Zweimal Delon. Einmal Top, jedenfalls künstlerisch, einmal Flop.
ARD, 00.35
Monsieur Klein (F/I 1976, R.: Joseph Losey)
Drehbuch: Franco Solinas, Fernando Morandi, Joseph Losey
Paris 1942: Robert Klein verdient als Kunsthändler gut an der Not der Juden. Eines Tages liegt vor seiner Haustür ein an ihn adressiertes Exemplar der „Les informations juives“. Klein will herausfinden, warum er die Zeitung zugeschickt bekommen hat. Er erfährt von einem gleichnamigen Juden, der sich anscheinend seiner Identität bemächtigen will.
Kafkaesker Alptraum ohne die Hoffnung auf ein Happy End, von Losey karg und sehr stilbewusst inszeniert. Delons zurückhaltendes Spiel passt perfekt zur Rolle des emotionslosen Mitläufers, der nur an sich denkt und dabei zielsicher ins Verderben läuft.
Delon war für einen Cesar als bester Schauspieler nominiert, Losey erhielt einen für die Regie und der Film gewann den Cesar für bester Film.
mit Alain Delon, Jeanne Moreau, Michel Lonsdale, Juliet Bertot, Suzanne Flon, Jean Bouise
Drehbuch: Alain Delon, Robin Davis, Dominique Robelet, Claude Veillot
LV: Jean-Patrick Manchette: La position du tireur couché, 1981 (Die Position des schlafenden Killers, Position: Anschlag liegend)
Profikiller Martin Terrier hat genug Geld und will aussteigen. Das gefällt seinen Chefs nicht.
Eine weitere hochkarätig besetzte, misslungene Manchette-Verfilmung, die für das deutsche Publikum um 15 Minuten gekürzt. Die Originallänge beträgt 100 Minuten.
Mit Alain Delon, Catherine Deneuve, Philippe Léotard, Stéphane Audran
Im Tagesspiegel unterhält Rainer Tittelbach sich mit Drehbuchautor Christian Jeltzsch. Er schrieb die Bücher für etliche „Tatorte“, einige „Polizeirufe“, dreimal ließ er „Kommissarin Lucas“ ermitteln, er war „Am Ende der Eiszeit“ und er erfand den neuen Kommissar Kreutzer (der von Christoph Maria Herbst gespielt wird):
Viele Redakteure haben gesagt, sie fänden die Figur Kreutzer super, aber sie würden das im Sender nicht unterkriegen. Hauptgegenargument: „Das gab es noch nie.“ Bedenken gab es auch wegen der Einheit des Ortes. Wird das nicht zu viel Kammerspiel? Will das der Zuschauer sehen? Es fehlte der Mut, das auszuprobieren. Bei den Öffentlich-Rechtlichen setzt man lieber auf Bewährtes in Variation. Oft heißt es: „Wollen wir nicht etwas machen wie …?“
–
Schon einige Tage online, immer noch aktuell und inzwischen auch locker erreichbar: Lobbypedia – eine Seite über; hier steht’s doch:
Lobbypedia stellt den Einfluss von Unternehmen und Lobbyorganisationen auf staatliche Einrichtungen, Gesetzgebungsprozesse sowie Medien und die öffentliche Meinung dar. Lobbypedia ist ein Projekt der gemeinnützigen Initiative LobbyControl.
Derzeit arbeiten wir an drei Themenportalen, die Sie in der linken Navigationsleiste finden: die Seitenwechsel von PolitikerInnen, das Portal Bau- und Immobilienlobby aus Anlass Stuttgart 21 und die Lobbyarbeit der Finanzbranche.
