LV: Jean-Marie Fitère: Violette Nozière, 1975 (Violette Nozière)
Paris 1933: Die siebzehnjährige Violette Nozière führt ein Doppelleben. Sie will aus ihrer kleinbürgerlichen Existenz ausbrechen. Das scheint nur zu gehen, indem sie ihre Eltern umbringt. Sie wird verhaftet und zum Tod verurteilt.
Damals erregte der Fall in Frankreich großes Aufsehen. Surrealistische Dichter verklärten die Angeklagte zu einer Heldin gegen die bürgerliche Familie. Aragon, Magritte, Simone de Beauvoir und Piere Brasseur waren von Violette Nozière und ihrer widersprüchlichen Persönlichkeit gefesselt. Chabrol zeigt diese Widersprüche mit zahlreichen Rückblenden. Fast allen Handlungen von Violette Nozière können mehrere, einander widersprechende Motive zugeordnet werden.
Einer von Chabrols besten Filmen, inszeniert mit seinen bewährten Schauspielern Isabelle Huppert, Stéphane Audran und Jean Carmet
Direkt nach der „Leiche zum Dessert“ (Das Vierte, 20.15 Uhr) gibt’s einen weiteren Peter-Falk-Film
SRTL, 22.10
Columbo: Ein Hauch von Mord (USA 1973, R.: Jeannot Szwarc)
Drehbuch: Jackson Gillis, Myrna Bercovici (Geschichte)
Erfinder: Richard Levinson, William Link
Eine Kosmetikdiva erschlägt ihren Ex, weil dieser ihre Formel für eine revolutionäre Antifaltencreme an ihren Erzfeind verkaufen wollte. Lt. Columbo beginnt den Mörder zu suchen.
Allein schon wegen der Besetzung sehenswert.
Mit Peter Falk, Vera Miles, Martin Sheen, Vincent Price
Nachdem ich gestern zwei „Columbo“-Folgen gesehen und heute den neuen, grandiosen „100 Bullets“-Band „Du sollst nicht töten“ (dieses Mal liefern Azzarello/Risso eine Hardboiled-PI-Geschichte) gelesen habe, kann es nur einen Film als Tipp des Tages geben:
Das Vierte, 16.05
Eine Leiche zum Dessert (USA 1976, R.: Robert Moore)
Drehbuch: Neil Simon
Ein Millionär lädt die berühmtesten Detektive der Welt ein. Er behauptet, sie könnten einen Mord nicht aufklären, der um Mitternacht stattfinden wird. Die Detektive sehen das anders.
Neil Simon zieht in seiner Krimikomödie die Images der bekanntesten, literarischen Detektive der Welt (hier: Miss Marple, Hercule Poirot, Sam Spade, Nick Charles aka Der dünne Mann mit Gattin Nora, Charlie Chan) und die Prinzipien des Whodunits durch den Kakao. Ein köstlicher Spaß – nicht nur für Genre-Fans.
Verkörpert werden die Meisterdetektive und Tatverdächtige u. a. von Truman Capote, Peter Falk, Alec Guiness, David Niven, Peter Sellers
Illuminati (Angels & Demons, USA 2009, R.: Ron Howard)
Drehbuch: David Koepp, Akiva Goldsman
LV: Dan Brown: Angels & Demons, 2000 (Illuminati)
Der Papst ist tot. Die Illuminati wollen jetzt den Vatikan mit einer Antimateriebombe vernichten und Symbolologe Robert Langdon soll im Auftrag der katholischen Kirche die Zeichen entziffern und so das Schlimmste verhindern.
Zweite Dan-Brown-Verfilmung, die kommerziell natürlich jenseits jeder Kritik steht, auch wenn bei „Rotten Tomatoes“ die positiven und negativen Stimmen zu ausgewogenen 50 Prozent Frische (also schnell essen oder wegwerfen) kommen und sich immerhin einig sind, dass „Illuminati“ besser als der „Da Vinci Code“ ist.
