele der Texte bereits kannte, waren doch noch einige auch für mich neu und gerade die Vorstellungen der deutschen Krimiautoren, die zu ihrer Zeit sehr erfolgreich waren und heute fast nur noch antiquarisch erhältlich sind, zeigt, dass es vor dem Regiokrimi einen deutschen Kriminalroman gab, der sich bemühte, literarischen und gesellschaftspolitischen Anspruch (was sie heute teilweise schwer lesbar macht) mit populären Erzählformen zu vereinen. Mit diesen Texten (immerhin ist „Kreuzverhöre“ nicht mehr erhältlich, bei der sich schlecht verkaufenden „Kriminellen Sittengeschichte Deutschlands“ wage ich keine Prognose) trägt Frank Göhre seinen Teil zur bitter notwendigen Geschichtsschreibung für den deutschsprachigen Kriminalroman bei. Denn diese Soziokrimis aus den siebziger und achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts schneiden im Vergleich zur aktuellen einheimischen Krimiproduktion gar nicht so schlecht ab.
Wer also einige gute Texte über Krimi-Autoren lesen will, sollte zuschlagen. Denn „Seelenlandschaften – Annäherungen, Rückblicke“ ist eine feine Sammlung.
Frank Göhre: Seelenlandschaften – Annäherungen, Rückblicke
Pendragon, 2009
224 Seiten
9,90 Euro
–
Hinweise
Meine Besprechung von Frank Göhres „Der letzte Freier“ (2006)
Meine Besprechung von Frank Göhres „Zappas letzter Hit“ (2006)
Meine Besprechung von Frank Göhres „St. Pauli Nacht“ (2007, überarbeitete Neuausgabe)
Meine Besprechung von Frank Göhres „MO – Der Lebensroman des Friedrich Glauser“ (2008)
Meine Besprechung von Frank Göhres „An einem heißen Sommertag“ (2008)
Meine Besprechung von Frank Göhres „Abwärts“ (2009, Neuausgabe)

In der Berliner Literaturkritik ist meine Besprechung von Leonore Gottschalk-Solgers zusammen mit Anke Gebert (naja, eher von Gebert geschriebene, aber lesen Sie selbst) geschriebene Memoiren „Die Strafverteidigerin – Erinnerungen“ (Kindler, 2009) erschienen.
Ich war jedenfalls absolut nicht begeistert.
Bei den Alligatorpapieren ist in der Spurensuche mein Porträt von Charlie Huston erschienen. Der PulpNoir-Autor schrieb die Hank-Thompson-Trilogie, die Joe-Pitt-Serie (ein Vampir als Privatdetektiv) und „Killing Game“.
In den neuen Bänden der erfolgreichen Serien „Criminal“ und „100 Bullets“ setzen die Teams Ed Brubaker/Sean Phillips und Brian Azzarello/Eduardo Risso ihre sehr überzeugende Interpretation von Noir für das neue Jahrtausend fort und gerade bei der „100 Bullets“-Serie empfehle ich die chronologische Lektüre.
„Criminal“ blickt zurück

In den ersten beiden „Criminal“-Bänden „Feigling“ und „Blutsbande“ erzählten Texter Ed Brubaker und Zeichner Sean Phillips jeweils eine in der Gegenwart spielende Verbrechergeschichte. Im dritten „Criminal“-Band „Grabgesang“ gehen Brubaker und Phillips mit drei nur sehr lose miteinander zusammenhängenden Geschichten zurück in die sechziger und frühen siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts und sie erzählen Teile der Vorgeschichte der bereits bekannten „Criminal“-Welt.
„Eine zweite Chance in der Hölle“ beginnt 1954 auf einem einsamem Feld während einer sternenklaren Nacht. Damals sollte Clevon Brown, der Vater des Erzählers dieser Geschichte, Walter Hyde umbringen. Er war ein Killer für das Syndikat – und Afroamerikaner. Hyde entwirft eine Zukunftsvision für sie als Beherrscher der Stadt und in den kommenden Wochen erschießen sie die alten Gangsterbosse. Deren Söhne, Jake ‚Gnarly‘ Brown und Sebastian Hyde wachsen gemeinsam auf und 1972 versucht Sebastian in die Fußstapfen seines Vaters zu treten. Jake hat dagegen eine Karriere als Boxer vor sich. Doch da begegnet er wieder Danica Briggs und er will eine alte Schuld bei ihr abbezahlen.
Ebenfalls 1972 spielt „Ein Wolf unter Wölfen“. Teeg Lawless versucht nach seiner Rückkehr aus dem Krieg wieder Fuß zu fassen. Aber das ist nicht so einfach. Denn die Erinnerungen und Schulden, die er mit Überfällen abbezahlen will, quälen ihn.
Und warum Danica Briggs in den Sechzigern die Stadt verließ und was sie vor ihrer Rückkehr 1972 erlebte, wird in der dritten Geschichte „Das Weibchen der Art“ erzählt.
Weil sie in allen drei Geschichten auftaucht und für jede Geschichte wichtig ist (auch wenn sie nicht unbedingt der zentrale Charakter ist), ist ihr Leben die Verbindung zwischen den im dritten „Criminal“-Band versammelten Geschichten, die in wenigen Sätzen und Panels die damalige Zeit wieder aufleben lassen. Es ist die aus Richard Starks Parker-Romanen und Gangsterfilmen, wie „Point Blank“ und „Der Tod eines Killers“, bekannte harte Gangsterwelt.
„100 Bullets“ für die Rache


Während die Welt von „Criminal“ keine fantastischen Elemente hat, ist das bei der auf 100 Comichefte angelegten „100 Bullets“-Saga von Texter Brian Azzarello und Zeichner Eduardo Risso anders. Denn natürlich ist die Prämisse, dass ein Mann kommt und einem 100 Kugeln, die nicht zurückverfolgt werden können, und die Beweise für ein ungesühntes Verbrechen aushändigt, purer Unfug. Das sich langsam in den Heften und heftübergreifenden Geschichten entspinnende Duell zwischen Agent Graves, den Minutemen und der Trust ist, wenn es als große Verschwörungsgeschichte mit quasi übernatürlichen Elementen gelesen wird, ebenfalls Unfug. Aber wenn wir uns daran erinnern, dass die USA seit ihrer Gründung abwechselnd von zwei Parteien regiert wird und die politische und wirtschaftliche Elite sich seit vielen Jahrzehnten (hm, Jahrhunderten?) aus einer sehr überschaubaren Zahl von Familien rekrutiert, dann hat die Welt von „100 Bullets“ auch ihre unübersehbaren Bezüge zur Realität.
Jetzt sind die vierte und fünfte Sammlung von „100 Bullets“-Heften auf Deutsch erschienen. Im August geht es mit dem zehnten Band „Dekadent“ (von insgesamt dreizehn Bänden; also auch wir erfahren demnächst, wie das Epos endet) weiter.
Im vierten Band „Abservierte leben länger“ wird in mehreren Geschichten viel über die Hintergründe der „100 Bullets“-Welt erzählt. Einige Abschweifungen, die manchmal ein ganzes Heft füllen, werden sicher in einem späteren Heft wieder aufgegriffen. Denn in den Noir-Geschichten von Brian Azzarello und Eduardo Risso gibt es keine unwichtigen Details. So wird die Geschichte des in „Götterdämmerung“ in einem Krankenhausbett liegendem bandagierten, namenlosen Mann später in dem Mehrteiler „Du sollst nicht töten“ (gesammelt im fünften „100 Bullets“-Band) erzählt.
„Götterdämmerung“ ist in dem Sammelband „Abservierte leben länger“ eine der drei jeweils nur ein Heft umfassende Geschichten. In dieser Geschichte trifft Agent Graves in einem Krankenhaus einen älteren Mann, der in den frühen Sechzigern von Graves einen Koffer mit 100 Kugeln erhielt. Damals gab er dem bekannten Baseballer die Beweise für den Mord an seiner Frau und er war einer der drei Schützen am 22. November 1963 (Na, klingelt’s?).
Eine Art Einführung in den „100 Bullets“-Kosmos kann die in Frankreich spielende Geschichte „Mr. Branch und der Familienstammbaum“ bieten. Sie bietet vor allem mehreren Gastzeichnern die Möglichkeit, eine Seite für die Serie zu zeichnen.
Ebenfalls eine Art Einführung in den „100 Bullets“-Kosmos bietet „Imitator“. Während Mr. Shepherd und Trust-Thronfolger Benito Medici sich auf einer Parkbank über Agent Graves unterhalten, läuft gleichzeitig ein gewöhnlicher Drogendeal mit einer gemeinen Schlusspointe ab.
In „Red Prince Blues“ treffen wir die führenden Trust-Köpfe Megan Dietrich und Benito Medici in der Spielerstadt Atlantic City vor einem Treffen der Trust. Benito verbringt die meiste Zeit am Spieltisch und trifft dort auf den Spieler Hank Kowalski. Der ist inzwischen so hoch verschuldet, dass ihm alles egal ist. Und die überlebenden Minutemen sind auch in der Stadt.
„Egoshooter“ erzählt die Geschichte von Jack, der als Drogenwrack in einer Abbruchbude haust. Aber er war nicht immer ein Junkie und er besitzt einen Koffer von Mr. Graves.
Und „!Contrabandolero!“ erzählt, mit einigen aus den vorherigen Heften vertrauten Charakteren, eine Schmuggelgeschichte aus dem Niemandsland zwischen Mexiko und den USA.
