Ein Interview mit Max Allan Collins; Einige Kurzmeldungen

Dezember 14, 2007

Max Allan Collins beantwortet bei „Things I’d rather be doing“ im Montagsinterview einige Fragen. Die erfreulichste Meldung dürfte sein, dass er nach einer mehrjährigen Pause (Ein deutscher Verleger für die ausstehenden Heller-Romane wird immer noch gesucht.) mit zwei weiteren Krimis die Heller-Saga abschließen will:

It looks like I may get to do Nathan Heller again, and I will very likely write the final two books, to make sure the series has a sense of having been finished. If they are successful, I’ll fill in with earlier stories, but I have always intended to do Marilyn and Kennedy as Heller’s last cases.

Den ersten von drei Mike Hammer-Romanen, zu denen Mickey Spillane ausführliche Notizen hinterließ, hat er bereits fertig geschrieben. Veröffentlicht wurde vor wenigen Tagen „Dead Street„. Auch diesen Krimi von Mickey Spillane schrieb Max Allan Collins für die Hard Case Crime-Veröffentlichung fertig. Die ersten Kritiken – vor allem bei den langjährigen Spillane-Fans – sind sehr positiv.

Collins sagt zur Zusammenarbeit mit dem verstorbenen Spillane:  More carpentry on that one, but I can honestly say I never had a better time than collaborating with Mickey (and that’s what it is) on a Mike Hammer novel.

Kurzmeldungen:

Die Liste der Golden Globe-Nominierungen gibt es hier.

Robert Boyle erhält einen Ehrenoscar. Der fast hundertjährige Art-Director (klingt doch irgendwie nach mehr als Ausstatter) wirkte unter anderem bei „Der unsichtbare Dritte“, „Die Vögel“, „Thomas Crown ist nicht zu fassen“, „Kaltblütig“ und  „Der letzte Scharfschütze“ mit.

Das Cover zum dritten Gemeinschaftswerk „The Max“ von Ken Bruen und Jason Starr ist online. Auch hier könnte ein deutscher Verleger mal zuschlagen. Denn Jason Starr wird doch auch bei uns gelesen.


TV-Tipp für den 14. Dezember

Dezember 14, 2007

Tele 5, 22.05

Shining (GB 1980, R.: Stanley Kubrick)

Drehbuch: Stanley Kubrick, Diane Johnson

LV: Stephen King: The Shining, 1977 (Shining)

Jack Nicholson läuft axtschwingend durch ein einsames Hotel – und wir können eine der besten Stephen King-Verfilmungen (auch wenn der Grandmaster mit Kubricks Version nicht zufrieden war und ihm eine Jahre später gedrehte, inzwischen vergessene TV-Fassung besser gefiel) genießen.

„Der Horrorfilm schlechthin.“ (Der Spiegel)

Mit Jack Nicholson, Shelley Duvall, Danny Lloyd, Scatman Crothers, Barry Nelson

Wiederholung:

Sonntag, 16. Dezember, 00.15 Uhr (Taggenau!)

Hinweise:

Homepage von Stephen King

Mein Porträt zu Stephen Kings sechzigstem Geburtstag

Meine Besprechung von Stephen Kings/Richard Bachmans „Qual“ (Blaze, 2007)

Meine Besprechung von Stephen Kings „Nachgelassene Dinge“ (The things they left behind) in Ed McBains „Die hohe Kunst des Mordens“ (Transgressions, 2005)


Neu im Kino: Todeszug nach Yuma, Hitman, Rubljovka

Dezember 13, 2007

Todeszug nach Yuma (USA 2007, R: James Mangold, B: Halsted Welles, Michael Brandt, Derek Haas)

Kein Krimi. Aber der, auch hier mehrfach erwähnte, Western „Todeszug nach Yuma“ ist für Krimifans der Film der Woche, weil die Vorlage von Elmore Leonard stammt. 1953 erschien in „Dime Western“ seine Kurzgeschichte „Three-Ten to Yuma“. Vier Jahre später wurde sie von Delmer Daves mit Glenn Ford und Van Heflin als „Zähl bis drei und bete“ erfolgreich verfilmt. Auch das Remake „Todeszug nach Yuma“ von James Mangold mit Russell Crowe und Christian Bale hält sich an die Idee von Leonards Kurzgeschichte: ein normaler Mensch will einen legendären, verhafteten Verbrecher zu einem Zug bringen. Die Freunde des Gangsters wollen das verhindern. Der Normalo steht vor der Frage, ob er als Held sterben oder den Gangster laufen lassen soll.

Während sich die Geschichte von Leonard und „Zähl bis drei und bete“ auf das Psychoduell zwischen Gangster und Normalo (bei Leonard ein Deputy, bei Daves ein Farmer) in dem Hotelzimmer in Contention und dem kurzen Fußweg zum Bahnhof konzentriert, baut Mangold dieses Duell zweier verschiedener Charaktere zu einer mehrtätigen Reise aus, führt auch den Sohn des Farmers in die Geschichte ein und bretzelt sie mit Schießereien auf.

Dennoch sind sich alle einig: ein guter Western zur wieder aktuellen Frage, ob ein Heldentod ein sinnvoller Tod ist.