Stellvertretend: „zweieinhalb Stunden heiteren Stuss, der am meisten Spaß macht, wenn man gar nicht erst zu verstehen versucht, was die gehetzten Typen auf der Leinwand da beim Hin- und Herrennen, aber auch Hin- und Herfahren, Hin- und Herfliegen und Hin- und Herhüpfen gerade von Konklave, Bernini, Illuminati, Galileo – und wie diese ganzen anderen komischen lateinischen Fachausdrücke noch so heißen – erzählen.“ (Jens Balzer, Berliner Zeitung 12. Mai 2009)
Tja, vielleicht doch besser wieder „Illuminatus!“ von Robert Shea und Robert A. Wilson lesen.
Ansonsten:
Dan Browns neuer Roman „The lost symbol“ erscheint am 15. September in den USA.
„The Da Vinci Code – Sakrileg“ läuft am Sonntag, den 17. Mai, um 20.15 Uhr auf Pro 7; die Wiederholung gibt’s am Montag, den 18. Mai, um 09.15 Uhr.
Mit Tom Hanks, Ewan McGregor, Ayelet Zurer, Stellan Skarsgård, Pierfrancesco Favino, Nikolaj Lie Kaas, Armin Mueller-Stahl
Nach einem missglückten Banküberfall ziehen sich eine Frau und zwei Männer auf eine einsame Berghütte zurück.
Das Drama läuft in Berlin zwar nur in zwei Kinos (mit je einer Vorstellung pro Tag), aber das klingt gut: „Vom geradezu mystischen Finale abgesehen hat der Film tatsächlich die Qualitäten des französischen Kriminalthrillers von anno dazumal (…) Er hat die Konzentration auf das Wesentliche, und er hat etwas, das deutschen Debüts so gerne abgeht: nämlich Rhythmus.“ (Philipp Bühler, Berliner Zeitung, 14. Mai 2009)
Mach’s noch einmal, Sam! (USA 1972, R.: Herbert Ross)
Drehbuch: Woody Allen (nach seinem Theaterstück)
Der New Yorker Filmkritiker Allan wird von seiner Frau verlassen. Die Suche nach einer neuen Freundin gestaltet sich (wie der Clip beweist) schwierig. Erst als sein Idol Humphrey Bogart ihn berät, scheint sich das Blatt zu wenden.
Woody Allen sagte über „Mach’s noch einmal, Sam!“, es sei „die autobiographische Geschichte eines Verliebten mit ungeheuren Komplexen. Die Anhäufung von Themen, die mich faszinieren, Sex, Ehebruch, neurotische Liebe, Angst. Dennoch ist es eine Komödie im strengsten Sinn des Wortes, ohne ein ernsthaftes Element.“
Außerdem ist es Woody Allens erste Liebeserklärung an den Film.
Mit Woody Allen, Diane Keaton, Tony Roberts, Jerry Lacy, Susan Anspach
Ein leicht verspätetes Geburtstagsgeschenk zu Harvey Keitels Geburtstag:
WDR, 23.15
Mean Streets – Hexenkessel (USA 1973, R.: Martin Scorsese)
Drehbuch: Martin Scorsese, Mardik Martin
New York, Lower East Side: Charlie versucht sich um seinen leicht durchgeknallten Kumpel Johnny Boy zu kümmern. Denn dieser verärgert mit seinen Eskapaden auch die Mafia.
Grandioses Frühwerk von Martin Scorsese und der Start von mehreren großen Karrieren.
„Mean Streets besteht vor allem aus einem Mosaik von Momentaufnahmen und Anekdoten; an Stelle einer kontinuierlichen Entwicklung herrscht die Kontinuität des Stillstands. Vielleicht ist das der Hauptgrund, warum Mean Streets so irritierend authentisch wirkt.“ (Hans Günther Pflaum in Peter W. Jansen/Wolfram Schütte [Hrsg.]: Martin Scorsese – Hanser Reihe Film 37, 1986)
Die größte Ironie bei dem Film ist, dass „Mean Streets“ untrennbar mit New York verbunden ist, obwohl, wegen des Geldes, die meisten Szenen nicht an Originalschauplätzen sondern in Los Angeles gedreht wurden
Mit Robert De Niro, Harvey Keitel, David Proval, Amy Robinson, Robert Carradine, David Carradine, Martin Scorsese (als Shorty, der Killer im Auto)
Die Arbeitslosen von Marienthal (Aus 2009, R.: Günter Kaindlstorfer)
Drehbuch: Günter Kaindlstorfer
Knapp einstündige Doku über eine klassische soziologische Studie (Wie alle Klassiker: jeder Soziologiestudent hat von ihr gehört; jeder bestätigt die Wichtigkeit und niemand hat sie gelesen). In der empirischen Studie werden die Auswirkungen von Arbeitslosigkeit in dem Dorf Marienthal, das von einer einzigen, 1930 geschlossenen Textilfabrik abhängig war, geschildert.
