Die üblichen Verdächtigen (USA 1995, R.: Bryan Singer)
Drehbuch: Christopher McQuarrie
„Wer ist Keyser Soze?“ fragen sich einige nur scheinbar zufällig in eine Gefängniszelle eingesperrte Verbrecher und, nach einem Massaker im Hafen von San Pedro, auch ein Zollinspektor. Er lässt sich von dem einzigen Überleben erzählen, wie es zu dem Blutbad im Hafen kam.
Nach zwei Stunden gibt es die überraschende Enthüllung.
„Einer der intelligentesten Thriller des Jahres.“ (Fischer Film Almanach 1997)
McQuarries Drehbuch erhielt unter anderem den Edgar und den Oscar.
Mit Kevin Spacey, Chazz Palminteri, Stephen Baldwin, Gabriel Byrne, Benicio Del Toro, Kevin Pollak, Pete Postlethwaite, Suzy Amis, Giancarlo Esposito, Dan Hedaya, Paul Bartel, Louis Lombardi
Es müsste doch mit dem Teufel zugehen, wenn Georg Schramm nicht einige ätzende Worte über den letzten Berliner Volksentscheid (es ging um die Frage, ob es einen Ethikunterricht für alle Schüler geben soll oder sie zwischen Ethik- und Religion wählen müssen) verlieren würde.
Ansonsten wird Urban Priol etwas blödeln und die Gäste Erwin Pelzig, Philipp Sonntag und Tobias Mann werden ihre Statements zur Lage der Nation abgeben.
Wiederholung: Mittwoch, 29. April, 02.30 Uhr (Taggenau! – und jederzeit in der ZDF-Mediathek)
Während einige Filme im gefühlten Wochenrhythmus wiederholt werden, werden andere fast nie gezeigt. So auch der heutige TV-Tipp. Arthur Penns fast unbekannter Film wurde in diesem Jahrzehnt noch nicht gezeigt und ob er seit dem Kinostart jemals im TV lief, ist unklar:
Arte, 21.00
Vier Freunde (USA 1981, R.: Arthur Penn)
Drehbuch: Steven Tesich
Steven Tesichs autobiographische Geschichte von vier Freunden in den Sechzigern zwischen Schule, Studium, Heirat, Vietnamkrieg, Hippie- und bürgerlichem Leben ist ein Porträt eines bewegten Jahrzehnts und eine weitere Abhandlung von Arthur Penn über den Widerspruch zwischen der amerikanischen Realität und den Wünschen seiner Hauptpersonen. Besonders eindrücklich gelang ihm das in „Bonnie and Clyde“, „Alice’s Restaurant“, „Little Big Man“ und „Night Moves“ (Die heiße Spur).
„Vier Freunde“ ist, so Andreas Ungerböck, eine „überaus sorgfältige Bestandsaufnahme eines Konfliktes zweie Generationen, um nicht zu sagen: zweier Welten.“ (Lars-Olav Beier/Robert Müller [Hrsg.]: Arthur Penn)
Über den fast unbekannten Film „Vier Freunde“ steht im „Fischer Film Almanach 1983“: „Inhaltlich und formal ein Meisterwerk, in dem auch die darstellerischen Leistungen der bisher unbekannten Schauspieler beeindrucken.“ Hauptdarsteller Craig Wasson war für einen Golden Globe in der Kategorie „New Star of the Year in a Motion Picture“ (Pia Zadora gewann. Hmhm.). Danach spielte er in Brian de Palmas „Body Double“ (Der Tod kommt zweimal), etlichen TV-Serien und verschiedenen, meist unbedeutenden Filmen mit. Von den anderen Hauptdarstellern hörte man anschließend noch weniger.
Mit Craig Wasson, Jodi Thelen, Michael Huddleston, Jim Metzler, Scott Hardt
LV: Whit Masterson: Badge of Evil, 1956 (Unfehlbarkeit kann tödlich sein)
In einer schäbigen Grenzstadt versuchen ein korrupter US-Polizist und ein mexikanischer Drogenfahnder (in den Flitterwochen) einen Mord aufzuklären.
Noir-Klassiker, bei dem sich eine deutsche DVD-Ausgabe mit den verschiedenen Fassungen, einem Making-of und einem guten Audiokommentar lohnen würde. In den USA erschien am 8. Oktober 2008 eine entsprechende Edition.
„Einer der schönsten und intelligentesten Polizeifilme der Kinogeschichte.“ (Seesslen: Copland)
Mit Charlton Heston, Janet Leigh, Orson Welles, Akim Tamiroff, Marlene Dietrich, Joseph Cotten, Zsa Zsa Gabor, Dennis Weaver
Zwischen den Arztbesuchen (Gute Besserung!) hat Alfred die TV-Krimi-Buch-Tipps gelayoutet und online gestellt. Das, und vieles mehr, kann in den kommenden Tagen genossen werden:
Hallo liebe Krimifreunde,
zu zwei spannenden Wochen. Denn Miss Marple (gespielt von drei Schauspielerinnen), Commissario Brunetti und Wilsberg jagen die bösen Buben. Einer von ihnen ist Paul Newman. Der sitzt in der sehenswerten Donn-Pearce-Verfilmung „Der Unbeugsame“ im Knast und versucht auszubrechen. Ebenfalls sehenswert sind Orson Welles Whit-Masterson-Verfilmung „Im Zeichen des Bösen“, Alfred Hitchcocks Josephine-Tey-Verfilmung „Jung und unschuldig“ (endlich wieder im TV) und seine John-Trevor-Story-Verfilmung „Immer Ärger mit Harry“, Jean Negulescos Eric-Ambler-Verfilmung „Die Maske des Dimitrios“ (ebenfalls endlich wieder im TV), Louis Malles Noel-Calef-Verfilmung „Fahrstuhl zum Schafott“, Herman Shumlins Lillian-Hellman-Verfilmung „Die Wacht am Rhein“ (Dashiell Hammett schrieb das Drehbuch) und Don Siegels Richard-Dougherty-Verfilmung „Nur noch 72 Stunden“. Elmore-Leonard-Fans werden mit „Sinola“ (mit Clint Eastwood) und „Valdez“ (mit Burt Lancaster) in den Wilden West entführt. Klassikerfreunde dürfen dagegen Jean-Luc Godards „Außer Atem“ und Orson Welles‘ „Citizen Kane“ genießen.