In den meisten Geschichten des vierten „100 Bullets“-Bandes wird, mehr oder weniger offensichtlich, die Geschichte des Trust und des Kampfes zwischen dem Trust und Agent Graves und den überlebenden Minutemen fortgeführt. Das macht natürlich mehr Spaß, wenn man die vorherigen Bände gelesen hat.
Der fünfte 100 Bullets“-Band „Du sollst nicht töten“ ist dagegen, wieder einmal, eine davon fast unabhängige Geschichte, die deshalb auch ohne Kenntnis der vorherigen Bände gelesen werden kann.
Nach einem Unfall läuft L.A.-Privatdetektiv Milo Garret mit einem bandagierten Gesicht durch die Welt. Schon im Krankenhaus hat ihn Agent Graves ihm gesagt, dass der Unfall eine Botschaft war und Garret nicht der Empfänger, sondern der Bote sei. Außerdem hat er ihm einen Koffer mit 100 Kugeln gegeben. Garret beginnt herumzuschnüffeln, denn: „Es war alles da, so offensichtlich, wie meine Nase es mal war, Wer, Wann und Wie. Die Dreierwette. Aber kein Warum. Kein Motiv, Keine Zweierwette. Kein Wunder, dass ich dachte, der geschenkte Gaul hätte falsche Zähne.“
Diese PI-Story ist ein Fest für Hardboiled-Fans, die nicht zum hunderttausendesten Mal ihren Chandler, Hammett oder einen seiner vielen Nachfolger genießen wollen. In „Du sollst nicht Töten“ gelingt dem Team Brian Azzarello/Eduardo Risso wieder einmal die Verbindung von Tradition und Innovation vorzüglich.
Ed Brubaker/Sean Philllips: Criminal 3 – Grabgesang
(übersetzt von Claudia Fliege)
Panini, 2009
104 Seiten
14,95 Euro
–
Originalausgabe
Criminal: The Dead and the Dying
Icon, 2008
–
enthält
Eine zweite Chance in der Hölle (Criminal Vol. 2.1: Second Chance in Hell, Februar 2008)
Ein Wolf unter Wölfen (Criminal Vol. 2.2: A Wolf among Wolves, März 2008 )
Das Weibchen der Art (Criminal Vol . 2.3: Female of the Species, April 2008)
–
Brian Azzarello/Eduardo Risso: 100 Bullets 4 – Abservierte leben länger
(übersetzt von Claudia Fliege)
Panini, 2009
272 Seiten
26,95 Euro
–
Originalausgabe
100 Bullets Vol 4: A foregone tomorrow
Vertigo/DC Comics, 2002
–
enthält
100 Bullets, Vol. 20 – 30 (Vertigo/DC Comics 2001/2002)
– The Mimic (Imitator)
– Sell Fish and Out to Sea (Egoshooter, Teil 1 – 2)
– Red Prince Blues (Red Prince Blues, Teil 1 – 3)
– Mr. Branch and the Family Tree (Mr. Branch und der Familienstammbaum)
– Idol Chatter (Götterdämmerung)
– Contrabandolero (!Contrabandolero!, Teil 1 – 3)
–
Brian Azzarello/Eduardo Risso: 100 Bullets 5 – Du sollst nicht töten
(übersetzt von Claudia Fliege)
Panini 2009
148 Seiten
16,95 Euro
–
Originalausgabe
100 Bullets Vol. 5: The Counterfifth Detective
Vertigo/DC Comics, 2002
–
enthält
100 Bullets, Vol. 31 – 36 (Vertigo/DC Comics 2002)
–
Hinweise
zu Ed Brubaker/Sean Phillips
Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips“ „Criminal 1 – Feigling“ (Criminal 1: Coward, 2007)
Meine Besprechung von Ed Brubaker/Colin Wilsons „Point Blank“ (Point Blank, 2003)
zu Brian Azzarello/Eduardo Risso
News A Rama: Interview mit Brian Azzarello (Oktober 2006)
UGO: Interview mit Brian Azzarello (circa 2006)
Comics Bulletin: Interview mit Brian Azzarello (circa 2006/2007)
EMF: Interview mit Marcello Frusin (29. Februar 2008)
Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos “Jonny Double” (Jonny Double, 2002)

Wenn ein Mann unter falschem Namen in Kapstadt lebt und er bereits auf den ersten Seiten vor seiner Frau und dem vierjährigem Sohn während des Abendessens zwei Kleinkriminelle umbringt, dann ist die Marschrichtung für die kommenden 350 Seiten vorgegeben. Denn Roger Smith hat mit seinem Debüt „Kap der Finsternis“ keinen Heile-Welt-Krimi, sondern einen Noir geschrieben.
Zu den Spielregeln des Genres gehört, dass Jack Burn sich nicht an die Polizei wendet, sondern die Leichen auf einer Müllkippe entsorgt. Zwei tote Verbrecher mehr fallen in der Millionenstadt mit der hohen Mordrate nicht weiter auf, denkt er sich. Aber die beiden Verbrecher haben für den fetten, stinkenden, korrupten, mordlüsternen Inspector Rudi „Gatsby“ Barnard (der deutlich an den von Orson Welles in „Im Zeichen des Bösen“ verkörperten Polizeichef Quinlan erinnert) gearbeitet. Und im Nachbarhaus hat der entstellte Nachtwächter Benny Mongrel die Tat beobachtet. Mongrel ist ein harter Hund, der nach seinem letzten Knastaufenthalt und einer Gangvergangenheit, ein ehrliches Leben beginnen will. Zunächst beobachtet er unbeteiligt die Ereignisse im Nachbarhaus. Immerhin gehörten die beiden Toten zu einer verfeindeten Gang.
Wie sich mit diesem Trio auf den folgenden Seiten die Geschichte entwickelt, ist natürlich ziemlich vorhersehbar. Dabei wird sie öfters von Zufällen und weniger vom zielgerichteten Agieren der einzelnen Charaktere vorangetrieben. Das beginnt schon damit, dass die toten Gangster zufällig bei Burn hereinstolperten (aber irgendwie muss die Geschichte ja beginnen), dass die Leichen schnell entdeckt werden, dass Inspector Barnard von einem jugendlichen Zeugen zu ihnen geführt wird, er ihn umbringt und auch diese Leiche verdächtig schnell entdeckt wird, dass Barnard ziemlich schnell weiß, wer der Täter ist, dass gerade jetzt ein unbestechlicher Korruptionsermittler gegen ihn ermittelt, undsoweiter.
Dafür zeichnet Drehbuchautor, Regisseur und Produzent Roger Smith ein eindrucksvolles Bild der unschönen Seiten seiner Heimat. Da ist ein Polizist noch der unumschränkte Herrscher in seinem Revier, der nach eigenem Gutdünken Menschen umbringt. Es gibt kaum kontrollierte Jugendgangs und wenn Arm/Schwarz und Reich/Weiß in „Kap der Angst“ aufeinandertreffen, fließt Blut.
Smith wechselt souverän zwischen den verschiedenen Handlungen und treibt sie elliptisch auf die letzte tödliche Konfrontation zu. Der Showdown in den Flats erinnert dann an die letzten Minuten von „Training Day“.
Insgesamt ist „Kap der Finsternis“ von Roger Smith ein gelungenes Noir-Debüt, das neugierig auf sein nächstes Werk macht.
Inzwischen sind die Filmrechte verkauft. Kelly Masterson (Before the Devil knows you’re dead) soll das Drehbuch schreiben und Samuel L. Jackson den Korruptionsermittler Disaster Zondi spielen.
Rogers Smiths zweiter Roman „Wake up dead“ erscheint in den ersten Tagen des kommenden Jahres.
Roger Smith: Kap der Finsternis
(übersetzt von Jürgen Bürger und Peter Torberg)
Tropen, 2009
368 Seiten
21,90 Euro
–
Originalausgabe
Mixed Blood
Henry Hold and Company, 2009
–
Hinweise
The Big Thrill: Interview mit Roger Smith
Crime Beat: Roger Smith verrät seine zehn Lieblingskrimis (feine Liste, auch wenn, nein, weil ich die meisten Werke schon gelesen habe)
Crime Beat: Interview mit Roger Smith


„Beweise lügen nicht“, sagt Gil Grissom in „C. S. I.“ immer wieder seinen Mitarbeitern. Der von Jeffery Deaver erfundene, nach einem Unfall ans Bett gefesselte geniale Ermittler Lincoln Rhyme würde ihm sofort zustimmen. Aber in „Der Täuscher“ ist sein Cousin Arthur Rhyme, den er seit Jahren nicht mehr gesprochen hat, angeklagt einen Mord begangen zu haben. Rhyme sieht sich die erdrückenden Beweise an. Nach seiner Meinung sind sie zu gut, um wahr zu sein. Er glaubt, dass sie gefälscht wurden und zusammen mit Amelia Sachs beginnt er nach ähnlichen Fällen zu suchen. Sie werden fündig. Ihre Ermittlungen führen sie letztendlich zu Strategic Systems Datacorp. SSD sammelt Daten aus verschiedenen Quellen, hauptsächlich Kundendaten von Unternehmen, verknüpft sie zu Kundenprofilen und verkauft diese vor allem an Firmen, die dann die Kunden zielgenau ansprechen können. SSD-Chef Andrew Sterling ist für einen Kriminalroman verdächtig hilfsbereit und, aufgrund der Zugangscodes können sie den Kreis der Tatverdächtigen auf sieben Mitarbeiter eingrenzen.
Selbstverständlich erfährt der Mörder von Rhymes Ermittlungen und er beginnt zurückzuschlagen.
