Neu im Kino/Filmkritik: Über Andrew Haighs sensibles Drama „All of us strangers“

Februar 8, 2024

Es ist ziemlich schnell offensichtlich, wie die einzelnen Elemente der Geschichte zusammenhängen und es gibt eigentlich keine großen Geheimnisse oder Überraschungen in dem Film. Und es ist eigentlich nicht möglich, etwas über den Film zu schreiben, ohne einiges zu verraten: deshalb gibt es jetzt, auch wenn ich nicht das Ende verrate, eine Spoilerwarnung und den Hinweis, dass man sich Andrew Haighs Drama „All of us strangers“ unbedingt im Kino ansehen sollte. Es ist zwar ein Kammerspiel. Aber eines, bei dem gerade die kleinen Details in den Gesichtern der Schauspieler zählen.

Ich wollte meine eigene Vergangenheit aufarbeiten, so wie es Adam im Film tut. Ich war daran interessiert, die Komplexität von familiärer und romantischer Liebe zu erforschen, aber auch die besonderen Erfahrungen einer bestimmten Generation von Schwulen, die in den 80er-Jahren aufgewachsen sind. Ich wollte mich von der traditionellen Geistergeschichte des Romans entfernen und etwas mehr Psychologisches, fast Metaphysisches herausarbeiten.“

Andrew Haigh (Regie, Drehbuch)

Der 45-jährige Adam (Andrew Scott) lebt alleine und einsam in London in einem verlassenen Hochhaus. Der einzige andere Mieter ist der 28-jährige offen schwule Harry (Paul Mescal). Sie kommen ins Gespräch und beginnen eine Beziehung. Zur gleichen Zeit streift Adam durch die Gegend, in der er aufwuchs. Diese Streifzüge sind ein Teil seines neuen Projekts. Er schreibt ein Drehbuch über seine Kindheit.

Bei einem seiner Streifzüge begegnet er seinen Eltern, die sich über seine anschließenden Besuche freuen. Dummerweise starben sie bei einem Autounfall vor über dreißig Jahren, bei ihnen sieht noch alles so aus wie in den achtziger Jahren und auch sehen immer noch genauso aus wie damals.

In diesem Moment ist klar, dass zumindest dieser Teil von Andrew Haighs neuem Film kein Teil der normalen Realität ist. Unklar ist, ob die Begegnung mit seinen Eltern (Claire Foy, Jamie Bell) der Beginn einer die Regeln der Physik ignorierenden Fantasy-Geschichte ist oder ob sich zumindest dieser Teil des Films in Adams Kopf abspielt als ein fiktives Gespräch mit seinen Eltern über seine Homosexualität, wie sich die Wahrnahme von Homosexualität und das öffentliche Auftreten von Homosexuellen seit den achtziger Jahren veränderte. Denn, seinen wir ehrlich, ein nur von zwei Mietern bewohntes Hochhaus mitten in London wirkt schon auf den ersten Blick sehr fantastisch.

Haigh und sein Kameramann Jamie D. Ramsay („Living – Einmal wirklich leben“) verstärken mit ihrer eleganten Bildsprache, in der in fast jedem Bild Spiegel zu sehen sind, diesen Schwebezustand zwischen den verschiedenen Realitäts- und Bewusstseinsebenen. Sehr ruhig, fast schon meditativ, entfalten sie die Geschichte, die elegant zwischen Gegenwart und Vergangenheit, Realität und Fantasie changiert. Dabei entsteht, auch dank der guten Schauspieler (wobei Andrew Scott hier eine besondere Erwähnung verdient), ein vielschichtiges Porträt eines einsamen Mannes, der versucht, den schon lange zurückliegenden Verlust seiner Eltern zu verarbeiten. Es ist eine intime, feinfühlig Trauerarbeit mit ungewissem Ausgang.

All of us strangers (All of us strangers, USA/Großbritannien 2023)

Regie: Andrew Haigh

Drehbuch: Andrew Haigh

LV: Taichi Yamada: Ijintachi to no natsu, 1987 (Sommer mit Fremden)

mit Andrew Scott, Paul Mescal, Jamie Bell, Claire Foy

Länge: 105 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „All of us strangers“

Metacritic über „All of us strangers“

Rotten Tomatoes über „All of us strangers“

Wikipedia über „All of us strangers“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Andrew Haighs „45 Years“ (45 Years, Großbritannien 2015)


TV-Tipp für den 11. September: Verschwörung

September 10, 2023

ZDF, 22.15

Verschwörung (The Girl in the Spider’s Web: A New Dragon Tattoo Story, USA 2018)

Regie: Fede Alvarez

Drehbuch: Fede Alvarez, Jay Basu, Steven Knight

LV: David Lagercrantz: Det some ine dödar oss, 2015 (Verschwörung)

Ein Wissenschaftler mit Gewissenkonflikten bittet Lisbeth Salander, die Super-Hackerin mit edler Gesinnung und Problemen im zwischenmenschlichen Umgang, die von ihm geschriene Software Firefall zu stehlen. Mit ihr können alle Nuklearwaffen gesteuert werden.

Weil noch etliche Menschen mit weniger edler Gesinnung das Programm haben wollen, ist für reichlich Action gesorgt.

