TV-Tipp für den 8. September

September 7, 2007

Pro 7, 22.25

Panic Room (USA 2002, R.: David Fincher)

Drehbuch: David Koepp

Die frisch geschiedene Meg Altman entdeckt mitten in Manhattan ihr Traumhaus. In ihm ist sogar, letzter Schrei der Sicherheitsindustrie für ängstliche, stinkreiche Großstädter, ein Panic Room. In diesen sicheren Raum kann sich der Hausbesitzer während eines Einbruchs zurückziehen und abwarten bis die Polizei anrückt. Meg hält den Raum für überflüssig, aber als in der Nacht drei Einbrecher auftauchen, flüchtet sie mit ihrer Tochter in den Panic Room. Dummerweise wollen die Einbrecher die in diesem Zimmer versteckten Millionen des Vorbesitzers stehlen.

Das mag jetzt neu klingen, aber im Kern erzählt „Panic Room“ eine uralte, aus jedem zweiten Western bekannte Story. Tauschen Sie einfach den Panic Room gegen ein Fort oder eine Wagenburg; die Einbrecher gegen Indianer aus und Sie wissen genau, in welchem Moment die Kavallerie auftaucht. Oh, und in welchem Zustand das Haus ist.

David Koepp und David Fincher machen daraus einen spannenden Hightechthriller.

Oder sagen wir es mit den Worten von Georg Seeßlen: Panic Room „ist vor allem ein reduzierter, ebenso brillant konstruierter wie fotografierter Thriller, ein Kammerspiel des Terrors, das alle Elemente, die am Anfang eingeführt wurden, beständig transponiert, wendet und variiert. Insofern ist Panic Room ein Stück reiner Film-Komposition, in der Sujets, Objekte und Einstellungen die Rollen von Melodien, Takten und Tönen übernehmen(…). Und wie für eine musikalische Komposition, so gilt auch für Panic Room: Es kommt nicht allein auf die Erfindung einer Melodie an, sondern auch darauf, was ein Interpret mit ihr anzustellen weiß.“ (in Frank Schnelle [Hrsg.]: David Fincher)

Mit Jodie Foster, Kristen Stewart, Forest Whitaker, Dwight Yoakam, Jared Leto, Patrick Bauchau, Andrew Kevin Walker (der „Se7en“-Drehbuchautor spielt den verschlafenen Nachbarn)

Wiederholung: Sonntag, 9. September 02.15 Uhr (Taggenau!)

Drehbuch von David Koepp


Frank Elder ist zurück

September 6, 2007

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Wenige Monate nach dem ersten hochgelobten Kriminalroman mit Detective Inspector Frank Elder erscheint „Schau nicht zurück“. In dem zweiten Elder-Roman beweist der in England hochgeschätzte John Harvey wieder einmal seine Klasse. Die Geschichte beginnt mit einem missglückten Polizeieinsatz und wird immer mehr zu einem düsteren Porträt des heutigen Englands.

In London will die Polizei den seit langem gesuchten Gangster James William Grant verhaften. Doch die Verhaftung geht schief. Grant kann Detective Constable Paul Draper erschießen. Anschließend erschießt Einsatzleiter George Mallory ihn. Die einzige Zeugin des Schusswechsels und Beinahe-Opfer Detective Sergeant Maddy Birch kann sich nachher nicht erinnern, ob Grant den Derringer bereits von Anfang an in der Hand hatte oder Mallory ihn nachträglich dorthin legte. Noch während die „Behörde zur Untersuchung polizeilicher Vergehen“ den Fall untersucht, fühlt Maddy Birch sich verfolgt. Kurz darauf ist sie tot. Sie wurde erstochen. Die ersten Ermittlungen des von Detective Chief Inspector Karen Shields, einer Schwarzen, geleiteten Teams führen zu nichts.

Der seit drei Jahren frühpensionierte DI Frank Elder interessiert sich für den Fall. Denn vor sechzehn Jahren hatte er eine sehr kurze Affäre mit Birch. Jetzt will er als unabhängiger, zum Fall hinzugezogener Experte helfen, den Mord aufzuklären.

Gleichzeitig versucht seine sechzehnjährige, vor einem Jahr von Keach entführte und vergewaltige Tochter Katherine ihr Leben in den Griff zu bekommen. Sie trifft sich mit älteren, in Drogengeschäfte verwickelten Jugendlichen. Bei einer Polizeikontrolle wird in ihrer Tasche Heroin gefunden. Elder will ihr helfen.

Vor wenigen Wochen erhielt John Harvey den Diamond Dagger der Crime Writers‘ Association (CWA) für seine Verdienste als Autor. „Schau nicht zurück“, der mittlere Teil der Elder-Trilogie, zeigt eindrucksvoll warum er von seinen Kollegen so geschätzt wird. Denn wie ruhig und überlegt Harvey seine Geschichte ausbreitet, mit wie wenigen Strichen er seine Charaktere lebendig werden lässt und wie pointiert er die heutige britische Gesellschaft porträtiert, das ist ganz einfach wirklich gekonntes Handwerk. Hier arbeitet ein Autor, der sich nicht an irgendwelche modischen Trends anschließt oder mangelnde inhaltliche Substanz mit Sex und Gewalt verdecken will. Insofern ist der 1938 geborene Harvey, genau wie der 1930 geborene Regisseur Clint Eastwood, ein Erzähler der alten Schule. Für sie steht die Geschichte im Mittelpunkt; alles andere muss sich ihr unterordnen.

