Cover der Woche

September 16, 2008


Zitat des Tages: Fredric Brown über Regeln

September 16, 2008

Duane Swierczynski (aka Duane Louis) hat dieses zutreffende Zitat von Fredric Brown über Schreibregeln gefunden:

„There are no rules. You can write a story, if you wish, with no conflict, no suspense, no beginning, no middle, or end. Of course, you have to be regarded as a genius to get away with it, and that’s the hardest part—convincing everybody you’re a genius.“

(aus Walt Sheldon: My Friend Fredric Brown, nachgedruckt in Ed Gorman, Lee Server und Martin H. Greenberg [Hrsg.]: The Big Book of Noir)

Übersetzung: Es gibt keine Regeln. Du kannst eine Geschichte schreiben, wenn du willst, ohne Konflikt, ohne Spannung, ohne Anfang, ohne Mitte, oder Ende. Selbstverständlich musst du dafür als Genie angesehen werden, um damit davonzukommen, und das ist der schwerste Teil – alle anderen zu überzeugen, dass du ein Genie bist.


TV-Tipp für den 16. September

September 16, 2008

Das Vierte, 23.25

Capone (USA 1975, R.: Steve Carver)

Drehbuch: Howard Browne

Biopic über Al Capone aus dem Hause Roger Corman.

„Ein Mosaik breit ausgespielter Brutalitäten und gesellschaftlicher Unmoral in einer auf Authenzität und Entromantisierung bedachten, aufwendigen Inszenierung.“ (Lexikon des internationalen Films)

Howard Browne schrieb vor seiner Hollywood-Karriere auch einige Krimis, unter anderem die vierbändige Serie mit Privatdetektiv Paul Pine (erschien zuletzt in der Schwarzen Serie von Bastei-Lübbe) und war Herausgeber des S-F-Magazins „Amazing Stories“. In Hollywood schrieb er hauptsächlich für Serien wie „Maverick“, „77 Sunset Strip“, „Die Leute von der Shiloh Ranch“, „Auf der Flucht“, „Kobra, übernehmen sie“, „Mannix“ und „Detektiv Rockford – Anruf genügt“.

Mit Ben Gazzara, Harry Guardino, Susan Blakely, Sylvester Stallone, John Cassavetes

Hinweise

Howard Browne: Werkübersicht und Kurzbio

Thrilling Detektive über Paul Pine


TV-Tipp für den 15. September

September 15, 2008

Arte, 00.00

Der Glöckner von Notre Dame (USA 1923, R.: Wallace Worsley)

Drehbuch: Edward T. Lowe Jr., Perley Poore Sheehan

LV: Victor Hugo: Notre Dame de Paris, 1831 (Der Glöckner von Notre Dame)

Nach offizieller Zählung die erste Verfilmung des Stoffes (es scheint noch drei frühere, verschollene Verfilmungen zu geben) und ein „Meisterwerk der Stummfilmzeit“ (TV Spielfilm: Das große Filmlexikon).  Christa Maerker schrieb im Spandauer Volksblatt sogar: „Bei weitem die beste Verfilmung. Star Lon Chaney schlägt Charles Laughton…und über Anthony Quinn – den Dritten – muss man nichts sagen.“ (Zitiert nach Manfred Hobsch: Mach’s noch einmal!)

mit Lon Chaney

HInweise

Arte über den Film (Die haben ein neues Layout! Hier ist der ausführliche Artikel.)

Wikipedia über Victor Hugo


Michael Connelly zu „The Brass Verdict“ und „Kalter Tod“ (The Overlook)

September 14, 2008

Es gibt neue Michael-Connelly-Videos:

Michael Connelly auf der LA Book Expo über sein neuestes Buch „The Brass Verdict“ (Veröffentlichung in den USA am 14. Oktober; mit Harry Bosch und Mickey Haller)

Michael Connelly über „The Brass Verdict“

The Brass Verdict – The Hit (Verfilmung eines Ausschnittes aus dem Buch)

The Brass Verdict – Night Drive (und noch ein verfilmter Teil des Buches)

Michael Connelly über „Kalter Tod“ (The Overlook, 2007 – erscheint im Oktober bei Heyne Taschenbuch; Connelly redet hier auch über seine Arbeit als Reporter und wie er Harry Bosch erfand)

