Miss Winter und die Suhrkamp-Krimis

Juni 5, 2009

Miller Haines - Miss Winters Hang zum Risiko

Es gibt Verlage, die machen irgendwie alles. Dann gibt es andere, die haben ein spezielles Profil: hohe Literatur, Trash, Häkelkrimis, Hardboiled. Manchmal ist der Name Programm: Hard Case Crime, Pulp Master, Schwarze Reihe, Crime Classic – und die Kundschaft reagiert darauf.

Bei der jetzt gestarteten Suhrkamp Krimireihe ist dieses Profil, je nach Perspektive, entweder undogmatisch breit oder schlichtweg beliebig. In den ersten Bänden sind, nach einem Blick auf die Vorschau die verschiedenen Genrevarianten von Noir bis Romantic Thriller mit aktuellen Werken vertreten. Die Geschichten spielen in verschiedenen, bei Krimilesern derzeit beliebten Ländern von Deutschland über Italien, Skandinavien, Amerika bis nach Australien und zu verschiedenen Zeiten von den Dreißigern bis zur Gegenwart. Hier zeigt sich, wenn es denn eine Gemeinsamkeit gibt, der starke und bei anderen Verlagen nicht so deutliche Trend, die Geschichten in der jüngeren Vergangenheit spielen zu lassen.

Auch das Debüt „Miss Winters Hang zum Risiko“ von Kathryn Miller Haines spielt in der Vergangenheit: im Kriegsjahr 1942/1943 in New York. Die arbeitslose Schauspielerin Rosie Winter entdeckt in der Silvesternacht die erhängte Leiche ihres Chefs Jim McCain im Schrank des Büros. Der Privatdetektiv McCain hatte neben der normalen Kundschaft auch die Rosie unbekannte Feuerleiter-Kundschaft. Der ermittelnde Polizist verbucht den Fall sofort unter Selbstmord. Rosie dagegen, will die Ehre ihres Chefs wieder herstellen. Sie wird von der Witwe McCains beauftragt, das Büro auszuräumen. Dabei trifft sie einen der Feuerleiter-Kunden. Der Theaterschriftsteller Raymond Fielding hatte McCain beauftragt, ein aus seinem Safe gestohlenes Manuskript zu finden. Jetzt möchte Fielding, dass Rosie den Fall übernimmt. Sie tut es und kurz darauf stirbt auch Fielding. Rosie vermutet, dass das verschwundene Theaterstück, das bei seiner Veröffentlichung einen Skandal auslösen soll, der Grund für die Morde ist. Das Office of War Information, McCains Sohn und ungefähr jeder Theaterregisseur möchte das Stück haben. Da trifft es sich gut, dass Rosie ein neues Engagement erhält. Zwar nur als Zweitbesetzung, aber immerhin bei einem noch unbekannten Fielding-Stück.

Kathryn Miller Haines’ Erzählerin in „Miss Winters Hang zum Risiko“ ist eine sympathische, arbeitslose Broadway-Schauspielerin. Rosie Winter ist, wie wir es seit Chandlers Tagen bei Privatdetektiven (mit und ohne Lizenz) gewöhnt sind, nicht auf den Mund gefallen und nie um einen schrägen Vergleich verlegen. Auch dass die Geschichte in den frühen Vierzigern spielt, erinnert an Chandler, Hammett und Konsorten. Aber im Krieg waren die jungen Männer im Ausland und, nach den vielen zeitgenössischen Hardboiled-Detektivinnen wurde es auch Zeit, dass endlich einmal eine Frau in der Vergangenheit ermittelt. Mit Rosie Winter hat Kathryn Miller Haines eine wirklich angenehme Erzählerin erfunden. Als junge Frau ist sie noch nicht so abgebrüht wie Marlowe. Sie sieht, immerhin hat sie noch ihr ganzes Leben vor sich, eher die positiven Seiten. Auch wenn sie schon seit Monaten kein Engagement mehr hatte und sie bald aus dem Zwei-Bett-Zimmer in dem drakonisch geführten Künstlerhotel ausziehen muss.

Aber nach einem flotten Beginn (sie entdeckt im ersten Kapitel McCains Leiche) geraten Rosie Winters Ermittlungen in der Mitte zu sehr ins Stocken. Dann nehmen die Konkurrenzkämpfe der Jungschauspielerinnen und die Proben für ein Stück des verstorbenen Fielding zu viel Zeit in Anspruch. Teilweise scheint sie sogar zwischen Proben und abendlichen Barbesuchen in Halbweltclubs vollkommen das Interesse an den Ermittlungen zu verlieren. Nur irgendwelche Zufälle bringen sie dann wieder zum Mörderjagen (und damit zu dem Grund, warum wir das Buch in die Hand genommen haben).

Wenn am Ende der Mörder überführt und das verschwundene Stück gefunden wird, ist die Erklärung, warum so viele Menschen potenziell bereit waren für das Stück und den die Welt erschütternden Inhalt zu morden, unglaubwürdig. Denn das Theaterstück ist kein beliebig austauschbarer MacGuffin. Es ist von seinem Schreiber Fielding als Krönung seines Schaffens und seines ästhetischen Konzepts, nach dem die Macher hinter dem Stück verschwinden sollen, geplant.

Das ist dann doch etwas zu viel für einen netten Softboiled-Krimi, der sich wie eine etwas längliche Mischung aus einem Vierziger-Jahre-B-Krimi und einem süßlichen Hollywood-Melodrama zwischen Künstlergarderobe und Gangsterkneipe liest.

Anmerkung: Viele der Kapitelüberschriften sind Filmtitel.

Kathryn Miller Haines: Miss Winters Hang zum Risiko

(übersetzt von Kirsten Riesselmann)

Suhrkamp, 2009

496 Seiten

9,95 Euro

Originalausgabe

The War against Miss Winter

HarperCollins Publishers, 2007

Hinweis

Homepage von Kathryn Miller Haines

Vorschau: Die ersten Suhrkamp-Krimis

Christian Doyle/Simon Pasternak: Der deutsche Freund (1979 in Dänemark spielender Polit-Thriller)

Don Winslow: Pacific Private (In Kalifornien spielender PI-Noir)

Maurizio de Giovanni: Der Winter des Commissario Ricciardi (In den Dreißigern in Neapel spielender Polizeikrimi; erscheint Juni 2009)
Rosa Ribas: Kalter Main (in Frankfurt spielender Polizeikrimi; erscheint Juli 2009)

Adrian Hyland: Outback Bastard (in Australien spielender PI-Krimi; erscheint August 2009)

Don Winslow: Frankie Machine (in Kalifornien spielender Gangsterkrimi; hochkarätige Verfilmung geplant; erscheint September 2009)

Regula Venske: Der Bajazzo („Best Ager“ wollen den Mörder einer mumifizierten Leiche finden; erscheint Oktober 2009)

Soti Triantafillou: Das Zeichen des Jägers (von einem Griechen geschriebener 1990 in New York spielender Privatdetektivkrimi; erscheint November 2009)

Ingrid Hedström: Die toten Mädchen von Villette (Eine Ermittlungsrichterin jagt 1994 in Belgien einen Serienmörder; erscheint Februar 2010)

Margaret Coel: Ein leichtes Ziel (In Denver wird eine investigative Reporterin von einem Killer gejagt; erscheint März 2010)


„Diese Zukunft kenne ich nicht“ – Die Reboots von „Star Trek“ und „Terminator“

Juni 3, 2009

Foster - Star TrekFoster - Terminator Die Erlösung

Alan Dean Foster gelang wahrscheinlich als erstem Autor das Kunststück, gleichzeitig zu mehreren potentiellen Blockbustern den Roman zum Film geschrieben zu haben. Er schrieb, neben einigen anderen Büchern, die Filmromane zu „Star Trek“, „Terminator: Die Erlösung“ und „Transformers“. „Star Trek“ und „Terminator: Die Erlösung“ wurden übersetzt. Bei „Transformers“ schrieb Foster auch ein Prequel und beide „Transformers“-Bücher erscheinen, so der derzeitige Stand, nicht auf Deutsch. Deshalb bespreche ich nur die beiden übersetzten Werken des Altmeisters des Science-Fiction-Filmromans („Krieg der Sterne“, „Alien“, „Outland“) und wie sehr ihre Geschichte überzeugt.

Mein Fantum für „Terminator“ und „Raumschiff Enterprise“ beschränkt sich weitgehend auf den Genuss der „Terminator“-Spielfilme, der TV-Serie „Terminator S. C. C.“ (wobei die erste Staffel nach einem guten Beginn rapide abbaute), der ersten „Raumschiff Enterprise“-Serie und einiger „Raumschiff Enterprise“-Romane. Die späteren „Star Trek“-Serien kollidierten dann zu sehr mit meiner Freizeitplanung und, weil mir keine bekennenden Trekkies in den Ohren lagen, verzichtete ich auf weitere Abenteuer aus dieser Welt.

Daher, so dachte ich, dürfte der „Star Trek“-Reboot nicht mit meinen Erinnerungen kollidieren. Der vierte „Terminator“-Spielfilm spielt ja sowieso in der bislang filmisch noch nicht oder kaum erforschten Zukunft und soll an die Filme anknüpfen. Regisseur McG meint: „Wir haben unser Bestes getan, um uns an die Zeitvorgaben der vorherigen Filme zu halten.“ Das klingt doch ganz verheißungsvoll und weil ich letztendlich einfach gut unterhalten werden will, ist mir die Geschichte wichtiger als dass jedes Detail der vorherigen Filme genauestens beachtet wird.

Nachdem ich Alan Dean Fosters Filmromane gelesen habe, kann ich nur sagen: ich habe mich geirrt.

Aufbruch zu neuen Galaxien: Star Trek

Beginnen wir mit dem schon länger im Kino laufenden „Star Trek“ und Alan Dean Fosters Roman zum Film. Nachdem in den vergangenen Jahrzehnten wahrscheinlich jeder Winkel des „Star Trek“-Universums ausgeleuchtet wurde, entschlossen Regisseur J. J. Abrams und die Drehbuchautoren Roberto Orci und Alex Kurtzman sich zu einem beherzten Relaunch, indem sie erzählen, wie die Besatzung der Enterprise zu einem Team wird. Um das ganze spannender zu gestalten, müssen Kirk, Spock und die restliche Enterprise-Besatzung gegen den durchgeknallten Romulaner Nero kämpfen. Denn in der Zukunft zerstörte Spock irrtümlich seine Welt. Also springt Nero, um sich an Spock zu rächen, in der Zeit zurück. Außerdem möchte er durch den Zeitsprung die Zerstörung seines Heimatplaneten verhindern. Neros erste Tat nach dem Zeitsprung ist die Ermordung von Kirks Vater (und einiger anderer Erdbewohner).

Nach diesem Eingriff in die Zeitlinie befinden wir uns in einer anderen Zukunft (oder Gegenwart), in der zwar vieles wie in der „Raumschiff Enterprise“-Serie ist, aber, das haben Zeitreisen so an sich, halt nicht alles. James T. Kirk wächst als Waise auf und, nachdem er sich bei der Sternenflotte meldet, ist auf der Enterprise Spock sein Vorgesetzter. Das einzige was die beiden zunächst verbindet, ist eine herzliche gegenseitige Abneigung. Diese hat sich nach gut zwei Kinostunden und etwas Hilfe von dem älteren Spock, der ebenfalls in der Zeit zurückreiste, in die aus der TV-Serie bekannte Freundschaft verwandelt.

„Star Trek“ ist ein schmissiges mit viel Humor erzähltes Weltraumabenteuer, bei dem die Helden sich mit einer optimistischen „Was kostet die Welt“-Attitüde in das Abenteuer stürzen und, während ihrer ersten Bewährungsprobe, zu einem Team zusammenwachsen. Im Zentrum steht dabei natürlich die Freundschaft der beiden unterschiedlichen Charaktere James T. Kirk und Spock. Während der eine mehr Herz (oder Abenteurer und Hasardeur, aber natürlich superintelligent) ist, ist der andere vor allem Hirn (wenn da nicht die Sache mit der menschlichen Mutter wäre und auch sein vulkanischer Vater hat Gefühle). Am Ende haben beide erkannt, dass Herz und Hirn (wie wir schon seit „Metropolis“ wissen) zusammengehören.

Alan Dean Foster schmückte diese Geschichte in dem gelungenen Filmroman mit einigen weiteren Episoden und längeren Szenen mit Kirk, Spock und der „Raumschiff Enterprise“-Besatzung aus. Dagegen ist der Bösewicht Nero im Film wesentlich präsenter und überzeugender motiviert. „Star Trek“ ist, wenn man nicht zu sehr auf die Logik achtet (die bei Zeitreisen immer an ihre Grenzen stößt), ein feines Weltraumabenteuer.

Totalschaden: Terminator – Die Erlösung

Bereits die ersten Bilder und Trailer für den vierten „Terminator“-Spielfilm schlagen dagegen einen ganz anderen Ton an. Alles ist unglaublich schmutzig, staubig, dreckig, dunkel und es kracht ordentlich. Der Kampf der letzten Menschen gegen die bösen Roboter wird als actionlastiger, in der Wüste und in Ruinen spielender Kriegsfilm verkauft. Das sieht nicht gerade nach dem „Terminator“-Film, den wir erwartet haben, aus, aber „Black Hawk Down“ und „Jarhead“ waren ja okay. Beim Dreh scheint dann das Drehbuch von John Brancato und Michael Ferris, denen wir „The Game“, „Das Netz“, „Catwoman“ und „Terminator 3“ verdanken, zur freien Verfügungsmasse von McG und Christian Bale geworden zu sein.

Denn Alan Dean Foster schreibt auf seiner Homepage, er habe nach der Abgabe des Buchmanuskripts vom Verlag einige Änderungswünsche erhalten (nicht ungewöhnlich) und, nachdem er das verfilmte Drehbuch gelesen habe, hat er den gesamten Roman neu geschrieben. Denn er hält es für seine Aufgabe, einen Roman zu schreiben, der möglichst nah an dem Film ist. Dafür nimmt er den Zeitdruck und den oft begrenzten Zugang zu Material, wie Skizzen, Setaufnahmen und Filmaufnahmen (vom Sichten des Rohschnitts vor dem Schreiben kann meistens nur geträumt werden), in Kauf. Bei „Terminator: Die Erlösung“ scheint Alan Dean Foster, nach den durchgängig sehr knappen Beschreibungen von Menschen, Gebäuden und Robotern, nur über das Drehbuch verfügt zu haben. Und das ist ein ziemlich zusammengehauenes Desaster, das auch ohne die vorherigen „Terminator“-Filme als postapokalyptischer Kriegsfilm ein unlogisch, wirres Werk mit schlecht motivierten Charakteren, die nur die wenigen Minuten zwischen den Action-Szenen überbrücken sollen, wäre.

Die bestenfalls rudimentäre Geschichte geht so: In der Gegenwart sitzt Marcus Wright in der Todeszelle. Er vermacht seinen Körper der Wissenschaft. 2018 wacht Marcus Wright nackt in der Wüste auf. Die letzten Menschen kämpfen gegen die Skynet-Roboter. Wright wird von dem Teenager Kyle Reese und dem Mädchen Star vor den Robotern gerettet. Sie lernen sich kennen und machen sich gemeinsam auf die Reise. Kurz darauf entführen Roboter Kyle und Star. Wright, der zu seinem Erstaunen über Superkräfte verfügt, kann nach einem Kampf entkommen. Er will seinen neuen Freunde retten.

Die Pilotin Blair Williams überzeugt ihn, mit ihr zu den Rebellen zu gehen. Nach einigen Kämpfen sind sie im Lager der Rebellen und, weit nach der Mitte des Buches, treffen Marcus Wright und John Connor zum ersten Mal aufeinander. Wright muss, nachdem eine Anti-Roboter-Mine ihn ziemlich zerstörte, mit der Entdeckung kämpfen, dass er offensichtlich ein Terminator ist. Connor muss sich fragen, ob er Wright vertrauen kann. Denn der von den Robotern entführte Kyle Reese steht auf einer Skynet-Todesliste ganz oben, er ist jetzt irgendwo in der Skynet-Zentrale und Wright könnte sie unentdeckt betreten. Während Connor noch überlegt, haut Wright (immerhin liegt die letzte Action-Szene schon einige Seiten zurück) ab.

Wir fragen uns währenddessen, warum die Roboter Kyle Reese noch nicht umgebracht haben (immerhin ist er, dank einer Zeitreise in Terminator 1, der Vater von John Connor), warum John Connor alle Roboter hasst (immerhin wurde er in Terminator 2 und 3 immer wieder von Robotern gerettet), warum die Rebellen ständig High-Tech-Sachen mit sich herumschleppen (wenn die Technik doch so Böse ist), warum der künftige Retter der Menschheit immer an vorderster Front kämpft, weshalb der inzwischen ziemlich unpassende Titel nicht geändert wurde und warum diese drittklassige Actionplotte unbedingt als Teil der „Terminator“-Reihe firmieren muss.