Deshalb steht in dem Polizeiroman nicht Frank Elder sondern Maddy Birch und die Jagd nach ihrem Mörder im Zentrum der Erzählung. John Harvey stellt sie genauer beim Einsatz, der anschließenden Befragung und mit ihrer Freundin vor. Dann kommt auf Seite 81 der Schock. Die über so viele Seiten liebevoll eingeführte Vierundvierzigjährige wurde ermordet. Bis Frank Elder sich dann in die Ermittlungen einmischt, vergehen wieder etliche Seiten. Auf diesen Seiten beginnt John Harvey den Fall auszubreiten und entwirft ein Porträt des heutigen Englands. Allerdings kein sehr positives Bild. Die Gesellschaft und damit auch die Polizei sind korrupt. Rassismus und Sexismus sind allgegenwärtig. Im Hintergrund wabert ein endloser Krieg gegen den Terrorismus.

Dies ist der Hintergrund für John Harveys ruhig erzählten Polizeiroman, in dem er souverän die Perspektiven wechselt und die einzelnen Erzählstränge so entwickelt, dass man letztendlich unbedingt wissen will, wie der Mord an einer Polizistin mit einer fehlgeschlagenen Verhaftung zusammenhängt.

P. S.: Natürlich können die Elder-Romane unabhängig voneinander gelesen werden.

 

 

John Harvey: Schau nicht zurück

(übersetzt von Sophie Kreutzfeldt)

dtv, 2007

448 Seiten

8,95 Euro

 

Originaltitel:

Ash & Bone

Heinemann, London, 2005

 

Homepage von John Harvey:

http://www.mellotone.co.uk/

CWA zur Verleihung des Cartier Diamond Dagger für John Harvey:

http://thecwa.co.uk/daggers/2007/cartier.html


TV-Tipp für den 7. September

September 6, 2007

Arte, 00.00 (VPS 00.05)

Von Sex bis Simmel (D 2005, R.: Hans Günther Pflaum, Peter H. Schröder)

Doku über die Zeit, als der „Schulmädchen-Report“ ein Kassenerfolg war und eine Prise Nacktheit zu jedem deutschen Kommerzfilm gehörte.

Mit Wolf C. Hartwig, Hans-Christoph Blumenberg, Volker Schlöndorff

Wiederholung:

Sonntag, 9. September, 03.00 Uhr (taggenau!)

Arte zum Film


Pulp Master kündigt drei Neuerscheinungen an

September 6, 2007

Pulp Master hat jetzt ganz offiziell sein Herbst-/Winterprogramm vorgelegt. Noir-Freunde dürfen sich auf drei Neuerscheinungen von bekannten Pulp Master-Autoren freuen. Wie üblich garantiert der kleine Verlag nur das Erscheinen der Werke. Aber dafür hat sich das Warten, auch in den vergangenen Jahren, immer gelohnt.

Diese Perlen gibt es in demnächst:

Paul Freeman: Laster und Tugend (Sein Debüt „Die Legenden von Ophir“ hat mir gut gefallen. Jetzt legt Pulp Master mit der Serie um den Journalisten Peter Maddox vom Arabian Chronicle nach. In Al Khobar explodiert eine Autobombe. Neben der Leiche werden Reste von einer großen Lieferung Schnaps gefunden. Maddox findet heraus, dass das Opfer illegale Pubs in den östlichen Provinzen betrieb. Musste er deshalb sterben? – Angekündigt für September/Oktober)

Garry Disher: Niederschlag (Der langerwartete Abschluss der Wyatt-Serie schließt unmittelbar an „Port Vila Blues“ an. Dieses Mal will er eine Kunstammlung stehlen und einen untergegangenen Goldschatz bergen. Das wäre einfach, wenn es nicht die bösen Mitmenschen gäbe. – Angekündigt für November)

Gerald Kersh: Ouvertüre um Mitternacht (Zu seinen Lebzeiten war Gerald Kersh ein geachteter und sich gut verkaufender Autor. Heute ist er vor allem für seinen zweimal verfilmten Roman „Nachts in der Stadt“ bekannt. „Ouvertüre um Mitternacht“ spielt in London in den späten Dreißigern des vergangenen Jahrhunderts. Ein zehnjähriges jüdisches Mädchen wird ermordet. Während DI Dick Turpin Dienst nach Vorschrift schiebt, beschließt die exzentrische Sozialreformerin Asta Thundersley den Mörder auf eigene Faust zu suchen. – Angekündigt für Januar 2008)


TV-Tipp für den 6. September

September 6, 2007

RTL, 20.15

CSI: Den Tätern auf der Spur – Um Leben und Tod (USA 2006, R.: Terrence O’Hara, Kenneth Fink)

Drehbuch: Naren Shankar, Jerry Stahl

Creator: Anthony E. Zuiker

Vor zwei Tagen begannen die Sonnenbrillen-Fetischisten neue Fälle aufzuklären. Heute legen die Taschenlampen-Fetischisten aus der Spielerstadt Las Vegas nach. In der Doppelfolge „Um Leben und Tod“ wird Willie Cutlers Frau ermordet. Kurz darauf erschießt er in einem Casino einen Sicherheitsbeamten und nimmt eine Geisel. Bei einem Befreiungsversuch wird Captain Jim Brass (der Ärmste muss inzwischen ständig Schicksalsschläge einstecken. Seine süchtige Tochter will nichts von ihm wissen und er erschießt einen Kollegen.) schwer verletzt.