Tony Shepherd redet mit Michael Connelly über „Kalter Tod“ (Connelly redet auch über seine Arbeit als Schriftsteller)


TV-Tipp für den 14. September

September 14, 2008

ARD, 20.15

Tatort: Das schwarze Grab (D 2008, R.: Gregor Schnitzler)

Drehbuch: Thomas Kirchner

LV: Martin Conrath: Das schwarze Grab, 2005

Kommissar Kappl möchte bei einer unterirdischen Feier einen Bergmann über den Tod seiner Frau informieren. Bevor er das tun kann, stürzt der Schacht ein und Kappl ist mit über dreißig Menschen über 1000 Meter unter der Erde eingesperrt. Dumme Situation, die eskaliert, als Kappl herausfindet, dass einer von ihnen sie umbringen will.

Einerseits klingt, das nach der hunderttausendsten „Stirb langsam“-Variante, andererseits ist Conraths Roman alles, nur das nicht und der Saarländische Rundfunk ist nicht gerade für spannungsgeladene Kost bekannt.

Bei der Berliner Zeitung wurde in der Schlussredaktion anscheinend das Gehirn ausgeschaltet. Denn unter der nur zu nahe liegenden Überschrift „Unterirdische Ermittlungen“ findet sich kein Verriss, sondern, ein Lob: „ein spannender Bergbau-Krimi“. Auch dem Tagesspiegel gefällt die Folge:

„„Das schwarze Grab“ ist klassischer Detektiv-Krimi, Actionfilm, Familien- und Bergwerksdrama in einem. Eine der ungewöhnlichsten „Tatort“-Folgen seit langem.“

Mit Maximilian Brückner, Gregor Weber, Hartmut Volle

Hinweise

SR über „Das schwarze Grab“

Tatort-Fundus über „Das schwarze Grab“

Meine Besprechung von Martin Conraths „Das schwarze Grab“


TV-Tipp für den 13. September

September 13, 2008

ARD, 02.50

Dreckige Hunde (USA 1978, R.: Karel Reisz)
Drehbuch: Judith Rascoe, Robert Stone
LV: Robert Stone: Dog Soldiers, 1974 (Unter Teufeln)
Zwei Gangster und ein korrupter Polizist jagen einen Vietnam-Soldaten, der zwei Kilos Heroin in die USA schmuggelte, nach Mexiko.
Spannendes Actiondrama über den Verlust von Hippie-Idealen.
Mit Nick Nolte, Tuesday Weld, Michael Moriarty, Anthony Zerbe, Richard Masur, Ray Sharkey, Gail Strickland

Hinweise

The Boston Globe: Interview mit Robert Stone (2007)

Identity Theory: Interview mit Robert Stone (2003)

Wired for Books: Audiointerviews mit Robert Stone (1986: 47 Minuten, 1992: 37 Minuten)


TV-Krimi-Buch-Tipps online

September 13, 2008

Bei den Alligatorpapieren sind meine neuen TV-Krimi-Buch-Tipps online. Die Höhepunkte der kommenden zwei Wochen sind:

Hallo liebe Krimifreunde,
die besonders sehenswerten Krimiverfilmungen der kommenden zwei Wochen sind Karel Reiszs Robert-Stone-Verfilmung „Dreckige Hunde“, Jacques Derays Derek-Raymond-Verfilmung „Mörderischer Engel“, John Malkovichs Nicholas-Shakespeare-Verfilmung „Der Obrist und die Tänzerin“, Orson Welles‘ Whit-Masterson-Verfilmung „Im Zeichen des Bösen“, Scott McGehees und David Siegels Elisabeth-Sanxay-Holding-Verfilmung „Deep End“, René Clements Patricia-Highsmith-Verfilmung „Nur die Sonne war Zeuge“, Tim Metcalfes Gaddis/Long-Verfilmung „Killer – Tagebuch eines Serienmörders“ und viele Romy-Schneider-Filme, wie „Le Train“ (dreimal), „Die Unschuldigen mit den schmutzigen Händen“ und „Das Mädchen und der Kommissar“.
Außerdem gibt es drei TV-Premieren: Gregor Schnitzler verfilmte Martin Conraths „Das schwarze Grab“ als saarländischen Tatort, Judith Kennel Petra Hammesfahrs „Die Lüge“ und Carlo Rola nahm sich Johannes Mario Simmels „Und Jimmy ging zum Regenbogen“ vor.