Der Mann aus dem Westen (USA 1958, R.: Anthony Mann)
Drehbuch: Reginald Rose
LV: Will C. Brown: The Border Jumpers, 1955
1874: Link Jones hat die Verbrecherlaufbahn zugunsten eines bürgerlichen Lebens aufgegeben. Als er während einer eines Zugüberfalls mit zwei Mitreisenden zurückbleibt führt er sie in eine Hütte, in der sie bereits von seinen alten Freunden erwartet werden. Ihr Anführer freut sich, dass das verlorene Schaf wieder zurückgekehrt ist. Aber ist das so?
Als der Film in die Kinos kam, war er bei der Kritik und dem Publikum ein Reinfall. Die französischen Kritiker waren begeistert und heute zählt „Der Mann aus dem Westen“ zu den anerkannten Western-Klassikern.
„’Man of the West’ zählt mit ‚The Naked Spur’ und ‚The Far Country’ zu seinen besten Western und damit zu de Hauptwerken des Genres überhaupt.“ (Joe Hembus: Das Western-Lexikon)
„Gary Coopers erste und einzige Begegnung mit dem Meisterregisseur Anthony Mann resultierte folgerichtig in dem ersten und einzigen wirklich großen Western seiner langen Karriere.“ (Homer Dickens: Gary Cooper und seine Filme)
„Mit Anthony Mann entdecken wir den Western als Arithmetik, wie in der ersten Mathematikstunde. Was bedeutet, dass ‚Der Mann aus dem Westen’ der intelligenteste aller Filme ist und zugleich der einfachste.“ (Jean-Luc Godard, Cahiers du Cinéma)
Reginald Rose schrieb auch die Drehbücher für „Die zwölf Geschworenen“ (nach seinem Theaterstück), „Ist das nicht mein Leben?“, „Die Wildgänse kommen“, „Die Seewölfe kommen“, „Das Kommando“ und „Wildgänse II – Sie fliegen wieder“.
Mit Gary Cooper, Julie London, Lee J. Cobb, Arthur O’Donnell, Jack Lord
„Blutrot“ von Jack Ketchum war für mich eines der besten Bücher des letzten Jahres. Entsprechend gespannt war ich auf die Verfilmung, die jetzt unter dem Originaltitel „Red“ als DVD erschienen ist.
Red heißt der Hund des Vietnam-Veterans, Witwers und Gemischtwarenladenbesitzers Avery Ludlow. Heute hat er den Laden seinem Personal überlassen und sitzt friedlich angelnd mit Red an einem einsam gelegenen Flussufer. Als drei Jungen kommen, ihn ärgern und ausrauben wollen, bleibt er ruhig. Weil er kein Geld dabei hat, erschießt Danny McCormack Ludlows betagten Hund.
Das war ein Fehler. Denn Ludlow möchte Gerechtigkeit für seinen Hund. Er möchte, dass die Jugendlichen ihr Unrecht einsehen und bereuen. Er findet heraus, dasszwei der drei Jungs Söhne des neureichen Unternehmers Michael McCormack sind. Ludlow geht zu ihm. Nach einem Gespräch glaubt McCormack seinem Sohn.
Ludlow bleibt hartnäckig und der Konflikt zwischen ihnen eskaliert.
Das sind die ersten Minuten des beeindruckenden Dramas „Red“. Lucky McKee und Trygve Allister Diesen erzählen, basierend auf Ketchums Roman und Stephen Suscos der Vorlage sehr verpflichtetem Drehbuch, schnörkellos eine klassische Geschichte, die einfach als der Kampf eines Mannes um Gerechtigkeit für seinen ermordeten besten Freund gesehen werden kann. Aber es geht, wie immer in einer guten Geschichte, um viel mehr.
Es geht um den Kampf zwischen zwei Wertesystemen. Ludlows altmodischer Ethos, dass man zu seinen Taten stehen soll, prallt gegen McCormacks ebenso verständlichen Wunsch, seine Kinder zu beschützen.
Es geht um unsere Beziehung zu Tieren. Für McCormack ist es nur ein Hund. Für das Gesetz ein Bagatellvergehen. Für Ludlow wurde sein bester Freund kaltblütig und vollkommen sinnlos ermordet.
Es geht um die Frage, wie weit wir für unsere Überzeugungen gehen. Gerade weil beide Seiten hartnäckig für ihre Position kämpfen, eskaliert der Konflikt immer weiter.
Es geht um unseren Umgang mit Gewalt und den Folgen von Gewalt.
Es geht auch um den Kampf zwischen einem lokal verwurzelten Kleinunternehmer und einem zugezogenem, skrupellosem Aufkäufer. Diese Konfrontation wird in der erweiterten Szene des ersten Gesprächs zwischen Ludlow und McCormack im Bonusmaterial und in Ketchums Roman deutlicher. Denn McCormack empfängt den unangemeldet bei ihm auftauchenden Ludlow nur, weil er gerne dessen Geschäft kaufen würde.
Und natürlich ist „Red“ ein in der Gegenwart spielender Western.
Gleichzeitig ist „Red“ ein Schauspielerfilm. Die Regisseure Lucky McKee und Trygve Allister Diesen (es kam während des Drehs aufgrund interner Probleme zu dem im Film nicht auffallenden Wechsel) wissen das. Die Schauspieler dürfen spielen und, weil die Geschichte so gut ist, muss nicht mit irgendwelchen Mätzchen von einer mangelnden Substanz abgelenkt werden.
Zu den besten Szenen gehören Ludlows Monolog wie er seine beiden Söhne und seine Frau verlor und Red versuchte die Katastrophe zu verhindern. Über mehrere Minuten bleibt die Kamera, fast ohne einen Schnitt, bei Brian Cox, der diese traurige Geschichte regungslos erzählt. Jeder der wenigen Schnitte weg von ihm stört. Diese Kraft des Minimalismus haben, wie im Bonusmaterial eine anders geschnittene Version dieser Szene zeigt, auch die Filmemacher erkannt. Die im Film enthaltene Version lässt zwar einen Subplot fallen, gewinnt aber dank der Reduktion an erzählerischer Kraft.
Auch die erste Konfrontation zwischen Ludlow und McCormack wird durch die Präsenz der beiden Schauspieler-Schwergewichte Brian Cox und Tom Sizemore getragen.
Ebenso eindrucksvoll in ihrer Einfachheit ist die Szene, in der Ludlow den Namen des jugendlichen Schützen herausfindet. In einem Waffenladen fragt er den Verkäufer. Dieser verweigert die Auskunft. Ludlow sieht einen Hund auf dem Boden liegen. Er sagt, dass der Junge kaltblütig seinen alten Hund erschossen habe. Der Besitzer (Delaney Williams) schickt seinen Verkäufer das Verkaufsbuch holen. Während der Verkäufer weg ist, erzählt er Ludlow, wie der Hund ihm das Leben rettete. Diese Erzählung ist im Roman nicht enthalten, aber Jack Ketchum hätte sie gut schreiben können. Ansonsten übernahm Susco viele Dialoge direkt aus dem Roman.
