Neu im Kino/Filmkritik: Über den in den Sechzigern spielenden Polizeithriller „By any means“

Oktober 31, 2026

Mississippi, 1966: der junge, sich an die Vorschriften haltende FBI-Agent Wayne Strider (Yahya Abdul-Mateen II) soll den Mord am dem Bürgerrechtler Vernon Dahmer aufklären. Die mutmaßlichen Täter sind Honoratioren und Mitglieder des Klu-Klux-Klans. Niemand will mit dem Schwarzen Polizisten reden. Die Weißen nicht, weil sie sich im Recht fühlen und nicht mit Schwarzen reden. Die Schwarzen nicht, weil sie Angst haben.

Das ändert sich erst, als ihm Greg Scarpa (Mark Wahlberg) zur Seite gestellt wird. Scarpa ist kein FBI-Agent, sondern ein Mafia-Killer und Spitzel für das FBI. Manchmal holt das FBI, alle geschriebenen und ungeschriebenen Vorschriften ignorierend, den New Yorker für Sachen, bei denen seine besonderen Fähigkeiten hilfreich sein können. Alle wissen, dass niemand jemals erfahren darf, dass ein Mafia-Killer für das FBI arbeitet.

Skrupellos schlägt, mordet und foltert Scarpa alle, die ihm Informationen über die Mörder geben könnten. Das sorgt zuerst für erwartbaren Streit zwischen Strider und Scarpa. Beispielsweise als Scarpa bei einer Verkehrskontrolle einen Polizisten erschießt. Später raufen sie sich zusammen, lernen sich schätzen und sie können den Fall aufklären.

Elegance Bratton erzählt diese in Teilen wahre Geschichte in dem Polizeithriller „By any means“.

Scarpa gab es und der Killer war ein Spitzel für das FBI. Er war auch irgendwie in den sechziger Jahren in den Südstaaten in Ermittlungen involviert. Alles weitere entspringt der Phantasie des Drehbuchautors.

In Alan Parkers „Mississippi Burning“ (1988), ein Film, an den die Geschichte von „By any means“ erinnert, taucht Scarpa ebenfalls auf. Als FBI-Agent Monk, der ein Klan-Mitglied entführt. Parkers Film behandelt mehr oder weniger die gleichen Ereignisse und erlaubt sich ebenfalls kreative Freiheiten im Umgang mit der Wahrheit. Die Stimmung in den Südstaaten treffen beide Thriller.

Bratton zeichnet in seinem ruhig erzähltem Thriller ein Bild der damaligen, oft auch gewalttätigen Unterdrückung von Schwarzen und Bürgerrechtlern. Dieses Mal sogar mit einem Schwarzen Protagonisten, der – und das ist ein Problem des Films – von einem italienischstämmigem Mörder lernt, dass gegen Gewalt nur noch brutalere Gewalt hilft. Ein anderes Problem von „By any means“ ist, dass hier, wieder einmal, ein Weißer dem Schwarzen hilft, die Dinge zu regeln. Dieses Problem relativiert Bratton, wenn er detailliert die damalige Zeit schildert.

Für die Älteren ist „By any means“ eine lauwarme Wiederholung von „Mississippi Burning“.

Für die Jüngeren, die sich so alte Filme nicht ansehen, ist Brattons Thriller eine empfehlenswerte Geschichtsstunde, die zeigt, was sich seitdem in den USA veränderte und was auf dem Spiel steht.

By any means (By any means, USA 2026)

Regie: Elegance Bratton

Drehbuch: Sascha Penn

mit Yahya Abdul-Mateen II, Mark Wahlberg, Nicole Beharie, Josh Lucas, LisaGay Hamilton, David Strathairn, Ethan Embry, Giancarlo Esposito, Lee Perkins

Länge: 106 Minuten

FSK: ab 18 Jahre

–

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „By any means“

Metacrtic über „By any means“

Rotten Tomatoes über „By any means“

Wikipedia über „By any means“ 

Meine Besprechung von Elegance Brattons „The Inspection“ (The Inspection, USA 2022)


Neu im Kino/Filmkritik: „That’s why the Lady is a Champ“ im Boxring

September 4, 2026

Es ist ein Biopic, aber weil ja einige darüber gemeckert haben sollen, dass Kritiker in ihren Besprechungen über „Titanic“ verrieten, dass das Schiff untergeht (Uups, das hast du nicht gewusst?), beginne ich mit einer Spoilerwarnung für alle, die nichts über Christy Martin wissen. Wer etwas über sie weiß, wird feststellen, dass ich nicht alles, eigentlich fast nichts, verrate.

