Neu im Kino/Filmkritik: „Assassin’s Creed“, vom Stehen auf Häuserdächern

Dezember 27, 2016

Nach der gar nicht so schlechten Computerspielverfilmung „Warcraft: The Beginning“ von Duncan Jones, die vor einem halben Jahr in den Kinos lief, schien der Bann, dass Computerspiele die Grundlage für schlechte Filme sind, gebrochen zu sein. Justin Kurzels „Assassin’s Creed“ sollte die nächste gute Computerspielverfilmung werden.

Mit einem mehr als ordentlichem Budget von 125 Millionen US-Dollar (frühere Zahlen waren teilweise deutlich höher), einem Regisseur, dessen bisherige Werke Kritikererfolge waren und der mit seinem „Macbeth“-Team (vor und hinter der Kamera) „Assassin’s Creed“ inszenieren durfte, und einer Top-Besetzung (Michael Fassbender, Marion Cotillard [beide „Macbeth“], Jeremy Irons, Brendan Gleeson, Charlotte Rampling, Michael K. Williams) standen die Zeichen äußerst günstig für eine gute Spieleverfilmung, die Fans des Spiels und Filmfans gefallen könnte. Immerhin wurde der Film, unter anderem, von dem „Assassin’s Creed“-Spielehersteller Ubisoft, die sich anscheinend auf dem „Marvel“-Weg sahen, und Hauptdarsteller Michael Fassbender produziert. Er war vorher Executive Producer des schönen Western „Slow West“.

Er spielt Cal Lynch, einen aus den bisherigen „Assassin’s Creed“-Computerspielen unbekannten Charakter. Lynch ist ein zum Tod Verurteilter (warum und weshalb wird vielleicht in einem Extended Cut erklärt), der nach seinem Tod in einem pompösen Forschungslabor/Krankenhaus/Gefängnis von Abstergo Industries mit Erinnerungen von Aguilar de Nerha gefüttert wird. De Nerha war im 15. Jahrhundert in Spanien ein Mitglied der Assassinen. Sie kämpfen gegen die Tempelritter um den aus der Bibel bekannten „Apfel von Eden“, der in dem Film wirklich ein Apfel und der klassische, in diesem Fall mit Scheinbedeutung hoffnungslos überladene MacGuffin ist. Dabei hätte man aus der hinter dem Apfel der Erkenntnis stehenden Idee wirklich etwas machen können.

Denn in der Filmlesart steht der Apfel als Symbol des freien Willens für Mord und Totschlag, Chaos und Anarchie. Die Tempelritter wollen die Menschheit davor beschützen. Und damit stellt sich die Frage, ob die im Film bösen Tempelritter nicht in Wahrheit die Guten sind.

Aber an solchen philosophischen Diskursen hatten die Macher kein Interesse.

Stattdessen gibt es, wenn nicht gerade endlos irgendetwas erklärt wird, unzusammenhängende Kampfszenen, in denen meistens unklar ist, wie die Leute in die Situation kamen und worum es geht. Außer dem Offensichtlichstem, wie „Kind retten“ oder „Apfel klauen“. Und halt Mord und Totschlag, Chaos und humorlose Endloskloppereien und Verfolgungsjagden.

Diese Szenen sind, auch wenn sie nicht gerade im Mittelalter und parallel in der Gegenwart spielen (Lynch spielt die Erinnerungen seines Urahnen nach), so konfus inszeniert, dass man zwischen wild entfesselter Kamera, Sekundenschnitten und 3D-Pixelgewitter jeden Überblick verliert. Entsprechend gelangweilt folgt man den Kämpfen von schwarz gekleideten Menschen, die mit anderen schwarz gekleideten Menschen kämpfen und über Dächer flüchten oder auf Dächern bedeutungsschwanger warten, weil Menschen auf Dächern immer wichtig aussehen.

In diesen Momenten sieht man, dass Justin Kurzel sich stilistisch an seiner optisch beeindruckenden Shakespeare-Verfilmung „Macbeth“ orientiert. „Macbeth“-Kameramann Adam Arkapaw half ihm dabei. Die erste Staffel von „True Detective“ und „The Light between Oceans“ (ebenfalls mit Michael Fassbender) gehen ebenfalls auf sein Konto.

Aber was in „Macbeth“ bildgewaltig und entsprechend beeindruckend ist, versumpft in „Assassin’s Creed“ – jedenfalls in der von mir gesehenen Vorführung – in viel zu dunklen Bildern und schlechtem 3D, das in dieser Form schon lange Vergangenheit sein sollte.

Dazu kommt eine wirre und konfuse Story, die Nicht-Kenner des Spiels ratlos zurücklässt. Über lose Enden, Logiklöcher und Unplausibilitäten muss hier nicht gesprochen werden. Denn all das setzt ein Mindestmaß an Plausibilität und Nachvollziehbarkeit voraus. „Assassin’s Creed“ ist dagegen nur eine Ansammlung von unzusammenhängenden Szenen, die vielleicht für die Kenner des Spiels verständlich sind.