Die CSI-Doppelfolge „Um Leben und Tod“ beendet die sechste Staffel der weltweit erfolgreichen Forensik-Serie. Kommenden Donnerstag startet RTL die siebte Staffel mit der Doppelfolge „Mord nach Modell“. Bis zur Winterpause werden die ersten dreizehn Folgen der siebten Staffel mit Gil Grissom und seinem Team gezeigt.

Mit William Petersen (Gil Grissom), Marg Helgenberger (Catherine Willows), Gary Dourdan (Warrick Brown), George Eads (Nick Stokes), Jorja Fox (Sara Sidle), Eric Szmanda (Greg Sanders), Robert David Hall (Dr. Al Robbins), Paul Guilfoyle (Captain Jim Brass)

Wiederholung:

Freitag, 7. September, 00.35 Uhr (taggenau!)

Hinweise:

RTL (immerhin hat RTL einige Videos  übernommen, aber insgesamt  ist die Vorstellung des Quotenknüllers einfach lieblos)

CBS (natürlich informativ)

CSI in der Kriminalakte (mit weiterführenden Hinweisen)


Es wird gegrantelt

September 4, 2007

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Mit dem Humor und der Sprache ist das so eine Sache. Die einen sind von Manfred Wieninger und seinen vier Marek-Miert-Privatdetektivromanen begeistert. Den anderen geht es wie mir. Sie können mit „Der Engel der letzten Stunde“ einfach nichts anfangen.

Im dritten Roman mit Privatdetektiv Marek Miert ist der reine Krimiplot kaum erkennbar und noch weniger nachvollziehbar. Der übergewichtige, cholerische und vollständig abgebrannte Marek Miert soll die seit über einem Monat verschwundene elfjährige Helene Kafka finden. Dass die Polizei, die gesamte Öffentlichkeit und eine andere Detektei keine Spur von der Verschwundenen gefunden haben, stört Miert nicht. Er beginnt seine Ermittlungen bei Helenes trunksüchtiger Mutter und pöbelt sich dann zur Lösung durch.

Diese Ermittlung interessiert Wieninger aber nur am Rand. Denn es ist einfach unlogisch, dass Miert das gelingen soll, was dem restlichen Österreich nicht gelingt. Trotzdem, soviel Konzession an die Genreregeln muss sein, findet Miert die verschwundene Helene. Aber ich kann unmöglich sagen, wie ihm das auf eine irgendwie nachvollziehbare Art gelungen ist.

Allerdings hat Wieninger auch überhaupt nicht den Anspruch einen gewöhnlichen Privatdetektivroman zu schreiben. Der Grundplot vom Suchen und Finden einer Person bildet für Wieninger nur das Gerüst für einen Rundumschlag auf die österreichische Psyche. Sein Ich-Erzähler Marek Miert grantelt sich zwischen Selbst- und Welthass schwankend durch „Der Engel der letzten Stunde“. Assoziativ springt er von einem Thema und Ermittlungsschritt zum Nächsten und begibt sich dabei immer wieder auf Abwege. Das ist typisch österreichisch und erinnert natürlich an den großen Thomas Bernhard.

In einem Roman mag ich dieses assoziative Granteln nicht.

Und deshalb gefällt mir auch „Der Engel der letzten Stunde“ nicht. Denn von einem Roman erwarte ich immer auch eine nachvollziehbare Geschichte.

 

 

Manfred Wieninger: Der Engel der letzten Stunde

Unionsverlag, 2007

192 Seiten

8,90 Euro

 

Erstausgabe: Haymon-Verlag, 2005

 

Weitere Informationen:

Unionsverlag über Manfred Wieninger:

http://www.unionsverlag.com/info/person.asp?pers_id=1829

Die Befragung:

http://www.alligatorpapiere.de/befragung-wieninger.html

 


TV-Tipp für den 5. September

September 4, 2007

Kabel 1, 20.15

Heist – Der letzte Coup (USA 2001, R.: David Mamet)

Drehbuch: David Mamet

Nachdem Meisterdieb Joe Moore bei einem Diebstahl von einer Überwachungskamera gefilmt wird, will er aussteigen. Aber sein Hehler Mickey Bergman erpresst ihn zu einem letzten großen Coup. Ab diesem Moment kämpfen sie gegeneinander.

Dank der guten Schauspieler und des wendungsreichen Drehbuchs von Regisseur David Mamet ist dieser Film vom letzten großen, perfekt ausgeführten Coup und den sich gegenseitig betrügenden Gaunern ein einziges Vergnügen. Denn „Heist – Der letzte Coup“ ist gutes Genrekino, präsentiert von einem Meister, der hier tief in seiner Trickkiste wühlt.

Mit Gene Hackman, Danny DeVito, Delroy Lindo, Sam Rockwell, Rebecca Pidgeon

Hinweise:

Deutsche Warner Brothers-Seite zum Film

Drehbuch von David Mamet


Spannendes aus Hamburg-Altona

September 4, 2007

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Neben all den hochgelobten literarischen Kriminalromane und dicken Serienkillerthrillern fällt Robert Bracks neuestes Buch „Schneewittchens Sarg“ kaum auf. Es ist ein schmales Buch. 192 Seiten. Es gibt nur einen Mord. Strukturell ist es ein Whodunit, bei dem es streng nach den Genreregeln auf den Gärtner als Mörder hinausläuft. Doch in seinem neuesten Roman ist Robert Brack an dem Wer-ist-der-Täter-Spiel nur mäßig interessiert. Als Kenner des Genres respektiert und befolgt er die Regeln und präsentiert innerhalb der Genrekonventionen ein pointiertes Bild des gesellschaftlichen Milieus der Achtundsechziger damals und heute.