Diese Szenen fügen sich nahtlos in die Geschichte ein und machen „Red“ zu einem beeindruckenden, effizient erzählten Thriller über die Suche nach Gerechtigkeit. Das ist gutes altmodisches Hollywood-Erzählkino. Daher ist „Red“ der beste Clint-Eastwood-Film des Jahres ohne Clint Eastwood. Aber Brian Cox, der für seine Rolle auf dem renommierten Sitges-Filmfestival als bester Darsteller ausgezeichnet wurde, ist auch nicht schlecht.
Das Bonusmaterial der DVD besteht im Wesentlichen aus zwei längeren Szenen, die in einer leicht anderen Schnittfassung im Film enthalten sind, und einigen kürzeren Szenen. Insgesamt handelt es sich daher nur um wenige Minuten, die es nicht in den endgültigen Schnitt geschafft haben. Diese Szenen wurden aus unverständlichen Gründen in Geschnittene Szenen und Outtakes aufgeteilt. Außerdem gibt es den Trailer zum Film.
Red (Red, USA 2008)
Regie: Lucky McKee, Trygve Allister Diesen
Drehbuch: Stephen Susco
Mit Brian Cox, Noel Fisher, Tom Sizemore, Kyle Gallner, Shiloh Fernandez, Kim Dickens, Robert Englund, Amanda Plummer, Delaney Williams
Und wieder ein viel zu selten gezeigter Film, der zu einer rekorderfreundlichen Zeit gezeigt wird:
ARD, 03.25
Ein neuer Tag im Paradies (USA 1998, Regie: Larry Clark)
Drehbuch: Christopher B. Landon, Stephen Chin
LV: Eddie Little: Another Day in Paradise, 1998 (Ein neuer Tag im Paradies)
Empfehlenswertes, unsentimentales, hartes und schon lange nicht mehr gezeigtesGangster-Roadmovie und Erziehungsgeschichte mit James Woods und Melanie Griffith als Ersatz-Eltern.
Eddie Little (25. August 1955 – 20. Mai 2003) verarbeitete in seinem Debütroman „Another Day in Paradise“ autobiographische Erlebnisse. Er war ein Drogensüchtiger und Krimineller.
Mit James Woods, Melanie Griffith, Vincent Kartheiser, Natasha Gregson Wagner, James Otis, Peter Sarsgaard, Lou Diamond Phillips (Cameo)
Public Enemy No. 1 – Mordinstinkt (Mesrine: L’Instinct de mort)
Regie: Jean-Francois Richet
Drehbuch: Abdel Raouf Dafri, Jean-Francois Richet
LV: Jacques Mesrine: L’instinct de mort, 1977 (Der Todestrieb)
Zweiteiliges Biopic über Jacques Mesrine (1936 – 1979), einen im benachbarten Frankreich heute immer noch legendären Verbrecher. Im ersten Teil von „Public Enemy No. 1“ (ein sehr deutscher Titel) erfahren wir, wie Jacques Mesrine nach seiner Rückkehr aus dem Algerienkrieg 1959 den Respekt von Gangsterboss Guido gewinnt, in der Kriminellenhierarchie aufsteigt, nach Kanada fliehen muss, inhaftiert wird und aus einem Hochsicherheitsgefängnis flieht.
Im zweiten Teil „Todestrieb“, der am 21. Mai startet, erfahren wir dann, wie die Geschichte weitergeht.
In Frankreich war „Public Enemy No. 1“ ein mit drei Césars ausgezeichneter Kinohit. Cassel und Richet, der zuletzt das Remake von „Assault on Precint 13“ drehte, erhielten je eine Trophäe. Vincent Cassels Leistung, der für Darstellung mehrere Preise erhielt, wird noch bemerkenswerter, wenn man weiß, dass der Film chronologisch rückwärts gedreht wurde. So konnte er während des Drehs Gewicht verlieren, während er im Film immer älter und schwerer wird.
Bei uns dürfte auf der großen Leinwand, dank einem größeren Kinostart, endlich wieder ein französischer Gangsterfilm von mehr als einer Handvoll Leute gesehen werden.
mit Vincent Cassel, Cécile de France, Gérard Depardieu, Gilles Lellouche, Roy Dupuis
„Im Stil der Pulp Fiction, der Groschenromane und B-Pictures aus den 30er und 40er Jahren, komprimiert Quentin Tarantino eine Handvoll Typen und Storys zu einem hochtourigen Film noir (…) Ein ausgezeichnetes Darsteller-Ensemble, eine intelligente Inszenierung und ein gutes Timung durch flotte Schnitte tragen dazu bei, dass Blutorgien mit Slapstick und bitterer Zynismus mit leichter Ironie so raffiniert ineinander übergehen oder aufeinander folgen, dass die Brüche und Übergänge nicht stören.“ (Fischer Film Almanach 1995)
Tarantino erzählt von zwei Profikillern, die zuerst Glück und dann Pech bei ihrer Arbeit haben, einem Boxer, der entgegen der Absprache einen Boxkampf gewinnt und sich dann wegen einer Uhr in Lebensgefahr begibt, einem Gangsterpärchen, das ein Schnellrestaurant überfällt, einem Killer, der die Frau seines Chefs ausführen soll und in Teufels Küche gerät, einer Gangsterbraut, die eine Überdosis nimmt, einem Killer, der zum Christ wird und von einem Tanzwettbewerb.
Kurz: wir haben mit einem Haufen unsympathischer Leute eine verdammt gute Zeit.
Der Kassenknüller erhielt zahlreiche Preise, aber für Krimifans zählt natürlich nur der gewonnene Edgar.
Noch-Nicht-Tarantino-Fans dürfen in zwei Wochen, am 7. Mai, im WDR um 23.15 Uhr die schon lange überfällige TV-Premiere von „Reservoir Dogs“ genießen. Die anderen können den Film dann zum x-ten Mal sehen und so die Zeit bis zum 20. August, dem Deutschlandstart von seinem neuen Film „Inglourious Basterds“ (Cooler Trailer!) überbrücken
Mit Tim Roth, Harvey Keitel, Uma Thurman, Amanda Plummer, John Travolta, Samuel L. Jackson, Bruce Willis, Rosanna Arquette, Ving Rhames, Eric Stoltz, Christoper Walken, Quentin Tarantino, Steve Buscemi
Wiederholung: Freitag, 24. April, 03.15 Uhr (Taggenau!)