Alain Delon, geboren in Sceaux, einem Vorort von Paris, am 8. November 1935 um 5 Uhr 25
Filmdebüt 1957 als Jo in Yves Allégrets „Killer lassen bitten“ (Quand la femme s’en mèle). Ein Film, den man nicht kennen muss, aber dann kamen:
1960 war er Tom Ripley in René Clements Patricia-Highsmith-Verfilmung „Nur die Sonne war Zeuge“ (Plein soleil)
1960 war er Rocco in Luchino Viscontis „Rocco und seine Brüder“ (Rocco e i suoi fratelli)
1962 war er Piero in Michelangelo Antonionis „Liebe 1962“ (L’eclisse)
1962 war er Tancredi in Luchino Viscontis Giuseppe-Tomasi-di-Lampedusa-Verfilmung „Der Leopard“ (Il gattopardo“)
1962 war er Francis in Henri Verneuils „Lautlos wie die Nacht“ (Mélodie en sous-sol)
1964 war er Thomas in Alain Cavaliers „Die Hölle von Algier“ (L’insoumis)
1966 war er Manu in Robert Enricos „Die Abenteurer“ (Les aventuriers)
1997 war er Jeff Costello in Jean-Pierre Melvilles „Der eiskalte Engel“ (Le samourai)
1968 war er Dino Barran in Jean Hermans „Bei Bullen singen Freunde nicht“2Du kannst anfangen zu beten“ (Adieu l’ami)
1968 war er Jean-Paul in Jacques Derays „Der Swimming-Pool“ (La Piscine)
1969 war er Roger Sartet in Henri Verneuils „Der Clan der Sizilianer“ (Le clan des siciliens)
1970 war er Siffredi in Jacques Derays „Borsalino“ (Borsalino)
1970 war er Corey in Jean-Pierre Melvilles „Vier im roten Kreis“ (Le cercle rouge)
1971 war er Jean in Pierre Granier-Deferres „Der Sträfling und die Witwe“ (La veuve Couderc)
1972 war er Edouard Coleman in Jean-Pierre Melvilles „Der Chef“ (Un flic)
1972 war er Jean Laurier in Michael Winners „Scorpio“ (Scorpio)
1973 war er Gino in José Giovannis „Endstation Schafott“ (Deux hommes dans la ville)
1976 war er Robert Klein in Joseph Loseys „Mr. Klein“ (Monsieur Klein)
1977 war er Xavier in Georges Lautners „Der Fall Serrano“ (Mort d’un pourri)
1980 war er Michel Gerfaut in Jacques Derays „Killer stellen sich nicht vor“ (Trois hommes à abattre)
1981 war er Choucas in seinem Regiedebüt „Rette deine Haut, Killer“ (Pour la peau d’un flic, – eine seiner vielen glücklosen Jean-Patrick-Manchette-Verfilmungen)
1984 war er Baron Charlus in Volker Schlöndorffs Marcel-Proust-Verfilmung „Eine Liebe von Swann“ (Un amour de Swann)
1990 war er „Er“ in Jean-Luc Godards „Nouvelle Vague“ (Nouvelle Vague)
2002 war er Fabio Montale in José Pinheiros Verfilmung der Jean-Claude-Izzo-Romane „Total Khéops“, „Chourmo“ und „Solea“ für das Fernsehen.
Seine besten Rollen hatte er in den Sechzigern. In den Siebzigern und Achtzigern verwaltete er sein Image. Mal besser, mal schlechter und danach zog er sich fast vollständig aus dem Filmgeschäft zurück.
Aber gerade seine Gangster- und Polizistenrollen sichern ihm einen festen Platz in den Annalen der Filmgeschichte.
Bad Boys – Harte Jungs (USA 1995, R.: Michael Bay)
Drehbuch: Michael Barrie, Jim Mulholland, Doug Richardson (nach einer Geschichte von George Gallo)
Zwei Cops sollen in Miami innerhalb von 72 Stunden Heroin im Wert von 100 Millionen Dollar, das aus der Asservatenkammer der Polizei geklaut wurde, wieder beschaffen.
Das geht in dem Buddy-Movie nicht ohne zahlreiche dumme Sprüche, Tote, zerstörte Gebäude und einige weitere kleinere Kollateralschäden ab.
Michael Bays erster Kinofilm und schon „Vintage Bay“: deutlich mehr Liebe zur Optik und zum Demolieren von Dingen, als zur Geschichte.
