Neu im Kino/Filmkritik: „Lügen über meine Mutter“, Wahrheiten über meinen Vater

Oktober 10, 2026

Westdeutsche Provinz, in den Achtzigern – Daniela Dröschers autobiographisch beeinflusster Roman, der 2022 auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis stand, spielt im Hunsrück (wie auch Shida Bazyars dieses Jahr mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneter Roman „Die Lücken“), Aaron Lehmanns Verfilmung ist da ungenauer -: Cornelia (Rosalie Thomass, auch Drehbuch) hat den gertenschlanken Werner (Golo Euler) geheiratet und lebt nun mit ihm und ihrer Tochter Ela (Elise Lindner) in dem Dorf Obach bei Werners Mutter, die ihre abgrundtiefe Abneigung gegenüber Cornelia nicht verhehlt. Werner ist der Alleinverdiener und er will auch, dass es so bleibt. Vom gesellschaftlichen Aufbruch und den in den Siebzigern erkämpften Freiheiten ist in diesem Haus nichts angekommen.

Diese an sich schon unerträgliche Situation verschlimmert sich, als Werner, ganz großkotzig-dummer Macho der alten Schule, sich auf Cornelias Gewicht fixiert. Er hält sie für zu dick. Er glaubt, dass er wegen ihr nicht befördert wird. Er hat den perfekten Sündenbock für sein Versagen gefunden: Cornelias Gewicht.

Erzählt wird dies von der siebenjährigen Ela, die eine überaus altkluge, fantasiebegabte und entsprechend unzuverlässige Erzählerin ist.

Das führt zu einigen witzigen und satirischen Brechungen in diesem Kleinstadt-Horrorfilm, der aber viel zu oft diffus bleibt. So ist unklar, wann und wo der Film spielt. Denn Provinz ist nicht gleich Provinz. Unklar ist auch – und das ist ein größeres Problem – warum die lebenslustige Fremdsprachensekretärin Cornelia sich in Werner verliebte und warum sie bei ihm bleibt. Vor allem nachdem sie, gegen Werners Widerstand, wieder arbeitet und sogar eine anscheinend erkleckliche Erbschaft erhält.

Stattdessen wiederholt „Lügen über meine Mutter“ die immergleichen Punkte. Der Erkenntnisgewinn ist gering und, bei dem Mann, auch schon nach wenigen Minuten offensichtlich.

Lügen über meine Mutter (Deutschland 2026)

Regie: Aron Lehmann

Drehbuch: Rosalie Thomass

LV: Daniela Dröscher: Lügen über meine Mutter, 2022

mit Rosalie Thomass, Elise Lindner, Golo Euler, Johanna Gastdorf, Juliane Köhler, Anneke Kim Sarnau, Rainer Laupichler

Länge: 106 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

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Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Lügen über meine Mutter“

Moviepilot über „Lügen über meine Mutter“

Wikipedia über „Lügen über meine Mutter“

Perlentaucher über den Roman

Meine Besprechung von Aron Lehmanns „Highway to Hellas“ (Deutschland 2015)

Meine Besprechung von Aron Lehmanns „Was man von hier aus sehen kann“ (Deutschland 2022)


Neu im Kino/Filmkritik: Über „Was man von hier aus sehen kann“

Januar 4, 2023

Wenn Oma Selma von einem Okapi träumt, stirbt jemand in dem Dorf im Westerwald. Aber das passiert nur alle Jubeljahre. Das Dorf sieht wie eine liebevoll zusammengestellte, die alte Bundesrepublik in all ihrer provinziellen Enge und wohligem Charme repräsentierende Modellstadt aus. Zwischen Oma Selmas Okapi-Träumen geht das Leben im Dorf seinen gewohnten Gang zwischen Erwachsenwerden, Liebe und nicht eingestandener Liebe weiter. Es passiert einiges. Und doch passiert nichts.

Erzählt wird die Romanverfilmung „Was man hier aus sehen kann“ von Selmas Enkeltochter Luise, „die vor der Liebe genauso viel Angst hat wie vor dem Tod“ (Mariana Leky).

Wenn Luise lügt, fällt etwas Großes herunter. Das kann sie sich allerdings auch einbilden. Trotzdem sorgt ihr schlechtes Gewissen für einige überraschende Splattereinlagen, die sich Sekunden später als Phantasien herausstellen. Irgendwann verliebt sie sich in einen schweigsamen jungen buddhistischen Mönch, den sie im Wald trifft. Er wohnt mit seinem Glaubensbrüdern bei einer abergläubischen Hausvermieterin. Und so könnte das Leben weiter seinen geruhsamen Gang gehen.

Das ändert sich, als Selma wieder von einem Okapi träumt und die Dorfbewohner von ihrem Traum erfahren.

