Neu im Kino/Filmkritik: Über Kelly Reichardts „First Cow“

November 19, 2021

Auf Mubi gibt es Kelly Reichardts neuen Film schon seit Juli und so wirklich ist „First Cow“ für die riesengroße Leinwand nicht gemacht. Aber im kleinen Saal des Kinos kann ich mir diesen sehr intimen im 4:3-Format gedrehten Anti-Western sehr gut vorstellen.

Es beginnt in der Gegenwart, als eine junge Frau im Wald zwei nebeneinander liegende Skelette entdeckt. Dann springt Reichardt ungefähr zweihundert Jahre zurück und sie erzählt uns, wer dort liegt und wie es zum Tod dieser beiden Männer gekommen ist.

Otis ‚cookie‘ Figowitz, ein zurückhaltender Einzelgänger und Koch, reist um 1820 mit einer Gruppe primitiver Pelztierjäger durch das Oregon-Territorium. Im Wald trifft er King-Lu. Er ist auf der Flucht vor einer Gruppe Russen, die ihn umbringen wollen, weil er einen von ihnen getötet hat.

Cookie hilft ihm. Sie befreunden sich, trennen sich und treffen sich in einem Dorf wieder, das nur eine Ansammlung von Bretterbuden im Matsch ist.

Cookie zieht bei King-Lu ein. Und nachdem er für King-Lu köstlich schmeckende Kekse backt, schlägt King-Lu ihm vor, dass er mehr davon backen solle. Sie könnten sie verkaufen. Damit die Kekse richtig gut werden, benötigt Cookie Milch.

Diese Milch gibt es nur von einer Kuh und es gibt sogar in der Nähe eine Kuh. Sie ist, wie ihr Besitzer Chief Factor, ein großspuriger und machtbewusster Großgrundbesitzer, stolz verkündete, die erste Kuh in diesem Gebiet. Einige behaupten, er habe die Kuh nur deshalb hierher bringen gelassen, um Milch für seinen Tee zu haben.

Mitten in der Nacht schleichen Cookie und King-Lu auf sein Grundstück zur Kuh. Cookie melkt sie liebevoll. Mit dieser Milch backt er anschließend Kekse, die ihnen förmlich aus der Hand gerissen werden. Sie erinnern die Männer im Dorf an ihre alte Heimat und Kindheit. Die Bilder von den verzückt in die Kamera blickenden unrasierten und ungewaschenen Siedlern und Jägern gehören zu den schönsten Aufnahmen des Films.

Das Geschäft von Cookie und King-Lu floriert. Jedenfalls solange Chief Factor nicht erfährt, dass die beiden seine Kuh ungefragt melken.

Selbstverständlich erfährt er irgendwann von diesem Diebstahl und, ebenso selbstverständlich, ist der reichste Mann der Gegend darüber sehr verärgert. Damit skizziert „First Cow“, was in einem Western nicht ungewöhnlich ist, den Kapitalismus und übt auch Kapitalismuskritik. Immerhin sind die beiden kleinen Unternehmer grundsympathische Männer, die einfach über die Runden kommen wollen. Ihnen fehlt der Eroberungsinstinkt von Chief Factor oder das unziviliserte Benehmen der Männer, mit denen Cookie und King-Lu in das Oregon-Territorium reisten.

Diese sehr feinfühlig geschilderte Freundschaft zwischen Cookie und King-Lu steht im Mittelpunkt von Kelly Reichardts neuem Film. Sie sind zwei gegensätzliche Männer, die sehr schnell ein fast stummes gegenseitiges Verständnis füreinander entwickeln, sich vertrauen und gegenseitig helfen.

Erzählerisch und optisch ist „First Cow“ die Antithese zum klassischen Hollywoodwestern. Es gibt keine Breitbild-Landschaftsaufnahmen und keinen breitbeinig vorgetragenen Pioniermythos. Der Boden im Dorf ist matschig. Die Häuser sind Bretterbuden. Pferde gibt es nicht. Stattdessen bewegt man sich zu Fuß oder im Kanu fort. .

Und die Native Americans beobachten das Treiben der Weißen eher distanziert. Genau wie Kelly Reichardt. Genau dieser ruhige, voller Sympathie beobachtende Blick, der den Schauspielern Zeit gibt, ihre Figuren zu präsentieren, macht die Faszination von „First Cow“ aus.