In den Siebzigern besetzten sie leerstehende Gebäude und begannen verschiedene Projekte. In einem von ihnen, dem Sozial-Verein, wurde vor zwanzig Jahren im Keller die Leiche der erschlagenen siebzehnjährigen Vera vergraben. Als der Vereinssitz des Sozialprojektes jetzt abgerissen wurde, wurde ihr Skelett gefunden.

Die Polizei kommt nicht richtig weiter bei ihren Ermittlungen. Nur der sich treu gebliebene Alt-Achtundsechziger Paul möchte wissen, wer der Täter ist. Er beauftragt die Tochter eines verstorbenen Freundes, Schneewittchens Sarg zu finden. Die finanziell notorisch abgebrannte Privatdetektivin Lenina Rabe nimmt den Auftrag an. Immerhin kann sie ihrem Onkel Paul schlecht diesen Wunsch abschlagen. Kurz darauf erhält sie einen zweiten Auftrag. Sie soll für einen unbekannten, aber zahlungskräftigen Klienten herausfinden, wer der geheimnisvolle Anführer der Dänischen Befreiungsfront, Jens Jensen, ist. Diese Volkstümler fordern, dass Hamburg-Altona wieder ein Teil von Dänemark wird.

Bei ihren Ermittlungen stöbert die schlagkräftige und schlagfertige Lenina Rabe durch die Vergangenheit der Bewohner der damaligen Kommune.

Mit wenigen Worten entwirft Robert Brack die unterschiedlichen Biographien von Revolutionären, die sich mehr oder weniger stark anpassten. Indem Brack das heutige Leben seiner Charaktere mit ihrem damaligen Anspruch kontrastiert, werden sie und ihre Verlogenheit lebendig. Denn bereits lange bevor Vera auftauchte und für triebgesteuerte Unruhe sorgte, hatten die Kommunarden begonnen, sich zu bekriegen. Veras plötzliches und damals geheimnisvolles Verschwinden beschleunigte nur den Verfall der Gemeinschaft. Einige passten sich an. Einer wurde Firmeninhaber. Einer Immobilienbesitzer. Einer Arzt. Eine wurde zur hysterischen Ziege, die niemand das Betreten ihres Rasens gestattet. Eine schneidet liebevoll die Blumen und betrachtet alles mit dem distanzierten Blick eines Forschers. Und Leninas Auftraggeber Paul blieb sich treu. Deshalb halten ihn die anderen für einen Verlierer. Miteinander verbunden sind sie immer noch in herzlicher, auf alten Geschichten fußender Feindschaft, die sie, gewürzt mit revolutionären Sprüchen, im Schlaf herunterbeten können. Jeder Besucher einer alternativen Kneipe oder eines Treffens ökologischer Unternehmen kennt sie und in Bracks neuestem Roman werden sie in einer spannenden Kriminalgeschichte lebendig.

Der dritte Lenina-Rabe-Fall  „Schneewittchens Sarg“ ist ein geradliniger Privatdetektiv-Roman, der das Genre nicht neu erfindet, aber prächtig unterhält. Bei Robert Brack sind wir in den Händen eines Könners. Doch wen wundert das, wenn man weiß, dass Brack neben seinen Romanen auch Kritiken schrieb und Kriminalromane übersetzte. Unter anderem Robert B. Parker, der mit seiner Spenser-Serie den Privatdetektivroman in den USA in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts revitalisierte und zahlreiche neue Autoren dafür begeisterte. Robert Brack gehört, wie „Schneewittchens Sarg“ zeigt, dazu.

 

Robert Brack: Schneewittchens Sarg

Nautilus, 2007

192 Seiten

12,90 Euro

 

Homepage von Robert Brack:

http://www.gangsterbuero.de/zestart/frame.html


Fundsachen von „Black Snake Moan“ über SF zu Krimis

September 4, 2007

Das Drehbuch von Craig Brewer zu seinem Film „Black Snake Moan“ (Genau, der Südstaatenheuler mit dem herrlich pulpigen Plakaten, in dem Samuel L. Jackson einen Bluesmusiker spielt, der die Dorfhure Christina Ricci an eine Heizung fesselt und von ihren Dämonen befreien will. Eine schwüle Angelegenheit.) kann bei The Weekly Script nachgelesen werden.

„Auferstanden von den Toten“ von Martha Grimes steht auf dem elften Platz der Spiegel-Taschenbuchbestsellerliste. Deshalb verliert Helge Rehbein bei Spiegel Online einige Worte über diesen Inspector-Jury-Roman.

Bei Kaliber .38 denkt Thomas Wörtche über die Nachbarschaft von Science Fiction und Kriminalliteratur nach. „Desaster as usual“ heißt das Teil.

In der September-Ausgabe der Literaturkritik bespricht Walter Delabar den neuen Horst Eckert „Königsallee“ (er gefällt ihm nicht so); Georg Patzer den neuen Pablo de Santis „Die sechste Laterne“ (er gefällt ihm). Beim Blick über den Tellerrand entdecken wir außerdem  einige wohlwollende Worte über Jasper Fjordes „Es ist was faul“ (von Martin Andreas Spieß), von Frank Müller ebenso wohlwollendes über Thomas Brandlmeiers „Fantomas – Beiträge zur Panik des 20. Jahrhunderts“ und noch etliche weitere Bücher im Schwerpunkt „Film“.

Frank Rumpel empfiehlt im Titel-Forum Roland Voggenauers Debüt „Blut und Wasser“ für einen Nachmittag am Chiemsee.