Alfred Hitchcock erklärte Suspense oft am Beispiel der Männer, die Karten spielen, während unter ihrem Tisch eine Bombe tickt. Sie wissen nichts von der Bombe. Wir wissen, wann die Bombe explodiert und hoffen, dass sie vorher mit ihrem Spiel aufhören, weggehen oder die Bombe entdecken. Alfred Hitchcock hätte Suspense auch anhand fast jeder der jetzt auf DVD erschienenen zwanzig halbstündige Folgen von „Alfred Hitchcock präsentiert“ erklären können.
Wie schon bei den beiden aufwändig gestalteten und absolut empfehlenswerten „Alfred Hitchcock zeigt“-Boxen, die jeweils zehn Folgen der ab 1962 einstündigen Krimiserie enthalten, sind in „Alfred Hitchcock präsentiert“ einige der vom Meister selbst inszenierten Folgen, einige von inzwischen bekannten Regisseuren, die damals noch am Anfang ihrer Karriere standen, einige mit heute bekannten Schauspielern (wie Steve McQueen, Walter Matthau, George Peppard und Burt Reynolds) und, insgesamt, einfach gute Krimis enthalten. Einige Folgen wurden bereits in den Sechzigern, teilweise gekürzt, im deutschen Fernsehen gezeigt. Einige wurden, wozu auch die klassische, für zwei Emmys nominierte Folge „Mordwaffe: Lammkeule“ gehört, erst 1999 im WDR als Originalfassung mit Untertiteln gezeigt und einige, wie Robert Altmans „Auf immer und ewig“ (mit Joseph Cotten), sind DVD-Premieren.
„Mordwaffe: Lammkeule“, vom Meister Alfred Hitchcock selbst nach einem Drehbuch von Roald Dahl inszeniert, ist ein grandioses Beispiel für seinen schwarzen Humor und jeder dürfte die Geschichte kennen: Die schwangere Ehefrau (grandios gespielt von Barbara Bel Geddes) erschlägt, nachdem er ihr sagt, er werde sich von ihr scheiden lassen, mit einer Lammkeule ihren untreuen Ehemann. Anschließend schiebt sie die Lammkeule in den Ofen, verschafft sich ein improvisiertes Alibi und ruft die Polizei an. Während der Detective in der Wohnung ermittelt, hoffen wir, dass sie ungestraft davon kommt. Am Ende serviert sie den ausgehungerten Polizisten das Abendessen. Sie beginnen dankbar zu essen und der Ermittler sagt, während sie genussvoll die Lammkeule verzehren: „Wahrscheinlich haben wir die Mordwaffe direkt vor der Nase.“ Gleichzeitig fährt die Kamera auf die im Nebenzimmer sitzende, lächelnde Mörderin.
Mehr klassische Suspense gibt es in den ebenfalls von Hitchcock inszenierten Folgen„Peng! Du bist tot“ und „Die Leiche im Kofferraum“. In der ersten Geschichte gelangt zufällig ein geladener Revolver in die Hände eines Jungen, der als Cowboy verkleidet durch die Vorstadt läuft und mit dem Revolver immer wieder auf Leute schießt. Die ganze Folge wird von der Frage beherrscht, wann sich ein Schuss löst.
In der zweiten Geschichte versteckt ein Mann seine tote Frau im Kofferraum. Er will ihre Leiche wegbringen. Allerdings ist sein Rücklicht defekt und ein hilfsbereiter Polizist beginnt ihn zu verfolgen.
Robert Altmans „Auf immer und ewig“ ist ein weiteres gutes Beispiel für Suspense. Am Vorabend des langen Weihnachtswochenendes bringt der reich verheiratete Playboy Tony Gould (Joseph Cotten) seine heimliche Geliebte, die ihn unbedingt heiraten will, um. Dummerweise ist er jetzt mit ihr in einem Eckzimmer in einem verlassenen Bürohaus eingesperrt. Er versucht, ohne entdeckt zu werden, aus dem Raum zu entkommen.
Suspense der etwas anderen Art gibt es in „Schweigen ist Silber“. Ein Vater versucht seinen sehr lebhaften Jungen auf einer Zugfahrt für einige Minuten zum Schweigen zu bringen. Die Gelegenheit ergibt sich, als ihnen im auf der Strecke stehen gebliebenen Zug, ein Mitreisender eine Geschichte erzählen will. Der Vater sagt dem Jungen, dass er eine wertvolle Münze nur erhalte, wenn er der Geschichte des Mitreisenden schweigend zuhöre. Während dieser spricht, sieht der Junge, wie jemand von außen an die vereiste Fensterscheibe klopft. Der Junge ist hin und hergerissen, zwischen schweigen oder den anderen von dem draußen Erfrierenden zu erzählen. Dieser Konflikt ist so spannend, dass man der Geschichte des Mitreisenden überhaupt nicht mehr zuhört.
Schwarzhumoriges gibt es nicht nur in den Präsentationen von Alfred Hitchcock. Auch einige Episoden sind schwarzhumorige Kabinettstücke. Da wäre der ultrageizige Gatte in „Wer soll das bezahlen?“. Einerseits möchte er seine plötzlich allzu spendable Frau umbringen. Andererseits sollte das möglichst billig vonstatten gehen.
Oder in „Ein Fressen für die Hühner“. In der von Hitchcock inszenierten Geschichte erzählt Laurence Harvey (Botschafter der Angst) als Chef einer riesigen, modernen Hühnerfarm seelenruhig von dem perfekten Mord.
Besonders „Das gute Geschirr“ ist, wie öfters in „Alfred Hitchcock präsentiert“ und in „Alfred Hitchcock zeigt“, eine (schwarzhumorige) Sternstunde für ältere Schauspielerinnen. In dieser Episode spielen Estelle Winwood (geb. 1883), Elizabeth Patterson (geb. 1875), Ellen Corby (geb. 1911, sie war später die Grandma bei den „Waltons“) und Ida Moore (geb. 1882) noch einmal groß auf. Die Damen verlieben sich in den gegenüber eingezogenen, gut aussehenden Inspektor. Da trifft es sich gut, dass gerade eine von ihnen verschieden ist. Kurz darauf stirbt eine weitere von ihnen und der nette Polizist muss wieder zu ihnen kommen.
