Neu im Kino/Filmkritik: „Vijay & ich – Meine Frau geht fremd mit mir“ und das ist gar nicht witzig

September 9, 2013

Auf den ersten Blick wirkt die Geschichte von „Vijay & ich“ nicht besonders vielversprechend: nachdem man den Protagonisten für tot hält, geht er verkleidet zu seiner Beerdigung und bringt danach das Leben der Hinterbliebenen durcheinander. Gleichzeitig wird es für ihn immer schwieriger, die Charade aufzudecken.

Das ist uralter Verwechslungskomödienstoff.

Auf den zweiten Blick könnte „Vijay & ich“ durchaus ein sehenswerter Film sein. Denn Sam Garbarski inszenierte den Film nach seinem Drehbuch. Er drehte auch den märchenhaften Berlinale-Liebling „Irina Palm“ mit Marianne Faithfull als ältliche Hausfrau, die in einem Soho-Sex-Club das dringend benötigte Geld für eine lebensrettende Operation ihres Enkels erarbeitet, zum Star des Clubs wird und sich mit den Vorwürfen ihres Sohnes, der mit ihrer Arbeit durchaus nachvollziehbare Probleme hat, auseinandersetzten muss. Garbarski inszenierte damals sehr geschmackvoll Anzügliches und gewann der Geschichte von der Mutter, die für ihre Kinder über sich hinauswächst, einige neue Aspekte ab.

Warum also nicht auch jetzt?

Aber nach der hübsch atmosphärisch animierten Titelsequenz im Stil von Komödien aus den fünfziger und sechziger Jahren gelingt es dem Film dann nie, einen auch nur annähernd zeitgenössischen oder auch nur halbwegs originellen Zugriff auf die Geschichte zu entwickeln.

Moritz Bleibtreu spielt den deutschen Schauspieler Wilhelm ‚Will‘ Wilder, der in New York in einer Kinderfernsehsendung das „Grüne Pechkaninchen“ spielt. An seinem vierzigsten Geburtstag hofft er auf eine große Geburtstagsfeier. Aber niemand gratuliert ihm und beim Dreh wird er von den kryptischen Vorschlägen der Regie zu seinem Spiel weiter gedemütigt. Entnervt verlässt er den TV-Sender, bekommt daher nichts von der pompös geplanten Überraschungsgeburtstagsfeier mit, und an einer Tankstelle wird ihm sein Auto geklaut. Wilder hat das Leben gründlich satt und als er bei seinem Freund Rad (Danny Pudi) übernachtet, erfährt er aus den Nachrichten, dass der Autodieb in seinem Auto tödlich verunglückte und bis zur Unkenntlichkeit verbrannte.

Wilder will sich nun an all denen, die ihm nicht zum Geburtstag gratulierten, rächen. Er klärt den Irrtum nicht auf, sondern verkleidet sich als Vijay Singh, einem angeblichen Freund von Wilder, und geht zu Wilders Beerdigung. Daraus entwickelt sich eine Beziehung zu seiner Frau Julia (Patricia Arquette), die sich natürlich sofort in den geheimnisvollen Inder verliebt.

Dieser hoffnungslos veraltete und klischeetriefende Komödienstoff – Garbarski hat wahrscheinlich kein verzopftes Indien-Klischee ausgelassen – könnte unterhaltsam sein, wenn er die Klischees wenigstens ironisch brechen oder ihnen irgendetwas neues hinzu fügen würde. Aber er tut es nicht. Auch Situationskomik gibt es höchstens in homöopathischen Dosen.

Vijay und ich“ sieht wie ein Heinz-Erhardt-Film aus den fünfziger Jahren aus. Aber während man diese Filme und ihre Klischees, Vorurteile, Unwahrscheinlichkeiten und schlecht verkleideten Schauspieler inzwischen durch die nostalgische Brille betrachten kann, trifft das auf „Vijay & ich“ nicht zu. Garbarskis Films ist banal-biederes, witzloses Retrokino, dessen Zeit vor einem guten halben Jahrhundert war.