Denn „Terminator: Die Erlösung“ funktioniert nie als eine auch nur einigermaßen kohärente Story, sondern nur als eine Abfolge von im Multiplex sicher beeindruckenden Actionszenen. Die kurzen Dialoge sind nur rudimentäre Vorbereitungen für das nächste Kampfgetümmel, bei dem austauschbaren Menschen gegen gesichtslose Roboter kämpfen. Die durchaus interessante Geschichte von Marcus Wright, der zum Menschen wird, ist auch im Filmroman so kurz, dass sie nicht mehr nachvollziehbar ist. Im Film soll sie noch knapper ausfallen. Hier hätte man gerne genauer erfahren, wie ein gefühlloser Schwerverbrecher zu einem mitfühlenden Wesen wird. Dagegen könnten alle John-Connor-Szenen mühelos gestrichen werden. Aber, wie Devin Faraci in einem sehr lesenswerten Artikel über die verschiedenen Drehbuchfassungen schreibt, wollte „Batman“ Christian Bale unbedingt John Connor spielen und er wollte unbedingt mehr Leinwandzeit haben. Denn eigentlich sollte Connor nur einen kurzen Auftritt haben. Also wurden während des Drehs zusätzliche Connor-Szenen geschrieben und die stärkere Story dank eines Staregos und eines vor allem an Krach-Wumms interessierten Regisseurs terminiert.

Alan Dean Fosters Romanfassung von „Terminator: Die Erlösung“, die kaum mehr als ein in Prosa gekleidetes Drehbuch ist, deckt diese Defizite der Geschichte schonungslos auf. Denn der eigentliche Held von „Terminator: Die Erlösung“, Marcus Wright, ist (auch) im Buch nur eine Handlungsanweisung ohne Eigenleben und der Rest ist eine seelenlos-beliebige Abfolge von Actionszenen.

„Terminator: Die Erlösung“ ist nach den vorherigen „Terminator“-Filmen eine ziemliche Enttäuschung. Aber auch ohne diese Filme, die den Machern entgegen dem Pressegeblubber herzlich egal sind, wäre „Terminator: Die Erlösung“ eine schlechte Science-Fiction-Geschichte.

Alan Dean Foster: Star Trek

(übersetzt von Susanne Döpke; mit einem Interview mit J. J. Abrams und Alan Dean Foster)

Cross Cult, 2009

320 Seiten

12,80 Euro

Originalausgabe

Star Trek

Pocket Books, 2009

Alan Dean Foster: Terminator: Die Erlösung

(übersetzt von Ralph Sander)

Heyne, 2009

368 Seiten

8,95 Euro

Originalausgabe

Terminator Salvation: The Official Movie Novelisation

Titan Publishing, 2009

Hinweise

– Zu Alan Dean Foster

Homepage von Alan Dean Foster

AMCTV: Interview mit Alan Dean Foster zu „Star Trek“, „Terminator: Die Erlösung“ und „Transformers“ (25. Mai 2009)

– Zu „Star Trek“

Amerikanische Homepage zum Film „Star Trek“

Deutsche Homepage zum Film „Star Trek“

Film-Zeit über „Star Trek“

Cross-Cult-Seite zu „Star Trek“

– Zu „Terminator: Die Erlösung“

Amerikanische Homepage zum Film „Terminator: Die Erlösung“

Deutsche Homepage zum Film „Terminator: Die Erlösung“

Film-Zeit über „Terminator: Die Erlösung“

Chud: Devin Faraci: What went wrong with „Terminator: Salvation“ (24. Mai 2009)


2008 in Filmen – die komplette Version

Mai 29, 2009

Lexikon des internationalen Films 2008

Nach dem Ende des Fischer Film Almanach 1999 und des Heyne Filmjahrbuch 2005 ist das von der katholischen Zeitschrift „film-dienst“ herausgegebene  „Lexikon des internationalen Films“ inzwischen das letzte jährlich erscheinende Filmlexikon.

Das Kernstück des Buches bildet, wenig überraschend, eine kommentierte Aufstellung der 2008 in Deutschland im Kino, DVD und TV uraufgeführten Filme. Dabei scheinen die Macher mit über 2000 Filmen (grober Schätzwert) sich inzwischen wirklich als Komplettisten zu verstehen. Denn neben Spielfilmen, wozu auch restaurierte Stummfilme wie „Die Finanzen des Großherzogs“ gehören, und TV-Filmen (die schon seit längerem aufgenommen werden), werden inzwischen auch zahlreiche spielfilmlange Dokumentarfilme (die meistens im TV ihre Premiere erlebten) und TV-Serienfilme besprochen. So sind „Wilsberg“, „Nachtschicht“, „Mord in bester Gesellschaft“, „Donna Leon“, „Ein starkes Team“, „Inga Lindström“, „Die Landärztin“ (wir wollen ja nicht nur im Krimbereich bleiben),  britische Serien, wie „Inspector Barnaby“, „Der Preis des Verbrechens“ und „Waking the Dead“, und die britische Miniserie „Mord auf Seite eins“ (Das Remake von „State of Play“ startet in unseren Kinos am 18. Juni) aufgeführt. Bei vielen Filmen gibt es, teils umfangreiche, Hinweise auf die DVD-Ausstattung und alternative Fassungen. Das ist vor allem bei Horrorfilmen wie „Saw“, die manchmal in mehreren Versionen auf den Markt geworfen werden, sehr sinnvoll.

Weil DVDs (und Blue-rays) inzwischen immer mehr von Filmfans gekauft werden, zeichnet die „film-dienst“-Redaktion außergewöhnlich gut ausgestatteten DVDs mit dem „Silberling“ aus. Die so ausgezeichneten Filme wurden auch in das Lexikon aufgenommen und die verschiedenen DVD-Ausgaben (wie bei „I am Legend“, „Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels“, „Jumper“, „The Dark Knight“ und „Dirty Harry“) werden kritisch vorgestellt. Dabei wurde ausschließlich auf die Qualität der Ausstattung und nicht die des Films geachtet. Denn etliche der gut ausgestatteten Filme haben den „film-dienst“-Kritikern nicht gefallen. So schreiben sie über „Alien vs. Predator 2“ (die Century3 Cinedition erhielt einen Silberling): „uninspirierter Science-Fiction-Horrorfilm, der allenfalls durch seine stümperhafte Dramaturgie und die lausig inszenierten Actionsequenzen auffällt“.

Aber meine Lieblingskritik (jedenfalls bis jetzt) ist zum Uwe-Boll-Film „Far Cry“ (mit Til Schweiger in der Hauptrolle): „Krachlederne Computerspiel-Verfilmung, die mit dem Charme billig heruntergekurbelter B-Filme kokettiert, sich in Wahrheit aber als schlecht gemachter A-Film entpuppt, in dem auch Schauspieler aus der zweiten Reihe hoffnungslos unterfordert sind.“

In ihren Kurzkritiken, damit jetzt kein falscher Eindruck entsteht, lobt die unabhängige Redaktion auch einige harte Horrorfilme, wie John Carpenters „Pro-Life – Des Teufels Brut“. Insgesamt gelingt es den Kritikern, wie schon seit langem, die Filme treffend und undogmatisch einzuordnen.

Neben den Kurzkritiken gibt es längere Kritiken zu den letztjährigen Lieblingsfilmen der „film-dienst“-Redaktion. Das sind „Gomorrha“, „Happy-Go-Lucky“, „Lornas Schweigen“, „No Country for Old Men“, „Schmetterling und Taucherglocke“, „The Dark Knight“, „Tödliche Entscheidung – Before the Devil knows you’re dead“, „WALL-E“ und „Waltz with Bashir“.

Drei der Redaktionslieblinge waren auch ein „Kinotipp der katholischen Filmkritik“. Diese sind natürlich ebenfalls aufgeführt. Abgeschlossen werden die Listen mit den Preisträgern von wichtigen Festivals und Preisverleihungen, einem umfangreichen Adressenteil und einem Register der Regisseure und Originaltitel (was zum Auffinden der Filme im Filmlexikon vollauf genügt. Für genauere Recherchen gibt es die IMDB).

Außerdem wird, neben einem Rückblick auf das Filmjahr 2008, die Veranstaltung des Verbandes der deutschen Filmkritik zum Verhältnis von Internet- und Zeitungsfilmkritiken dokumentiert. Der Auslöser für die Tagung war die Polemik „Warum wir die Filmkritik brauchen“ von Josef Schnelle in der Berliner Zeitung vom 14. August 2008. In ihr behauptet er, dass eine fundierte Filmkritik nur in Printmedien und nicht im Internet stattfinden könne. Die Aufregung war groß und hatte sich bis zur Tagung schon wieder gelegt. Dennoch sind die Vorträge und Diskussionen sehr lesenswert. Denn die kundigen Referenten fielen nicht in die Schlachtordnung von „wir sind gut – die sind böse“ zurück, sondern sie zeigten, welche Möglichkeiten das Netz bietet und wo die Grenzen sind. Gleichzeitig wurde über die Aufgabe von (Film)Kritik reflektiert.

Schade bei dem umfassenden Kompendium ist nur, dass die 2008 Verstorbenen, abgesehen von einigen Ausnahmen, nicht erwähnt werden und Zahlen über Kinobesuche, DVD-Käufe und Zuschauerquoten, die auch im Internet nur schwer zu finden sind, vollkommen fehlen.

film-dienst: Lexikon des internationalen Films – Filmjahr 2008

Schüren, 2009

640 Seiten

22,90 Euro

Hinweis

Homepage von „film-dienst“


Im Verhörzimmer: Horst Eckert über „Sprengkraft“

Mai 22, 2009

Horst Eckert SW

Zur Veröffentlichung von Horst Eckerts neuem Roman „Sprengkraft“ habe ich unserem besten Autor von Polizeiromanen und Politthrillern einige Fragen zu seinem neuen Roman gestellt.

In „Sprengkraft“ explodiert in einer Hinterhofmoschee eine Bombe. War das ein fehlgeschlagener islamistischer Anschlag? Ein erfolgreicher rechtsradikaler Anschlag? Oder sollte ein Zeuge beseitigt werden? Während Anna Winkler und Martin Zander ermitteln, versucht eine rechtsradikale Partei, die jetzt mit einer CDU-Politikerin als Vorsitzenden in den Landtag einziehen will, von dem Attentat zu profitieren.

„Sprengkraft“ ist Horst Eckerts präziser Kommentar zur Lage der Nation und schon jetzt einer der besten deutschen Kriminalromane des Kalenderjahres.

Was war die Inspiration für „Sprengkraft“?

Da kam Einiges zusammen: Die Kofferbomben, die 2006 in zwei Zügen gefunden wurden, die Sauerlandzelle, die angeblich im Jahr 2007 ein großes Attentat plante. Darauf reagieren die Sicherheitspolitiker mit Grundgesetzänderungen, als hätten sie nur auf einen Anlass gewartet, um die totale Kontrolle des Staates über die Bürger zu verwirklichen. Und auch der Alltag in den Städten wandelt sich. Wir haben die meisten Migranten nie integriert. Früher schienen sie uns egal zu sein, heute fallen uns ihre Bärte und Kopftücher auf. Wo Minarette gebaut werden, regt sich Misstrauen und Angst vor dem Fremden. Der Konflikt nimmt absurde Formen an: Erzkonservative, die sich noch vor kurzem gegen die strafrechtliche Verfolgung von Vergewaltigung in der Ehe gewehrt haben, wettern heute gegen den Islam – im Namen der Frauenrechte! Ich kann mir vorstellen, dass die Kulturen bald noch heftiger aufeinanderprallen. Wenn die Arbeitslosenzahlen steigen, Zukurzgekommene einen Sündenbock suchen – und vielleicht tatsächlich mal eine Bombe hochgeht.

Wenn man „Sprengkraft“ in eine Reihe mit deinen vorherigen Romanen stellt, ist eine Entwicklung zu immer politischeren Geschichten festzustellen. Ist das, wie bei Maj Sjöwall/Per Wahlöö, eine bewusste Entwicklung oder geschah das eher unbewusst?

Ich entscheide spontan von Roman zu Roman. Gänzlich unpolitisch waren meine Bücher nie. Ob ich über Korruption bei der Polizei schreibe, über kommunalpolitische Eskapaden eines Provinzfürsten, über den Afghanistankrieg oder über eine Konzernfusion. Vielleicht ist bei „Sprengkraft“ zum ersten Mal das Etikett des Politthrillers berechtigt. Das heißt aber nicht, dass mein nächster Roman ebenfalls einer wird. Neben dem „Großen Ganzen“ interessieren mich nach wie vor die Abgründe und Tragödien des menschlichen Miteinanders im ganz Privaten, die Verletzlichkeit der Seele und das, was Unrecht und Gewalt mit dem Einzelnen machen. Ich glaube, darum geht es letztlich auch in „Sprengkraft“.

Was war für dich die Initialzündung für „Sprengkraft“?

Die Überlegung, was ein islamistischer Anschlag auslösen würde. Doch schon mein zweiter Gedanke war, dass ich keinen Roman schreiben will, in dem die Rollen allzu eindeutig verteilt wären: hier der gute deutsche Kommissar, dort der böse Attentäter. Die Wirklichkeit ist vielschichtig und schillernd, nicht banal. Und ich wusste, dass ich kein Blutbad mit Hunderten von Toten brauche, um dem Leser Schauer über den Rücken zu jagen. Der Alltag ist gruselig genug: Der Mord an dem Regisseur van Gogh in Amsterdam, Schäubles BKA-Gesetz, vierzig Prozent Erstwählerstimmen für Rechtsradikale in Österreich, die Verwicklung deutscher Geheimdienste in den Sauerlandfall … Und noch etwas war für mich von Anfang an klar: Ich will kein politisches Manifest abliefern, sondern die Geschichten meiner Figuren erzählen. „Schauen, schauen, schauen und nie das Erstaunen vergessen“, wie es Friedrich Glauser einmal formuliert hat.

Geschichten entwickeln sich immer im Spannungsfeld von Thema, Charakter und Plot? Was ist bei dir zuerst da? Und wie sieht dann die weitere Entwicklung aus?

Mit den Figuren entwickelt sich zugleich der Plot. Sie werden lebendig, indem sie handeln. Das heißt, ich entwickle beides parallel, als Einheit, zunächst in Skizzen für das Romangerüst.

Wie ist dein Schreibprozess?

Am Anfang stehen Zettel, die mit wüsten Figuren-Diagrammen vollgekritzelt sind und mit Handlungsbruchstücken, die ich in ein oder zwei Zeilen notiere. Später schreibe ich die Etappen der verschiedenen Handlungsstränge auf Karteikarten, lege sie auf dem Fußboden aus und bringe sie in eine sinnvolle Reihenfolge. Daraus entsteht die Outline, die bereits erste Dialoge enthalten kann. Wenn ich nach etwa einem halben Jahr mit dem eigentlichen Schreiben beginne, heißt das noch lange nicht, dass die Geschichte im Kopf bereits fertig ist. In den zwei Jahren, die ich insgesamt für einen Roman brauche, lerne ich mein Personal immer näher kennen. Es bringt mich ständig auf neue Ideen. Das berühmte Eigenleben der Figuren macht vielleicht nur zwanzig Prozent aus, aber möglicherweise sind es die entscheidenden zwanzig Prozent, ohne die meine Figuren nicht glaubwürdig und eindrucksvoll wären.

Wenn die erste Manuskriptversion fertig ist, überarbeite ich, so oft es geht. Der Abgabetermin rückt näher, aber ich spüre, dass der Text mit jedem Durchgang besser wird. Also arbeite ich zehn Stunden, auch am Wochenende. War ich zu Beginn faul, zweifelnd und depressiv, werde ich jetzt manisch. Mit dem Ziel vor Augen, den perfekten Kriminalroman zu schreiben. Ich hoffe zumindest, diesem Ziel mit jedem Buch näher zu kommen.

Vor längerem hast du gesagt, es gäbe Pläne für eine Verfilmung deines Kurzromans „Der Absprung“. Hat sich da etwas Konkreteres ergeben? Gibt es weitere Pläne für Verfilmungen?

Das Drehbuch lag bei einigen Produzenten. Aber für die Fernsehleute ist das Ende zu tragisch, der Held nicht positiv genug, sie sagen, das sei Kinostoff. Für die Kinoleute ist es wiederum zu sehr Krimi, also vermeintlich nur ein Fernsehstoff. Vielleicht müsste ich es ein weiteres Mal überarbeiten, um trotzdem jemanden zu überzeugen. Aber im letzten Jahr war mir „Sprengkraft“ wichtiger. Ich liebe die Arbeit an der Literatur und das viel zitierte Kino im Kopf, das ein gutes Buch bei jedem einzelnen Leser auf jeweils andere Art auslösen kann, viel bunter und reichhaltiger als es die Glotze jemals könnte.

Welche fünf Bücher empfiehlst du für den nächsten Urlaub?

Fünf? Ich habe schon zehn geschrieben!

Aber wenn im Koffer Platz für fünf weitere Romane ist, dann nehmt folgende mit, Leute:

Frank Göhre, Zappas letzter Hit

John Harvey, Schrei nicht so laut

Ross Thomas, Teufels Küche

James Ellroy, Die Schwarze Dahlie –

und als Nicht-Krimi: Philip Roth, Sabbaths Theater.