Leonards Kurzgeschichte „Three-Ten to Yuma“ kann unter anderem in „The Tonto Woman and other Western Stories“ und „The complete Western Stories of Elmore Leonard“ nachgelesen werden. 

Deutsche Homepage zum Film (scheint einfach eine Übersetzung der amerikanischen Homepage zu sein)

Amerikanische Homepage zum Film

Film-Zeit über den Film

Homepage von Elmore Leonard

Elmore Leonard in der Kriminalakte (mit weiterführenden Hinweisen)

 

Hitman – Jeder stirbt alleine (F/USA 2007, R: Xavier Gens, B: Skip Woods)

Timothy Olyphant, der Bösewicht aus „Stirb langsam 4.0“ spielt in „Hitman“ den Guten. Er ist ein Killer, der in ein unüberschaubares Komplott gerät und vor allem bleihaltige Argumente akzeptiert und bevorzugt letale Argumente austeilt. „Hitman“ ist die Verfilmung eines Computerspiels – und hält das vergessenswerte Niveau der anderen Computerspiel-Verfilmungen. Obwohl die zahlenden Besucher – sie bekommen wofür sie zahlen – sogar relativ zufrieden sind. 

Deutsche Homepage zum Film

Amerikanische Homepage zum Film

Film-Zeit über den Film

 

Rubljovka – Straße der Glückseligkeit (D/Russland 2007, R/B: Irene Langemann)

Doku über die Moskauer Oberschicht und damit die ideale Ergänzung zum neuen Arkadi Renko-Roman „Stalins Geist“ von Martin Cruz Smith. 

Homepage zum Film

Film-Zeit über den Film


TV-Tipp für den 13. Dezember

Dezember 13, 2007

Das Vierte, 20.15

Der Coup (F/I 1971, R.: Henri Verneuil)

Drehbuch: Henry Verneuil, Vahé Katcha

LV: David Goodis: The Burglar, 1953

Azad und seine Gang stehlen eine millionenschwere Smaragdsammlung. Weil ihr Fluchtschiff einen Motorschaden hat, müssen sie einige Tage in Athen verbringen. Kommissar Zacharia nimmt ihre Fährte auf. Er will die Beute für sich selbst haben.

Belmondo-Vehikel, das wahrscheinlich kaum etwas mit dem Roman zu tun hat, aber mit einigen hübschen Szenen (besonders beim Essen), etwas Aktion und Touristen-Aufnahmen von Athen ganz nett unterhält.

Mit Jean-Paul Belmondo, Omar Sharif, Robert Hossein, Renato Salvatori, Dyan Cannon


Max Mingus besucht Haiti

Dezember 12, 2007

stone-voodoo.jpg

Der Überraschungserfolg in diesem Jahr war “Voodoo” von Nick Stone. Das 600-seitige Debüt räumte im englischen Sprachraum in den vergangenen Monaten alle möglichen Preise ab. Es erhielt, jeweils in der Kategorie „Bestes Debüt“ den Macavity, den Ian Fleming Steel Dagger, und den Preis der International Thriller Writers. Bei den Barrys verlor Nick Stone in der Kategorie „Bester britischer Kriminalroman“ gegen Ken Bruen.

Bereits in der Haft wurde der ehemalige Polizist und Privatdetektiv Max Mingus von dem Milliardär Allain Carver genervt. Carver möchte, dass Mingus seinen vor über zwei Jahren auf Haiti entführten dreijährigen Sohn Charlie findet. Nachdem Carver Mingus zehn Millionen Dollar anbietet, sagt er zu. Die Sache hat nur einige kleine Haken. Seine Vorgänger starben oder erlitten ein noch schlimmeres Schicksal. Haiti im Jahr 1996 ist eine nach der amerikanischen Militärintervention von UN-Truppen besetzte Vorhölle. Sein Intimfeind Solomon Boukman wurde nach Haiti ausgewiesen. Mingus beherrscht die Landessprache nicht und ist auf eine Übersetzerin angewiesen. Außerdem sind inzwischen alle Spuren kalt.

Aber Mingus war vor seiner Haft darauf spezialisiert, vermisste Personen zu finden. Er war in seinem Metier einer der Besten. Während seiner Ermittlung fällt es ihm immer schwerer, zwischen Realität, Voodoo und Schwarzer Magie zu unterscheiden. Denn Charlie Carver soll von Tonton Clarinette (einer Legende, die wir als Geschichte des Rattenfängers von Hameln kennen) entführt worden zu sein. Oder hat der mit den Carvers verfeindete Drogenlord Vincent Paul seine Finger im Spiel? Ist er vielleicht sogar Tonton Clarinette?

Nick Stone breitet in „Voodoo“ detailliert die Ermittlungen von Max Mingus aus. Etliche Szenen sind länger geschildert, als sie tatsächlich dauern. Bei diesem langsamen Erzähltempo irgendwo zwischen Echtzeit und Zeitlupe kommt keine echte Thriller-Spannung auf. Doch das stört in der ersten Hälfte kaum. Denn Nick Stone bereitet erkennbar einige spätere Plottwists vor und zeichnet das Bild eines zerfallenden Staates, in dem die Ärmsten in bitterster Armut leben, das Faustrecht zurückgekehrt ist, UN-Truppen für Recht und Ordnung sorgen sollen und ein Drogenlord es in den Slums tut. Voodoo, Schwarze Magie und der Glaube an eine Welt jenseits der sichtbaren Welt sind ein Teil der Kultur von Haiti.