Und dann gibt es noch das.


TV-Tipp für den 4. September

September 3, 2007

RTL, 20.15

CSI: Miami – Rio (USA 2006, R.: Joe Chappelle)

Drehbuch: Sunil Nayar

Creator: Anthony E. Zuiker, Ann Donahue, Carol Mendelsohn

Zum Start der fünften Staffel des ersten Ablegers von “C. S. I. – Den Tätern auf der Spur“ spendiert Produzent Jerry Bruckheimer Lieutenant Horatio Caine (David Caruso) und Eric Delko (Adam Rodriguez) einen Ausflug nach Brasilien. Dort wollen die Beiden den Mörder von Caines Kurzzeit-Ehefrau und Delkos Schwester Marisol zur Strecke bringen. Wetten, dass den beiden Forensikern das gelingt, ohne auch nur einmal das Gesetz beugen zu müssen?

RTL zeigt zunächst die ersten 14 Episoden der fünften Staffel. Danach wird’s die gewohnte, mit Wiederholungen gefüllte Pause geben. Denn was wäre eine Woche ohne Sonnebrillen-Fetischismus und Caine-Einzeiler?

Mit David Caruso (Lieutenant Horatio Caine), Emily Procter (Calleigh Duquesne), Adam Rodriguez (Eric Delko), Khandi Alexander (Dr. Alexx Woods), Jonathan Togo (Ryan Wolfe), Rex Linn (Detective Frank Tripp), Eva La Rue (Natalia Boa Vista), Sofia Milos (Detective Yelina Salas)

Wiederholung:

Donnerstag, 6. September, 00.35 Uhr (taggenau!)

Hinweise:

RTL (gewohnt bescheidene Qualität)

CBS (gewohnt gute Qualität mit einigen Clips, einem Writer’s Blog, einem Wiki undundund)


Besprechung von Carafiglios „In freiem Fall“ online

September 3, 2007

Meine Besprechung von Gianrico Carofiglios Kriminalroman „In freiem Fall“ (Ad occhi chiusi, 2003) ist online in der Berliner Literaturkritik. Der Justizkrimi hat mir gefallen. Aber den Verdacht hatte ich schon vor der Lektüre, nachdem Carofiglio auf die Frage nach seinen schriftstellerischen Vorbildern antwortete:

„Große Vorbilder? Ich weiß nicht. Ich mag Steinbeck (da gibt es keine überflüssigen Wörter), Hemingway, Calvino, Fante, Lussu, Bukowski, Schnitzler, Saint-Exupéry, Lodge. Unter den Krimiautoren gefallen mir Lawrence Block, Joe Lansdale; und viele, viele andere…“

Damit kann ich elegant auch auf dieses Buch hinweisen.


Ein bisschen Luxus – Kapitel 16 online

September 3, 2007

Es ist Montag. Deshalb ist ein weiteres Kapitel von Dianas erstem (?) Fall hier online.

Wie immer wünsche ich spannende Unterhaltung!


TV-Tipp für den 3. September

September 3, 2007

ZDF, 22.15

Blood Work (USA 2002, R.: Clint Eastwood)

Drehbuch: Brian Helgeland

LV: Michael Connelly: Bloodwork, 1997 (Das zweite Herz)

FBI-Mann Terry McCaleb sucht auf Bitten von Graciella nach dem Mörder ihrer Schwester. Immerhin hat er jetzt ihr Herz.

Ausgezeichnete Adaption des dicken Buches von Michael Connelly, bei dem einige für einen Film sehr sinnvolle Änderungen vorgenommen wurden.

„I am very happy with it. I think it is a solid cop story and I think it captured the character and spirit of the book.” (Michael Connelly, auf seiner Homepage)

Mit Clint Eastwood, Jeff Daniels, Wanda De Jesus, Anjelica Huston

Homepage von Michael Connelly:

http://michaelconnelly.com/

Michael Connelly in der Spurensuche:

Hinweis “Der Mandant” (The Lincoln Lawyer, 2005):

http://www.alligatorpapiere.de/spurensuche-vierzig.html

Besprechung „Vergessene Stimmen“ (The Closers, 2005):

http://www.alligatorpapiere.de/spurensuche-dreissig-eins.html

Besprechung „The Lincoln Lawyer” (2005):

http://www.alligatorpapiere.de/spurensuche-neunzehn-grossstadtverbrechen.html


TV-Tipp für den 2. September

September 1, 2007

Arte widmet der großen Dame des britischen Kriminalromans einen ganzen Abend:

Arte, 20.40

Zeugin der Anklage (USA 1957, R.: Billy Wilder)

Drehbuch: Larry Marcus, Billy Wilder, Harry Kurnitz                  

LV: Agatha Christie: The Witness for the Prosecution, 1933 (Kurzgeschichte, ursprünglich erschienen in „The Hound Of Death And Other Stories”, Zeugin der Anklage)

Hat Leonard Vole eine reiche Witwe erschlagen? Für Staranwalt Sir Wilfried hängt alles von der Aussage von Voles Frau Christine ab.

Der würdige Beginn des Arte-Themenabend „Agatha Christie, die Krimikönigin“.

Prototyp aller Gerichtsfilme und immer noch weitaus spannender als die jüngeren Gerichtsthriller (obwohl die Pointe bekannt sein dürfte), mit – in glänzender Spiellaune –  Marlene Dietrich, Charles Laughton, Tyrone Power

Offizielle Agatha Christie-Homepage:

http://uk.agathachristie.com/site/home/

 

Arte, 22.40

Agatha Christie – Mein Leben in Bildern (GB 2004, R.: Richard Curson-Smith)

Drehbuch: Richard Curson-Smith

Zum zehnjährigen Bühnenjubiläum von „Die Mausefalle“ erzählt Agatha Christie ihrem Psychiater und der Presse, warum sie im Dezember 1926 elf Tage verschwand.