Da hat Lisbeths Journalisten-Freund Mikael Blomkvist kaum Zeit zum Kaffee trinken.

Verfilmung von David Lagercrantz‘ Fortsetzung der Romane von Stieg Larsson. Die Romanstory wurde zugunsten des Thrillerplots verbessert. Der Rest ist Nordic-Noir as usual. Und man muss die Romane von Larsson und die vielen Verfilmungen nicht kennen. .

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Claire Foy, Sverrir Gudnason, Sylvia Hoeks, Lakeith Stanfield, Claes Bang, Stephen Merchant, Christopher Convery, Vicky Krieps, Cameron Britton, Synnøve Macody Lund, Mikael Persbrandt

Die Vorlage (hier mit dem Filmcover)

David Lagercrantz: Verschwörung

(übersetzt von Ursel Allenstein)

Heyne, 2018

608 Seiten

12 Euro

Gebundene Ausgabe

Heyne, 2015

Originaltitel

Det some ine dödar oss

Norstedts, Stockholm, 2015

Hinweise

Moviepilot über „Verschwörung“

Metacritic über „Verschwörung“

Rotten Tomatoes über „Verschwörung“

Wikipedia über „Verschwörung“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Stieg Larssons „Verblendung“ (Buch und Film)

Meine Besprechung von Stieg Larssons „Verdammnis“ (Buch und Film)

Meine Besprechung von Stieg Larssons „Vergebung“ (Buch und Film)

Homepage von Stieg Larsson

Heyne über Stieg Larsson

Krimi-Couch über Stieg Larsson

Wikipedia über Stieg Larsson (deutsch, englisch)

Stieg Larsson in der Kriminalakte

Meine Besprechung der Stieg-Larsson-Parodie „Verarschung“ (The Girl with the Sturgeon Tattoo, 2011) von Lars Arffssen

Meine Besprechung von Dan Burstein/Arne de Keijzer/John-Henri Holmbergs “Die Welt der Lisbeth Salander” (The Tattooed Girl, 2011)

Meine Besprechung von David Finchers Stieg-Larsson-Verfilmung “Verblendung” (The Girl with the Dragon Tattoo, USA 2011)

Meine Besprechung von Denise Mina (Autor)/Leonardo Manco/Andrea Mutti (Zeichner) „Stieg Larsson – Millennium: Verblendung – Band 1“ (The Girl with the Dragoon Tattoo – Book One, 2012 )

Meine Besprechung von Denise Mina/Leanardo Manco/Andrea Muttis “Stieg Larsson- Millennium: Verblendung – Band 2″ (The Girl with the Dragoon Tattoo – Book Two, 2013)

 Meine Besprechung von Denise Mina/Leonardo Manco/Andrea Mutti/Antonio Fusos “Stieg Larsson – Millennium: Verdammnis – Band 1” (The Girl who played with Fire – Book One, 2014)

Meine Besprechung von David Lagercrantz‘ „Verschwörung“ (Det some ine dödar oss, 2015)

Meine Besprechung von Fede Alvarez‘ „Don’t Breathe“ (Don’t Breathe, USA 2016)

Meine Besprechung von Fede Alvarez‘ „Verschwörung“ (The Girl in the Spider’s Web: A New Dragon Tattoo Story, USA 2018)


Neu im Kino/Filmkritik: Just „Women Talking“ in „Die Aussprache“

Februar 10, 2023

Irgendwo im ländlichen Amerika trifft sich eine Gruppe Frauen auf dem Dachboden einer Scheune. Nur ein Mann ist bei dem Treffen zugelassen. August Epp (Ben Whishaw) soll das Treffen protokollieren. Denn die Frauen, die von Rooney Mara, Claire Foy, Jessie Buckley, Judith Ivey, Sheila McCarthy, Michelle McLeod, Kate Hallett, Liv McNeil, August Winter und Frances McDormand (die nur eine kleine, aber einprägsame Rolle hat), gespielt werden, können nicht schreiben. Sie wollen reden über die von Männern an ihnen verübten Vergewaltigungen und was sie jetzt tun sollen. Die Vergewaltigungen geschahen über mehrere Jahre in einer streng religiösen Gemeinde. Vergewaltigut wurden sie im Schlaf von Mitgliedern der tiefreligiösen Gemeinde. Sollen sie ihnen vergeben und weiter mit ihnen zusammen leben oder sollen sie die Gemeinde verlassen und in eine ihnen vollkommen unbekannte Welt aufbrechen?

Was diese Aussprache so erschreckend macht, ist dass sie nicht irgendwann im 18. oder 19. Jahrhundert, sondern fast in der Gegenwart, nämlich 2010 in den USA, spielt. Sarah Polley ließ sich für ihren neuen Film „Die Aussprache“ (Women Talking) von Miriam Toews‘ gleichnamigem Roman inspirieren. Die Inspiration für den Roman und damit auch für den Film waren Vergewaltigungen, die zwischen 2005 und 2009 in Bolivien in Manitoba in einer abgelegen liegenden äußerst konservativen mennonitischen Gemeinde geschahen. Die im Buch und Film geschilderte Aussprache ist dann, wie eine Texteinblendung am Filmanfang verrät, ein „Akt weiblicher Vorstellungskraft“, bei dem es vor allem um das Abwägen von Argumenten und Handlungsoptionen geht.