Vielen Dank für das Gespräch!

Eckert - Sprengkraft

Horst Eckert:  Sprengkraft

Grafit, 2009

416 Seiten

18,90 Euro

Hinweise

Homepage von Horst Eckert

Meine Besprechung von Horst Eckerts „Sprengkraft“

Meine Besprechung von Horst Eckerts „Königsallee“

Meine Besprechung von Horst Eckerts „Der Absprung“

Meine Besprechung von Horst Eckerts „617 Grad Celsius“


Horst Eckerts zehnter Streich

Mai 22, 2009

Eckert - Sprengkraft

Dass mir das neue Buch „Sprengkraft“ von Horst Eckert gefällt ist nicht erstaunlich. Immerhin bin ich ein bekennender Eckert-Fan.

Dass sein neuer Roman ein spannender Polizeikrimi ist, ist auch nicht erstaunlich.

Dass er nach seinen vorherigen Büchern noch politischer wird (Kritiker lieben es ja, Entwicklungen zu entdecken), ist auch nicht erstaunlich.

Erstaunlich ist aber, dass Horst Eckert anscheinend als einziger deutscher Autor in der Lage ist, einen ernstzunehmenden Politthriller über die heutige Bundesrepublik, die Terrorgefahr und den Abbau der Bürgerrechte zu schreiben. Andere Autoren planen gleich einen Umsturz, inszenieren ein Kasperle-Theater auf Soap-Niveau oder lassen irgendwo in der Provinz Bomben explodieren (Hintertupfigen als Ziel eines Anschlages? Uh-huh.). Das alles hat mit der Realität ungefähr so viel zu tun, wie der letzte „Krieg der Sterne“-Film. Unterhaltsam, vielleicht, aber nicht weiter beunruhigend.

Dagegen demonstriert Horst Eckert mit seinem zehnten Roman „Sprengkraft“ eindrucksvoll, wie ein deutscher Politthriller aussehen kann. Dabei wurden bereits seine vorherigen Romane immer politischer. Er thematisierte schon immer Verflechtungen, Korruption und Machtgier innerhalb der Polizei. In seinen neueren Romanen rückten das Machtgeflecht und die Beziehungen zwischen Polizei, Wirtschaft und der Stadt- und Landespolitik immer mehr in das Zentrum seiner Geschichte. Auch der Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan und der Polizei in Bosnien wurden angesprochen. Aber in „Sprengkraft“ steht die große Politik, nämlich der Kampf gegen den islamistischen Terrorismus, und wie jeder dabei sein eigenes Süppchen kocht, im Mittelpunkt.

In einem Nebenraum einer Hinterhofmoschee explodiert eine Bombe. Die Opfer sind die jungen Islamisten Rafi Diouris, Said Boussoufa und der Konvertit Yassin Dennis Scholl, die gerade einen Anschlag planten und sich bereits den Sprengstoff besorgt hatten. Die ermittelnden Beamten Anna Winkler und Martin Zander fragen sich, ob deren Bomben zufällig explodierten oder ob es ein rechtsradikaler Anschlag gegen die Moschee war.

Außerdem hat Zander von Kriminaldirektor Benedikt Engel den Auftrag erhalten, herauszufinden welcher Polizist vor 18 Monaten die Ermittlungen gegen den auf der Straße erschossenen Bruder von Rafi Diouris torpedierte und wohin damals die Drogen verschwunden sind. Wenn der korrupte Zander den Maulwurf nicht findet, ist er seinen Job los. Weil Rafi Diouris mehr über diesen Dealermord weiß, als er der Polizei verrät, könnte der Anschlag auch ihm gegolten haben.

Gleichzeitig versucht die rechtslastige „Bürgerbewegung Pro Freiheit“ mit einer neuen Vorsitzenden, der von der CDU abgeworbenen Bundestagsabgeordneten Carola Ott-Petersen, und dem von Unternehmer Edwin A. Bucerius teuer bezahlten PR-Berater Moritz Lemke, in den Landtag einzuziehen. Ott-Petersen entdeckt in der Parteizentrale seltsame Rechnungen und verschwindet plötzlich. Lemke ist zwar einerseits ein Alt-Linker (Gründungsmitglied der Grünen!), aber andererseits kann er das Geld gut gebrauchen und er ist für das Lob und die Schmeicheleien der Parteifinanziers empfänglich. Denn die Bombe beweist doch, so sagt er sich, dass die Partei mit ihren ausländerfeindlichen Parolen Recht hat.

Diese miteinander verbundenen Geschichten entwickeln sich vor aktuellen Schlagzeilen. Die Proteste gegen eine religionskritische Ausstellung in der Berliner Turmstraße (also vor meiner Haustür; die Ausstellung fand gut bewacht statt und war gut besucht), die verschiedenen missglückten Anschläge von mutmaßlich islamistischen Terroristen in Deutschland, die deutschsprachigen Al-Kaida-Videos, der jetzt schon stattfindende massive Abbau von Bürgerrechten mit dem Hinweis auf den internationalen Terrorismus (Vorratsdatenspeicherung und Online-Durchsuchung können hier als Stichworte genügen), die zunehmende Abneigung der Deutschen gegen den Islam, die damit verbundenen Proteste in mehreren Großstädten gegen den Bau von Moscheen und, natürlich, die Umgangsformen in der Politik werden auch in „Sprengkraft“ genannt.

Horst Eckert verknüpft diese bundesdeutsche Wirklichkeit gewohnt souverän mit ungefähr einem halben Dutzend verschiedener Handlungsfäden, ohne jemals den Überblick zu verlieren, und wartet mit einem überraschenden, die vorherigen Gewissheiten in Frage stellendem, glaubwürdigen  Ende auf.

„Sprengkraft“ ist Eckerts präziser Kommentar zur Lage der Nation. Dabei kommen, wie schon bei Ross Thomas, die Mächtigen nicht besonders gut weg.

Horst Eckert: Sprengkraft

Grafit, 2009

416 Seiten

18,90 Euro

Die Taten des Horst Eckert

Annas Erbe, 1995

Bittere Delikatessen, 1996

Aufgeputscht, 1997

Finstere Seelen, 1999

Die Zwillingsfalle, 2000

Ausgezählt, 2002

Purpurland, 2003

617 Grad Celsius, 2005

Königsallee, 2007

Kleinere Delikte von Horst Eckert

Der Absprung, 2006 (Kaliber.64)

und zahlreiche Kurzgeschichten

Hinweise

Homepage von Horst Eckert

Meine Besprechung von Horst Eckerts „Königsallee“

Meine Besprechung von Horst Eckerts „Der Absprung“

Meine Besprechung von Horst Eckerts „617 Grad Celsius“

Kriminalakte: Interview mit Horst Eckert (22. Mai 2009)


Stephen Kings Ausflug zu Hard Case Crime

Mai 21, 2009

King - Colorado KidKing - The Colorado Kid

Vor- und Nachworte werden meist als uninteressantes Geblubber überblättert. Manchmal, wie bei Stephen Kings „Colorado Kid“, werden sie nicht übersetzt. Dabei sind Kings Erklärungen zu seinen Geschichten immer lesenswert und auch bei „Colorado Kid“ verrät King einiges über die Hintergründe der Geschichte und dass sie seine Leser spalten werde. Denn er löst das Rätsel um die Leiche nicht, aber das haben die beiden alten Provinzjournalisten Vince Teague und Dave Bowie vom Weekly Islander auf Moose-Lookit Island, Maine, ihrer jungen Kollegin Stephanie McCann immer wieder gesagt. Denn sie versuchen bereits seit einem viertel Jahrhundert herauszufinden, wie das Colorado Kid auf ihre Insel kam. Lange ist seine Identität unbekannt und als er, dank eines hartnäckigen, jungen Gerichtsmediziners endlich einen Namen und einen Wohnort hat, wird es richtig rätselhaft. Denn wie kam er auf die Insel? Wie starb er? Wer ermordete ihn? Und warum? Stephanie schlägt ihren beiden Mentoren mehrere Lösungen vor. Diese beantworten geduldig ihre Fragen und verführen sie so langsam.

In der kurzen Geschichte „Colorado Kid“ geht es letztendlich darum, der aus Cincinnatti, Ohio, kommenden Studentin an einem langen Nachmittag das Inselleben schmackhaft zu machen. Entsprechend gemütlich ist das Erzähltempo, wenn die beiden alten Knacker der jungen Frau auf der Veranda der Zeitung die Geschichte mit Pausen und Abschweifungen erzählen und dabei immer wieder betonten, dass es eigentlich überhaupt keine Geschichte sei.

Und King wechselt im plaudernden Tonfall der beiden alten, rüstigen Landeier (der eine ist Mitte Sechzig, der andere Anfang Neunzig) immer wieder von der Gegenwart in die Vergangenheit, an die sie sich noch sehr gut erinnern.

In Amerika erschien „Colorado Kid“ als dreizehnter Band der „Hard Case Crime“-Reihe. King war, als er von dem Konzept der Reihe erfuhr, sofort begeistert, lehnte die Anfrage für einige lobende Worte über die Reihe ab und bot eine neue Geschichte an. Herausgeber Charles Ardai griff natürlich sofort zu. Dank des bekannten Autors (es war auch das erste ins Deutsche übersetzte Hard-Case-Crime-Buch) verkaufte sich die, nach Kings Einschätzung, Softboiled-Geschichte ausgezeichnet und machte die Reihe außerhalb der Krimiszene bekannt.

Allerdings wurde „Colorado Kid“, vor allem wegen des offenen Endes, von vielen Lesern heftig kritisiert. King schreibt in seinem Nachwort, dass er kein Ende wollte, sondern beim Schreiben vor allem an dem Rätsel interessiert gewesen sei. Das macht die Lektüre allerdings auch etwas unbefriedigend. Deshalb wäre es vielleicht besser, wenn „Colorado Kid“ in künftigen Auflagen zusammen mit anderen Geschichten publiziert würde. Immerhin hat „Colorado Kid“ für King-Verhältnisse kaum die Länge einer Novelle. Aber einer sehr unterhaltsamen.

Die aktuelle Ausgabe hat als Bonusmaterial eine kommentierte Bibliographie der im Heyne-Verlag erschienenen Stephen-King-Bücher. Zwei Dinge fallen bei der Bibliographie auf: erstens fehlen die Erscheinungsjahre und zweitens hat Heyne nie „Carrie“ veröffentlicht.

Stephen King: Colorado Kid

(übersetzt von Andrea Fischer)

Heyne, 2009

176 Seiten

7,95 Euro

Originalausgabe

The Colorado Kid

Hard Case Crime, 2005

Deutsche Erstveröffentlichung

Ullstein, 2006

Hinweise

Homepage von Stephen King

Mein Porträt zu Stephen Kings Geburtstag

Meine Besprechung von Stephen Kings/Richard Bachmans „Qual“ (Blaze, 2007)

Meine Besprechung von Stephen Kings „Nachgelassene Dinge“ (The things they left behind) in Ed McBains „Die hohe Kunst des Mordens“ (Transgressions, 2005)


Guter Anfang, sehr schwacher Rest

Mai 20, 2009

Farrow - Eishauch

(Kurze Warnung: Diese Besprechung ist nicht spoilerfrei.)

Nachdem Thomas Wörtche und Tobias Gohlis John Farrows „Eishauch“ überschwänglich loben und er vor einem Jahrzehnt für den Arthur-Ellis-Preis nominiert war, erwartete ich natürlich einiges von diesem engbedruckten 600-seitigen Werk und wurde bitter enttäuscht. Denn für mich ist „Eishauch“ kein fast perfekter Roman, sondern ein Roman mit einem guten Anfang, einer sehr zähen Mitte und einem für einen Polizeiroman albernen Ende.

„Eishauch“ beginnt mit einem Prolog, der mir beim Lesen gefallen hat, aber letztendlich, wie ein Vorwort, überblättert werden kann. In ihm erhält Detective Emile Cinq-Mars in einem Lagerhaus in Montreal das Angebot, bei der Spezialeinheit Wolverines mitzumachen. Die Einheit soll den Krieg der Hells Angels gegen die Rock Machine beenden und den Zaren, den großen, unbekannten Hintermann, überführen. Während des Treffens explodiert vor ihren Augen das Auto des Bankers der Hells Angels.

Cinq-Mars ist der sattsam bekannte harte, einzelgängerische Bulle mit der überragenden Verhaftungsquote. Außerdem, was ihn von einigen anderen Ermittlern unterscheidet (und dem Autor beim Plotten viel Arbeit erspart), erspürt Cinq-Mars die Täter. Selbstverständlich lehnt er das Angebot der Wolverines (die später nicht mehr auftauchen) ab.

Weiter geht’s im ersten Teil einige Monate später. Am Heiligabend wartet Cinq-Mars mit seinem neuen Partner Bill Mathers auf einen angekündigten Drogendeal. Die Information hat Cinq-Mars von einem seiner vielen, unentgeltlich arbeitenden Informanten erhalten. Der Deal findet nicht statt, aber sie finden in einer ausgeräumten Wohnung einen toten Weihnachtsmann, der einer von Cinq-Mars’ Spitzel war und ein Schild mit den eindeutigen Worten „Frohe Weihnachten, M5“ hält. Der angesprochene Cinq-Mars will natürlich den Mörder finden und seine beste Spur führt über eine Autowerkstatt zu einem russischen Schiff. Beide Orte gehören zu einer Autoschieberbande, die gute Kontakte zur Polizei hat, und auch irgendwie mit den sich bekämpfenden Rockerbanden verknüpft ist

Ungefähr zur gleichen Zeit rekrutiert Selwyn Norris (über dessen Hintergrund wir lange nichts erfahren) die Studentin Julia Murdick für einen Undercover-Einsatz. Sie soll die Tochter eines Bankers spielen, der den im Prolog ermordeten Banker bei den Bikern ersetzen soll. Und der Journalist Okinder Boyle soll die Hintergründe des Weihnachtsmann-Mordes recherchieren.

Dazwischen bringen die Rocker mit weiteren Bombenattentaten sich und auch ein unschuldiges Kind um. Aber das beeinflusst die Ermittlungen von Cinq-Mars nicht weiter. Der russische und der amerikanische Geheimdienst sind auch irgendwie involviert und die Mafia begnügt sich mit einem Platz auf den Zuschauerrängen.

In der Mitte schleppt sich die Geschichte dann teilweise über Dutzende von Seiten ohne einen erkennbaren Fortschritt hin. Es passiert nichts wichtiges, aber es ist genug Zeit, die gesamte Konstruktion und Logik der Geschichte zu überdenken. Dazu gehören Fragen, wie warum eine Studentin für einen gefährlichen Undercover-Einsatz rekrutiert wird. Warum sie mitmacht. Warum immer wieder Menschen vollkommen grundlos sie selbst schwer belastende Geständnisse ablegen. Warum Cinq-Mars ein Netz von Informanten hat, die ihm ohne Gegenleistung und anonym Tipps geben. Warum John Farrow unbedingt Rockerbanden, Mafia, Geheimdienste, korrupte Polizisten und das friedliche Landleben in einer Geschichte miteinander verbinden muss. Warum das alles nicht um die Hälfte gekürzt wurde. Dann könnte „Eishauch“ als netter Thriller durchgehen, aber bei sechshundert Seiten bleibt beim Lesen auch genug Zeit, um zu viele Logiklöcher zu entdecken und sich über Klischees und, gegen Ende, rapide zunehmenden ad-hoc-Entwicklungen zu stören.

Das letzte Drittel lebt nur noch von Cinq-Mars’ erratischen Ermittlungsmethoden. Er beschuldigt willkürlich Verbrecher und Polizisten. Er nimmt die Beschuldigungen ebenso willkürlich wieder zurück. Trotzdem helfen ihm einige der Beschuldigten weiter, anstatt von zu Schweigen. Er arbeitet mit Selwyn Norris zusammen, weil er ihm die Wahrheit erzählt (Cinq-Mars weiß das. Ein normaler Ermittler würde Norris wahrscheinlich verhaften.). Und dann gibt es immer wieder Stellen, die einen verwundert den Kopf schütteln lassen. Da schreibt John Farrow auf gut zehn Seiten mäßig spannend, wie eine Bombe in einem parkenden Auto platziert wird. Nachdem die Bösewichte einen kurzen Streit über die Zündung der Bombe haben, explodiert sie und das mit vier Personen besetzte Auto geht in die Luft. Erst zwei Seiten später erfahren wir, dass Cinq-Mars in dem Auto war und leicht verletzt überlebte. Die Namen der drei Mitpassagiere erfahren wir, bis auf Bill Mathers, der sofort zu dem verletzten Cinq-Mars eilt, dann teilweise durch eifriges Vor- und Zurückblättern. Cinq-Mars als echter Held geht natürlich nicht ins Krankenhaus (Kopfwunde? Pah!) und in der nächsten Szene, einige Stunden später, eilt er von Verhörzimmer zu Verhörzimmer.

Wer allerdings glaubt, dass es nicht noch schlimmer kommen kann, darf auf den letzten Seiten die Befreiung einer Geisel auf dem russischen Schiff lesen.