Die Doku fragt, ob die Ergebnisse der Studie „Die Arbeitslosen von Marienthal – Ein soziographischer Versuch über die Wirkungen langandauernder Arbeitslosigkeit“ heute immer noch (oder wieder) relevant sind.
Fast im Anschluss gibt es um 22.25 Uhr „Einstweilen wird es Mittag“ (D/Aus 1988, R.: Karin Brandauer), die hmhm Verfilmung der Studie.
Diese Zwei sind nicht zu fassen (USA 1986, R.: Peter Hyams)
Drehbuch: Gary DeVore, Jimmy Huston
Die Cops Ray Hughes und Danny Costanzo verbringen einen Zwangsurlaub in Florida. Dort reift ihr Entschluss, den Job im kalten Chicago hinzuschmeißen. Doch zuerst wollen sie in Chicago noch ihren Intimfeind, einen Drogenboss, fangen.
Typische 80er-Jahre Buddy-Komödie mit dummen Sprüchen und viel Action. Gerade für letzteres ist Peter Hyams, wenn das Genre stimmt, immer ein Garant.
Die zeitgenössische Kritik war nicht so begeistert: „Actionkomödie, die sich jedoch in ihre Bestandteile aufzulösen droht.“ (Fischer Film Almanach 1987) „Das Vergnügen an diesem Gangsterfilmjux hält sich in Grenzen, da die Witze, Sprüche und Actionszenen weder taufrisch noch besonders originell dafür in Discountmengen anfallen.“ (Zoom)
Mit Gregory Hines, Billy Cristal, Steven Bauer, Darlanne Fluegel, Joe Pantoliano, Dan Hedaya, Jimmy Smits
Nouvelle Vague – Außenansichten (Fr 2008, R.: Luc Lagier)
Drehbuch: Luc Lagier
Nach Francois Truffauts Debüt „Sie küssten und sie schlugen ihn“ (21.00 Uhr; unbedingt ansehen!) gibt es eine fast einstündige Doku über den Einfluss der Nouvelle Vague auf andere Filmemacher:
Die Dokumentation wirft zahlreiche Fragen auf, unter anderem auch über den internationalen Einfluss der Nouvelle Vague. Hat sich diese Art Filme zu machen international durchsetzen können? Wie hat sie das amerikanische Kino von den 70er Jahren bis heute beeinflusst? Wie haben amerikanische Regisseure die Nouvelle Vague rezipiert? Und warum haben französische Regisseure wie Truffaut, Godard und Resnais letztlich nie in den USA gedreht? Antworten auf diese Fragen soll ein Blick über den Ozean geben. In New York und Los Angeles kommen dazu Filmgrößen wie Sidney Lumet, Arthur Penn, Monte Hellman, William Friedkin, Paul Schrader, Robert Benton, DA Pennebaker, Jerry Schatzberg, Brian De Palma, James Gray und Wes Anderson zu Wort. (Arte über die Doku)
Klaus Doldinger bewirbt sich um das Zimmer in der WG von Götz Alsmann und Christine Westermann.
Muss ich wirklich etwas zu Doldinger sagen? Nun gut: Passport, das „Tatort“-Intro, die Musik zu „Einer von uns beiden“, „Das Boot“, „Die unendliche Geschichte“ undundund.
Hallo liebe Krimifreunde,
zu einigen ruhigen Tagen voller Mord und Totschlag. Aber solange Barnaby, Bienzle, Wallander und der Wolf im Dienst der guten Sache unterwegs sind, haben Mörder letztendlich keine Chance. Neben diesen spielfilmlangen TV-Krimis gibt es auch einige immer wieder sehenswerte Spielfilme. Dazu gehören Charles Vidors Noir „Gilda“, Robert Moores Neil-Simon-Verfilmung „Eine Leiche zum Dessert“, Gordon Parks Ernest-Tidyman-Verfilmung „Shaft“, Lee Tamahoris Pete-Dexter-Verfilmung „Nach eigenen Regeln“, Claude Chabrols selten gezeigte Jean-Marie-Fitère-Verfilmung „Violette Noizière“, Curtis Hansons immer wieder sehenswerte James-Ellroy-Verfilmung „L. A. Confidential“, Jacques Derays eher selten gezeigte Derek-Raymond-Verfilmung „Mörderischer Engel“ und zur Vorbereitung für den nächsten Dan Brown gibt es „The Da Vinci Code – Sakrileg“.