Auch „Wohl dem, der lügt“ ist vor allem eine halbe Stunde für Herbert Marshall (geb. 1890), der als alter Schauspieler während eines Abends verzweifelt versucht eine Rolle in einem Theaterstück zu ergattern.
Die Ray-Bradbury-Verfilmung „Eine Marionetten-Bescherung“ ist eigentlich eine Science-Fiction-Geschichte. In ihr ersetzt ein Mann sich durch einen Roboter, der seine Frau abends unterhält, während er in die Kneipe geht. Aber der Roboter entwickelt einen eigenen Willen.
Auch Fredric Browns „Geschichten, die das Leben schreibt“ mit dem jungen Steve McQueen als Zeitungsreporter spielt mit der Wirklichkeit. Denn er soll sich mit einem Mann unterhalten, der behauptet, ein Marsmensch zu sein.
Es gibt sogar einer einen fast klassischen Whodunit in „Alfred Hitchcock präsentiert – Teil 1“. In „Das Geständnis“, einer weiteren von Hitchcock inszenierten Episode, will ein Inspektor bei einem Abendessen den Mörder überführen, indem er den Geist der Toten wiederauferstehen lässt.
Für Albert Pelham ist in der ebenfalls von Alfred Hitchcock inszenierten Episode „Der Doppelgänger“ dagegen sein Leben der nackte Horror. Denn er glaubt, dass ein Anderer ihm sein Leben stehlen will, indem er sich als Albert Pelham ausgibt. Aber niemand scheint Pelham glauben zu wollen, dass es erstens den Doppelgänger gibt und zweitens er der echte Mr. Pelham ist. Das gewohnt überraschende Ende zeigt dann eine ungeahnte Dimension des Horrors.
Gerne erzählen die Macher von „Alfred Hitchcock präsentiert“ Geschichten aus der Sicht des Täters oder des Opfers; – wobei am Ende oft der Täter das Opfer ist, und umgekehrt. Das gilt für „Vorteil Rückschläger“. In dieser von Arthur Hiller inszenierten Episode soll ein in einem Wettbüro Angestellter herausfinden, warum einer ihrer guten Kunden seit drei Monaten nicht mehr wettete. Er trifft dessen schöne Frau, die ihm sagt, ihr Mann sei vor sechs Monaten gestorben. Er will das Rätsel lösen.
In der von Henry Slesar geschriebenen Folge „Perlen, Perlen“ versucht ein Schmuckhändler an eine zweite Perle, die er teuer verkaufen will, zu gelangen. Aber wer betrügt hier wen? Der distinguierte Händler den Kunden, einen stinkreichen, in eine junge Frau verliebten Gockel? Der Verkäufer, ein heruntergekommener, trinkfreudiger Seefahrer, den Händler? Oder die junge Frau die Männer?
Ebenfalls von Henry Slesar ist die geradlinige Gangstergeschichte „Davie hat keine Nerven“ mit Walter Matthau als Profigangster. Nach einem Überfall muss er mit seinem jungen, nervösem Komplizen untertauchen. Als sie erfahren, dass es eine von der Polizei bewachte Zeugin gibt, will der Ältere herausfinden, was sie genau gesehen hat. Als falscher Polizist, in einer schmucken Uniform, geht er zu ihr.
In „Scheidung auf amerikanisch“, dem Regiedebüt von Gordon Hessler, bereitet ein von seiner herrischen Frau gequälter Mann (Martin Balsam) alles für einen baldigen Todesfall vor. Wie so oft gehören auch hier die Sympathien dem Täter.
„Galgenfrist“ ist dagegen eine handfeste Abenteuergeschichte. In Mexiko versucht ein Bauleiter, trotz unrealistischem Zeitplan, fristgerecht einen Tunnel durch einen Berg zu graben. Mit einem neuen Assistenten könnte das Unternehmen gelingen. Aber der Bauleiter glaubt, dass der ein flüchtiger Mörder ist und alles tun wird, um nicht der Justiz ausgeliefert zu werden.
Flüchtige Verbrecher spielen auch in „Flucht nach Sonoita“ eine Rolle. Die von Stuart Rosenberg inszenierte Folge hat mit Burt Reynolds und Harry Dean Stanton gleich zwei bekannte Namen. Zwei Verbrecher klauen in der Wüste, nach einem Unfall, einen Tanklaster und lassen den alten Fahrer, der die Gegend wie seine Westentasche kennt, seinen Beifahrer und ihre Geisel ohne Wasser zurück. Aber der Fahrer hat noch ein Ass im Ärmel.
Etwas weiter südlich, in Mexiko, hat ein junges amerikanisches Ehepaar in „Eine wertvolle Leiche“ mit ihrer plötzlich verstorbenen Schwiegermutter Probleme. Denn die Engländerin ist illegal mit ihnen nach Mexiko eingereist und das unauffällige zurückbringen der Leiche ist schwieriger als gedacht. George Peppard spielt den netten Schwiegersohn. Peter Lorre den schmierigen, aber dafür gegen Geld umso hilfsbereiteren Privatdetektiv, der, wie alle, mit der Toten seinen Schnitt machen will.
Für ungefähr fünfzig Jahre alte Fernsehsendungen sind das Bild und der Ton, auch verglichen mit den etwa zeitgleich entstandenen deutschen Francis-Durbridge-Verfilmungen, erstaunlich gut. Die Trailer zu vier Hitchcock-Filmen dürften in der Originalfassung bereits bekannt sein. Die deutsche Synchronisation ist dagegen unbekannter und daher sind sie eine nette Beigabe. Sehr lobenswert ist, wie bereits bei „Alfred Hitchcock zeigt“, das informative Booklet.
Und in den zwanzig halbstündigen Episoden werden auch für heutige Sehgewohnheiten noch sehr spannende und effizient erzählte Geschichten mit überraschenden Schlusspointen präsentiert.
LV: Dennis Lehane: Mystic River, 2001 (Spur der Wölfe, Mystic River)
Jimmy Markum, Dave Boyle und Sean Devine waren Jugendfreunde. Jahrzehnte später treffen sie sich wieder. Jimmys Tochter wurde ermordet. Sean soll als Polizist den Mörder finden und Dave gerät in Verdacht, sie umgebracht zu haben.
Seit einigen Jahren dreht Clint Eastwood einen grandiosen Film nach dem nächsten. Auch „Mystic River“ ist ein ruhiges, im positiven Sinn altmodisch erzähltes, düsteres Drama ohne einfache Lösungen über Schuld, Sühne und der Frage nach Gerechtigkeit.
