Joseph Wambaugh zeigt Hollywoods andere Seite

April 29, 2009

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Nach einer zehnjährigen Pause kehrte Joseph Wambaugh 2006 mit „Hollywood Station“ wieder zurück in die Welt des Kriminalromans. Dazwischen schrieb er das Sachbuch „Fire Lover“. Der Vater des modernen Polizeiromans, jedenfalls für die uniformierten Polizisten, erzählte wieder aus dem Alltag der Polizei. Doch während er am Anfang seiner literarischen Karriere aus eigenen Erfahrungen schöpfen konnte, ließ er sich für „Hollywood Station“ (2006), „Hollywood Crows“ (2008) und „Hollywood Moon“ (2009, so die Originaltitel) von Polizisten während vieler Abendessen von ihrer Arbeit erzählen. In „Hollywood Crows“, das jetzt als „Sunset Boulevard“ auf Deutsch erschienen ist, bedankt sich Joseph Wambaugh bei 57 Polizisten. Entsprechend detailliert und kundig, aber auch parteiisch, ist sein Roman über die Officers des Los Angeles Police Department.

Wobei „Sunset Boulevard“ eigentlich kein richtiger Kriminalroman ist. Denn im Mittelpunkt stehen, wie bei einer TV-Polizeiserie, etwa ein halbes Dutzend Polizisten der Hollywood Station und ihre meist absurden Erlebnisse. Sie müssen sich um Kleinigkeiten, wie falsch parkende Autos, mitgenommene Einkaufswagen, Schlägereien, Selbstmörder und Obdachlose kümmern. Kleinkram, der teilweise deutlich unter der Schwelle der Kleinkriminalität liegt. Bei Morden steht der Täter meist neben der Leiche. Da ist ein illegaler Hahnenkampf schon etwas Besonderes. Hollywood-Nate Nathan Weiss (der, wie sein Spitzname verrät, an seiner Schauspielerkarriere arbeitet), das Team Flotsam and Jetsam (Yeah, passionierte Surfer!), die cholerische Gert Von Braun und ihr neuer Partner Doomsday-Dan Applewhite, Ronnie Sinclair und Bix Ramstead vom Hollywood CRO (Crow genannt und für Öffentlichkeitsarbeit in der Gemeinde zuständig), Mitleid-Charlie Gilford und der unbeliebte Chef Jason „Chickenlips“ Treakle sind Wambaughs Helden auf der richtigen Seite des Gesetzes.

Diese letztendlich grundehrlichen Polizisten und ihre tägliche aussichtslose Arbeit gegen die Absurditäten der Straße und den bürokratischen Wahnsinn (den Joseph Wambaugh, wie seine Polizisten, ablehnt) werden einem schnell vertraut. Die Gründe für diesen Wandel hin zu mehr Bürokratie und Kontrolle der Polizei werden von Wambaugh höchstens am Rand gestreift. In Los Angeles waren das der Fall Rodney King, der Rampart-Skandal, die steigende Kriminalität und die durchaus erfolgreichen Anstrengungen des seit 2002 amtierenden Polizeichef William Bratton, den sehr ramponierten Ruf der Polizei von Los Angeles wieder zu verbessern und die steigende Kriminalität zu bekämpfen.

In dieses pointiert erzählte, meist wahnsinnig komische, episodische Sittenbild des polizeilichen Alltags webt Wambaugh die Minigeschichte des Scheidungskrieges zwischen der wunderschönen, intelligenten Margot Aziz und ihrem Mann, den Nachtclub-Besitzer Ali Aziz. Sie kämpfen um das gemeinsame Vermögen und das Sorgerecht für den im ganzen Buch nie auftauchenden Sohn. Dafür sind sie letztendlich auch bereit, den anderen zu töten. Der Kleinkriminelle Leonard Stilwell spielt dabei eine wichtige Rolle. Aber diese Geschichte ist, wenn man „Sunset Boulevard“ mit einer TV-Polizeiserie vergleicht, so wichtig wie ein vernachlässigbarer folgenübergreifender Plot.

„Sunset Boulevard“, das sich wie ein langes Gespräch eines Haufens gutgelaunter Polizisten liest, ist ein meist schwarzhumoriger, faktenstrotzender Bericht aus dem Polizeialltag im heutigen Los Angeles. Inwiefern die früheren Romane des Grandmasters der Mystery Writers of America wirklich besser sind (wie einige Kritiker behaupten) oder in der Erinnerung verklärt werden (was ich für sehr wahrscheinlich halte), kann in wenigen Wochen mit der Neuauflage von Wambaughts drittem Roman „Die Chorknaben“ (The Choirboys) überprüft werden.

Joseph Wambaugh: Sunset Boulevard

(übersetzt von Rainer Schumacher)

Bastei Lübbe, 2009

384 Seiten

8,95 Euro

Originalausgabe

Hollywood Crows

Little, Brown and Company, 2008

Hinweise

Homepage von Joseph Wambaugh

Homepage zum Roman „Hollywood Crows“

Bookreporter: Interviews mit Joseph Wambaugh (28. März 2008, 17. Mai 2002)

Orchard Press Mysteries: Interview mit Joseph Wambaugh (2008)

Kacey Kowards Show: Audiointerview mit Joseph Wambaugh (2. April 2008)


Ian Rankins Version von „Ocean’s Eleven“

April 21, 2009

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Nach der Pensionierung von Inspector John Rebus hat sein Erfinder Ian Rankin Zeit, andere Dinge auszuprobieren. Er schrieb ein Serial für die New York Times, eine Oper, Comics, eine kurze Geschichte für ein Leseförderprojekt und man hörte immer wieder etwas von Filmprojekten. Außerdem schrieb Rankin 2008 für die Buchveröffentlichung einen stark erweiterte Version seiner „New York Times“-Fortsetzungsgeschichte „Doors Open“. Die deutsche Ausgabe erschien jetzt, wenige Monate nach der Originalausgabe, als „Der Mackenzie Coup“ bei uns.

Mike Mackenzie ist ein gelangweilter siebenunddreißigjähriger Millionär, der sich für Gemälde interessiert. Zusammen mit seinem Bankberater Allan Cruikshank von der First Caledonian Bank und dem kurz vor der Pensionierung stehenden Kunstprofessor Robert Gissing beschließen sie, einige Bilder zu befreien. Denn die First Caledonian Bank und die National Gallery von Schottland haben viele ihrer Bilder in von vor der breiten Öffentlichkeit verschlossenen Bankräumen und in Lagerhallen. Eine Bilderbefreiung aus der Bank ist zu schwierig, aber Gissing hat einen todsicheren Plan (der natürlich schief geht), wie sie am „Tag der offenen Tür“ aus einer Lagerhalle der National Gallery einige Bilder klauen können.

Selbstverständlich ist so ein Diebstahl nichts für drei Amateure. Sie benötigen professionelle Hilfe, die in Gestalt des lokalen Gangsterbosses Chib Calloway kommt. Mackenzie kennt ihn von der Schule und Calloway beginnt sich gerade für Gemälde zu interessieren. Dass er gleichzeitig Ärger mit einem Chapter der skandinavischen Hell’s Angels hat, die von ihm das immer noch ausstehende Geld für eine Drogenlieferung wollen, und einige Gemälde sehr wertvolle Tauschobjekte sind, erhöht seine Lust, sich an dem Coup zu beteiligen.

Allerdings werden sie von Anfang an von Detective Inspector Ransome, der Calloway hinter Gitter bringen will, beobachtet.

„Der Mackenzie Coup“ ist ein Caper-Krimi und selbstverständlich sind die bekannten Genreversatzstücken von schwieriger Planung, plötzlichen Komplikationen bei der Durchführung, anschließenden Verwicklungen, inclusive Gewalttätigkeiten und Verrat, und überraschender Schlusspointe vorhanden. Aber im Gegensatz zu Donald Westlake, der unter seinem Namen die Dortmunder-Serie und als Richard Stark die Parker-Serie schrieb, platziert Ian Rankin sich in seinem neuen Roman etwas unglücklich zwischen Comedy-Crime und Hardboiled. Denn gerade im direkten Vergleich mit Donald Westlake fallen die Schwächen von „Der Mackenzie Coup“ eklatant auf. Für ein Comedy-Crime-Werk ist „Der Mackenzie Coup“ viel zu ernst, fast schon humorlos, erzählt. Aber für eine richtige Hardboiled-Geschichte ist der Roman dann letztendlich doch zu soft und vorhersehbar. Außerdem sind die Motive der Kunstdiebe für Rankins ernsten Tonfall zu dünn. Mackenzie, zum Beispiel, macht mit, weil er von seinem Leben als Frührentner gelangweilt ist. Seine beiden Freunde, ebenfalls ehrbare Bürger, tun’s, weil sie denken, dass die Öffentlichkeit die Gemälde sehen sollte. Dass sie nach dem Diebstahl die Bilder nur bei sich zu Hause bewundern können und damit eigentlich ihre Aktion ad absurdum führen, stört sie nicht. Für keinen von den dreien ist Geld das Motiv.

In „Der Mackenzie Coup“ ist nach dem jedenfalls vorläufigem Ende der Rebus-Serie vor allem eine Lockerungsübung. Ian Rankin wechselt die Seiten und erzählt eine Gangstergeschichte, die ohne große Änderungen auch vor einigen Jahrzehnten hätte spielen können. Es ist ein Nebenwerk, das nichts über Ian Rankins nächsten Roman sagt.

Ian Rankin: Der Mackenzie Coup

(übersetzt von Ditte und Giovanni Bandini)

Manhattan, 2009

384 Seiten

17,95 Euro

Originalausgabe

Doors Open

Orion Books, 2008

Hinweise

Homepage von Ian Rankin

Deutsche Homepage von Ian Rankin (Goldmann-Verlag)

Meine Besprechung von Ian Rankins „Rebus’s Scotland – A personal journey“ (2005)

Meine Besprechung von Ian Rankins „Eindeutig Mord – Zwölf Fälle für John Rebus“ (A good hanging, 1992)

Meine Besprechung von Ian Rankins “Ein Rest von Schuld“ (Exit Music, 2007)

Meine Besprechung von Ian Rankins „Im Namen der Toten” (The Naming of the Dead, 2006)

Meine Besprechung von Ian Rankins „Die Seelen der Toten“ (Dead Souls, 1999)

Meine Besprechung von Ian Rankins „Der diskrete Mr. Flint“ (Watchman, 1988)



Bonushinweise



Brian Azzarello wütet in Blackwater

April 16, 2009

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Brian Azzarello hat die grandiosen Noir-Comics „Jonny Double“ und „100 Bullets“ geschrieben. Mit „Loveless“ versuchte er eine Erneuerung des Western aus dem Geist des Italo-Westerns, gepaart mit einem illusionslosen Blick auf die Realität in den Südstaaten nach dem Bürgerkrieg. Allerdings ist auch der zweite „Loveless“-Band, ganz im Gegensatz zur langlebigen „100 Bullets“-Serie, keine wirklich überzeugende Lektüre.

In dem zweiten „Loveless“-Band sind drei kurze und die vierteilige Geschichte „Begraben in Blackwater“ enthalten. In den Einzelheften werden die bereits in dem ersten „Loveless“-Band „Blutrache“ angerissenen Backstories einiger Charaktere ausführlicher geschildert. In „Das eiserne Gesetz“ erzählt der ehemalige Sklave Atticus am Lagerfeuer einem Negerjungen, wie es ihm im Norden erging. In „Heißes Blut“ erfahren wir, dass Ruth Cutter während des Krieges als Waffenschmugglerin arbeitete und wie sie die Nachricht vom Tod ihres Mannes Wes erhielt.In „Die Ruhe vor dem Sturm“ führt Wes Cutter als Sheriff seine Rache an seinem alten Heimatort Blackwater fort, indem er ein Pferderennen veranstaltet.

Diese drei Geschichten wurden von Danijel Zezelj mit groben Strichen und fast einfarbig gezeichnet. Bunter und filigraner wird es in dem ursprünglich in vier Heften erschienenen „Begraben in Blackwater“. Die ersten beiden Hefte sind, wie die ersten fünf „Loveless“-Hefte, von Marcelo Frusin (In der deutschen Ausgabe werden diese Hefte irrtümlich Zezelj zugeschrieben.) und die letzten beiden Hefte von Werther Dell’Edera gezeichnet.

In dem Vierteiler versucht Wes Cutter herauszufinden, wer eine Farmerfamilie umbrachte. Dabei benutzt er die Jagd nach den Mördern für seine eigenen Zwecke (also der Abrechnung an den miesen Bewohnern von Blackwater). Die Fronten zwischen Gut und Böse, zwischen den Nordstaaten-Soldaten, den neuen Machthabern und den in den Wäldern lebenden Banditen sind so diffus, dass ungefähr jeder – wozu auch Wes Cutter gehört – als Täter in Frage kommt. Und für die einzelnen Charaktere ist, wie in den anderen Geschichten, die jüngste Vergangenheit in zahlreichen Flashbacks immer noch sehr lebendig.