Eine Nacht mit dem October Boy

September 11, 2008

Halloween, 1963, ein kleines Kaff im Nirgendwo des Mittleren Westens: jedes Jahr gibt es dort ein seltsam-archaisches Ritual. Die männlichen Jugendlichen zwischen 16 und 18 Jahren werden fünf Tage eingesperrt und hungern gelassen. Dann, an Halloween, müssen sie den October Boy, eine mit Süßigkeiten behängte Vogelscheuche, jagen. Wer ihn tötet, bevor dieser um Mitternacht die Kirche erreicht, darf die Stadt verlassen und seine Familie erhält viel Geld. Die anderen Jungs müssen weiterhin in der Stadt bleiben.

Dieses Jahr will Peter McCormick den Lauf gewinnen. Allerdings gerät der Lauf, weil sich keiner mehr an die Spielregeln hält, schnell vollkommen außer Kontrolle.

„Die dunkle Saat“ von Norman Partridge wurde von Publishers Weekly in die Liste der hundert besten Romane des Jahres aufgenommen und erhielt den Bram-Stoker-Preis in der Kategorie „Long Fiction“. Dieser zu Recht erhaltene Preis zeigt, auch wenn der Bram-Stoker-Preis manchmal an Thriller vergeben wird, die Marschrichtung der Geschichte an. Denn obwohl es in „Die dunkle Saat“ etliche Morde gibt, ist die Jagd nach dem October Boy letztendlich ein übernatürliches Ritual, das dafür sorgt, dass auch im kommenden Jahr der Mais geerntet werden kann. Für diese Fruchtbarkeit des Bodens müssen Opfer gebracht werden.

Partridge versucht in seiner Horror-Geschichte überhaupt nicht, das jährliche Erscheinen des October Boys rational zu erklären. Er ist als ein Bote aus vergangenen Zeiten einfach immer schon da. Die Erwachsenen halten sich an die an sein Erscheinen geknüpften Regeln. Die meisten Jungen auch. Nur Peter McCormick und Kelly Haines, die er während des Laufs trifft und entgegen der Regeln mitnimmt, wollen ein neues, freieres Denken. Diese Geschichte erzählt Partridge spannend aus der Sicht eines allwissenden Erzählers.

Gleichzeitig fällt es beim Lesen nicht schwer, politische Botschaften in „Die dunkle Saat“ hinein zu interpretieren. Denn Partridge hat sicher nicht zufällig die Halloweennacht von 1963 gewählt. Wenige Tage später, am 22. November, wurde John F. Kennedy ermordet, am 28. August 1963 hielt Martin Luther King, als Abschluss des Marsches auf Washington, seine berühmte „I have a dream“-Rede, die 1964 zum Civil Rights Act und der erstarkenden Bürgerrechts- und Hippiebewegung führten. Insofern markiert das Jahr 1963 in der amerikanischen Geschichte einen wichtigen Markstein zwischen der heilen und geordneten Welt der Fünfziger und der aufkommenden neuen Freiheit. Dass diese heile Welt in den USA, wie auch in Deutschland, nicht so heil war, zeigt er in „Die dunkle Saat“, selbstverständlich in einer abstrakten Form, sehr nachdrücklich.

Mit 192 großzügig bedruckten Seiten ist „Die dunkle Saat“ eher eine Novelle, die bequem in einem Rutsch gelesen werden kann. Allerdings werden die in ihr aufgeworfenen Fragen zum Verhältnis von Individuum und Gemeinschaft, von Tradition und Erneuerung, einen länger verfolgen.