Bereits vor gut zehn Jahren beschäftigte Jeffery Deaver sich mit den Gefahren des Computers. In „Lautloses Duell“ wird Lara Gibson in Silicon Valley ermordet. Der ermittelnde Detective Anderson glaubt, dass der Täter sich die Informationen über Gibson irgendwie über ihren Computer besorgte. Er spannt den genialen Hacker Wyatt Gilette, der gerade eine Haftstrafe verbüßt, in die Ermittlungen ein. Dank Gilette finden sie heraus, dass der Mörder in Silicon Valley in der Realität ein Computerspiel spielt, sich im Netz Phate nennt, und jetzt unter falscher Identität im Valley lebt. Als er Anderson ermordet und die ermittelnden Beamten herausfinden, dass Gilette und Phate sich von früher kennen und ein Insider Phate mit Informationen versorgt, flüchtet Gilette.
Jeffery Deaver liefert im achten Lincoln-Rhyme-Roman „Der Täuscher“ und dem bereits 2001 erschienenen Einzelwerk „Lautloses Duell“ natürlich die bei ihm gewohnte nervenzerfetzende Spannung mit den überraschenden Schlusstwists. In beiden Büchern verfolgt er aber auch ein sehr honoriges Anliegen: er will über die Gefahren der Informationsgesellschaft aufklären. In „Lautloses Duell“ sind es die damals auf öffentlichen und privaten Computern kaum gesicherten persönlichen Daten, anhand derer mühelos komplette Profile erstellt werden können. Heute sind die Daten besser gesichert. Dafür ist Deavers damals doch ziemlich fantastische Idee mittels eines Programms unbemerkt auf einzelne Computer zuzugreifen, heute sehr realistisch. Denn verschiedene Sicherheitsinstitutionen, am prominentesten das BKA, sollen mittels eines Trojaners, der online und ohne das Wissen des Besitzer (und seiner Sicherheitsprogramme) auf einen Computer geschmuggelt werden kann, auf die Daten des PC-Besitzers zugreifen können.
In Diskussionen sagt BKA-Chef Jörg Ziercke, wenn PC-Experten die Funktionsfähigkeit eines Trojaners für polizeiliche Ermittlungen bezweifeln, immer wieder, dass seine Männer gut genug seien, unbemerkt einen Trojaner auf einem PC zu installieren. Wenn das stimmt, dann ist das eine sehr beunruhigende Vision. Denn selbstverständlich wissen dann nicht nur die vom BKA bezahlte Computerexperten, wie es geht.
In „Der Täuscher“ stehen die inzwischen auch in Deutschland immer größer werdenden privaten Datenbanken im Mittelpunkt. Diese werden unter anderem mit Payback-Karten, Online-Bestellungen und Bezahlungen per Kreditkarte weitgehend unkontrolliert von staatlicher Kontrolle gefüttert und aufgrund firmeninterner Verflechtungen können hier schnell aussagekräftige Profile über bestimmte Kunden und Kundengruppen (wie auf einer sehr einfachen Ebene die Buchempfehlungen bei Amazon aufgrund gekaufter und bewerteter Bücher zeigen) erstellt werden.
Gleichzeitig zeigt Deaver, welche Folgen falsche Daten haben. Weil inzwischen immer mehr Kommunikation über Computer erledigt wird, wird diesen Daten oft blind geglaubt. Das kann, wie Deaver in „Der Täuscher“ zeigt, die Existenz eines Menschen vernichten. Die späteren Angriffe des Mörders gegen Rhyme und sein Team wären, falls sie nicht so bekannt wären (Hey, der Held stirbt nicht!), geeignet, ihr gesellschaftliches Leben zu vernichten.
In „Lautloses Duell“ wird am Ende der Glaube des SEK-Teams an die per Computer übermittelten Einsatzbefehle Wyatt Gilette und seiner Familie fast zum Verhängnis. Denn wenn der Schießbefehl korrekt authentifiziert ist, muss er wahr sein.
Die genaue Recherche in der Welt der elektronischen Datenverarbeitung bildet bei Jeffery Deaver den Hintergrund für zwei spannende Thriller voller Überraschungen, falscher Spuren und atemberaubender Wendungen. Während „Lautloses Duell“ sich vor allem auf den Zweikampf zwischen den beiden Hackern konzentriert, gibt es in „Der Täuscher“ noch einen Rätselplot. Denn Rhyme muss herausfinden, wer von den Verdächtigen der Mörder ist.
Deaver warnt in „Lautloses Duell“ und „Der Täuscher“ vor den Gefahren eines allzu sorglosen Umgangs mit Daten im Netz, aber er verfällt nicht in blinden Alarmismus oder Technikfeindschaft. Denn dann müsste der an sein Bett gefesselte Lincoln Rhyme seine Arbeit als Ermittler aufgeben und Wyatt Gilette dem Hackertum abschwören. Aber das werden sie nicht tun.
Jeffery Deaver: Der Täuscher
(übersetzt von Thomas Haufschild)
Blanvalet, 2009
544 Seiten
19,95 Euro
–
Originalausgabe
The Broken Window
Simon & Schuster, 2008
–
Jeffery Deaver: Lautloses Duell
(übersetzt von Gerald Jung)
Goldmann, 2009
512 Seiten
8,95 Euro
–
Originalausgabe
The blue nowhere
Simon & Schuster, 2001
–
Deutsche Erstausgabe
Goldmann, 2002
–
Hinweise
Jeffery Deaver in der Kriminalakte
Meine Besprechung von Jeffery Deavers Kurzroman „Auf ewig“ (Forever, 2005)
Meine Besprechung von Jeffery Deavers Kurzgeschichtensammlung “Gezinkt” (More twisted, 2006)
Meine Besprechung von Jeffery Deavers „Die Menschenleserin“ (The sleeping doll, 2007)

Milde Spoilerwarnung: Ich verrate zwar nicht das Ende von „Splitter“, aber ganz ohne Spoiler geht es nicht.
–
Nachdem ich die vorherigen Romane von Sebastian Fitzek verschlungen habe, ist „Splitter“ eine herbe Enttäuschung. Die Geschichte ist während des Lesens und auch im Rückblick einfach zu unglaubwürdig.
Dabei ist der Anfang Fitzek-typisch verheißungsvoll. Marc Lucas geht zu dem abgeschieden lebenden Professor Niclas Haberland (bekannt aus „Der Seelenbrecher“). Er ist schwer verletzt und zweifelt, ob er wirklich lebt. Der Professor sagt ihm, er sei leider zu spät gekommen, aber er werde ihm jetzt erzählen, warum er in diesem bemitleidenswertem Zustand sei.
Fast die gesamte folgende Erzählung ist dann eine Rückblende. Vor elf Tagen wurde Lucas eingeladen an einem Experiment teilzunehmen. Lucas hat vor sechs Wochen bei einem von ihm verschuldeten Autounfall seine schwangere Frau verloren und er möchte dieses Ereignis gerne vergessen. Forschungsleiter Professor Bleibtreu erklärt ihm, er forsche an gezielten Amnesien und Marc Lucas sei ein geeigneter Teilnehmer.
Lucas zögert noch. Er weiß nicht, ob er wirklich Teile seines Gedächtnisses verlieren will.
Als er in seine Wohnung zurückkehren will, ist das Türschild und das Schloss ausgetauscht und seine totgeglaubte Frau öffnet die Tür. Sie erkennt ihn aber nicht. Lucas ist verunsichert. Er will herausfinden, was los ist und geht zurück zur Klinik. Aber statt vor der Klinik, steht er vor einer Baugrube. Er wird verfolgt. Er zweifelt, ob er nicht wahnsinnig wird. Eine offensichtlich paranoide Frau erzählt ihm etwas von einer Verschwörung.
Klingt spannend? Immerhin ist die Geschichte des Mannes, der glaubt seinen Verstand zu verlieren, ein gut etabliertes Subgenre. Mal wird er wirklich wahnsinnig. Mal erkennt er so die Wirklichkeit. Mal ist es ein Komplott. Am effektivsten wird die Geschichte in der ersten Person erzählt. Dann erleben wir alles aus der Perspektive des Erzählers, der an seinem Verstand zweifelt. Es ist nicht möglich zu unterschieden, ob der Erzähler die objektive oder nur eine subjektive Wahrheit erzählt. Denn wenn der Ich-Erzähler glaubt, dass ein sprechender Hase auf seiner Couch sitzt, dann sitzt dort ein sprechender Hase (und innerhalb der Realität einer Geschichte kann dort wirklich ein sprechender Hase sitzen).
Wenn die Geschichte in der dritten Person erzählt wird, wie Fitzek es tut, dann gibt es auch immer die objektive Perspektive, die uns sagt, dass auf der Couch kein Hase sitzt. Außerdem schreibt Fitzek keine Fantasy- oder Horror-Romane (in denen das Übernatürliche einen festen Platz hat), sondern Thriller.
Durch die gewählte Perspektive ist klar, dass irgendjemand möchte, dass Lucas sein Gedächtnis auf die eine oder anderen Art verliert. Allerdings soll er nicht sterben. Und, das ergibt sich aus der Größe der Verschwörung, muss der Hintermann sehr einflussreich sein und Lucas etwas sehr wichtiges Besitzen.
Jedenfalls müsste natürlich versuchen, herauszufinden, wer ihn warum in den Wahnsinn treiben will. Die meiste Zeit wird er, wie ein Flipperkugel, von dem einen Ende der Stadt zum anderen gestoßen. Bei der ganzen Lauferei erfährt er allerdings nichts, was ihn näher an die Lösung des Rätsels bringt.