Über diesem eindrücklichen Porträt eines Landes und seiner Bewohner vergisst Stone etwas den Plot. Denn dieser bewegt sich ziemlich geradlinig auf die Befreiung des entführten Charlie zu. Wirkliche Überraschungen bleiben auf den ersten 420 Seiten, während Mingus hauptsächlich den Ermittlungen seiner Vorgänger folgt, aus. Erst dann kann sich Max Mingus erstmals den mutmaßlichen Entführer Vincent Paul unterhalten

Danach gibt es etliche Twists, die irgendwann nicht mehr überraschen. Denn Nick Stone will alles aufklären. Deshalb wird jede Szene und jeder Charakter mit der Aufklärung verwoben. Auf den letzten Seiten wird dann nur noch überlegt, welcher Charakter noch fehlt. Außerdem bleibt Stone bei seinen Charakteren dem Schwarzweiß-Bild von Gut und Böse verhaftet. Er tauscht nur die Zuschreibung aus. Beim ersten Mal ist es überraschend, wenn sich ein Guter als ein Böser, und umgekehrt, entpuppt. Aber nach dem dritten Mal wirkt es nur noch wie das mechanische Aufdecken von Spielkarten vor einer austauschbaren Kulisse. Denn es ist wirklich egal, ob Kinder auf Haiti oder Miami entführt werden.

Trotz dieser Kritik ist „Voodoo“ ein gut geplotteter Privatdetektivroman. Nick Stone zeigt, teilweise etwas streberhaft, dass er die Genreregeln kennt und respektiert. Mit seinem Debüt hat er sich als neue, interessante Stimme vorgestellt. In „Voodoo“ macht er fast alles richtig. Denn auch die von mir kritisierten Punkte sind Details in einer stimmigen und überzeugenden Geschichte.

In England ist bereits das zweite Max Mingus-Buch „King of Swords“ erschienen. Es spielt 1981 in Florida und erzählt die Vorgeschichte von Mingus und Drogenbaron Solomon Boukman.  

 

 

Nick Stone: Voodoo

(übersetzt von Heike Steffen)

Goldmann, 2007

608 Seiten

9,95 Euro

 

Originalausgabe:

Mr. Clarinet

Michael Joseph, 2006

576 Seiten

 

Hinweise.

Homepage des Autors

Shots Ezine: Ali Karim redet mit Nick Stone

South Florida Sun-Sentinel: Nick Stone-Porträt von Chauncey Mabe

 

 

Die Übersetzung nimmt sich immer wieder bedenkliche Freiheiten. Bereits auf den ersten Seiten finden sich zahlreiche Beispiele:

Original:

The client’s name was Allain Carver. His son’s name was Charlie. Charlie was missing, presumed kidnapped.

Optimistically, with things going to plan and ending happily for all concerned, Max was looking at riding out into the sunset a millionaire ten to fifteen times over. There were a lot of things he wouldn’t have to worry about again, and he’d been doing a lot of worrying lately, nothing but worrying.

So far, so good, but now for the rest:

The case was based in Haiti.

Übersetzung:

Allain Carver war seither sein erster Kunde. Carvers Sohn Charlie wurde vermisst, und man ging davon aus, dass er entführt worden war.

Im besten Fall, wenn alles nach Plan lief und es für alle Beteiligten ein Happy End gab, bot sich Max hier die die Aussicht, als zehn- bis fünfzehnfacher Millionär in den Sonnenuntergang zu reiten.

So weit, so gut, aber jetzt der Haken:

Die Familie lebte in Haiti.

 

Original:

There had been no ransom demands and there were no witnesses.

Übersetzung:

Keine Lösegeldforderungen. Keine Zeugen.

 

Original

‚If you take the job, it’s going to be dangerous…Make it very dangerous.’

Übersetzung:

“Die Aufgabe ist nicht ganz ungefährlich. Sagen wir – sehr gefährlich.“

 

Original:

Honesty and straightforwardness weren’t always the best options, but Max chose them over bullshit as often as he could. It helped him sleep at night.

‘I can’t,’ he told Carver.

‘Can’t or won’t?’

‘I won’t because I can’t. I can’t do it. You’re asking me to look for a kid who went missing two years ago, in a country that went back to the Stone Age about the same time.’

Übersetzung:

Ehrlichkeit und Offenheit waren nicht immer das Mittel der Wahl, aber wenn es ging, zog Max sie dem Reden um den heißen Brei vor.

„Ich kann nicht“, verkündete er Carver.