Sarah Polleys Film, für den sie auch das Drehbuch schrieb, spielt eigentlich nur in einem Raum in der Scheune. Dort sitzen die Frauen zusammen und reden miteinander. Brav werden dabei verschiedene Argumente ausgetauscht und abgewogen. Niemand unterbricht die Rednerin. Niemand schreit oder hat einen filmreifen emotionalen Ausbruch. Die Aussprache verläuft strikt nach dem Modell des herrschaftsfreien Diskurses. Die von den Frauen formulierten Argumente und Sätze gehören ins Thesentheater. In diesem Fall ist es gutes Thesentheater, aber halt auch eine Abfolge von Argumenten, die von diesen Frauen aufgrund ihres bisherigen Lebens so wohl nie gesagt würden.

Aber das stört nicht weiter in dieser klugen, umfassenden und sehr didaktisch aufgebauten Auseinandersetzung mit männlichem Machtstreben und den Möglichkeiten, die Betroffene dagegen haben. Es ist letztlich nur die Wahl zwischen gehen oder vergeben und bleiben. Die dritte Möglichkeit, nämlich bleiben und kämpfen, ist bestenfalls eine theoretische Möglichkeit. Bei diesem Gespräch sprechen die Frauen auch die Machtstrukturen innerhalb der Glaubensgemeinde an. Denn ihre Peiniger sind auch die einzigen Menschen, die dank ihres Kontakts zu Gott, ihnen den Weg in den Himmel ebnen können.

Das verfilmte Theaterstück (denn letztendlich ist es das und mit wenigen Änderungen kann es das auch werden) ist gut geschrieben und gut gespielt von einer Top-Besetzung, die hier als Ensemble agiert. Und natürlich ist das Problem, mit dem die Gläubigen konfrontiert werden, mühelos auf viele andere Situationen übertragbar.

Ärgerlich ist in „Die Aussprache“, wie bei zu vielen anderen neuen Filmen, die Farbgebung. Oder besser Nicht-Farbgebung. Immer sehen die fast vollständig farbentsättigten Bilder wie ausgewaschen an. Jede blühende Wiese wird zu einem grauen Einerlei. Die Scheune versumpft eh in einem grauen Matsch und die dunklen Kleider der Frauen sind ebenfalls matschgrau. Es sieht von der ersten bis zur letzten Minute einfach nur grauenhaft, billig und erschreckend amateurhaft aus.

Die Aussprache (Women Talking, USA 2022)

Regie: Sarah Polley

Drehbuch: Sarah Polley

LV: Miriam Toews: Women talking, 2018 (Die Aussprache)

mit Rooney Mara, Claire Foy, Jessie Buckley, Judith Ivey, Sheila McCarthy, Michelle McLeod, Kate Hallett, Liv McNeil, August Winter, Ben Whishaw, Frances McDormand (eigentlich ein längerer Cameo, der dazu dient, den von ihr mitproduzierten Film besser zu verkaufen)

Länge: 105 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „Die Aussprache“

Metacritic über „Die Aussprache“

Rotten Tomatoes über „Die Aussprache“

Wikipedia über „Die Aussprache“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: „Die wundersame Welt des Louis Wain“ ist voller Katzen

April 22, 2022

Er malte Katzen und zwar so, dass H. G. Wells über ihn sagte: „Er erfand einen Stil für Katzen, eine Gesellschaft für Katzen, eine ganze Katzenwelt. Englische Katzen, die nicht so aussehen wie Katzen von Louis Wain, sollten sich was schämen.“

Dieser Louis Wain, der vom 5. August 1860 bis zum 4. Juli 1939 lebte, wird jetzt in einem Biopic von Benedict Cumberbatch gespielt. Für ihn ist das die Gelegenheit, seiner Kollektion außergewöhnlicher Figuren eine weitere mit vielen Marotten ausgestatteten Exzentriker hinzuzufügen. Schon in den ersten Minuten von „Die wundersame Welt des Louis Wain“ erscheint Louis Wan als ein höchst seltsamer Vogel. Nach dem Tod seines Vaters lebt der Zwanzigjährige in einem Haushalt mit seiner Mutter und seinen fünf Schwestern. Er muss sie, entsprechend den damaligen gesellschaftlichen Regeln, als Oberhaupt der Familie versorgen. Gleichzeitig ist er dafür vollkommen ungeeignet. Er kann keine Verantwortung übernehmen. Noch nicht einmal für sich selbst. Er ist schüchtern, schusselig und vollkommen verpeilt. Und er hat einen wahrlich atemberaubenden Zeichenstil. Er zeichnet, ohne auf das Papier zu gucken, gleichzeitig mit beiden Händen und hektischen Bewegungen seine Bilder. Diese sind, erstaunlicherweise, äußerst gelungen. Gerne zeichnet er Katzen, die er vermenschlicht. Anfangs verschenkt er die Bilder. Später wird er mit ihnen ein Vermögen machen. Obwohl ihn Geld absolut nicht interessiert. Und weil er sich nicht um die Rechte an seinen Bildern kümmert, ist das Geld auch schnell wieder weg.