Drehbuch: Dieter Hirschberg, Werner Masten (nach einer Vorlage von Asta Scheib)
Einzelgänger Brandner schleust für den Unternehmer Hattkämper Kurden nach Deutschland. Als einer der Kurden stirbt, kommt es zum Streit zwischen Brandner und Hattkämpfers Männern. Kurz darauf verschwindet Brandners Tochter und der Vater sieht rot. Die Kommissare Stoever und Brockmöller versuchen ein Blutbad zu verhindern.
Damals war Werner Masten der Hausregisseur für das Team Stoever/Brockmöller (und mit „Liebling Kreuzberg“ und „Auf Achse“ auch der von Manfred Krug). Die Fälle waren auch gut. „Amoklauf“ ist ein in der Wirklichkeit grundierter Thriller.
Mit Manfred Krug, Charles Brauer, Lutz Reichert, Werner Tietze, Peter Lohmeyer, Hussi Kutlucan, Wolf-Dieter Sprenger
Buch zum Film (Drehbuch): Quentin Tarantino: Reservoir Dogs – Das Buch zum Film/Zweisprachige Ausgabe (rororo 1997)
Einige Gangster überfallen einen Juwelier. Der Überfall geht schief. Sie flüchten in eine Garage. Mr. Orange (sie kennen sich nur unter Farb-Pseudonymen) liegt schwerverletzt auf dem Boden und kämpft um sein Leben. Die anderen Gangster versuchen währenddessen die 100.000-Dollar-Frage „Wer hat uns verraten?“ zu klären.
Der Einfluss von Quentin Tarantinos Kinodebüt auf das Kino der Neunziger Jahre kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Ich sage nur nicht-chronologisches Erzählen (Bis dahin galt die eiserne Regel: Keine Rückblenden!), lustvoll zelebrierte Gewalt, coole Dialoge und oft ebenso coole Monologe.
Wirklich erstaunlich bei dem Klassiker ist nur, dass er erst heute seine TV-Premiere feiert. Wer also in den vergangenen Jahren jede Kinoaufführung verpasste und keine der zahlreichen DVD-Ausgaben kaufte, kann jetzt endlich das Werk sehen.
Mit Harvey Keitel, Tim Roth, Michael Madsen, Chris Penn, Steve Buscemi, Lawrence Tierney, Edward Bunker, Quentin Tarantino
Buch zum Film: Rolf Giesen: John Boorman – Hope and Glory, 1987
Als Bill neun Jahre alt ist, beginnt der zweite Weltkrieg. Während für seinen Vater an der Front und die Mutter in einer Londoner Vorstadt die nächsten Jahre ein ständiger Überlebenskampf sind, erlebt Bill diese Zeit anders.
John Boormans Rückblick auf die Kriegsjahre und auch seine Jugend ist eine mit typisch britischem Humor erzählte herzerwärmende Geschichte einer Kindheit. In Deutschland floppte der Film, obwohl er in England und den USA breit abgefeiert wurde und auch deutsche Kritiker die Qualität von „Hope and Glory“ erkannten: „Für uns gehört ‚Hope and Glory’ zu den erfreulichsten Erlebnissen und schönsten Filmen des Jahres.“ (Fischer Film Almanach 1988)
„Hope and Glory ist so etwas wie Boormans Antwort auf das monumentale Filmwerk Heimat von Edgar Reitz, das ihm, wie er betont, viel gegeben hat.“ (Rolf Giesen: John Boorman – Hope and Glory)
Boormans Film war unter anderem in den Kategorien bestes Drehbuch, beste Regie und bester Film für den BAFTA, Oscar und Golden Globe nominiert. Den Golden Globe für den besten Film erhielt er. Außerdem erhielt „Hope and Glory“ in diesen Kategorien den Los Angeles Film Critics Association Award. Und die Writers Guild of America nominierte das Drehbuch.