„Sie können nicht, oder Sie wollen nicht?“

„Ich will es nicht, weil ich nicht kann. Es hat keinen Sinn. Sie erwarten von mir ein Kind zu finden, das seit zwei Jahren vermisst wird, und das in einem Land, das ungefähr zur selben Zeit in die Steinzeit zurückgefallen ist.“

 


TV-Tipp für den 12. Dezember

Dezember 12, 2007

ARD, 01.05 (VPS 00.35)

Blueberry und der Fluch der Dämonen (F 2004, R.: Jan Kounen)

Drehbuch: Gerard Brach, Matt Alexander, Jan Kounen

LV: Jean Giraud (Moebius)/Jean-Michel Charlier: Die vergessene Goldmine; Das Gespenst mit den goldenen Kugeln (Comics)

Ein dickes Lob für die Programmplaner. Nachdem wir uns langsam an TV-Premieren von guten Filmen nach Mitternacht in der Nacht von Sonntag auf Montag gewöhnt haben (zum Beispiel nächsten Sonntag „25 Grad im Winter“, einer der Berlinale-Publikumslieblinge), ist die TV-Premiere von „Blueberry und der Fluch der Dämonen“ an einem Wochentag weit nach Mitternacht eine Beleidigung für die berufstätigen Gebührenzahler und auch alle anderen Menschen, die keine ausgesprochenen Nachtmenschen sind.

Bei einem der Privaten würde der Film am Wochenende um 20.15 Uhr laufen. Immerhin spielen neben Vincent Cassel auch Michael Madsen (!), Juliette Lewis (!), Ernest Borgnine, Tchéky Karyo und Val Avery (sein bislang letzter Film) mit.

Die Story des Western ist einfach: Sheriff Blueberry will sich an Wally Blount rächen.

Die Kritik war gespalten. Denn Western und Drogenvision fügen sich nicht richtig zusammen. Aber, stellvertretend für die anderen Kritiken: „Hätten diese Filmvisionen Ende der 60er Jahre das Licht der Leinwand erblickt, wären sie mit der Schlusssequenz von Kubricks ‚2001’ zum ultimativen Acid-Doublefeature verschmolzen.“ (Tobias Kniebe, SZ, 1. Juli 2004) „So bietet diese Neuauflage eines europäischen Second- Hand-Western das unterhaltsame Vergnügen, zu sehen, wie man eine eher fadenscheinige Geschichte visuell zu einem bemerkenswerten Kinoerlebnis aufbläst.“ (Lexikon des internationalen Films)

Zur Vorlage, den Blueberry-Comics muss eigentlich nichts gesagt werden.

Hinweise:

Film-Homepage

„Leutnant Blueberry“ bei Wikipedia


Cover der Woche

Dezember 11, 2007

block-hot-pants-lassen-morder-kalt.jpg


TV-Tipp für den 11. Dezember

Dezember 11, 2007

RBB, 23.05

Der Saustall (F 1981, R.: Bertrand Tavernier)

Drehbuch: Jean Aurenche, Bertrand Tavernier

LV: Jim Thompson: Pop. 1280, 1964 (Zwölfhundertachtzig schwarze Seelen, 1280 schwarze Seelen)

Wirklich gelungene Verfilmung eines der besten Thompson-Bücher: ein Haufen Menschen geht ihren niederen Trieben (Sex, Ehebruch, Mord) nach und fühlt sich dabei von moralischen Gesetzen nicht gebunden.

Tavernier verlegte die Handlung von einem Südstaaten-Kaff nach Französisch-Westafrika, blieb aber der Seele des Buches treu.

Mit Philippe Noiret, Isabelle Huppert, Stéphane Audran, Guy Marchand


TV-Tipp für den 10. Dezember

Dezember 10, 2007

Tele 5, 22.00

Cutter’s Way – Keine Gnade (USA 1981, R.:  Ivan Passer)

Drehbuch: Jeffrey Fiskin

LV: Newton Thornburg: Cutter and Bone, 1976

Der verkrüppelte Vietnam-Veteran Alex Cutter begibt sich auf einen fanatischen Rachefeldzug gegen den Ölmagnaten J. J. Cord. Denn Cutters Freund Richard Bone glaubt, er habe Cord kürzlich beim Verstecken einer Leiche gesehen.

Der an der Kinokasse ziemlich gefloppte Film (die deutsche Premiere war auf Video) ist eine düstere Zustandbeschreibung der USA, in der mehrere amerikanische Genres gegen den Strich gebürstet werden und es keine sympathischen Figuren gibt. Inzwischen gilt „Cutter’s Way“ als kleiner Klassiker; – genau wie Thornburgs Roman.

Fiskins Drehbuch erhielt 1982 den Edgar als bestes Drehbuch.

Mit Jeff Bridges, John Heard, Lisa Eichhorn, Stephen Elliott, Ann Dusenberry

auch: „Cutter & Bone – Bis zum bitteren Ende“ und „Bis zum bitteren Ende“

Wiederholung um 02.20 Uhr

Hinweis:

Bob Cornwell redet mit Newton Thornburg


„Gone Baby Gone“ online

Dezember 9, 2007

Miramax veröffentlicht, wie vor wenigen Tagen Universal, Paramount und Warner Independent, Oscar-nominierte Drehbücher. Neben „No Country for old men“ (bereits hier erwähnt) gibt es auch das Drehbuch zur Dennis Lehane-Verfilmung „Gone Baby Gone“ von Ben Affleck und Aaron Stockard.

Simply Scripts hat inzwischen auch eine Seite eingerichtet, in der alle im Netz veröffentlichten Oscar-nominierten Drehbücher aufgeführt sind.