Dazu kommen der frühe Tod seiner Frau Emily 1887 und seine über die Jahre zunehmenden psychischen Probleme. Er stellte Emily, auf das Drängen seiner Schwestern, als Gouvernante ein und verliebte sich sofort in sie. Wain litt an Schizophrenie und wohl noch einigen weiteren nicht diagnostizierten psychischen Krankheiten. Diese Probleme wurden so schlimm, dass er 1924 in die Armenstation im „Springfield Mental Hospital“ eingeliefert wurde. Dank prominenter Fürsprecher, wie H. G. Wells, wurde er später in eine bessere Anstalt verlegt.

Will Sharpe erzählt in seinem edel besetztem Biopic „Die wundersame Welt des Louis Wain“ das Leben dieses Mannes von seinen von seinen Anfängen als Illustrator für die „Illustrated London News“ (er zeichnete schneller als alle anderen) über seine große Popularität als Katzenzeichner bis zu seinem Tod. Das ist vor allem am Anfang, also wenn es um seinen Aufstieg als Zeichner (wobei er durchgängig vollkommen desinteressiert an Geld ist), seine große Liebe Emily, seine Beziehung zu seinen Schwestern und zu Katzen geht, sehr gelungen und auch witzig.

Mit zunehmender Laufzeit wird Will Sharpes Künstlerbiographie zu einer episodischen und damit auch langweiligen Abhandlung von Waines Leben. In schneller Folge werden neue Jahreszahlen eingeblendet und weitere Stationen in Wains Leben abgehandelt. Der klare Fokus der ersten Hälfte geht verloren zugunsten eines bebilderten Wikipedia-Artikels.

Die wundersame Welt des Louis Wain (The Electrical Life of Louis Wain, Großbritannien 2021)

Regie: Will Sharpe

Drehbuch: Simon Stephenson, Will Sharpe (basierend auf einer Geschichte von Simon Stephenson)

mit Benedict Cumberbatch, Claire Foy, Andrea Riseborough, Toby Jones, Sharon Rooney, Aimee Lou Wood, Hayley Squires, Stacy Martin, Phoebe Nicholls, Nick Cave, Taika Waititi, Richard Ayoade, Olivia Colman (Erzählerin)

Länge: 111 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „Die wundersame Welt des Louis Wain“

Metacritic über „Die wundersame Welt des Louis Wain“

Rotten Tomatoes über „Die wundersame Welt des Louis Wain“

Wikipedia über „Die wundersame Welt des Louis Wain“ (deutsch, englisch) und Louis Wain (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: Lisbeth Salander kehrt zurück und deckt eine „Verschwörung“ auf

November 22, 2018

Lisbeth Salander ist zurück im Kino und obwohl einiges neu ist, bewegt sich auch vieles in „Verschwörung“ auf vertrautem Terrain.

Doch beginnen wir mit den Änderungen. Nachdem die drei posthum erschienenen „Millennium“-Romane „Verblendung“ (2005), „Verdammnis“ (2006) und „Vergebung“ (2007) von Stieg Larsson weltweit unglaublich erfolgreich waren, wurden sie verfilmt. Zunächst in einer gekoppelten Kino- und TV-Auswertung (in längeren Fassungen) von Niels Arden Oplev und Daniel Alfredson mit Noomi Rapace als Lisbeth Salander und Michael Nyqvist als Mikael Blomkvist. David Fincher verfilmte 2011 „Verblendung“ noch einmal. Mit Rooney Mara als Lisbeth Salander und Daniel Craig als Mikael Blomkvist. Seine Version ist etwas polierter, aber sonst unterscheidet sie sich kaum von der schwedischen Originalversion. Die damals geplante und, seien wir ehrlich, überflüssigen Verfilmungen von „Verdammnis“ und „Vergebung“ in einer US-Version wurden so lange auf die lange Bank geschoben, dass inzwischen die Erbstreitigkeiten um Stieg Larssons Vermögen so weit beigelegt wurden, dass David Lagercrantz den Auftrag erhielt, weitere „Millennium“-Romane zu schreiben. 2015 erschien, weltweit beachtet, „Verschwörung“. In dem ziemlich missratenen Thriller (meine Besprechung) fällte er eine sehr gute Entscheidung. Er verlegte, ohne die Hauptcharaktere merklich altern zu lassen, die Handlung in die Gegenwart.

Und Hollywood entschloss sich, die noch ausstehenden Larsson-Verfilmung zu überspringen und gleich mit „Verschwörung“ weiterzumachen. Mit einem neuen Team vor und hinter der Kamera. Claire Foy spielt jetzt Lisbeth Salander und Sverrir Gudnason Mikael Blomkvist. Das ist eine sehr unglückliche Besetzungsentscheidung, weil Gudnason zu jung für die Rolle des altgedienten Investigativjournalisten ist. Und Foy in diesem Moment zu alt für Salander ist. Sie sind nicht mehr das seltsame Gespann von altgedientem Profi und junger Hackerin, sondern eher Bruder und Schwester.

Dass auch die „Millennium“-Herausgeberin Erika Berger mit Vicky Krieps eine massive Verjüngungskur erfuhr, ist da folgerichtig. Sie ist in „Verschwörung“ noch mehr eine Nebenfigur als Mikael Blomkvist. Und auch er ist in diesem Film nur eine Nebenfigur.

