Der doppelte Ani

Juni 16, 2010

Bei der Berliner Literaturkritik ist meine Besprechung von Friedrich Anis neuen Krimis „Totsein verjährt nicht“ (mit Kommissar Polonius Fischer) und „Die Tat“ (mit dem Seher und Ex-Kommissar Jonas Vogel) online.


TV-Tipp für den 16. Juni: Das Millionenspiel

Juni 16, 2010

EinsFestival, 20.15

Das Millionenspiel (D 1970, R.: Tom Toelle)

Drehbuch: Wolfgang Menge

LV: Robert Sheckley: The Prize of Peril, in „The Magazine of Fantasy and Science Fiction“, Mai 1958 (Der Tod spielt mit, Kurzgeschichte)

Bernhard Lotz macht bei dem Millionenspiel mit. Die Spielregeln sind ganz einfach: wenn er, gejagt von drei Killern und immer beobachtet von Kameras, eine Woche in Deutschland überlebt und es in das Fernsehstudio schafft, dann erhält er eine Million DM.

Die brilliante, schwarze Satire war wegen eines Rechtsstreits (Menge verwandte Sheckleys Kurzgeschichte ohne Genehmigung) über dreißig Jahre im Giftschrank. Ein TV-Klassiker, der etliche aktuelle Produktionen alt aussehen lässt.

Die Idee einer Menschenjagd vor laufender Kamera wurde auch – ebenfalls auf Sheckleys Kurzgeschichte basierend – in „Kopfjagd – Preis der Angst“ (F 1982, R.: Yves Boisset, mit Gérard Lanvin, Michel Piccoli) verwandt. Stephen King (aka Richard Bachman) schrieb mit „Menschenjagd“ seine Version. Sie war die Vorlage für den Arnie-Action-Kracher „Running Man“ (USA 1987, R.: Paul Michael Glaser)t. Oh, und Sheckley selbst wandelte die Idee für den italienischen Pop-Art-S-F-Film „Das zehnte Opfer“ (I/F 1965, R.: Elio Petri) etwas ab.

Mit Jörg Pleva, Dieter Thomas Heck, Dieter Hallervorden, Peter Schulze-Rohr, Elisabeth Wiedemann, Heribert Fassbender, Ralf Gregan

Hinweise

Offizielle Robert Sheckley-Seite

Wikipedia über Robert Sheckley (deutsch, englisch)

Phantastik-Couch über Robert Sheckley

Alien Contact über Robert Sheckley (deutsch)

Die Kurzgeschichte „The Prize of Peril“ von Robert Sheckley


Cover der Woche

Juni 15, 2010


TV-Tipp für den 15. Juni: Sommer vorm Balkon

Juni 15, 2010

RBB, 22.15

Sommer vorm Balkon (D 2005, R.: Andreas Dresen)

Drehbuch: Wolfgang Kohlhaase

Ein Fest für Berliner und Berlin-Freunde: Andreas Dresen verfolgt in seinem wahrscheinlich leichtesten Film die beiden Mittdreißigerinnen Nike und Katrin. Beide sind aus dem Leben gegriffene Charaktere, die ihre alltäglichen Probleme auch mit viel Humor kaum bewältigen können. Dank des liebevoll-melancholisch-humorvollen Tonfalls schwebt ein sehr angenehmer Hauch von Nouvelle Vague durch den skizzenhaften Film. Da fällt die dünne Story kaum auf.

Mit Nadja Uhl, Inka Friedrich, Andreas Schmidt, Stefanie Schönfeld

Hinweise

Homepage zum Film

Film-Zeit über „Sommer vorm Balkon“

Bonushinweis (beziehungsweise Aufnahmebefehl)

Anschließend läuft, um Mitternacht, „Eine Frau unter Einfluss“ (USA 1974, Regie/Buch: John Cassavetes).


Thor Kunkel und der Sex mit der „Schaumschwester“

Juni 14, 2010

Frank Nowatzki ist schuld.

.

.

.

.

.

Ja, Frank Nowatzki ist schuld. Denn wenn er nicht „Kuhls Kosmos“ veröffentlicht hätte, hätte ich Thor Kunkels neuen Roman „Schaumschwester“ keines Blickes gewürdigt. Ich meine Zukunft, Sexpuppen, und so. Das klingt nach Science-Fiction, vielleicht sogar Pulp, aber der Verlag „Matthes & Seitz“ ist doch eher als Verlag für das Hochliterasche und Anspruchsvolle bekannt. Da ändert auch die Veröffentlichung des Drehbuchs „Welt am Draht“ für den gleichnamigen Rainer-Werner-Fassbinder-Film in der Reihe „Neue Welt“ nichts.

Außerdem hat Thor Kunkel die literarische Bühne mit dem Erhalt des Ingeborg-Bachmann-Preises betreten. Für mich hat der Bachmann-Preis höchstens eine abschreckende Wirkung; aber auch dafür müsste ich die Preisträger überhaupt erst einmal wirklich wahrnehmen. Dass er danach mit „Endstufe“ einen veritablen Literaturskandal produzierte, machte ihn mir grundsätzlich sympathisch, aber weil das meiste, was in den Feuilletons abgefeiert wird, mich höchstens gotterbärmlich langweilt, interessierte Thor Kunkel mich nicht weiter.

Bis Frank Nowatzki „Kuhls Kosmos“, eine Tour de Force durch die Siebziger in Frankfurt und auf den Bahamas, veröffentlichte und es mir gefiel.

Mit seinem neuesten Roman „Schaumschwester“ liefert Kunkel eine spannende Mischung aus Science-Fiction und Agententhriller, geschmückt mit einigen philosophischen Exkursen, ab.

In der sehr nahen Zukunft wird der desillusioniert-melancholische Kryptologe Robert Kolther von der Loge, einem geheimen Machtzirkel beauftragt, bei einem Treffen der Puppenfreunde in Nizza, Scheinbergs Computer zu knacken.