Allerdings ist auch unklar, welche Ziele der oder die Bösewichte haben. Alles ist zufällig und willkürlich. Seine Frau ist mal in seiner Wohnung. Dann wieder nicht. Der Schwiegervater verschwindet plötzlich spurlos aus der Wohnung. Jemand hilft ihm, der sich eine Szene später als Bösewicht herausstellt. Und umgekehrt. Krankenpfleger jagen durch die Stadt. Eine Verrückte hilft ihm. Oder ist diese Verrückte gar nicht verrückt, sondern, wie sie behauptet, einem großen Komplott auf der Spur? Das wird von Fitzek genauso konfus erzählt, wie es sich jetzt hier liest.
Denn Lucas agiert in dieser Nacht nicht auf ein Ziel hin. Seine Handlungen sind ein meist intuitives agieren auf plötzlich auftauchende neue Situationen. Wie in einer Geisterbahn wird er passiv (Schreien ist natürlich erlaubt.) durch eine Parcours geführt. Dabei kommt er der Antwort auf die Frage, warum eine Organisation den ganzen Aufwand betreibt, um einen unbedeutenden Sozialarbeiter in den Wahnsinn zu treiben, keinen Schritt näher. Obwohl viel passiert, passiert letztendlich doch nichts.
Gestreckt wird die Geschichte von Lucas durch eine zweite Geschichte. In ihr soll sein gerade aus der Psychiatrie entlassener Bruder Benny, im Auftrag eines Gangsters, einen investigativen Journalisten umbringen und danach sofort aus Berlin verschwinden. Einerseits hat dieser Subplot offensichtlich nichts mit der Hauptgeschichte zu tun. Aber andererseits muss Bennys Geschichte, so die Vermutung beim Lesen, irgendwie mit Lucas‘ Geschichte zusammenhängen. Weil diese Vermutung falsch ist, könnte Bennys Geschichte umstandslos gestrichen werden. Dann würde zwar eine, nie überzeugende, falsche Fährte wegfallen, aber die Geschichte von Lucas würde an Kraft gewinnen und uns würde mindestens eine idiotische Situation (Ich sage nur: Leiche im Badezimmer.) erspart.
Am Ende präsentiert Fitzek zwar eine Erklärung für das Spiel mit der geistigen Gesundheit von Lucas. Eigentlich gibt es sogar zwei Erklärungen. Aber die erste ist nicht logisch. Denn der Bösewicht hätte sein Ziel auch viel einfacher erreichen können. Die zweite Erklärung hat zwar einen netten Aha-Effekt, aber sie verstößt gegen die innere Logik der Geschichte.
Gerade weil Sebastian Fitzek schon bessere Schmöker geschrieben hat, ist „Splitter“ so enttäuschend.
Anmerkung: Die hoffnungslos überfüllte Buchvorstellung im Oskar-Helene-Heim war gewohnt gut. Für die VIPs gab’s Häppchen in der Pathologie (Spätes Mittagessen war eine doofe Idee.), eine Führung durch die Klinik (Schwester Mildred Ratched hätte die Einrichtung gefallen.) und sogar noch einen Sitzplatz (Nein, es war kein reservierter Platz.). Fitzek erzählte locker-flockig von Erlebnissen, die er gerne vergessen würde (Falls er sie nicht erfunden hat. Aber dafür wird ein Autor bezahlt.). Simon Jäger, der Sprecher des Hörbuchs, las einige Passagen aus „Splitter“ vor.
Sebastian Fitzek: Splitter
Droemer, 2009
384 Seiten
16,95 Euro
–
Hinweise
Sebastian Fitzek in der Kriminalakte
Meine Besprechung von Sebastian Fitzeks „Der Seelenbrecher“ (2008)

Es gibt Verlage, die machen irgendwie alles. Dann gibt es andere, die haben ein spezielles Profil: hohe Literatur, Trash, Häkelkrimis, Hardboiled. Manchmal ist der Name Programm: Hard Case Crime, Pulp Master, Schwarze Reihe, Crime Classic – und die Kundschaft reagiert darauf.
Bei der jetzt gestarteten Suhrkamp Krimireihe ist dieses Profil, je nach Perspektive, entweder undogmatisch breit oder schlichtweg beliebig. In den ersten Bänden sind, nach einem Blick auf die Vorschau die verschiedenen Genrevarianten von Noir bis Romantic Thriller mit aktuellen Werken vertreten. Die Geschichten spielen in verschiedenen, bei Krimilesern derzeit beliebten Ländern von Deutschland über Italien, Skandinavien, Amerika bis nach Australien und zu verschiedenen Zeiten von den Dreißigern bis zur Gegenwart. Hier zeigt sich, wenn es denn eine Gemeinsamkeit gibt, der starke und bei anderen Verlagen nicht so deutliche Trend, die Geschichten in der jüngeren Vergangenheit spielen zu lassen.
Auch das Debüt „Miss Winters Hang zum Risiko“ von Kathryn Miller Haines spielt in der Vergangenheit: im Kriegsjahr 1942/1943 in New York. Die arbeitslose Schauspielerin Rosie Winter entdeckt in der Silvesternacht die erhängte Leiche ihres Chefs Jim McCain im Schrank des Büros. Der Privatdetektiv McCain hatte neben der normalen Kundschaft auch die Rosie unbekannte Feuerleiter-Kundschaft. Der ermittelnde Polizist verbucht den Fall sofort unter Selbstmord. Rosie dagegen, will die Ehre ihres Chefs wieder herstellen. Sie wird von der Witwe McCains beauftragt, das Büro auszuräumen. Dabei trifft sie einen der Feuerleiter-Kunden. Der Theaterschriftsteller Raymond Fielding hatte McCain beauftragt, ein aus seinem Safe gestohlenes Manuskript zu finden. Jetzt möchte Fielding, dass Rosie den Fall übernimmt. Sie tut es und kurz darauf stirbt auch Fielding. Rosie vermutet, dass das verschwundene Theaterstück, das bei seiner Veröffentlichung einen Skandal auslösen soll, der Grund für die Morde ist. Das Office of War Information, McCains Sohn und ungefähr jeder Theaterregisseur möchte das Stück haben. Da trifft es sich gut, dass Rosie ein neues Engagement erhält. Zwar nur als Zweitbesetzung, aber immerhin bei einem noch unbekannten Fielding-Stück.
Kathryn Miller Haines’ Erzählerin in „Miss Winters Hang zum Risiko“ ist eine sympathische, arbeitslose Broadway-Schauspielerin. Rosie Winter ist, wie wir es seit Chandlers Tagen bei Privatdetektiven (mit und ohne Lizenz) gewöhnt sind, nicht auf den Mund gefallen und nie um einen schrägen Vergleich verlegen. Auch dass die Geschichte in den frühen Vierzigern spielt, erinnert an Chandler, Hammett und Konsorten. Aber im Krieg waren die jungen Männer im Ausland und, nach den vielen zeitgenössischen Hardboiled-Detektivinnen wurde es auch Zeit, dass endlich einmal eine Frau in der Vergangenheit ermittelt. Mit Rosie Winter hat Kathryn Miller Haines eine wirklich angenehme Erzählerin erfunden. Als junge Frau ist sie noch nicht so abgebrüht wie Marlowe. Sie sieht, immerhin hat sie noch ihr ganzes Leben vor sich, eher die positiven Seiten. Auch wenn sie schon seit Monaten kein Engagement mehr hatte und sie bald aus dem Zwei-Bett-Zimmer in dem drakonisch geführten Künstlerhotel ausziehen muss.
Aber nach einem flotten Beginn (sie entdeckt im ersten Kapitel McCains Leiche) geraten Rosie Winters Ermittlungen in der Mitte zu sehr ins Stocken. Dann nehmen die Konkurrenzkämpfe der Jungschauspielerinnen und die Proben für ein Stück des verstorbenen Fielding zu viel Zeit in Anspruch. Teilweise scheint sie sogar zwischen Proben und abendlichen Barbesuchen in Halbweltclubs vollkommen das Interesse an den Ermittlungen zu verlieren. Nur irgendwelche Zufälle bringen sie dann wieder zum Mörderjagen (und damit zu dem Grund, warum wir das Buch in die Hand genommen haben).
Wenn am Ende der Mörder überführt und das verschwundene Stück gefunden wird, ist die Erklärung, warum so viele Menschen potenziell bereit waren für das Stück und den die Welt erschütternden Inhalt zu morden, unglaubwürdig. Denn das Theaterstück ist kein beliebig austauschbarer MacGuffin. Es ist von seinem Schreiber Fielding als Krönung seines Schaffens und seines ästhetischen Konzepts, nach dem die Macher hinter dem Stück verschwinden sollen, geplant.
Das ist dann doch etwas zu viel für einen netten Softboiled-Krimi, der sich wie eine etwas längliche Mischung aus einem Vierziger-Jahre-B-Krimi und einem süßlichen Hollywood-Melodrama zwischen Künstlergarderobe und Gangsterkneipe liest.
Anmerkung: Viele der Kapitelüberschriften sind Filmtitel.