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Norman Partridge: Die dunkle Saat

(übersetzt von Bernhard Kleinschmidt)

Rowohlt, 2008

192 Seiten

8,95 Euro

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Originalausgabe

Dark Harvest

St. Martin’s Press, New York, 2007

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Hinweise

Homepage von Norman Partridge

Dark Echo: Interview mit Norman Partridge (2001)


Neu im Kino: Gomorrha

September 11, 2008

Gomorrha – Reise in das Reich der Camorra (I 2008, R.: Matteo Garrone)

Drehbuch: Maurizio Braucci, Ugo Chiti, Gianni Di Gregorio, Matteo Garrone, Massimo Gaudioso, Roberto Saviano

LV: Robert Saviano: Gomorra, 2006 (Gomorrha)

Hochgelobte Verfilmung von Savianos auf Tatsachen basierendem gleichnamigem Roman. Garrone zeichnet in fünf unabhängigen Handlungssträngen ein unglamouröses Bild der Camorro in Neapel.

Der Film erhielt in Cannes den Großen Preis der Jury.

Mit Salvatore Abruzzese, Maria Nazionale, Toni Servillo

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Französische Homepage zum Film

Italienische Homepage zum Film

Film-Zeit über “Gomorrha”

FAZ: Andreas Kilb interviewt Roberto Saviano (2007)


TV-Tipp für den 11. September

September 11, 2008

ARD, 22.45

Scheibenwischer

Der schon von unseren Großeltern geliebte Klassiker: Kabarett mit Mathias Richling, Bruno Jonas, Frank Lüdecke und Claus von Wagner.  Bis auf die Möglichkeit, den „Scheibenwischer“ vom 19. Juni online zu sehen, ist der Internetauftritt der ARD zum „Scheibenwischer“ vergessenswert.

Wiederholungen: zahlreiche, in allen Dritten Programmen oder jederzeit in der ARD-Mediathek


R. i. P. Gregory Mcdonald

September 10, 2008

R. i. P. Gregory Mcdonald, 15. Februar 1937 – 7. September 2008

Via The Rap Sheet erreichte mich diese traurige Meldung: Gregory Mcdonald, der Erfinder von Fletch und zweimalige Edgar-Gewinner, ist tot.

Hier die Meldung zu seinem Tod, Sarah Weinmans kurze Meldung, Schriftstellerkollege Bill Crider und Gerald So dito. Aber der längste Nachruf ist immer noch von Cameron Hughes im Rap Sheet.

Nachtrag (15. September 2008): In der New York Times erschien ein schöner Nachruf von Margalit Fox; im Boston Globe einer von David Mehagan,  im Independent einer von Christopher Hawtree und in Deutschland Nix, Nada, Nichts.


Überzeugendes Debüt

September 10, 2008

In den USA wurde Alex Berensons Debüt „Kurier des Todes“ abgefeiert, für den Barry und Ian Fleming Steel Dagger nominiert und erhielt den Edgar für das beste Debüt. In Deutschland wurde „Kurier des Todes“ dagegen kaum beachtet. Zu Unrecht. Denn Berenson greift in seinem Polit-Thriller das aktuelle Thema des islamistischen Terrorismus auf und verarbeitet es zu einer spannenden Geschichte, die nah an der Wirklichkeit ist.

Berensons Held ist CIA-Agent John Wells. Als Jalal begann er in den Neunzigern einen Undercover-Einsatz mit dem Ziel in das Zentrum von Al Kaida vorzustoßen. Seine Vorgesetzten, vor allem sein Verbindungsmann Jennifer Exley, haben schon seit langem keinen Kontakt mehr zu ihm. Wenige Monate nach 9/11 meldet er sich in den afghanischen Bergen bei einer Spezialeinheit der US-Army, sagt ihnen, was er in den vergangenen Jahren erfahren hat und verschwindet wieder. Seitdem haben seine Vorgesetzten nichts mehr von ihm gehört.

Heute, zehn Jahre nachdem er seinen gefährlichen Undercover-Einsatz begann, ist er Muslim. Außerdem hat er in zahlreichen Kämpfen langsam den Respekt und das Vertrauen der Al-Kaida-Führungsspitze erworben. Wells wird zu einem Treffen mit Aiman al-Sawahiri, Bin Ladens Stellvertreter, gebracht. Er erhält den Auftrag, zurück in die USA reisen, sich eine Tarnexistenz aufzubauen und auf seinen Einsatzbefehl, der ihn via E-Mail erreichen soll, zu warten.