Mit seinen exzellenten Schauspielern, dem guten Drehbuch, der ruhigen Kameraarbeit (Tom Stern, seit „Honkytonk Man“ [1982] bei fast jedem Eastwood-Film dabei) und der stimmigen Musik (Clint Eastwood himself) ist der Film sogar dem etwas ausufernden Roman überlegen.
Neben zahlreichen Nominierungen und Preisen wurde Helgelands Buch auch für den Edgar Allan Poe-Preis als bestes Drehbuch nominiert.
Mit Sean Penn, Tim Robbins, Kevin Bacon, Laurence Fishburne, Marcia Gay Harden, Laura Linney
Der aus dem Regen kam (F/I 1969, R.: René Clement)
Drehbuch: Sébastien Japrisot, Lorenzo Ventavoli
Buch zum Film: Sébastien Japrisot: Le passager de la pluie, 1992
Mellie erschießt in Notwehr einen Fremden und lässt die Leiche verschwinden. Eines Tages taucht ein geheimnisvoller Amerikaner auf und erpresst sie.
Spannender Psycho-Thriller: „La mise en scène est irréprochable, l’interprétation excellente et le film distille un charme doux-amer plein de suspense. Mais trop de froideur et une intrigue confuse finissent par lasser. Il n’est pas certain que ce film résiste à des diffusions répétées tant ses limites finissent par devenir évidentes.“ (Dictionnaire du cinéma, Robert Laffont)
„Geschickt ausgetüftelter Psycho-Thriller.“ (Lexikon des internationalen Films) „Eine ironische Annäherung an das Genre.“ (Meinolf Zurhorst: Lexikon des Kriminalfilms – Völlig überarbeitete Neuauflage)
Der Film war für den Edgar nominiert und gewann den Golden Globe als bester fremdsprachiger Film
Mr. Ripley und die Kunst des Tötens (D/GB 2005, R.: Roger Spottiswoode)
Drehbuch: William Blake Herron, Donald E. Westlake
LV: Patricia Highsmith: Ripley Under Ground, 1970 (Ripley Under Ground)
Tom Ripley finanziert seinen gehobenen Lebensstil mit echten und falschen Derwatt-Gemälden. Denn niemand weiß, dass Derwatt beriets tot ist und damit das so bleibt, muss Ripley morden.
Endlich feiert die Highsmith-Verfilmung zu der Donald Westlake das Drehbuch schrieb, seine TV-Premiere. Auf DVD ist das Werk schon länger erhältlich.
“RIPLEY UNDER GROUND is a lighthearted black comedy, cloaked in the guise of a murder mystery. (…)RIPLEY UNDER GROUND is well-made, enjoyable fluff, and has enough pleasant twists to make it worth seeking out.” (Peter Martin, twitchfilm.net)
Mit Barry Pepper, Jacinda Barrett, Tom Wilkinson, Willem Dafoe, Alan Cumming, Claire Forlani
Auch bekannt als “Ripley Under Ground” (DVD-Titel)
Wiederholung: Mittwoch, 22. April, 00.20 Uhr (Taggenau!)
Das ist doch ein Arte-Themenabend für Krimifans: „Psychopathen – Meister der Grausamkeit“. Den Anfang macht:
Arte, 20.15
Der talentierte Mr. Ripley (USA 1999, R.: Anthony Minghella)
Drehbuch: Anthony Minghella
LV: Paricia Highsmith: The talented Mr. Ripley, 1955 (Nur die Sonne war Zeuge, Der talentierte Mr. Ripley)
Eigentlich sollte der mittellose Tom Ripley den reichen Reedersohn Dickie Greenleaf nur aufspüren und wieder nach Hause bringen. Aber sie sehen sich so verdammt ähnlich und Ripley gefällt das Leben als reicher Müßiggänger.
Zweite Verfilmung des ersten Tom Ripley-Romanes (hier: Matt Damon, 1960 in der legendären Erstverfilmung „Nur die Sonne war Zeuge“ von René Clement war es Alain Delon) – dieses Mal als klassisches Hollywood-Kino, welches die Atmosphäre der 50er perfekt rekonstruiert. „Der talentierte Mr. Ripley“ ist im Wesentlichen nettes, etwas langatmiges, nicht sonderlich fesselndes Ausstattungskino.
Mit Matt Damon, Gwynieth Paltrow, Jude Law, Cate Blanchett
LV: Robert Ludlum, Gayle Lynds: The Hades Factor, 2000 (Der Hades Faktor)
Böse Menschen lassen in den USA einen mörderischen Ableger des Ebola-Viruses frei. Nur der ehemalige Agent Jon Smith kann die Terroristen stoppen.
Die Besetzung ist gut. Es wurde viel in Berlin gedreht (Lokalpatriotismus). Der Trailer sieht sehr nach “24” aus. Stephen Dorff wird zu einem Kiefer Sutherland-Lookalike. Und Anjelica Huston spielt die Präsidentin der USA. Das klingt ziemlich vielversprechend. Am Ende ist es doch nur ein dreistündiger TV-Film, der das Versprechen des Trailers niemals einlöst. Dafür gibt es zu wenig Action, zu wenige Verwicklungen und alles ist zu eindeutig in Gut und Böse unterteilt. Nett, aber trotz der Besetzung verzichtbar.
“Relativ aufwändiger und prominent besetzter TV-Zweiteiler, der sich stereotyper Feindbilder bedient.“ (Lexikon des internationalen Films)
Mit Stephen Dorff, Danny Huston, Mira Survino, Anjelica Huston, Blair Underwood, Sophia Myles
Es dauerte 25 Jahre, bis der Knoten platze und Hollywood begann, die Romane von Jack Ketchum zu verfilmen. Dabei genoss bereits sein erstes Werk „Off Season“ (Beutezeit) unter Horrorfans schnell Kultstatus. Stephen King, um nur seinen bekanntesten Fan zu nennen, preist seit Jahren unermüdlich seine Werke. Aber Hollywood schwieg.
2005 war mit der Verfilmung des für den Bram-Stoker-Preis nominierten „The Lost“ dann anscheinend der Bann gebrochen. Schnell folgten „The Girl next Door“ und „Red“ (Filmbesprechung folgt). „Offspring“ befindet sich gerade in der Postproduktion. Und was, wenn wir an die vielen misslungenen Stephen-King-, Elmore-Leonard- und Donald-Westlake-Verfilmungen denken, am erstaunlichsten ist, ist die Tatsache, dass die Jack-Ketchum-Verfilmungen bis jetzt wirklich den Tonfall der Vorlagen treffen.