Natürlich vertraut Cinq-Mars nicht auf die korrupte Polizei, sondern er holt seine pensionierten Kumpels. Sie laufen auf das Schiff (Eine Wache gibt es nicht. Die Bösen sind alle irgendwie im Schiffsbauch beschäftigt.). Cinq-Mars organisiert einen Stromausfall von genau 200 Sekunden (Uh, warum 200? Warum nicht 100? Oder einfach eins, zwei, drei Minuten? Vor allem wozu?). Im Maschinenraum stellen sie dann fest, dass die Notbeleuchtung doch noch brennt und sie so zum Glück etwas sehen (Ja, so ein großes Schiff ist unter Deck schon ein ziemlich dunkles Teil). Es wird ein wenig herumgeballert und Cinq-Mars kann die schöne Maid retten. Der Bösewicht entkommt; wenigstens vorläufig.

Und ich habe schon lange kein Buch mehr gelesen, das nach einem guten Auftakt so stark abbaute.

John Farrow: Eishauch

(übersetzt von Friederike Levin)

Knaur, 2009

592 Seiten

8,95 Euro

Originalausgabe

City of Ice

Century Books, London, 1999

Hinweise

Wikipedia über John Farrow

January Magazine: Interview mit John Farrow

Arte: Die Besprechungen von Thomas Wörtche und Tobias Gohlis


„Wir sind Kameruner“

Mai 14, 2009

Kunkel - Kuhls KosmosVor fünf Jahren massakrierte die Kritik „Endstufe“ von Thor Kunkel regelrecht. Sein neuestes Werk „Kuhls Kosmos“ wurde dann weitgehend ignoriert. Zu Unrecht. Denn „Kuhls Kosmos“ ist ein schön schwarzhumoriger Pulp über Thor Kunkels bereits aus früheren Werken bekannten Verlierer Kuhl und ein illusionsloser Blick zurück in die späten Siebziger, als vieles anders, aber nicht besser war.

Anton Kuhlmann, von allen „Kuhl“ genannt, ist 1979 kurz vor der Silvesternacht auf den Bahamas mit dem Durchbringen von einem Haufen unrechtmäßig erworbenem Geld und dem angemessenen Feiern des Endes der glorreichen siebziger Jahre mit Drogen, Sex und Müßiggang beschäftigt. Denn danach, davon ist der Neuzehnjährige fest überzeugt, kann nichts mehr kommen. Deshalb will er, bevor der letzte Pfennig aufgebraucht ist, sterben.

Der windige Pornoproduzent Earl B. Holsten möchte ihn währenddessen an seinem nächsten Projekt „Geisha des Todes: Die 1002. Nacht“ beteiligen und die ältere Pornodarstellerin Pola Popova (sie hat das biblische Alter von Dreißig schon vor einigen Jahren überschritten) mit standesgemäß großem Busen will mit ihm (immerhin produziert er vielleicht ihren nächsten Film und außerdem ist der Junge ganz nett) ins Bett.

Kuhls Erlebnisse in Nassau werden von den erfolglosen Ermittlungen von Kommissar Jörg Herbricht und Kuhls Erinnerungen an seine Frankfurter Zeit unterbrochen. Zusammen mit seinen Kumpels Mario „Rio“ Bravo und Sonnfried „Sonny“ Lattmann zog Kuhl durch den Stadtteil Kamerun und versuchte sich ziemlich erfolglos als Kleinkrimineller. Denn wenn es eine wiederkehrende Melodie in seinem kurzen Leben gibt, ist es, dass jeder seiner Pläne scheitert. Das gilt für die Fahrt an die Nordsee, das Besorgen von Alkohol aus dem Kaufhaus, das Bestehlen eines toten Rentners und das Vermeiden von ehrlicher Arbeit. Denn die Zicke vom Arbeitsamt will dem Schulabbrecher unbedingt zu einem Job verhelfen. Kuhl hat allerdings keinen Bock und erfindet eine Reihe grandios-unglaubwürdiger Ausreden, die auch einem Hartz-IV-Empfänger gefallen können. Der Erfolg von Kuhls Bemühen ist, wenig überraschend, dass ihm das Arbeitslosengeld gestrichen wird.

Thor Kunkel schildert diese Geschichte eines nach bürgerlichen Maßstäben gescheiterten Lebens im schwarzhumorig, geradlinigen Hardboiled-Tonfall. Er urteilt nicht über seine Charaktere. Er langweilt nicht mit weltbekehrender Sozialarbeiterprosa. Stattdessen wechselt er öfter – und sehr gelungen – in eine verknappte Drehbuchprosa. Immerhin sehen die glücklosen Kleingangster und Discofans Rio, Sonny und Kuhl ihr Leben als dreckiges B-Movie.

Ein dickes Dankeschön an „Pulp Master“-Herausgeber Frank Nowatzki für die Veröffentlichung von Thor Kunkels neuem Roman. Denn wenn „Kuhls Kosmos“ bei einem großen Verlag erschienen wäre, hätte ich es sehr wahrscheinlich nicht gelesen und so ein verdammt gutes Buch verpasst.

Thor Kunkel: Kuhls Kosmos

Pulp Master, 2008

336 Seiten

13,80 Euro

Hinweise

Homepage von Thor Kunkel

Wikipedia über Thor Kunkel


Peter Zeindler zwischen alten Damen und Agenten

Mai 11, 2009

Zeindler - Die MeisterpartieZeindler - Das SargbukettZeindler - Feuerprobe

Peter Zeindler, der am 18. Februar seinen 75. Geburtstag feierte, ist vor allem für seine Spionagethriller bekannt. Er wurde öfters mit seinem Vorbild John le Carré verglichen, er erhielt mehrere Preise und verschwand in den vergangenen Jahren aus den deutschen Buchhandlungen. Nicht, weil er keine neuen Bücher mehr veröffentlichte, sondern weil er diese Bücher bei Schweizer Verlagen (hauptsächlich Arche Literaturverlag) veröffentlichte. Erst mit den beiden bei Pendragon veröffentlichten Büchern „Das Sargbukett“ und „Die Meisterpartie“ kehrte er auf den hiesigen Buchmarkt zurück. Da trifft es sich gut, dass kürzlich auch seine Nachwendeagentengeschichte „Feuerprobe“ in der „Kriminellen Sittengeschichte Deutschlands“ wiederveröffentlicht wurde. Denn die beiden Pendragon-Bücher sind Zeindler-Untypisch.

„Die Meisterpartie“ enthält zwölf Kurzgeschichten, die mehr oder weniger Kriminalgeschichten sind. Er schreibt über immer wieder über Doppelagenten und die Versuche sie zu enttarnen; über Schriftsteller (so ist ein Schriftsteller als Vorleser auf einer Kreuzfahrt dabei und er verliebt sich in die falsche Frau; ein anderer möchte mit allen Mitteln, dass sein Werk von einem Großkritiker abgefeiert wird), über eine ältere Dame in den Fängen eines Bankbeamten (oder umgekehrt?), einen hilfsbereiten Lehrer-Kollegen (oder doch nicht?), einen hilfsbereiten Heimwerker (oder doch nicht?), einen Mann, der für seine Frau alles mit sich tun würde und über Ehefrauen, die an alles gedacht haben. Die oft ohne einen Mord auskommenden Geschichten zeigen, dass Zeindler mehr als ein Agentenroman-Autor ist. Sie sind witzig, ironisch, immer mit einem überraschenden Ende und meistens spielen sie unter Menschen, die, wie der Erzähler, ihre Lebensmitte bereits überschritten haben, teilweise schon in Rente sind und keine drängenden finanziellen Sorgen haben. „Die Meisterpartie“ ist eine ebenso angenehme Lektüre wie Zeindlers zweites Pendragon-Buch „Das Sargbukett“.

In dem sanften Rätselkrimi in der Tradition von Agatha Christie lässt er Sophie in einen Mordfall stolpern. Sie will ihren mal wieder verschwundenen dementen Mann Eugen aus einer Wirtschaft abholen. Doch er ist schon weg. Dafür entdeckt sie an seinem Platz ein Sargbukett und sie trifft einen vorlauten jungen Mann. Ihre Neugier, immerhin ist sie eine begeisterte Leserin der Abenteuer von Miss Marple, Hercule Poirot und Lord Peter Wimsey, ist geweckt. Zusammen mit dem jungen Mann als ihrem eher unfreiwilligen Begleiter und Fahrer (mit seiner Harley Davidson), will sie Herausfinden, warum ihr Mann das Sargbukett kaufte. Als sie auf der Beerdigung des vermögenden Bertram Senger eintreffen, ist Sophie nach einem Blick auf die Trauergemeinde überzeugt, dass der Verblichene ermordet wurde. Sie will – aus reiner Neugierde – den Mörder überführen.

„Das Sargbukett“ funktioniert vor allem als kurze Liebeserklärung an Miss Marple. Denn bevor allzuviel über die Logik der Geschichte nachgedacht und mitgerätselt werden kann, ist die Geschichte bereits schmunzelnd gelesen.

Direkt vor „Das Sargbukett“ veröffentlichte Peter Zeindler den mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichneten Agentenroman „Feuerprobe“. Allerdings ist „Feuerprobe“, besonders nach den kürzeren Texten, ein beeindruckend missratener Roman. Die Geschichte spielt während des Zusammenbruchs der DDR. Gerd Brenner spioniert als Agent für die DDR seit Jahrzehnten die Amerikaner in Ramstein aus. Doch jetzt weiß er nicht, wie es weitergehen soll. Ein Treffen mit seinem Instrukteur Fred geht schief. In Ramstein wird seine Informantin umgebracht, ein amerikanischer Soldat will ihn umbringen und Fred hat seiner Frau, vor einem tödlichen Autounfall, alles über sein Doppelleben erzählt. Die arrangiert sich beeindruckend schnell mit ihrem neuen Wissen und Brenner macht sich auf den Weg in die DDR.

Tja, und spätestens jetzt häufen sich die Fragen an die Motivation der Charaktere und die Wahrscheinlichkeit. Dass dabei einige Handlungsfäden ganz vergessen oder irgendwann wieder sehr lieblos aufgegriffen werden, verärgert zusätzlich.

Aber das Kernproblem von „Feuerprobe“ ist die Motivation des Erzählers Brenner. Denn während des Lesens und auch nach der Lektüre ist vollkommen unklar, was er erreichen will und inwiefern sein Handeln ihn näher an dieses Ziel bringt. So erscheinen alle seine Handlungen vollkommen beliebig und mehr oder weniger irrational. Denn nach dem missglückten Treffen in Zürich zieht er sich nicht, in der Hoffnung nicht enttarnt zu werden, in seine Tarnexistenz zurück. Er geht auch nicht zum Verfassungsschutz und bietet sich ihnen als Überläufer an. Stattdessen tut er alles, um auf sich Aufmerksam zu machen. Er setzt eine Meldung in die DDR ab, dass er nicht mehr als Agent arbeite (keine Ahnung warum) und fährt kurz darauf in die DDR (dito). Dort sucht er den echten Gerd Brenner. Denn die Identität des Erzählers ist selbstverständlich eine erfundene Identität, für die ein realer Name genommen wurde. Entgegen jeder Wahrscheinlichkeit, hat der echte Brenner bis vor wenigen Tagen noch quietschfidel in der DDR gelebt (Stellen Sie sich mal vor, der echte Brenner hätte Republikflucht begangen und an den deutschen Behörden wäre aufgefallen, dass sie schon einen Brenner haben.). Brenners Frau hüpft sofort mit dem Erzähler ins Bett und hilft ihm anschließend ohne zu Fragen bei seinen, teilweise illegalen, Taten. Der Erzähler setzt sich in ein Seminar seines genialen Ausbilders und  Führungsoffiziers und wird erstaunlich lange von ihm nicht erkannt. Später, um seine Tarnung, die im Wesentlichen aus gefärbten Haaren besteht, zu überprüfen setzt er sich wieder in das Seminar und wird – Oh Wunder! – nicht erkannt. Warum der Erzähler sich so in Gefahr begibt, ist vollkommen unklar. Es ist allerdings auch vollkommen unklar, was der Erzähler in der DDR will.

Wenn allerdings nicht klar ist, welches Ziel ein Charakter verfolgt, erscheinen alle seine Handlungen sinnlos und beliebig. Die Geschichte selbst langweilig und banal. Das ist, als ob man ein Kartenspiel beobachte, ohne die Regeln zu kennen.

Peter Zeindler: Die Meisterpartie

Pendragon, 2009

160 Seiten

14,90 Euro

Peter Zeindler: Das Sargbukett

Pendragon, 2009

160 Seiten

9,90 Euro

Erstausgabe

Das Sargbukett oder Sophies erster Fall

Arche Literaturverlag, 1992

Peter Zeindler: Feuerprobe

(Kriminelle Sittengeschichte Deutschlands, mit einem Porträt von Frank Göhre)

Edition Köln, 2008

336 Seiten

13,80 Euro

Erstausgabe

Arche Literaturverlag, 1991

Weitere Ausgaben

Goldmann, 1993

Hinweise

Krimi-Couch über Peter Zeindler (Achtung: die Serieneinteilung ist falsch.)

Lexikon der deutschen Krimitautoren über Peter Zeindler

Toms Krimitreff über Peter Zeindler


Krimijahrbuch wurde zu Kriminalromanjahrbuch

Mai 7, 2009

krimijahrbuch-2009

Durch den Verlagswechsel änderte sich für die Macher des Krimijahrbuches einiges. Der wichtigste Unterschied ist, dass sich der Umfang ungefähr halbierte. Es musste also überlegt werden, welche Rubriken und Teile gestrichen werden. Christina Bacher, Ulrich Noller und Dieter Paul Rudolph beschlossen, aus dem „Krimijahrbuch“ ein „Kriminalromanjahrbuch“ zu machen. Kino, TV und Hörspiel flogen raus. Comics sind immer noch nicht drin. Dann wurden, anscheinend war es immer noch zu umfangreich, alle Rubriken gestrichen, die einen Rückblick auf das vergangene Krimijahr, äh, Kriminalromanjahr halten. Keine Auflistung der krimirelevanten Sekundärliteratur. Kein Überblick über ausgezeichnete Romane; wobei sich dieser Überblick in den vergangenen Jahren vor allem auf die US-amerikanischen Krimipreise konzentrierte. Theoretische Texte finden sich nur noch in einer Schwundstufe. Die umfassende Auflistung der im vergangenen Jahr verstorbenen Krimischaffenden ist einigen kurzen Nachrufen und einer sehr kursorischen Liste von 2008 verstorbenen Autoren gewichen. Letztendlich wurde alles, was das Krimijahrbuch erkennbar mit seinem Erscheinungsjahr verband, gestrichen.

Stattdessen gibt es, wie bisher, eine Zweiteilung in deutsche und nicht-deutsche Werke und Schwerpunkte zu Manfred Wieninger und Jugendbuchkrimis. Im deutschen Teil gibt es Werbetexte über Krimifestivals und die „Sisters of Crime“, ein sehr interessantes Interview mit Sebastian Fitzek und weniger interessante mit Zoran Drvenkar und Lucie Klassen, eher selbstreferentielles von Frank Göhre (ein gefaktes Tagebuch eines Autoren), Pieke Biermann schreibt über schlechte Übersetzungen und Peter J. Kraus internes über seine erste Krimiveröffentlichung 2003 und die anschließende erfolglose Suche nach einem anderen Verlag (Kraus ist ein in Kalifornien lebender Deutscher). Es gibt den bekannt lockeren Austausch von Rudolph und Noller über einige 2008 erschienene Krimis und einige Autoren und Kritiker nennen ihre Lieblingsbücher 2008. Einige erschienen 2008 erstmals, einige sind Wiederveröffentlichungen, einige schon älter und einige sind noch (?) nicht übersetzt. Denn die bibliographischen Angaben sind durchgehend dünn. Meist wird der Originaltitel nicht genannt (oder, wenn der Originaltitel genannt wird, fehlt der deutsche Titel), fast nie der Verlag und nie die Seitenzahl (Das mag eine Marotte von mir sein, aber es interessiert mich sehr, ob ein Werk 200 oder 500 Seiten hat, wann es erstmals erschien und wie der Originaltitel ist.). Wer also mehr wissen will, darf bei Amazon nachfragen. Dann kann auch via Google die Homepage des Autors gesucht werden. Denn auf weiterführende Links wurde fast immer verzichtet.

Im internationalen Teil gibt es ein wenig England (Colin Cotterill und John Harvey), Schweden (Håkan Nesser), Überblicke über Südafrika und Polen (zwei Länder,  die für deutschsprachige Leser weiße Flecken sind) und den schon fast obligatorischen Patricia-Highsmith-Artikel. Immerhin kann bei dem 1938 geborenen John Harvey so etwas wie Ankoppelung an das Jahr 2008 konstruiert werden, auch wenn vor allem über seine Elder- und Resnick-Serie geschrieben wird. Auch bei den anderen Texten wird fast schon peinlich jeder Verweis auf 2008, was sich bei einem Jahrbuch anbieten würde, vermieden. So entstand das Interview mit Colin Cotterill, bei dem kein einziger Buchtitel genannt wird, natürlich anlässlich seines Deutschlanddebüts „Dr. Siri und seine Toten“ (The Coroner’s Lunch, 2005). Bei Patricia Highsmith ist es die abgeschlossene Neuausgabe ihres Werkes bei Diogenes.