In den Vereinigten Staaten genießt er nach langen Jahren in den afghanischen Bergen seine ersten Tage als freier Mann. Da verübt Al-Kaida-Planer Omar Khadri, als Auftakt für eine Anschlagserie, in Los Angeles zwei Bombenattentate.

Wells meldet sich bei Exley. Doch die CIA hält ihn inzwischen für einen Überläufer. Also flüchtet Wells aus dem CIA-Schutz, der eigentlich eine kaum verhüllte Haft ist, und taucht unter. Er weiß, dass er seine Vorgesetzten nur überzeugen kann, indem er den Anschlag verhindert und Khadri überführt.

Zwischen Wells Suche nach Khadri, was eigentlich eher ein Warten im Untergrund auf das vereinbarte Signal und ein mühsames Wiederanpassen an den amerikanischen Lebensstil ist, fügt Berenson spannungssteigernd die Vorbereitungen von Al Kaida für den großen Anschlag und die weltweite Suche der CIA nach Al-Kaida-Gefolgsleuten ein. Diese Erzählstränge führt Berenson teilweise genauer aus, als es für den reinen Fortgang der Geschichte notwendig wäre. So stellt er die Täter und einige der Opfer des ersten Doppelanschlages in Los Angeles vor und bringt sie dann um. Oder er erzählt über viele Seiten von einer Militärpatrouille in Bagdad, die eher zufällig einen wichtigen Al-Kaida-Mann verhaftet und wie dieser anschließend in einem Geheimgefängnis gefoltert wird. Aber Berenson präsentiert diese Szenen so kurzweilig, dass der sich in diesen Moment nur langsam fortbewegende Plot kaum auffällt. Denn in diesen Leseminuten werden die Opfer und Täter zu Menschen. Gleichzeitig vermittelt der New-York-Times-Reporter, als integralen Teil der Geschichte, viele Fakten über Al Kaida, B- und C-Waffen, den Geheimdienstapparat und den Antiterrorkampf der USA.

Alex Berenson zeichnet in seinem Debüt „Kurier des Todes“ im Gewand eines spannenden Thrillers das beklemmende Porträt eines schmutzigen Krieges, der nichts mehr von der Beschaulichkeit des Kalten Krieges hat. Berenson gehört damit zur neuen Garde von Agententhrillerautoren, die mit glaubhaften Geschichten ein Bild der aktuellen internationalen Politik zeichnen, in dem die Frage nach dem richtigem und falschem Handeln komplexer behandelt wird und die Antworten weniger eindeutig als vor zwanzig Jahren sind.

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Alex Berenson: Kurier des Todes

(übersetzt von Elisabeth Parada Schönleitner)

Heyne, 2008

512 Seiten

8,95 Euro

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Originalausgabe

The Faithful Spy

Random House, 2006

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Hinweise

Homepage von Alex Berenson

Random House: Interview mit Alex Berenson

Readers Read: Interview mit Alex Berenson


TV-Tipp für den 10. September

September 10, 2008

Vox, 23.00

BBC Exklusiv: Leiche zu verkaufen (GB 2008)

Karitative Organspende war gestern. Weil der Bedarf an Leichen und Leichenteilen immer größer wird, ist in den USA bereits ein Markt dafür entstanden. Die BBC-Dokumentation „How much is your dead body worth?“ berichtet darüber.

Hinweise

dctp über „Leiche zu verkaufen“

BBC Germany über „Leiche zu verkaufen“ (andere Links als bei dctp)

BBC über “How much is your dead body worth?”


Cover der Woche

September 9, 2008


Nicht so überzeugendes Debüt

September 9, 2008

Hier in Berlin ist das Romandebüt „Zwillingsspiel“ des Drehbuchautors und ehemaligen Journalisten Markus Stromiedel Stapelware. Das liegt sicher zu einem guten Teil an dem Ort der Handlung: nämlich Berlin. Das Thema – terroristische Anschläge in der Hauptstadt – ist auch interessant. Schließlich sollen nicht immer nur in Washington und New York Bomben explodieren. Aber eine terroristische Anschlagserie in Hintertupfingen wirkt auch nicht besonders glaubwürdig.