Eine kluge Entscheidung ist allerdings, den sechshundertseitigen Roman deutlich zu straffen und sich auf den Thrillerplot zu konzentrieren, der auch thrillen soll. Außerdem – und das dürfte die beste Entscheidung der Macher gewesen sein – konzentriert sich der Thriller auf Lisbeth Salander. „Verschwörung“ erzählt ihre Geschichte. Und die ihrer Schwester.

Dabei beginnt alles mit einem kleinen Auftrag. Salander soll für Frans Balder (Stephen Merchant) das von ihm geschriebene Programm Firefall beschaffen. Mit dem Programm kann man alle Atomraketen kontrollieren. Ein solches Programm ist der Traum jedes James-Bond-Schurken. Es sollte daher nicht in die falschen Hände fallen.

Salander kann das Programm aus dem NSA-Server stehlen. Dummerweise wird sie dabei entdeckt (Okay, sie stellte sich bei ihrem Diebstahl auch ziemlich dämlich an).

Jetzt wollen der NSA-Agent Ed Needham (Lakeith Stanfield), ein Ex-Navy-Seal, der schwedische Geheimdienst und eine Verbrecherbande, die von Salanders tot geglaubter Schwester Camilla (Sylvia Hoeks) angeführt wird, die Datei haben.

Fede Alvarez, der sich mit den Horrorfilmen „Evil Dead“ (ein respektables Remake eines Klassikers) und „Don’t breathe“ einen guten Ruf erarbeitete, inszenierte mit „Verschwörung“ eine Nordic Noir, der sich in keiner Sekunde vor den anderen, von der Kritik oft hochgelobten Nordic Noirs unterscheidet. Dazu gehört auch die teilweise krachende, jede Glaubwürdigkeit strapazierende Unlogik.

Die im Gegensatz zum Roman vollständig in sich abgeschlossene Filmgeschichte spielt in einem Stockholm, das weniger wie das reale Stockholm, sondern wie eine sauber abgewrackte Science-Fiction-Metropole aussieht, in der auch der Teufelsberg, eine Berliner Sehenswürdigkeit, problemlos als Teil Stockholms akzeptiert wird. Aus den unterschiedlichen Drehorten (es wurde auch in Hamburg gedreht) entsteht eine in sich geschlossene Noir-Dystopie mit dunkler Farbpalette und einem aus halb Europa stammendem Schauspielerensemble.

Am Ende ist „Verschwörung“ ein guter Nordic Noir, den man sich ansehen kann, ohne vorher die Romane oder die anderen Filme gesehen zu haben. Mit einer coolen Actionheldin, die vor allem das tut, was Actionheldinnen halt so tun.

Verschwörung (The Girl in the Spider’s Web: A New Dragon Tattoo Story, USA 2018)

Regie: Fede Alvarez

Drehbuch: Fede Alvarez, Jay Basu, Steven Knight

LV: David Lagercrantz: Det some ine dödar oss, 2015 (Verschwörung)

mit Claire Foy, Sverrir Gudnason, Sylvia Hoeks, Lakeith Stanfield, Claes Bang, Stephen Merchant, Christopher Convery, Vicky Krieps, Cameron Britton, Synnøve Macody Lund,

Mikael Persbrandt

Länge: 116 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Die Vorlage im Filmcover

David Lagercrantz: Verschwörung

(Filmausgabe)

(übersetzt von Ursel Allenstein)

Heyne, 2018

608 Seiten

22,99 Euro (gebundene Ausgabe)

9,99 Euro (Taschenbuch)

Gebundene Ausgabe

Heyne, 2015

Originaltitel

Det some ine dödar oss

Norstedts, Stockholm, 2015

Der fünfte Roman mit Lisbeth Salander

David Lagercrantz: Verfolgung

(übersetzt von Ursel Allenstein)

Heyne, 2017

480 Seiten

22,99 Euro (gebundene Ausgabe)

9,99 Euro (Taschenbuch, erscheint am 10. Dezember 2018)

Originalausgabe

Mannen som sökte sin skugga

Norsteds, Stockholm 2017

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Verschwörung“

Metacritic über „Verschwörung“

Rotten Tomatoes über „Verschwörung“

Wikipedia über „Verschwörung“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Stieg Larssons „Verblendung“ (Buch und Film)

Meine Besprechung von Stieg Larssons „Verdammnis“ (Buch und Film)

Meine Besprechung von Stieg Larssons „Vergebung“ (Buch und Film)

Homepage von Stieg Larsson

Heyne über Stieg Larsson

Krimi-Couch über Stieg Larsson

Wikipedia über Stieg Larsson (deutsch, englisch)

Stieg Larsson in der Kriminalakte

Meine Besprechung der Stieg-Larsson-Parodie „Verarschung“ (The Girl with the Sturgeon Tattoo, 2011) von Lars Arffssen

Meine Besprechung von Dan Burstein/Arne de Keijzer/John-Henri Holmbergs “Die Welt der Lisbeth Salander” (The Tattooed Girl, 2011)