Mit Sebastian Rice-Edwards, Geraldine Muir, Sarah Miles, David Hayman, Sammi Davis, Ian Bannen
Die Wacht am Rhein (USA 1943, R.: Herman Shumlin, Hal Mohr [ungenannt])
Drehbuch: Dashiell Hammett, Lillian Hellman (zusätzliche Szenen und Dialoge)
LV: Lillian Hellman: Watch on the Rhine, 1941 (Theaterstück)
Als nach fast zwanzig Jahren deutsche Verwandte bei einer amerikanischen Durchschnittsfamilie auftauchen, müssen die Familienmitglieder sich mit dem europäischen Faschismus beschäftigen und die Frage beantworten, auf welcher Seite sie stehen.
Hellmans Broadway-Stück war ein gewaltiger Erfolg. Hammett, der sich auf die Adaption des Stückes freute, veränderte es kaum und auch die Verfilmung war erfolgreich. Hauptdarsteller Paul Lukas erhielt mehrere Preise für seine Darstellung, unter anderem einen Oscar. Hammetts Drehbuch war für einen Oscar nominiert. Außerdem war „Die Wacht am Rhein“ als bester Film des Jahres für einen weiteren Oscar nominiert. In beiden Kategorien erhielt „Casablanca“ den Oscar.
In Deutschland wurde der Film erst 1977 gezeigt und die katholische Filmkritik lieferte dann auch gleich die historisch korrekte Einordnung: „Spannende Verfilmung…, die allerdings die politischen Realitäten in Europa zugunsten der menschlichen Konflikte grob vereinfacht.“
Mit Bette Davis, Paul Lukas
Auch bekannt als „Watch on the Rhine“
Hinweis
Vor der „Wacht am Rhein“ wird um 23.00 Uhr, ebenfalls im NDR, die tiefsinnige Frage „Sein oder Nichtsein“ gestellt. Die Antwort kennen nur Lubitsch-Liebhaber.
Bereits vor fünf Jahren spielte Kim Basinger in dem kleinen, feinen Thriller „Final Call“ eine Mutter in Lebensgefahr. In „Final Call“ war sie allerdings die meiste Zeit eingesperrt und ein junger Mann durfte die Lauferei erledigen. In ihrem neuesten Film „While she was out“ ist sie wieder in Lebensgefahr. Dabei geht diese Gefahr für die im Film zweifache Mutter und Hausfrau Della (Kim Basinger) in dem noblen Haus in einer geschlossenen Wohnanlage nicht von ihrem Ehemann, der sich zu Hause kaum beherrschen kann und sie auch vor den Kindern schlägt, aus.
Nein, die Gefahr geht von einer gemischtrassigen vierköpfigen Kleinstadt-Gang aus. Denn als diese mit ihrem Auto im Vorweihnachtstrouble auf dem Parkplatz vor der Shopping-Mall zwei Parkplätze blockieren, steckt Della ihnen einen geharnischten Zettel hinter den Scheibenwischer. Ihr Anführer Chuckie (Lukas Haas) ist fassungslos. Eine Frau beleidigt ihn. Er stellt sie nach ihrem Einkauf auf dem inzwischen verwaisten Parkplatz zur Rede. Der Sicherheitsbeamte der Shopping-Mall versucht den Streit zu schlichten. Chuckie fuchtelt mit seiner Pistole herum und ein Schuss löst sich. Della weiß, dass sie als Zeugin jetzt in Lebensgefahr schwebt. Sie flüchtet. Ihre Fahrt endet in einer sich im Bau befindliche Siedlung. Dort beginnt sie mit einem roten Werkzeugkoffer in der Hand zuerst in der Siedlung und später im Wald um ihr Leben zu kämpfen.