Paddy Scheinberg macht ein Vermögen mit Sexpuppen, die sich in vielen Teilen nicht von echten Frauen unterscheiden, immer perfekter werden und, in unterschiedlichen Modellen, die unterschiedlichsten Wünsche befriedigen können. Aber sie können keine Kinder zeugen und Kolthers Auftraggeber befürchten, dass auf lange Sicht die zeugungsunwilligen Europäer aussterben. Dass es viel schlimmer kommt, verrät Kunkel schon auf der ersten Seite:

„Mit dem unseligen Fortpflanzungsdrang von Schmeißfliegen ausgestattet, vermehrten sie sich in kürzester Zeit und überlebten nur, indem sie Raubbau an der Substanz des Planeten betrieben.

Heute, am Beginn des vierten Jahrtausends, stellen wir fest, dass eine Überbevölkerung durch diese Spezies nicht länger existiert.

Die Krankheit namens Mensch ist verschwunden.“

Wie es dazu kam und welche Rolle ein kleiner Kryptologe, der selbst so eine Schaumschwester besitzt, dabei spielt, erzählt Kunkel auf 270 kurzweiligen Seiten, die mit allem gefüllt sind, was das Herz des Pulp-Fans begehrt.

„Schaumschwester“ von Thor Kunkel ist der zweite Band der Reihe „Neue Welt“ und wenn die Verleger das Niveau halten, könnte das mit der Zeit eine schöne kleine SF-Reihe, die spannende Geschichten mit philosophischen Gedanken verbindet, werden.

Thor Kunkel: Schaumschwester

Matthes & Seitz, 2010

288 Seiten

14,80 Euro

–

Hinweise

Homepage von Thor Kunkel

Wikipedia über Thor Kunkel

Meine Besprechung von Thor Kunkels „Kuhls Kosmos“


Achtung! Verlosung von „In the electric mist“ läuft noch

Juni 14, 2010

Feiner Film – und hier in der Kriminalakte so zu gewinnen:

Ihr schickt eine E-Mail an info[@]axelbussmer.de und schreibt in den Betreff „Ich will ‘In the electric mist’“.

Am kommenden Mittwoch, den 16. Juni, werde ich dann die beiden Gewinner auslosen und die DVDs verschicken.

Einsprüche gegen dieses Verfahren sind zwecklos.

–

Alle weiteren Informationen zum Film (incl. Trailer) hier.


TV-Tipp für den 14. Juni: Das Biest muß sterben

Juni 14, 2010

Arte, 20.15

Das Biest muß sterben (F/I 1969, R.: Claude Chabrol)

Drehbuch: Paul Gégauff, Claude Chabrol

LV: Nicholas Blake: The Beast must die, 1938 (Mein Verbrechen)

Ein unbekannter Raser überfährt in einem bretonischen Dorf den neunjährigen Sohn des Kinderbuchautors Charles Thénier. Weil die Polizei den Täter nicht überführt, beginnt Thénier ihn auf eigene Faust zu suchen. Anschließend will er ihn umbringen.

Ein schon lange nicht mehr gezeigter Chabrol-Klassiker, der damals einen bemerkenswerten Film nach dem nächsten drehte.

Klassisch sind auch die ersten Zeilen von Blakes Roman: “Ich will einen Menschen töten. Ich weiß nicht, wie er heißt, ich weiß nicht, wo er wohnt, ich habe keine Ahnung, wie er aussieht. Aber ich werde ihn finden und ihn töten.”

mit Michel Duchaussoy, Caroline Cellier, Jean Yanne, Maurice Pialat

Wiederholungen

Mittwoch, 23. Juni, 00.20 Uhr (Taggenau!)

Montag, 5. Juli, 03.00 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Wikipedia über Claude Chabrol (deutsch, englisch, französisch)

Arte über den Programmschwerpunkt

Wikipedia über Nicholas Blake (deutsch, englisch)

Kirjasto über Nicholas Blake


TV-Tipp für den 13. Juni: Ein (un)möglicher Härtefall

Juni 13, 2010

RTL, 20.15

Ein (un)möglicher Härtefall (USA 2003, R.: Joel Coen, Ethan Coen)

Drehbuch: Joel Coen, Ethan Coen, Robert Ramsey, Matthew Stone (nach einer Geschichte von Robert Ramsey, Matthew Stone und John Romano)

Ein skrupelloser und erfolgreicher Scheidungsanwalt verliebt sich in eine Heiratsschwindlerin.

Die Coen-Version einer Screwball-Comedy. Dank Clooney, Zeta-Jones und Thornton durchaus okay, aber nicht ihr bestes Werk. Danach drehten sie ein überflüssiges Remake von „The Ladykillers“.

Mit George Clooney, Chatherine Zeta-Jones, Geoffrey Rush, Cedric the Entertainer, Edward Herrmann, Paul Adelstein, Richard Jenkins, Billy Bob Thornton

Wiederholung: Montag, 14. Juni, 01.20 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Homepage zum Film

Wikipedia über die Coen-Brüder (deutsch, englisch)

„You know, for Kids“ (Coen-Seite)


Die Barry-Nominierungen 2010

Juni 11, 2010

Für alle, die noch überlegen, was sie während der Fußballspiele lesen sollen, gibt es jetzt auch die Liste der Barry-Nominierungen, dem Preis des Deadly Pleasures Mystery Magazine. Dieses Jahr sogar mit einer neuen Kategorie: dem besten Kriminalroman des Jahrzehnts. Der Barry wird am Sonntag, den 17. Oktober, in San Francisco auf der Bouchercon verliehen.

Nominiert sind:

Best Novel

• The Gates, von John Connolly (Atria)

• The Hidden Man (Der Mann im Schatten), von David Ellis (Putnam)

• Spade & Archer, von Joe Gores (Knopf)

• The Last Child (Das letzte Kind), von John Hart (Minotaur)

• Locked In, von Marcia Muller (Grand Central)

• Shanghai Moon, von S.J. Rozan (Minotaur)

–

Best First Novel

• Beat the Reaper (Schneller als der Tod), von Josh Bazell (Little, Brown)

• The Sweetness at the Bottom of the Pie, von Alan Bradley (Delacorte)

• A Trace of Smoke, von Rebecca Cantrell (Forge)

• A Bad Day for Sorry, von Sophie Littlefield (Minotaur)

• Black Water Rising, von Attica Locke (Harper)

• The Ghosts of Belfast, von Stuart Neville (Soho Crime)

–

Best British Novel

• Awakening, von S. J. Bolton (Bantam Press)