Für alle anderen ist „Assassin’s Creed“ in jeder Beziehung Zeitverschwendung.

assassin-s-creed-plakat

Assassin’s Creed (Assassin’s Creed, USA 2016)

Regie: Justin Kurzel

Drehbuch: Michael Lesslie, Adam Cooper, Bill Collage

mit Michael Fassbender, Marion Cotillard, Jeremy Irons, Brendan Gleeson, Charlotte Rampling, Michael K. Williams, Ariane Labed, Matias Varela, Denis Menochet

Länge: 116 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

–

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Assassin’s Creed“

Metacritic über „Assassin’s Creed“

Rotten Tomatoes über „Assassin’s Creed“

Wikipedia über „Assassin’s Creed“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Justin Kurzels „Die Morde von Snowtown“ (Snowtown, Australien 2011)

Meine Besprechung von Justin Kurzels „Macbeth“ (Macbeth,Großbritannien 2015)

–

Cast und Crew stellen den Film vor


Neu im Kino/Filmkritik: „The Program – Um jeden Preis“ zieht Lance Armstrong es durch

Oktober 8, 2015

Heute ist „The Program“ etwas überflüssig. Immerhin haben wir den Aufstieg und Fall von Lance Armstrong, der nach einer schweren Krebserkrankung, sieben Mal hintereinander die Tour de France gewann, mitbekommen. Wir wissen, wie dopingverseucht die Tour de France und der internationale Radsport damals war (und noch immer ist). Deshalb wurde sie ja auch einige Jahre bei uns im Fernsehen nicht mehr übertragen. Wir haben auch Lance Armstrongs großes Mea Culpa, nachdem er jahrelang jegliches Doping abstritt, mitbekommen. Und wir wissen, dass ihm seine Tour-de-France- und weitere Titel aberkannt wurden. Das wissen wir aus der Tageszeitung, den Nachrichten, den Reportagen, einigen Büchern und Dokumentarfilmen, wie Alex Gibneys „Die Armstrong Lüge“ (The Armstrong Lie, 2013).
Was soll uns da ein Spielfilm noch Neues verraten? Nun, weil es ein Spielfilm ist, kann er, während er den bekannten Fakten folgt, auch einen Blick hinter die Kulissen werfen. Er zeigt uns Bilder von Ereignissen, bei denen keine Kamera dabei ist. Er bezieht Position und interpretiert auch die Ereignisse. So erscheint Lance Armstrong zunächst als ein äußerst ehrgeiziger Sportler, der Doping zielgerichtet als Methode einsetzt, um seine Leistung zu steigern – und das wird von Stephen Frears (zuletzt „Philomena“) zunächst auch wie ein Lausbubenstreich inszeniert. Armstrong und seine Mitradler im Team sind sich keiner Schuld bewusst. Immerhin dopen die anderen Radfahrer auch und EPO ist die Droge der Stunde. Der erste Kauf von EPO in einer Apotheke erinnert dann auch eher an den Kondomkauf von Pennälern. Aber dann wird Armstrong, grandios gespielt von Ben Foster, von dem ehrgeizigen Sportler immer mehr zu einem egozentrischen Karrieristen, der für sein Ziel über Leichen geht. Wer nicht für ihn ist, fliegt aus dem Team. Sein Ehrgeiz, dem er alles unterordnet, ist grenzenlos und, so zeigt es „The Program“, er bringt ihn auch zu Fall.
Auf der anderen Seite ist David Walsh, der als Sportreporter der Sunday Times an einen sauberen Radsport glaubt. Als er schreibt, dass Armstrong aufgrund seines Körperbaus und seiner Krankheitsgeschichte nicht zu den Leistungen imstande sein könne, die er für seinen Gewinn der Tour de France erbrachte, wird er von dem Klüngel aus Radlern, Veranstaltern, Promotern und Journalisten, die alle von der Tour de France, die inzwischen ja ein großes Spektakel ist, als Nestbeschmutzer beschimpft.
Aber Walsh hat, auch wenn der Film auf seinem Buch basiert, in dieser Chronik von Lance Armstrongs Aufstieg und Fall nur eine fast schon verzichtbare Nebenrolle. Denn der Sportjournalismus ist im Radsport nur ein Hintergrundrauschen.
Weil „The Program“ die bekannte Geschichte von Lance Armstrong von seiner ersten Tour-de-France-Teilnahme 1993 bis zu seinem selbst verschuldetem Ende brav nacherzählt, ist er heute ein gut gemachter, aber auch etwas überflüssiger Film, der in den kommenden Jahren, wenn wir uns nicht mehr an die Reportagen und Dokumentationen erinnern, wichtiger wird und dann auch – bei Rotten Tomatoes hat er derzeit nur eine unverdient schlechte Bewertung von 50 % – positiver gesehen wird.