mit Martin Lawrence, Will Smith, Theresa Randle, Tchéky Karyo, Téa Leoni, Nestor Serrano, Joe Pantoliano, Marg Helgenberger
Bei den Alligatorpapieren sind meine neuen TV-Krimi-Buch-Tipps online. Belesene Krimifans dürfen sich unter anderem auf diese Werke freuen:
Weil ‚der eiskalte Engel‘ Alain Delon am 8. November seinen 75. Geburtstag feiert, gibt es viele Delon-Filme. Dazu gehören die Jean-Patrick-Manchette-Verfilmungen „Der Schock“, „Killer stellen sich nicht vor“ und „Rette deine Haut, Killer“, José Pinheiros Frédéric-H.-Fajardie-Verfilmung „Der Panther II – Eiskalt wie Feuer“, Jacques Derays Gilles-Perrault-Verfilmung „Der Anwalt“, José Giovannis „Endstation Schafott“, Pierre Granier-Deferres Georges-Simenon-Verfilmung „Der Sträfling und die Witwe“, Henri Verneuils Auguste-le-Breton-Verfilmung „Der Clan der Sizilianer“, Julien Duviviers Louis-Thomas-Verfilmung „Mit teuflischen Grüßen“ und René Cléments Patricia-Highsmith-Verfilmung „Nur die Sonne war Zeuge“. Leider werden die von Jean-Pierre Melville inszenierten Delon-Filme dieses Mal nicht gezeigt. Außerdem laufen Francis Ford Coppolas „Cotton Club“ (das Drehbuch schrieb William Kennedy), Michael Manns Thoms-Harris-Verfilmung „Roter Drache“, Alfred Hitchcocks David-Dodge-Verfilmung „Über den Dächern von Nizza“, Carol Reeds Graham-Greene-Verfilmung „Der dritte Mann“, Phillip Noyces Graham-Greene-Verfilmung „Der stille Amerikaner“ und, als TV-Premiere, Lars Beckers neuer „Nachtschicht“-Film „Das tote Mädchen“.
Zehnteilige Dokureihe über das Leben im Frankfurter Bahnhofsviertel. Heute geht’s los und nächsten Samstag geht’s weiter. Weitere Informationen und die Sendungen gibt’s in der Mediathek.
Es ist toll, dass „Die Zeit“ dem Kriminalroman fast eine ganze Beilage der „Zeit Literatur“ widmet.
Dass ich für mich nicht viel neues entdecke, ist okay.
Aber dass Redaktionsleiter Jens Jessen den Einleitungstext „Wann ist ein Krimi ein Krimi?“ (noch nicht online) schreiben musste ist nicht okay. Er hätte den Platz besser für den Kollegen Tobias Gohlis und dessen sich im Heft unmittelbar anschließenden Text „Auf Leben und Tod“ räumen sollen.
So müssen wir aber, wieder einmal einen Text lesen, in dem der Kriminalroman zum Detektivroman verkürzt wird, sich episch über das Rätsel und die Auflösung ausgelassen wird und die üblichen Verdächtigen (Eric Ambler [ein Brite und kein Ami], Agatha Christie, Raymond Chandler, Patricia Highsmith und die Hohe Literatur mit Fjodor Dostojewskij [Schuld und Sühne], Joseph Conrad [Chance], Johann Wolfgang von Goethe [Wahlverwandschaften], Friedrich Schiller [Der Geisterseher]) aufgefahren werden.
Der Text hätte so auch schon vor dreißig Jahren erscheinen können und war bereits vor fünfzig Jahren veraltet.
Dabei ist der Kriminalroman viel mehr als der Detektivroman.
In einem Kriminalroman steht ein Verbrechen und die verschiedenen Reaktionen der Charaktere darauf im Mittelpunkt. Das Verbrechen kann der Anfang oder das Ende der Geschichte sein. Es kann sich um Mord handeln. Oder um ein anderes Verbrechen, wie Raub oder Verrat.
Das geschieht so James Ellroy, David Peace, George Pelecanos, Elmore Leonard, James Sallis, Carl Hiaasen – und ich höre jetzt auf. Denn die Namen stehen ja alle in der rechten Spalte.
Außerdem ist ein Kriminalroman immer eine moralische Erzählung.
„Thriller“ steht auf dem Cover. Aber jeder der „Kein Weg zurück“ von George Pelecanos in der Erwartung von zünftiger Thriller-Spannung liest, wird enttäuscht sein. Es gibt zwar die eine Reihe von Verbrechen auslösende Tat, eine erkleckliche Zahl von Toten, die zunehmende Gefahr für die Hauptperson und am Ende das Duell zwischen den mehr oder weniger Guten und den Bösen. Das alles qualifiziert den Noir „Kein Weg zurück“ auf den ersten Blick sicher als Krimi, aber George Pelecanos benutzt diese Genrekonventionen nur, um wieder einmal eine kleine Geschichte aus dem Leben der kleinen Leute zu erzählen.