• The Lovers, von John Connolly (Hodder & Stoughton)

• Midnight Fugue, von Reginald Hill (HarperCollins)

• If the Dead Rise Not, von Philip Kerr (Quercus)

• Still Midnight, von Denise Mina (Orion)

• The Ignorance of Blood, von Robert Wilson (HarperCollins)

–

Best Paperback Original

• Bury Me Deep, von Megan Abbott (Simon & Schuster)

• Quarry in the Middle, von Max Allan Collins (Hard Case Crime)

• Starvation Lake, von Bryan Gruley (Touchstone)

• The Weight of Silence, von Heather Gutenkauf (Mira)

• Fatal Lies, von Frank Tallis (Mortalis)

• The Herring-Seller’s Apprentice, von L.C. Tyler (Felony & Mayhem)

–

Best Thriller

• No Survivors (aka „The Survivor“; deutscher Titel: Survivor), von Tom Cain (Viking)

• Running from the Devil (Lauf), von Jamie Freveletti (Morrow)

• The Gray Man, von Mark Greaney (Jove)

• Columbus, von Derek Haas (Pegasus)

• House Secrets, von Mike Lawson (Atlantic Monthly)

• Walking Dead, von Greg Rucka (Bantam)

–

Mystery/Crime Novel of the Decade

• The Guards (Jack Taylor fliegt raus), von Ken Bruen (Minotaur)

• The Lincoln Lawyer (Der Mandant), von Michael Connelly (Little, Brown)

• The Girl with the Dragon Tattoo (Verblendung), von Stieg Larsson (Knopf)

• Mystic River (Spur der Wölfe; Mystic River), von Dennis Lehane (Morrow)

• Still Life (Denn alle tragen Schuld), von Louise Penny (Minotaur)

• The Shadow of the Wind (La sombra del viento [Original]; Der Schatten des Windes [Deutsch], von Carlos Ruiz Zafón (Penguin Press)

–

Best Short Story

• “My Mother’s Keeper,” von Barbara Callahan (Ellery Queen Mystery Magazine [EQMM], June 2009)

• “Erin’s Journal,” von David Dean (EQMM, December 2009)

• “Real Men Die,” von John H. Dirckx (Alfred Hitchcock Mystery Magazine [AHMM], September 2009)

• “The High House Writer,” von Brendan DuBois (AHMM, July-August 2009)

• “A Hollywood Ending,” von Melodie Johnson Howe (EQMM, July 2009)

• “Hard Blows,” von Morley Swingle (aus „The Prosecution Rests: New Stories About Courtrooms, Criminals, and the Law“, herausgegeben von Linda Fairstein; Little, Brown)

–

Etliche Bücher sind schon übersetzt. Einige andere, wie die neuen Werke von Philip Kerr und Mike Lawson, werden sicher in den kommenden Monaten übersetzt.

(via The Rap Sheet)


TV-Tipp für den 12. Juni: Der Manchurian Kandidat

Juni 11, 2010

Pro 7, 20.15

Der Manchurian Kandidat (USA 2004, R.: Jonathan Demme)

Drehbuch: Daniel Pyne, Dean Georgaris

LV: Richard Condon: The Manchurian Candidate, 1959 (Botschafter der Angst, Der Manchurian Kandidat)

Der weltumspannende Konzern “Manchurian Global” hat einer Golfkrieg-I-Einheit falsche Erinnerungen implantiert. So wollen sie den vielversprechenden Politiker Raymond Shaw ins Weiße Haus bringen. Doch Shaws ehemaliger Vorgesetzter Ben Marco zweifelt an seinen Erinnerungen und will die Wahrheit herausfinden.

Gut besetztes Remake des Kalter Krieg-Klassikers „Botschafter der Angst“. Etliche der Nebendarsteller sind aus anderen Zusammenhängen oder aus verschiedenen hochkarätigen TV-Serien und Filmen bekannt. Der Film selbst ist gut – obwohl für mich die Prämisse heute schlechter funktioniert als vor über vierzig Jahren, als Frank Sinatra die Rolle von Denzel Washington spielte. Davon abgesehen gibt es zahlreiche grandiose Szenen (ich sage nur Meryl Streep), eine beeindruckende Vision des zu viels an Informationen, überraschende Verknüpfungen von Szenen und eine träumerische Stimmung. Fast immer könnte es sein, dass Ben Marco aus einem Alptraum aufwacht.

Insgesamt ist der Polit-Thriller „Der Manchurian Kandidat“ ein gelungenes, eigenständiges Remake, das besonders beim porträtieren der Verflechtung zwischen Politik und Wirtschaft ein gespenstisches Bild der USA entwirft.

Mit Denzel Washington, Meryl Streep, Liev Schreiber, Jon Voight, Kimberly Elise, Jeffrey Wright, Bruno Ganz, Vera Farmiga, Robyn Hitchcock (eigentlich Musiker), Al Franken (als TV-Interviewer fast als er selbst), Paul Lazar, Roger Corman, Zeljko Ivanek, Walter Mosley (eigentlich Krimiautor), Charles Napier, Jude Ciccolella, Dean Stockwell, Ted Levine, Miguel Ferrer, Sidney Lumet

Wiederholung: Sonntag, 13. Juni, 01.55 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Film-Zeit über „Der Manchurian Kandidat“

Drehbuch „The Manchurian Candidate“ von Daniel Pyne und Dean Georgaris

Wikipedia über Richard Condon (deutsch, englisch)

Kirjasto über Richard Condon

Wired for Books: Don Swain redet mit Richard Condon (1982, 1986, 1990 – jeweils eine knappe halbe Stunde)


Kurzkritik: Charlie Huston – Das Clean-Team

Juni 11, 2010

Auch wenn die ersten Zeilen von Charlie Hustons neuem Roman „Das Clean-Team“ einen zünftigen Noir erwarten lassen, ist der Krimiplot letztendlich nur die Tarnung für eine Entwicklungsgeschichte. Der Ich-Erzähler Webster Fillmore Goodhue muss endlich wieder ins Leben zurückkehren. Denn obwohl er am Anfang des Romans faul bei seinem Kumpel Chev herumhängt, sich von ihm durchfüttern lässt und sich erfolgreich bemüht, ein möglichst großes Arschloch zu sein, war er früher ein Lehrer, der sich für seine Schüler engagierte. Bis es einen Anschlag gab, der sein gesamtes Leben auf den Kopf stellte.