TV-Tipp für den 9. Dezember

Dezember 9, 2007

Arte, 20.40

Hundstage (USA 1975, R.: Sidney Lumet)

Drehbuch: Frank Pierson

LV: P. F. Kluge, Thomas Moore: The Boys in the Bank (Artikel im Life Magazine)

Buch zum Film: Patrick Mann (Pseudonym von Leslie Waller). Dog Day Afternoon, 1974

An einem heißen Sommertag überfällt Sonny mit zwei Freunden eine Bank in Brooklyn. Doch schon von der ersten Sekunde läuft bei den Amateuren nichts nach Plan. Als nach wenigen Minuten die Polizei die Bank umstellt, wird aus dem Überfall ein mehrstündiges Geiseldrama.

Für die Tragikömodie (Ja, das spannende Geiseldrama ist unglaublich witzig.) wurden sich einige Freiheiten genommen (Arte zeigt gleich im Anschluß die Dokumentation „Hundstage, die wahre Geschichte“, NL 2004, R/B: Walter Stockman), aber durch den Dreh vor Ort und mit zahlreichen Anwohnern als Zuschauern entstand eine realistische Atmosphäre. Die Schauspieler spielten grandios. Die, abgesehen von kleinen Rollen, beiden Debütanten Chris Sarandon (als Pacinos Freund) und Lance Henriksen (als Polizist) hatten einen glänzenden Start in ihre bis heute andauernden Filmkarrieren.

Frank Pierson erhielt für sein Drehbuch den Oscar und den Preis der WGA.

Der über dreißig Jahre alte Klassiker hat nichts von seiner Kraft verloren.

Mit Al Pacino, John Cazale, Charles Durning, James Broderick, Sully Boyar, Penny Allen, Chris Sarandon, Lance Henriksen

Wiederholungen:

Donnerstag, 13. Dezember, 14.50 Uhr

Montag, 17. Dezember, 00.05 Uhr (Taggenau!)

Hinweise:

Drehbuch von Frank Pierson:

–          Awesome Movie Scripts: final draft script

–          The Weekly Script: undated, unspecified draft script

Homepage von P. F. Kluge

Al Pacino’s Loft – Dog Day Afternoon (viele Informationen über den Film und dem Kluge-Moore-Artikel)


Gedanken zu einem Schenkel-Zitat

Dezember 8, 2007

Im neuen „ZEITmagazin Leben“ 50/2007 (scheint’s nicht online zu geben) beantwortet Andrea Maria Schenkel einige Fragen. Bei ihrer Antwort auf die Frage was sie an ihren Tätern fasziniere musste ich schlucken: „Dass dieses Mörder ganz anders sind als man selbst oder die meisten Menschen. Und dass es diese Mörder wiederum sehr wohl gibt.“

Denn bei diesen Worten fällt mir nur „Freakshow“ ein. Das ist – wenn es gut gemacht ist – unterhaltsam, ohne uns etwas über uns selbst zu verraten, uns zu berühren oder uns zum Nachdenken zu bringen.

Allerdings sollten gute Kriminalromane uns immer wieder vor Augen führen, dass jeder von uns zu bösen Taten fähig ist. Das neue Buch von Thomas H. Cook „Das Gift des Zweifel“ (Red Leaves, 2005) zeigt eindrücklich, zu welch schrecklichen Taten ganz normale Menschen fähig sind oder fähig sein könnten.

Der Film „Hundstage“ (USA 1975, Regie: Sidney Lumet, Drehbuch: Frank Pierson, mit Al Pacino) zeigt eine homosexuelle Liebesgeschichte, die schon damals die Zuschauer als Liebesgeschichte berührte. Die Schwulen waren keine Freaks, sondern Liebende am Ende einer Beziehung. Arte zeigt den Klassiker am Sonntag, den 9. Dezember.

Außerdem, das wird gerne vergessen, sind ganz normale Menschen nicht nur zu sehr bösen, sondern auch zu sehr heldenhaften Taten fähig.  Barbara D’Amato machte im „Outfit“vor wenigen Tagen diesen Punkt: „Heroism“:

„To crime writers, who spend a lot of time dwelling on the idea of a bit of evil in all of us, it’s a boon to think there is a bit of hero in all of us as well.“

P. S.:  Karlheinz Stockhausen verstarb am Mittwoch, den 5. Dezember. 


TV-Tipp für den 8. Dezember

Dezember 8, 2007

Arte, 17.45

Bürgerschreck und Romancier (D 2006, R.: Stefanie Appel)

Drehbuch: Stefanie Appel

Doku mit und über Burkhard Driest, der in den vergangenen Jahren vor allem als Krimiautor in die Öffentlichkeit trat. Davor schrieb er auch Drehbücher, führte Regie und schauspielerte. Oh, und der verurteilte Bankräuber inszenierte sich als Outcast. Hm, und dann gab es noch den Fernsehauftritt mit Romy Schneider.

Wiederholungen:

Samstag, 15. Dezember, 06.45 Uhr (Taggenau!)

Dienstag, 18. Dezember, 04.15 Uhr (Taggenau!)

