Neu im Kino/Filmkritik: Über Park Chan-wooks Donald-E.-Westlake-Verfilmung „No other choice“

Februar 5, 2026

Über ein Jahr ist Man-su schon arbeitslos. Die finanziellen Ressourcen schwinden unaufhaltsam. Jetzt teilen er und seine Frau sich ein Auto. Außerdem arbeitet sie. Die Kinder müssen auf beliebte Streamingangebote verzichten. Ob sie ihr wunderschönes Haus mit Garten weiterhin behalten können oder in eine Mietwohnung umziehen müssen, ist noch unklar. Dennoch will er seine Familie zusammenhalten, den erreichten Lebensstandard aufrechterhalten und den Schein wahren.

Man-su wurde gleichzeitig mit vielen weiteren verdienten Kollegen aufgrund von Umstrukturierurungen entlassen. Bis dahin war der passionierte Freizeitgärtner, liebevolle Familienvater und gesetztestreue Bürger Man-su fünfundzwanzig Jahre in ein und derselben Papierfabrik in leitender Position angestellt. Papier ist sein Leben. Er will auch unbedingt wieder in einer Papierfabrik arbeiten.

Dummerweise ist die Konkurrenz um die wenigen offenen Stellen groß. Wenn ein Mitbwerber nur etwas besser qualifiziert ist oder etwas umgänglicher ist, bekommt er den Job. Aber, so überlegt Man-su sich, wenn dieser Mitbewerber sich nicht auf die Stelle bewerben kann, steigen seine Chancen. Er könnte bei einem Unfall sterben. Man-su muss nur wissen, wer diese besser qualifizierten Mitbewerber sind und sie dann töten. Weil er ein exzellenter Bewerber ist, ist die Konkurrenz überschaubar.

Der grandiose Krimiautor Donald E. Westlake (er erfand auch den Profidieb Parker und den vom Pech verfolgten Einbrecher John Dortmunder) ersann diese rabenschwarze Kapitalismussatire 1997. In seinem Roman „The Ax“ erzählt er sie in tödlich präziser Konsequenz. Wie ein nur selten manchmal etwas aus dem Takt geratendes Uhrwerk arbeitet Burke Devore (so heißt der Mörder bei Westlake) die Liste seiner Mitbewerber ab. Costa-Gavras verlegte die Geschichte 2005 in seiner Verfilmung „Die Axt“ (alternativer Titel „Jobkiller“) nach Frankreich. Park Chan-wook verlegte sie jetzt nach Südkorea und widmete den Film Costa-Gavras.

Park, der zuerst Westlakes Roman und erst später Costa-Gavras Verfilmung kannte, wollte den Roman schon seit Ewigkeiten verfilmen. 2009 wurde das Projekt erstmals auf dem Busan International Film Festival angekündigt. Seitdem sagte er, wenn er danach gefragt wurde, er arbeite immer noch daran.

Fünfzehn Jahre später begannen die Dreharbeiten. Ende August 2025 hatte seine Westlake-Verfilmung bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig seine Premiere. Und jetzt läuft sie hier in Deutschland im Kino an.

Wer den Roman, die erste und jetzt die aktuelle Verfilmung kennt, wird viele Gemeinsamkeiten und einige Unterschiede erkennen. Jede Version setzt ihre eigenen Akzente, lässt aber die absolut überzeugende und stabile Grundstruktur der von Westlake erfundenen Geschichte intakt. Die Unterschiede beschränken sich vor allem auf Anpassungen an den Handlungsort und die Zeit. So gab es 1997 noch keine Smartphones. Für die Geschichte ist das letztendlich egal. Die Kultur und die Sozialsysteme unterscheiden sich in den einzelnen Ländern. Sie verleihen jeder Version ihre besondere Duftnote.

No other Choice“ hat nicht die gnadenlos präzise satirische Wucht von Costa-Gavras zweistündiger Version. Das kann einerseits daran liegen, dass uns die europäische Gesellschaft vertrauter als die koreanische Gesellschaft ist und wir deshalb auch subtile Anspielungen besser verstehen, andererseits kann es einfach daran liegen, dass Park sich fast 140 Minuten Zeit nimmt, um die Geschichte zu erzählen, sie gegen Ende etwas konfus wird und er bei Man-sus Morden immer wieder die Comedy-Elemente betont. So ist Man-sus erster Mord keine eiskalt geplante und schnell durchgeführte Tat, sondern eine ausartende Slapstick-Nummer.