Dass sie in der folgenden Stunde die Jugendlichen der Reihe nach, bis zur Konfrontation mit ihrem Anführer Chuckie, mit den verschiedenen in ihrem roten Stahlköfferchen enthaltenen Werkzeugen besiegen kann, gehört zum Genre. Auch, dass sie alle bemerkenswert schnell und sicher durch den dunklen Wald laufen können, widerspricht zwar jeder Lebenserfahrung, aber auch das gehört zu den vertrauten Regeln. Überraschend ist dagegen schon, wie direkt, schmutzig und auch blutig Dellas Morde von Susan Montfort inszeniert werden. Da muss sie sich nicht vor ihren männlichen Kollegen verstecken. Und dass die Regiedebütantin Ahnung vom Genre hat, zeigt sie auch in den Interviews zum Film und ihrer Mitproduzententätigkeit für den grandiosen Comedy-Thriller „Shoot ’em up“.
Ihr Debüt „While she was out“ ist ein geradliniger, angenehm kurzer Thriller, der mit einigen überraschenden Twists aufwartet und nicht mit überflüssigen, psychologisierenden Subplots nervt. Denn in neunzig Minuten darf sich auf die Hauptsache konzentriert werden: den gnadenlosen Kampf einer Frau ums Überleben in einer feindlichen Umgebung.
Der feministische Thriller ist auch eine schwarzhumorige Warnung gegen sexuelle Gewalt in der Ehe. “While she was out“ kann als fast in Echtzeit ablaufende Entwicklungsgeschichte oder, mit dem gleichen Ergebnis, als Traum gelesen werden. In der zweiten Lesart, die durch die klare Trennung der drei Akte in verschiedene Orte und teilweise auch andere Stile möglich ist, wäre alles, was Della nach ihrem Einkauf in der Shopping-Mall zustößt, ein Traum. Ein Traum, in dem Männer sie töten wollen und der einzige Ausweg aus der Welt der männlich dominierten Gewalt Gegengewalt ist. Dieser zweite Akt ist realistischer inszeniert als Dellas Einkauf im Einkaufszentrum. Dort schwebte sie fast wie ein Geist durch den vorweihnachtlichen Trouble. Sie war immer von den anderen Menschen getrennt. Sie beobachtete, aber sie agierte nicht und reagierte kaum. Als sie eine lange nicht mehr gesehene Schulfreundin trifft, reagiert sie unsicher und ausweichend. Erst im Wald, gejagt von einer Kleinstadtbande mordlüsterner, großmäuliger, aber auch ängstlicher und etwas dummer Jungs (was nicht allzuweit von der Realität entfernt ist) wird sie wieder lebendig. Es ist als ob sie aus ihrem Traum – der zum Alptraum gewordenen Ehe – erwacht und wieder zu der Frau wird, die sie einmal war.
Kim Basinger ist natürlich der Star des Films. Die anderen Schauspieler sind vor allem aus dem TV bekannt und stehen meist noch am Anfang ihrer Karriere. Craig Sheffer gehörte zum Ensemble der Serien „One Tree Hill“ und „Teen Wolf“. Lukas Haas trat zuletzt in einigen „24“-Folgen, „President Evil“, „Alpha Dog“ und „Last Days“ auf. Als Kind und Jugendlicher war der 1976 geborene unter anderem in „Der einzige Zeuge“, „Music Box“ und „Mars Attacks“ dabei. Luis Chávez trat in „Ocean’s Thirteen“, mehrmals als Mitschüler in der ersten Staffel von „Terminator S. C. C.“ und, als Ensemblemitglied, in der neuen Glen-Mazzara-Serie „Crash“ (Mazzara war auch bei „Nash Bridges“, „The Shield“ und „Standoff“ dabei.) auf. Sie alle sind glaubwürdig in ihren Rollen.
Als Bonusmaterial gibt es einen deutschen und einigen amerikanischen Trailer und ein fast halbstündiges, nicht sonderlich tiefschürendes „Making-of“. Da hätte der Interviewer einige bessere Fragen stellen sollen. Der auf der amerikanischen DVD enthaltene Audiokommentar von Susan Montford und Don Murphy (der zusammen mit ihr „Shoot ’em up“ produzierte) fehlt leider.
„While she was out“ ist ein kleiner, knackiger und sehr kurzweiliger Überlebensthriller mit einigen akzeptablen Logiklöchern und der immer noch verdammt gut aussenden Kim Basinger. Diese knapp neunzig Minuten hätte ich gerne auch auf der großen Leinwand gesehen.