Die USA sind nur mit dem Nachdruck eines bereits in der „Welt“ erschienenen Textes über Donald E. Westlake (anlässlich der Veröffentlichung des von Richard Stark geschriebenen Parker-Romans „Fragen Sie den Papagei!“) vertreten.

Die an einer Hand abzählbaren längeren Nachrufe sind bereits an anderen Orten erschienen (auf entsprechende Nachweise wurde verzichtet) und für das „Krimijahrbuch“ nicht überarbeitet. Einige wichtige Autoren, wie Donald Westlake und Gregory Mcdonald, werden nur mit wenigen Zeilen gewürdigt; andere, wie Olov Svedelid, Stefan Murr und Benjamin M. Schutz, überhaupt nicht.

So ist das „Krimijahrbuch 2009“, wie es sich für einen Sammelband gehört, ein Kessel Buntes. Allerdings ist dieses Jahr der Kessel sehr klein geraten und es fehlt zu vieles, was zu einem Rückblick auf ein Jahr gehört. Das neueste Krimijahrbuch ist nur eine beliebige Zusammenstellung von kriminalromanaffinen Texten, die auch an anderen Orten zu anderen Zeiten, zum Beispiel einem Krimimagazin, hätten erscheinen können.

Christina Bacher/Ulrich Noller/Dieter Paul Rudolph (Herausgeber): Krimijahrbuch 2009

Pendragon, 2009

360 Seiten

12,90 Euro

Inhaltsverzeichnis

Ulrich Noller / Dieter Paul Rudolph: Das Krimijahr 2008. Ein unvollständiges Fazit

Verschiedene: Drei Krimis des Jahres

Krimistandort Deutschland

Christina Bacher: Krimi(Klein)Verlage

Henrike Heiland: „Ich hab‘ das einfach gemacht!“ Ein Gespräch mit Sebastian Fitzek über Krimi-Marketing

Peter J. Kraus: Weit Weg Lügt Sichs Gut

Frank Göhre: Der ostfriesische Melker und die Mutter der Ich-Erzählerin. Zufällig von Frank Göhre aufgefundene Notizen eines ehrenwerten „Syndikat“-Mitglieds

Pieke Biermann: Von denen Mördern und Leichenfotografen. Kleiner Steinhagel aus dem Glashaus

Uwe Lischper: Festivalkultur – Literaturpräsentation im Wandel …

Ralph Laumer: Lesen, zuhören, reden – Das Marburger Krimifestival

Jasna Mittler: Gute Mädchen kommen in den Himmel, böse Mädchen kommen auf die Bestsellerliste!

Ulrich Noller: „Was du auch tust, hol dir was vom Leben, denn dafür ist es da“. Ein Gespräch mit Zoran Drvenkar

Ralph Güth / Dieter Paul Rudolph: Hype 08. Pro und contra Stieg Larsson

Ulrich Noller: Leben und Schreiben in Bad Pyrmont: Lucie Klassen

Margit Breuss: Definiert den Regiokrimi nicht zu Tode! Ein Plädoyer für die kulturelle Eigenart

Manfred Wieninger

Manfred Wieninger über Manfred Wieninger

Thomas Wörtche: Manfred Wieningers Marek-Miert-Romane

Dieter Paul Rudolph: Der innere Polizist – Ein Gespräch mit Manfred Wieninger über Marek Miert und das Ende der Aufklärung

Manfred Wieninger: Oh du mein Österreich – der zeitgenössische Krimi als letztes kritisches Korrektiv einer eskapistischen Gesellschaft

Manfred Wieninger: Ausflug in die Realität. Wenn Schreibtischtäter zur Waffe greifen…

Manfred Wieninger: Eine kurze Geschichte über die Brutalität

Manfred Wieninger: Der Friseur von Tschurdistan

Jugendkrimis

Beate Mainka: „Ich liebe meine Täter“. Die Jugendbuchautorin Monika Feth im Gespräch mit jugendlichen Krimilesern

Beate Mainka: Krimis für den Nachwuchs. Über das Verbrechen in der Jugendliteratur

Boris Koch: Warum lesen Jungs Fantasy? Und was kann der Krimi ihnen bieten?

Beate Mainka: Echt geil! Drei Jugendliche empfehlen ihre Lieblingskrimis

Von Jägern und Sammlern

Mirko Schädel: Lesen hinterm Deich

Josef Hoffmann: Krimis sammeln

Krimi international

Joachim Feldmann: Licht im Dunkeln. John Harvey und seine melancholischen Ermittler

Henrike Heiland: „Wie schwer kann es schon sein, einen Bestseller zu schreiben?“ Ein Gespräch mit Colin Cotterill

Hannes Stein: Immer jung, stets cool, weiter unverwüstlich: Der ewige Gangster Parker ist wieder da. Wassaic/Upstsate New York. Ein Ortstermin mit Donald E. Westlake und Richard Stark

Tobias Gohlis: Klatsch vom Dreh. Erlebnisse beim Porträtieren von Krimiautoren

Henrike Heiland: „Ich will nur gute Geschichten schreiben“. Ein Gespräch mit Håkan Nesser

Jochen Vogt: Eine ununterbrochene Erschütterung aller Zustände. Über die Erzählerin Patricia Highsmith

Steffen Richter: Im Zeichen der Berlusconismo. Neueste Kriminalliteratur aus Italien

Anna Veronica Wutschel: Der andere Tatort: Ein Streifzug durch die zeitgenössische südafrikanische Krimilandschaft.

Markus Schnabel: Geschichte des polnischen Kriminalromans

Irek Grin: Der polnische Krimiboom

Nachrufe für das Jahr 2008


Vier spannende Pulps, serviert mit einer gute Portion schwarzen Humor

Mai 1, 2009

Die dritte deutschsprachige Hard-Case-Crime-Lieferung ist wieder ein spannendes Viererpack für den Hardboiled-Fan mit zwei alten und zwei neuen Romanen. Die Erstausgaben der Geschichten von Ed McBain und Lawrence Block erschienen bereits vor Jahrzehnten in Amerika, kurz darauf auch in Deutschland und wurden für die Hard-Case-Crime-Ausgabe neu übersetzt. Das Duo Ken Bruen/Jason Starr setzt die mit „Flop“ begonnene Zusammenarbeit fulminant fort und Max Phillips steuert ein mit dem Shamus-Preis ausgezeichnetes Werk bei.

Die Grandmaster Ed McBain und Lawrence Block

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„Die Gosse und das Grab“ ist ein Frühwerk von Ed McBain, der vor allem für seine langlebige Serie um das 87. Polizeirevier (dem Vorbild für alle realistischen Polizeiromane und Polizeiserien) bekannt ist. In dem schmalen, für die Hard-Case-Crime-Ausgabe überarbeiteten Roman bittet der Schneider Johnny Bridges seinen früheren Nachbarn, den Ex-Detective und Alkoholiker Matt Cordell um Hilfe. Er möchte wissen, wer ihn bestiehlt. Bevor Cordell mit seiner Arbeit beginnen kann, entdecken sie die Leiche von Bridges’ Geschäftspartner Dom Archese. Cordell beginnt den Mörder zu suchen. Bei seinen von eruptiven Erinnerungen unterbrochenen Ermittlungen konzentriert sich sein Interesse auf den Jazz-Musiker und Angestellten Dave Ryan, Archeses Frau und ihre singende Schwester.

Im Rahmen dieses Whodunit-Plots zeichnet Ed McBain in seinem düsteren Privatdetektivroman „Die Gosse und das Grab“ ein sehr frühes Porträt von einem Alkoholiker als Privatdetektiv. Cordell verschwand nach diesem Fall von der literarischen Bühne. Erst in die siebziger Jahre erfand Lawrence Block einen ähnlichen Privatdetektiv. Matt Scudder kämpfte mit seinem Alkoholismus und nach einigen, eher erfolglosen Romane, verschob Block in „Eight Million Ways to die“ und dem anschließenden „When the sacred ginmill closes“ die Akzente und die Serie wurde zu einer der erfolgreichen und langlebigen Privatdetektivromanserien.

Aber bevor Block mit seinen Serien ein größeres Publikum erreichte, schrieb er „Falsches Herz“. Es war eines der ersten unter seinem Namen erschienenen Bücher. Es erzählt minutiös die Geschichte eines Schwindels, der auch heute noch, mit kleinen Abweichungen, funktioniert. Bankier Gunderman hat in Kanada fast zwölf Quadratmeilen wertloses Land gekauft. Jetzt möchten die beiden Betrüger Doug Rance und Johnny Hayden mit einer Tarnfirma noch einmal betrügen. Sie wecken sein Interesse mit einem niedrigen Kaufangebot und erzählen ihm etwas von einem dort geplanten Projekt. Gunderman will sich beteiligen. Was er nicht ahnt, ist dass seine Sekretärin und Geliebte Evelyn Stone die beiden Betrüger auf ihn angesetzt hat. Und die beiden Betrüger ahnen nicht, dass Evelyn Stone ihren Chef nicht ohne Hintergedanken verraten hat.

„Falsches Herz“, zuerst 1965 veröffentlicht, hat zwar mehrere Neuauflagen erlebt, aber als spannender Kriminalroman funktioniert die Geschichte nur bedingt. Denn bis fast zum Ende läuft der Betrug nach Plan ab. Zwischen den Charakteren gibt es keine Dynamik und daher auch, bis fast zum Ende des Buches, keine überraschenden Verwicklungen und so steht, was Lawrence Block zu der Zeit, auch wegen seinem damaligen Job, am meisten faszinierte im Mittelpunkt: die detaillierte, fast lehrbuchhafte Schilderung eines Betruges. Der Krimiplot ist dagegen, obwohl es umgekehrt sein sollte, nur das schnell abgespulte Pflichtprogramm.

Die neue Garde: Max Phillips, Ken Bruen und Jason Starr

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Fest in der Pulp-Tradition steht Max Phillips mit dem Shamus ausgezeichneten Privatdetektivroman „Tödlich Blond“. Dabei ist sein Erzähler, der Ex-Boxer Ray Corson, kein richtiger Privatdetektiv, sondern ein Drehbuchautor, der bislang in Hollywood erfolglos an die Studiotüren klopft. Währenddessen verdient er mit schlechtbezahlten Gelegenheitsjobs seine Kohlen. Daher nimmt er gerne den gutbezahlten Auftrag des wunderschönen Starlets Rebecca LaFontaine an, legt sich mit dem Drogenkönig Lenny Scarpa an und gerät in eine ziemlich schmutzige Geschichte.

Max Phillips, der vor „Tödlich Blond“ bereits einige literarische Romane veröffentlichte, ist einer der beiden Gründer von Hard Case Crime. Die Idee für den Roman hatte er, nachdem er und Charles Ardai ein Titelbild und den Spruch „She was a little taste of heaven and a one-way ticket to hell!“ (die deutsche Version ist „Sie ist das Paradies auf Erden und ein echter Höllentrip“) entwarf. Er fragte sich später, was für eine Geschichte hinter diesem Cover stecken könnte, entwarf eine Geschichte und hatte, nach eigenen Worten, noch nie so viel Spaß beim Schreiben. Es ist ein wendungsreicher, in den Fünfzigern im filmischen Bodensatz von Hollywood zwischen Träumen vom Ruhm, Pornofilmen und Organisierter Kriminalität spielender Krimi.

Auch Ken Bruen und Jason Starr hatten beim Schreiben von „Flop“ ihren Spaß. Deshalb erzählen sie in „Crack“ die Geschichte von Max Fisher und Angela Petrakos fort. In den USA ist mit „The Max“ bereits der dritte und, so wird gesagt, abschließende Band erschienen.

„Flop“ war schon eine ziemlich durchgeknallte schwarze Komödie und „Crack“ ist die würdige Fortsetzung nach dem Prinzip „Schneller, höher, weiter“. Denn die Verwicklungen sind noch absurder, die Witze noch treffender und das Ende noch unvorhersehbarer.

Max Fisher macht jetzt in Crackdealer mit standesgemäßer Hip-Hop-Leidenschaft und Hip-Hop-Slang. Deshalb ist er jetzt „The M. A. X.“ und es geht ihm wieder verdammt gut. Aber irgendwann will seine vollbusige Freundin ihren Schnitt machen.

Angela Petrakos überwintert dagegen in Irland und verliebt sich wieder einmal in den falschen Mann: Slide, der in den USA, dem Land der Serienkiller, als Serienkiller groß herauskommen will. Bis dahin versucht er sich mit Entführungen ein finanzielles Polster zu verschaffen. Nach einem ungeplanten Mord muss er überstürzt zusammen mit Angela in die USA flüchten. Dort angekommen schlägt sie ihm vor, sich bei ihrem ehemaligen Liebhaber Max Fischer zu bedienen. Selbstverständlich scheitern, wie schon in „Flop“, die höchstens halbgaren Pläne der verschiedenen Verbrecher und Polizisten mit unvorhergesehenen und meist tödlichen Konsequenzen.

Aber das ist nur ein Teil des Vergnügens beim Lesen von „Crack“. Der andere Teil sind die zahlreichen Anspielungen von Ken Bruen und Jason Starr auf die Werke von geschätzten Kollegen und die Popkultur. Sogar ein von der Kritik geliebter irischer Krimiautor, der wie Keith Richards aussieht (naja, entfernt und im Dunkeln) und mit einem Amerikaner ein Buch geschrieben hat, hat einen kurzen Auftritt. Diesen wollte Slide, nachdem er die hohe Kunst des Kidnappens anhand amerikanischer Filme studiert hat, entführen.

Oh, und der Busenfetischist Max ist von den Covers der Hard-Case-Crime-Reihe aus sehr offensichtlichen Gründen begeistert.

Pulp-Fans dürfen sich auf vier lange Abende freuen. Denn Ed McBain, Lawrence Block, Max Phillips, Ken Bruen und Jason Starr haben nichts dagegen, wenn die zwischen 220 und 250 Seiten langen Werke in einem Zug gelesen werden.

Ed McBain: Die Gosse und das Grab

(übersetzt und mit einem Nachwort von Andreas C. Knigge)

Rotbuch, 2009

224 Seiten

9,90 Euro

Originalausgabe

Curt Cannon: I’m Cannon – For Hire

Hui Corporation, 1958

HCC-Ausgabe

The Gutter and the Grave

Hard Case Crime, 2005

Lawrence Block: Falsches Herz

(übersetzt von Andreas C. Knigge)

Rotbuch, 2009

224 Seiten

9,90 Euro

Originalausgabe

The Girl with the long green Heart

Fawcett Gold Medal, 1965

HCC-Ausgabe

Hard Case Crime, 2005

Deutsche Ausgaben

Mord im Hotel

Winther, 1967

Doppelspiel zu dritt

Heyne, 1967

Max Phillips: Tödlich Blond

(übersetzt von Katrin Kremmler)

Rotbuch, 2009

256 Seiten

9,90 Euro

Originalausgabe

Fade to blonde

Hard Case Crime, 2004

Ken Bruen & Jason Starr: Crack

(übersetzt von Richard Betzenbichler)

Rotbuch, 2009

224 Seiten

9,90 Euro

Originalausgabe

Slide

Hard Case Crime, 2007

Hinweise

Amerikanische Homepage von Hard Case Crime

Deutsche Homepage von Hard Case Crime

Meine Besprechung von

Ed McBain (Hrsg.): Die hohe Kunst des Mordens, 2006 (Transgressions, 2005)

Lawrence Block: Telling Lies for Fun and Profit – A Manual for Fiction Writers, 1994

Lawrence Block: Spider, spin me a web – A Handbook for Fiction Writers, 1995

Lawrence Block: All the flowers are dying, 2005

Lawrence Block: Lucky at Cards, 2007 (OA: Sheldon Lord: The Sex Shuffle, 1964)

Lawrence Block: Abzocker, 2008 (Grifter’s Game, 2004; frühere Ausgaben: Mona, 1961; Sweet slow death, 1986, Die Mörderlady, 1970)

Lawrence Block: Verluste, 2008 (Everybody dies, 1998)

Lawrence Block: Killing Castro, 2009 (OA: Duncan Lee: Fidel Castro Assassinated, 1961)

Ken Bruen: The Guards, 2001

Ken Bruen: The Killing of the Tinkers, 2002

Ken Bruen: The Magdalen Martyrs, 2003

Ken Bruen: The Dramatist, 2004

Ken Bruen: Priest, 2006

Ken Bruen: Cross, 2007

Ken Bruen/Jason Starr: Flop, 2008 (Bust, 2006)


Joseph Wambaugh zeigt Hollywoods andere Seite

April 29, 2009

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Nach einer zehnjährigen Pause kehrte Joseph Wambaugh 2006 mit „Hollywood Station“ wieder zurück in die Welt des Kriminalromans. Dazwischen schrieb er das Sachbuch „Fire Lover“. Der Vater des modernen Polizeiromans, jedenfalls für die uniformierten Polizisten, erzählte wieder aus dem Alltag der Polizei. Doch während er am Anfang seiner literarischen Karriere aus eigenen Erfahrungen schöpfen konnte, ließ er sich für „Hollywood Station“ (2006), „Hollywood Crows“ (2008) und „Hollywood Moon“ (2009, so die Originaltitel) von Polizisten während vieler Abendessen von ihrer Arbeit erzählen. In „Hollywood Crows“, das jetzt als „Sunset Boulevard“ auf Deutsch erschienen ist, bedankt sich Joseph Wambaugh bei 57 Polizisten. Entsprechend detailliert und kundig, aber auch parteiisch, ist sein Roman über die Officers des Los Angeles Police Department.