Jack Ketchums Roman „The Lost“
In „The Lost“ erzählt Jack Ketchum die Geschichte eines Psychopathen und mehrerer, ihn wie Satelliten umkreisender, seelisch verlorener Menschen während des für sie nicht existierenden Summer of Love.
1965 ermordet der Teenager Ray Pye nachts am See Lisa Steiner. Elise Hanlon kann schwerverletzt flüchten. Pyes Freunde Tim Bess und Jennifer Fitch haben die Tat beobachtet und ihm geholfen die Spuren zu verwischen.
Vier Jahre später stirbt Elise Hanlon, die nie aus dem Koma erwachte. und der Kleinstadt-Detective Charlie Schilling möchte den Fall immer noch lösen. Doch anstatt den Krimiplot energisch voranzutreiben, entwirft Jack Ketchum ein pessimistisches Porträt einiger Bewohner der Kleinstadt Sparta, New Jersey, bei dem die Zahl der Sympathieträger an den Fingern einer abgehackten Hand abgezählt werden kann. Neben dem an Minderwertigkeitskomplexen leidenden Psychopathen Ray Pye, der bevorzugt jüngere Frauen vögelt und als kleiner Drogenhändler der ungekrönte König der Kleinstadtjugendlichen ist, den ihm hörigen Freunden Tim Bess und Jennifer Fitch, die nichts gegen Rays zahlreiche Seitensprünge hat, sind das vor allem die beiden 1965 ermittelnden Polizisten und ein gerade aus San Francisco zugezogenes Mädchen.
Detective Charlie Schilling ist ein geschiedener Alkoholiker, der seine Abende nach dem Besuch in der Bar, allein vor dem Fernseher mit einer Dose Bier verbringt. Sein Kollege Ed Anderson ist inzwischen Frührentner und hat eine Beziehung zur gerade volljährig gewordenen Sally Richmond. Katherine Wallace, das neuen Mädchen in der Stadt, findet Ray Pye interessant, hat eine in der Irrenanstalt sitzende, todkranke Mutter und stiftet Ray zu mehreren kleinen Verbrechen an. Keiner von ihnen taugt als Vorbild. .
Nach Hanlons Tod beginnt Charlie Schilling wieder den Druck auf Pye zu erhöhen. Er will ihn jetzt endlich als Doppelmörder überführen, indem er dessen übergroßes Ego beschädigt. Er sprengt eine Party von Pye, bei der er kostenlos Drogen an Minderjährige verteilte. Gleichzeitig überzeugt er Sally Richmond, die Stelle in dem Motel der Familie Pye, wo auch Ray arbeitet, zu kündigen, und er redet mit Pyes Freunden. Pyes Nerven sind deshalb schon zum Zerreißen gespannt. Verschärfend kommt für den Kleinstadt-Aufreißer hinzu, dass Sally nicht mit ihm ins Bett steigen will, seine große Liebe Katherine die Beziehung zu ihm beendet und Tim, der für ihn Drogen bei sich aufbewahrt und dabei ungefragt einen Teil für sich abzweigt, ihn betrügt.
Das alles wird Pye irgendwann zuviel und er explodiert. Er beginnt sich an all den Menschen, die sich ihm verweigerten, in einem Amoklauf zu rächen.
Jack Ketchums großartiger, aber auch bedrückender und beunruhigender Roman ist die fast klinische Studie eines Amokläufers und seines Umfeldes.
Dabei ist „The Lost“ so sehr mit der Handlungszeit, dem August 1969, verbunden, dass eine andere Handlungszeit unmöglich erscheint. Denn während die Hippiebewegung den Summer of Love und Woodstock feiert, ist in Sparta nichts von der Utopie einer besseren Welt angekommen. Nur die Drogen und die Gewalt, gepaart mit einer kräftigen Portion reaktionärem Denken, sind in der Provinz angekommen; – falls sie nicht schon immer da waren. Pyes erste Sätze im Buch und im Film sind, nachdem er sieht, wie die Freundinnen Steiner und Hanlon sich einen unschuldigen Kuss geben: „Ach du Scheiße. Lesben. Mann, das ist echt widerlich.“
Das und seine Neugier, wie es ist, einen Menschen sterben zu sehen, führen zu den ersten Morden.
Später ist er von dem Morden der Charlie-Manson-Familie, vor allem dem bestialischen an Sharon Tate, fasziniert. Zum wenige Tage später stattfindenden Woodstock-Festival will er allerdings nicht fahren. Denn dort ist alles versammelt, was er verabscheut. Insofern zeigt Jack Ketchum, ähnlich wie die Rockband „Velvet Underground“, die düstere Seite der späten sechziger Jahre.
Chris Sivertsons Film „The Lost“
Chris Sivertson, der das Drehbuch schrieb und Regie führte, verlegte die Geschichte in eine seltsam zeitlose Gegenwart, indem er alle direkten Hinweise auf die Sechziger tilgte. Aber die Gegenwart mit Computern, Flachbildschirmen, Handys und HipHop ist in Sivertsons Kleinstadt-Amerika noch lange nicht angekommen. Davon abgesehen folgt er fast schon sklavisch Ketchums Geschichte und dessen düsterer Vision der menschlichen Gemeinschaft von kaputten und dysfunktionalen Beziehungen. Die einzige intakte Beziehung im Buch und im Film, die Liebe von Ed Anderson und Sally Richmond, wird von ihnen vor der Öffentlichkeit verschwiegen. Damals, wir erinnern uns an Vladimir Nabokovs 1955 zuerst in Frankreich erschienes Meisterwerk „Lolita“, war eine Beziehung zwischen einer gerade gesetzlich volljährigen Frau und einem sechzigjährigen Mann nicht viel weniger skandalös als heute.
Die oft aus zahlreichen Nebenrollen bekannten Schauspieler sind großartig: Michael Bowen (Jackie Brown, Magnolia, Kill Bill) als fanatischer Alki-Polizist. Ed Lauter (Die Kampfmaschine/Die härteste Meile, French Connection II, Nevada-Pass, Familiengrab, Cujo) als sein Ex-Kollege und Tony Carreiro (Lethal Weapon 2, Ensemblemitglied der bei uns nie gezeigten Comedy-Serie „Doctor, Doctor“ und zahlreiche Gastauftritte in TV-Serien) als Katherines Vater. Eine besondere Erwähnung verdient Dee Wallace-Stone (E. T., Cujo). Sie tritt nur in einer einzigen Szene als Mutter von Elise Hanlon auf. Aber ihr Gespräch an der Haustür mit Polizist Schilling als von Schmerzen geplagte, betrunkene, von zuviel Alkohol und Drogen aufgequollene und verlebte Mutter bleibt nachhaltig im Gedächtnis.