Meine Besprechung von David Finchers Stieg-Larsson-Verfilmung “Verblendung” (The Girl with the Dragon Tattoo, USA 2011)

Meine Besprechung von Denise Mina (Autor)/Leonardo Manco/Andrea Mutti (Zeichner) „Stieg Larsson – Millennium: Verblendung – Band 1“ (The Girl with the Dragoon Tattoo – Book One, 2012 )

Meine Besprechung von Denise Mina/Leanardo Manco/Andrea Muttis “Stieg Larsson- Millennium: Verblendung – Band 2″ (The Girl with the Dragoon Tattoo – Book Two, 2013)

 Meine Besprechung von Denise Mina/Leonardo Manco/Andrea Mutti/Antonio Fusos “Stieg Larsson – Millennium: Verdammnis – Band 1” (The Girl who played with Fire – Book One, 2014)

Meine Besprechung von David Lagercrantz‘ „Verschwörung“ (Det some ine dödar oss, 2015)

Meine Besprechung von Fede Alvarez‘ „Don’t Breathe“ (Don’t Breathe, USA 2016)

Eine Frage an den Regisseur und die Hauptdarstellerinnen, die hier tun, was sie im Film nicht tun


Neu im Kino/Filmkritik: Die wahre Geschichte vom „Aufbruch zum Mond“

November 13, 2018

Als die Amerikaner und die Sowjets mit dem Wettlauf um die Vorherrschaft im Weltraum beginnen, liegen in Europa immer noch die Trümmer des Zweiten Weltkrieg herum, Der erste Satellit im All, das erste Tier im All, der erste Astronaut im All – immer hat die Sowjetunion die Nase vorne. Das muss sich ändern.

Am 25. Mai 1961 erklärt US-Präsident John F. Kennedy daher, dass die USA bis zum Ende des Jahrzehnts einen Mann zum Mond schicken werde. Die NASA ist mit dem Gemini-Programm und dem darauf folgendem Apollo-Programm für das Gelingen dieser Vision verantwortlich. Die Fortschritte in den Programmen werden von einem großen Presserummel begleitet. Die Vision einer Eroberung des Weltraums löst eine gigantische Weltraum-Euphorie aus und es gibt einen neuen Traumberuf.

1962 werden die ersten Astronauten der Öffentlichkeit vorgestellt. Neil Armstrong, ein introvertierter Grübler, gehört zu ihnen. Sieben Jahre später, am 21. Juli 1969 (in den USA war es noch der 20. Juli) betritt er als erster Mensch den Mond.

In seinem Biopic „Aufbruch zum Mond“ verfolgt Regisseur Damien Chazelle („Whiplash“, „La La Land“) den Weg von Neil Armstrong von 1961 als Testpilot bis zu seinen legendären Schritten auf dem Mond. Diese Schritte auf dem Mond wurden im großen IMAX-Format gefilmt und sie fallen in dem nostalgischen Biopic durch den abrupten Formatwechsel auf. Jedenfalls im IMAX-Kino.

Der restliche Film ist ein im Dokumentarfilm-Stil inszeniertes, sich in engen Wohn- und Büroräumen abspielendes Drama, das ohne große Erklärungen wichtige Szenen in Armstrongs Leben aneinanderreiht. Damit ähnelt das Biopic am ehesten einem beobachtenden Dokumentarfilm, der konsequent auf einen Sprecherkommentar und Dramatisierungen verzichtet. D. h. alles das, was wir nicht aus den Szenen erfahren, erfahren wir nicht.

Das gilt auch für die Namen von Armstrongs Mit-Astronauten. Sie werden nicht oder erst spät im Film genannt. Und ohne den Namen hat man auch keine Ahnung, ob diese Person wichtig oder unwichtig ist. Dazu kommt der dokumentarisch-beobachtende Blick, der es unmöglich macht, zu ahnen, wer von den Männern des Gemini-Projekts – Neil Armstrong (Ryan Gosling), Ed White (Jason Clarke), Jim Lovell (Pablo Schreiber), Gus Grissom (Shea Whigham), Pete Conrad (Ethan Embry), Elliot See (Patrick Fugit), David Scott (Christopher Abbott), Buzz Aldrin (Corey Stoll) und Richard F. Gordon (Skyler Bible) – später zum Apollo-Projekt gehören wird und wer dann mit Neil Armstrong in der Apollo 11 erfolgreich zum Mond und zurück fliegen wird. Buzz Aldrin und Michael Collins (Lukas Haas) waren es. Entsprechend distanziert beobachtet man Armstrongs Mitastronauten, die alle vor allem ruhige Tüftler sind, bei ihrem Training und der Suche nach lebensbedrohlichen Fehlern.

Fast genauso wichtig wie Armstrongs Beruf ist in dem Film seine Beziehung zu seiner Frau Janet Armstrong (Claire Foy) und seine Trauer über den Tod seiner zweijährigen Tochter am Filmanfang. Diese findet erst am Filmende eine dramaturgisch nicht vorbereitete und eher misslungene Auflösung, die auch erklären soll, warum Armstrong unbedingt zum Mond fliegen wollte.

Chazelle konzentriert sich in „Aufbruch zum Mond“ so sehr auf Armstrong, dass schon seine Arbeitskollegen zu austauschbaren Nebenfiguren werden. Die restliche Welt mit all ihren revolutionären Umbrüchen und Studentenunruhen kommt bei ihnen nicht vor.