In den „Loveless“-Geschichten entsteht kaleidoskopartig ein pessimistisches und sehr brutales Porträt der USA in den Jahren um den Bürgerkrieg. Aber die einzelnen Geschichten stehen zu unverbunden nebeneinander und das Ende von „Begraben in Blackwater“ mit dem Tod von einem Hauptcharakter ist eher zufällig als zwingend, um wirklich auf die nächste Hefte neugierig zu machen. „Loveless“ wirkt auch nach zwölf Heften und dem (scheinbaren) Ende der ersten großen „Loveless“-Geschichte weniger wie eine in sich geschlossene Erzählung, sondern mehr wie ein beherzter Griff in den Zettelkasten. In den USA wurde „Loveless“ nach 24 Heften eingestellt.

Brian Azzarello/Marcelo Frusin/Daniel Zezelj/Werther Dell’Edera: Loveless 2 – Begraben in Blackwater

(übersetzt von Bernd Kronsbein)

Panini 2009

172 Seiten

19,95 Euro

Originalausgabe

Loveless: Thicker than Blackwater

Heft 6 – 12

DC Comics , 2007

Hinweise

News A Rama: Interview mit Brian Azzarello (Oktober 2006)

UGO: Interview mit Brian Azzarello (circa 2006)

Comics Bulletin: Interview mit Brian Azzarello (circa 2006/2007)

EMF: Interview mit Marcello Frusin (29. Februar 2008)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos “Jonny Double” (Jonny Double, 2002)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Marcello Frusins “Loveless 1 – Blutrache” (Loveless: A Kin’ of Homecoming, 2006)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos “100 Bullets 3 – Alle guten Dinge” (100 Bullets: Hang up on the Hang Low, 2001)


„Will Eisner’s The Spirit“ ermittelt weiter

April 15, 2009

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Autor Darwyn Cooke und Zeichner J. Bone sorgten 2007 für eine gelungene Wiederbelebung von Will Eisners legendärem „The Spirit“. Die tollen Geschichten, stilecht gezeichnet und mit dem nötigen Witz präsentiert, zeigten, dass die Idee von Eisner, einen maskierten Mann auf Gangsterjagd zu schicken auch heute noch funktioniert. Denn der Spirit hat keine übernatürlichen Kräfte. Er ist nur der beherzte Verbrecherjäger Denny Colt, der nachdem er bei einem nicht genehmigten Polizeieinsatz starb, als Maskierter (Naja, im Gegensatz zu den Superhelden ist der Spirit mit seiner blauen Augenbinde eigentlich überhaupt nicht verkleidet.) wiederauferstand.

Nachdem Zeichner J. Bone sich anderen Projekten zuwandte, hörte auch Darwyn Cooke, der die „Spirit“-Comics nur mit Bone erzählen wollte, nach nur elf Abenteuern auf. Das siebte Heft war ein Summer-Special mit drei von verschiedenen Autoren geschriebenen kurzen „Spirit“-Abenteuern.

Auch der dritte „Spirit“-Sammelband beginnt mit einem abwechslungsreichen „Holiday Special“ von den Autoren Glen David Gold und Eduardo Risso (Einhundert!), Dennis O’Neil (Familienschatz) und Gail Simone (In den kalten Abgründen eines eisigen Herzens). Die restlichen fünf „Spirit“-Geschichten sind dann von dem neuen Team: den Autoren Sergio Aragonés und Mark Evanier und den Zeichnern Paul Smith (Heft 15, 16, 18 [mit Walden Wong]), Mike Ploog (Heft 14) und Alvier Almancio (Heft 17). Optisch ist also für Abwechslung gesorgt.

Und die Geschichten?

In „Die Mediziner-Morde“ will The Spirit quasi im Auftrag der Polizei herausfinden, wer Ärzte umbringt. Die Lösung liegt in einem früheren Verbrechen.

In „Der Diamantentausch“ erfährt The Spirit von einer großen Lieferung gestohlener Diamanten, die demnächst in Central City ankommen sollen. Die Spur führt nach Paris zum Miss-World-Wettbewerb.

In „Double für Mord“ wird während der Dreharbeiten der Hauptdarsteller erschossen. Der Spirit versucht als Schauspieler getarnt den Mörder zu finden.

In „Kreuzfahrt“ soll Denny Colt, im Auftrag der Argosy Versicherung, eine reiche, ältere Dame und ihren Schmuck unauffällig bewachen. Dummerweise sind auch seine Freundin Ellen und einige andere Verbrecher an Bord.

In „Fluch der Mumien!“ soll der Spirit für den Zoll eine Ladung Mumien auf ihrem Weg von Ägypten nach Amerika bewachen. Als die Mumien bereits in Kairo gestohlen werden, hilft Denny Colt seinen Kollegen bei der Suche.

Im direkten Vergleich zu Darwyn Cooke sind die Geschichten des Teams Sergio Aragonés/Mark Evanier enttäuschend. Denn während Cooke gelungen mit den verschiedenen Genres und Stilen spielte, wie Will Eisner filmische Techniken für die Geschichten benutzte, zahlreiche popkulturelle Anspielungen einflocht, einen sehr ironisch-unheroischen Blick auf „Spirit“ Denny Colt hatte (Colt wurde regelmäßig verprügelt, etliche Frauen, wie Silk Satin, waren ihm überlegen und auch zu Hause lief nicht alles rund.), sich jede Geschichte radikal von der vorherigen unterschied und bekannte Charaktere immer wieder auftauchten, sind die neuen „The Spirit“-Abenteuer die B-Movie-Variante irgendwo zwischen Mr. Moto, Charlie Chan und einem x-beliebigem Krimi-Serial. Commissioner Dolan, dessen Tochter Ellen und der minderjährige Taxifahrer Ebony sind als Stammpersonal dabei. In der letzten Geschichte hat sogar der Octopus einen kurzen; in der zweiten hat Madame P’Gell einen längeren, aber eher unbedeutenden Auftritt. Die Geschichten verlaufen, dem Gesetz der Serie gehorchend, jetzt immer nach dem gleichen Muster und Denny Colt ist nur noch ein besserer Privatdetektiv.

Deshalb ist „The Spirit 3“ nur eine nette Lektüre für Zwischendurch.

Sergio Aragonés/Mark Evanier/Paul Smith: Will Eisner’s The Spirit – 3

(übersetzt von Gerlinde Althoff)

Panini, 2009

148 Seiten

16,95 Euro

Originalausgabe

The Spirit Heft 13 – 18

DC Comics, Februar 2008 – August 2008

Enthält

Holiday Special (The Spirit 13: Holiday Special, Februar 2008)

Die Mediziner-Morde (The Spirit 14: The Medical Murders, März 2008)

Der Diamantentausch (The Spirit 15: The Diamond Exchange, April 2008)

Double für Mord (The Spirit 16: Stand in for Murder, Juni 2008)

Kreuzfahrt (The Spirit 17: Sea Cruise, Juli 2008)

Fluch der Mumien! (The Spirit 18: Curse of the Mummies!, August 2008)

Hinweise

Homepage von Sergio Aragonés

Homepage von Mark Evanier

Comicmix: Interview mit Mark Evanier (10. März 2008)

Wizard Universe: Interview mit Mark Evanier (15. April 2008)

Meine Besprechung von Darwyn Cooke/J. Bone/Dave Stewarts “Will Eisner’s The Spirit – 1” (The Spirit, No. 1 – 6, 2007)

Meine Besprechung von Darwyn Cooke/Walter Simonson/Jimmy Palmiottis “Will Eisner’s The Spirit – 2” (The Spirit, No. 7 – 12, 2007/2008)


64 Seiten mit Christine Grän

April 9, 2009

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Die einzige Vorgabe für Autoren bei der „Kaliber .64“-Reihe ist die Länge. Sie haben für ihre Geschichte nur 64 Seiten und genau an der damit zusammenhängenden Herausforderung, eine Geschichte zu erzählen, die nur in dieser Länge funktioniert, scheitern viele Autoren. Weil „Kaliber .64“-Geschichten von der Länge zwischen einer Kurzgeschichte und einem Roman liegen, funktionieren weder aufgeblasene Kurzgeschichten noch die Readers-Digest-Fassungen von Romanen, besonders wenn es sich um einen Rätselkrimi handelt.

Auch Christine Grän, die Autorin der unterhaltsamen Anna-Marx-Romane, scheitert letztendlich mit ihrem „Kaliber .64“-Buch „Jedermanns Gier“.

Gräns Heldin Victoria bringt ältere Männer um mehr oder weniger große Teile ihres Vermögens und manchmal bringt sie sie auch um. Diesem schändlichen Tun widmet Grän die erste Hälfte des Buches. Das ist, nach dem ersten Kapitel, nur noch mäßig interessant, weil wir nichts entscheidend Neues über Victoria erfahren und auch keine ihrer auf diesen Seiten geschilderten Taten mit ihrem „vielleicht letzten Job“ in Miami zusammenhängen. Denn mit Mitte Vierzig fühlt sie sich langsam zu alt für ihre Art des Broterwerbs und sie hat inzwischen auch genug Geld für ein sorgloses Leben beisammen. Trotzdem macht sie sich in der Mitte der Geschichte auf nach Miami zum Ausnehmen des nächsten reichen, alten Knackers.

Dort trifft sie Franz, einen Wiener Gigolo, den sie von früher kennt (dem wir allerdings bis dahin noch nicht begegnet sind), und der, genau wie sie, ältere Herrschaften (bei ihm natürlich Frauen) ausnimmt. Die beiden Paare beginnen mehr Zeit miteinander zu verbringen und irgendwann schlägt Frank Victoria ein gemeinsam verübtes Verbrechen vor.

Doch auch jetzt, immerhin sind die 64 Seiten fast gefüllt, plätschert die Geschichte vor sich hin. Denn Victoria selbst hat kein konkretes Ziel, das sie erreichen will und sie hat auch keinen Gegner, der sie davon abhalten will. Sie ist in Miami (das das halbe Buch füllende und für das Miami-Abenteuer vollkommen bedeutungslose Vorspiel lassen wir mal links liegen) keiner Gefahr ausgesetzt. Sie könnte jederzeit, ohne dass sich für sie etwas ändern wurde, die Stadt verlassen.

Deshalb ist „Jedermanns Gier“ eine auf 64 Seiten gestreckte langweilige Kurzgeschichte.

Christine Grän: Jedermanns Gier

Edition Nautilus, 2009 (Kaliber .64)

64 Seiten

4,90 Euro

Hinweise

Homepage von Christine Grän

Lexikon deutscher Krimiautoren über Christine Grän


„Scenario 3“ oder Drehbuchautoren reden über ihre Arbeit

April 8, 2009

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Auch in der dritten Ausgabe des jährlich erscheinenden Film- und Drehbuch-Almanachs „Scenario“ hat Herausgeber Jochen Brunow den bewährt-flexiblen Aufbau des jährlich erscheinenden Sammelbandes beibehalten. Auf den ersten Seiten gibt es ein langes Interview mit einem Autor. Essays, ein Journal, Splitter einer Geschichte des Drehbuchs und Buchkritiken schließen sich an. Abgeschlossen wird der Sammelband mit dem Abdruck des mit dem Deutschen Drehbuchpreis ausgezeichneten Drehbuchs. Wie die vorherigen beiden Bände ist auch „Scenario 3“ ein Buch für Drehbuchautoren und an Drehbüchern Interessierte.

Das Interview mit Chris Kraus, der bei „Scherbentanz“ und „Vier Minuten“ das Drehbuch schrieb und auch Regie führte, beginnt etwas zu abstrakt-wolkig, wird aber später, wenn Kraus von seinen Erlebnissen in der Filmbranche und den Einflüssen für seine Drehbücher spricht, sehr interessant. Bei den Essays bietet Fred Breinersdorfer mit „Der Ausbruch – Anmerkungen eines Drehbuchautors über sein Regiedebüt“ einen gelungenen Einblick in Entstehungsprozess seiner ersten Regiearbeit von Idee über die Finanzierung, das Casting, den Dreh und die Postproduktion und was er dabei lernte.