Im Mittelpunkt des Romans steht Chris Flynn. In seiner Jugend war er ein Kleinkrimineller, dem es als Weißen und aus einer guten Familie stammend, gelang, zu einer Haftstrafe im Jugendknast Pine Ridge verurteilt zu werden. Jetzt arbeitet er in Washington, D. C., als Teppichverleger im Betrieb von seinem Vater Thomas Flynn. Als Chris und der Ex-Sträfling Ben Braswell in einem Haus einen neuen Teppich verlegen, entdecken sie eine Tasche mit fast 50.000 herrenlosen Dollars. Sie lassen das Geld liegen. Am Abend erzählt Ben seinem Kumpel Lawrence Newhouse davon. Der klaut das Geld und kurze Zeit später tauchen zwei Männer auf, die das Geld wollen.
Langjährige George-Pelecanos-Leser werden in seinem neuesten Roman viele vertraute Themen finden. Schließlich erzählt er wieder eine Geschichte aus dem Leben der kleinen Leute, ihren Werten und dem damit verbundenen Arbeitsethos. Er erzählt von der Verantwortung und der Liebe der Eltern für ihre Kinder, auch wenn sie Probleme verursachen. Er erzählt davon wie Menschen, die Konflikte mit dem Gesetz hatten, versuchen, ein ehrliches Leben zu leben. Und er fragt sich immer wieder, wie man sein Ideal von einem guten Leben im heutigen Amerika in einer Großstadt leben kann.
Denn selbstverständlich müssen die einzelnen Charaktere sich für ihre Taten verantworten. Auch wenn sie mit diesen Folgen nicht gerechnet haben oder nichts damit zu tun haben. So hat Chris zwar das Geld nicht gestohlen, aber er hat auch nicht die Polizei informiert. Er muss sich, wie alle Charaktere in „Kein Weg zurück“, zwischen verschiedenen Verpflichtungen entscheiden. Wem und welchen Werten gegenüber soll er sich loyal verhalten? Was bedeutet das für ihn? Was setzt er dafür aufs Spiel? Das sind die Fragen, die die sich langsam entwickelnde Geschichte vorantreiben.
Mit „Kein Weg zurück“ schreibt George Pelecanos seine Chronik der innerstädtischen Kampfzonen fort. In seinen Romane in Washington, D. C.. Im Fernsehen, als Drehbuchautor für „The Wire“ und „Treme“ in Baltimore und New Orleans.
Drehbuch: Roland Kibee, James R. Webb (nach einer Story von Borden Chase)
1866 machen die beiden Glücksritter Trane und Erin Mexiko unsicher. Denn sie sind nicht politischen Ideologien, sondern grünen Scheinen treu.
Damals ein gewaltiger Erfolg an der Kasse, später eines der Vorbilder für den Spaghetti-Western und heute immer noch höchst unterhaltsam anzusehen, wie zwei Jungs mit einigen lässigen Sprüchen und Schüssen die mexikanische Revolution zur Operette degradieren.
Mit Gary Cooper, Burt Lancaster, Denise Darcel, Cesar Romero, Ernest Borgnine, Charles Bronson (noch als Charles Buchinsky), Jack Elam
Aber er ist, jedenfalls für alle die sicher und wohlbehalten im Kino sitzen, ein verdammt guter Alptraum.
Paul Conroy (Ryan Reynolds [Selbst ist die Braut, X-Men Origins: Wolverine, Smokin‘ Aces]), der im Irak als LKW-Fahrer für eine amerikanische Firma arbeitet und in einen Hinterhalt geriet, bei dem seine Kollegen starben, wurde lebendig in einen Sarg gelegt und vergraben. Er entdeckt ein Feuerzeug und ein Handy. Mit diesem versucht er Hilfe herbeizuholen. Doch das ist gar nicht so einfach. Er gerät an Anrufbeantworter. Er gerät in verschiedene Warteschleifen und – wenig verwunderlich – ihm wird zunächst nicht geglaubt. Als er von einem Militärpolizisten, der ihm versichert, dass Hilfe unterwegs sei, erfährt, dass er nicht der erste lebendig Begrabene ist und dass die meisten nicht gerettet werden, bestätigt das nur seine schlimmsten Befürchtungen. Außerdem melden sich seine Entführer. Sie verlangen von ihm für seine Freilassung ein erkleckliches Lösegeld.