The Program - Plakat

The Program – Um jeden Preis (The Program, Großbritannien 2015)
Regie: Stephen Frears
Drehbuch: John Hodge
LV: David Walsh: Seven Deadly Sins: My Pursuit of Lance Armstrong, 2012
mit Ben Foster, Chris O’Dowd, Guillaume Canet, Jesse Plemons, Denis Ménochet, Lee Pace, Edward Hogg, Dustin Hoffman

Länge: 103 Minuten
FSK: ab 0 Jahre
–
Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „The Program“
Moviepilot über „The Program“
Metacritic über „The Program“
Rotten Tomatoes über „The Program“
Wikipedia über „The Program“ (englisch) und Lance Armstrong (deutsch, englisch)
Meine Besprechung von Stephen Frears „Lady Vegas“ (Lay the Favorite, USA/GB 2012)

Meine Besprechung von Stephen Frears “Philomena” (Philomena, GB 2013)


Neu im Kino/Filmkritik: „Eyjafjallajökull – Der unaussprechliche Vulkanfilm“ und die unglaubliche Reise eines Paares

Juli 31, 2014

Eyjafjallajökull heißt der Vulkan, dessen Ausbruch 2010 den gesamten europäischen Flugverkehr zum Erliegen brachte, was für viele Reisende ärgerlich, aber für Alain (Dany Boon) und Valérie (Valérie Bonneton) eine Katastrophe ist. Sie sind nämlich auf dem Weg nach Griechenland zur Hochzeit ihrer Tochter, die in drei Tagen auf Korfu stattfindet. Also wird ein Auto organisiert und – nun, Alain versucht schon in München am Flughafen Valérie zu versetzen. Denn beide sind seit zwanzig Jahren geschieden und anscheinend wuchs ihre Abneigung in den vergangenen Jahren vom Hass zu etwas viel Schlimmerem.

Immerhin bringen die beiden vollkommen gegensätzlichen Charaktere sich nicht gegenseitig um.

Aber sie versuchen es. Zum Beispiel im Wohnmobil von Ezechiel, einem ziemlich durchgeknallten Gläubigem mit Knastvergangenheit. Als sie sich zufällig im Wohnteil seines Wohnmobil treffen, gehen sie gleich aufeinander los und zerstören dabei, während der Fahrt, zuerst das Mobiliar und dann das Wohnmobil. Davor wurde schon ein gemieteter Porsche, den es normalerweise nur für VIPs gibt, auf der Autobahn geschrottet und danach legt Fahrlehrer Alain in einem Kleinflugzeug, mit seiner Ex-Frau als Kopilotin, kurz vor ihrem Ziel eine Bruchlandung in einem einsamen Waldgebiet hin.

Während das frühere Liebespaar auf dem Weg von München nach Korfu munter die Fahrzeuge wechselt, versuchen sie immer wieder, den anderen hereinzulegen. Da ist dann jede Freundlichkeit das Vorspiel für eine weitere Bosheit, die man ungeachtet der Folgen für einen selbst, dem anderen zufügt.

„Eyjafjallajökull – Der unaussprechliche Vulkanfilm“ steht im Geist der überdrehten französischen der siebziger Jahre, in denen ein nicht zusammenpassendes, in tiefer Abneigung zueinander stehendes Paar auf eine Reise geschickt wird und sie ihr bestes tun, um die Vorhaben des anderen zu sabotieren. Das machte damals Spaß und macht auch in der aktuellen Ausgabe, wenn Alain und Valérie quer durch Deutschland, Österreich, das ehemalige Jugoslawien bis nach Griechenland mit allen zur Verfügung stehenden Fahrzeugen eine Spur der Verwüstung hinterlassen, Spaß.

Diese Reise wird mit so vielen spitzen Bemerkungen, Bosheiten und Action garniert, dass man gerne die unplausible Prämisse vergisst. Denn natürlich könnten Alain und Valérie jederzeit getrennte Wege gehen. Und beide sind in ihrer Gegensätzlichkeit vollkommen überspitze Karikaturen, die im wirklichen Leben niemals mehr als zwei Sätze miteinander gesprochen hätten.

Aber als durchaus klamaukige Action-Comedy mit herrlich abgedrehten Szenen funktioniert der Film, der auch nie behauptet mehr zu sein, als er ist.

Eyjafjallajoekull - Plakat

 

Eyjafjallajökull – Der unaussprechliche Vulkanfilm (Eyjafjallajökull, Frankreich/Deutschland 2013)

Regie: Alexandre Coffre

Drehbuch: Laurent Zeitoun, Yoann Gromb, Alexandre Coffre (nach einer Originalidee von Yoann Gromb)

mit Dany Boon, Valérie Bonneton, Denis Ménochet, Albert Delpy, Bérangère McNeese, Malik Bentalha

Länge: 92 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

–

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

AlloCine über „Eyjafjallajökull – Der unaussprechliche Vulkanfilm“

Film-Zeit über „Eyjafjallajökull – Der unaussprechliche Vulkanfilm“

Moviepilot über „Eyjafjallajökull – Der unaussprechliche Vulkanfilm“

Wikipedia über „Eyjafjallajökull – Der unaussprechliche Vulkanfilm“ (deutsch, französisch)