Wolfgang Kirchner besucht in New York ein Drehbuchseminar bei Black Snyder, dem Autor von „Save the Cat! – The last book on screenwriting you’ll ever need“. Snyder doziert, anscheinend sehr über überzeugend, über die Wichtigkeit einer „Save the Cat“-Szene in den ersten Minuten, dem guten Ein-Satz-Pitch, seiner eigenen Genreliste (die quer zur üblichen Genreeinteilung steht aber durchaus nachvollziehbar ist. So bilden „Alien“, „Der Exorzist“ und „Eine verhängnisvolle Affäre“ das Genre „Monster in the House“) und sein 15-Insel-Modell, das auch als ausdifferenziertes Drei-Akt-Modell gelesen werden kann.

Spiegel-Redakteur Lars-Olav Beier schreibt über die neue Welle von Hollywood-Drehbuchautoren, die auch Regie führen. Das sind vor allem Charlie Kaufman, Tony Gilroy und Paul Haggis. Und gleich wird ein neuer Trend ausgerufen, obwohl es sich bei ihnen letztendlich um Einzelfälle handelt. Auch weil unklar ist, ob diese Regiekarriere ähnlich langlebig sein wird wie die von John Huston, Woody Allen, Larry Cohen, Paul Schrader und David Mamet.

Im Journal schreibt Peter Schneider (unter anderem „Lenz“, „Messer im Kopf“ und „Der Mann auf der Mauer“) kurzweilig anhand von Tagebucheinträgen über sein Jahr 2008. Es geht vor allem um ein gescheitertes Vivaldi-Projekt, die Rückschau auf 1968 und die alltäglichen Selbstzweifel und Demütigungen, die auch ein renommierter Autor ausstehen muss: „Als Autor neigt man dazu, alle Entscheidungen rund um ein Drehbuch auf sich und die Qualität der eigenen Arbeit zu beziehen. Vielleicht handelt es sich hier um eine narzisstische Selbstüberschätzung. Vielleicht geben ganz andere Entscheidungen den Ausschlag, die wenig oder nichts mit dem Drehbuch zu tun haben.“ .

Bei den Splittern einer Geschichte des Drehbuchs findet sich ein schöner Text von Michael Töteberg über Vladimir Nabokov und dessen Liebe zum Kino, die er vor allem in seinen Romanen auslebte. Denn bis zum Drehbuch für „Lolita“ hatte er im Filmgeschäft kein Glück. Und auch sein „Lolita“-Drehbuch wurde von Stanley Kubrick nicht verfilmt. Es war zu unfilmisch. Bei dem Text stellt sich allerdings die Frage, was er in „Scenario 3“ zu suchen hat. Vor allem in der Rubrik „Backstory – Splitter einer Geschichte des Drehbuch“. Denn gerade damit hat er nichts zu tun.

Bei den Buchbesprechungen gibt es längere Essays über David Bordwell und dessen filmtheoretischen Werke und über David Mamets „Lehrbücher“.

Den Abschluss des lesenswerten Bandes bildet das Drehbuch „Das zweite Leben des Häuslers Stocker“ von Klaus Krämer. Im Gegensatz zu den früheren Jahren fehlt die Begründung der Jury und deshalb kann nur gerätselt werden, was der Jury an dieser sehr undramatischen Geschichte gefiel.

Krämer erzählt von dem schweren Leben des bayerischen Bauern Hans Stocker und seiner Familie im 19. Jahrhundert. Ungefähr in der Mitte des Drehbuches stirbt Stocker und wird während des Trauergottesdienstes wieder lebendig. Er schwört, ein Holzkreuz auf Maria Himmelreich hochzutragen. Danach genießt Stocker sein neues Leben. Kurz vor dem Ende spricht ihn ein Großbauer auf seinen Schwur an. Ohne zu zögern erfüllt Stocker seinen Schwur und stirbt dabei.

Das ist alles. Daraus kann ein netter Heimatfilm für die gesamte Familie entstehen. Aber auch nicht mehr. Denn zu lange ist unklar, wer die Hauptfigur ist und was sein konkretes Ziel in der Geschichte ist. Denn der Tod Stockers als handlungsauslösendes Element kommt viel zu spät, das bei der Wiederauferstehung gegebene Versprechen spielt bis zum Ende keine Rolle und wird von Stocker, als er darauf angesprochen wird, sofort erfüllt. Weil es hier keine Konflikte gibt, gibt es auch keine handlungstreibenden Fragen und damit keine Spannung.

Wie die vorherigen Bände ist auch „Scenario 3“ eine sehr unterhaltsame und schön gelayoutete Wundertüte aus der Welt des deutschen Drehbuchs.

Jochen Brunow (Hrsg.): Scenario 3 – Film- und Drehbuch-Almanach

Bertz + Fischer 2009

328 Seiten

19,90 Euro

Hinweise

Homepage zum Buch

Homepage von Jochen Brunow


Ein Gespräch mit Jack Ketchum

April 3, 2009

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In den USA ist er vor allem unter Horrorfans schon länger bekannt und beliebt. Bereits sein erster Roman „Beutezeit“ sorgte 1981 wegen der Gewalt für einen Aufschrei bei den Sittenwächtern. Village Voice sprach von Gewaltpornographie. Neben mehreren Nominierungen und Bram-Stoker-Preisen, werden bekannte Kollegen wie Bentley Little, Robert Bloch, Richard Laymon und, vor allem, Stephen King, nicht müde seine Werke in den höchsten Tönen zu preisen. In den vergangenen Jahren erhielt Jack Ketchum in seiner Heimat dank der gelungenen Verfilmungen seiner Werke einen weiteren Popularitätsschub. „Jack Ketchum’s Evil“ und „Jack Ketchum’s The Lost“ gibt es inzwischen auch in Deutschland auf DVD. „Red“ erscheint demnächst und dürfte die einzige Ketchum-Verfilmung sein, die auch von Jugendlichen gesehen werden kann. Seit 2006 hat der Heyne-Verlag vier Ketchum-Romane veröffentlicht. Der fünfte Roman „Beutegier“ ist für Juni angekündigt.

Ende März besuchte Jack Ketchum Frankreich und Deutschland. Dabei ergab sich über seinen deutschen Lektor die Gelegenheit zu einem Interview (das letztendlich in dieser Fassung elektronisch zustande kam).

Spätestens als Jack Ketchum die letzte Frage beantwortete, wusste ich, warum mir seine Bücher gefallen.

AxelB: Für viele bist du ein Horrorschriftsteller. Aber für mich sind „Blutrot“ und „Amoklauf“ gute Kriminalromane. Wie würdest du daher die verschiedenen Genres Horror, Krimi und Thriller voneinander abgrenzen?

Jack Ketchum: Alle meine Bücher haben ein Element von Horror, eines mehr als andere. Aber wie mein Freund (und ein selbst ein guter Autor) Douglas E. Winter sagt ‚Horror ist eine Emotion, kein Genre’. Das trifft sicher auf die Gefühle des alten Mannes in „Blutrot“ zu, wenn sein Hund vor ihm erschossen wird. Oder wenn in „Amokjagd“ meine beiden zur Mitfahrt gezwungenen Passagiere die zufälligen Morde von Wayne beobachten müssen. Ich habe kein Problem damit, ein Horrorautor genannt zu werden, aber ich denke nicht, dass das Schubladendenken in Genres sehr hilfreich ist. Ich denke, das ist etwas, das uns Verleger und Händler vorgeben – eine Art des herunterbrechens der Leserschaft für die einfache Werbung. Wenn ich gezwungen werde, dann sage ich, dass ich meistens Horror- und Spannungsliteratur schreibe. Aber es gibt auch Schwarze Komödien. In meinem Werk ist alles Mögliche drin.

In diesen Büchern gibt es eine großartige Eröffnung, einprägsame Charaktere und eine gute Geschichte mit einem befriedigenden Ende. Aber was ist zuerst da: die Geschichte, das Thema oder die Charaktere?

Ich denke das Thema; also was ich sagen will. Dann eindeutig die Charaktere. Ich würde nie anfangen zu schreiben, bevor ich meine Charaktere habe. Denn ich denke, dass jedes gute Buch vor allem über menschliche Anliegen ist. Der Plot – wie die Charaktere ihr Ziel erreichen – ist für mich am unwichtigsten.

Wie schreibst du deine Geschichten?

Ich mache keine Outlines mehr. Ich finde es zu einschränkend. Ich arbeite mit drei Pinnwänden, auf denen ich Notizen über Setting, Geschichte, Charaktere, undsoweiter, befestigte. Wenn es nötig ist, arrangiere ich die Zettel um. Vor dem Schreiben habe ich eine grobe Idee von meinem Ziel, dem Thema und den Charakteren, aber wenn ich mit dem Schreiben beginne, versuche ich den Charakteren eine ziemlich lange Leine zu lassen. Sie sollen ihre eigenen Entscheidungen fällen. Genau wie im richtigen Leben. Da improvisiere ich dann viel. Wenn ich neue Szenen schreibe, tendiere ich dazu, nach ungefähr vier Stunden todmüde zu sein. Überarbeiten kann ich dagegen bis zu sieben Stunden.

In deiner Bibliographie gibt es neben den Romanen auch viele Kurzgeschichte. Was ist für dich der Unterschied zwischen ihnen?

Der Unterschied ist der zwischen einer Heirat und einem One-Night-Stand, im Wesentlichen. Das schöne beim Schreiben eines Romans ist, dass du für mindestens mehrere Monate weißt, was du jeden Tag tust. Und es ist sehr befriedigend, zu einer Gruppe alter Bekannter in neuen Situationen zurückzukehren. Das Schöne bei Kurzgeschichten ist, dass du in wenigen Tagen fertig bist. Ich denke, sie schaffen untereinander einen schönen Ausgleich.

Du hast außerdem einige Drehbücher geschrieben. Welche Erfahrungen hast du dabei gemacht?

Ich habe es auf dem schweren Weg herausgefunden, dass du bei einem Drehbuch mit viel mehr davonkommen kannst als in einem Buch. Die Tatsache, dass ein Film normalerweise nur zwei Stunden dauert, bedeutet, dass dir einige Ungenauigkeiten, Plotlöcher und sogar widersprüchliche Charakter-Eigenschaften beim Sehen überhaupt nicht auffallen. Ich rede nicht von den „Plotlöchern, durch die ein Truck passt“. Aber die Kleinigkeiten. „Old Flames“, zum Beispiel, begann als Drehbuch – eines das ich damals teilweise nicht mochte, weil es mir zu überflüssig erschien. Außerdem mochte es niemand sonst. Also legte ich es für einige Jahre weg. Dann erhielt ich die Möglichkeit, eine Prosaversion zu schreiben. Ich entfernte das überflüssige Material und schrieb eine neue Fassung, die mir gefiel. Beim Schreiben fand ich einige störende Ungenauigkeiten und Unterlassungssünden und beseitigte sie. Danach schrieb ich das Drehbuch mit den Änderungen neu. Es ist jetzt ein viel besseres Buch. Chris Siverston, der Regisseur von „The Lost“, schnappte es sich sofort

Es gibt noch weitere Unterschiede, die, obwohl ich gerne Drehbücher schreibe, für mich das Schreiben von Prosa befriedigender machen. In einem Film arbeitest du wirklich nur mit zwei Sinnen: Sehen und Hören, obwohl du die anderen implizieren kannst. In Prosa kannst du sie alle vollständig ansprechen. In Filmen kannst du nur die Oberfläche der Gefühle eines Charakters zeigen. Du kannst nicht wirklich so tief in das Bewusstsein von jemand einsteigen, wie in einem Roman. Auf der Haben-Seite ist, dass ein Drehbuch viel schneller als ein Roman oder ein Kurzroman geschrieben ist.

Vor allem “Blutrot” hat eindeutig eine moralische Botschaft. Wie behandelst du moralische Fragen und Themen in deinen Büchern?

Ich interessiere mich dafür, wie wir miteinander umgehen – in dem Fall von „Blutrot“ und einigen anderen Geschichten, habe ich auch Tiere einbezogen. Als Schriftsteller hast du im Rahmen von guten, unterhaltsamen Geschichten die einzigartige Möglichkeit, vor einem ziemlich großen Publikum deine Sorgen zu thematisieren und deinen Interessen nachzugehen, ohne dabei zu predigen.

Ich beginne oft mit etwas, das mir stinkt. Kindesmissbrauch, Missbrauch von Tieren, Vergewaltigung, Soziopathie im Allgemeinen. All diese und noch einige andere Sachen stinken mir. Also schreibe ich darüber. Nicht nur um meinen Ärger und meine Wut zu zeigen, sondern hoffentlich um diese Sachen ein wenig zu erforschen; sie ein wenig zu verstehen; und um einige unserer Reaktionen, wenn wir mit ihnen konfrontiert werden, zu verstehen.

Ein Jack-Ketchum-Interview kann unmöglich beendet werden, ohne eine Frage nach der Gewalt in deinen Büchern und inwiefern sie die amerikanische Kultur reflektiert zu stellen. Also: Wie ist die Verbindung zwischen deinen Charakteren und der Gewalt?