–
Kathryn Miller Haines: Miss Winters Hang zum Risiko
(übersetzt von Kirsten Riesselmann)
Suhrkamp, 2009
496 Seiten
9,95 Euro
–
Originalausgabe
The War against Miss Winter
HarperCollins Publishers, 2007
–
Hinweis
Homepage von Kathryn Miller Haines
–
Vorschau: Die ersten Suhrkamp-Krimis
Christian Doyle/Simon Pasternak: Der deutsche Freund (1979 in Dänemark spielender Polit-Thriller)
Don Winslow: Pacific Private (In Kalifornien spielender PI-Noir)
Maurizio de Giovanni: Der Winter des Commissario Ricciardi (In den Dreißigern in Neapel spielender Polizeikrimi; erscheint Juni 2009)
Rosa Ribas: Kalter Main (in Frankfurt spielender Polizeikrimi; erscheint Juli 2009)
Adrian Hyland: Outback Bastard (in Australien spielender PI-Krimi; erscheint August 2009)
Don Winslow: Frankie Machine (in Kalifornien spielender Gangsterkrimi; hochkarätige Verfilmung geplant; erscheint September 2009)
Regula Venske: Der Bajazzo („Best Ager“ wollen den Mörder einer mumifizierten Leiche finden; erscheint Oktober 2009)
Soti Triantafillou: Das Zeichen des Jägers (von einem Griechen geschriebener 1990 in New York spielender Privatdetektivkrimi; erscheint November 2009)
Ingrid Hedström: Die toten Mädchen von Villette (Eine Ermittlungsrichterin jagt 1994 in Belgien einen Serienmörder; erscheint Februar 2010)
Margaret Coel: Ein leichtes Ziel (In Denver wird eine investigative Reporterin von einem Killer gejagt; erscheint März 2010)


Alan Dean Foster gelang wahrscheinlich als erstem Autor das Kunststück, gleichzeitig zu mehreren potentiellen Blockbustern den Roman zum Film geschrieben zu haben. Er schrieb, neben einigen anderen Büchern, die Filmromane zu „Star Trek“, „Terminator: Die Erlösung“ und „Transformers“. „Star Trek“ und „Terminator: Die Erlösung“ wurden übersetzt. Bei „Transformers“ schrieb Foster auch ein Prequel und beide „Transformers“-Bücher erscheinen, so der derzeitige Stand, nicht auf Deutsch. Deshalb bespreche ich nur die beiden übersetzten Werken des Altmeisters des Science-Fiction-Filmromans („Krieg der Sterne“, „Alien“, „Outland“) und wie sehr ihre Geschichte überzeugt.
Mein Fantum für „Terminator“ und „Raumschiff Enterprise“ beschränkt sich weitgehend auf den Genuss der „Terminator“-Spielfilme, der TV-Serie „Terminator S. C. C.“ (wobei die erste Staffel nach einem guten Beginn rapide abbaute), der ersten „Raumschiff Enterprise“-Serie und einiger „Raumschiff Enterprise“-Romane. Die späteren „Star Trek“-Serien kollidierten dann zu sehr mit meiner Freizeitplanung und, weil mir keine bekennenden Trekkies in den Ohren lagen, verzichtete ich auf weitere Abenteuer aus dieser Welt.
Daher, so dachte ich, dürfte der „Star Trek“-Reboot nicht mit meinen Erinnerungen kollidieren. Der vierte „Terminator“-Spielfilm spielt ja sowieso in der bislang filmisch noch nicht oder kaum erforschten Zukunft und soll an die Filme anknüpfen. Regisseur McG meint: „Wir haben unser Bestes getan, um uns an die Zeitvorgaben der vorherigen Filme zu halten.“ Das klingt doch ganz verheißungsvoll und weil ich letztendlich einfach gut unterhalten werden will, ist mir die Geschichte wichtiger als dass jedes Detail der vorherigen Filme genauestens beachtet wird.
Nachdem ich Alan Dean Fosters Filmromane gelesen habe, kann ich nur sagen: ich habe mich geirrt.
Aufbruch zu neuen Galaxien: Star Trek
Beginnen wir mit dem schon länger im Kino laufenden „Star Trek“ und Alan Dean Fosters Roman zum Film. Nachdem in den vergangenen Jahrzehnten wahrscheinlich jeder Winkel des „Star Trek“-Universums ausgeleuchtet wurde, entschlossen Regisseur J. J. Abrams und die Drehbuchautoren Roberto Orci und Alex Kurtzman sich zu einem beherzten Relaunch, indem sie erzählen, wie die Besatzung der Enterprise zu einem Team wird. Um das ganze spannender zu gestalten, müssen Kirk, Spock und die restliche Enterprise-Besatzung gegen den durchgeknallten Romulaner Nero kämpfen. Denn in der Zukunft zerstörte Spock irrtümlich seine Welt. Also springt Nero, um sich an Spock zu rächen, in der Zeit zurück. Außerdem möchte er durch den Zeitsprung die Zerstörung seines Heimatplaneten verhindern. Neros erste Tat nach dem Zeitsprung ist die Ermordung von Kirks Vater (und einiger anderer Erdbewohner).
Nach diesem Eingriff in die Zeitlinie befinden wir uns in einer anderen Zukunft (oder Gegenwart), in der zwar vieles wie in der „Raumschiff Enterprise“-Serie ist, aber, das haben Zeitreisen so an sich, halt nicht alles. James T. Kirk wächst als Waise auf und, nachdem er sich bei der Sternenflotte meldet, ist auf der Enterprise Spock sein Vorgesetzter. Das einzige was die beiden zunächst verbindet, ist eine herzliche gegenseitige Abneigung. Diese hat sich nach gut zwei Kinostunden und etwas Hilfe von dem älteren Spock, der ebenfalls in der Zeit zurückreiste, in die aus der TV-Serie bekannte Freundschaft verwandelt.
„Star Trek“ ist ein schmissiges mit viel Humor erzähltes Weltraumabenteuer, bei dem die Helden sich mit einer optimistischen „Was kostet die Welt“-Attitüde in das Abenteuer stürzen und, während ihrer ersten Bewährungsprobe, zu einem Team zusammenwachsen. Im Zentrum steht dabei natürlich die Freundschaft der beiden unterschiedlichen Charaktere James T. Kirk und Spock. Während der eine mehr Herz (oder Abenteurer und Hasardeur, aber natürlich superintelligent) ist, ist der andere vor allem Hirn (wenn da nicht die Sache mit der menschlichen Mutter wäre und auch sein vulkanischer Vater hat Gefühle). Am Ende haben beide erkannt, dass Herz und Hirn (wie wir schon seit „Metropolis“ wissen) zusammengehören.
Alan Dean Foster schmückte diese Geschichte in dem gelungenen Filmroman mit einigen weiteren Episoden und längeren Szenen mit Kirk, Spock und der „Raumschiff Enterprise“-Besatzung aus. Dagegen ist der Bösewicht Nero im Film wesentlich präsenter und überzeugender motiviert. „Star Trek“ ist, wenn man nicht zu sehr auf die Logik achtet (die bei Zeitreisen immer an ihre Grenzen stößt), ein feines Weltraumabenteuer.
Totalschaden: Terminator – Die Erlösung
Bereits die ersten Bilder und Trailer für den vierten „Terminator“-Spielfilm schlagen dagegen einen ganz anderen Ton an. Alles ist unglaublich schmutzig, staubig, dreckig, dunkel und es kracht ordentlich. Der Kampf der letzten Menschen gegen die bösen Roboter wird als actionlastiger, in der Wüste und in Ruinen spielender Kriegsfilm verkauft. Das sieht nicht gerade nach dem „Terminator“-Film, den wir erwartet haben, aus, aber „Black Hawk Down“ und „Jarhead“ waren ja okay. Beim Dreh scheint dann das Drehbuch von John Brancato und Michael Ferris, denen wir „The Game“, „Das Netz“, „Catwoman“ und „Terminator 3“ verdanken, zur freien Verfügungsmasse von McG und Christian Bale geworden zu sein.
Denn Alan Dean Foster schreibt auf seiner Homepage, er habe nach der Abgabe des Buchmanuskripts vom Verlag einige Änderungswünsche erhalten (nicht ungewöhnlich) und, nachdem er das verfilmte Drehbuch gelesen habe, hat er den gesamten Roman neu geschrieben. Denn er hält es für seine Aufgabe, einen Roman zu schreiben, der möglichst nah an dem Film ist. Dafür nimmt er den Zeitdruck und den oft begrenzten Zugang zu Material, wie Skizzen, Setaufnahmen und Filmaufnahmen (vom Sichten des Rohschnitts vor dem Schreiben kann meistens nur geträumt werden), in Kauf. Bei „Terminator: Die Erlösung“ scheint Alan Dean Foster, nach den durchgängig sehr knappen Beschreibungen von Menschen, Gebäuden und Robotern, nur über das Drehbuch verfügt zu haben. Und das ist ein ziemlich zusammengehauenes Desaster, das auch ohne die vorherigen „Terminator“-Filme als postapokalyptischer Kriegsfilm ein unlogisch, wirres Werk mit schlecht motivierten Charakteren, die nur die wenigen Minuten zwischen den Action-Szenen überbrücken sollen, wäre.
Die bestenfalls rudimentäre Geschichte geht so: In der Gegenwart sitzt Marcus Wright in der Todeszelle. Er vermacht seinen Körper der Wissenschaft. 2018 wacht Marcus Wright nackt in der Wüste auf. Die letzten Menschen kämpfen gegen die Skynet-Roboter. Wright wird von dem Teenager Kyle Reese und dem Mädchen Star vor den Robotern gerettet. Sie lernen sich kennen und machen sich gemeinsam auf die Reise. Kurz darauf entführen Roboter Kyle und Star. Wright, der zu seinem Erstaunen über Superkräfte verfügt, kann nach einem Kampf entkommen. Er will seinen neuen Freunde retten.