Arte sagt zum Film: „Das von der BBC produzierte Doku-Drama über das Leben einer der erfolgreichsten Autorinnen des 20. Jahrhunderts war einer der großen Zuschauererfolge des Jahres 2004 in Großbritannien. Jedes der in den Dialogen des Films gesprochenen Worte stammt aus der Feder von Agatha Christie.“

„Agatha Christie – Mein Leben in Bildern“ scheint gerade für Christie-Fans absolut nichts Neues zu bieten. Der ebenfalls von der BBC produzierte, ähnlich aufgemachte Film über George Orwell scheint wesentlich gelungener zu sein.

Mit Olivia Williams, Anna Massey, Raymond Coulthard, Stephen Boxer, Anthony O’Donnell

Wiederholungen:

Mittwoch, 4. September, 03.00 Uhr

Donnerstag, 13. September, 15.15 Uhr

Samstag, 15. September, 03.00 Uhr


Ned-Kelly-Preise vergeben

September 1, 2007

Während des Melbourne Writers Festival verlieh die Crime Writers Association of Australia die diesjährigen Ned Kelly Preise. Die meisten Preisträger dürften in Deutschland ziemlich unbekannt sein. Schließlich sind ihre Bücher sogar im englischen Sprachraum kaum erhältlich. Garry Disher, dessen vierter Hal-Challis-Roman als bester Kriminalroman des Jahres 2007 ausgezeichnet wurde, ist in Deutschland allerdings ein guter Bekannter und „Chain of Evidence“ sollte sich 2008 im Programm des Unionsverlages finden lassen.

Hier die Liste der Preisträger und die Shortlist. Die Longlist kann hier gelesen werden.

 

Bester Kriminalroman

Chain of Evidence von Garry Disher (Text)

Nominiert

The Night Ferry von Michael Robotham (Little, Brown)

The Unknown Terrorist von Richard Flanagan (Macmillan)

The Cleaner von Paul Cleave (Random House)

Undertow von Peter Corris (Allen & Unwin)

Spider Trap von Barry Maitland (Allen & Unwin)

 

Bestes Debüt

Diamond Dove von Adrian Hyland (Text)

Nominiert

The Betrayal of Bindi Mackenzie von Jaclyn Moriaty (Macmillan)

Better Dead Than Never von Laurent Boulanger (C&C International Media Group)

Behind the Night Bazaar von Angela Savage (Text)

 

Bestes Sachbuch

Written on the Skin von Liz Porter (Macmillan)

Killing for Pleasure: The Definitive Story of the Snowtown Murders von Debi Marshall (Random House)

Nominiert

Justice for the Dead von Malcolm Dodd and Beverly Knight (Hachette Livre)

Overboard: The Stories Cruise Ships Don’t Want Told von Gywn Topham (Random House)

Intractable von Bernie Matthews (Macmillan)

Silent Death von Karen Kissane (Hachette Livre)

Australian Outlaw von Derek Pedley (Sly Ink)

The Dodger von Duncan McNab (Macmillan)

Things a Killer Would Know von Paula Doneman (Allen & Unwin)


TV-Tipp für den 1. September

September 1, 2007

Tele 5, 10.35

Schießen Sie auf den Pianisten (F 1960, R.: Francois Truffaut)

Drehbuch: François Truffaut, Marcel Moussy

LV: David Goodis: Down there, 1956 (Schüsse auf den Pianisten; Schießen Sie auf den Pianisten)

Nach dem Selbstmord seiner Frau hat sich der berühmte Konzertpianist Edouard zurückgezogen und fristet als Barpianist sein Dasein in einer Kaschemme. Als sein Bruder ihn um Hilfe bittet, gerät er in die Schusslinie von Gangstern.

Nach dem Erfolg seines Erstlings „Sie küssten und sie schlugen ihn“ drehte der 27-jährige Francois Truffaut ein stimmungsvolles Kriminalmelodrama, das in jeder Einstellung das Werk eines begeisterten Cineasten ist.

„Auf den ersten Blick kann man der gebrochenen Handlung kaum folgen, versteht kaum, um was es eigentlich geht. Sieht man den Film aber öfter, wird man weniger auf die Gangster- und Liebesgeschichte achten als vielmehr auf die Machart, auf das Strickmuster dieses Films über das Filmemachen und –anschauen. Truffaut, damals nun wahrlich ein junges Genie, das sich das Filmemachen fast ausschließlich theoretisch angeeignet hat, spielt mit dem Zuschauer nach allen Regeln der Filmkunst.“ (Willi Winkler: Die Filme von Francois Truffaut)

Mit Charles Aznavour, Marie Dubois, Nicole Berger

Wiederholung:

Freitag, 7. September, 07.10 Uhr


Aktuelle TV-Krimi-Buch-Tipps online

August 31, 2007

Wer wissen möchte, welche Verfilmungen von Kriminalromanen in den ersten beiden Septemberwochen im Fernsehen gezeigt werden, muss sich unbedingt meine TV-Krimi-Buch-Tipps ansehen. Wer einfach nur einige schöne alte Filmplakate und Buchcovers sehen will, muss ebenfalls zu den Alligatorpapieren klicken.