Es gibt Gewalt. So einfach ist das. Und offensichtlich nicht nur in der amerikanischen Kultur, sondern überall. Sollen wir über Josef Fritzl reden? Selbstverständlich kenne ich die Gewalt vor meiner Haustür in der guten alten USA am besten und deshalb schreibe ich vor allem darüber. Aber in „Cover“ schreibe ich über einen Überlebenden des Vietnamkrieges und die Gewalt dort. In „Closing Time“ ist der weltweite Terrorismus der Hintergrund.

Ich hatte nie ein Problem mit Gewalt in Büchern, Filmen oder dem Fernsehen. Im Gegenteil; ich denke es ist vielleicht heilsam und ein sicherer Ort, in dem du dich auf die schlimmsten Dingen, die dir vielleicht passieren können, vorzubereiten. In meiner eigenen Arbeit lehne ich grundlose Gewalt ab. Du sollst an sie glauben und Angst um die Menschen in Gefahr haben. Pappkameraden und Cartoongewalt langweilen mich zu Tode. Aus dem gleichen Grund langweilen mich Silikonbrüste. Ich tendiere dann zum Vorspulen.

Bist du in Minute 01:28 der Gerichtsmediziner in dem Trailer zur neuesten Jack-Ketchum-Verfilmung “Offspring”?

Ja. Du kannst mich außerdem hier sehen:


Würdest du fünf Bücher für den nächsten Urlaub empfehlen?

Gerne!

Charlie Huston’s THE SHOTGUN RULE (Killing Game)

Duane Swierczynski’s THE BLONDE (Blondes Gift)

James Lee Burke’s PEGASUS DESCENDING

Jim Harrison’s THE ENGLISH MAJOR

Stewart O’Nan’s A PRAYER FOR THE DYING (Das Glück der anderen)

Ted Kerasote’s MERLE’S DOOR.

Jetzt habe ich dir sogar ein Six-Pack gegeben.

Vielen Dank für die ausführlichen Antworten.

Bibliographie (nur Romane)

Beutezeit (Off Season, 1980; 1999 ungekürzt als “Off Season: The Unexpurgated Edition”)

Hide and Seek (1984)

Cover (1987)

She Wakes (1989)

Evil (The Girl Next Door, 1989)

Beutegier (Offspring, 1991 – angekündigt für Juni 2009)

Amokjagd (Joyride; auch Road Kill, 1994)

Stranglehold; auch Only Child (1995)

Blutrot (Red, 1995)

Ladies‘ Night (1997)

The Lost (2001)

The Crossings (2004)

Old Flames (2008)

Verfilmungen

Jack Ketchum’s The Lost – Teenage Serial Killer (The Lost, USA 2005, Regie/Drehbuch: Chris Sivertson)

Jack Ketchum’s Evil (The Girl Next Door, USA 2007, Regie: Gregory Wilson, Drehbuch: Daniel Farrands, Philip Nutman)

Red (Red, USA 2008, Regie: Trygve Allister Diesen, Lucky McKee, Drehbuch: Stephen Susco)

Offspring (USA 2010, Regie: Andrew van den Houten, Drehbuch: Jack Ketchum – derzeit Postproduktion)

Hinweise

Homepage von Jack Ketchum

Fantastic Fiction über Jack Ketchum (Bibliographie mit den Kurzgeschichten)

Meine Besprechung von „Blutrot“ und „Amokjagd“ (mit weiteren Links)


Karin Slaughter kann’s auch (fast) unblutig

April 2, 2009

slaughter-unverstanden

Sie ist jung, sieht gut aus, ihr Name ist Programm und sie verkauft massenweise Bücher. Kein Wunder, dass Kritiker ihr etwa soviel Wohlwollen entgegenbringen wie den Filmen von Mario Barth und Til Schweiger. Qualität und Quantität schließen sich nach einer Volksweisheit aus und damit ist der Fall erledigt. Auch ich verspürte bislang kein großes Interesse an einer Slaughter-Lektüre.

Doch jetzt erschien mit „Unverstanden“ ein kurzer, für den niederländischen „Monat des Thrillers“ geschriebener Roman von Karin Slaughter. Das ist, sagte ich mir, doch eine gute Gelegenheit, sich schnell eine eigene Meinung über Karin Slaughter zu bilden. Die ersten Zeilen gefallen mir und gute zwei Stunden später ist das Werk gelesen:

Martin Reed war schon vor langer Zeit zu der Einsicht gelangt, dass er in den falschen Körper hineingeboren wurde. Er fragte sich oft, wie anders sein Leben wohl verlaufen wäre, wenn dieser amorphe Klops, der ihn aus seinem ersten Babyfoto anstierte, auch nur ein Minimum an Potenzial hätte vermuten lassen.

In der Schule war Martin für alle der Prügelknabe. Jahre später im Job ist es nicht anders. Er ist Chefbuchhalter bei Southern Toilet Supply und wird immer noch von seinen Schulkameraden, die jetzt Arbeitskollegen in der Produktion sind, gehänselt und von seiner Mutter unterdrückt. In den Lack von seinem fast abbezahlten Toyota Camry hat jemand „Schlappschwanz“ eingeritzt und heute Morgen ist die Stoßstange fast abgerissen.

Der Tag beginnt für Martin mal wieder gewohnt Scheiße. Aber es wird noch besser. Denn die Polizei verhaftet ihn. Er soll mit seinem Auto seine Kollegin Sandy Burke überfahren haben. Ihr Blut ist, vermischt mit seinem, an der Stoßstange.

Ihr letzter Anschlag auf Martin war ein an seinen Schreibtisch festgeklebter dreißig Zentimeter langer, vibrierender Gummidildo. Martin sagt gegenüber der Polizei, dass das nur ein Scherz gewesen war. Für sein an der Stoßstange klebendes Blut hat er zwar eine glaubwürdige Erklärung, aber er will nicht verraten, wo er zur Tatzeit war.

Detective Anther ‚An’ Albada weiß nicht, ob Reed so unschuldig und naiv ist, wie er tut. Aber irgendwie findet sie ihn sympathisch. Sie selbst ist allerdings auch nicht ganz koscher. Denn nach dem Tod ihres Mannes wurde das Gerede ihrer Kollegen über ihre sexuelle Orientierung unerträglich. Irgendwann erfand sie eine lesbische Freundin und hatte ihre Ruhe. Seitdem die Freundin an Krebs gestorben ist, hoffen ihre Kollegen für sie auf eine neue Beziehung. Aber Albada will im Moment keine neue Geliebte erfinden.

Dieser gelungenen ersten Hälfte folgt eine deutlich schlechtere zweite Hälfte, in der Slaughter verrät, was Reed in der Mordnacht tat, und wie er die Stunden vor dem zweiten Mord an einer anderen Arbeitskollegin verbrachte. Dabei wird Reeds Charakter zunehmend unglaubwürdiger. Denn abgesehen von seiner beruflichen Qualifikation ist er ein extrem verweichlichtes Muttersöhnchen, das sich wirklich alles gefallen lässt, sich von jedem herumstoßen lässt, sich dafür noch bedankt und über keinerlei eigenen Antrieb verfügt. Er ist genau der Schlappschwanz, für den ihn seine Bekannten halten und wird einem so zunehmend gleichgültiger. Auch das unglaubwürdige Ende der schwarzen Komödie ändert daran nichts.

Letztendlich sind die Charaktere in „Unverstanden“ nur Erfüllungsgehilfen für einen unwahrscheinlichen und psychologisch unglaubwürdigen Plot. Das dünne Buch ist keine komplette Zeitverschwendung (es gibt Namedropping, einige treffende Beschreibungen und Lacher), aber die Geschichte hat auch nichts, das Karin Slaughter auf meine Zu-Lesen-Liste katapultiert.

Karin Slaughter: Unverstanden

(übersetzt von Klaus Berr)

Blanvalet, 2009

176 Seiten

6,95 Euro

Originalausgabe

Martin Misunderstood

Arrow Books, London, 2008

Hinweise

Homepage von Karin Slaughter

Deutsche Homepage von Karin Slaughter


Das Warten hat sich nicht gelohnt

März 30, 2009

werremeier-trimmels-letzter-fall

Zuerst müssen einige mögliche Missverständnisse geklärt werden:

1) Mir gefallen die Trimmel-Romane und auch die oft gleichzeitig entstandenen Verfilmungen sehr gut. Sie bilden eine immer noch spannende Chronik der Siebziger Jahre in Deutschland. Sie bieten einen vorzüglichen Einblick in den Justizapparat und stellen auch heute noch aktuelle Fragen. Außerdem sind sie einfach spannende Kriminalromane.

2) Auch ich habe bedauert, dass Trimmel-Erfinder Friedhelm Werremeier nach dem Ende der Trimmel-Tatorte (das kurze Nachspiel mit einem anderen Schauspieler und in einem kürzeren Format fand ich schon damals verzichtbar und heute dürfte sich, dank fehlender Wiederholungen, niemand mehr daran erinnern) auch als Romanautor verstummte.

3) Auch ich habe mich lange auf einen neuen Trimmel-Roman gefreut. Besonders nachdem Werremeier schon vor zehn Jahren sagte: „Der Trimmel wird ein andermal wieder auftauchen, später, sehr viel später, in einem umfangreichen, ultimativen Roman. Denn alle Trimmel, die ich geschrieben habe, denen fehlte etwas. Es müsste irgendeine Klammer geben, die alles umfasst, womit ich im Laufe meines Lebens konfrontiert war, alle Freuden und auch die persönlichen Tragödien.“

4) Der Lektor ist nicht für den Text verantwortlich. Die letzte Instanz ist der Autor. Der Lektor kann nur beratend zur Seite stehen. Vorschläge für einen besseren Text machen. Aber wenn der Autor nicht einsichtig ist, dann ist es eben so. Bei „Trimmels letzter Fall“ werden im Impressum zwei Lektoren genannt, die sicher nicht vor Ehrfurcht sprachlos waren. Friedhelm Werremeier wollte anscheinend ihre Ratschläge nicht annehmen. Ich kann mir jedenfalls keinen Ratschlag vorstellen, der „Trimmels letzter Fall“ zu einem schlechteren Werk gemacht hätte.

Denn der jetzt erschienene Trimmel-Roman ist ein unlesbares Desaster.

Werremeier springt in der Zeit munter hin und her. Allerdings ist es sinnlos, eine Zeitlinie aufzustellen. Denn da wird (wahrscheinlich) 1988 mit Handys telefoniert. Einmal ist Trimmel noch Polizist, als seine Freundin erschossen wird. Einmal nicht. Er hat eine Beziehung mit einer Psychologin. Wahrscheinlich nach dem Tod seiner Freundin. Aber eigentlich müsste diese Beziehung früher gewesen sein. Undsoweiter.

Auch an Trimmels Alter wird herumgedoktort. Nach den früheren Romanen war Paul Trimmel ein älterer Polizist, der ungefähr 1920 geboren wurde und keine ausformulierte Vergangenheit hatte. Jetzt verpasst Werremeier ihm eine vollkommen überflüssige Vergangenheit, inclusive kindlichem Trauma, und Verjüngungskur.

Trimmel wurde – Halten Sie sich fest! – als Quasi-Waise von einer kommunistischen Jüdin in den Dreißigern aufgezogen. Sie nahm ihn dann auch mit in die Schweiz. Werremeier erzählt das in der epischen Breite und Banalität einer Schmonzette. Dazu passt auch, dass Trimmel panische Angst vor Kakerlaken hat. Doch für die Story ist das unwichtig.

Diese ist, soweit überhaupt erkennbar, krude. Es geht irgendwie um mindestens einen Serienmörder, der sich auch irgendwie an Trimmel rächen will. Und das ganze hat auch irgendwie mit Trimmels Vergangenheit als Polizist und seiner Herkunft zu tun. Diese „irgendwies“ sollen allerdings keine Spoiler vermeiden. Denn dafür ist „Trimmels letzter Fall“ viel zu chaotisch.

Damit auch wirklich niemand mehr einen Überblick über die Geschichte hat, lässt Werremeier fast im Seitentakt neue Charaktere auftreten. Auf zweihundert Seiten stolpert eine gefühlte halbe Hundertschaft durch die Geschichte. Kein Name sagt einem etwas. Dienstbezeichnungen schwanken hin und her, teilweise mit, teilweise ohne den Zusatz „Ex“. Die Verwirrung nimmt zu. Das Interesse am Ende der Geschichte nimmt mit jeder gelesenen Zeile ab.