Vijay und ich - Plakat

Vijay & ich – Meine Frau geht fremd mit mir (Vijay and I, Deutschland/Belgien/Luxemburg 2012)

Regie: Sam Garbarski

Drehbuch: Philippe Blasband, Matthew Robbins, Sam Garbarski (nach einer Idee von Sam Garbaski)

mit Moritz Bleibtreu, Patricia Arquette, Danny Pudi, Catherine Missal, Michael Imperioli, Jeannie Berlin, Moni Moshonov, Hanna Schygulla, Michael Gwisdek

Länge: 96 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Film-Zeit über „Vijay und ich“

Moviepilot über „Vijay und ich“

Rotten Tomatoes über „Vijay und ich“ (derzeit leer)


TV-Tipp für den 30. August: Lili Marleen

August 30, 2013

3sat, 22.35

Lili Marleen (D 1980, R.: Rainer Werner Fassbinder)

Drehbuch: Manfred Purzer, Rainer Werner Fassbinder, Joshua Sinclair (Mitarbeit)

LV: Lale Andersen: Der Himmel hat viele Farben

Fassbinders Version von Lale Andersens Leben. Gedreht im UFA-Look, aber mit genug Haken und Ösen, um jede blinde Identifikation zu verhindern.

Mit Hanna Schygulla, Giancarlo Giannini, Mel Ferrer, Karl-Heinz von Hassel, Christine Kaufmann, Hark Bohm, Karin Baal, Udo Kier, Erik Schumann, Gottfried John, Elisabeth Volkmann, Barbara Valentin, Adrian Hoven, Willy Harlander, Franz Buchrieser, Rainer Werner Fassbinder, Brigitte Mira, Irm Hermann, Harry Baer, Milan Boor, Volker Spengler

Hinweise

Rainer-Werner-Fassbinder-Foundation

Wikipedia über Rainer Werner Fassbinder (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 11. März: Delta Force

März 11, 2013

Ein leicht verspätetes Geburtstagsgeschenk

Kabel 1, 22.40

Delta Force (USA 1986, R.: Menahem Golan)

Drehbuch: James Bruner, Menahem Golan

Musik: Alan Silvestri

Terroristen entführen ein US-Passagierflugzeug. Die Delta Force rückt aus, um den Entführern Manieren beizubringen.

Obwohl „Delta Force“ auf der Entführung des TWA Flug 847 am 14. Juni 1985 basiert, ist Menahem Golans Werk „ein weiteres Monument der Ramb-Ideologie“ (Fischer Film Almanach 1987) und wäre nicht besonders bemerkenswert, wenn die Produzenten Menahem Golan und Yoram Globus, die Cannon-Chefs, die damals als B-Actionfilmschmiede das Bild das Actionkinos bestimmte („Missing in Action“, „Invasion U. S. A.“, „Die City-Cobra“ und viele mehr), nicht so viele Stars für ihren Film verpflichtet hätten. Der Film selbst zerfällt in zwei Hälften: in der ersten wird ziemlich realistisch die Entführung und die Reaktionen der Passagiere gezeigt; in der zweiten entwickelt sich eine abstruse Befreiungsorgie, die komplett auf jegliche Logik verzichtet. Immerhin lernen wir die Chuck-Norris-Methode des effizienten Umbringen des Bösewichts kennen.

Der Rest sind Hurra-Patriotismus für die USA (typisch für Golan/Globus-Filme) und Israel (sehr untypisch), arabische Klischee-Bösewichter und viel Action.

Der Film war bis Juli 2011 indiziert. Nachdem er vom Index genommen und neu geprüft wurde, erhielt er eine „FSK ab 16 Jahre“-Freigabe.

„Delta Force“ ist auch der letzte Film von Lee Marvin.

mit Chuck Norris, Lee Marvin, Martin Balsam, Joey Bishop, Hanna Schygulla, Robert Foster, Lainie Kazan, George Kennedy, Susan Strasberg, Bo Svenson, Robert Vaughn, Shelley Winters, Kim Delaney, Liam Neeson (ungenannt, als Delta-Force-Mitglied)

Wiederholung: Dienstag, 12. März, 23.55 Uhr

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Delta Force“

Wikipedia über „Delta Force“ (deutsch, englisch)

Film Monthly über “Delta Force” (28. Juni 2012)