Auch die noch unbekannten jugendlichen Darsteller, die teilweise aus einschlägigen Filmen und Gastauftritten in TV-Serien bekannt sind, überzeugen: Marc Senter als Ray Pye, Shay Astar als Jennifer Fitch, Alex Frost als Tim Bess, Megan Henning als Sally Richmond und Robin Sydney als Katherine Wallace.
„Jack Ketchum’s The Lost“ ist eine gelungene Romanverfilmung und ein präzises Porträt einer Gruppe Jugendlicher und wie ein Verbrechen ihr Leben beeinflusst. Es ist allerdings auch kein angenehmer Film. Gerade wegen des Mangels an potentiellen Sympathieträgern und seinen präzisen Beobachtungen ist es kein Film für einen entspannt-vergnügten Samstagabend. Denn entgegen dem Hollywood-Trend heischt Sivertson in seiner Independent-Produktion nicht um falsche Sympathie für seine Charaktere. Diese Haltung erinnert an Larry Clarks illusionslosem Blick auf die New Yorker Jugendlichen im New York der Neunziger in seinem semidokumentarischen Debüt „Kids“.
Sivertson, der mit „Jack Ketchum’s The Lost“ sein Debüt als alleiniger Regisseur gab und später den Razzie-Liebling „I know who killed me“ (Ich weiß, wer mich getötet hat) drehte, ist hier ein erstaunlich souveräner Regisseur. Schon seine präzise Einführung des Psychopathen Ray Pye als letztendlich und trotz aller Coolness ziemlich armen Wicht verrät alles wirklich Wissenswerte über ihn. Der Film beginnt mit dem Textinsert „Es war einmal ein Junge namens Ray Pye, der steckte zerdrückte Bierdosen in seine Stiefel um größer zu sein.“ Erst danach sehen wir von hinten den zu einem im Wald liegenden Klo stacksenden Pye und seine verklemmt-witzige Reaktion, als er das nackte Mädchen, das er später umbringen wird, sieht. Dazu ertönt „The Pied Piper“, gesungen von Crispian St. Peters und wir wissen, dass wir mehr über diesen Typen im ärmellosen, schwarzen T-Shirt erfahren wollen.
Die Charaktere, ihre Beziehungen und die sich zwischen ihnen entwickelnde Dynamik stehen in „Jack Ketchum’s The Lost“ eindeutig im Mittelpunkt. Denn trotz der FSK-18-Freigabe, die aufgrund des durchweg pessimistisch-nihilistischen Tonfalls in Ordnung geht, ist bis auf den Doppelmord an den Teenagern am Anfang und Ray Pyes Amoklauf am Ende des Films wenig körperliche Gewalt zu sehen.
Die DVD
Das Bonusmaterial ist sehr überschaubar, weil der interessanteste Teil der Verleihfassung, der Audiokommentar, nicht übernommen wurde. Der Grund dafür ist ganz einfach: Für die Kaufversion musste New KSM die Schere ansetzen. Dabei wurde, wie der Schnittbericht zeigt, das Ende um über zwei Minuten gekürzt.
Ich halte das für eine Unverschämtheit.
Nicht dass New KSM die Schere ansetzte. Das ist aus ökonomischen Gründen nachvollziehbar. Sondern dass wegen der FSK Erwachsene einen Film nur verstümmelt sehen dürfen. Denn wenn ich mir das Originalende ansehe, muss ich sagen, dass ich in anderen Filmen, wie „Saw“, schon schlimmeres gesehen habe und hier die Gewalt die konsequente und aus der Geschichte begründete Eruption einer lange aufgestauten Wut von Pye und Schilling ist. Das ist schmerzhaft anzusehen, aber Erwachsene sollten so etwas sehen dürfen.
Jack Ketchum’s The Lost – Teenage Serial Killer (The Lost, USA 2005)
Regie: Chris Sivertson
Drehbuch: Chris Sivertson
Mit Marc Senter, Shay Astar, Alex Frost, Megan Henning, Robin Sydney, Dee Wallace-Stone, Michael Bowen, Ed Lauter, Erin Brown
LV: Marc Behm: The eye of the beholder, 1980 (Das Auge)
Ein Privatdetektiv soll eine Frau beschatten. Dummerweise ist sie eine Serienmörderin und er entwickelt väterliche Gefühle für sie.
Von der Kritik hochgelobtes, düster-humorvolles Roadmovie mit Hichcock-Anleihen über eine obsessive Liebe.
Claude Miller zu seinem vierten Spielfilm: „Das ist wie in den großen Erziehungsromanen, in denen die Personen reisen, um sich am Ende ihres Lebens mit einer Fülle von Erfahrungen in ihrem eigenen Garten wiederzufinden. Diese innerliche Reise gibt es im Film – sie ist etwas, das ich auf der Reise der männlichen Hauptfigur, des ‚Auges’, wie eine Art von Therapie behandeln möchte.“
Mit Michel Serrault, Isabelle Adjani, Guy Marchand, Stéphane Audran, Geneviève Page, Sami Frey
Tatort: Wo ist Max Gravert? (D 2005, R.: Lars Kraume)
Drehbuch: Lars Kraume
Jahrelang quälte der Hessische Rundfund uns mit unterirdischen Tatorten und einem Fliege tragendem Ermittler. Als Brinkmann-Darsteller Karl-Heinz von Hassel dann endlich in den Ruhestand ging, wurde anscheinend in Frankfurt ein Schalter umgelegt und seitdem erfreut das Team Jörg Schüttauf/Andrea Sawatzki (aka Dellwo/Sänger) mit guten, in der Wirklichkeit stehenden Krimis.
In ihrem sechsten Fall setzt sich Max Gravert mit den Millionen von seinen krebskranken Versicherten ab. Zwei der Todgeweihten (Jürgen Vogel und Tom Schilling) sind extrem stinkig und gehen bei ihrer Suche nach Max Gravert und der Kohle über Leichen. Die Kommissare Dellwo und Sänger versuchen das Schlimmste zu verhindern.
2006 erhielt dieser Tatort den Publikumspreis beim Deutschen Fernsehkrimipreis.
Mit Andrea Sawatzki, Jörg Schüttuaf, Thomas Balou Martin, Oliver Booth, Tom Schilling, Jürgen Vogel, Matthias Matschke