Die Sprache passt sich dem Niveau an. Es regnet Katzen und Hunde, ein Junge ist happy, Ole Bornsen ist ein blonder Name und fast jeder gesprochen Satz endet mit einem Ausrufezeichen. Etliche Sätze müssen zweimal gelesen werden, bevor der Sinn erfasst werden kann. Dabei war Werremeier jahrelang Polizei- und Gerichtsreporter. Zuletzt für den „Stern“ und dem „Stern“ kann ungefähr alles außer Unlesbarkeit vorgeworfen werden.

Wenn am Ende der Mörder (oder die Mörderin oder die MörderInnen) irgendwie nicht verhaftet werden, ist es auch egal. Denn die Freude, das Werk überstanden zu haben überwiegt eindeutig.

In seinem lesenswerten Nachwort stellt Frank Göhre die alten Trimmel-Romane vor. Den neuen erwähnt er nur noch pflichtbewusst. Weil Göhre einer der Lektoren von „Trimmels letzter Fall“ war,…

Friedhelm Werremeier: Trimmels letzter Fall

(mit einem Nachwort von Frank Göhre)

Pendragon, 2009

232 Seiten

9,90 Euro

Hinweise

Lexikon deutscher Kriminalautoren über Friedhelm Werremeier

Tatort-Fundus über Trimmel

Galerie der Detektive über Trimmel

Rudi Kost über Trimmel

Meine Besprechung von Friedhelm Werremeiers „Taxi nach Leipzig“

Kriminalakte: Einige Zitate aus „Trimmels letzter Fall“


Kündigung à la Swierczynski

März 27, 2009

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An einem heißen Samstagvormittag in Philadelphia bittet David Murphy in Duane Louis Swierczynskis neuestem Roman „Letzte Order“ sieben seiner Angestellten zu einem außerordentlichen Meeting. Als Jamie De Broux, Amy Felton, Ethan Goines, Roxanne Kurtwood, Molly Lewis, Stuart McCrane und Nichole Wise eintreffen, sagt er ihnen: „Wir sind eine Tarnfirma des CI-6, einem Geheimdienst der Regierung. Und der Laden wird heute dichtgemacht. Ich werde Sie nicht feuern. Ich werde Sie töten. Und dann werde ich mich selbst umbringen.“

Er stellt sie vor die Wahl einen Giftcocktail zu trinken oder von ihm erschossen zu werden. Stuart McCrane glaubt an ein unangekündigtes Training, trinkt den Cocktail und kippt tot um.

Bevor sich die Angestellten mit der neuen Situation arrangieren können, bringt Molly Lewis den Chef um. Nur: Wie können sie Hilfe holen oder aus der hermetisch abgeriegelten sechsunddreißigsten Etage flüchten? Denn ihre Diensthandys funktionieren nicht. Die Telefone sind tot. An den Türen sind Sarin-Bomben. Die Fahrstühle sind für die nächsten Stunden blockiert.

Aber das schlimmste wissen Jamie De Broux, Amy Felton, Roxanne Kurtwood und Nichole Wise nicht: Molly Lewis hat den CI-6-Chefs vorgeschlagen hat, ihre Kollegen umzubringen und sich so für einen besseren Job zu empfehlen. Das ist dann doch nicht so einfach, weil einerseits Molly in diesem Vorstellungsgespräch ihre Fähigkeiten demonstrieren will, und andererseits die meisten ihrer Kollegen ausgebildete Agenten und daher ebenbürtige Gegner sind.

Auch der zweite auf deutsche erschienen Noir-Roman von Duane Louis (so heißt Duane Swierczynski auf Wunsch des Verlages bei uns) ist nach „Blondes Gift“ ein in wenigen Stunden stattfindender Wettlauf gegen die Zeit. Louis zeichnet die einzelnen Charaktere mit knappen Worten und lässt sie dann meistens gegeneinander agieren. Dabei gibt es auch in „Letzte Order“ nachdem die Prämisse etabliert ist, zahlreiche irrwitzige Wendungen und Überraschungen. Denn das „Vorstellungsgespräch“ von Molly Lewis läuft wegen der sterbeunwilligen Kollegen absolut nicht nach Plan. David Murphy hat noch einige weitere Überraschungen für seine Angestellten vorbereitet. Und der biedere Pressemann Jamie De Broux, der nichtsahnend in die Fänge des Geheimdienstes geriet, entwickelt ungeahnte Kräfte. Immerhin will er seine Familie wieder sehen.

„Letzte Order“ ist ein schwarzhumoriger Highspeed-Thriller, der locker auch als bitterböse Allegorie auf den Kampf um den Arbeitsplatz gelesen werden kann.

Duane Louis: Letzte Order

(übersetzt von Frank Dabrock)

Heyne, 2009

352 Seiten

7,95 Euro

Originalausgabe

Duane Swierczynski: Severance Package

(mit Illustrationen von Dennis CaleroI)

St. Martin Minotaur, 2008

Hinweise

Secret Dead Blog von Duane Swierczynski

Meine Besprechung von Duane Louis’ „Blondes Gift“ (The Blonde, 2006)

Meine Besprechung von Duane Swierczynskis „Cable: Kriegskind – Band 1“ (Cable: War Child – 1, 2008)


Spurensuche mit 105 Geschichten

März 26, 2009

Kurzgeschichten lautet das Thema meiner neuen Spurensuche. Besprochen werden diese Bücher:

– H. P. Karr/H. Knorr (Hrsg.): Mord am Hellweg IV

– Marita und Jürgen Alberts: Tod in der Quizshow

– Manfred Wieninger: Die Rückseite des Mondes

– Wolfgang Schorlau: Ein perfekter Mord

– Wolfgang Kemmer (Hrsg.): In Kürze verstorben – Mörderische Stories

– James Patterson (Hrsg.): Thriller – Band 1 (Thriller)

– James Patterson (Hrsg.): Thriller – Band 2 (Thriller)

– Lee Child (Hrsg.): Killer Year – Stories to die for … from the hottest new crime writers

– Charlaine Harris/Toni L. P. Kelner (Hrsg.): Happy Bissday! – Vampirgeschichten (Many Bloody Returns)

Und ich kann Ihnen schon eine Sache verraten: Die meisten Geschichten haben mir sehr gut gefallen. Deshalb wurde meine Watchlist um eine zweistellige Zahl neuer Autoren ergänzt.


Als Edward Bunker noch Knacki war

März 23, 2009

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„Ernie Stark war bestimmt nicht der netteste Kerl unter der Sonne. Das konnten sogar seine Freunde bestätigen. Sofern er überhaupt welche hatte. Er war ein mieser kleiner Gauner, der davon träumte, mit dem nächsten Ding den großen Treffer zu landen.“ So beginnt Edward Bunker seinen erst nach seinem Tod publizierten Gangsterroman „Lockruf der Nacht“. Die Geschichte spielt 1962 in Oceanview, Kalifornien. Stark ist nicht nur ein kleiner Gauner, sondern auch drogensüchtig und der nervige Detective Lieutenant Patrick Crowley hat ihn am Wickel. Der will, dass Stark ihm seinen Dealer Momo Mendoza und, vor allem, dessen Lieferanten auf dem Silbertablett serviert. Stark ist zwar kein Spitzel, aber solange er nicht in den Knast gehen will, bleibt ihm nichts anderes übrig als mit Crowley zu kooperieren. Jedenfalls solange er keinen besseren Plan hat.

Noir-Fans können sich bereits nach den ersten Zeilen auf Ernie Starks erwartbare Reise ins Verderben gefasst machen. Denn dass der Junkie Stark sich maßlos überschätzt, wird spätestens deutlich, wenn er versucht mehrere Drogenbanden und Polizeidienststellen gegeneinander auszuspielen und mit Momos Freundin Dorie und der Beute durchzubrennen. Das einzige was für Starks Pläne spricht, ist, dass seine Gegner auch keine Geistesgrößen sind.

Damit dürfte Edward Bunker, dank eigener Erfahrungen, ein ziemlich genaues Bild der Kleingangster in Kalifornien vor fast einem halben Jahrhundert zeichnen. Bis in die Siebziger verbrachte der 1933 geborene Edward Bunker die meiste Zeit seines Lebens als Strafgefangener.

Erst mit der Veröffentlichung von „No Beast so fierce“ 1973 (die deutsche Erstausgabe „Wilder als ein Tier“ erschien erst 1995) und der anschließenden Verfilmung „Straight Time“ (Stunde der Bewährung, USA 1978) mit Dustin Hoffman in der Hauptrolle nahm er Abschied vom Leben als Krimineller. Später schrieb er unter anderem den ebenfalls autobiographisch inspirierten, ebenfalls verfilmten Gefängnisroman „Animal Factory“ (Ort der Verdammnis), schrieb das Oscar-nominierte Drehbuch zu Andrei Konchalovskys viel zu unbekanntem Thriller „Runaway Train“ (Express in die Hölle, USA 1985) und spielte, neben zahlreichen anderen Rollen, in Quentin Tarantinos Debüt „Reservoir Dogs“ Mr. Blue. In Deutschland blieb der 2005 verstorbene Autor, auch weil die Übersetzungen schnell aus den Buchläden verschwanden, immer ein Insider-Tipp. Düstere Gangsterromane sind einfach keine Literatur für die breite Masse. Auch wenn bekannte Autoren wie James Ellroy und William Styron enthusiastische Vor- und Nachworte schreiben.

Nach Edward Bunkers Tod wurde in seinem Nachlass das noch nicht veröffentlichte Manuskript „Lockruf der Nacht“ entdeckt. Das bereits in den frühen Sechzigern geschriebene Werk erzählt packend eine kleine Noir-Gangstergeschichte. Edward Bunker zeichnet mit wenigen Worten das Leben der Kriminellen. Er erzählt in knappen Episoden von dem darwinistischen und paranoiden System, in dem sie Leben. Denn die Polizei kann jederzeit an die Tür klopfen. Ein Freund kann zum Feind werden und einen töten oder verraten wollen. Manchmal ist das eine, manchmal das andere schlimmer. Und natürlich bringt eine Frau (oder genauer: die Gefühle, die Stark für Dorie entwickelt) alles durcheinander.

„Lockruf in der Nacht“ ist ein geradliniger Pulp-Roman, der damals gut in die einschlägigen Reihen gepasst hätte und sich heute immer noch sehr frisch liest.

Edward Bunker: Lockruf der Nacht

(übersetzt von Jürgen Bürger)

Liebeskind, 2009

224 Seiten

16,90 Euro

Originalausgabe

Stark

(Vorwort von James Ellroy)

No Exit Press, 2007

Hinweise

Titel-Magazin: Frank Göhre über Edward Bunker

Crime Time: Interview mit Edward Bunker

Richmond Review: Interview mit Edward Bunker

Kriminalakte: Beim „Express zur Hölle“ gibt’s weitere Links zu Edward Bunker


Besprechung Martin Amis „Haus der Begegnungen“ online

März 17, 2009

Martin Amis hat ein neues Buch geschrieben. „Haus der Begegnungen“ (House of Meetings, 2006) heißt es und es ist nicht sein bestes Werk. Das behaupte ich jedenfalls in meiner Besprechung des Langweilers in der Berliner Literaturkritik.

Kaum zu glauben, dass der Mann auch „Gierig“  und „Pfeil der Zeit“ geschrieben hat.


„Bienzle“-Erfinder Felix Huby redet über sein Leben

März 17, 2009

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„Das Schwäbische, das ich mit der Muttermilch aufgenommen habe, ist für meine Entwicklung ganz entscheidend gewesen“, sagt Felix Huby ganz am Anfang des jetzt als Buch vorliegenden Gespräches mit seinem langjährigen Freund Dieter de Lazzer. „Fast wie von selbst“ heißt das sehr lesenswerte Werk, das in seinem chronologischem Aufbau von Hubys Jugend über seine Jahre als Journalist, zuerst bei einer Lokalzeitung, später beim Spiegel, über die ersten Bienzle-Romane hin zu seiner Fernseharbeit auch als Biographie des bekannt-beliebten und überaus produktiven Autors dienen kann. Bereits als Journalist schrieb er nebenher erzählende Texte und Satiren. 1977 erschien dann der erste Bienzle-Roman „Der Atomkrieg von Weihersbronn“ (später „Bienzle und der Terrorist“) und kurz darauf „Tod im Tauerntunnel“ (später „Bienzle und der Tod im Tauerntunnel“) in der rororo-Thriller-Reihe. Sie verkauften sich gut und gefielen mir, als ich sie vor vielen Jahren las, gut. Huby schrieb weitere Romane, auch für Jugendliche und Kinder, kündigte 1979 beim Spiegel und war, als erste Fernseharbeit, bei der Erfindung von Kommissar Horst Schimanski beteiligt. Dafür schrieb er dann sein erstes Drehbuch. „Grenzgänger“ mit Günter Maria Halmer als dubiosem Undercover-Polizisten wurde als zweiter Schimanski-Tatort ausgestrahlt und ist auch heute noch absolut sehenswert.