Hinweis:

Arte zum Film

Literaturatlas über Burkhard Driest


TV-Krimi-Buch-Tipps online

Dezember 7, 2007

Die wie gewohnt wunderschön bebilderten TV-Krimi-Buch-Tipps für die letzten Wochen vor Weihnachten sind hier bei den Alligatorpapieren online. Hier gibt’s die einleitenden Worte:

In den letzten beiden Wochen vor dem großen Fest (als Geschenk empfehle ich eines der Bücher aus dem „NordPark Verlag“) gibt es vor allem Wiederholungen und einen neuen Auftritt von Commissario Laurenti (erfunden von Veit Heinichen, verkörpert von Henry Hübchen) und den ersten Auftritt von Kommissar Anders (erfunden von Mari Jungstedt, verkörpert von Walter Sittler).
Die wirklich empfehlenswerten Krimi-Verfilmungen sind Sam Raimis Scott B. Smith-Verfilmung „Ein einfacher Plan“, Delmer Davis David Goodis-Verfilmung „Das unbekannte Gesicht“ (mit Humphrey Bogart und Lauren Bacall), John Frankenheimers Thomas E. Gaddis-Verfilmung „Der Gefangene von Alcatraz“ (ein Biopic mit Burt Lancaster), Ivan Passers Newton Thornburg-Verfilmung „Cutter’s Way – Keine Gnade“, Bertrand Taverniers Jim Thompson-Verfilmung „Der Saustall“, Stanley Kubricks Stephen King-Verfilmung „Shining“ (erschien am 7. Dezember mit anderen Kubrick-Klassikern endlich in einer überarbeiteten DVD-Fassung), Sidney Lumets Reginald Rose-Verfilmung „Die zwölf Geschworenen“ und Carol Reeds Graham Greene-Verfilmung „Der dritte Mann“.
Fans von Frühwerken müssen den Columbo-Fall „Tödliche Trennung“ sehen. Das Drehbuch schrieb Steven Bochco, Regie führte Steven Spielberg.


Besprechung P. J. O’Rourke „Reisen in die Hölle“ online

Dezember 7, 2007

orourke-reisen-in-die-holle.jpg

Bei der Berliner Literaturkritik ist meine Besprechung von P. J. O’Rourkes „Reisen in die Hölle“ erschienen. Die Sammlung von Reisereportagen, satirisch überspitzt, hat mir sehr gut gefallen. Denn O’Rourke hat die Fakten sauber recherchiert und schreibt respektlos über die von ihm besuchten Katastrophengebiete. Die Texte für die deutsche Ausgabe wurden hauptsächlich den Sammelbänden „Holidays in Hell“ und „Eat the Rich“ entnommen.

Seite von P. J. O’Rourke 

P. J. O’Rourke online (Hinweise auf Texte von und über O’Rourke in Blogform)


TV-Tipp für den 7. Dezember

Dezember 7, 2007

3sat, 22.25

Felicia, mein Engel (Kan/GB 1999, R.: Atom Egoyan)

Drehbuch: Atom Egoyan

LV: William Trevor: Felicia´s journey, 1994

Mr. Hilditch (Bob Hoskins) hilft der 17-jährigen Felicia bei der Suche nach Johnny. Dabei verfolgt er gleichzeitig seine eigenen Pläne.

Wie immer bei Egoyan: langsam, aber konzentriert erzählt, mit grandiosen Leistungen der Schauspieler und einer exquisiten Kameraarbeit. Halt Kino für denkende Menschen.

„Mit dieser Parabel für die Zerstörung von Unschuld liefert er [Egoyan] eins der düstersten und beklemmendsten Porträts eines Serienmörders, das seit langem in Kino zu sehen war – eine außerordentliche schauspielerische Leistung von Bob Hoskins.“ (Heinrichs, Rheinische Post, 4. 2. 2000)

Mit Bob Hoskins, Arsinée Khanjian, Elaine Cassidy

Hinweis:

3sat zum Film


Vor den Romanen waren die Reportagen

Dezember 6, 2007

connelly-l-a-crime-report.jpg 

Das neueste Buch “L. A. Crime Report“ von Michael Connelly ist eigentlich ein vollkommen überflüssiges Buch. Connelly-Fans wissen, dass er vor seiner Schriftstellerkarriere Polizeireporter für den „South Florida Sun-Sentinel“ und die „Los Angeles Times“ war. Diese Artikel verstauben, wie hunderttausende weitere Zeitungsartikel, in den Archiven der Zeitungen und Bibliotheken, wenn es nicht einen Grund gäbe, sie wieder auszugraben. Der Grund bei Michael Connelly ist ganz einfach. Er ist heute einer der großen zeitgenössischen Krimiautoren. Mit seinen Einzelwerken und, vor allem, der Harry Bosch-Reihe eroberte er weltweit die Herzen der Krimifans. Bei seinen Romanen fällt immer wieder auf, wie genau sie recherchiert sind und wie präzise die zahlreichen Informationen in der Geschichte präsentiert werden. Das lernte Connelly, wie die im irreführend betitelten „L. A. Crime Report“ abgedruckten Texte zeigen, als Polizeireporter.