Die Pilotin Blair Williams überzeugt ihn, mit ihr zu den Rebellen zu gehen. Nach einigen Kämpfen sind sie im Lager der Rebellen und, weit nach der Mitte des Buches, treffen Marcus Wright und John Connor zum ersten Mal aufeinander. Wright muss, nachdem eine Anti-Roboter-Mine ihn ziemlich zerstörte, mit der Entdeckung kämpfen, dass er offensichtlich ein Terminator ist. Connor muss sich fragen, ob er Wright vertrauen kann. Denn der von den Robotern entführte Kyle Reese steht auf einer Skynet-Todesliste ganz oben, er ist jetzt irgendwo in der Skynet-Zentrale und Wright könnte sie unentdeckt betreten. Während Connor noch überlegt, haut Wright (immerhin liegt die letzte Action-Szene schon einige Seiten zurück) ab.
Wir fragen uns währenddessen, warum die Roboter Kyle Reese noch nicht umgebracht haben (immerhin ist er, dank einer Zeitreise in Terminator 1, der Vater von John Connor), warum John Connor alle Roboter hasst (immerhin wurde er in Terminator 2 und 3 immer wieder von Robotern gerettet), warum die Rebellen ständig High-Tech-Sachen mit sich herumschleppen (wenn die Technik doch so Böse ist), warum der künftige Retter der Menschheit immer an vorderster Front kämpft, weshalb der inzwischen ziemlich unpassende Titel nicht geändert wurde und warum diese drittklassige Actionplotte unbedingt als Teil der „Terminator“-Reihe firmieren muss.
Denn „Terminator: Die Erlösung“ funktioniert nie als eine auch nur einigermaßen kohärente Story, sondern nur als eine Abfolge von im Multiplex sicher beeindruckenden Actionszenen. Die kurzen Dialoge sind nur rudimentäre Vorbereitungen für das nächste Kampfgetümmel, bei dem austauschbaren Menschen gegen gesichtslose Roboter kämpfen. Die durchaus interessante Geschichte von Marcus Wright, der zum Menschen wird, ist auch im Filmroman so kurz, dass sie nicht mehr nachvollziehbar ist. Im Film soll sie noch knapper ausfallen. Hier hätte man gerne genauer erfahren, wie ein gefühlloser Schwerverbrecher zu einem mitfühlenden Wesen wird. Dagegen könnten alle John-Connor-Szenen mühelos gestrichen werden. Aber, wie Devin Faraci in einem sehr lesenswerten Artikel über die verschiedenen Drehbuchfassungen schreibt, wollte „Batman“ Christian Bale unbedingt John Connor spielen und er wollte unbedingt mehr Leinwandzeit haben. Denn eigentlich sollte Connor nur einen kurzen Auftritt haben. Also wurden während des Drehs zusätzliche Connor-Szenen geschrieben und die stärkere Story dank eines Staregos und eines vor allem an Krach-Wumms interessierten Regisseurs terminiert.
Alan Dean Fosters Romanfassung von „Terminator: Die Erlösung“, die kaum mehr als ein in Prosa gekleidetes Drehbuch ist, deckt diese Defizite der Geschichte schonungslos auf. Denn der eigentliche Held von „Terminator: Die Erlösung“, Marcus Wright, ist (auch) im Buch nur eine Handlungsanweisung ohne Eigenleben und der Rest ist eine seelenlos-beliebige Abfolge von Actionszenen.
„Terminator: Die Erlösung“ ist nach den vorherigen „Terminator“-Filmen eine ziemliche Enttäuschung. Aber auch ohne diese Filme, die den Machern entgegen dem Pressegeblubber herzlich egal sind, wäre „Terminator: Die Erlösung“ eine schlechte Science-Fiction-Geschichte.
–
Alan Dean Foster: Star Trek
(übersetzt von Susanne Döpke; mit einem Interview mit J. J. Abrams und Alan Dean Foster)
Cross Cult, 2009
320 Seiten
12,80 Euro
–
Originalausgabe
Star Trek
Pocket Books, 2009
–
Alan Dean Foster: Terminator: Die Erlösung
(übersetzt von Ralph Sander)
Heyne, 2009
368 Seiten
8,95 Euro
–
Originalausgabe
Terminator Salvation: The Official Movie Novelisation
Titan Publishing, 2009
–
Hinweise
– Zu Alan Dean Foster
– Zu „Star Trek“
Amerikanische Homepage zum Film „Star Trek“
Deutsche Homepage zum Film „Star Trek“
Cross-Cult-Seite zu „Star Trek“
– Zu „Terminator: Die Erlösung“
Amerikanische Homepage zum Film „Terminator: Die Erlösung“
Deutsche Homepage zum Film „Terminator: Die Erlösung“
Film-Zeit über „Terminator: Die Erlösung“
Chud: Devin Faraci: What went wrong with „Terminator: Salvation“ (24. Mai 2009)

Nach dem Ende des Fischer Film Almanach 1999 und des Heyne Filmjahrbuch 2005 ist das von der katholischen Zeitschrift „film-dienst“ herausgegebene „Lexikon des internationalen Films“ inzwischen das letzte jährlich erscheinende Filmlexikon.
Das Kernstück des Buches bildet, wenig überraschend, eine kommentierte Aufstellung der 2008 in Deutschland im Kino, DVD und TV uraufgeführten Filme. Dabei scheinen die Macher mit über 2000 Filmen (grober Schätzwert) sich inzwischen wirklich als Komplettisten zu verstehen. Denn neben Spielfilmen, wozu auch restaurierte Stummfilme wie „Die Finanzen des Großherzogs“ gehören, und TV-Filmen (die schon seit längerem aufgenommen werden), werden inzwischen auch zahlreiche spielfilmlange Dokumentarfilme (die meistens im TV ihre Premiere erlebten) und TV-Serienfilme besprochen. So sind „Wilsberg“, „Nachtschicht“, „Mord in bester Gesellschaft“, „Donna Leon“, „Ein starkes Team“, „Inga Lindström“, „Die Landärztin“ (wir wollen ja nicht nur im Krimbereich bleiben), britische Serien, wie „Inspector Barnaby“, „Der Preis des Verbrechens“ und „Waking the Dead“, und die britische Miniserie „Mord auf Seite eins“ (Das Remake von „State of Play“ startet in unseren Kinos am 18. Juni) aufgeführt. Bei vielen Filmen gibt es, teils umfangreiche, Hinweise auf die DVD-Ausstattung und alternative Fassungen. Das ist vor allem bei Horrorfilmen wie „Saw“, die manchmal in mehreren Versionen auf den Markt geworfen werden, sehr sinnvoll.
Weil DVDs (und Blue-rays) inzwischen immer mehr von Filmfans gekauft werden, zeichnet die „film-dienst“-Redaktion außergewöhnlich gut ausgestatteten DVDs mit dem „Silberling“ aus. Die so ausgezeichneten Filme wurden auch in das Lexikon aufgenommen und die verschiedenen DVD-Ausgaben (wie bei „I am Legend“, „Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels“, „Jumper“, „The Dark Knight“ und „Dirty Harry“) werden kritisch vorgestellt. Dabei wurde ausschließlich auf die Qualität der Ausstattung und nicht die des Films geachtet. Denn etliche der gut ausgestatteten Filme haben den „film-dienst“-Kritikern nicht gefallen. So schreiben sie über „Alien vs. Predator 2“ (die Century3 Cinedition erhielt einen Silberling): „uninspirierter Science-Fiction-Horrorfilm, der allenfalls durch seine stümperhafte Dramaturgie und die lausig inszenierten Actionsequenzen auffällt“.
Aber meine Lieblingskritik (jedenfalls bis jetzt) ist zum Uwe-Boll-Film „Far Cry“ (mit Til Schweiger in der Hauptrolle): „Krachlederne Computerspiel-Verfilmung, die mit dem Charme billig heruntergekurbelter B-Filme kokettiert, sich in Wahrheit aber als schlecht gemachter A-Film entpuppt, in dem auch Schauspieler aus der zweiten Reihe hoffnungslos unterfordert sind.“
In ihren Kurzkritiken, damit jetzt kein falscher Eindruck entsteht, lobt die unabhängige Redaktion auch einige harte Horrorfilme, wie John Carpenters „Pro-Life – Des Teufels Brut“. Insgesamt gelingt es den Kritikern, wie schon seit langem, die Filme treffend und undogmatisch einzuordnen.
Neben den Kurzkritiken gibt es längere Kritiken zu den letztjährigen Lieblingsfilmen der „film-dienst“-Redaktion. Das sind „Gomorrha“, „Happy-Go-Lucky“, „Lornas Schweigen“, „No Country for Old Men“, „Schmetterling und Taucherglocke“, „The Dark Knight“, „Tödliche Entscheidung – Before the Devil knows you’re dead“, „WALL-E“ und „Waltz with Bashir“.
Drei der Redaktionslieblinge waren auch ein „Kinotipp der katholischen Filmkritik“. Diese sind natürlich ebenfalls aufgeführt. Abgeschlossen werden die Listen mit den Preisträgern von wichtigen Festivals und Preisverleihungen, einem umfangreichen Adressenteil und einem Register der Regisseure und Originaltitel (was zum Auffinden der Filme im Filmlexikon vollauf genügt. Für genauere Recherchen gibt es die IMDB).