–
While she was out (While she was out, USA 2008)
Regie: Susan Montford
Drehbuch: Susan Montford
LV: Edward Bryant: While she was out, 1988 (Kurzgeschichte)
mit Kim Basinger, Lukas Haas, Craig Sheffer, Jamie Starr, Leonard Wu, Luis Chávez
Nach der traditionellen 1.-Mai-Demo (in Berlin mit Abendprogramm) und dem Genießen von kühlen Getränken in Biergärten:
1. Mai
RBB, 00.50
Die verrückten Reichen (F/D/I 1975, R.: Claude Chabrol)
Drehbuch: Claude Chabrol, Norman Enfield
LV: Lucie Faure: Le Malheur fou, 1970
Ami-Autor William Brandeis und dessen Gattin Claire nehmen am oberflächlichen Gesellschaftleben teil und betrügen sich gegenseitig. Als sie auf Claire Wunsch in ein Landhaus ziehen, bröckelt der Schein.
Nun, ein eher schwacher Chabrol, der ziemlich schnell aus dem Gedächtnis verschwindet. Trotz der zahlreichen parodistischen Elemente und Slapstick-Ästhetik.
Interessant ist „Die verrückten Reichen“ wegen des Aufwandes: große Besetzung bis in die Nebenrollen und reale Ausstattung (die Türen des Studioappartments sind aus massivem Holz), was an dem kanadischen Filmfinanzierungssystem lag.
Mit Bruce Dern, Stéphane Audran, Sydney Rome, Jean-Pierre Cassel, Ann Margaret, Maria Schell, Charles Aznavour, Curd Jürgens, Tomas Milan, Sybil Danning, Claude Chabrol (als Mann im Verlagsbüro)
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2. Mai
WDR, 00.30
Die Maske des Dimitrios (USA 1944, R.: Jean Negulesco)
Drehbuch: Frank Gruber
LV: Eric Ambler: The Mask of Dimitrios; A Coffin for Dimitrios, 1939 (Die Maske des Dimitrios)
1938 wird in Istanbul die Leiche des international gesuchten Verbrechers Dimitrios gefunden. Ein Journalist möchte eine Biographie über ihn schreiben und gerät bei seinen Recherchen in Teufels Küche.
Wer möchte dieser Einschätzung, eines erst 1991 in Deutschland aufgeführten Films, wiedersprechen? „Auf hohem filmkünstlerischem Niveau stehender ‚film noir’, der eine Atmosphäre moralischer Skrupellosigkeit beschwört.“ (Lexikon des internationalen Films)
Mit Peter Lorre, Zachary Scott, Sydney Greenstreet, Faye Emerson
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3. Mai
BR, 23.15
Außer Atem (F 1960, R.: Jean-Luc Godard)
Drehbuch: Jean-Luc Godard (nach einem Szenario von François Truffaut)
Buch zum Film: Claude Francolin: A bout de souffle, 1960 (Außer Atem)
Kleinganove Michel erschießt einen Polizisten und flieht nach Paris zur us-amerikanischen Studentin Patricia.
Ein Klassiker der Nouvelle Vague und ein zeitloser Kultfilm.
Mit Jean-Paul Belmondo, Jean Seberg, Jean-Pierre Melville
Duplicity – Gemeinsame Geheimsache (Duplicity, USA 2009)
Regie: Tony Gilroy
Drehbuch: Tony Gilroy
Nach Agententhriller (die “Bourne”-Serie) und Politthriller (“Michael Clayton”) ist er jetzt bei der romantischen Thriller-Komödie mit Screwball-Elementen angelangt: zwei Industriespione, die eine Liebe-Hass-Beziehung (ersteres persönlich, letzteres beruflich) pflegen, beschließen, ihre Bosse um einige Millionen zu erleichtern. Aber können sie sich trauen? Und können sie mit dem Geld entkommen?
Die Kritiken tendieren zu einem leichten „ich hätte mehr erwartet“, aber zwei Stunden gepflegte Unterhaltung sind garantiert. „Mit viel doppelbödigem Charme und herausragendem Ensemble macht Tony Gilroy aus der Agentenromanze einen wunderbaren Film.“ (Thomas Klein, tip 10(2009)
Mit Julia Roberts, Clive Owen, Tom Wilkinson, Paul Giamatti, Ulrich Thomsen (als Big Swiss Suit; – was einiges über die Größe der Rolle aussagt)