Wobei „Sunset Boulevard“ eigentlich kein richtiger Kriminalroman ist. Denn im Mittelpunkt stehen, wie bei einer TV-Polizeiserie, etwa ein halbes Dutzend Polizisten der Hollywood Station und ihre meist absurden Erlebnisse. Sie müssen sich um Kleinigkeiten, wie falsch parkende Autos, mitgenommene Einkaufswagen, Schlägereien, Selbstmörder und Obdachlose kümmern. Kleinkram, der teilweise deutlich unter der Schwelle der Kleinkriminalität liegt. Bei Morden steht der Täter meist neben der Leiche. Da ist ein illegaler Hahnenkampf schon etwas Besonderes. Hollywood-Nate Nathan Weiss (der, wie sein Spitzname verrät, an seiner Schauspielerkarriere arbeitet), das Team Flotsam and Jetsam (Yeah, passionierte Surfer!), die cholerische Gert Von Braun und ihr neuer Partner Doomsday-Dan Applewhite, Ronnie Sinclair und Bix Ramstead vom Hollywood CRO (Crow genannt und für Öffentlichkeitsarbeit in der Gemeinde zuständig), Mitleid-Charlie Gilford und der unbeliebte Chef Jason „Chickenlips“ Treakle sind Wambaughs Helden auf der richtigen Seite des Gesetzes.

Diese letztendlich grundehrlichen Polizisten und ihre tägliche aussichtslose Arbeit gegen die Absurditäten der Straße und den bürokratischen Wahnsinn (den Joseph Wambaugh, wie seine Polizisten, ablehnt) werden einem schnell vertraut. Die Gründe für diesen Wandel hin zu mehr Bürokratie und Kontrolle der Polizei werden von Wambaugh höchstens am Rand gestreift. In Los Angeles waren das der Fall Rodney King, der Rampart-Skandal, die steigende Kriminalität und die durchaus erfolgreichen Anstrengungen des seit 2002 amtierenden Polizeichef William Bratton, den sehr ramponierten Ruf der Polizei von Los Angeles wieder zu verbessern und die steigende Kriminalität zu bekämpfen.

In dieses pointiert erzählte, meist wahnsinnig komische, episodische Sittenbild des polizeilichen Alltags webt Wambaugh die Minigeschichte des Scheidungskrieges zwischen der wunderschönen, intelligenten Margot Aziz und ihrem Mann, den Nachtclub-Besitzer Ali Aziz. Sie kämpfen um das gemeinsame Vermögen und das Sorgerecht für den im ganzen Buch nie auftauchenden Sohn. Dafür sind sie letztendlich auch bereit, den anderen zu töten. Der Kleinkriminelle Leonard Stilwell spielt dabei eine wichtige Rolle. Aber diese Geschichte ist, wenn man „Sunset Boulevard“ mit einer TV-Polizeiserie vergleicht, so wichtig wie ein vernachlässigbarer folgenübergreifender Plot.

„Sunset Boulevard“, das sich wie ein langes Gespräch eines Haufens gutgelaunter Polizisten liest, ist ein meist schwarzhumoriger, faktenstrotzender Bericht aus dem Polizeialltag im heutigen Los Angeles. Inwiefern die früheren Romane des Grandmasters der Mystery Writers of America wirklich besser sind (wie einige Kritiker behaupten) oder in der Erinnerung verklärt werden (was ich für sehr wahrscheinlich halte), kann in wenigen Wochen mit der Neuauflage von Wambaughts drittem Roman „Die Chorknaben“ (The Choirboys) überprüft werden.

Joseph Wambaugh: Sunset Boulevard

(übersetzt von Rainer Schumacher)

Bastei Lübbe, 2009

384 Seiten

8,95 Euro

Originalausgabe

Hollywood Crows

Little, Brown and Company, 2008

Hinweise

Homepage von Joseph Wambaugh

Homepage zum Roman „Hollywood Crows“

Bookreporter: Interviews mit Joseph Wambaugh (28. März 2008, 17. Mai 2002)

Orchard Press Mysteries: Interview mit Joseph Wambaugh (2008)

Kacey Kowards Show: Audiointerview mit Joseph Wambaugh (2. April 2008)


Ian Rankins Version von „Ocean’s Eleven“

April 21, 2009

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Nach der Pensionierung von Inspector John Rebus hat sein Erfinder Ian Rankin Zeit, andere Dinge auszuprobieren. Er schrieb ein Serial für die New York Times, eine Oper, Comics, eine kurze Geschichte für ein Leseförderprojekt und man hörte immer wieder etwas von Filmprojekten. Außerdem schrieb Rankin 2008 für die Buchveröffentlichung einen stark erweiterte Version seiner „New York Times“-Fortsetzungsgeschichte „Doors Open“. Die deutsche Ausgabe erschien jetzt, wenige Monate nach der Originalausgabe, als „Der Mackenzie Coup“ bei uns.

Mike Mackenzie ist ein gelangweilter siebenunddreißigjähriger Millionär, der sich für Gemälde interessiert. Zusammen mit seinem Bankberater Allan Cruikshank von der First Caledonian Bank und dem kurz vor der Pensionierung stehenden Kunstprofessor Robert Gissing beschließen sie, einige Bilder zu befreien. Denn die First Caledonian Bank und die National Gallery von Schottland haben viele ihrer Bilder in von vor der breiten Öffentlichkeit verschlossenen Bankräumen und in Lagerhallen. Eine Bilderbefreiung aus der Bank ist zu schwierig, aber Gissing hat einen todsicheren Plan (der natürlich schief geht), wie sie am „Tag der offenen Tür“ aus einer Lagerhalle der National Gallery einige Bilder klauen können.

Selbstverständlich ist so ein Diebstahl nichts für drei Amateure. Sie benötigen professionelle Hilfe, die in Gestalt des lokalen Gangsterbosses Chib Calloway kommt. Mackenzie kennt ihn von der Schule und Calloway beginnt sich gerade für Gemälde zu interessieren. Dass er gleichzeitig Ärger mit einem Chapter der skandinavischen Hell’s Angels hat, die von ihm das immer noch ausstehende Geld für eine Drogenlieferung wollen, und einige Gemälde sehr wertvolle Tauschobjekte sind, erhöht seine Lust, sich an dem Coup zu beteiligen.

Allerdings werden sie von Anfang an von Detective Inspector Ransome, der Calloway hinter Gitter bringen will, beobachtet.

„Der Mackenzie Coup“ ist ein Caper-Krimi und selbstverständlich sind die bekannten Genreversatzstücken von schwieriger Planung, plötzlichen Komplikationen bei der Durchführung, anschließenden Verwicklungen, inclusive Gewalttätigkeiten und Verrat, und überraschender Schlusspointe vorhanden. Aber im Gegensatz zu Donald Westlake, der unter seinem Namen die Dortmunder-Serie und als Richard Stark die Parker-Serie schrieb, platziert Ian Rankin sich in seinem neuen Roman etwas unglücklich zwischen Comedy-Crime und Hardboiled. Denn gerade im direkten Vergleich mit Donald Westlake fallen die Schwächen von „Der Mackenzie Coup“ eklatant auf. Für ein Comedy-Crime-Werk ist „Der Mackenzie Coup“ viel zu ernst, fast schon humorlos, erzählt. Aber für eine richtige Hardboiled-Geschichte ist der Roman dann letztendlich doch zu soft und vorhersehbar. Außerdem sind die Motive der Kunstdiebe für Rankins ernsten Tonfall zu dünn. Mackenzie, zum Beispiel, macht mit, weil er von seinem Leben als Frührentner gelangweilt ist. Seine beiden Freunde, ebenfalls ehrbare Bürger, tun’s, weil sie denken, dass die Öffentlichkeit die Gemälde sehen sollte. Dass sie nach dem Diebstahl die Bilder nur bei sich zu Hause bewundern können und damit eigentlich ihre Aktion ad absurdum führen, stört sie nicht. Für keinen von den dreien ist Geld das Motiv.

In „Der Mackenzie Coup“ ist nach dem jedenfalls vorläufigem Ende der Rebus-Serie vor allem eine Lockerungsübung. Ian Rankin wechselt die Seiten und erzählt eine Gangstergeschichte, die ohne große Änderungen auch vor einigen Jahrzehnten hätte spielen können. Es ist ein Nebenwerk, das nichts über Ian Rankins nächsten Roman sagt.

Ian Rankin: Der Mackenzie Coup

(übersetzt von Ditte und Giovanni Bandini)

Manhattan, 2009

384 Seiten

17,95 Euro

Originalausgabe

Doors Open

Orion Books, 2008

Hinweise

Homepage von Ian Rankin

Deutsche Homepage von Ian Rankin (Goldmann-Verlag)

Meine Besprechung von Ian Rankins „Rebus’s Scotland – A personal journey“ (2005)

Meine Besprechung von Ian Rankins „Eindeutig Mord – Zwölf Fälle für John Rebus“ (A good hanging, 1992)

Meine Besprechung von Ian Rankins “Ein Rest von Schuld“ (Exit Music, 2007)

Meine Besprechung von Ian Rankins „Im Namen der Toten” (The Naming of the Dead, 2006)

Meine Besprechung von Ian Rankins „Die Seelen der Toten“ (Dead Souls, 1999)

Meine Besprechung von Ian Rankins „Der diskrete Mr. Flint“ (Watchman, 1988)



Bonushinweise



Brian Azzarello wütet in Blackwater

April 16, 2009

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Brian Azzarello hat die grandiosen Noir-Comics „Jonny Double“ und „100 Bullets“ geschrieben. Mit „Loveless“ versuchte er eine Erneuerung des Western aus dem Geist des Italo-Westerns, gepaart mit einem illusionslosen Blick auf die Realität in den Südstaaten nach dem Bürgerkrieg. Allerdings ist auch der zweite „Loveless“-Band, ganz im Gegensatz zur langlebigen „100 Bullets“-Serie, keine wirklich überzeugende Lektüre.

In dem zweiten „Loveless“-Band sind drei kurze und die vierteilige Geschichte „Begraben in Blackwater“ enthalten. In den Einzelheften werden die bereits in dem ersten „Loveless“-Band „Blutrache“ angerissenen Backstories einiger Charaktere ausführlicher geschildert. In „Das eiserne Gesetz“ erzählt der ehemalige Sklave Atticus am Lagerfeuer einem Negerjungen, wie es ihm im Norden erging. In „Heißes Blut“ erfahren wir, dass Ruth Cutter während des Krieges als Waffenschmugglerin arbeitete und wie sie die Nachricht vom Tod ihres Mannes Wes erhielt.In „Die Ruhe vor dem Sturm“ führt Wes Cutter als Sheriff seine Rache an seinem alten Heimatort Blackwater fort, indem er ein Pferderennen veranstaltet.

Diese drei Geschichten wurden von Danijel Zezelj mit groben Strichen und fast einfarbig gezeichnet. Bunter und filigraner wird es in dem ursprünglich in vier Heften erschienenen „Begraben in Blackwater“. Die ersten beiden Hefte sind, wie die ersten fünf „Loveless“-Hefte, von Marcelo Frusin (In der deutschen Ausgabe werden diese Hefte irrtümlich Zezelj zugeschrieben.) und die letzten beiden Hefte von Werther Dell’Edera gezeichnet.

In dem Vierteiler versucht Wes Cutter herauszufinden, wer eine Farmerfamilie umbrachte. Dabei benutzt er die Jagd nach den Mördern für seine eigenen Zwecke (also der Abrechnung an den miesen Bewohnern von Blackwater). Die Fronten zwischen Gut und Böse, zwischen den Nordstaaten-Soldaten, den neuen Machthabern und den in den Wäldern lebenden Banditen sind so diffus, dass ungefähr jeder – wozu auch Wes Cutter gehört – als Täter in Frage kommt. Und für die einzelnen Charaktere ist, wie in den anderen Geschichten, die jüngste Vergangenheit in zahlreichen Flashbacks immer noch sehr lebendig.

In den „Loveless“-Geschichten entsteht kaleidoskopartig ein pessimistisches und sehr brutales Porträt der USA in den Jahren um den Bürgerkrieg. Aber die einzelnen Geschichten stehen zu unverbunden nebeneinander und das Ende von „Begraben in Blackwater“ mit dem Tod von einem Hauptcharakter ist eher zufällig als zwingend, um wirklich auf die nächste Hefte neugierig zu machen. „Loveless“ wirkt auch nach zwölf Heften und dem (scheinbaren) Ende der ersten großen „Loveless“-Geschichte weniger wie eine in sich geschlossene Erzählung, sondern mehr wie ein beherzter Griff in den Zettelkasten. In den USA wurde „Loveless“ nach 24 Heften eingestellt.

Brian Azzarello/Marcelo Frusin/Daniel Zezelj/Werther Dell’Edera: Loveless 2 – Begraben in Blackwater

(übersetzt von Bernd Kronsbein)

Panini 2009

172 Seiten

19,95 Euro

Originalausgabe

Loveless: Thicker than Blackwater

Heft 6 – 12

DC Comics , 2007

Hinweise

News A Rama: Interview mit Brian Azzarello (Oktober 2006)

UGO: Interview mit Brian Azzarello (circa 2006)

Comics Bulletin: Interview mit Brian Azzarello (circa 2006/2007)

EMF: Interview mit Marcello Frusin (29. Februar 2008)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos “Jonny Double” (Jonny Double, 2002)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Marcello Frusins “Loveless 1 – Blutrache” (Loveless: A Kin’ of Homecoming, 2006)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos “100 Bullets 3 – Alle guten Dinge” (100 Bullets: Hang up on the Hang Low, 2001)


„Will Eisner’s The Spirit“ ermittelt weiter

April 15, 2009

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Autor Darwyn Cooke und Zeichner J. Bone sorgten 2007 für eine gelungene Wiederbelebung von Will Eisners legendärem „The Spirit“. Die tollen Geschichten, stilecht gezeichnet und mit dem nötigen Witz präsentiert, zeigten, dass die Idee von Eisner, einen maskierten Mann auf Gangsterjagd zu schicken auch heute noch funktioniert. Denn der Spirit hat keine übernatürlichen Kräfte. Er ist nur der beherzte Verbrecherjäger Denny Colt, der nachdem er bei einem nicht genehmigten Polizeieinsatz starb, als Maskierter (Naja, im Gegensatz zu den Superhelden ist der Spirit mit seiner blauen Augenbinde eigentlich überhaupt nicht verkleidet.) wiederauferstand.

Nachdem Zeichner J. Bone sich anderen Projekten zuwandte, hörte auch Darwyn Cooke, der die „Spirit“-Comics nur mit Bone erzählen wollte, nach nur elf Abenteuern auf. Das siebte Heft war ein Summer-Special mit drei von verschiedenen Autoren geschriebenen kurzen „Spirit“-Abenteuern.

Auch der dritte „Spirit“-Sammelband beginnt mit einem abwechslungsreichen „Holiday Special“ von den Autoren Glen David Gold und Eduardo Risso (Einhundert!), Dennis O’Neil (Familienschatz) und Gail Simone (In den kalten Abgründen eines eisigen Herzens). Die restlichen fünf „Spirit“-Geschichten sind dann von dem neuen Team: den Autoren Sergio Aragonés und Mark Evanier und den Zeichnern Paul Smith (Heft 15, 16, 18 [mit Walden Wong]), Mike Ploog (Heft 14) und Alvier Almancio (Heft 17). Optisch ist also für Abwechslung gesorgt.

Und die Geschichten?

In „Die Mediziner-Morde“ will The Spirit quasi im Auftrag der Polizei herausfinden, wer Ärzte umbringt. Die Lösung liegt in einem früheren Verbrechen.

In „Der Diamantentausch“ erfährt The Spirit von einer großen Lieferung gestohlener Diamanten, die demnächst in Central City ankommen sollen. Die Spur führt nach Paris zum Miss-World-Wettbewerb.

In „Double für Mord“ wird während der Dreharbeiten der Hauptdarsteller erschossen. Der Spirit versucht als Schauspieler getarnt den Mörder zu finden.

In „Kreuzfahrt“ soll Denny Colt, im Auftrag der Argosy Versicherung, eine reiche, ältere Dame und ihren Schmuck unauffällig bewachen. Dummerweise sind auch seine Freundin Ellen und einige andere Verbrecher an Bord.

In „Fluch der Mumien!“ soll der Spirit für den Zoll eine Ladung Mumien auf ihrem Weg von Ägypten nach Amerika bewachen. Als die Mumien bereits in Kairo gestohlen werden, hilft Denny Colt seinen Kollegen bei der Suche.