Beim Boxen fühlt Christy Martin sich lebendig. Außerdem erhält sie Geld, wenn sie siegt. Für die aus ärmlichen Verhältnissen kommende Tochter eines Bergarbeiters sind das zwei unbestreibare Pluspunkte. Dass Frauenboxen damals – wir reden von den späten achtziger Jahren – nicht ernstgenommen wurde, stört sie nicht. Sie trainiert hart, kämpft sich nach oben, gewinnt im Ring während ihrer professionellen Laufbahn fast alle Kämpfe, ist im April 1996 die erste Boxerin auf dem Cover von „Sports Illustrated“ und das Gesicht des in den neunziger Jahren in den USA zu einem lukrativen Geschäft werdendem Frauenboxen.

In seinem in den USA grandios geflopptem Biopic „That’s why the Lady is a Champ“ (Originaltitel: „Christy“) erzählt David Michôd („War Machine“) ihren Weg von ihrem ersten Kampf 1989 bis 2010, als ihr Ehemann und Trainer sie umbringen will.

Dabei hakt Michôd weitgehend chronologisch die wichtigen Stationen und Begegnungen in ihrem Leben ab. Er spricht vieles an: das Boxgeschäft in all seinen Facetten, Sexismus, Gewalt in der Ehe, gleichgeschlechtliche Liebe, Bigotterie, Spielsucht, gewalttätige und schlechte Familienbeziehungen. In dem Film ist alles drin, weil es Teil von Christy Martins Leben ist.

Was fehlt ist eine über die Chronologie eines Wikipedia-Artikels hinausgehende Struktur. So kämpfte, wie das Tennis-Biopic „Battle of the Sexes“ (USA 2017) eindrucksvoll zeigt, die Tennisspielerin Billie Jean King in den frühen siebziger Jahren um höhere Preisgelder für Tennisspielerinnen. Ihre Preisgelder lagen deutlich unter denen der Männer. Dieser Kampf um gleiche Bezahlung zieht sich durch das gesamte Biopic und macht das überaus pointierte Biopic auch für Menschen, denen Tennis egal ist, sehenswert. In „That’s why the Lady is a Champ“ muss Christy Martin mehrere Kämpfe, beruflich und privat, durchfechten. Aber welches der wichtigste Kampf ist, bleibt lange diffus. Am Ende ist es der Kampf gegen ihren Trainer (der sie zuerst nicht trainieren wollte, weil Frauen nicht boxen können), der später ihr Ehemann und Buchhalter wird, ihr Geld verzockt und immer herrischer wird. Bis er sie umbringen will.

Ben Foster, unter der Maske kaum erkennbar, spielt Christys Mann Jim Martin betont unsympathisch.

Sydney Sweeney spielt Christy Martin mit einem festen Blick auf eine Oscar-Nominierung. Für die Rolle nahm sie einige Pfund zu, trug eine potthässliche Frisur und zog körperverhüllende Klamotten an. Sie tat alles, um im Film möglichst unattraktiv zu erscheinen. Gleichzeitig brüllt sie einen in jeder Sekunde des Biopics an, dass das ihre Oscar-Rolle ist und dass sie fortan nicht nur wegen ihres Aussehens, sondern auch als Schauspielerin wahrgenommen werden möchte.

That’s why the Lady is a Champ (Christy, USA 2025)

Regie: David Michôd

Drehbuch: Mirrah Foulkes, David Michôd (nach einer Geschichte von Katherine Fugate)

mit Sydney Sweeney, Ben Foster, Merritt Wever, Katy O’Brian, Ethan Embry, Jess Gabor, Chad Coleman, Bryan Hibbard, Tony Cavalero, Gilbert Cruz

Länge: 135 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

–

Hinweise

Homepage zum Film

Moviepilot über „That’s why the Lady is a Champ“

Metacritic über „That’s why the Lady is a Champ“

Rotten Tomatoes über „That’s why the Lady is a Champ“

Wikipedia über „That’s why the Lady is a Champ“ (deutsch, englisch) und Christy Martin