Cortés und dem Drehbuchautor Chris Sparling gelingt es aus einer einfachen Prämisse und der Einheit von Ort (die Kamera verlässt nie den Sarg) und Zeit (da wird etwas geschwindelt) ein Maximum an Spannung herauszuhohlen. Denn „Buried“ ist in erster Linie ein Terrorfilm, in dem ein Mann seinen Gegnern ausgeliefert ist. Er kann sich nicht wehren. Weder gegen die plötzlich auftauchende Schlange, noch gegen die Forderungen seiner Entführer, die von ihm auch Selbstverstümmelungen verlangen, noch gegen seine Entlassung. Denn als seine Arbeitgeber erfahren, dass Paul Conroy in einem Sarg liegt, nicht mehr lange zu leben hat und sie wahrscheinlich mit einer hohen Schadensersatzforderung von seiner Witwe konfrontiert werden, entlassen sie ihn rückwirkend, weil er, entgegen den Firmenstatuten, eine Beziehung mit einer Kollegin gehabt haben soll.
Das ist der schwarzhumorige Höhepunkt des Films und eine präzise Beschreibung des menschenverachtenden Kapitalismus.
Der Rest ist perfektes, schnörkelloses B-Picture-Kino, in dem im Rahmen einer einfachen Geschichte und mit einem kleinen Budget (Ich glaube billiger als „ein Sarg“ geht es kaum.), eine spannende Geschichte erzählt wird. Es gibt auch keine langen moralisch-philosphischen Diskurse oder abschweifende Nebengeschichten. Es gibt nur einen Mann in einem Sarg, der um sein Leben kämpft. Und mehr braucht man nicht für spannende neunzig Minuten.
Buried – Lebendig begraben (Buried, Spanien 2010)
Regie: Rodrigo Cortés
Drehbuch: Chris Sparling
mit Ryan Reynolds, Robert Paterson, José Luis Garcia-Pérez, Stephen Tobolowsky, Samantha Mathis, Warner Loughlin, Erik Palladino, Ivana Mino, Warner Loughlin (die anderen Schauspieler sind nur am Telefon zu hören; daher sollte ich eigentlich die Synchronsprecher angeben. Aber deren Namen kenne ich nicht.)
Vorbemerkung 1: Das ist eine Besprechung der 190-minütigen Kinofassung.
Vorbemerkung 2: Ich kenne die 330-minütige Langfassung, die in einigen Kinos läuft, nicht. Daher weiß ich nicht, wo Regisseur Olivier Assayas die Schere angesetzt hat. Ich vermute in der zweiten Hälfte, nachdem Carlos in Wien den Anschlag auf das OPEC-Hauptquartier verübte.
Vorbemerkung 3 gibt es nicht, weil ich jetzt mit meiner Kritik von dem, mit kleinen Einschränkungen, grandiosem Film beginne.
Carlos, wie sich der am 12. Oktober 1949 in Caracas (Venezuela) geborene Anwaltssohn Ilich Ramirez Sánchez, nannte war in den siebziger und achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts der meistgesuchte Terrorist. Seinen Ruf begründete er im Dezember 1975 mit der Geiselnahme im OPEC-Hauptquartier in Wien und der anschließenden gelungenen Flucht. In den folgenden Jahren war er der meistgesuchte Terrorist der Welt und wahrscheinlich jeder über 35-jährige erinnert sich noch an das Fahndungsfoto und einige seiner Anschläge. 1982 und 1983 verübte Carlos, weil die französische Polizei seine Frau Magdalena Kopp verhaftete, in Frankreich mehrere blutige Anschläge auf Züge, Bahnhöfe und Gebäude. Auch in Berlin (Hey, mein Wohnort) verübte er 1983 einen Anschlag auf das französische Kulturzentrum „Maison de France“. Nach dem Ende des Kalten Krieges tauchte Carlos mit seiner Frau Magdalena und ihrer Tochter Elba Rosa zunächst in Amman (Jordanien) unter. Am 14. August 1994 wurde er in Khartum (Sudan) verhaftet und 1997 in Paris zu lebenslanger Haft verurteilt.
Olivier Assayas erzählt nach einem von ihm und Dan Franck geschriebenen Drehbuch diese Lebensgeschichte. Vor dem Dreh recherchierten sie gründlich und dabei wurde aus einem normallangem Spielfilm schnell ein in zehn Ländern und mit über 120 Schauspielern gedrehtes Epos, das dieses Jahr beim Filmfestival in Cannes seine umjubelte Premiere erlebte. Für die normale Kinoauswertung wurde dann ordentlich gekürzt. Die lange Fassung ist, als Dreiteiler, vor allem für das Fernsehen gedacht.