Im direkten Vergleich zu Darwyn Cooke sind die Geschichten des Teams Sergio Aragonés/Mark Evanier enttäuschend. Denn während Cooke gelungen mit den verschiedenen Genres und Stilen spielte, wie Will Eisner filmische Techniken für die Geschichten benutzte, zahlreiche popkulturelle Anspielungen einflocht, einen sehr ironisch-unheroischen Blick auf „Spirit“ Denny Colt hatte (Colt wurde regelmäßig verprügelt, etliche Frauen, wie Silk Satin, waren ihm überlegen und auch zu Hause lief nicht alles rund.), sich jede Geschichte radikal von der vorherigen unterschied und bekannte Charaktere immer wieder auftauchten, sind die neuen „The Spirit“-Abenteuer die B-Movie-Variante irgendwo zwischen Mr. Moto, Charlie Chan und einem x-beliebigem Krimi-Serial. Commissioner Dolan, dessen Tochter Ellen und der minderjährige Taxifahrer Ebony sind als Stammpersonal dabei. In der letzten Geschichte hat sogar der Octopus einen kurzen; in der zweiten hat Madame P’Gell einen längeren, aber eher unbedeutenden Auftritt. Die Geschichten verlaufen, dem Gesetz der Serie gehorchend, jetzt immer nach dem gleichen Muster und Denny Colt ist nur noch ein besserer Privatdetektiv.

Deshalb ist „The Spirit 3“ nur eine nette Lektüre für Zwischendurch.

Sergio Aragonés/Mark Evanier/Paul Smith: Will Eisner’s The Spirit – 3

(übersetzt von Gerlinde Althoff)

Panini, 2009

148 Seiten

16,95 Euro

Originalausgabe

The Spirit Heft 13 – 18

DC Comics, Februar 2008 – August 2008

Enthält

Holiday Special (The Spirit 13: Holiday Special, Februar 2008)

Die Mediziner-Morde (The Spirit 14: The Medical Murders, März 2008)

Der Diamantentausch (The Spirit 15: The Diamond Exchange, April 2008)

Double für Mord (The Spirit 16: Stand in for Murder, Juni 2008)

Kreuzfahrt (The Spirit 17: Sea Cruise, Juli 2008)

Fluch der Mumien! (The Spirit 18: Curse of the Mummies!, August 2008)

Hinweise

Homepage von Sergio Aragonés

Homepage von Mark Evanier

Comicmix: Interview mit Mark Evanier (10. März 2008)

Wizard Universe: Interview mit Mark Evanier (15. April 2008)

Meine Besprechung von Darwyn Cooke/J. Bone/Dave Stewarts “Will Eisner’s The Spirit – 1” (The Spirit, No. 1 – 6, 2007)

Meine Besprechung von Darwyn Cooke/Walter Simonson/Jimmy Palmiottis “Will Eisner’s The Spirit – 2” (The Spirit, No. 7 – 12, 2007/2008)


64 Seiten mit Christine Grän

April 9, 2009

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Die einzige Vorgabe für Autoren bei der „Kaliber .64“-Reihe ist die Länge. Sie haben für ihre Geschichte nur 64 Seiten und genau an der damit zusammenhängenden Herausforderung, eine Geschichte zu erzählen, die nur in dieser Länge funktioniert, scheitern viele Autoren. Weil „Kaliber .64“-Geschichten von der Länge zwischen einer Kurzgeschichte und einem Roman liegen, funktionieren weder aufgeblasene Kurzgeschichten noch die Readers-Digest-Fassungen von Romanen, besonders wenn es sich um einen Rätselkrimi handelt.

Auch Christine Grän, die Autorin der unterhaltsamen Anna-Marx-Romane, scheitert letztendlich mit ihrem „Kaliber .64“-Buch „Jedermanns Gier“.

Gräns Heldin Victoria bringt ältere Männer um mehr oder weniger große Teile ihres Vermögens und manchmal bringt sie sie auch um. Diesem schändlichen Tun widmet Grän die erste Hälfte des Buches. Das ist, nach dem ersten Kapitel, nur noch mäßig interessant, weil wir nichts entscheidend Neues über Victoria erfahren und auch keine ihrer auf diesen Seiten geschilderten Taten mit ihrem „vielleicht letzten Job“ in Miami zusammenhängen. Denn mit Mitte Vierzig fühlt sie sich langsam zu alt für ihre Art des Broterwerbs und sie hat inzwischen auch genug Geld für ein sorgloses Leben beisammen. Trotzdem macht sie sich in der Mitte der Geschichte auf nach Miami zum Ausnehmen des nächsten reichen, alten Knackers.

Dort trifft sie Franz, einen Wiener Gigolo, den sie von früher kennt (dem wir allerdings bis dahin noch nicht begegnet sind), und der, genau wie sie, ältere Herrschaften (bei ihm natürlich Frauen) ausnimmt. Die beiden Paare beginnen mehr Zeit miteinander zu verbringen und irgendwann schlägt Frank Victoria ein gemeinsam verübtes Verbrechen vor.

Doch auch jetzt, immerhin sind die 64 Seiten fast gefüllt, plätschert die Geschichte vor sich hin. Denn Victoria selbst hat kein konkretes Ziel, das sie erreichen will und sie hat auch keinen Gegner, der sie davon abhalten will. Sie ist in Miami (das das halbe Buch füllende und für das Miami-Abenteuer vollkommen bedeutungslose Vorspiel lassen wir mal links liegen) keiner Gefahr ausgesetzt. Sie könnte jederzeit, ohne dass sich für sie etwas ändern wurde, die Stadt verlassen.

Deshalb ist „Jedermanns Gier“ eine auf 64 Seiten gestreckte langweilige Kurzgeschichte.

Christine Grän: Jedermanns Gier

Edition Nautilus, 2009 (Kaliber .64)

64 Seiten

4,90 Euro

Hinweise

Homepage von Christine Grän

Lexikon deutscher Krimiautoren über Christine Grän


„Scenario 3“ oder Drehbuchautoren reden über ihre Arbeit

April 8, 2009

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Auch in der dritten Ausgabe des jährlich erscheinenden Film- und Drehbuch-Almanachs „Scenario“ hat Herausgeber Jochen Brunow den bewährt-flexiblen Aufbau des jährlich erscheinenden Sammelbandes beibehalten. Auf den ersten Seiten gibt es ein langes Interview mit einem Autor. Essays, ein Journal, Splitter einer Geschichte des Drehbuchs und Buchkritiken schließen sich an. Abgeschlossen wird der Sammelband mit dem Abdruck des mit dem Deutschen Drehbuchpreis ausgezeichneten Drehbuchs. Wie die vorherigen beiden Bände ist auch „Scenario 3“ ein Buch für Drehbuchautoren und an Drehbüchern Interessierte.

Das Interview mit Chris Kraus, der bei „Scherbentanz“ und „Vier Minuten“ das Drehbuch schrieb und auch Regie führte, beginnt etwas zu abstrakt-wolkig, wird aber später, wenn Kraus von seinen Erlebnissen in der Filmbranche und den Einflüssen für seine Drehbücher spricht, sehr interessant. Bei den Essays bietet Fred Breinersdorfer mit „Der Ausbruch – Anmerkungen eines Drehbuchautors über sein Regiedebüt“ einen gelungenen Einblick in Entstehungsprozess seiner ersten Regiearbeit von Idee über die Finanzierung, das Casting, den Dreh und die Postproduktion und was er dabei lernte.

Wolfgang Kirchner besucht in New York ein Drehbuchseminar bei Black Snyder, dem Autor von „Save the Cat! – The last book on screenwriting you’ll ever need“. Snyder doziert, anscheinend sehr über überzeugend, über die Wichtigkeit einer „Save the Cat“-Szene in den ersten Minuten, dem guten Ein-Satz-Pitch, seiner eigenen Genreliste (die quer zur üblichen Genreeinteilung steht aber durchaus nachvollziehbar ist. So bilden „Alien“, „Der Exorzist“ und „Eine verhängnisvolle Affäre“ das Genre „Monster in the House“) und sein 15-Insel-Modell, das auch als ausdifferenziertes Drei-Akt-Modell gelesen werden kann.

Spiegel-Redakteur Lars-Olav Beier schreibt über die neue Welle von Hollywood-Drehbuchautoren, die auch Regie führen. Das sind vor allem Charlie Kaufman, Tony Gilroy und Paul Haggis. Und gleich wird ein neuer Trend ausgerufen, obwohl es sich bei ihnen letztendlich um Einzelfälle handelt. Auch weil unklar ist, ob diese Regiekarriere ähnlich langlebig sein wird wie die von John Huston, Woody Allen, Larry Cohen, Paul Schrader und David Mamet.

Im Journal schreibt Peter Schneider (unter anderem „Lenz“, „Messer im Kopf“ und „Der Mann auf der Mauer“) kurzweilig anhand von Tagebucheinträgen über sein Jahr 2008. Es geht vor allem um ein gescheitertes Vivaldi-Projekt, die Rückschau auf 1968 und die alltäglichen Selbstzweifel und Demütigungen, die auch ein renommierter Autor ausstehen muss: „Als Autor neigt man dazu, alle Entscheidungen rund um ein Drehbuch auf sich und die Qualität der eigenen Arbeit zu beziehen. Vielleicht handelt es sich hier um eine narzisstische Selbstüberschätzung. Vielleicht geben ganz andere Entscheidungen den Ausschlag, die wenig oder nichts mit dem Drehbuch zu tun haben.“ .

Bei den Splittern einer Geschichte des Drehbuchs findet sich ein schöner Text von Michael Töteberg über Vladimir Nabokov und dessen Liebe zum Kino, die er vor allem in seinen Romanen auslebte. Denn bis zum Drehbuch für „Lolita“ hatte er im Filmgeschäft kein Glück. Und auch sein „Lolita“-Drehbuch wurde von Stanley Kubrick nicht verfilmt. Es war zu unfilmisch. Bei dem Text stellt sich allerdings die Frage, was er in „Scenario 3“ zu suchen hat. Vor allem in der Rubrik „Backstory – Splitter einer Geschichte des Drehbuch“. Denn gerade damit hat er nichts zu tun.

Bei den Buchbesprechungen gibt es längere Essays über David Bordwell und dessen filmtheoretischen Werke und über David Mamets „Lehrbücher“.

Den Abschluss des lesenswerten Bandes bildet das Drehbuch „Das zweite Leben des Häuslers Stocker“ von Klaus Krämer. Im Gegensatz zu den früheren Jahren fehlt die Begründung der Jury und deshalb kann nur gerätselt werden, was der Jury an dieser sehr undramatischen Geschichte gefiel.

Krämer erzählt von dem schweren Leben des bayerischen Bauern Hans Stocker und seiner Familie im 19. Jahrhundert. Ungefähr in der Mitte des Drehbuches stirbt Stocker und wird während des Trauergottesdienstes wieder lebendig. Er schwört, ein Holzkreuz auf Maria Himmelreich hochzutragen. Danach genießt Stocker sein neues Leben. Kurz vor dem Ende spricht ihn ein Großbauer auf seinen Schwur an. Ohne zu zögern erfüllt Stocker seinen Schwur und stirbt dabei.

Das ist alles. Daraus kann ein netter Heimatfilm für die gesamte Familie entstehen. Aber auch nicht mehr. Denn zu lange ist unklar, wer die Hauptfigur ist und was sein konkretes Ziel in der Geschichte ist. Denn der Tod Stockers als handlungsauslösendes Element kommt viel zu spät, das bei der Wiederauferstehung gegebene Versprechen spielt bis zum Ende keine Rolle und wird von Stocker, als er darauf angesprochen wird, sofort erfüllt. Weil es hier keine Konflikte gibt, gibt es auch keine handlungstreibenden Fragen und damit keine Spannung.

Wie die vorherigen Bände ist auch „Scenario 3“ eine sehr unterhaltsame und schön gelayoutete Wundertüte aus der Welt des deutschen Drehbuchs.

Jochen Brunow (Hrsg.): Scenario 3 – Film- und Drehbuch-Almanach

Bertz + Fischer 2009

328 Seiten

19,90 Euro

Hinweise

Homepage zum Buch

Homepage von Jochen Brunow


Ein Gespräch mit Jack Ketchum

April 3, 2009

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In den USA ist er vor allem unter Horrorfans schon länger bekannt und beliebt. Bereits sein erster Roman „Beutezeit“ sorgte 1981 wegen der Gewalt für einen Aufschrei bei den Sittenwächtern. Village Voice sprach von Gewaltpornographie. Neben mehreren Nominierungen und Bram-Stoker-Preisen, werden bekannte Kollegen wie Bentley Little, Robert Bloch, Richard Laymon und, vor allem, Stephen King, nicht müde seine Werke in den höchsten Tönen zu preisen. In den vergangenen Jahren erhielt Jack Ketchum in seiner Heimat dank der gelungenen Verfilmungen seiner Werke einen weiteren Popularitätsschub. „Jack Ketchum’s Evil“ und „Jack Ketchum’s The Lost“ gibt es inzwischen auch in Deutschland auf DVD. „Red“ erscheint demnächst und dürfte die einzige Ketchum-Verfilmung sein, die auch von Jugendlichen gesehen werden kann. Seit 2006 hat der Heyne-Verlag vier Ketchum-Romane veröffentlicht. Der fünfte Roman „Beutegier“ ist für Juni angekündigt.

Ende März besuchte Jack Ketchum Frankreich und Deutschland. Dabei ergab sich über seinen deutschen Lektor die Gelegenheit zu einem Interview (das letztendlich in dieser Fassung elektronisch zustande kam).

Spätestens als Jack Ketchum die letzte Frage beantwortete, wusste ich, warum mir seine Bücher gefallen.

AxelB: Für viele bist du ein Horrorschriftsteller. Aber für mich sind „Blutrot“ und „Amoklauf“ gute Kriminalromane. Wie würdest du daher die verschiedenen Genres Horror, Krimi und Thriller voneinander abgrenzen?

Jack Ketchum: Alle meine Bücher haben ein Element von Horror, eines mehr als andere. Aber wie mein Freund (und ein selbst ein guter Autor) Douglas E. Winter sagt ‚Horror ist eine Emotion, kein Genre’. Das trifft sicher auf die Gefühle des alten Mannes in „Blutrot“ zu, wenn sein Hund vor ihm erschossen wird. Oder wenn in „Amokjagd“ meine beiden zur Mitfahrt gezwungenen Passagiere die zufälligen Morde von Wayne beobachten müssen. Ich habe kein Problem damit, ein Horrorautor genannt zu werden, aber ich denke nicht, dass das Schubladendenken in Genres sehr hilfreich ist. Ich denke, das ist etwas, das uns Verleger und Händler vorgeben – eine Art des herunterbrechens der Leserschaft für die einfache Werbung. Wenn ich gezwungen werde, dann sage ich, dass ich meistens Horror- und Spannungsliteratur schreibe. Aber es gibt auch Schwarze Komödien. In meinem Werk ist alles Mögliche drin.

In diesen Büchern gibt es eine großartige Eröffnung, einprägsame Charaktere und eine gute Geschichte mit einem befriedigenden Ende. Aber was ist zuerst da: die Geschichte, das Thema oder die Charaktere?

Ich denke das Thema; also was ich sagen will. Dann eindeutig die Charaktere. Ich würde nie anfangen zu schreiben, bevor ich meine Charaktere habe. Denn ich denke, dass jedes gute Buch vor allem über menschliche Anliegen ist. Der Plot – wie die Charaktere ihr Ziel erreichen – ist für mich am unwichtigsten.

Wie schreibst du deine Geschichten?

Ich mache keine Outlines mehr. Ich finde es zu einschränkend. Ich arbeite mit drei Pinnwänden, auf denen ich Notizen über Setting, Geschichte, Charaktere, undsoweiter, befestigte. Wenn es nötig ist, arrangiere ich die Zettel um. Vor dem Schreiben habe ich eine grobe Idee von meinem Ziel, dem Thema und den Charakteren, aber wenn ich mit dem Schreiben beginne, versuche ich den Charakteren eine ziemlich lange Leine zu lassen. Sie sollen ihre eigenen Entscheidungen fällen. Genau wie im richtigen Leben. Da improvisiere ich dann viel. Wenn ich neue Szenen schreibe, tendiere ich dazu, nach ungefähr vier Stunden todmüde zu sein. Überarbeiten kann ich dagegen bis zu sieben Stunden.

In deiner Bibliographie gibt es neben den Romanen auch viele Kurzgeschichte. Was ist für dich der Unterschied zwischen ihnen?

Der Unterschied ist der zwischen einer Heirat und einem One-Night-Stand, im Wesentlichen. Das schöne beim Schreiben eines Romans ist, dass du für mindestens mehrere Monate weißt, was du jeden Tag tust. Und es ist sehr befriedigend, zu einer Gruppe alter Bekannter in neuen Situationen zurückzukehren. Das Schöne bei Kurzgeschichten ist, dass du in wenigen Tagen fertig bist. Ich denke, sie schaffen untereinander einen schönen Ausgleich.

Du hast außerdem einige Drehbücher geschrieben. Welche Erfahrungen hast du dabei gemacht?