Außerdem verfolgt Park die von Man-su erstellte Mordliste nicht so konsequent wie Costa-Gavras und vor allem Westlake, der immer eindeutig sagte, wen Devore jetzt umbringen will. Er studiert die Bewerbungen, plant die Morde sorgfältig (jedenfalls für einen Amateur) und dann folgt ein Mord nach dem anderen. Man-su geht immer etwas trotteliger und spontaner vor. 

Das sind allerdings alles nur graduelle Unterschiede, kleine Verschiebungen von Gewichten mal mehr in Richtung Noir, mal mehr in Richtung Kapitalismuskritik, mal mehr in Richtung Slapstick. Die Idee und der Plot der von Westlake ersonnenen Satire sind so stark, dass niemand sie in seiner Version grundlegend veränderte. Immer bleibt der Protagonist ein Serienmörder, dem wir die Daumen drücken. Auch wenn er bei der Wahl seines gut nachvollziebaren Ziels zu den falschen Mitteln greift und er mit seinen Taten das kapitalistische System, das ihn zum Mörder macht, festigt.

P. S.: Am 3. März 2026 läuft im Rahmen der Best-of-Cinema-Reihe Park Chan-wooks „Oldboy“ wieder im Kino.

No other Choice (Eojjeolsuga eobsda, Südkorea 2025)

Regie: Park Chan-wook

Drehbuch: Park Chan-wook, Lee Kyoung-mi, Don McKellar, Jahnye Lee

LV: Donald E. Westlake: The Ax, 1997 (Der Freisteller)

mit Lee Byung-hun, Son Yejin, Park Hee-soon, Lee Sung-min, Yeom Hye-ran, Cha Seung-won

Länge: 139 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

internationaler Titel: No other Choice

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „No other Choice“

Metacritic über „No other Choice“

Rotten Tomatoes über „No other Choice“

Wikipedia über „No other Choice“ (deutsch, englisch)

zu Park Chan-wook

Meine Besprechung von Park Chan-wooks “Stoker” (Stoker, USA 2012)

Meine Besprechung von Park Chan-wooks „Die Taschendiebin“ (The Handmaiden, Südkorea 2016)

Meine Besprechung von Park Chan-wooks „Die Frau im Nebel“ (Heojil Kyolshim, Decision to leave [internationaler Titel], Südkorea 2022)

zu Donald E. Westlake

Kriminalakte: Nachruf auf Donald E. Westlake

Kriminalakte: Covergalerie Donald E. Westlake

Meine Besprechung von Donald E. Westlakes Dortmunder-Roman „Get Real“

Meine Besprechung von Donald E. Westlakes Dortmunder-Roman „What’s so funny?“

Meine Besprechung von Donald E. Westlakes Dortmunder-Roman „Watch your back!“

Meine Besprechung von Donald E. Westlakes Dortmunder-Kurzroman „Die Geldmacher“ (Walking around money; erschienen in „Die hohe Kunst des Mordens“ [Transgressions])

Meine Besprechung von Donald E. Westlakes „Mafiatod“ (361, 1962)

Meine Vorstellung von Westlakes als Richard Stark geschriebener Parker-Serie (mit „Nobody runs forever“)

Meine Besprechung von Richard Starks Parker-Romans „Ask the Parrot“

Meine Doppelbesprechung von Richard Starks Parker-Romanen „Fragen Sie den Papagei“ (Ask the Parrot) und „Dirty Money“

Meine Besprechung des Films “The Stepfather”, nach einem Drehbuch von Donald E. Westlake

Meine Besprechung von Lax/Donald Westlakes „Hot Rock“ (Pierre qui roule, 2008, Comic)

Meine Besprechung von Taylor Hackfords Richard-Stark-Verfilmung „Parker“ (Parker, USA 2013)


Cover der Woche

Januar 13, 2026

Die Verfilmung „No Other Choice“ läuft am 5. Februar an.

Wer bis dahin den verdammt guten Noir lesen will, muss zum englischen Original greifen oder die Antiquariate durchstöbern. Denn eine Neuauflage der Übersetzung ist nicht geplant.


TV-Tipp für den 3. März: Grifters

März 2, 2025

Arte, 20.15

Grifters (The Grifters, USA 1990)

Regie: Stephen Frears

Drehbuch: Donald Westlake

LV: Jim Thompson: The Grifters, 1963 (Muttersöhnchen, Die Abzocker)

Roy Dillon schlägt sich als kleiner Trickbetrüger mehr schlecht als Recht durch. Als er an eine größere Menge Geld kommt, haben seine Freundin Mary und seine Mutter Lilly plötzlich Interesse an ihm; – besonders an dem Geld.