Neu im Kino/Filmkritik: Gerard Butler begibt sich auf eine „Chase“

September 15, 2022

Als sie auf der Fahrt zu ihren Eltern an einer Tankstelle anhalten, geht Lisa Spann kurz auf die Toilette. Ihr Mann Will, ein mit ihr in Manchester, New Hampshire lebender, gut verdienender Immobilienentwickler, bezahlt nach dem Tanken – und muss entsetzt feststellen, dass Lisa spurlos verschwunden ist. Er informiert die Polizei. Die nimmt sich des Falls mit überschaubarem Engagement auf. Der die Ermittlung leitende Detective Patterson verdächtigt ihn sogar, etwas mit Lisas Verschwinden zu tun zu haben.

Um seine Unschuld zu beweisen und weil er über das träge Ermittlungstempo der Polizei verärgert ist, beginnt Will sie auf eigene Faust zu suchen. Denn trotz Ehekrise liebt er Lisa immer noch und er hat nichts mit ihrem Verschwinden zu tun.

„Chase“ ist ein 08/15-Thriller, der eine bekannte Geschichte noch einmal erzählt. Große Überraschungen gibt es nicht, wenn Gerard Butler sich durch das US-amerikanische Hinterland kloppt und ballert.

Eigentlich ist „Chase“ kein Film fürs Kinos, sondern für den gemütlichen Heimkinoabend des genügsamen Actionfans, der sich nicht noch einmal eine der vielen besseren Versionen dieser Geschichte ansehen will. „R. I. F. – Ich werde dich finden!“ (der am Sonntag, den 17. September, um 22.00 Uhr, am Dienstag, den 20. September, um 23.10 Uhr und am Samstag, den 23. September, um 00.25 Uhr von dem TV-Sender One gezeigt wird) wäre hier zu nennen; vor allem weil ich beim Lesen der Synopse spontan dachte, „Chase“ sei ein Remake von „R. I. F. – Ich werde dich finden!“. Ist es nicht. „Chase“ ist eine eigenständige Geschichte. „Breakdown“, „Spurlos verschwunden“ und das fünf Jahre später entstandene US-Remake „Spurlos“ könnten ebenso genannt werden. Neben mindestens einem Dutzend weiterer Filme, die die Geschichte der spurlos verschwundenen Ehefrau packender erzählen und in denen zwischem ihrem Verschwinden und der Erklärung für ihr Verschwinden nur wenige Stunden vergehen.

Chase (Last seen alive, USA 2022)

Regie: Brian Goodman

Drehbuch: Marc Frydman

mit Gerard Butler, Jaimie Alexander, Russell Hornsby, Ethan Embry, Michael Irby, Cindy Hogan, Bruce Altman

Länge: 96 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

–

Hinweise

Moviepilot über „Chase“

Rotten Tomatoes über „Chase“

Wikipedia über „Chase“ 


Neu im Kino/Filmkritik: Die wahre Geschichte vom „Aufbruch zum Mond“

November 13, 2018

Als die Amerikaner und die Sowjets mit dem Wettlauf um die Vorherrschaft im Weltraum beginnen, liegen in Europa immer noch die Trümmer des Zweiten Weltkrieg herum, Der erste Satellit im All, das erste Tier im All, der erste Astronaut im All – immer hat die Sowjetunion die Nase vorne. Das muss sich ändern.

Am 25. Mai 1961 erklärt US-Präsident John F. Kennedy daher, dass die USA bis zum Ende des Jahrzehnts einen Mann zum Mond schicken werde. Die NASA ist mit dem Gemini-Programm und dem darauf folgendem Apollo-Programm für das Gelingen dieser Vision verantwortlich. Die Fortschritte in den Programmen werden von einem großen Presserummel begleitet. Die Vision einer Eroberung des Weltraums löst eine gigantische Weltraum-Euphorie aus und es gibt einen neuen Traumberuf.

1962 werden die ersten Astronauten der Öffentlichkeit vorgestellt. Neil Armstrong, ein introvertierter Grübler, gehört zu ihnen. Sieben Jahre später, am 21. Juli 1969 (in den USA war es noch der 20. Juli) betritt er als erster Mensch den Mond.