Ich habe es auf dem schweren Weg herausgefunden, dass du bei einem Drehbuch mit viel mehr davonkommen kannst als in einem Buch. Die Tatsache, dass ein Film normalerweise nur zwei Stunden dauert, bedeutet, dass dir einige Ungenauigkeiten, Plotlöcher und sogar widersprüchliche Charakter-Eigenschaften beim Sehen überhaupt nicht auffallen. Ich rede nicht von den „Plotlöchern, durch die ein Truck passt“. Aber die Kleinigkeiten. „Old Flames“, zum Beispiel, begann als Drehbuch – eines das ich damals teilweise nicht mochte, weil es mir zu überflüssig erschien. Außerdem mochte es niemand sonst. Also legte ich es für einige Jahre weg. Dann erhielt ich die Möglichkeit, eine Prosaversion zu schreiben. Ich entfernte das überflüssige Material und schrieb eine neue Fassung, die mir gefiel. Beim Schreiben fand ich einige störende Ungenauigkeiten und Unterlassungssünden und beseitigte sie. Danach schrieb ich das Drehbuch mit den Änderungen neu. Es ist jetzt ein viel besseres Buch. Chris Siverston, der Regisseur von „The Lost“, schnappte es sich sofort

Es gibt noch weitere Unterschiede, die, obwohl ich gerne Drehbücher schreibe, für mich das Schreiben von Prosa befriedigender machen. In einem Film arbeitest du wirklich nur mit zwei Sinnen: Sehen und Hören, obwohl du die anderen implizieren kannst. In Prosa kannst du sie alle vollständig ansprechen. In Filmen kannst du nur die Oberfläche der Gefühle eines Charakters zeigen. Du kannst nicht wirklich so tief in das Bewusstsein von jemand einsteigen, wie in einem Roman. Auf der Haben-Seite ist, dass ein Drehbuch viel schneller als ein Roman oder ein Kurzroman geschrieben ist.

Vor allem “Blutrot” hat eindeutig eine moralische Botschaft. Wie behandelst du moralische Fragen und Themen in deinen Büchern?

Ich interessiere mich dafür, wie wir miteinander umgehen – in dem Fall von „Blutrot“ und einigen anderen Geschichten, habe ich auch Tiere einbezogen. Als Schriftsteller hast du im Rahmen von guten, unterhaltsamen Geschichten die einzigartige Möglichkeit, vor einem ziemlich großen Publikum deine Sorgen zu thematisieren und deinen Interessen nachzugehen, ohne dabei zu predigen.

Ich beginne oft mit etwas, das mir stinkt. Kindesmissbrauch, Missbrauch von Tieren, Vergewaltigung, Soziopathie im Allgemeinen. All diese und noch einige andere Sachen stinken mir. Also schreibe ich darüber. Nicht nur um meinen Ärger und meine Wut zu zeigen, sondern hoffentlich um diese Sachen ein wenig zu erforschen; sie ein wenig zu verstehen; und um einige unserer Reaktionen, wenn wir mit ihnen konfrontiert werden, zu verstehen.

Ein Jack-Ketchum-Interview kann unmöglich beendet werden, ohne eine Frage nach der Gewalt in deinen Büchern und inwiefern sie die amerikanische Kultur reflektiert zu stellen. Also: Wie ist die Verbindung zwischen deinen Charakteren und der Gewalt?

Es gibt Gewalt. So einfach ist das. Und offensichtlich nicht nur in der amerikanischen Kultur, sondern überall. Sollen wir über Josef Fritzl reden? Selbstverständlich kenne ich die Gewalt vor meiner Haustür in der guten alten USA am besten und deshalb schreibe ich vor allem darüber. Aber in „Cover“ schreibe ich über einen Überlebenden des Vietnamkrieges und die Gewalt dort. In „Closing Time“ ist der weltweite Terrorismus der Hintergrund.

Ich hatte nie ein Problem mit Gewalt in Büchern, Filmen oder dem Fernsehen. Im Gegenteil; ich denke es ist vielleicht heilsam und ein sicherer Ort, in dem du dich auf die schlimmsten Dingen, die dir vielleicht passieren können, vorzubereiten. In meiner eigenen Arbeit lehne ich grundlose Gewalt ab. Du sollst an sie glauben und Angst um die Menschen in Gefahr haben. Pappkameraden und Cartoongewalt langweilen mich zu Tode. Aus dem gleichen Grund langweilen mich Silikonbrüste. Ich tendiere dann zum Vorspulen.

Bist du in Minute 01:28 der Gerichtsmediziner in dem Trailer zur neuesten Jack-Ketchum-Verfilmung “Offspring”?

Ja. Du kannst mich außerdem hier sehen:


Würdest du fünf Bücher für den nächsten Urlaub empfehlen?

Gerne!

Charlie Huston’s THE SHOTGUN RULE (Killing Game)

Duane Swierczynski’s THE BLONDE (Blondes Gift)

James Lee Burke’s PEGASUS DESCENDING

Jim Harrison’s THE ENGLISH MAJOR

Stewart O’Nan’s A PRAYER FOR THE DYING (Das Glück der anderen)

Ted Kerasote’s MERLE’S DOOR.

Jetzt habe ich dir sogar ein Six-Pack gegeben.

Vielen Dank für die ausführlichen Antworten.

Bibliographie (nur Romane)

Beutezeit (Off Season, 1980; 1999 ungekürzt als “Off Season: The Unexpurgated Edition”)

Hide and Seek (1984)

Cover (1987)

She Wakes (1989)

Evil (The Girl Next Door, 1989)

Beutegier (Offspring, 1991 – angekündigt für Juni 2009)

Amokjagd (Joyride; auch Road Kill, 1994)

Stranglehold; auch Only Child (1995)

Blutrot (Red, 1995)

Ladies‘ Night (1997)

The Lost (2001)

The Crossings (2004)

Old Flames (2008)

Verfilmungen

Jack Ketchum’s The Lost – Teenage Serial Killer (The Lost, USA 2005, Regie/Drehbuch: Chris Sivertson)

Jack Ketchum’s Evil (The Girl Next Door, USA 2007, Regie: Gregory Wilson, Drehbuch: Daniel Farrands, Philip Nutman)

Red (Red, USA 2008, Regie: Trygve Allister Diesen, Lucky McKee, Drehbuch: Stephen Susco)

Offspring (USA 2010, Regie: Andrew van den Houten, Drehbuch: Jack Ketchum – derzeit Postproduktion)

Hinweise

Homepage von Jack Ketchum

Fantastic Fiction über Jack Ketchum (Bibliographie mit den Kurzgeschichten)

Meine Besprechung von „Blutrot“ und „Amokjagd“ (mit weiteren Links)


Karin Slaughter kann’s auch (fast) unblutig

April 2, 2009

slaughter-unverstanden

Sie ist jung, sieht gut aus, ihr Name ist Programm und sie verkauft massenweise Bücher. Kein Wunder, dass Kritiker ihr etwa soviel Wohlwollen entgegenbringen wie den Filmen von Mario Barth und Til Schweiger. Qualität und Quantität schließen sich nach einer Volksweisheit aus und damit ist der Fall erledigt. Auch ich verspürte bislang kein großes Interesse an einer Slaughter-Lektüre.

Doch jetzt erschien mit „Unverstanden“ ein kurzer, für den niederländischen „Monat des Thrillers“ geschriebener Roman von Karin Slaughter. Das ist, sagte ich mir, doch eine gute Gelegenheit, sich schnell eine eigene Meinung über Karin Slaughter zu bilden. Die ersten Zeilen gefallen mir und gute zwei Stunden später ist das Werk gelesen:

Martin Reed war schon vor langer Zeit zu der Einsicht gelangt, dass er in den falschen Körper hineingeboren wurde. Er fragte sich oft, wie anders sein Leben wohl verlaufen wäre, wenn dieser amorphe Klops, der ihn aus seinem ersten Babyfoto anstierte, auch nur ein Minimum an Potenzial hätte vermuten lassen.

In der Schule war Martin für alle der Prügelknabe. Jahre später im Job ist es nicht anders. Er ist Chefbuchhalter bei Southern Toilet Supply und wird immer noch von seinen Schulkameraden, die jetzt Arbeitskollegen in der Produktion sind, gehänselt und von seiner Mutter unterdrückt. In den Lack von seinem fast abbezahlten Toyota Camry hat jemand „Schlappschwanz“ eingeritzt und heute Morgen ist die Stoßstange fast abgerissen.

Der Tag beginnt für Martin mal wieder gewohnt Scheiße. Aber es wird noch besser. Denn die Polizei verhaftet ihn. Er soll mit seinem Auto seine Kollegin Sandy Burke überfahren haben. Ihr Blut ist, vermischt mit seinem, an der Stoßstange.

Ihr letzter Anschlag auf Martin war ein an seinen Schreibtisch festgeklebter dreißig Zentimeter langer, vibrierender Gummidildo. Martin sagt gegenüber der Polizei, dass das nur ein Scherz gewesen war. Für sein an der Stoßstange klebendes Blut hat er zwar eine glaubwürdige Erklärung, aber er will nicht verraten, wo er zur Tatzeit war.

Detective Anther ‚An’ Albada weiß nicht, ob Reed so unschuldig und naiv ist, wie er tut. Aber irgendwie findet sie ihn sympathisch. Sie selbst ist allerdings auch nicht ganz koscher. Denn nach dem Tod ihres Mannes wurde das Gerede ihrer Kollegen über ihre sexuelle Orientierung unerträglich. Irgendwann erfand sie eine lesbische Freundin und hatte ihre Ruhe. Seitdem die Freundin an Krebs gestorben ist, hoffen ihre Kollegen für sie auf eine neue Beziehung. Aber Albada will im Moment keine neue Geliebte erfinden.

Dieser gelungenen ersten Hälfte folgt eine deutlich schlechtere zweite Hälfte, in der Slaughter verrät, was Reed in der Mordnacht tat, und wie er die Stunden vor dem zweiten Mord an einer anderen Arbeitskollegin verbrachte. Dabei wird Reeds Charakter zunehmend unglaubwürdiger. Denn abgesehen von seiner beruflichen Qualifikation ist er ein extrem verweichlichtes Muttersöhnchen, das sich wirklich alles gefallen lässt, sich von jedem herumstoßen lässt, sich dafür noch bedankt und über keinerlei eigenen Antrieb verfügt. Er ist genau der Schlappschwanz, für den ihn seine Bekannten halten und wird einem so zunehmend gleichgültiger. Auch das unglaubwürdige Ende der schwarzen Komödie ändert daran nichts.

Letztendlich sind die Charaktere in „Unverstanden“ nur Erfüllungsgehilfen für einen unwahrscheinlichen und psychologisch unglaubwürdigen Plot. Das dünne Buch ist keine komplette Zeitverschwendung (es gibt Namedropping, einige treffende Beschreibungen und Lacher), aber die Geschichte hat auch nichts, das Karin Slaughter auf meine Zu-Lesen-Liste katapultiert.

Karin Slaughter: Unverstanden

(übersetzt von Klaus Berr)

Blanvalet, 2009

176 Seiten

6,95 Euro

Originalausgabe

Martin Misunderstood

Arrow Books, London, 2008

Hinweise

Homepage von Karin Slaughter

Deutsche Homepage von Karin Slaughter


Das Warten hat sich nicht gelohnt

März 30, 2009

werremeier-trimmels-letzter-fall

Zuerst müssen einige mögliche Missverständnisse geklärt werden:

1) Mir gefallen die Trimmel-Romane und auch die oft gleichzeitig entstandenen Verfilmungen sehr gut. Sie bilden eine immer noch spannende Chronik der Siebziger Jahre in Deutschland. Sie bieten einen vorzüglichen Einblick in den Justizapparat und stellen auch heute noch aktuelle Fragen. Außerdem sind sie einfach spannende Kriminalromane.

2) Auch ich habe bedauert, dass Trimmel-Erfinder Friedhelm Werremeier nach dem Ende der Trimmel-Tatorte (das kurze Nachspiel mit einem anderen Schauspieler und in einem kürzeren Format fand ich schon damals verzichtbar und heute dürfte sich, dank fehlender Wiederholungen, niemand mehr daran erinnern) auch als Romanautor verstummte.

3) Auch ich habe mich lange auf einen neuen Trimmel-Roman gefreut. Besonders nachdem Werremeier schon vor zehn Jahren sagte: „Der Trimmel wird ein andermal wieder auftauchen, später, sehr viel später, in einem umfangreichen, ultimativen Roman. Denn alle Trimmel, die ich geschrieben habe, denen fehlte etwas. Es müsste irgendeine Klammer geben, die alles umfasst, womit ich im Laufe meines Lebens konfrontiert war, alle Freuden und auch die persönlichen Tragödien.“

4) Der Lektor ist nicht für den Text verantwortlich. Die letzte Instanz ist der Autor. Der Lektor kann nur beratend zur Seite stehen. Vorschläge für einen besseren Text machen. Aber wenn der Autor nicht einsichtig ist, dann ist es eben so. Bei „Trimmels letzter Fall“ werden im Impressum zwei Lektoren genannt, die sicher nicht vor Ehrfurcht sprachlos waren. Friedhelm Werremeier wollte anscheinend ihre Ratschläge nicht annehmen. Ich kann mir jedenfalls keinen Ratschlag vorstellen, der „Trimmels letzter Fall“ zu einem schlechteren Werk gemacht hätte.

Denn der jetzt erschienene Trimmel-Roman ist ein unlesbares Desaster.

Werremeier springt in der Zeit munter hin und her. Allerdings ist es sinnlos, eine Zeitlinie aufzustellen. Denn da wird (wahrscheinlich) 1988 mit Handys telefoniert. Einmal ist Trimmel noch Polizist, als seine Freundin erschossen wird. Einmal nicht. Er hat eine Beziehung mit einer Psychologin. Wahrscheinlich nach dem Tod seiner Freundin. Aber eigentlich müsste diese Beziehung früher gewesen sein. Undsoweiter.

Auch an Trimmels Alter wird herumgedoktort. Nach den früheren Romanen war Paul Trimmel ein älterer Polizist, der ungefähr 1920 geboren wurde und keine ausformulierte Vergangenheit hatte. Jetzt verpasst Werremeier ihm eine vollkommen überflüssige Vergangenheit, inclusive kindlichem Trauma, und Verjüngungskur.

Trimmel wurde – Halten Sie sich fest! – als Quasi-Waise von einer kommunistischen Jüdin in den Dreißigern aufgezogen. Sie nahm ihn dann auch mit in die Schweiz. Werremeier erzählt das in der epischen Breite und Banalität einer Schmonzette. Dazu passt auch, dass Trimmel panische Angst vor Kakerlaken hat. Doch für die Story ist das unwichtig.

Diese ist, soweit überhaupt erkennbar, krude. Es geht irgendwie um mindestens einen Serienmörder, der sich auch irgendwie an Trimmel rächen will. Und das ganze hat auch irgendwie mit Trimmels Vergangenheit als Polizist und seiner Herkunft zu tun. Diese „irgendwies“ sollen allerdings keine Spoiler vermeiden. Denn dafür ist „Trimmels letzter Fall“ viel zu chaotisch.

Damit auch wirklich niemand mehr einen Überblick über die Geschichte hat, lässt Werremeier fast im Seitentakt neue Charaktere auftreten. Auf zweihundert Seiten stolpert eine gefühlte halbe Hundertschaft durch die Geschichte. Kein Name sagt einem etwas. Dienstbezeichnungen schwanken hin und her, teilweise mit, teilweise ohne den Zusatz „Ex“. Die Verwirrung nimmt zu. Das Interesse am Ende der Geschichte nimmt mit jeder gelesenen Zeile ab.

Die Sprache passt sich dem Niveau an. Es regnet Katzen und Hunde, ein Junge ist happy, Ole Bornsen ist ein blonder Name und fast jeder gesprochen Satz endet mit einem Ausrufezeichen. Etliche Sätze müssen zweimal gelesen werden, bevor der Sinn erfasst werden kann. Dabei war Werremeier jahrelang Polizei- und Gerichtsreporter. Zuletzt für den „Stern“ und dem „Stern“ kann ungefähr alles außer Unlesbarkeit vorgeworfen werden.

Wenn am Ende der Mörder (oder die Mörderin oder die MörderInnen) irgendwie nicht verhaftet werden, ist es auch egal. Denn die Freude, das Werk überstanden zu haben überwiegt eindeutig.

In seinem lesenswerten Nachwort stellt Frank Göhre die alten Trimmel-Romane vor. Den neuen erwähnt er nur noch pflichtbewusst. Weil Göhre einer der Lektoren von „Trimmels letzter Fall“ war,…

Friedhelm Werremeier: Trimmels letzter Fall

(mit einem Nachwort von Frank Göhre)

Pendragon, 2009

232 Seiten

9,90 Euro

Hinweise

Lexikon deutscher Kriminalautoren über Friedhelm Werremeier

Tatort-Fundus über Trimmel

Galerie der Detektive über Trimmel

Rudi Kost über Trimmel

Meine Besprechung von Friedhelm Werremeiers „Taxi nach Leipzig“

Kriminalakte: Einige Zitate aus „Trimmels letzter Fall“