Jetzt stellt ihn Chev vor die Alternative, entweder etwas zum gemeinsamen Junggesellenhaushalt beizutragen oder sich eine neue Bleibe zu suchen. Zähneknirschend nimmt Goodhue daher den Tagesjob bei Po Sin an und er wird Tatortreiniger.

Aber auch da kann er seine große Klappe nicht halten. Als er sich bei der Tochter eines reichen Selbstmörders für eine dumme Bemerkung entschuldigen soll, versteht er sich überraschend gut mit ihr und er wird kurz darauf von ihr gebeten, mitten in der Nacht unter den wachsamen Augen eines bewaffneten Psychopathen, ein billiges Motelzimmer zu reinigen.

Während er das macht, wird bei Po Sin der Wagen gestohlen und er ist auch mitten in einem Krieg der Tatortreiniger um Aufträge.

Während um Goodhue die Kacke am Dampfen ist, muss er sich entscheiden, ob er endlich wieder die Verantwortung für sein Leben übernehmen will.

Das alles erzählt Hank-Thompson- und Joe-Pitt-Erfinder Charlie Huston gewohnt pointiert aus der Sicht des letztendlich liebenswerten Arschlochs und Möchtegern-Marlowes Goodhue; – jedenfalls wenn man nicht die Wohnung mit ihm teilen muss.

„Das Clean-Team“ ist ein feiner Hardboiled, der vollkommen zu recht auf einigen Nominierungslisten landete. Mal sehen, ob er auch die Preise erhält.

–

Charlie Huston: Das Clean-Team

(übersetzt von Alexander Wagner)

Heyne, 2009

496 Seiten

8,95

–

Originalausgabe

The Mystic Arts of Erasing all Signs of Death

Ballantime Books, 2009

–

Hinweise

Pulp Noir: Homepage/Blog von Charlie Huston

Meine Besprechung von Charlie Hustons „Killing Game“ (The Shotgun Rule, 2007)

Mein Interview mit Charlie Huston

Charlie Huston in der Kriminalakte

–

Trailerpark


TV-Tipp für den 11. Juni: Tatort: Wolfsstunde

Juni 11, 2010

ARD, 21.45

Tatort: Wolfsstunde (D 2008, R.: Kilian Riedhof)

Drehbuch: Kilian Riedhof, Marc Blöbaum

In Münster wird eine Studentin ermordet. Der verdächtige Ex-Freund flieht. Thiel glaubt, dass ein Serientäter sein Unwesen treibt. Professor Boerne nervt Alberich, Thiel und alle, denen er begegnet und selbstverständlich verfolgt er eine eigene Theorie.

Aber der Fall ist, solange der maulfaule Thiel und der arrogante Professor Boerne sich die Bälle zuschieben, egal.

mit Axel Prahl, Jan Josef Liefers, Friederike Kempter, Christine Urspruch, Mechthild Großmann, Claus D. Clausnitzer, Thomas Dannemann, Katharina Lorenz, Arnd Klawitter, Jörg Pilawa

Hinweise

ARD über das Team Thiel/Boerne

Tatort-Fundus über das Team Thiel/Boerne


Im Verhörzimmer: Jim Nisbet will raus

Juni 9, 2010

„Ich habe gegenüber ein nettes Café gesehen. Vor der Tür können wir dann das Interview machen“, schlägt Jim Nisbet in der pompösen Lobby des Westin Grand Hotel in Berlin-Mitte vor. Er besucht derzeit Italien und sein deutscher Verleger Frank Nowatzki lud ihn für eine Lesung nach Berlin ein.

„In San Francisco ist es bestimmt wärmer“, wende ich, inzwischen wieder halbwegs an das heute wieder unfreundlich windige Hauptstadtwetter gewöhnt, ein.

„Nein, das hier ist das typische Wetter in San Francisco.“ Wegen des Pazifiks sei dort die Temperatur immer ungefähr gleich und sie hätten im Sommer oft wochenlang keinen blauen Himmel. Das typische San-Francisco-Wetter sehe man, so Nisbet, in einer nebligen Szene des Noir „Out of the past“ oder in Hitchcocks „Vertigo“.

Am nahe gelegenen Gendarmenmarkt finden wir einen ruhigen Platz und können uns, nur vom periodisch ertönenden Pressluftbohrern unterbrochen, unterhalten.

Jim Nisbet veröffentlichte zuletzt „Windward Passage“, ein umfangreiches Werk, das auf dem San Francisco Book Fest den Preis als beste Science-Fiction-Buch erhielt.

Für Nisbet ist es kein Science-Fiction, sondern Political Fiction und natürlich auch ein Noir, wobei Nisbet zugibt, dass Noir schwer zu definieren sei. Jim Thompson, David Goodis und William Faulkner waren die ersten Noir-Autoren, die er las.

Bei Faulkner findet er auch schon die Möglichkeit des Mitleids, die ihm auch in seinen Werken wichtig ist. Bei vielen Noirs stört ihn nämlich dieses Fehlen von Menschlichkeit, das zum Leben dazu gehöre und er auch immer wieder erlebt habe. Als er 1967 mit einem Motorrad und ohne Geld durch Deutschland fuhr, war er immer wieder von Deutschen in ihre Häuser eingeladen worden und man habe sich dann irgendwie verständigt. Denn: „Ich konnte kein Deutsch und sie kaum Englisch.“

Außerdem stört ihm beim Standard-Noir, dass dieser keine Entwicklung erlaube. Er versuche dagegen immer ein größeres Bild von den Menschen und der Gesellschaft zu zeichnen. Denn auch die Gesellschaft entwickele sich. Der 1947 geborene Jim Nisbet selbst wuchs in den fünfziger und sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts im Süden auf und er war mit den direkten Nachfahren von Sklaven befreundet. Seine Großmutter sah im Fernsehen die Mondladung und jetzt ist Barack Obama Präsident. „Es ist unglaublich, dass ein Schwarzer Präsident ist“, stellt er fest. Noch vor vierzig Jahren war das undenkbar.