Aufbruch zum Mond (First Man, USA 2018)

Regie: Damien Chazelle

Regie: Josh Singer

L. V. James R. Hansen: First Man: The Life of Neil A. Armstrong, 2005 (Aufbruch zum Mond: Neil Armstrong – Die autorisierte Biographie; Aufbruch zum Mond)

mit Ryan Gosling, Claire Foy, Jason Clarke, Christopher Abbott, Kyle Chandler, Corey Stoll, Connor Blodgett, Brian D’Arcy James, Pablo Schreiber, Luke Winters, Ciarán Hinds, Patrick Fugit, Olivia Hamilton, Lukas Haas, Shea Whigham, Willie Repoley, Ethan Embry, Ben Owen

Länge: 142 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Facebook-Seite zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Aufbruch zum Mond“

Metacritic über „Aufbruch zum Mond“

Rotten Tomatoes über „Aufbruch zum Mond“

Wikipedia über „Aufbruch zum Mond“ (deutsch, englisch)

History vs. Hollywood überprüft den Faktengehalt

Meine Besprechung von Damien Chazelles „Whiplash“ (Whiplash, USA 2014)

Meine Besprechung von Damien Chazelles „La La Land“ (La La Land, USA 2016)


Neu im Kino/Filmkritik: Steven Soderberghs Arbeitstempo ist „Unsane: Ausgeliefert“ sind wir zu unserem Vergnügen

März 30, 2018

Lucky Logan“ gibt es erst seit einigen Wochen auf DVD und schon ist der nächste Film von Steven Soderbergh, der auf der Berlinale seine Premiere hatte, in unseren Kinos. „Unsane: Ausgeliefert“ ist sein erster Horrorfilm. Es ist außerdem der erste Film, den er auf einem iPhone drehte. Zuletzt zeigte Sean Baker in „Tangerine L. A.“, dass man mit einem iPhone einen gut aussehenden, äußerst farbenprächtigen Film inszenieren kann, der auch auf einer riesigen Leinwand nicht nach einem billigen Videofilm für den Hausgebrauch aussieht.

Soderberghs Bilder sind deutlich blasser und farbensättigter als Bakers strahlendes Los Angeles. Das liegt natürlich auch an der Geschichte: Sawyer Valentini (Claire Foy) fühlt sich verfolgt von einem Stalker. Wegen David Strine zog sie bereits in eine andere Stadt. Trotzdem sieht sie in jedem Mann, mit dem sie sich trifft und Sex haben will, David Strine. Weil es sich um auch für sie klar erkennbare Wahnvorstellungen handelt, wendet sie sich an das Highland Creek Behavioral Center. Sie möchte neben ihrer Arbeit eine Therapie mit regelmäßigen Sitzungen machen. Nach dem Gespräch mit der Therapeutin unterzeichnet sie einige Papiere und wird sofort für eine Nacht zur Beobachtung in die Klinik eingewiesen. Weil in den Papieren auch ein Satz war, mit dem sie zu einer stationären Beobachtung einwilligte, ist das legal.

Aus der einen Nacht wird eine Woche – und wir fragen uns schnell, ob sie nicht doch zu recht in der Klinik ist. Immerhin behauptet sie, dass einer der Pfleger ihr Stalker ist. Und dieses Mal erkennt sie ihre Wahnvorstellung nach einem Schockmoment nicht als Wahnvorstellung. David Strine bleibt David Strine.

Unsane“ ist ein schwarzhumoriger B-Horrorthriller, der die Psychiatrie als Vorhölle mit besorgten Pflegern und Ärzten zeigt, die fürsorglich ihren Willen gegenüber den nicht zurechnungsfähigen Patienten durchsetzen. Das knüpft an Filme wie Samuel Fullers „Schock-Korridor“ und, obwohl kein B-Picture, Milos Formans „Einer flog übers Kuckucksnest“ an. Auch in „Unsane“ ist, wie in Fullers Film, ein Journalist undercover in der Klinik. Nate hilft Sawyer auch, die Strukturen der Klinik zu verstehen. Denn das Highland Creek Behavioral Center hat – und hier wird „Unsane“ auch zu einer Kritik des US-Gesundheitssystems – die Patienten als Kunden entdeckt. Es sind rechtlose Kunden, die in dem Wust von notwendigen Erklärungen, die man unterschreiben muss, auch die Sätze unterschreiben, die zu ihrer Beobachtung in der Klinik führen. Dort werden ihre seelischen Probleme nicht behandelt, sondern sie werden so lange ruhiggestellt, bis ihre Krankenversicherung ihren Aufenthalt nicht mehr bezahlt. Nate will diese Quasi-Inhaftierung von Menschen im Highland Creek Behavioral Center aufdecken.

Diese Kapitalismuskritik ist in Soderberghs Werk eine Konstante, die in „Unsane“ allerdings nur ein Subplot ist.

Im Zentrum des Psycho-Thrillers steht die Frage, ob Sawyer verrückt ist oder ob ihr Stalker wirklich einer der Pfleger ist. Dann wäre sie ihm jetzt wirklich hilflos ausgeliefert und das wäre dann wirklich der endgültige Horror.