„Mein Vorschlag war die Geschichte eines Undercover-Agenten zu erzählen. Darüber hatte ich einmal eine Titelgeschichte im Spiegel geschrieben, unter Mithilfe eines Kriminalisten vom LKA Stuttgart. Der Entwurf wurde sofort akzeptiert, und ich war so angezündet davon, dass ich am Freitag nach Hause gefahren bin, mich an meinen Schreibtisch gesetzt habe – damals hab ich noch alles mit der Hand gepinselt – und im Grund ohne abzusetzen dieses Buch geschrieben habe. In einem Zug. Am Montagmittag war es fertig. Dann hat es meine Schwester abgetippt, ich habe es eingeschickt, die waren völlig perplex, denn es waren keine acht Tage vergangen, und fanden das Buch auch noch gut. (…)

Und das ist seltsam: Dieses Drehbuch ist eigentlich das einzige, das nur eine zweite Fassung erlebt hat“, sagt Huby über sein erstes Drehbuch. Danach schrieb er mehrere Serien und Folgen für Vorabendserien, entwickelte den Saarbrücker Kommissar Max Palu (die ersten Folgen sind gut, die späteren nicht mehr) mit und Ende 1992 wurde dann der erste Bienzle-Tatort „Bienzle und der Biedermann“ gezeigt. Die ersten Bienzle-Tatorte, die auf bereits veröffentlichten Bienzle-Romanen basieren, waren überzeugende Kriminalfilme mit viel stimmigem Lokalkolorit, die späteren ziemlich überzeugende Langweiler vor austauschbarer Kulisse.

In „Fast wie von selbst“ spricht Felix Huby ausführlicher über die frühen Bienzle-Tatorte, die verschiedenen von ihm geschriebenen Serien, wie „Ein Bayer auf Rügen“, „Großstadtrevier“ und „Gute Zeiten, Schlechte Zeiten“, und seine Heimatfilme, wie „Die Geierwally“ und „Die Landärztin“.

Huby gibt immer wieder nüchterne Einblicke in das Fernsehgeschäft, erfreulichere in die Theaterwelt und natürlich erzählt er über sein Verhältnis zu Regeln beim Erzählen von Geschichten, über seine Vorbilder und seine schwäbische Arbeitsmoral: „Jetzt kann ich schon irgendwo ankommen und mir erst einmal die Landschaft ansehen und mich langsam eingewöhnen, um erst am nächsten Tag richtig mit der Arbeit zu beginnen. Aber arbeiten muss ich – meistens, in den letzten zwei oder drei Jahren ergab es sich aber, dass ich schon auch Urlaub gemacht habe, ganz ohne zu arbeiten. Meine nächste Umgebung hält das für eine Sensation.“

„Fast wie von selbst“ vermittelt tiefe Einblicke in das Leben und Werk von Felix Huby. Dieser erzählt sehr uneitel von seiner Arbeit und lobt immer wieder die Menschen, die seine Geschichten verfilmten oder auf die Bühne brachten. Da ist auch verschmerzbar, dass der mit Huby befreundete Fragesteller Dieter de Lazzer nicht kritisch nachfragt. Diese kritische Bewertung von Felix Hubys umfangreichem Werk muss ein anderer Autor leisten. Bis dahin ist „Fast wie von selbst“ nicht nur für Huby-Fans ein unverzichtbares Werk. Denn in dem Gespräch entsteht, neben Hubys Rückschau auf sein Leben, auch eine lockere Chronologie der deutschen Krimiliteratur und des (vor allem öffentlich-rechtlichen) Fernsehens der vergangenen Jahrzehnte.

In meiner Wertschätzung ist Felix Huby, der sich selbst nur als „Gebrauchsschreiber“ sieht, mit diesem Buch wieder gestiegen.

Felix Huby: Fast wie von selbst – Ein Gespräch mit Dieter de Lazzer

Verlag der Autoren, 2008

176 Seiten

16 Euro

Hinweise

Homepage von Felix Huby

Lexikon der deutschen Krimiautoren über Felix Huby (Stand: Januar 2007)

Krimi-Couch über Felix Huby (nur die Kriminalromane)

IMDB über Felix Huby (das dürfte die vollständigste Liste seines filmischen Werkes sein)

Wikipedia über Dieder de Lazzer


Charlie Huston besucht uns mit einem „Killing Game“

März 12, 2009

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Mit „Killing Game“ legte Charlie Huston nach der abgefeierten Trilogie um den sympathischen Looser Hank Thompson und der noch laufenden Vampirserie mit Privatdetektiv Joe Pitt sein erstes Einzelwerk vor, das trotz seiner jugendlichen Helden kein Jugendbuch ist.

Wie meistens beginnt die Geschichte harmlos. Andys Fahrrad wird von den kriminellen Arroyo-Brüdern geklaut. Weil er keinen Ärger mit seinem Vater bekommen will, versuchen Andy und seine drei Freunde Paul, Hector und George das Fahrrad wieder zu bekommen. Sie brechen in das Haus der Gang ein und finden dort neben dem Fahrrad auch Geld, Drogen und eine Drogenküche. Das Geld und die Drogen nehmen sie mit. Die Küche verpfeifen sie an die Polizei. Die nimmt die Brüder fest und die Jungs könnten sich in aller Ruhe dem Verticken der Drogen widmen, wenn nicht der Besitzer der Drogen, die Arroyo-Brüder und die Eltern der vier Jungs andere Pläne hätten.

Nachdem Huston mit dem Fahrraddiebstahl, einer Schlägerei zwischen den beiden Banden und schließlich dem Diebstahl der Drogen den zentralen Konflikt etabliert hat, lässt er sich viel Zeit. Er erzählt authentisch von dem Leben der Jungs in den frühen Achtzigern in Kalifornien kurz vor dem Schulabschluss. Sie rasen mit ihren Fahrrädern durch die Gegend, hätten dafür viel lieber ein Auto, reden über Musik und Mädchen, spielen „Dungeons & Dragons“ in der von Andy verbesserten Version, verstehen sich nicht mit ihren Eltern und finden das Leben als Outlaws grandios. Sie versuchen die Drogen an einen älteren Kleingangster zu verkaufen und schaufeln dabei unwissentlich ihr eigenes Grab. Neben den vier Jugendlichen erzählt Charlie Huston auch von dem Leben ihrer Eltern und der in den kleinstädtischen Drogenhandel verwickelten Menschen. Erst nach der Mitte der Geschichte treffen die verschiedenen Charaktere in einem deutlich von den Post-Tarantino-Filmen inspirierten Strudel von Gewalt und Tod, bei dem Andy, Paul, Hector und George ziemlich alt aussehen, aufeinander.

Diese Diskrepanz zwischen den beiden Hälften ist, neben der irreführenden Werbung nach der „Killing Game“ ein Thriller ist, das Problem des Romans. Während Huston im ersten Teil von dem letzten Sommer seiner vier Jugendlichen erzählt, ist der zweite Teil eine sich blutig und tödlich entwickelnde Studie menschlicher Dummheit, die ein vollkommen anderes Publikum als der erste Teil anspricht.

In diesem Moment wird auch deutlich, warum kein Charakter zur Identifikation einlädt oder als Protagonist aufgebaut wurde. Denn dieser Charakter darf, falls überhaupt, erst am Ende der Geschichte sterben. Andy, der Bücherwurm der Clique und damit der potentielle Sympathieträger (Immerhin wird sein Fahrrad geklaut!), ist von Gewaltphantasien und Minderwertigkeitskomplexen geplagt. Er ist der Vorzeigekandidat für einen Amoklauf. Die Jugendlichen würden zehn Jahre später als Slacker durchgehen. Die Erwachsenen sind alle entweder jetzt oder früher in Verbrechen verwickelt und, wenn sie heute ehrlich leben, unzufrieden mit ihrem Leben. Sie sind alle, in verschiedenen Graden, abstoßend und, wie der lokale Drogenkönig Geezer, dumm. Charlie Huston tut in „Killing Game“ nichts, um sie in ein falsches besseres Licht zu stellen. Sie sind Kleinkriminelle und vom Leben enttäuschte Eltern, die, auch wenn sie es versuchen, nicht die „Eltern des Jahres“ sind.

„Killing Game“ ist ein in einem nüchternen No-Nonsense-Stil geschriebener Entwicklungsroman für Erwachsene, der sich oft wie die Vorlage für eine brutale, schwarzhumorige, fragmentiert erzählte Hollywood-Gaunerkomödie, à la „Spun“, „Running Scared“, „Bube, Dame, König, Gras“ oder „Snatch“, liest. Bei Charlie Huston gibt es allerdings keine billigen Lacher.

Charlie Huston: Killing Game

(übersetzt von Alexander Wagner)

Heyne, 2008

384 Seiten

7,95 Euro

Originalausgabe

The Shotgun Rule

Ballantine Books, 2007

Charlie Huston besucht Deutschland

Köln

Montag, 16. März, 20.00 Uhr

Polizeipräsidium, Kalk, Walter-Paul-Ring 2 – 4

Bochum

Dienstag, 17. März, 20.00 Uhr

Riff Halle, Konrad-Adenauer-Platz 3

München

Mittwoch, 18. März, 20.00 Uhr

Ampere/Muffatwerk, Zellstraße 4

Berlin

Donnerstag, 19. März, 20.00 Uhr

Kaffee Burger, Torstraße 58/60

Hamburg

Freitag, 20. März, 21.00 Uhr

Golden Pudel Club, Am St. Pauli Fischmarkt 27

Hinweise

Pulp Noir: Homepage/Blog von Charlie Huston

Charlie Huston in der Kriminalakte

Nachtrag (26. Mai 2010): Ein kleiner Ausschnitt aus der Tour



Harry Bosch ermittelt im „Echo Park“ und Michael Connelly liest in Deutschland

März 10, 2009

connelly-echo-park

In „Kalter Tod“ wurde Michael Connellys Serienheld Harry Bosch öfters auf die Ereignisse im Echo Park angesprochen und seine Beziehung zur FBI-Agentin Rachel Walling ging in die Brüche. Jetzt erfahren wir, was in „Echo Park“ geschah.

Harry Bosch arbeitet immer noch zusammen mit Kiz Rider in der Abteilung Offen-Ungelöst. Da erhält er einen Anruf von Freddy Olivas vom Morddezernat Northeast. Er sucht die Akte zu einem Mordfall von 1993. Damals ermittelte Harry Bosch im Fall der spurlos verschwundenen Marie Gesto. Von ihr wurden in einer Garage in dem High-Tower-Apartmentkomplex in einem Auto ihre fein säuberlich zusammengelegten Kleider gefunden. Von ihrem Mörder gab es keine Spur und ihre Leiche wurde nie gefunden. Bosch nahm sich in den vergangenen Jahren den Fall immer wieder vor, kopierte für seinen kurzzeitigen Ruhestand die Akte und hat sie auch jetzt wieder auf seinem Schreibtisch liegen, um sie wieder einmal zu lesen und den Spuren nachzugehen. Er hat zwar schon lange einen Verdächtigen, aber keine Beweise gegen Anthony Garland, den Sohn des Ölmagnaten Thomas Rex Garland.

Olivas will die Akte für Staatsanwalt Rick O’Shea. Er klagt Raynard Waits an. Dieser wurde von einer Streife zufällig angehalten. Sie entdeckten in mehreren Plastiktüten Teile von zerstückelten Menschen. Damit ist der eiskalte Psychopath Waits ein sicherer Kandidat für den elektrischen Stuhl. Über seinen Anwalt Maurice Swann bietet Waits O’Shea ein Geständnis zu neun weiteren Morden an, wenn dafür die Todesstrafe nicht beantragt wird. Eines der neun Opfer war Marie Gesto.

O’Shea ist bereit, wenn sich die Informationen von Waits als zuverlässig herausstellen, den Deal einzugehen. Zähneknirschend willigt Bosch ein. Zusammen mit Kiz Rider beginnen sie Waits zu überprüfen. Dabei vermuten sie schnell, dass Waits ein Pseudonym ist.

Noch vor dem ersten Verhör mit Waits erfährt Bosch von Olivas, dass Waits sich während der Ermittlungen im Mordfall Gesto bei der Polizei meldete und er diese Spur nicht verfolgte. Bosch fragt sich, ob er damals einen fatalen Fehler begangen hat.

Nach dem Verhör verlangen die Ermittler von Waits, dass er sie zu der Leiche von Marie Gesto führt. Während dieser Ortsbesichtigung gelingt es Waits zu flüchten. Dabei bringt er Olivas um und verletzt Kiz Rider schwer.