Gleichzeitig hat ein Noir auch immer eine dezidierte Haltung zur Gesellschaft. „Ein Kennzeichen eines Noir ist der Ärger, die Ungeduld und die Frustration über die Gesellschaft. Das ist schwer vorzutäuschen“, meint Nisbet. Bei einer Detektivgeschichte könne dagegen mehr geschwindelt werden. Denn dort geht es nur um das Rätsel und die verschiedenen Spuren zur Lösung. Die Autoren seien vielleicht kommerziell erfolgreich, aber nach ihrem Tod verschwänden sie aus den Buchläden.

Nisbets Karriere begann vielversprechend. Seine ersten Noirs veröffentlichte er in der renommierten Black-Lizard-Reihe, die inzwischen zu Random House gehört. Damals, in den den Achtzigern war Barry Gifford (der auch „Wild at Heart“ schrieb) der Herausgeber. Gifford leitete auch die Wiederentdeckung des inzwischen kultisch verehrten Jim Thompson ein. Als Thompson 1977 starb, war keines seiner Bücher mehr erhältlich.

Seitdem waren immer wieder Verlagsleute an Nisbet herangetreten und hatten ihm versprochen, ihn zu einem Bestseller-Autor zu machen. Nisbet hörte sich diese Versprechen immer wieder kopfschüttelnd an. Denn: „Meine Bücher sind nicht für alle. Sie werden keine Bestseller, weil sie der Welt einen Spiegel vorhalten. Das wollen die meisten nicht hören. Sie wollen normal weiterleben und müssen Geld verdienen.“

Nisbet konnte sich, auch weil er es nicht wollte, nie nur vom Schreiben ernähren. Er schrieb einfach immer das, was er wollte und, manchmal mit längeren Unterbrechungen, veröffentlichte er zwischen 1981 und heute elf Romane, die von der Kritik gelobt wurden und Preise erhielten. Zu seinen Fans gehören heute auch Größen wie James Ellroy und Michael Connelly. Aber: „Es ist seltsam. Je mehr ich eines meiner Bücher mag, desto weniger mögen es die anderen.“

Seine letzten Romane veröffentlichte Jim Nisbet in dem kleinen, aber feinen Verlag von Dennis McMillan. McMillans Bücher sind bei Sammlern begehrt und er kann, wenn er seine Bücher ausliefert, von den Buchhändlern verlangen, dass sie ihm eine bestimmte Menge ohne die Möglichkeit einer Rückgabe abnehmen. „Das habe ich bei keinem anderen Verleger gesehen“, erzählt Nisbet. „Außerdem hat Dennis überall Freunde. Als ich mit ihm durch die USA fuhr, konnten wir morgens um fünf Uhr an eine Tür klopfen, die Bewohner freuten sich, dass Dennis da war und wir erhielten ein feines Frühstück.“

Als dann der größere Verlag Overlook Press ihn nach seinem Backkatalog fragte, sagte er nicht nein. Vor wenigen Monaten brachte Overlook seinen neuesten Roman „Windward Passage“ und seinen bereits vor über zwanzig Jahren erstmals erschienenen zweiten Roman „Lethal Injection“ (Tödliche Injektion) heraus.

„Ich bin erstaunt, dass Menschen das Buch heute noch lesen wollen“, meint er. Doch das ist vielleicht nicht so erstaunlich. Denn obwohl „Tödliche Injektion“ in den frühen Achtzigern spielt, ist es nicht veraltet. Es geht um zeitlose Themen. Sein Held ist ein alkoholsüchtiger Arzt, der sein Leben hasst und in einer kaputten Ehe feststeckt (Geht es uns nicht allen so?) und der jetzt die Chance auf eine Flucht aus diesem Leben ergreift (Wollen wir das nicht alle?). Es ist eine Anklage gegen die Todesstrafe, die heute in den USA wesentlich umstrittener ist als damals – und es geht um eine Gesellschaft, die zunehmend auseinanderfällt und auch der Mittelstand um sein Überleben kämpfen muss. Diese Verlustängste sind inzwischen, wie der sonntägliche „Tatort“ wöchentlich zeigt, auch bei den Betroffenen angekommen.

In seinem 2006 erschienen Noir „Dunkler Gefährte“ ist sein Held wieder ein Mann aus dem Mittelstand, der nichts falsch machte und trotzdem alles verliert. Das beginnt schon mit dem Verlust seines Jobs, aus dem er wegrationalisiert wird, weil die Qualitätskontrolle ein überflüssiger Kostenfaktor ist.

„Das Buch schrieb sich wie von selbst. Ich hatte da nur den Anfang, in dem Banerjhee Rolf die Blumen wässert und sich mit seinem zwielichtigen Nachbarn Toby Pride unterhält. Der Rest ergab sich einfach.“

Nisbet plant den Plot normalerweise nicht vor. Am Anfang hat er eine Idee, einen Dialog, eine Szene oder einen Charakter, der ihn genug fasziniert, um mit dem Schreiben zu beginnen.

„Denn wenn ich nicht selbst fasziniert bin von der Geschichte, wie soll es jemand anderes sein?“

Der Plot ergebe sich dann, wie das Leben, bei dem auch nicht alles vorhersehbar sei, beim Schreiben.

Wenn Nisbet mit dem Schreiben einer Geschichte beginnt, geht er es wie einen Job an. Er beginnt um neun Uhr morgens und schreibt bis er sein Tagesziel erreicht hat. „Normalerweise zehn Seiten. Das Problem ist, die richtigen zehn Seiten zu schreiben.“

Die Länge ergebe sich anhand der Geschichte. Deshalb hat „Dunkler Gefährte“ 150 und „Windward Passage“ 450 Seiten.

Bislang hat Nisbet nur Einzelwerke geschrieben. Das mache das Verkaufen schwieriger, aber für ihn sei wichtig, das sein neues Buch nicht wie das vorherige sei.

Bei „Death Puppet“, seinem letzten Black-Lizard-Roman, änderte er sogar in letzter Minute das Ende. Es gab damals einen Eigentümerwechsel und der Managing Editor rief ihn an: „Ich kann das Buch herausbringen, wenn du es heute korrekturliest.“ Nisbet ließ alles stehen und liegen und fuhr zum Verlag nach Berkeley, las das bereits fertig gesetzte Manuskript durch und schrieb das Ende neu.