Die Kinofassung zerfällt in zwei Teile. Im ersten, längeren und mitreisenderen Teil erzählt Assayas den Aufstieg von Carlos bis zur Geiselnahme im OPEC-Hauptquartier, der anschließenden Flucht mit einem Flugzeug und, entgegen dem Befehl von Wadi Haddad (dem Anführer der Volksfront für die Befreiung Palästinas [PFLP]) der Freilassung der Geisel gegen ein erkleckliches Lösegeld. Haddad und Carlos trennen sich.
Im zweiten, kürzeren Teil versucht Carlos eine eigene Terrorgruppe aufzubauen, er verliebt sich in die Deutsche Magdalena Kopp, verübt als Söldner für verschiedene Terrorgruppen weltweit zahlreiche Anschläge, versteckt sich an verschiedenen Orten und isoliert sich zunehmend. Der Schakal, wie Carlos auch genannt wurde, wird zum gehetzten Tier, das einen großen Teil seiner Zeit in verschiedenen Verstecken verbringt. Dieser Teil ist, weil es im Gegensatz zum ersten Teil für Carlos kein handlungstreibendes Ziel mehr gibt, schwächer. Die Handlung wirkt sprunghaft und deshalb langweilig. Wahrscheinlich hat Assayas hier am meisten gekürzt.
Doch das ist nur ein kleiner Minuspunkt. Denn insgesamt ist „Carlos“ ein mitreisender Film, der die Geschichte des internationalen Terrorismus der siebziger und achtziger Jahre aus der Perspektive einer der, vielleicht sogar der treibenden Kraft erzählt und seinen Protagonisten als einen sehr zwiespältigen, aber auch sehr faszinierenden Charakter porträtiert. Dank dem großartigem Spiel von Édgar Ramirez (Domino – Live Fast, Die Young; 8 Blickwinkel, Das Bourne Ultimatum, Che) ist Carlos, trotz all seiner negativen Seiten, eine verdammt coole Socke. Es wird erfahrbar, warum er damals als Held verehrt wurde und man kann erahnen, warum heute andere Terroristen als Helden verehrt werden.
Kleiner Tipp: Weil in „Carlos“, wie in der Realität, ein buntes Sprachengemisch herrscht, sollte die untertitelte Originalfassung angesehen werden. Die Geschichte wirkt dann noch authentischer.
Carlos – Der Schakal (Carlos, Frankreich/Deutschland 2010)
Regie: Olivier Assayas
Drehbuch: Olivier Assayas, Dan Franck
mit Édgar Ramírez, Nora von Waldstätten, Alexander Scheer, Christoph Bach, Julia Hummer, Aljoscha Stadelmann, Jule Böwe, Ahmat Kaabour, Udo Samel
Jesse Stone: Ohne Reue (USA 2009, R.: Robert Harmon)
Drehbuch: Tom Selleck, Michael Brandman
LV: Charakter von Robert B. Parker
Widmung: Für Robert B. Parker
Jesse Stone ist suspendiert. Aber nachdem zwei Menschen erschossen werden und es keine Spur von dem Täter gibt, wird Stone als Berater eingestellt. Außerdem werden in Paradise Drugstores überfallen.
Der sechste und bislang letzte Jesse-Stone-Film ist in erster Linie eine melancholische Charakterstudie und, wie die vorherigen Stone-Filme, ein angenehm altmodischer Krimi, bei dem die Charaktere, die Geschichte und die lakonischen Dialoge im Mittelpunkt stehen. Auch ohne eine Romanvorlage von Robert B. Parker atmet der Film in jeder Sekunde Parkers Geist.
mit Tom Selleck, Kathy Baker, Kohl Sudduth, Stephen McHattie, Krista Allen, William Sadler, Saul Rubinek, William Devane, Kerri Smith
Drehbuch: Winfried Bonengel, Ingo Hasselbach, Douglas Graham
LV: Ingo Hasselbach (zusammen mit Winfried Bonengel): Die Abrechnung – ein Neonazi steigt aus, 1993
Recht selten gezeigter Spielfilm über zwei Jugendlicher, die in der DDR von der großen Freiheit träumen und, nach einer mißglückten Republikflucht, im Knast zu Nazis werden.