Als Klickanregung gibt es hier das Intro:

Hallo liebe Krimifreunde,
in den kommenden beiden Wochen zeigen die Sender neben der üblichen Portion Brunetti und Bond auch einige lange nicht mehr gezeigte Verfilmungen. Dazu gehört die David-Goodis-Verfilmung „Schießen Sie auf den Pianisten“ (von Francois Truffaut), die Jim-Thompson-Verfilmung „After Dark, My Sweet“ (von James Foley), die Max-Pierre-Schaeffer-Verfilmung „Vier Schlüssel“ (von Jürgen Roland) und die durchwachsene Chester-Himes-Verfilmung „Harlem Action – Eine schwarze Komödie“ (von Bill Duke). Knautschgesicht Walter Matthau jagt die Bösen in der Maj-Sjöwall/Per-Wahlöö-Verfilmung „Massenmord in San Francisco“ (von Stuart Rosenberg) und in der John-Godey-Vefilmung „Die Todesfahrt der U-Bahn 123“ (von Joseph Sargent). Clint Eastwood verfolgt in seiner Michael Connelly-Verfilmung „Blood Work“ einem Serienmörder. Alfred Hitchcock zeigt in der immer wieder sehenswerten David-Dodge-Verfilmung „Über den Dächern von Nizza“, dass das Leben als Einbrecher begehrenswert ist. Jedenfalls wenn man aussieht wie Cary Grant. Arte widmet ihm einen ganzen Abend und legt die Doku „Cary Grant – Gentleman des Kinos“ drauf. Für Agatha Christie gibt es ebenfalls einen Arte-Themenabend mit „Zeugin der Anklage“ und „Agatha Christie – Mein Leben in Bildern“. Außerdem laufen der Lars Becker geschriebene und inszenierte Berliner Tatort „Dschungelbrüder“ und zwei von Richard-Brooks-Filme: die grandiose Frank O’Rourke-Verfilmung „Die gefürchteten Vier“ und die etwas konfuse Charles McCary-Verfilmung „Flammen am Horizont“.
Als TV-Premiere gibt es neue Fälle für den von Val McDermid erfundenen Psychologen Tony Hill. „Hautnah – Die Methode Hill“ heißt es deshalb an den kommenden vier Sonntagen.


TV-Tipp für den 31. August

August 31, 2007

Das Vierte, 22.35 Uhr

Bad Lieutenant (USA 1992, R.: Abel Ferrara)

Drehbuch: Zoe Lund, Abel Ferrara

Harvey Keitel als drogensüchtiger Bulle auf der Suche nach Erlösung in den Straßenschluchten New Yorks. Genial! Unbedingt ansehen.

Mit Harvey Keitel, Victor Argo, Paul Calderone, Robin Borrows, Paul Hipp, Zoe Lund, Peggy Gormley, Anthony Ruggiero

Hinweise:

Ein informatives Buch über Abel Ferrara: Bernd Kiefer/Marcus Stiglegger: Die bizarre Schönheit der Verdammten – Die Filme von Abel Ferrara (Schüren Verlag, 2000, nur noch antiquarisch)

Das Drehbuch


Gegenwart oder Vergangenheit?

August 30, 2007

Vor längerem habe ich bereits geschrieben, dass ich ein altes Manuskript überarbeiten werde. Die erste Fassung hat mir nicht gefallen. Ich fand sie nicht spannend genug. Wenn ich einen meiner Texte auch beim fünften Mal noch Wort für Wort lese und nicht gegen den Schlaf ankämpfen muss, dann kann er nicht ganz schlecht sein. Wenn ich beginne, die Seiten zu überfliegen, dann, tja, dann stimmt etwas nicht. Bei „Verschwunden“ (so ist immer noch der Arbeitstitel; ich könnte es aber in „Katharina“ umbenennen; hm, der Titel gefällt mir) hat mich die erneute Lektüre nicht gepackt, aber es gibt zahlreiche gute Szenen und die Schlusspointe ist auch gut. Allerdings wird es jetzt ein anderes Ende geben.

Die Arbeit geht, wie ich mir gedacht habe, ziemlich gut voran. Nur gestern stieß ich auf ein Problem. Die Geschichte wird bis auf zwei Szenen (jedenfalls bis jetzt) aus der Sicht des ermittelnden Privatdetektivs erzählt. Sie ist ganz traditionell in der ersten Person Vergangenheit (Ich kam, sah und siegte) geschrieben.

Doch bei den erwähnten beiden Szenen wechsele ich die Perspektive und erzähle aus der Sicht einer anderen Person. Mein Held erfährt später davon. Ich fand es beim Schreiben interessant, die Sicht zu wechseln und länger mit einer anderen Stimme zu erzählen. Außerdem wechselte ich in der ersten Szene in die Gegenwartsform. Ich hatte dafür zwei Gründe. Einmal wollte ich so die beiden Stimmen noch unterscheidbarer machen. Denn niemand würde ein „ich kam, sah, siegte“ mit einem „ich komme, sehe, siege“ verwechseln. Außerdem passte es zu dem von mir für ihn gewählten leicht atemlosen Stream-of-Consciousness-Stil. Während der Detektiv ruhig und überlegt vorgeht, plant der andere nicht. Er nimmt die Ereignisse mit jugendlicher Begeisterung einfach auf.

In der zweiten Szene mit diesem Charakter fiel ich dann doch wieder in die üblichere Vergangenheitsform zurück und jetzt stehe ich vor der Frage, in welcher Zeitform der Charakter von seinen Erlebnissen erzählt.