Nisbet schrieb in den vergangenen Jahrzehnten neben den Romanen auch Gedichte und Theaterstücke. „Für mich ist das alles Literatur. Es sind verschiedene Methoden, wie bei einem Roman, wenn ich von der ersten in die dritte Person wechsele.“

Die Theaterstücke waren Einakter und der Einakter „Notes from the Earth“ ist ein immer wieder aufgeführter Monolog über den letzten Mann auf der Welt, der zu dem Geist seiner verstorbenen Freundin spricht. Nisbet inszenierte die Premiere und ein Schauspieler, der das Stück damals sah, präsentiert es noch heute, wenn er weiß, dass er nicht genommen wird, bei Vorsprechterminen. Er würde dann den Monolog so lange vortragen, bis die Regisseure sagten, es sei genug. Nisbet meint lachend: „Für mich hört sich das wie meine gesamte Karriere an.“

Als ich so langsam richtig durchgefroren bin, entdeckt uns sein deutscher Verleger Frank Nowatzki. Er will demnächst bei Pulp Master Nisbets Deutschlanddebüt „Tödliche Injektion“ wiederveröffentlichen und danach weitere Nisbet-Bücher veröffentlichen.

Für Jim Nisbet ist „Pulp Master“-Macher Frank Nowatzki ein Geistesverwandter von Dennis McMillan: „Es sind diese kleinen Verleger, die das Geschäft am Laufen erhalten.“

–

Die bekannten Delikte von Jim Nisbet

The Gourmet, The Damned don’t die (1981)

Tödliche Injektion (Lethal Injection, 1987)

Death Puppet (1989)

Across the Tasman Sea (1997)

Prelude to a Scream (1997)

You Stiffed Me (1998)

The Price of the Ticket (2003)

The Syracuse Codex (2005)

Dunkler Gefährte (Dark Companion, 2006)

The Octopus On My Head (2007)

Windward Passage (2010)

A Moment of Doubt (2010, angekündigt)

–

Hinweise

Homepage von Jim Nisbet

Jim Nisbet in der Kriminalakte

–

Die Fotos von Jim Nisbet sind von Frank Nowatzki (Pulp Master). Auf dem dritten Fotos sind, von links nach rechts, Frank Nowatzki, Jim Nisbet und ich am Ende eines langen Tages.


TV-Tipp für den 10. Juni: Die drei Begräbnisse des Melquiades Estrada

Juni 9, 2010

ARD, 22.45

Die drei Begräbnisse des Melquiades Estrada (USA/F 2005, R.: Tommy Lee Jones)

Drehbuch: Guillermo Arriaga

Ein junger Grenzpolizist erschießt irrtümlich den Rancharbeiter Melquiades Estrada. Sein bester Freund, der Vorarbeiter Pete Perkins, will Estradas letzten Wunsch, eine Beerdigung in seiner Heimat Mexiko, erfüllen. Weil die Polizei sich nicht für den Tod eines Illegalen interessiert und Perkins altmodische Vorstellung von Moral und Ehre hat, entführt er den Todesschützen und begibt sich mit ihm und der Leiche auf den Weg zu Estradas Heimatdorf.

Toller noirischer Neo-Western, der leider nie richtig in unseren Kinos lief. In Cannes erhielten Tommy Lee Jones und Guillermo Arriaga die Preise für beste Regie und bestes Drehbuch. Außerdem erhielt „Die drei Begräbnisse des Melquides Estrada“ den Bronze Wrangler der Western Heritage Awards als bester Kinofilm.

Der Film ist Tommy Lee Jones‘ bislang einziger Kinofilm.

mit Tommy Lee Jones, Barry Pepper, Julio César Cedillo, Dwight Yoakam, January Jones, Melissa Leo, Levon Helm, Guillermo Arriaga

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Wikipedia über „Die drei Begräbnisse des Melquiades Estrada“ (deutsch, englisch)

Film-Zeit über „Die drei Begräbnisse des Melquiades Estrada“

Unionsverlag über Guillermo Arriaga


Die Macavity-Nominierungen 2010

Juni 9, 2010

Für den diesjährigen Macavity-Preis (benannt nach der geheimnisvollen Katze in T. S. Eliots „Old Possums Katzenbuch“ [Old Possum’s Book of Practical Cats]) und verliehen von den Mitgliedern von „Mystery Readers International“ wurden nominiert:

Best Mystery Novel

• Bury Me Deep, von Megan Abbott (Simon & Schuster)

• Tower, von Ken Bruen und Reed Farrel Coleman (Busted Flush Press)

• Necessary as Blood, von Deborah Crombie (Morrow)

• Nemesis, von Jo Nesbø; übersetzt von Don Bartlett (HarperCollins)

• The Brutal Telling, von Louise Penny (Minotaur)

• The Shanghai Moon, von S.J. Rozan (Minotaur)

–

Best First Mystery Novel

• The Sweetness at the Bottom of the Pie, von Alan Bradley (Delacorte)

• Running from the Devil, von Jamie Freveletti (Morrow)

• A Bad Day for Sorry, von Sophie Littlefield (Minotaur)

• The Ghosts of Belfast, von Stuart Neville (Soho Crime)

• A Beautiful Place to Die, von Malla Nunn (Picador)

–

Best Mystery Non-fiction

• L.A. Noir: The Struggle for the Soul of America’s Most Seductive City, von John Buntin (Random House)

• Talking about Detective Fiction, von P.D. James (Knopf)

• Rogue Males: Conversations & Confrontations About the Writing Life, von Craig McDonald (Bleak House Books)

• The Line Up: The World’s Greatest Crime Writers Tell the Inside Story of Their Greatest Detectives, herausgegeben von Otto Penzler (Little, Brown)

• Provenance: How a Con Man and a Forger Rewrote the History of Modern Art, von Laney Salisbury und Aly Sujo (Penguin Press)

• Dame Agatha’s Shorts: An Agatha Christie Short Story Companion, von Elena Santangelo (Bella Rosa Books)

–

Best Mystery Short Story

• “Last Fair Deal Gone Down,” von Ace Atkins (aus „Crossroad Blues“; Busted Flush Press)