Der zwölfte Harry-Bosch-Roman „Echo Park“ ist, gemessen an dem hohen Standard der Werke von Michael Connelly, eine etwas enttäuschende Angelegenheit. Denn die in großen Teilen vorhersehbare Lösung lässt einige wichtige Fragen offen und erscheint deshalb unlogisch. Außerdem wird, weil im Mittelpunkt von Harry Boschs Aufmerksamkeit der Mordfall Marie Gesto steht, auf die anderen Morde von Raynard Waits, außer auf seinen ersten Mord, überhaupt nicht eingegangen.

Davon abgesehen erzählt Connelly die Geschichte in seinem gewohnt sachlich-ruhigen Stil. Die Spannung erwächst dabei weniger aus überraschenden Plotwendungen. Dafür sind einige, wie die Flucht von Waits während der Ortsbesichtigung, zu absehbar (Umgekehrt ist diese Szene ein schönes Beispiel für den Aufbau von Spannung. Denn natürlich erwarten wir von Anfang an, dass Waits einen Fluchtversuch unternimmt. Aber zuerst ist er nur der hilfsbereite, gefesselte Angeklagte.). Bei Connelly erwächst die Spannung immer aus der detaillierten Beschreibung der Ermittlungen, die sich fast in Echtzeit entfalten, den lebensnahen Charakteren (mit dem einsamen Wolf Harry Bosch im Zentrum) und den moralischen Dilemma, die sie zu harten Entscheidungen zwingen. Dazu gehört die Entscheidung, ob Waits durch das Gestehen von mehreren Morden seine Strafe reduzieren kann, und, am Ende, mehrere von Harry Bosch durchaus bewusst heraufbeschworene tödliche Konfrontationen. Bosch war zwar noch nie ein Paragraphenreiter, aber kurz vor seiner Pensionierung legt er die Regeln noch lockerer aus.

Aber auch ein schwächeres Harry-Bosch-Abenteuer ist immer noch ein spannender Polizeithriller.

Insider-Hinweis: Achten Sie auf die Namen auf Seite 245 oben.

Michael Connelly: Echo Park

(übersetzt von Sepp Leeb)

Heyne Verlag, 2009

464 Seiten

19,95 Euro

Originalausgabe

Echo Park

Little, Brown and Company, 2006

Michael Connelly besucht Deutschland

KÖLN

Donnerstag, 12. März, 19:30 Uhr

Polizeipräsidium Kalk · Walter-Pauli-Ring 2-4

Moderation: Margarete von Schwarzkopf

Eine Veranstaltung im Rahmen der Lit.Cologne

BERLIN

Freitag, 13. März, 20:00 Uhr

Festsaal Kreuzberg, Skalitzer Str. 130

Moderation: Regula Venske

Eine Veranstaltung in Zusammenarbeit mit der Krimibuchhandlung Hammett (Vorverkauf: 030 / 691 58 34)

LEIPZIG

Samstag, 14. März, 18:00 Uhr

Krautgarden: leipzig.liest.amerika ·

Spinnwerk in der Baumwollspinnerei Leipzig ·

Moderiertes Autorengespräch

Samstag, 14. März, 21:00 Uhr

Theater Fact, Hainstraße 1 ·

Moderation: Regula Venske

Zwei Veranstaltungen im Rahmen der Leipziger Buchmesse

MÜNCHEN

Sonntag, 15. März, 20:00 Uhr

Beach 38°, Friedenstr. 22c

Moderation: Regula Venske

Eine Veranstaltung im Rahmen des Münchener Krimifestivals

Hinweise

Homepage von Michael Connelly

Michael Connelly in der Kriminalakte (Interviews, Verfilmung des Anfangs von „Echo Park“, undsoweiter)

Meine Besprechung von Michael Connellys „The Lincoln Lawyer“ (2005, deutscher Titel: Der Mandant)

Meine Besprechung von Michael Connellys „Vergessene Stimmen“ (The Closers, 2005)

Meine Besprechung von Michael Connellys “L. A. Crime Report” (Crime Beat, 2004)

Meine Besprechung von Michael Connellys “Kalter Tod” (The Overlook, 2007)


Erste Eindrücke: „Gefährliche Nachbarn“, „Felix Huby – Fast wie von selbst“, „Scenario 3“, „Trimmels letzter Fall“

März 9, 2009

Gefährliche Nachbarn ist der zweibändige offizielle Sammelband zur diesjährigen Criminale in Singen und Umgebung. Die Geschichten des einen Bandes spielen in Deutschland, die des anderen Bandes in der Schweiz und auf dem Bodensee spielt keine Geschichte. Geschrieben wurden die 42 Kurzgeschichten von bekannten Autoren wie Felix Huby, -ky, Peter Zeindler, Sam Jaun, Heinrich Steinfest, Gunter Gerlach, Doris Gercke und Horst Eckert.

Das klingt schon mal ganz gut.

Aber der Gmeiner Verlag hat nicht einfach die Geschichten hintereinander geklatscht, sondern jeder Autor hat eine kleine Einleitung zu seiner Geschichte geschrieben und es gibt Karten und Wissenswertes über die Handlungsorte.

Damit sind die beiden Kurzgeschichtenbände auch als rudimentäre Reiseführer geeignet und wir erfahren etwas über die Hintergründe der Geschichten.

Vorbildlich; – andere Herausgeber von Kurzgeschichtenbänden sollten diesem Beispiel nacheifern.

Barbara Grieshaber/Siegmund Kopitzki (Hrsg.): Gefährliche Nachbarn (D)

Gmeiner Verlag, 2009

336 Seiten

9,90 Euro

Paul Ott (Hrsg.): Gefährliche Nachbarn (CH)

Gmeiner Verlag, 2009

336 Seiten

9,90

(Zusammen, mit einem Polizeiabsperrung-Bändchen 18,90)

Felix Huby – „Fast wie von selbst“ könnte auch „Fast eine Biographie“ heißen. In dem Interview erzählt Huby von seiner Jugend, seinen Anfängen als Journalist, den ersten Bienzle-Romanen und seiner Arbeit für das Fernsehen. Bei einem ersten Blättern durch das Interview steigt die Lust zum Lesen. Denn Huby hat einiges zu erzählen. Gut ist auch, dass es am Ende ein ausführliches Register gibt. Schade ist, dass Biblio- und Filmographie unvollständig sind. Da muss dann doch auf verschiedene Quellen im Internet zugegriffen werden.

Ebenfalls schade, aber aus finanziellen Erwägungen nachvollziehbar, ist der Verzicht auf Bilder.

Unverzeihlich ist dagegen, dass es keine Kurzbiographie des Interviewers gibt.

Felix Huby: Fast wie von selbst (Ein Gespräch mit Dieter de Lazzer)

Verlag der Autoren, 2008

176 Seiten

16,– Euro

Scenario 3: Das jährlich erscheinende Kompendium über Drehbücher und vor allem für Drehbuchautoren geht in die dritte Runde. Am bewährten Layout mit den vielen Bildern und der informativen Randspalte wurde nichts geändert. Ebenso wurden die Kategorien beibehalten. Es beginnt mit einem ausführlichen Interview mit dem Drehbuchautor und Regisseur Chris Kraus (Scherbentanz, Vier Minuten) und endet mit dem „Drehbuch des Jahres“; der Preis wird jährlich vom Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien für das beste nicht verfilmte Drehbuch vergeben. Dieses Jahr ist es „Das zweite Leben des Häuslers Stöckler“ von Klaus Krämer.

Dazwischen gibt es mehrere Texte über regieführende Autoren. Unter anderem von Fred Breinersdorfer über seine Erfahrungen als Regisseur und Lars-Olav Beier über amerikanische Top-Autoren, die Regisseure wurden. Peter Schneider (Messer im Kopf, Der Mann auf der Mauer) schreibt über sein vergangenes Jahr. Es gibt die „Splitter einer Geschichte des Drehbuch“ und einige Buchbesprechungen. Unter anderem über die Bücher von David Mamet.

Jochen Brunow (Hrsg.): Scenario 3 – Film- und Drehbuch-Almanach

Bertz + Fischer, 2009

328 Seiten

19,90 Euro

Trimmels letzter Fall: Eigentlich habe ich schon nicht mehr an einen neuen Trimmel-Roman geglaubt. 1982 erschien mit „Trimmel und das Finanzamt“ der letzte Trimmel-Roman. Danach veröffentlichte Friedhelm Werremeier keine Romane mehr. Aber das Gerücht, dass er an einem neuen Trimmel-Roman arbeite, hielt sich hartnäckig.

Jetzt ist er draußen und ich bin gespannt, ob „Trimmels letzter Fall“ ein grandioser Epilog zu einer der großen deutschen Krimiserien oder ein enttäuschender Nachschlag ist.

Ein Lob verdient der Pendragon-Verlag schon vor der Lektüre. Das Buch enthält ein ausführliches Nachwort von Frank Göhre über die Trimmel-Romane.

(Hinweis: Bis auf „Taxi nach Leipzig“ sind die Romane nur noch antiquarisch erhältlich. Aber dort sind sie gut erhältlich.)

Friedhelm Werremeier: Trimmels letzter Fall

Pendragon Verlag, 2009

232 Seiten

9,90 Euro

Vier (oder fünf?) Bücher, die alle einen sehr positiven ersten Eindruck hinterlassen haben. Genaueres gibt es nach der Lektüre.


Übersetzen? Sean Chercover: Big City, Bad Blood

März 6, 2009

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Vergangenes Jahr war Sean Chercovers Debüt “Big City, Bad Blood” für den ITW Thriller Award, Anthony Award, Arthur Ellis Award und Barry Award nominiert und gewann, in der Kategorie „Bestes Debüt“, den Shamus Award, Gumshoe Award, Crimespree Award und Lovey Award. Zahlreiche Kollegen, wie Steve Hamilton, G. M. Ford und Ken Bruen, lobten das Buch. Bei soviel Vorablob steigen die Erwartungen natürlich ins unermessliche und, sicher auch um nicht enttäuscht zu werden, lag „Big City, Bad Blood“ lange auf dem Zu-Lesen-Stapel.

Nachdem ich in der lesenswerten, von Lee Child herausgegebenen Anthologie „Killer Year“ Sean Chercovers Kurzgeschichte „One Serving of Bad Luck“ gelesen hatte, nahm ich mir ohne auch nur noch eine Sekunde zu zögern seinen Debütroman „Big City, Bad Blood“ vor. In ihm soll der Chicagoer Privatdetektiv Ray Dudgeon den Hollywood-Location-Scout Bob Loniski beschützen. Loniski mietete von Frank DiMarco für einen Filmdreh Räume. Während des Drehs tauchte der rechtmäßige Besitzer auf und der von DiMarco eingefädelte Schwindel flog auf. Es wurde Anklage erhoben. Loniski erklärte sich bereit vor Gericht auszusagen. Loniski erhielt eine Morddrohung und wenn DiMarco nicht lose Verbindungen zur heimischen Mafia (die sich in Chicago Outfit nennt) hätte, würde Ray Dudgeon den Auftrag, einen Hollywoodtypen vor einem drittklassigem Gauner zu schützen, sofort annehmen.

Nachdem der wichtige Mafiaboss Johnny Greico Ray Dudgeon versichert, dass DiMarco nicht von der Mafia beschützt wird, übernimmt Dudgeon den Auftrag. Zu spät erkennt er, dass er zufällig zwischen die Fronten eines beginnenden Krieges innerhalb der Mafia geraten ist.

In „Big City, Bad Blood“ betritt mit Ray Dudgeon ein Privatdetektiv die Bühne, der in weiten Teilen dem bekannten Bild des Privatdetektivs entspricht. Er verdient nicht viel, seine Wohnung ist retro, er liebt Jazz, schöne Frauen und Autos (was bei seinem Besuch in Hollywood und der Nacht mit Virginia Lane eine sehr feuchte Verbindung eingeht) und er hat einen starken Sinn für Gerechtigkeit. Deshalb gab er seine Karriere als Reporter auf. Neuer ist dagegen, dass er Probleme mit seiner Freundin hat und, nachdem Loniski ermordet wird, alles für eine Flucht vorbereitet. Auf den Gedanken, vor der Mafia zu flüchten, wären Marlowe, Hammer und Spenser niemals gekommen. Aber genau wie seine literarischen Vorbilder beginnt Dudgeon die verschiedenen Verbrecher und sie beobachtenden staatlichen Institutionen gegeneinander auszuspielen und moralisch fragwürdige Koalitionen einzugehen.