Bei einem Blick in das Buch fällt auf, dass es mit den vielen Kapiteln und Dialogen wie ein US-amerikanisches Buch aussieht. Die ersten Seiten bestätigen den Eindruck. Nach einem kurzen Prolog beginnt „Zwillingsspiel“ gleich mit einem Attentat, der Kommissar tritt auf und Stromiedel entwirft auf den ersten Seiten zügig die verschiedenen Handlungsstränge und präsentiert gelungen die wichtigen Charaktere. Neben Kommissar Paul Selig sind das seine als persönliche Referentin des Innenministers arbeitende Zwillingsschwester Lisa Westphal und der geschasste Politikberater und Quartalstrinker Alexander Kaskan.

Dennoch ist „Zwillingsspiel“ kein vollkommen überzeugendes Buch.

Das beginnt mit der gekünstelten Ausgangslage. Kommissar Paul Selig, die Lusche vom Dienst, soll die Ermittlungen in einem Bombenattentat am S-Bahnhof Savignyplatz leiten. Der Anschlag, bei dem sieben Menschen starben, ist der dritte Anschlag innerhalb von zwei Wochen. Selig wird, zu seinem Erstaunen, der Fall nicht sofort entzogen. Stattdessen soll er die Ermittlungen, als eigenverantwortlicher Zuarbeiter zur Sonderkommission, leiten.

Als er feststellt, dass der Dienstplan vor dem Anschlag so manipuliert wurde, dass der Kommissar mit der schlechtesten Aufklärungsrate den Fall erhält, packt ihn der Ehrgeiz, das Komplott in den eigenen Reihen aufzudecken.

Mit dieser unnötig vertrackten Ausgangslage macht Stromiedel es dem Leser unnötig schwer, in die Geschichte einzusteigen. Gleichzeitig ist es schon erstaunlich, wie mühelos Selig und seine Mitarbeiter das Komplott in den eigenen Reihen (immerhin vermutet er, dass ein Kollege in den Tod von sieben Menschen involviert ist) akzeptieren.

Noch merkwürdiger – oder einfach vollkommen unglaubwürdig ist, dass sich ganz Deutschland von den drei schweren Anschlägen innerhalb eines halben Monats auf die S-Bahnhöfe Alexanderplatz, Friedrichstraße und Savignyplatz in ihrem Alltagsleben überhaupt nicht stören lässt.

Stromiedel streift die zwei vorherigen Anschläge, die über siebzig Tote forderten, mit wenigen Worten. Auch den islamistischen Terrorismus streift er nur kurz. Und, immerhin lässt er seine Geschichte wenige Monate vor einer Bundestagswahl spielen, die Regierung legt in diesem Moment, milde beunruhigt von den sinkenden Umfragewerten, die Hände in den Schoß. Kein Aktionismus. Nichts. Der wirkliche Politikbetrieb wäre dagegen schon nach dem ersten Anschlag – wir erinnern uns an 9/11 und die umfassenden Gesetzespakete von Otto Schily, die Rasterfahndung nach islamistischen Terroristen, den Initiativen auf EU-Ebene zum Abbau der Bürgerrechte, der Folterdebatte – bereits Amok gelaufen und spätestens nach dem dritten Anschlag würden sie schon nicht mehr über die Anwendung der Notstandsgesetze nachdenken.

Dieses Verkennen der politischen Wirklichkeit findet seinen Höhepunkt in diesem Dialog, der drei Monate nach dem letzten Anschlag stattfindet:

„Das Beste“, fuhr Lisa fort, „was einem Kandidaten im Wahlkampf passieren kann, ist eine nationale Katastrophe. Deine Worte.“

Kaskan grinste. „Soll ich in der Eifel ein Erdbeben bestellen? Oder Liechtenstein den Krieg erklären?“

Lisa blieb ernst. „Wir haben längst eine nationale Katastrophe. Bei welchen Ereignissen sind erst kürzlich achtundsiebzig Menschen gestorben?“

Kaskan winkte ab. „Das ist längst kein Thema mehr. Die Bombenanschläge liegen Monate zurück.“

Ein weiteres Problem liegt in der Struktur der Geschichte. „Zwillingsspiel“ zerfällt in zwei etwa gleich lange Teile, die beide innerhalb weniger Tage, im Abstand von mehreren Monaten spielen. Durch diese Struktur liegt, auch wenn Stromiedel „Zwillingsspiel“ von Anfang an als Roman konzipierte, der Gedanke an einen TV-Zweiteiler nahe. Im ersten Teil stehen die Ermittlungen von Selig im Vordergrund. Sie enden mit dem Tod des mutmaßlichen Täters.

