Neu im Kino/Filmkritik: Über Pedro Almodóvars „Bitteres Fest“

Juli 30, 2026

2026 sitzt ein Mann in einem großen, im brutalistischen Stil gebautem, mit teuren Kunstwerken dekoriertem Haus in seinem Arbeitszimmer an seinem Laptop. Der ungefähr sechzigjährige Filmregisseur Raùl Rossetti (Leonardo Sbaraglia) schreibt gerade an seinem neuen Drehbuch.

Im Dezember 2004 stürzt sich die Werbefilmregisseurin Elsa (Barbara Lennie) in die Arbeit. Nach einer Panikattacke beginnt sie über ihr Leben nachzudenken. Vor Jahren inszenierte sie zwei Flops, die zu Kultfilmen wurden. Vielleicht könnte sie wieder einen Film drehen. Sie beginnt eine Geschichte zu schreiben.

Elsa existiert nur in der Fantasie von Raùl. Sie, ihr Umfeld und ihre Erlebnisse setzten sich aus den Menschen und deren Erlebnissen zusammen, die der sehr zurückgezogen lebende Regisseur kennt.

Nachdem Pedro Almodóvar in „Leid und Herrlichkeit“ (2019) deutlich gelungener von der Sinnkrise eines Regisseurs erzählte und munter spekuliert wurde, wie nah der Film an Almodóvars Leben ist, treibt er dieses jetzt Spiel weiter voran. Er schichtet mehrmals Metafiktion und Reflektion über Metafiktion auf Metafiktion und Reflektion über Metafiktion. Beginnend mit dem Regisseur, der einen autofiktionalen Text über eine Regisseurin schreibt, die ein Drehbuch schreibt und mit ihren Figuren redet.

Als intellektuelles Spiel und seine Konstruktion offen ausstellendes und ständig thematisierendes Gedankengebäude ist diese Herangehensweise als formales Experiment interessant. Als Film nicht unbedingt.

In diesem Fall ergibt das intellektuelle Spiel mit den verschiedenen Ebenen einen hermetisch abgeschlossener Raum, inszeniert mit starren Einstellungen, wenig Bewegung von der Kamera und den Schauspielern und noch weniger Geschichte. Almodóvar präsentiert vor allem Episoden und reflektierende Gespräche darüber. Wunderschön in ihrer Absurdität ist beispielsweise die Episode, in der eine Ärztin bei ihrer Patientin Elsa einen Mann wiedererkennt, ihn fragt, woher sie ihn kenne und sich anschließend mit ihm sehr interessiert über seine Arbeit unterhält. Überlang sind, nach „Magic Mike“, die Striptease-Szenen. Welche Figur in Elsas Plot welche Figur in Raùls Leben ist, bleibt dabei durchaus offen für Interpretationen. Das liegt auch daran, dass Almodóvar eher wenig über Raùls Leben erzählt und erfundene Geschichten immer wieder verändert werden können. Aber Raúls Assistentin Mónica erkennt sich in der ersten Fassung des von Raùl geschriebenem Drehbuch sofort wieder.

Eigentlich erzählt Almodóvar in seinem neuesten Film „Bitteres Fest“ die Geschichte vor der eigentlichen Filmgeschichte. Er räumt den Schreibtisch auf, ehe er sich an den Computer setzt, „Szene 1“ tippt und beginnt eine Geschichte zu erzählen, die auf den ersten, zweiten und auch dritten Blick nichts mit ihm zu tun hat.

Das ist, wie gewohnt bei Pedro Almodóvar, fein inszeniert, gut gespielt und auch gut konstruiert in seiner multiplen Verschachtelung zwischen Zeitebenen, Plots und Interpretationsmöglichkeiten. Aber es fehlen die aus seinen früheren Filmen bekannte Lebendigkeit und Lebensfreude. „Bitteres Fest“ überzeugt nur als intellektuelles, sich selbst genügendes, braves Gedankengebäude. Für einen Almodóvar-Film ist das etwas wenig.

Bitteres Fest (Amarga Navidad, Spanien 2026)

Regie: Pedro Almodóvar

Drehbuch: Pedro Almodóvar

mit Barbara Lennie, Leonardo Sbaraglia, Aitana Sánchez Gijón, Victoria Luengo, Patrick Criado, Milena Smit, Quim Gutiérrez, Rossy de Palma, Carmen Machi, Gloria Muñoz, Amaia Romero

Länge: 112 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Internationaler Titel: Bitter Christmas

Hinweise

Moviepilot über „Bitteres Fest“

Metacritik über „Bitteres Fest“

Rotten Tomatoes über „Bitteres Fest“

Wikipedia über „Bitteres Fest“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Pedro Almodóvars “Fliegende Liebende” (Los amates Pasajeros, Spanien 2013)

Meine Besprechung von Pedro Almodóvars „Julieta“ (Julieta, Spanien 2016)

Meine Besprechung von Pedro Almodóvars „Leid und Herrlichkeit“ (Dolor y gloria, Spanien 2019)

Meine Besprechung von Pedro Almodóvars „Parallele Mütter“ (Madres paralelas, Spanien 2021)

Meine Besprechung von Pedro Almodóvars „The Room next Door“ (The Room next Door/La habitación de al lado, Spanien 2024)

Pedro Almodóvar in der Kriminalakte