Aron Lehmanns „Was man von hier aus sehen kann“ ist ein zwischen Gegenwart und Vergangenheit vor sich hin mäanderndes Märchen voller skuriller Figuren. Ihre Wohnungen und die Stadt sind aus der Zeit gefallen und existieren jetzt in einer Fantasiezeit. Das ist durchaus sympathisch, aber auch arg ziellos und gefällig in seiner Beschwörung der heilen Vergangenheit des Dorflebens. Eigentlich irritieren, nachdem man sich auf diese etwas seltsame, gleichzeitig sehr vertraute und wohlige Welt eingelassen hat, nur die unpassenden, sekundenlangen Traum-Splatter-Einlagen.

Das gesagt, hat der Film „Triangle auf Sadness“ als Spitzenreiter der der Arthouse-Kinocharts abgelöst.

Was man von hier aus sehen kann (Deutschland 2022)

Regie: Aron Lehmann

Drehbuch: Aron Lehmann

LV: Mariana Leky: Was man von hier aus sehen kann, 2017

mit Corinna Harfouch, Luna Wedler, Karl Markovics, Ava Petsch, Cosmo Taut, Rosalie Thomass, Benjamin Radjaipour, Katja Studt

Länge: 109 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

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Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Was man von hier aus sehen kann“

Moviepilot über „Was man von hier aus sehen kann“

Wikipedia über „Was man von hier aus sehen kann“

Perlentaucher über den Roman „Was man von hier aus sehen kann“

Meine Besprechung von Aron Lehmanns „Highway to Hellas“ (Deutschland 2015)


Neu im Kino/Filmkritik: Es führt keine „Highway to Hellas“

November 27, 2015

Das ist nicht „Local Hero“. Das ist nicht „Local Hero“. Das ist nicht „Local Hero“, obwohl die Prämisse von „Highway to Hellas“ sehr nach „Local Hero“ klingt, dieser herzigen Komödie von Bill Forsyth, in der ein US-Amerikaner aufgrund seines schottischen Namens ein abgelegen an der Küste gelegenes schottisches Dorf überzeugen soll, dass eine riesige Ölraffinerie vor der Haustür eine tolle Angelegenheit sei.
In „Highway to Hellas“ soll Jörg Geissner für die AVO-Bank die Sicherheiten für einen Kredit, den die Bank der griechischen Insel Paladiki vor Jahren zur Entwicklung des Tourismus gewährte, überprüfen. Die Inselbewohner sind von dem Besuch aus Deutschland nicht begeistert. Aber südländisch gewitzt wie sie sind, wollen sie den stocksteifen deutschen Aktenfresser so lange an der Nase herumführen, bis er bestätigt, dass die in der Realität nicht vorhandenen Sicherheiten für den Kredit vorhanden sind.
Deshalb beginnen die wenigen Inselbewohner (insgesamt scheint die Insel mit einem großen Leerstand bezugsfertiger Wohnungen nur von einer Handvoll Menschen bewohnt zu sein) mit einer Charade, die alles das enthält, was einem halt so einfällt, wenn man die bekannten Klischees über Griechenland und die Südeuropäer so sammelt. Es gibt also bunte Fassadenhäuser, epische Beerdigungen, reichlich Alkohol und wonneproppige Frauen. Es gibt Improvisationen und kleine Gemeinheiten, wenn Herr Geissner (gespielt von Christoph Maria Herbst, der seit Stromberg nur noch einen Typ spielen darf) auf einem Esel reitet oder, tags drauf, Sozius auf dem Motorrad des deutsch-griechischen Klein-Casanova-Einzelhändlers Gigolo Panos (Adam Bousdoukos) sein darf, das natürlich prompt liegen bleibt.
Diese eher weniger witzigen Episoden plätschern dann so aufregend wie eine schlechte „Traumschiff“-Folge bis zum vorhersehbaren und auch unbefriedigenden Ende vor sich hin. Da gibt es dann sogar ein, zwei Überraschungen, die, wenn sie früher präsentiert worden wären, auch aus dieser arg vor sich hin langatmigen Geschichte einen besseren Film gemacht hätten.
Allerdings, das muss auch gesagt werden, taugt das auf Harmonie machende Ende noch nicht einmal als Scheinlösung. Jedenfalls wenn man sich nur eine Zehntelsekunde fragt, was jetzt aus den Plänen der AVO-Bank wird. Diese und der Widerstand der Inselbewohner dagegen hätten die Grundlage für einen guten Film sein können. Aber die Macher drehten einen anderen Film.
So ist „Highway to Hellas“ vor allem behauptete Völkerverständigung mittels sich bestätigender Klischees.

Highway to Hellas - Plakat

Highway to Hellas (Deutschland 2015)
Regie: Aron Lehmann
Drehbuch: Arnd Schimkat, Moses Wolff, Aron Lehmann
LV/Buch zum Film (oder so): Arndt Schimkat/Moses Wolff: Highway to Hellas, 2014
mit Christoph Maria Herbst, Adam Bousdoukos, Akillas Karazisis, Christos Valavanidis, Giorgos Kotanidis, Rosalie Thomass, Eva Bay, Errikos Litsis, Gitta Schweighöfer
Länge: 89 Minuten
FSK: ab 6 Jahre
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Hinweise
Homepage zum Film
Filmportal über „Highway to Hellas“
Film-Zeit über „Highway to Hellas“
Moviepilot über „Highway to Hellas“