Der zweite Teil beginnt vierzehn Wochen nach diesen Ereignissen. Die gesamte Dynamik des ersten Teils ist weg. Stattdessen muss erst langwierig erzählt werden, was in den vergangenen Wochen geschah und Selig ein triftiger Grund für weitere Ermittlungen geliefert werden. Für alle, die ein Buch nicht in der Mitte beginnen, geschieht über viele Seiten nichts Weltbewegendes. Außerdem rücken jetzt, immerhin befinden wir uns in den letzten Tagen des Wahlkampfs, die politischen Ränkespiele in den Vordergrund. Selig wird zu einer Nebenfigur, die den Hintermann für den Anschlag am S-Bahnhof Savignyplatz sucht. Er vermutet, dass der Anschlag einer bestimmten, im Zug sitzenden Person galt. Gleichzeitig nimmt die Geschichte, wie Titel und Prolog andeuten, eine Wende ins Familiäre. Oh, und die für die beiden anderen Anschläge verantwortliche Terrorzelle wird von Stromiedel quasi nebenbei zwischen zwei U-Bahn-Stationen erledigt.

Der Mordplan ist dann elaboriert genug für die Freunde des abseitigen Rätselns und wirklichkeitsfremder Verschwörungsthriller. Denn der für den Anschlag auf dem S-Bahnhof Savignyplatz verantwortliche Hintermann musste in seinen Plan viele Menschen mehr oder weniger einweihen, dafür sorgen dass eine bestimmte Person zu einer bestimmten Zeit in einer S-Bahn sitzt, die dann bei der Einfahrt in den Bahnhof so zerstört wird, dass das Ziel auch wirklich tot ist. Dafür hat er zahlreiche andere Opfer billigend in Kauf genommen und gehofft, dass trotzt der umfassenden Ermittlungen, keine Spuren auf ihn deuten. Das ist ziemlich viel Vorbereitung und Beherrschen von vielen Unbekannten, wenn das gleiche Ziel auch mit einem popeligen Autounfall mit Fahrerflucht oder einem als Selbstmord getarnten Sturz aus hoher Höhe erreicht worden wäre.

Letztendlich liest sich „Zwillingsspiel“ wie das Buch zum Film für einen heftig umworbenen TV-Zweiteiler, bei dem bereits vor dem Dreh die Vision des Autors auf das vom Budget leistbare (so richtet die Bombe am S-Bahnhof Savignyplatz nur einen verhältnismäßig geringen Sachschaden an und die beiden vorherigen Anschlagsorte werden nicht besichtigt) und von den Gremien akzeptierte (siehe das Motiv für den dritten Anschlag und die positive Darstellung des Islam) zurechtgestutzt wurde. Dennoch ist „Zwillingsspiel“ gut genug geschrieben, um Markus Stromiedel eine zweite Chance zu geben. Aber dann bitte mit einer glaubwürdigeren Geschichte.

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Markus Stromiedel: Zwillingsspiel

Knaur, 2008

432 Seiten

7,95 Euro

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Hinweise

Homepage von Markus Stromiedel (Romanautor – schöne Seite)

Homepage von Markus Stromiedel (Drehbuchautor)

Markus Stromiedel im Knaur Killer Club: Das Phantom (Teil 5)

Markus Stromiedel im Knaur Krimi Podcast

Stichwort Drehbuch: Audiointerview mit Markus Stromiedel (Hörenswert)

Homepage zu „Zwillingsspiel“


TV-tipp für den 9. September

September 9, 2008

ARD, 00.20

Scarface – Toni, das Narbengesicht (USA 1983, R.: Brian de Palma)

Drehbuch: Oliver Stone

LV: Armitage Trail: Scarface, 1930 (Scarface)

Buch zum Film: Paul Monette: Scarface, 1983 (Scarface – Der Mann mit der Narbe)

De Palma aktualisierte „Scarface“, die Geschichte vom Aufstieg und Fall eines Gangsters, und schuf ein packendes Sittengemälde des Verbrechens in Florida vor fünfundzwanzig Jahren.