Außerdem wird, neben einem Rückblick auf das Filmjahr 2008, die Veranstaltung des Verbandes der deutschen Filmkritik zum Verhältnis von Internet- und Zeitungsfilmkritiken dokumentiert. Der Auslöser für die Tagung war die Polemik „Warum wir die Filmkritik brauchen“ von Josef Schnelle in der Berliner Zeitung vom 14. August 2008. In ihr behauptet er, dass eine fundierte Filmkritik nur in Printmedien und nicht im Internet stattfinden könne. Die Aufregung war groß und hatte sich bis zur Tagung schon wieder gelegt. Dennoch sind die Vorträge und Diskussionen sehr lesenswert. Denn die kundigen Referenten fielen nicht in die Schlachtordnung von „wir sind gut – die sind böse“ zurück, sondern sie zeigten, welche Möglichkeiten das Netz bietet und wo die Grenzen sind. Gleichzeitig wurde über die Aufgabe von (Film)Kritik reflektiert.
Schade bei dem umfassenden Kompendium ist nur, dass die 2008 Verstorbenen, abgesehen von einigen Ausnahmen, nicht erwähnt werden und Zahlen über Kinobesuche, DVD-Käufe und Zuschauerquoten, die auch im Internet nur schwer zu finden sind, vollkommen fehlen.
–
film-dienst: Lexikon des internationalen Films – Filmjahr 2008
Schüren, 2009
640 Seiten
22,90 Euro
–
Hinweis

Zur Veröffentlichung von Horst Eckerts neuem Roman „Sprengkraft“ habe ich unserem besten Autor von Polizeiromanen und Politthrillern einige Fragen zu seinem neuen Roman gestellt.
In „Sprengkraft“ explodiert in einer Hinterhofmoschee eine Bombe. War das ein fehlgeschlagener islamistischer Anschlag? Ein erfolgreicher rechtsradikaler Anschlag? Oder sollte ein Zeuge beseitigt werden? Während Anna Winkler und Martin Zander ermitteln, versucht eine rechtsradikale Partei, die jetzt mit einer CDU-Politikerin als Vorsitzenden in den Landtag einziehen will, von dem Attentat zu profitieren.
„Sprengkraft“ ist Horst Eckerts präziser Kommentar zur Lage der Nation und schon jetzt einer der besten deutschen Kriminalromane des Kalenderjahres.
Was war die Inspiration für „Sprengkraft“?
Da kam Einiges zusammen: Die Kofferbomben, die 2006 in zwei Zügen gefunden wurden, die Sauerlandzelle, die angeblich im Jahr 2007 ein großes Attentat plante. Darauf reagieren die Sicherheitspolitiker mit Grundgesetzänderungen, als hätten sie nur auf einen Anlass gewartet, um die totale Kontrolle des Staates über die Bürger zu verwirklichen. Und auch der Alltag in den Städten wandelt sich. Wir haben die meisten Migranten nie integriert. Früher schienen sie uns egal zu sein, heute fallen uns ihre Bärte und Kopftücher auf. Wo Minarette gebaut werden, regt sich Misstrauen und Angst vor dem Fremden. Der Konflikt nimmt absurde Formen an: Erzkonservative, die sich noch vor kurzem gegen die strafrechtliche Verfolgung von Vergewaltigung in der Ehe gewehrt haben, wettern heute gegen den Islam – im Namen der Frauenrechte! Ich kann mir vorstellen, dass die Kulturen bald noch heftiger aufeinanderprallen. Wenn die Arbeitslosenzahlen steigen, Zukurzgekommene einen Sündenbock suchen – und vielleicht tatsächlich mal eine Bombe hochgeht.
Wenn man „Sprengkraft“ in eine Reihe mit deinen vorherigen Romanen stellt, ist eine Entwicklung zu immer politischeren Geschichten festzustellen. Ist das, wie bei Maj Sjöwall/Per Wahlöö, eine bewusste Entwicklung oder geschah das eher unbewusst?
Ich entscheide spontan von Roman zu Roman. Gänzlich unpolitisch waren meine Bücher nie. Ob ich über Korruption bei der Polizei schreibe, über kommunalpolitische Eskapaden eines Provinzfürsten, über den Afghanistankrieg oder über eine Konzernfusion. Vielleicht ist bei „Sprengkraft“ zum ersten Mal das Etikett des Politthrillers berechtigt. Das heißt aber nicht, dass mein nächster Roman ebenfalls einer wird. Neben dem „Großen Ganzen“ interessieren mich nach wie vor die Abgründe und Tragödien des menschlichen Miteinanders im ganz Privaten, die Verletzlichkeit der Seele und das, was Unrecht und Gewalt mit dem Einzelnen machen. Ich glaube, darum geht es letztlich auch in „Sprengkraft“.
Was war für dich die Initialzündung für „Sprengkraft“?
Die Überlegung, was ein islamistischer Anschlag auslösen würde. Doch schon mein zweiter Gedanke war, dass ich keinen Roman schreiben will, in dem die Rollen allzu eindeutig verteilt wären: hier der gute deutsche Kommissar, dort der böse Attentäter. Die Wirklichkeit ist vielschichtig und schillernd, nicht banal. Und ich wusste, dass ich kein Blutbad mit Hunderten von Toten brauche, um dem Leser Schauer über den Rücken zu jagen. Der Alltag ist gruselig genug: Der Mord an dem Regisseur van Gogh in Amsterdam, Schäubles BKA-Gesetz, vierzig Prozent Erstwählerstimmen für Rechtsradikale in Österreich, die Verwicklung deutscher Geheimdienste in den Sauerlandfall … Und noch etwas war für mich von Anfang an klar: Ich will kein politisches Manifest abliefern, sondern die Geschichten meiner Figuren erzählen. „Schauen, schauen, schauen und nie das Erstaunen vergessen“, wie es Friedrich Glauser einmal formuliert hat.
Geschichten entwickeln sich immer im Spannungsfeld von Thema, Charakter und Plot? Was ist bei dir zuerst da? Und wie sieht dann die weitere Entwicklung aus?
Mit den Figuren entwickelt sich zugleich der Plot. Sie werden lebendig, indem sie handeln. Das heißt, ich entwickle beides parallel, als Einheit, zunächst in Skizzen für das Romangerüst.
Wie ist dein Schreibprozess?
Am Anfang stehen Zettel, die mit wüsten Figuren-Diagrammen vollgekritzelt sind und mit Handlungsbruchstücken, die ich in ein oder zwei Zeilen notiere. Später schreibe ich die Etappen der verschiedenen Handlungsstränge auf Karteikarten, lege sie auf dem Fußboden aus und bringe sie in eine sinnvolle Reihenfolge. Daraus entsteht die Outline, die bereits erste Dialoge enthalten kann. Wenn ich nach etwa einem halben Jahr mit dem eigentlichen Schreiben beginne, heißt das noch lange nicht, dass die Geschichte im Kopf bereits fertig ist. In den zwei Jahren, die ich insgesamt für einen Roman brauche, lerne ich mein Personal immer näher kennen. Es bringt mich ständig auf neue Ideen. Das berühmte Eigenleben der Figuren macht vielleicht nur zwanzig Prozent aus, aber möglicherweise sind es die entscheidenden zwanzig Prozent, ohne die meine Figuren nicht glaubwürdig und eindrucksvoll wären.
Wenn die erste Manuskriptversion fertig ist, überarbeite ich, so oft es geht. Der Abgabetermin rückt näher, aber ich spüre, dass der Text mit jedem Durchgang besser wird. Also arbeite ich zehn Stunden, auch am Wochenende. War ich zu Beginn faul, zweifelnd und depressiv, werde ich jetzt manisch. Mit dem Ziel vor Augen, den perfekten Kriminalroman zu schreiben. Ich hoffe zumindest, diesem Ziel mit jedem Buch näher zu kommen.
Vor längerem hast du gesagt, es gäbe Pläne für eine Verfilmung deines Kurzromans „Der Absprung“. Hat sich da etwas Konkreteres ergeben? Gibt es weitere Pläne für Verfilmungen?
Das Drehbuch lag bei einigen Produzenten. Aber für die Fernsehleute ist das Ende zu tragisch, der Held nicht positiv genug, sie sagen, das sei Kinostoff. Für die Kinoleute ist es wiederum zu sehr Krimi, also vermeintlich nur ein Fernsehstoff. Vielleicht müsste ich es ein weiteres Mal überarbeiten, um trotzdem jemanden zu überzeugen. Aber im letzten Jahr war mir „Sprengkraft“ wichtiger. Ich liebe die Arbeit an der Literatur und das viel zitierte Kino im Kopf, das ein gutes Buch bei jedem einzelnen Leser auf jeweils andere Art auslösen kann, viel bunter und reichhaltiger als es die Glotze jemals könnte.
Welche fünf Bücher empfiehlst du für den nächsten Urlaub?
Fünf? Ich habe schon zehn geschrieben!
Aber wenn im Koffer Platz für fünf weitere Romane ist, dann nehmt folgende mit, Leute:
Frank Göhre, Zappas letzter Hit
John Harvey, Schrei nicht so laut
James Ellroy, Die Schwarze Dahlie –
und als Nicht-Krimi: Philip Roth, Sabbaths Theater.
Vielen Dank für das Gespräch!
–

Horst Eckert: Sprengkraft
Grafit, 2009
416 Seiten
18,90 Euro
–
Hinweise
Meine Besprechung von Horst Eckerts „Sprengkraft“
Meine Besprechung von Horst Eckerts „Königsallee“

Dass mir das neue Buch „Sprengkraft“ von Horst Eckert gefällt ist nicht erstaunlich. Immerhin bin ich ein bekennender Eckert-Fan.
Dass sein neuer Roman ein spannender Polizeikrimi ist, ist auch nicht erstaunlich.
Dass er nach seinen vorherigen Büchern noch politischer wird (Kritiker lieben es ja, Entwicklungen zu entdecken), ist auch nicht erstaunlich.