Chercover erzählt diesen verwickelten Plot mit ruhiger Hand, präzisen Beobachtungen der in Chicago und Hollywood lebenden Menschen und einem fast nicht vorhanden Rätselteil. Dafür ist „Big City, Bad Blood“ dann zu sehr ein Thriller, bei dem Menschen, ihre Probleme und realistische Lösungen im Vordergrund stehen. Denn Ray Dudgeon ist kein Spenser-Klon, der unerschrocken einer Hundertschaft bewaffneter Mafiosi gegenübertritt und den Kampf ohne eine Schramme überlebt.

Sean Chercovers „Big City, Bad Blood“ ist er gelungene Einstand eines neuen Privatdetektivs auf der literarischen Bühne. Vor kurzem erschien in den USA der zweite Ray-Dudgeon-Roman „Trigger City“. Auch dieser Roman wurde in der amerikanischen Krimiszene breit abgefeiert.

„Big City, Bad Blood“ sollte unbedingt übersetzt und Sean Chercover deutschen Krimifans nicht länger vorenthalten werden.

Sean Chercover: Big City, Bad Blood

Harper, 2008

352 Seiten

7,99 $

Erstausgabe

William Morrow, 2007

Hinweise

Homepage von Sean Chercover

The Outfit (Blog von mehreren in Chicago lebenden Autoren)


Watchmen: Vor dem Film war der Comic

März 5, 2009

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Das Time Magazine nahm „Watchmen“ von Autor Alan Moore und Zeichner Dave Gibbons als einzigen Comic in die Liste der hundert wichtigsten Romane des zwanzigsten Jahrhunderts auf. Mit dieser fast hochkulturellen Adelung wurde eine Art des Geschichtenerzählens in den literarischen Kanon aufgenommen, die in Deutschland immer noch ein Schattendasein führt. Daran dürfte auch die jetzt anlaufende „Watchmen“-Verfilmung von Zack Snyder wenig ändern. Immerhin sind gut drei Stunden Kino mit Superhelden und Actionszenen eher etwas für ein jüngeres Multiplex-Publikum, während das bildungsbürgerliche Arthouse-Publikum die Romanverfilmungen „Der Vorleser“ oder „Effi Briest“ genießt. Dabei könnten auch sie in „Watchmen“ einiges entdecken.

Denn Alan Moore und Dave Gibbons stellen in dem zwölfteiligen Comic „Watchmen“ zuerst einmal das Superhelden-Genre vom Kopf auf die Füße. Moore fragte sich, wie den die Wirklichkeit aussähe, wenn wirklich verkleidete Männer Verbrecher gejagt hätten. Danach erfand er eine Alternativwelt, in der die USA den Vietnamkrieg gewonnen haben, Watergate nicht entdeckt wurde und Präsident Nixon Mitte der Achtziger noch im Amt ist. Gespiegelt werden die Erlebnisse der sich größtenteils im Ruhestand befindenden Superhelden in einem Piratencomic. Ergänzt werden die zwölf Comichefte von vertiefenden Texten, wie Autobiographien, Interviews und Briefwechsel der verschiedenen Charaktere. So entsteht langsam das Bild einer Welt, die sich nur in Teilen von unserer Welt (naja, genaugenommen unserer Welt vor gut 25 Jahren) unterscheidet.

Und wie in vielen Science-Fiction-Werken ist der Plot nur das Skelett für das Vorstellen der erfundenen Welt. Die Dramaturgie der Comichefte führt zu einer ähnlich episodischen Struktur, wie sie inzwischen auch öfters in TV-Serien verwandt wird. Im S-F-Genre wären das „Lost“, „Battlestar Galactica“, „Heroes“ und auch „Terminator: S. C. C.“. Die Hauptgeschichte, die Suche von Rohrschach nach dem Hintermann einer Verschwörung gegen die sich nach dem Keene-Erlass in den Ruhe zurückgezogenen Superhelden, bewegt sich manchmal kaum voran. Dann nehmen die Biographien der Superhelden, ihre Beziehung zueinander und die moralischen Fragen ihres Handelns einen breiten, teilweise heftfüllenden Raum ein. Denn Alan Moore hat, wie in den TV-Serien, als das erste „Watchmen“-Heft erschien die letzten Hefte noch nicht geschrieben und so entstand aus einer Mischung aus Improvisation und Planung ein dichtes Epos, das zugleich Abgesang, Liebeserklärung und Würdigung eines uramerikanischen Genres ist.

Auffallend ist daher, wie konsequent die verschiedenen Plots aufeinander bezogen sind und auch Nebenfiguren, wie der Zeitungsverkäufer, immer wiederkehren und wie sehr sich die einzelnen Plots und Charaktere immer wieder auf verschiedenen Ebenen spiegeln. Gleichzeitig wurden einige formale Elemente von Anfang an durchgehalten und erzeugen so das Gefühl einer in sich geschlossenen Welt. Weil „Watchmen“ von Anfang an auf zwölf Hefte festgelegt wurde, die Geschichte der Verschwörung nur in einer Katastrophe (oder eben dem Abwenden der Katastrophe in letzter Minute) enden kann und die Weltsicht düster ist, wurde der Countdown bereits auf der ersten Seite des ersten Heftes mit einer analogen Uhr, die auf zwölf Minuten vor Zwölf steht, eingeleitet. Jedes Heft beginnt mit dieser Uhr, dessen kleiner Zeiger sich mit jedem Heft immer eine Minute der vollen Stunde nähert. Gleichzeitig beginnt Blut von oben in das Bild zu fließen, bis um zwölf Uhr die Uhr von Blut verdeckt wird. Viele weitere Beispiele sind einfach zu finden und würden teilweise einige Plotwendungen der Geschichte verraten.

„Watchmen“ ist eine großartige Graphic Novel, die auf vielen Ebenen funktioniert und so erwachsen und politisch ist, wie es ein kindliches Genre (Männer in Kostümen! Quasi-allmächtige, teilweise mit Superkräften ausgestattete, über dem Gesetz stehende Verbrechensbekämpfer!) überhaupt sein kann, ohne seine Unschuld vollkommen zu verlieren. Auf diesem schmalen Grad wandelten Alan Moore und Dave Gibbons Mitte der Achtziger äußert gelungen, stopften gleichzeitig noch so viele literarische und politische Anspielungen hinein, dass auch die intellektuellen Leser und Literaturwissenschaftler genug Interpretationsfutter hatten. Die amerikanische Comic- und S-F-Szene war begeistert. Die deutsche Übersetzung erfolgte erst Jahre später.

Heute ist „Watchmen“ eine noch immer aufregend zu lesende Bildergeschichte, die wegen ihrer genauen historischen Verortung nur im politischen Teil (halt der gesamte Kalte-Krieg und die damals rechtslastige Propaganda aus Hollywood und dem Weißen Haus.) überholt ist. Denn die Frage, wie Verbrechen bekämpft werden soll, ist heute (dank des Krieges gegen den Terror) immer noch so aktuell wie damals.

Neben der düster-erwachsen-literarischen Lesart eröffnete „Watchmen“ allerdings auch die Tür zur Veralberung und Psychologisierung des Superheldengenres. „Hancock“, die britische Comedy „No Heroics“ und die neuen Superheldenfilme mit ihren menschlicheren Protagonisten sind die anderen Seiten der Medaille.

„Watchmen“ ist ein vielfach ausgezeichneter, gut gealterter „Klassiker“ (New York Post) und ein „Meilenstein“ (New York Times), der auch nach der heute startenden Verfilmung (die Alan Moore, wie die vorherigen Verfilmungen seiner Werke, selbstverständlich Scheiße findet) sicher viele neue Leser gewinnt. Denn letztendlich ist „Watchmen“ einfach vergnügliche Unterhaltung.

Alan Moore/Dave Gibbons: Watchmen: Ultimate Edition

(übersetzt von Christian Heiss)

Panini Comics, 2008

436 Seiten

29,95 Euro

Für Sammler

Watchmen: Absolute Edition

Panini Comics, 2009

468 Seiten

75 Euro

(Hardcover im Schuber, mit Skizzen, Entwürfen und Auszügen aus Alan Moores Originalmanuskript)

Originalausgabe

Watchmen

DC Comics, 1986/1987

Deutsche Erstausgabe

Watchmen

Carlsen, 2000

Hintergrundinformationen zum Comic „Watchmen“

Dave Gibbons: Watching the Watchmen – Die Entstehung einer Graphic Novel

Panini Comics, 2009

260 Seiten

34,90 Euro

Verfilmung

Watchmen (Watchmen, USA/GB/Can 2009)

Regie: Zack Snyder

Drehbuch: David Hayter, Alex Tse

Mit Jefrey Dean Morgan, Malin Akerman, Patrick Wilson, Billy Crudup, Jackie Earle Haley, Matthew Goode, Carla Gugino, Matt Frewer, Stephen McHattie

Hinweise

Comic Book Database über Alan Moore

Alan-Moore-Fanseite (etwas veraltet)

Dave-Gibbons-Fanseite

DC Comics über „Watchmen“

YouTube: Alan Moore spricht über „Watchmen“ und Superhelden

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Watchmen“

Tagesspiegel: Interview mit Dave Gibbons über die Verfilmung

Die komplette, erstaunlich S-F-lastige und sehr amerikanische Liste der 100 wichtigsten Romane des letzten Jahrhunderts des Time Magazine


Wie Richard Dale zum Mann wurde

März 4, 2009

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Joe R. Lansdale ist ein begnadeter Geschichtenerzähler, der sich meistens in den Genres Krimi und Horror tummelt, aber auch einige gelungene Ausflüge in die Mainstream-Literatur unternahm. „Der Teufelskeiler“ ist eines dieser mainstreamigeren Werke. In ihm erzählt Richard Dale, wie er während der Großen Depression in Osttexas in ärmlichen Verhältnissen auf einer abgelegenen Farm aufwuchs, Groschenhefte liebte, sie seinem schwarzen Freund Abraham Wilson vorlas, Schriftsteller werden wollte und gegen den Teufelskeiler kämpfen musste. Dieser Eber taucht seit Jahrzehnten (die Legenden behaupten seit einem Jahrhundert) immer wieder auf, vernichtet die Ernte und tötet alles, was sich ihm in den Weg stellt. Nur der steinalte Onkel Pharao überlebte die Begegnung mit „Old Satan“. Seitdem benötigt er Krücken.

Jetzt ist Old Satan zurückgekehrt. Er trampelt über die Felder der Dales. Richards Vater ist mit einem Zirkus als Preisboxer unterwegs. Er will so Geld für die Familie verdienen. Richards Mutter ist schwanger und der fünfzehnjährige Richard ist der Herr im Haus. Als „Old Satan“ die Hunde der Dales zerfetzt, weiß Richard Dale, dass er den Teufelskeiler zur Strecke bringen muss. Gemeinsam mit Abraham und einigen Hunden macht Richard sich auf die Jagd.

Der Teufelskeiler“ liest sich, weil beide Geschichten in der gleichen Welt spielen, in Teilen wie eine Vorstudie zu Joe R. Lansdales mit dem Edgar ausgezeichnetem, leider nicht mehr erhältlichem „Die Wälder am Fluss“ (The Bottoms, 2000). Beide Geschichten spielen in Osttexas am Sabine River während der Depression. In beiden Erzählungen ist de Erzähler ein älterer Mann, der sich unsentimental an seine Jugend erinnert und konsequent aus seinem damaligen Erfahrenshorizont erzählt. Beide sind, auch, Erziehungsromane. Und in beiden Geschichten muss der Ich-Erzähler sich gegen ein mythisches Monster wehren. In „Der Teufelskeiler“ ist es ein wilder Eber. In „Die Wälder am Fluss“ ist es der mysteriöse Ziegenmann. Außerdem, immerhin ist „Die Wälder am Fluss“ ungefähr dreimal so lang wie „Der Teufelskeiler“, wird in „Die Wälder am Fluss“ ein Frauenmörder gejagt und die Frage des Rassismus nimmt einen viel breiteren Raum ein.

Dagegen konzentriert sich „Der Teufelskeiler“ auf das karge Leben eines Jugendlichen und wie er im Sommer 1933 zum Mann wird. Lansdale gelingt es auf knapp 140 Seiten eine gleichzeitig auf mehreren Ebenen überzeugende Geschichte für Jugendliche und Erwachsene zu erzählen.

Joe R. Lansdale: Der Teufelskeiler

(übersetzt von Richard Betzenbichler, illustriert von Henning Ahlers)

Shayol, 2008

144 Seiten

12,90 Euro

Originalausgabe

The Boar

Subterranean Press, 1998

Hinweise

Homepage von Joe R. Lansdale

Subterranean Press: Längeres Interview mit Joe R. Lansdale

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Wilder Winter“ (Savage Season, 1990)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales “Rumble Tumble” (Rumble Tumble, 1998)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Der Gott der Klinge“ (The God of the Razor, 2007)