Diese Geschichte folgt, mit einigen modernen Tupfern, den bekannten Genrekonventionen, die Soderbergh mit viel Lust an den Konventionen, den überraschenden Wendungen und dem Horror der totalen Ausgeliefertseins in einem System erzählt.

Das ist nicht neu, aber ungeheuer spannend.

Neu ist dagegen die Aufnahmetechnik, die es Soderbergh ermöglichte, den Film sehr schnell in einer stillgelegten Klinik zu drehen. Der Drehort sorgte für das nötige bauliche Retro-Gefühl. Die iPhone-Bilder sorgen für eine große Intimität. Die immer wieder leicht verschobenen Proportionen und die kränklichen Farben passen gut zu der immer leicht verschobenen Wahrnehmung einer Person, die zunehmend zweifelt, ob sie noch zwischen Realität und Irrealität unterscheiden kann.

Im Presseheft sagt Steven Soderbergh, der gegenüber Experimenten immer aufgeschlossen ist, über die im Film verwandte Technik: „Seit Jahren experimentiere ich schon mit diesen Gerätschaften, mit Mobiltelefonen und diversen Linsen, mit denen man diese bestücken kann. Mir war vollkommen klar, dass man eines Tages mit dieser Technologie Filme drehen würde. Es ist die Technologie der Zukunft. Es war mein Ziel, einen Film zu drehen, den sich jedermann im Kino anschauen kann, ohne zu wissen, wie er gedreht wurde – und man erkennt keinen Unterschied zu einem normalen Film.

Insgesamt kamen drei iPhone 7Plus-Kameras zum Einsatz. Das Mobiltelefon hat eine 4K-Erfassung, was man in der tollen Auflösung auf der Leinwand erkennen kann. Zudem benutzten wir eine App namens FiLMiC Pro, die zahlreiche Belichtugnsmöglichkeiten zulässt. Man kann die Blendenöffnung, die Verschlusszeiten, die Farbtemperatur und die Tiefenschäfte steuern. Außerdem gibt es von FiLMiC Pro eine ferngesteuerte Version, die man mittels eines weiteren Mobiltelefons bedienen kann. Man braucht nicht einmal einen eigenen Monitor. Man hat die totale Kontrolle. Die iPhones sind sehr leicht, das macht sie in puncto Vibrationen sehr empfindlich. (…)

Auch die Linsen, die eine Firma namens Moment herstellt, sind extrem klein. Wir haben drei ihrer Produkte benutzt, eine 18mm-Linse, eine 60mm-Linse und ein Fischauge. Wir hatten aus Sicherheitsgründen drei Sätze mit den jeweils entsprechenden Objektiven. Es hätte ja sein können, dass wir alle drei Kameras gleichzeitig brauchten – aber das passierte dann nie. Wir drehten hauptsächlich mit der 18mm-Linse. Und manchmal nutzte ich die Linse, die normalerweise im iPhone eingebaut ist – es gab Szenen, für die sie genau die Brennweite besaß, die wir brauchten. (…)

Das ganze Kameraequipment passte in einen Rucksack. Wir hatten drei Mobiltelefone, drei Objektivsätze zusätzliche Batterien, ein paar Monitore, Klappen, Mikrophone und die Stabilisierungsvorrichtung fürs DGI Osmo dabei.“

Soweit die Technik, die sich wirklich jeder leisten kann. Aber, so Soderbergh weiter: „Wenn man nicht inszenieren kann, die Kamera nicht zu positionieren versteht und den Schnitt nicht beherrscht, ist es ganz egal, was für eine Kamera einem zur Verfügung steht.“

Unsane: Ausgeliefert (Unsane, USA 2018)

Regie: Steven Soderbergh

Drehbuch: Jonathan Bernstein, James Greer

mit Claire Foy, Joshua Leonard, Juno Temple, Jay Pharoah, Amy Irving, Aimée Mullins, Polly McKie, Matt Damon (Cameo)

Länge: 98 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Unsane“

Metacritic über „Unsane“

Rotten Tomatoes über „Unsane“

Wikipedia über „Unsane“ (deutsch, englisch)

Berlinale über „Unsane“

Meine Besprechung von Steven Soderberghs “Girlfriend Experience – Aus dem Leben eines Luxus-Callgirls” (The Girlfriend Experience, USA 2009)

Meine Besprechung von Steven Soderberghs „Contagion“ (Contagion, USA 2011)

Meine Besprechung von Steven Soderberghs „Haywire” (Haywire, USA 2011)

Meine Besprechung von Steven Soderberghs “Magic Mike” (Magic Mike, USA 2012)

Meine Besprechung von Steven Soderberghs „Side Effects – Tödliche Nebenwirkungen“ (Side Effects, USA 2013)

Meine Besprechung von Steven Soderberghs “Liberace – Zu viel des Guten ist wundervoll (Behind the Candelabra, USA 2013)

Meine Besprechung von Steven Soderberghs „Logan Lucky“ (Logan Lucky, USA 2017) und der DVD

Steven Soderbergh in der Kriminalakte

Interview mit Steven Soderbergh über den Film (Achtung: Spoiler!)