In „L. A. Crime Report“ sind nämlich etliche Reportagen und Zeitungsartikel abgedruckt, die er zwischen 1984 und 1992 für den „South Florida Sun-Sentinel“ und die „Los Angeles Times“ schrieb. Die Artikel sind unter den Überschriften „Die Cops“, „Die Mörder“ und „Die Fälle“ gebündelt. Meistens sind mehrere, miteinander zusammenhängende Artikel über einen Fall zusammengefasst worden. Diese Zeitungsartikel unterscheiden sich dann auch nicht von Zeitungsartikel, die andere Journalisten über teilweise ebenfalls Aufsehen erregende Verbrechen geschrieben haben. Es werden die Fakten, garniert mit einigen Zitaten, präsentiert. Es sind im Schnitt zwanzig Jahre alte Artikel, die damals für den schnellen Gebrauch geschrieben waren und heute – wenn man nicht gerade über diese Zeit recherchiert – vollkommen uninteressant sind.

Neben diesen für den täglichen Gebrauch geschriebenen Artikeln wurden auch einige seiner Reportagen aufgenommen. In ihnen ist am ehesten die Verbindung zwischen dem Polizeireporter, der irgendwann einmal Romane schreiben wollte, und dem heutigen Kriminalromanautor erkennbar. So findet sich in „Der Anruf“ die Stelle, in der Detective George Hurt, während er am Tatort keine Miene verzieht, den Plastiküberzug an seiner Brille mit seinen Zähnen zerbeißt. Für diese Reportage begleitete Michael Connelly eine Woche lang zwei Detectives. Ebenfalls von bleibendem Interesse sind die Reportagen über die Arbeit der Polizei gegen die sich in Florida entspannenden Mafiosi („Open Territory“), die Zusammenarbeit der Foreign Prosecution Unit von Los Angeles mit der ausländischen Justiz, um flüchtige Straftäter vor Gericht zu bringen („Grenzüberschreitungen“), die Reportage über eine Gruppe von unfähigen Mietkillern („Wo Gangster um die Ecke knallen“) und die Fallstudien „Böse, bis er stirbt“ über einen mutmaßlichen Mörder und „Leben auf der Überholspur“ über einen Serieneinbrecher.

In den Reportagen und Artikeln, in denen Michael Connelly einzelne Fälle begleitete, fällt immer wieder auf, wie einige Fälle und darin verwickelte Personen in seine Romane eingeflossen sind. Denn, so Chandler-Fan Connelly in dem lesenswerten Vorwort: „Meine Erlebnisse mit Cops und Mördern und meine Tage als Polizeireporter waren für mich als Romanautor von unschätzbarem Wert. Den Romanautor gäbe es nicht, wenn nicht zuerst der Polizeireporter da gewesen wäre. Ich könnte nicht über meinen fiktiven Detective Harry Bosch schreiben, hätte ich nicht zuerst die realen Detectives erlebt. Ich könnte meine Mörder nicht erfinden, hätte ich vorher nicht mit ein paar richtigen gesprochen.“

Deshalb ist „L. A. Crime Report“ kein überflüssiges Buch. Michael Connelly-Fans, die an allen von Connelly geschriebenen Texten und vor allem an den ersten Einflüssen für seine Romane interessiert sind, haben es bereits gekauft. Aber auch für True Crime-Fans und für Journalisten ist „L. A. Crime Report“ ein sehr lohnenswertes Buch. Denn, so Michael Carlson, in seinem ebenfalls lesenwertem Nachwort, Michael Connelly „ist Reporter im besten Sinn des Wortes, jemand, der es versteht, Informationen zu sammeln und die hinter den Fakten versteckte Geschichte zu erkennen, jemand, der es versteht, die Eindrücke der unterschiedlichen Menschen zu sortieren und zu erkennen, wie sie alle diese Fakten verursachen, und vor allem jemand, der es versteht, das alles so zu Papier zu bringen, dass auch seine Leser dazu in der Lage sind.“

Die deutsche Ausgabe wurde um einen kurzen Text von Jochen Stremmel über Connelly und ein Werkverzeichnis ergänzt.

  

Michael Connelly: L. A. Crime Report

(übersetzt von Sepp Leeb)

Heyne, 2007

432 Seiten

8,95 Euro

 

Originalausgabe:

Crime Beat – Selected Journalism 1984 – 1992

Steven C. Vascik Publications, 2004

 

US-amerikanische Neuauflage bei Little, Brown and Company, 2004

Britische Ausgabe unter dem Titel “Crime Beat – True Stories of Cops and Killers” bei Orion, 2006

 

Hinweise:

Homepage von Michael Connelly

Meine Besprechung von „Der Mandant“ (The Lincoln Lawyer)

Hinweis auf die deutsche Übersetzung von „The Lincoln Lawyer“

Meine Besprechung von “Vergessene Stimmen” (The Closers)


TV-Tipp für den 6. Dezember

Dezember 6, 2007

Der Lokalpatriotismus schlägt zu:

RBB, 23.35

leben in der stadt von morgen (D 2007, R.: Marian Engel)

Drehbuch: Marian Engel

Hansaviertel 1957 und heute. Vor fünfzig Jahren fand in Berlin die Interbau statt. Auf ihr trafen sich 64 namhafte Architekten der klassischen Moderne (wie Le Corbusier und Gropius) und planten die Stadt der Zukunft. Als Ausstellungsobjekt wurde das damals nach einer zweijährigen Bauzeit gerade fertiggestellte Hansaviertel präsentiert. Engel kontrastiert in seinem Film die Utopien der Architekten für ein neues Zusammenleben der Menschen mit der heutigen Wirklichkeit im Hansaviertel.