Damals wurde die Sprache („Fuck“) und die Brutalität kritisiert. Heute wäre es die grauenhafte, altmodische Disco-Musik von Giorgio Moroder. Ansonsten ist „Scarface“ in der ungekürzten Fassung inzwischen einer der Klassiker des Gangsterfilms.

Aber mit einer angekündigten Laufzeit von 150 Minuten stehen die Chancen, trotz der späten Sendezeit, für eine gekürzte Fassung gut. Denn die ungekürzte Fassung dauert 170 Minuten

Mit Al Pacino, Michelle Pfeiffer, Mary Elizabeth Mastrantonio, Robert Loggia, F. Murray Abraham

Wiederholung: WDR, Sonntag, 14. September, 00.00 (Taggenau! – angekündigt ist die FSK-16-Fasung)

Hinweise

Mann beißt Film bespricht Scarface

Filmstarts bespricht Scarface

Schnittberichte vergleicht die FSK-16-Fassung mit der FSK-18-Fassung (oder: Eine andere Art von Massaker)


Hinweise: Krimi-Couch 9/2008, Grausames

September 8, 2008

Die September-Ausgabe der Krimi-Couch ist mit Besprechungen der neuen Bücher von Simon Kernick (Volltreffer des Monats), Iain MacDowall, Michael Chabon, Garry Disher, Leonardo Padura, James Siegel und vielen anderen online. In der Kategorie „vor Ewigkeiten erschienen und schon lange nicht mehr erhältlich“ werden „Der Tod hat eine Chance“ von Victor Gunn und „Das Kokainschiff“ von Seamark abgefeiert.

Es gibt ein Videointerview mit Colin Cotterill (Dr. Siri und seine Toten) (ziemlich ruckelig und plötzlich abbrechend) und im Podcast unter anderem ein Audiointerview mit Silvia Kaffke (Das rote Licht des Mondes).

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Das ist wirklich gruselig.


TV-Tipp für den 8. September

September 8, 2008

ZDF, 20.15

Der Heckenschütze (D 2008, R.: Manfred Stelzer)

Drehbuch: Felix Huby

LV: Felix Huby: Der Heckenschütze, 2005

Kaum ist Schwaben-Import Kommissar Heiland in Preußen, äh Berlin, angekommen, muss er sich mit einem Heckenschützen herumschlagen, der nur Schwaben umbringt. Das missfällt Kommissar Heiland. Und dass er auf der Todesliste des Killers steht, missfällt ihm noch mehr.

Scheint ein Krimi für die Freunde der gemütlichen Gangart zu sein.

„“Der Heckenschütze“ ist eigentlich ein Klamaukfilm. Oder auch nicht. Vielleicht ist er auch Heimatfilm, Liebeskomödie, Tatort-Kopie – kurz: Er ist eine Mischung aus all diesen Genres, ein ambitionierter Versuch Spannung, Humor und Romantik zu verbinden. Ein Versuch, der leider völlig scheitert.“ (Maike Jansen, Der Westen, 7. 9. 2008)

mit Fabian Busch, Karl Krankowski, Stefanie Stappenbeck, Antonio Wannek, Dietz-Werner Steck

Hinweise

Homepage von Felix Huby

ZDF über „Der Heckenschütze“


TV-Tipp für den 7. September

September 7, 2008

SWR, 01.30

Lange SWR Jazz-Nacht

Warum sollte es im TV dem Jazz besser gehen als dem Rock und der Klassik (die immerhin an ausgewählten Feiertagen das Gnadenbrot eines besseren Sendeplatzes erhält)? Die guten Sendeplätze sind immer noch fest in den schmierigen Klauen der Volksmusik. Dafür bekommt die Jazzmusik manchmal die Stunden von der Geisterstunde bis Sonnenaufgang spendiert. Das Programm ist selbstverständlich auch dann unauffällig mainstreamig.

Mit Cassandra Wilson, Stacy Kent, Roy Hargrove, Till Brönner, Les McCann, Walter „Wolfman“ Washington, Mike Batt