• “Femme Sole,” von Dana Cameron (aus „Boston Noir“, herausgegeben von Dennis Lehane; Akashic Books)

• “Digby, Attorney at Law,” von Jim Fusilli (Alfred Hitchcock Mystery Magazine, Mai 2009)

• “Your Turn,” von Carolyn Hart (aus „Two of the Deadliest: New Tales of Lust, Greed, and Murder from Outstanding Women of Mystery“, herausgegeben von Elizabeth George; Harper)

• “On the House,” von Hank Phillippi Ryan (aus „Quarry: Crime Stories von New England Writers“, herausgegeben von Kate Flora, Ruth McCarty und Susan Oleksiw; Level Best Books)

• “The Desert Here and the Desert Far Away,” von Marcus Sakey (aus „Thriller 2: Stories You Just Can’t Put Down“, herausgegeben von Clive Cussler; Mira)

• “Amapola,” von Luis Alberto Urrea (aus „Phoenix Noir“, herausgegeben von Patrick Millikin; Akashic Books)

–

Sue Feder Historical Mystery

• A Trace of Smoke, von Rebecca Cantrell (Forge)

• In the Shadow of Gotham, von Stephanie Pintoff (Minotaur)

• A Duty to the Dead, von Charles Todd (Morrow)

• Serpent in the Thorns, von Jeri Westerson (Minotaur)

• Among the Mad, von Jacqueline Winspear (Henry Holt)

–

Der Preis wird im Oktober auf der Bouchercon in San Francisco verliehen.

(via The Rap Sheet)


„Die Meinungsmacher“?!

Juni 9, 2010

Ich habe keine Ahnung, ob der Hauptstadtjournalismus in Rom, Paris, Wien, London oder Washington (wobei Washington wahrlich keine Kulturhauptstadt ist) besser oder schlechter als unser Hauptstadtjournalismus ist, aber dass es, sicher auch durch den gleichzeitigen Aufstieg des Internets zum Massenmedium, einen qualitativen Unterschied zwischen dem Bonner und dem Berliner Journalismus gibt, wird niemand leugnen. Und die meisten werden auch der knackigen Unterzeile „Über die Verwahrlosung des Hauptstadtjournalismus“ von Leif Kramp und Stephan Weicherts „Die Meinungsmacher“ zustimmen. Dafür muss man sich nur an eine der zahlreichen Kampagnen der vergangenen Jahre erinnern, bei denen die öffentliche Aufregung in einem groben Missverhältnis zu dem Gegenstand des Skandals stand. Ich sage nur Bonusmeilen, außereheliche Affären, Dienstwagenbenutzung in Spanien, Reisebegleitungen oder zuletzt die von-der-Leyen-Nummer. Da wurde breit in allen Qualitätszeitungen über eine mögliche Kandidatur von ihr als Bundespräsidentin geschrieben, während dagegen die inzwischen ziemlich zurückgezogenen Ideen von Gesundheitsminister Philipp Rösler zur Kopfpauschale wesentlich weniger thematisiert wurden.

In ihrem Buch liefern die beiden Wissenschaftler Leif Kramp und Stephan Weichert auf etwas über zweihundert Seiten eine dichte Beobachtung des Hauptstadtjournalismus von der Euphorie vor dem Umzug nach Berlin, der Symbiose zwischen Journalismus und Politik (dank begnadeter Selbstdarsteller wie Gerhard Schröder und Joschka Fischer), der Boulevardisierung und der inzwischen einsetzenden Depression, gemischt mit hysterischen Untertönen, über die Bedrohung durch das Internet.

Für die Boulevardisierung und den damit verbundenen Qualitätsverfall ist die journalistische Kaste selbst verantwortlich. Sie orientiert sich an Talkshows, die mehr Theater als politische Aufklärung sind. Sie entwickelt einen Herdentrieb, der eine eigenständige Analyse ersetzt. Denn die Hauptstadtjournalisten sehen sich, bei all ihren Unterschieden in Einkommen, Anstellung und Renommee, einerseits als Elite und folgen andererseits einfach dem lautesten Rufer, der oft zu der kleinen Gruppe der bundesweit bekannten Alpha-Journalisten und Leitmedien wie Spiegel Online gehört.

Außerdem gibt es viele Berufseinsteiger. Sie sind unerfahren und beschäftigen sich lieber mit einfachen Themen, wie den unendlichen Farbspielen vor Wahlen, Personalien und der Skandalisierung von Nebensächlichkeiten. Immerhin kann darüber schnell und ohne Fachwissen ein Artikel geschrieben werden. Das Einschätzen von arbeitsmarkt- und gesundheitspolitischen Vorschlägen ist dagegen schon schwieriger. Vor allem wenn es mehr als ein Abschreiben der zunehmend besser geschriebenen offiziellen Verlautbarungen sein soll. Dafür benötigt man Kontakte, Zeit für Recherche (die oft nicht bezahlt wird) und muss das Thema kennen.

Auffallend ist in dieser zweihundertseitigen Analyse der Hauptstadtjournalisten, dass TV und Radio kaum vorkommen. Die traditionellen Qualitätszeitungen und -magazine, wie Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Rundschau, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Spiegel und Die Zeit, stehen im Mittelpunkt. Sie prägen den Hauptstadtjournalismus. Sie liefern Analysen des politischen Geschehens. Das Fernsehen liefert die Bilder, aber nicht die Enthüllungen. So verblüffend dies auf den ersten Blick ist, so sehr wird diese Einschätzung von der Wirklichkeit gedeckt. Denn neben den Nachrichtensendungen gibt es im Fernsehen kaum noch politische Informationen, aber dafür viel Spektakel.

Kramp und Weichert schließen „Die Meinungsmacher“ mit zehn Thesen ab. Diese sind nicht unbedingt revolutionär, meistens sogar offensichtlich und ergeben sich, wie bei wissenschaftlichen Arbeiten oft, nur zum Teil aus der vorherigen Analyse:

– Meinungsmacher sein ist ein Privileg, das nicht missbraucht werden darf.

– Die Informationsflut erfordert mehr Recherchekompetenz, um den Fastfoodjournalismus einzudämmen.

– Entschleunigung und Nachhaltigkeit (Slow Media) sind das stärkste Mittel gegen den Glaubwürdigkeitsverlust.