Homepage zum Film


Zwei literarische Adventskalender, eine Krimi-Couch

Dezember 5, 2007

Beim Syndikat habe ich eben das entdeckt und (obwohl die ersten Türen bereits geöffnet sind und ich die Qualität noch nicht geprüft habe) empfehle ich die von deutschen Krimiautoren kredenzten Adventskalender.  Für die Menschen, die schnell ans Ziel wollen:

Carsten Sebastian Henn und Ralf Kramp haben einen 24-teiligen Adventskrimi geschrieben.  … Unter www.albamoda.de/krimi gibt es vom 01. Dezember an jeden Tag ein neues Kapitel zu lesen. Und man darf mörderisch gespannt sein, wer am 24. Dezember hinter dem Türchen von Kramp und Henn lauert.

Von Wolfgang Kemmer gibt es den Jokers Krimi-Adventskalender 24 namhafte SYNDIKAT-Autoren haben für jeden Tag eine spannende Geschichte geschrieben.

(Schamlos vom Syndikat kopiert und gekürzt.)

Und nun zu etwas vollkommen anderem: die Dezember-Kritiken der Krimi-Couch sind online.  Besprochen werden unter anderem Nick Stone, Walter Mosley, Friedrich Ani, Felix Huby, John Connor und Elmore Leonard. Einen Flop gibt es dieses Mal nicht.


Ein sympathischer Winkeladvokat

Dezember 5, 2007

cayre-der-lumpenadvokat.jpg 

Wer einen Krimi mit einem Mord am Anfang und einer Aufklärung am Ende erwartet, wird mit „Der Lumpenadvokat“ von Hannelore Cayre nichts anfangen können. Wer einen Anwaltskrimi erwartet, in dem ein Anwalt einen aussichtslosen Fall übernimmt und die Unschuld seines Mandanten beweist, wird mit „Der Lumpenadvokat“ ebenfalls nichts anfangen können. Denn der Ich-Erzähler Christophe Leibowitz ist hier sein eigener Mandant und er sitzt auf der ersten Seite bereits rechtskräftig – und zu Recht – verurteilt im Gefängnis.

Schließlich hat sich Leibowitz auf eine Gefangenenbefreiung eingelassen und die Haft ist die kurze Tortur vor der Belohnung. Denn sein weitaus erfolgreicherer Anwaltskollege Lakdar hat dem am Hungertuch nagenden Anwalt Leibowitz ein Angebot gemacht, das er nicht ablehnen konnte. Er soll mit einem inhaftierten Verbrecher die Kleider tauschen und ihm so zur Flucht verhelfen. Dafür erhält er nach seiner Haft eine Million Euro. Doch dann erfährt Leibowitz, dass Lakdar ihm das versprochene Geld nicht geben will.

Hannelore Cayre ist, wie ihr Held, Strafverteidigerin. Entsprechend gut kennt sie sich in den Verfahren und den ihnen innewohnenden Absurditäten des französischen Justizapparates aus. Dabei musste sie sich in „Der Lumpenadvokat“ zurücknehmen. Denn, so erzählt sie in dem dem Buch beigefügten Interview: „Im Roman wollte ich, dass alles plausibel ist. In der Wirklichkeit erlebt man aber unglaubliche Fälle. (…) Wenn ich das in einem Roman erzähle, würde jeder sagen, ich übertreibe.“

Doch auch ohne die groteskesten Fälle gelingt ihr ein erschreckendes Panoptikum eines riesigen Apparates mit den ihm innewohnenden langsamen Verfahren und Absurditäten: „Allein die Inhaftierung füttert den Rechtsanwalt durch. Kommt der Beschuldigte ohne Haft davon, geht der Anwalt wieder zurück auf ‚Los’ und zieht keine dreihundert Euro ein. Es lief demzufolge meinem eigenen Interesse zuwider, in der Akte irgendwelche Nichtigkeiten aufzuspüren und zu versuchen, ihm die Freiheit zu erhalten. Es lief meinen Interessen zuwider, meine Arbeit zu tun.“

Leibowitz, und das macht ihn sympathisch, ist ein in seinen Grenzen ehrliches Schlitzohr, das sich in „Der Lumpenadvokat“ mit einem Haufen Betrüger herumschlagen muss, die sich und ihn gegenseitig übers Ohr hauen wollen.  Dass dabei das französische Justizsystem nicht besonders gut wegkommt, trübt das Vergnügen an diesem schwarzhumorigen Debütkrimi nicht.

In Frankreich ist bereits ein weiterer Leibowitz-Krimi erschienen.

 

Hannelore Cayre: Der Lumpenadvokat

(Übersetzt von Stefan Linster)

Unionsverlag, 2007

160 Seiten

12,90 Euro

 

 

Originalausgabe:

Commis d’office

Éditions Métailié, Paris, 2004

 

Weitere Informationen über Hannelore Cayre beim Unionsverlag