Erstaunlich ist aber, dass Horst Eckert anscheinend als einziger deutscher Autor in der Lage ist, einen ernstzunehmenden Politthriller über die heutige Bundesrepublik, die Terrorgefahr und den Abbau der Bürgerrechte zu schreiben. Andere Autoren planen gleich einen Umsturz, inszenieren ein Kasperle-Theater auf Soap-Niveau oder lassen irgendwo in der Provinz Bomben explodieren (Hintertupfigen als Ziel eines Anschlages? Uh-huh.). Das alles hat mit der Realität ungefähr so viel zu tun, wie der letzte „Krieg der Sterne“-Film. Unterhaltsam, vielleicht, aber nicht weiter beunruhigend.
Dagegen demonstriert Horst Eckert mit seinem zehnten Roman „Sprengkraft“ eindrucksvoll, wie ein deutscher Politthriller aussehen kann. Dabei wurden bereits seine vorherigen Romane immer politischer. Er thematisierte schon immer Verflechtungen, Korruption und Machtgier innerhalb der Polizei. In seinen neueren Romanen rückten das Machtgeflecht und die Beziehungen zwischen Polizei, Wirtschaft und der Stadt- und Landespolitik immer mehr in das Zentrum seiner Geschichte. Auch der Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan und der Polizei in Bosnien wurden angesprochen. Aber in „Sprengkraft“ steht die große Politik, nämlich der Kampf gegen den islamistischen Terrorismus, und wie jeder dabei sein eigenes Süppchen kocht, im Mittelpunkt.
In einem Nebenraum einer Hinterhofmoschee explodiert eine Bombe. Die Opfer sind die jungen Islamisten Rafi Diouris, Said Boussoufa und der Konvertit Yassin Dennis Scholl, die gerade einen Anschlag planten und sich bereits den Sprengstoff besorgt hatten. Die ermittelnden Beamten Anna Winkler und Martin Zander fragen sich, ob deren Bomben zufällig explodierten oder ob es ein rechtsradikaler Anschlag gegen die Moschee war.
Außerdem hat Zander von Kriminaldirektor Benedikt Engel den Auftrag erhalten, herauszufinden welcher Polizist vor 18 Monaten die Ermittlungen gegen den auf der Straße erschossenen Bruder von Rafi Diouris torpedierte und wohin damals die Drogen verschwunden sind. Wenn der korrupte Zander den Maulwurf nicht findet, ist er seinen Job los. Weil Rafi Diouris mehr über diesen Dealermord weiß, als er der Polizei verrät, könnte der Anschlag auch ihm gegolten haben.
Gleichzeitig versucht die rechtslastige „Bürgerbewegung Pro Freiheit“ mit einer neuen Vorsitzenden, der von der CDU abgeworbenen Bundestagsabgeordneten Carola Ott-Petersen, und dem von Unternehmer Edwin A. Bucerius teuer bezahlten PR-Berater Moritz Lemke, in den Landtag einzuziehen. Ott-Petersen entdeckt in der Parteizentrale seltsame Rechnungen und verschwindet plötzlich. Lemke ist zwar einerseits ein Alt-Linker (Gründungsmitglied der Grünen!), aber andererseits kann er das Geld gut gebrauchen und er ist für das Lob und die Schmeicheleien der Parteifinanziers empfänglich. Denn die Bombe beweist doch, so sagt er sich, dass die Partei mit ihren ausländerfeindlichen Parolen Recht hat.
Diese miteinander verbundenen Geschichten entwickeln sich vor aktuellen Schlagzeilen. Die Proteste gegen eine religionskritische Ausstellung in der Berliner Turmstraße (also vor meiner Haustür; die Ausstellung fand gut bewacht statt und war gut besucht), die verschiedenen missglückten Anschläge von mutmaßlich islamistischen Terroristen in Deutschland, die deutschsprachigen Al-Kaida-Videos, der jetzt schon stattfindende massive Abbau von Bürgerrechten mit dem Hinweis auf den internationalen Terrorismus (Vorratsdatenspeicherung und Online-Durchsuchung können hier als Stichworte genügen), die zunehmende Abneigung der Deutschen gegen den Islam, die damit verbundenen Proteste in mehreren Großstädten gegen den Bau von Moscheen und, natürlich, die Umgangsformen in der Politik werden auch in „Sprengkraft“ genannt.
Horst Eckert verknüpft diese bundesdeutsche Wirklichkeit gewohnt souverän mit ungefähr einem halben Dutzend verschiedener Handlungsfäden, ohne jemals den Überblick zu verlieren, und wartet mit einem überraschenden, die vorherigen Gewissheiten in Frage stellendem, glaubwürdigen Ende auf.
„Sprengkraft“ ist Eckerts präziser Kommentar zur Lage der Nation. Dabei kommen, wie schon bei Ross Thomas, die Mächtigen nicht besonders gut weg.
–
Horst Eckert: Sprengkraft
Grafit, 2009
416 Seiten
18,90 Euro
–
Die Taten des Horst Eckert
Annas Erbe, 1995
Bittere Delikatessen, 1996
Aufgeputscht, 1997
Finstere Seelen, 1999
Die Zwillingsfalle, 2000
Ausgezählt, 2002
Purpurland, 2003
617 Grad Celsius, 2005
Königsallee, 2007
–
Kleinere Delikte von Horst Eckert
Der Absprung, 2006 (Kaliber.64)
und zahlreiche Kurzgeschichten
–
Hinweise
Meine Besprechung von Horst Eckerts „Königsallee“
Meine Besprechung von Horst Eckerts „Der Absprung“


Vor- und Nachworte werden meist als uninteressantes Geblubber überblättert. Manchmal, wie bei Stephen Kings „Colorado Kid“, werden sie nicht übersetzt. Dabei sind Kings Erklärungen zu seinen Geschichten immer lesenswert und auch bei „Colorado Kid“ verrät King einiges über die Hintergründe der Geschichte und dass sie seine Leser spalten werde. Denn er löst das Rätsel um die Leiche nicht, aber das haben die beiden alten Provinzjournalisten Vince Teague und Dave Bowie vom Weekly Islander auf Moose-Lookit Island, Maine, ihrer jungen Kollegin Stephanie McCann immer wieder gesagt. Denn sie versuchen bereits seit einem viertel Jahrhundert herauszufinden, wie das Colorado Kid auf ihre Insel kam. Lange ist seine Identität unbekannt und als er, dank eines hartnäckigen, jungen Gerichtsmediziners endlich einen Namen und einen Wohnort hat, wird es richtig rätselhaft. Denn wie kam er auf die Insel? Wie starb er? Wer ermordete ihn? Und warum? Stephanie schlägt ihren beiden Mentoren mehrere Lösungen vor. Diese beantworten geduldig ihre Fragen und verführen sie so langsam.
In der kurzen Geschichte „Colorado Kid“ geht es letztendlich darum, der aus Cincinnatti, Ohio, kommenden Studentin an einem langen Nachmittag das Inselleben schmackhaft zu machen. Entsprechend gemütlich ist das Erzähltempo, wenn die beiden alten Knacker der jungen Frau auf der Veranda der Zeitung die Geschichte mit Pausen und Abschweifungen erzählen und dabei immer wieder betonten, dass es eigentlich überhaupt keine Geschichte sei.
Und King wechselt im plaudernden Tonfall der beiden alten, rüstigen Landeier (der eine ist Mitte Sechzig, der andere Anfang Neunzig) immer wieder von der Gegenwart in die Vergangenheit, an die sie sich noch sehr gut erinnern.
In Amerika erschien „Colorado Kid“ als dreizehnter Band der „Hard Case Crime“-Reihe. King war, als er von dem Konzept der Reihe erfuhr, sofort begeistert, lehnte die Anfrage für einige lobende Worte über die Reihe ab und bot eine neue Geschichte an. Herausgeber Charles Ardai griff natürlich sofort zu. Dank des bekannten Autors (es war auch das erste ins Deutsche übersetzte Hard-Case-Crime-Buch) verkaufte sich die, nach Kings Einschätzung, Softboiled-Geschichte ausgezeichnet und machte die Reihe außerhalb der Krimiszene bekannt.
Allerdings wurde „Colorado Kid“, vor allem wegen des offenen Endes, von vielen Lesern heftig kritisiert. King schreibt in seinem Nachwort, dass er kein Ende wollte, sondern beim Schreiben vor allem an dem Rätsel interessiert gewesen sei. Das macht die Lektüre allerdings auch etwas unbefriedigend. Deshalb wäre es vielleicht besser, wenn „Colorado Kid“ in künftigen Auflagen zusammen mit anderen Geschichten publiziert würde. Immerhin hat „Colorado Kid“ für King-Verhältnisse kaum die Länge einer Novelle. Aber einer sehr unterhaltsamen.
Die aktuelle Ausgabe hat als Bonusmaterial eine kommentierte Bibliographie der im Heyne-Verlag erschienenen Stephen-King-Bücher. Zwei Dinge fallen bei der Bibliographie auf: erstens fehlen die Erscheinungsjahre und zweitens hat Heyne nie „Carrie“ veröffentlicht.
Stephen King: Colorado Kid
(übersetzt von Andrea Fischer)
Heyne, 2009
176 Seiten
7,95 Euro
–
Originalausgabe
The Colorado Kid
Hard Case Crime, 2005
–
Deutsche Erstveröffentlichung
Ullstein, 2006
–
Hinweise
Mein Porträt zu Stephen Kings Geburtstag
Meine Besprechung von Stephen Kings/Richard Bachmans „Qual“ (Blaze, 2007)