In seinem Biopic „Aufbruch zum Mond“ verfolgt Regisseur Damien Chazelle („Whiplash“, „La La Land“) den Weg von Neil Armstrong von 1961 als Testpilot bis zu seinen legendären Schritten auf dem Mond. Diese Schritte auf dem Mond wurden im großen IMAX-Format gefilmt und sie fallen in dem nostalgischen Biopic durch den abrupten Formatwechsel auf. Jedenfalls im IMAX-Kino.

Der restliche Film ist ein im Dokumentarfilm-Stil inszeniertes, sich in engen Wohn- und Büroräumen abspielendes Drama, das ohne große Erklärungen wichtige Szenen in Armstrongs Leben aneinanderreiht. Damit ähnelt das Biopic am ehesten einem beobachtenden Dokumentarfilm, der konsequent auf einen Sprecherkommentar und Dramatisierungen verzichtet. D. h. alles das, was wir nicht aus den Szenen erfahren, erfahren wir nicht.

Das gilt auch für die Namen von Armstrongs Mit-Astronauten. Sie werden nicht oder erst spät im Film genannt. Und ohne den Namen hat man auch keine Ahnung, ob diese Person wichtig oder unwichtig ist. Dazu kommt der dokumentarisch-beobachtende Blick, der es unmöglich macht, zu ahnen, wer von den Männern des Gemini-Projekts – Neil Armstrong (Ryan Gosling), Ed White (Jason Clarke), Jim Lovell (Pablo Schreiber), Gus Grissom (Shea Whigham), Pete Conrad (Ethan Embry), Elliot See (Patrick Fugit), David Scott (Christopher Abbott), Buzz Aldrin (Corey Stoll) und Richard F. Gordon (Skyler Bible) – später zum Apollo-Projekt gehören wird und wer dann mit Neil Armstrong in der Apollo 11 erfolgreich zum Mond und zurück fliegen wird. Buzz Aldrin und Michael Collins (Lukas Haas) waren es. Entsprechend distanziert beobachtet man Armstrongs Mitastronauten, die alle vor allem ruhige Tüftler sind, bei ihrem Training und der Suche nach lebensbedrohlichen Fehlern.

Fast genauso wichtig wie Armstrongs Beruf ist in dem Film seine Beziehung zu seiner Frau Janet Armstrong (Claire Foy) und seine Trauer über den Tod seiner zweijährigen Tochter am Filmanfang. Diese findet erst am Filmende eine dramaturgisch nicht vorbereitete und eher misslungene Auflösung, die auch erklären soll, warum Armstrong unbedingt zum Mond fliegen wollte.

Chazelle konzentriert sich in „Aufbruch zum Mond“ so sehr auf Armstrong, dass schon seine Arbeitskollegen zu austauschbaren Nebenfiguren werden. Die restliche Welt mit all ihren revolutionären Umbrüchen und Studentenunruhen kommt bei ihnen nicht vor.

Aufbruch zum Mond (First Man, USA 2018)

Regie: Damien Chazelle

Regie: Josh Singer

L. V. James R. Hansen: First Man: The Life of Neil A. Armstrong, 2005 (Aufbruch zum Mond: Neil Armstrong – Die autorisierte Biographie; Aufbruch zum Mond)

mit Ryan Gosling, Claire Foy, Jason Clarke, Christopher Abbott, Kyle Chandler, Corey Stoll, Connor Blodgett, Brian D’Arcy James, Pablo Schreiber, Luke Winters, Ciarán Hinds, Patrick Fugit, Olivia Hamilton, Lukas Haas, Shea Whigham, Willie Repoley, Ethan Embry, Ben Owen

Länge: 142 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

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Hinweise

Deutsche Facebook-Seite zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Aufbruch zum Mond“

Metacritic über „Aufbruch zum Mond“

Rotten Tomatoes über „Aufbruch zum Mond“

Wikipedia über „Aufbruch zum Mond“ (deutsch, englisch)

History vs. Hollywood überprüft den Faktengehalt

Meine Besprechung von Damien Chazelles „Whiplash“ (Whiplash, USA 2014)

Meine Besprechung von Damien Chazelles „La La Land“ (La La Land, USA 2016)