Nach der umstrittenen Dokumentation „Beruf Neonazi“ (über Bela Ewald Althans) drehte Bonegel einen Spielfilm über jungendliche Nazis. Mit Ingo Hasselbach konnte er einen hochkarätigen Aussteiger zur Mitarbeit bewegen. Der Skandal war vorprogrammiert.
Aber:
„Doch das provokante Potenzial, mit dem Bonengel spekuliert haben mag, ist gleich null, ebenso wie das Formbewusstsein des Films.“ (Robert Weixelbaumer, tip 25/2002)
„Die Möblierung der Innenwelt der Protagonisten aber will Bonengel nicht gelingen. Zwar lässt der Film, anders als damals ‚Beruf Neonazi‘, keinen Zweifel an seiner Distanz zur rechtsradikalen Szene, aber die Erklärungen dafür, wie man in diese hineingerät, fallen entweder sehr plump und sprunghaft aus, oder es wird ganz auf sie verzichtet.“ (Rupert Koppold, Rheinische Post, 4. September 2002)
Mit Christian Blümel, Aaron Hildebrand, Jule Flierl, Luci van Org, Harry Baer, Dieter Laser
Halbzeit für US-Präsident Barack Obama. Vielleicht auch erst Viertelzeit. Jedenfalls gibt’s von der Geisterstunde bis zum Morgengrauen viele Infos über den Präsidenten, die Kongresswahlen, sein Land und den ganzen Rest.
Lange vor den immer noch beliebten Edgar-Wallace-Filme der Rialto, die einmal im Jahr im Fernsehen laufen, gab es zahlreiche weitere Edgar-Wallace-Verfilmungen, die heute kaum noch jemand kennt. Etliche englische Edgar-Wallace-Verfilmungen wurden nie synchronisiert. Die Stummfilme werden sowieso nicht mehr gezeigt. Und die frühen Tonfilm-Verfilmungen entsprechen nicht mehr den heutigen Sehgewohnheiten. Deshalb werden sie so oft wie die Stummfilme gezeigt.
Filmfestivals und spezialisierte Kinos sind da, falls überhaupt noch eine Kopie des Films existiert, nur ein kümmerlicher Ersatz.
Deshalb ist die jetzt in der DVD-Reihe „Schätze des deutschen Tonfilms“ veröffentlichte, Verfilmung von „Der Zinker“ eine rundum begrüßenswerte Veröffentlichung, die aus zwei in Archiven gefundenen Kopien zusammengeschnitten wurde. Bild und Ton wurden überarbeitet und sind erstaunlich gut, das Bonusmaterial ist informativ und neben der Originalfassung ist auch die von Florian C. Reithner für die Wiederaufführung komponierte Musik auf der DVD.
Die gelungene Verpackung kann natürlich nicht darüber hinwegtäuschen, dass „Der Zinker“ hoffnungslos veraltet ist. Denn der 1931 gedrehte Film wurde, bis auf einige Bilder, ausschließlich im Studio gedreht, es gibt keine Filmmusik, kaum Schnitte und der Film wirkt immer wie ein abgefilmtes Theaterstück mit hoffnungslos chargierenden Mimen.
Das verwundert wenig, denn die Drehbuchautoren Rudolf Katscher, Egon und Otto Eis verarbeiteten neben dem Roman auch das von Edgar Wallace, der schon immer ein Meister der Zweit- und Drittverwertung war, geschriebene Theaterstück über einen geheimnisvollen Unbekannten, der als „Der Zinker“ der Schrecken von Londons Unterwelt ist. Denn wer seine Beute nicht für ein Taschengeld an ihn verhökern will, wird von dem Zinker verzinkt, also an die Polizei verraten. Deshalb wird er von Verbrechern, die von ihm verraten wurden, und der Polizei gejagt.
Im Zentrum der Ermittlungen stehen der Leopard-Club, ein halbseidener Spielsalon für die High-Society, und die Autoexport-Firma von Frank Sutton. Dort ist ein Firmeninhaber verschwunden, aber jemand benutzt immer wieder heimlich den Schreibtisch des Abwesenden.