– Innovation, nicht Rückspiegelung sichert die Zukunft des Politikjournalismus in der Hauptstadt.

– Politikberichterstattung braucht Lotsen und starke Wege, aber keinen Boulevard.

– Ohne Rückzugsräume wird Selbstkorrektur in den Redaktionen ein Fremdwort bleiben – und das ist schlecht.

– Das Internet ist nicht der Feind des Journalisten, sondern seine Zukunft.

– Mitmachjournalismus in allen Ehren, aber Profis sind weiterhin gefragt.

– Wer bloggt, der bleibt: Das neue Leitprinzip politischer Kommunikation.

– Hauptstadtjournalismus braucht Leitwölfe und Vorbilder.

Die restlichen fünfzig Seiten, und hier zeigt sich wieder im positiven Sinn, dass die beiden Autoren Wissenschaftler sind, werden mit Textnachweisen, einem Stichwortverzeichnis, verdienstvollen Begriffserklärungen und Kurzbiographien der Gesprächspartner gefüllt.

Gerade weil sich inzwischen der Staub der ersten Stampede gelegt hat, viele Hauptstadtredaktionen wieder aufgelöst oder kräftig reduziert wurden, die Auswirkungen des Umzugs von Bonn nach Berlin offensichtlich sind und Kramp und Weichert keine gehypten Sensationen, sondern eine ziemlich nüchterne Bestandsaufnahme liefern, ist „Die Meinungsmacher“ lesenswert. Mit ihren zehn Thesen wollen sie einen Selbstheilungsprozess in Gang setzen.

Wenn er gelingt, würde der sich immer noch vor allem in den Qualitätstageszeitungen stattfindende Hauptstadtjournalismus sich wieder auf die alten journalistischen Tugenden besinnen.

Wenn nicht, muss nach neuen Modellen gesucht werden. Denn ein Kennzeichen des Kapitalismus ist die Zerstörung; – und die Zerstörung des im Moment oft hysterisch-gehaltlosen Hauptstadtjournal wäre nicht unbedingt das schlechteste.

–

Leif Kramp/Stephan Weichert: Die Meinungsmacher – Über die Verwahrlosung des Hauptstadtjournalismus

Hoffmann und Campe, 2010

304 Seiten

20,00 Euro


TV-Tipp für den 9. Juni: Tod in der Tiefe

Juni 9, 2010

Arte, 20.15

Tod in der Tiefe (D 2010, R.: Dirk Pohlmann)

Drehbuch: Dirk Pohlmann

1968 verschwinden ein russisches und ein amerikanisches Atom-U-Boot. Die 45-minütige Doku versucht herauszufinden, was damals geschah.

Wiederholung: Dienstag, 15. Juni, 11.30 Uhr

Hinweis

Arte über die Doku


Ballad of Dave Robicheaux

Juni 9, 2010

Zwei Exemplare von „In the electric mist“ zu gewinnen

Juni 8, 2010

Die netten Damen von Koch Media haben mir zwei DVDs der neuesten und sehr gelungenen James-Lee-Burke-Verfilmung „In the electric mist – Mord in Louisiana“ gegeben. Bertrand Tavernier, dem wir schon die geniale Jim-Thompson-Verfilmung „Der Saustall“ verdanken, führte Regie. Tommy Lee Jones spielt den in New Iberia, Louisiana, arbeitenden Detective Dave Robicheaux. Er jagt den Mörder einer neunzehnjährigen Prostituierten. Gleichzeitig wird er mit der Südstaatenvergangenheit konfrontiert: eine Filmcrew dreht einen historischen Film und der Star des Films erzählt Robicheaux, dass er in den Sümpfen die verweste Leiche eines Mannes in Ketten gesehen habe. Das löst bei dem trockenen Alkoholiker Robicheaux Erinnerungen an die eigene Vergangenheit aus – und dann sieht er in seinem Garten immer wieder den Geist von Konföderierten-General John Bell Hood.

Schnell legt Robicheaux sich bei seinen Ermittlungen mit dem lokalen Paten und alten Kumpel Julie ‚Baby Feet‘ Balboni, der auch Geld in den Film investiert hat, an. Dabei ist nicht immer erkennbar, wie sehr Robicheaux einen persönlichen Rachefeldzug veranstaltet oder wirklich eine Spur verfolgt.

Der Film ist, wie die inzwischen nicht mehr übersetzten Romane des in den USA hochgeschätzten James Lee Burke, kein konventioneller Krimi. Er ist vor allem das Porträt eines von den Dämonen der Vergangenheit, der eigenen Schuld, Selbsthass und der Suche nach Erlösung getriebenen Charakters, einer korrupten Gesellschaft und einer tropisch-schwülen Landschaft, in der die Vergangenheit noch sehr lebendig ist. Die Bilder des immer noch vom 2005er Hurrikan Katrina zerstörten New Orleans verstärken diesen Eindruck.

Die Besetzung ist hochkarätig. Neben Tommy Lee Jones spielen John Goodman, Peter Sarsgaard, Kelly Macdonald, Mary Steenburgen, Justina Machado, Ned Beatty, James Gammon, Pruitt Taylor Vince und Levon Helm mit und Blues-Musiker Buddy Guy spielt einige Songs, die den größten Teil der geschnittenen Szenen ausmachen.

Das Drehbuch ist von Jerzy Kromolowski und Mary Olson-Kromolowski, die auch das Drehbuch für Sean Penns grandiose Friedrich-Dürrenmatt-Verfilmung „Das Versprechen“ (The Pledge) schrieben.

„In the electric mist“ lief bereits erfolgreich auf der Berlinale und dem Fantasy Filmfest. Aber für einen Kinostart hat es nicht gereicht.

Nach dem ganzen Gelaber wollt ihr sicher nur eines wissen: Wie komme ich an das Teil?

Ganz einfach. Ihr schickt eine E-Mail an info[@]axelbussmer.de und schreibt in den Betreff „Ich will ‚In the electric mist’“.

Am kommenden Mittwoch, den 16. Juni, werde ich dann die beiden Gewinner auslosen und die DVDs verschicken.

Einsprüche gegen dieses Verfahren sind zwecklos.


Cover der Woche

Juni 8, 2010