Theoretisch habe ich die freie Wahl. Außerdem ist die Gegenwartsform derzeit besonders bei deutschen Autoren sehr beliebt. Für diese Zeit spricht natürlich das Handeln des Charakters. Er unternimmt einiges und plant dabei seine Aktionen nicht groß voraus. Er agiert einfach. Das kann in der Gegenwartsform gut erzählt werden.

Dagegen spricht, dass die Vergangenheitsform die seit Jahrhunderten gebräuchliche Form zum Erzählen von Geschichten ist. Es scheint also keinen Leser zu stören, wenn der Held von vergangenen Ereignissen berichtet. Als Leser erleben wir es trotzdem gegenwärtig. Als Vielleser bin ich sogar so sehr an Vergangenheitsform  gewöhnt, dass ich immer „kam, sah, siegte“ lese, auch wenn da steht „komme, sehe, siege“. Irgendwann stoppe ich dann leicht irritiert, lese den Absatz noch einmal und bin aus meinem Lesefluss gerissen. Außerdem lesen sich die meisten in der Vergangenheit erzählten Texte auch besser, weil in dieser Zeitform flüssiger formuliert werden kann. Hier ist es möglich eine Vorschau auf künftige Ereignisse zu machen. Hier ist es möglich, Gespräche zu raffen. Wenn ich in der Gegenwartsform schreibe, ist das schwieriger.  Denn rein logisch kann ich nicht in einem Satz sagen „ich komme, sehe, siege“. Zwischen den einzelnen Aktionen vergeht immer wieder eine bestimmte Zeit.

Weil ich letztendlich an einem flüssig zu lesenden Text interessiert bin, werde ich jetzt auch die erste, von diesem Charakter erzählte, Szene in die Vergangenheitsform setzen.

 

Und James Lee Burke ist im deutschen Fernsehen. Wow!


Das Compart-Ding

August 29, 2007

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Das war zu erwarten gewesen. Ich meine, wir kennen Martin Compart. Seit vielen Jahren ist er ein scharfzüngiger Krimikritiker und gab verschiedene, vor allem unter Noir- und Hardboiled-Fans geschätzte Krimireihen bei Ullstein, Bastei-Lübbe und Dumont heraus. Dass er in seinem jetzt wiederveröffentlichten Debüt „Der Sodom-Kontrakt“ all seine Vorlieben und Obsessionen hineinpackt, wundert nicht.

Die wüste Story beginnt wie eines der von Compart geliebten Bücher. Der ehemalige Stasi- und BND-Agent Gill schlägt sich jetzt als Privatdetektiv durch. Er ist gerade damit beschäftigt ein Paar beim Sex zu fotografieren. Der Auftrag kommt von einem verheirateten Mann, der wissen möchte, ob ihn seine unverheiratete Freundin betrügt. Da ruft ihn sein alter Kumpel Brenner an und bietet ihm 500 Euro für eine Stunde Arbeit. Gill sagt zu und wenig später ist er in ein mehrere Grenzen überschreitendes Komplott verwickelt. Denn Brenner hat etwas entdeckt und fürchtet um sein Leben. Gill kann ihn vor seinen Verfolgern in ein Safehouse bringen. Aber Gill hat nicht aufgepasst. Wenig später bringen die Killer Schmidt und Schneider Brenner um und präsentieren der Polizei Gill als Mörder. Bevor die Polizei am Tatort erscheint, kann Gill flüchten. Er will jetzt herausfinden, warum sein Freund sterben musste. Gleichzeitig wird er von dem Killerpärchen und der Leiterin der Mordkommission, Alexa Bloch, verfolgt. Das ist erst der Anfang einer blutigen Hatz von Witten nach Brüssel und wieder zurück, bei der sich irgendwann auch Gills früherer Arbeitgeber beteiligt.

Wer Comparts literarische Vorlieben kennt, wird vom „Der Sodom-Kontrakt“ auch ohne den etwas marktschreierisch-falschen Untertitel „Ein politisch inkorrekter Anti-EU-Thriller“ keinen biederen Regionalkrimi erwarten. Hier ist alles so, wie wir es aus den harten amerikanischen Thrillern und ihren europäischen Epigonen Jean-Patrick Manchette, Jörg Fauser und Ulf Miehe kennen. Der Plot, die Charaktere, die Beschreibungen und der schwarze Humor – alles bekannt. Aber die deutschen und belgischen Handlungsorte sind dann für eine solche Geschichte doch neu und Martin Compart hat das alles souverän in Szene gesetzt.

Für die Neuauflage hat Compart sein Debüt zum Glück kaum überarbeitet. Damit spielt die Geschichte immer noch unüberlesbar zur Jahrtausendwende. Denn die zahlreichen Anspielungen auf die Bundesregierung, die EU-Politik, diverse Skandale und den damals Belgien erschütternden Fall Dutroux wären in einem nach 9/11 spielenden Roman unpassend. Deshalb muss Martin Compart unbedingt wieder in die Tasten hauen und einen „politisch inkorrekten 9/11-Thriller“ vorlegen.

 

Martin Compart: Der Sodom-Kontrakt – Ein politisch inkorrekter Anti-EU-Thriller

(vom Autor durchgesehen und für die Neuauflage bearbeitet)

Alexander-Verlag, 2007

336 Seiten

12,90 Euro

 

Erstausgabe: Strange Verlag 2001

 

Evolver-Interview von 2000 mit Martin Compart:

http://www.evolver.at/site/story.php?id=9251&page=1

Alexander Verlag über Martin Compart:

http://www.martincompart.de/