Die meisten, die John Woos “Hard Boiled” von Video, DVD, Blu-ray, Fernsehen oder Stream kennen, werden wahrscheinlich nicht wissen, dass der bahnbrechende Actionklassiker seine deutsche Premiere im April 1993 nicht im Kino, sondern auf Video hatte. In einer um zehn Minuten gekürzten Fassung. Danach entwickelte sich eine Geschichte von Verboten, Zensur, Indizierungen und Freigaben.
1993 setzte die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften (BPjS) die deutsche VHS auf den Index. Danach war ein Verkauf praktisch ausgeschlossen, aber natürlich war das Interesse an den früheren Werken von Action-Maestro John Woo groß. Damals drehte er in Hollywood die Hits „Hard Target“ (1993), „Broken Arrow“ (1996), „Face/Off“ (1997) und „Mission: Impossible II“ (2000). Kritiker und Regisseure wiesen immer wieder auf seine früheren Werke hin. Also erschienen „Hard Boiled“ und Woos davor entstandenen Filme „Bullet in the Head“ (1990), „The Killer“ (1989), „A better Tomorrow II“ (1987) und „A better Tomorrow“ (1986) in munter gekürzten Fassungen auf Deutsch. Von „Hard Boiled“ gibt es eine um über ein Viertel auf neunzig Minuten gekürzte Fassung.
2018 wurde „Hard Boiled“ vom Index gestrichen – und wenn man sich den Film heute wieder ansieht, fragt man sich, was 1993 so schockierend war.
Die Story besteht aus der bekannten und bewährten Buddy-Cop-Movie-Formel: Inspector ‚Tequila‘ Yuen und der Undercover-Polizist Alan müssen zusammen arbeiten, um einen Waffenschmuggler zu überführen. Sein Waffenlager ist im Keller eines Krankenhauses.
Wie in anderen Buddy-Cop-Movies ist sie der Aufhänger für Action und Humor. Im Fall von „Hard Boiled“ gibt es viel Action, von John Woo in spektakulären Action-Szenen choreographiert, etwas eher peinlichen Humor und viel Zeitkolorit. „Hard Boiled“ erinnert erstaunlich oft an die ebenfalls stilbildende Neo-Noir-TV-Serie „Miami Vice“. Neben der Story und damit verbundenen moralischen Verwicklungen liegt das vor allem an den Kleidern, den realitätsleugnenden, aber cool aussehenden Schießereien, der synth-lastigen Musik und den Bilder. Der Undercover-Cop lebt sogar, wie „Miami Vice“-Cop Sonny Crockett, auf einem Boot! Woo spielt auf ältere Filme, unter anderem von Jean-Pierre Melville und Sam Peckinpah, an und hat keine Angst vor schon damals ziemlich abgehangenen Klischees. Wie oft muss der Supercop sich mit seinem Chef streiten? Wie oft muss der Superpolizist im Jazz Zuflucht suchen? In „Hard Boiled“ wird er sogar als Tequila-trinkender, vor einem gelangweiltem Publikum spielender Klarinettist eingeführt.
Alles das ist vergessen, wenn es zu den damals bahnbrechenden, heute legendären und einflussreichen Actionszenen kommt. Die finale Schlacht im Krankenhaus beginnt ungefähr in der Filmmitte und wächst sich atemberaubend schnell zu einer einzigen epischen Schlacht aus, die mit einer Explosion und der Rettung von mehreren Babys endet.
Aber eigentlich sollte man viel mehr über die erste Action-Sequenz des Film reden. In einem Teehaus mit unzähligen Vogelkäfigen explodiert eine geplante Verhaftung in einem Actionfeuerwerk. Plötzlich verwandelt sich das friedliche Lokal in ein Schlachtfeld. Jeder kämpft auf engstem Raum gegen jeden. Am Ende überlebt nur Inspector Yuen. Der geneigte Zuschauer, der nichts über den Film weiß, fragt sich, was da noch kommen soll und quält sich durch einige Minuten Bürotratsch bis zur nächsten Schießerei. Die, die den Actionfilm schon kennen, freuen sich auf die nächste Actionszene.
Diese können jetzt – erstmals regulär – im Kino genossen werden. Rapid Eye Movies präsentiert „Hard Boiled“ in der fantastisch aussehenden, vom Originalnegativ erfolgten 4K-Restaurierung, die 2025 in Cannes ihre Premiere hatte.
Ende Oktober erscheint sie, mit viel Bonusmaterial, auf Blu-ray, im Steelbook und als Collector’s Edition mit 4k-UHD Disc.
„Hard Boiled“ kann seine Entstehungszeit nicht verleugnen, die Story ist dünn, aber die Action ist immer noch grandios. Und stilbildend.
P. S.: John Woos „The Killer“ läuft ab 29. Oktober 2026 in der 4K-Restaurierung im Kino.

Hard Boiled (辣手神探 [Lat sau san taam], Hongkong 1992)
Regie: John Woo
Drehbuch: Gordon Chan, Barry Wong (nach einer Geschichte von John Woo)
mit Chow Yun-fat, Tony Leung Chiu-wai, Teresa Mo, Philip Chan, Philip Kwok, Anthony Wong
Länge: 128 Minuten
FSK: ab 18 Jahre
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Hinweise
Rapid Eye Movies über „Hard Boiled“
Rotten Tomatoes über “Hard Boiled”
Wikipedia über “Hard Boiled” (deutsch, englisch)
Schnittberichte über „Hard Boiled“ (wer in die Zensurgeschichte einsteigen will)
Meine Besprechung von John Woos „Silent Night – Stumme Rache“ (Silent Night, USA 2023)
Veröffentlicht von AxelB