Der potentielle Klassiker basiert auf einem der besten und düstersten Bücher von Jim Thompson. Donald Westlake (aka u. a. Richard Stark) schrieb ein grandioses Drehbuch, und das gesamte Team (es wäre wirklich unfair, eine einzelne Person herauszuheben) gab ihr bestes. „The Grifters ist ein starkes Stück Kino, ein Krimi, der seinen Alptraum formvollendet präsentiert.“ (Fischer Film Almanach)

Mit Anjelica Huston, John Cusack, Annette Bening, Pat Hingle, Charles Napier, J. T. Walsh, Xander Berkeley, Stephen Tobolowsky, Jeremy Piven

Wiederholung: Donnerstag, 6. März, 14.00 Uhr

P. S.: Der Film ist FSK-16, aber Arte darf das.

Hinweise

Rotten Tomatoes über „The Grifters“

Wikipedia über „The Grifters“ (deutsch, englisch)

Drehbuch „The Grifters“ von Donald E. Westlake (Second Draft, März 1989)

zu Stephen Frears

Meine Besprechung von Stephen Frears „Lady Vegas“ (Lay the Favorite, USA/GB 2012)

Meine Besprechung von Stephen Frears “Philomena” (Philomena, GB 2013)

Meine Besprechung von Stephen Frears „The Program – Um jeden Preis“ (The Program, Großbritannien 2015)

Meine Besprechung von Stephen Frears „Florence Foster Jenkins“ (Florence Foster Jenkins, USA 2016)

Meine Besprechung von Stephen Frears‘ „Victoria & Abdul“ (Victoria & Abdul, Großbritannien 2017)

Meine Besprechung von Stephen Frears‘ „The Lost King“ (The Lost King, Großbritannien 2022)

zu Donald E. Westlake

Kriminalakte: Nachruf auf Donald E. Westlake

Kriminalakte: Covergalerie Donald E. Westlake

Meine Besprechung von Donald E. Westlakes Dortmunder-Roman „Get Real“

Meine Besprechung von Donald E. Westlakes Dortmunder-Roman „What’s so funny?“

Meine Besprechung von Donald E. Westlakes Dortmunder-Roman „Watch your back!“

Meine Besprechung von Donald E. Westlakes Dortmunder-Kurzroman „Die Geldmacher“ (Walking around money; erschienen in „Die hohe Kunst des Mordens“ [Transgressions])

Meine Besprechung von Donald E. Westlakes „Mafiatod“ (361, 1962)

Meine Vorstellung von Westlakes als Richard Stark geschriebener Parker-Serie (mit „Nobody runs forever“)

Meine Besprechung von Richard Starks Parker-Romans „Ask the Parrot“

Meine Doppelbesprechung von Richard Starks Parker-Romanen „Fragen Sie den Papagei“ (Ask the Parrot) und „Dirty Money“

Meine Besprechung des Films “The Stepfather”, nach einem Drehbuch von Donald E. Westlake

Meine Besprechung von Lax/Donald Westlakes „Hot Rock“ (Pierre qui roule, 2008, Comic)

Meine Besprechung von Taylor Hackfords Richard-Stark-Verfilmung „Parker“ (Parker, USA 2013)

zu Jim Thompson

Mordlust über Jim Thompson

Crimetime über Jim Thompson

Popsubculture über Jim Thompson

Meine Besprechung von Jim Thompsons „Jetzt und auf Erden“ (Now and on Earth, 1942)

Meine Besprechung von Michael Winterbottoms Jim-Thompson-Verfilmung „The Killer inside me“ (The Killer inside me, USA 2010)


Cover der Woche

August 27, 2024

Lesebefehl – und danach geht’s weiter mit den anderen Werken von Richard Stark und Donald E. Westlake. Danach kann man sich immer noch die Krimis vornehmen, die Westlake unter anderen Pseudonymen schrieb. Die sind alle verdammt gut.


Cover der Woche

Mai 7, 2024


Cover der Woche

November 28, 2023

Saukomisch. Leider nicht übersetzt.


Cover der Woche

Juni 21, 2022


Cover der Woche

April 26, 2022

Grandiose Krimikomödie. Leider nicht übersetzt.


Cover der Woche

Februar 2, 2021


Cover der Woche

April 21, 2020


Cover der Woche

März 19, 2019


Cover der Woche

November 20, 2018


Cover der Woche

November 14, 2018


Cover der Woche

September 4, 2018


Cover der Woche

August 28, 2018


Cover der Woche

August 7, 2018


Cover der Woche

Juli 3, 2018


Cover der Woche

Juni 12, 2018


Cover der Woche

Mai 8, 2018


Cover der Woche

April 24, 2018