Auch ohne den Firmengeist tun alle Charaktere immer furchtbar geheimnisvoll und machen sich so furchtbar verdächtig. Jeder hat irgendetwas zu verbergen, aber meistens wird nicht klar, was das mit dem Zinker zu tun hat und wie die Taten der verschiedenen Charaktere, die oft auch ihre wahre Identität und ihre wahren Absichten verbergen, sie näher an die Enttarnung des Zinkers bringen.
Da verwechseln die Macher Verwirrung beim Zuschauer mit Spannung. Und das ist dann gar nicht so weit weg von den Sechziger-Jahre-Edgar-Wallace-Filmen. Autor Egon Eis schrieb in den Sechzigern etliche Drehbücher für Edgar-Wallace-Filme, unter anderem das Drehbuch für den ersten Rialto-Wallace „Der Frosch mit der Maske“. Für den Rialto-“Zinker“ schrieb er ein Treatment. Sein Kollege Rudolf Katscher schrieb das Drehbuch für „Der Rächer“.
Auch der humoristische Sidekick (ich sage nur Eddie Arent) taucht später wieder auf. In „Der Zinker“ ist er sogar verteilt auf drei Charaktere: einen Polizisten, der seinem Vorgesetzten immer hilft, die richtigen Worte zu finden; einem Journalisten, der überall seine Nase hineinsteckt (Hey, so sind die Schreiberlinge!); und einem bemüht freundlichem – gemeine Menschen würden „schmierig“ sagen – Spielclubbetreiber. Es gibt die in Lebensgefahr schwebende Jungfrau. Es gibt den taffen Ermittler, der nicht unbedingt Scotland-Yard-Beamter ist. Und es gibt die vollkommen überraschende Lösung. Das alles erinnert an die bekannten Wallace-Filme aus den Sechzigern.
Aber die kammerspielartige Inszenierung und das deutlich vom Theater und vom Stummfilm beeinflusste Spiel der Schauspieler verorten den Film eindeutig in den frühen dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts.
Daher ist „Der Zinker“ vor allem für filmhistorisch interessierte Krimifans einen Blick wert. Außerdem kann der Film leicht als eine Vorstudie und Fingerübung für die spätere Edgar-Wallace-Reihe gesehen werden.
Die DVD
Das Bild und der Ton sind für einen achtzig Jahre alten Film sehr gut. 1931 gab es, zur Uraufführung, weil es technisch nicht möglich war, noch keine Filmmusik. 2009 schrieb Florian C. Reithner zur Wiederaufführung eine Filmmusik, die auch auf der DVD enthalten ist. Daher kann der Film in der Originalfassung oder mit der neuen Musik gesehen werden.
Es gibt eine kleine Bildergalerie, einen ziemlich langen Trailer zur Wiederaufführung und, wenn auch nur als Texttafeln, ziemlich umfangreiche Informationen zum Film.
Über die DVD-Umsetzung kann nicht gemeckert werden.
Der Zinker (D 1931, R.: Carl Lamac, Martin Fric
Drehbuch: Rudolf Kaischer, Egon Eis, Otto Eis
LV: Edgar Wallace: The Squeaker, 1927 (Der Zinker)
mit Lissy Arna, Karl Ludwig Diehl, Fritz Rasp, Peggy Norman, Paul Hörbiger, Szöke Szakall
Bonusmaterial: Bio- und Filmographien (Edgar Wallace, Fritz Rasp, Carl Lamac, Karl Ludwig Diehl, Lissi Arna, Martin Fric, Paul Hörbiger, Szöke Szakall, Florian C. Reithner), Filminfos, Der neue Soundtrack (alles Texttafeln), Bildergalerie, Trailer (zur Wiederaufführung), Film mit der neuen Musik von Florian C. Reithner
Chiara ist die Geliebte des international gesuchten Geldwäschers Anthony Zimmer. Um die sie verfolgenden Polizisten abzulenken, flirtet sie im Zug nach Nizza mit dem biederen Übersetzer Francois. Der wird von den Verfolgern für Anthony Zimmer gehalten.
Bevor das nach dem Trailer grottige Remake „The Tourist“ (von Florian Henckel von Donnersmarck mit Angelina Jolie und Johnny Depp) im Kino anläuft, kann noch einmal das locker-flockige Original bestaunt werden.
Salles Werk war als bestes Debüt für einen César nominiert.
mit Yvan Atal, Sophie Marceau, Sami Frey, Daniel Olbrychski