First Cow (First Cow, USA 2019)

Regie: Kelly Reichardt

Drehbuch: Kelly Reichardt, Jon Raymond (aka Jonathan Raymond)

LV: Jonathan Raymond: The Half-Life: A Novel, 2004 (inspiriert von)

mit John Magaro, Orion Lee, Toby Jones, Ewen Bremner, Rene Auberjonois, Scott Shepherd, Gary Farmer, Lily Gladstone, Dylan Smith

Länge: 122 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „First Cow“

Metacritic über „First Cow“

Rotten Tomatoes über „First Cow“

Wikipedia über „First Cow“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Kelly Reichardts “Night Moves” (Night Moves, USA 2013 – mit zahlreichen O-Tönen von Kelly Reichardt und den Schauspielern)

Meine Besprechung von Kelly Reichardts „Night Moves“ (Night Moves, USA 2013 – zur DVD-Veröffentlichung)

Meine Besprechung von Kelly Reichardts „Certain Women“ (Certain Women, USA 2016)


Neu im Kino/Filmkritik: Kelly Reichardt erzählt über „Certain Women“

März 3, 2017

Es passiert, abgesehen von einer Geiselnahme, nichts wirklich dramatisches in „Certain Women“, dem neuesten Film von Kelly Reichardt. Zuletzt inszenierte sie den Anti-Western „Meek’s Cutoff“ und den Anti-Thriller „Night Moves“. Und wer diese und ihre vorherigen Filme kennt, weiß, dass die Geiselnahme in „Certain Women“ keine der hyperenergetischen, schnell geschnittenen Geiselnahmen ist, die wir aus zahllosen Thrillern kennen.

Die Independent-Regisseurin erzählt in ihrem neuesten Film drei in sich abgeschlossenen Geschichten von vier Frauen, die in und um Livingston in Montana leben. Die Anwältin Laura (Laura Dern) versucht seit Monaten ihren Mandanten Fuller (Jared Harris) zu überzeugen, dass seine Arbeitsrechtklage erfolglos sein wird. Als er in seiner Verzweiflung in einem Bürogebäude eine Geisel nimmt, soll sie ihn zur Aufgabe bewegen. Kelly Reichardt inszeniert diese Geiselnahme, wie den gesamten Film, konsequent entschleunigt und betont undramatisch. So als sei auch eine Geiselnahme Alltag und das Gespräch mit dem bewaffnetem Geiselnehmer nur ein weiteres Mandantengespräch.

Noch alltäglicher sind die beiden anderen Geschichten des Films. In der zweiten Geschichte wollen Gina (Michelle Williams) und ihr Mann Ryan (James Le Gros) für den Bau eines Hauses Natursteine von ihrem allein lebenden, zunehmend dement werdenden Nachbarn Albert (Rene Auberjonois) haben. Für ihn sind sie mit Erinnerungen verbunden. Für Gina sind sie ein schönes Deko-Element des geplanten Hauses, das sich in die malerische Landschaft einfügen soll.

In der dritten Geschichte setzt sich die Pferdepflegerin Jamie (Lily Gladstone) in einen Fortbildungskurs für Lehrer. Beth (Kristen Stewart) leitet den Kurs. Sie hat gerade ihr Jurastudium beendet. Für den Kurs muss sie an zwei Abenden in der Woche vom vier Stunden entfernten Livingston herkommen. Nach dem Kurs reden Beth (mehr) und Jamie (weniger) in einem Diner über ihr Leben und ihre Zukunft.

Als Beth eines Tages nicht mehr zum Kurs erscheint, weil ihr die Fahrt zu lang ist, macht sich die in sie verliebte Jamie sich auf den Weg nach Livingston.

Als Vorlage für diese Geschichten dienten Kelly Reichardt die in dem Sammelband „Both ways ist he only way I want it“ enthaltenen Kurzgeschichten „Travis B.“, „Native Sandstone“ und „Tome“ der hochgelobten Autorin Maile Meloy. Kelly Reichardt behält in ihrem Film das skizzenhafte der Kurzgeschichten bei. Es sind kleine Episoden aus dem Leben der Frauen, in denen wir viel über sie erfahren, aber auch vieles noch nicht einmal angesprochen wird. Dafür beobachtet Kelly Reichardt ausdauernd Laura, Gina, Jamie und Beth in alltäglichen Situationen und das ist überhaupt nicht langweilig. Denn es sind vier sehr verschiedene Frauen.

Ihr Episodendrama verlangt allerdings, wie immer bei Kelly Reichardt, einen geduldigen Zuschauer, der sich auf den langsamen Erzählrhythmus einlässt und der nicht nach der üblichen Hollywood-Dramaturgie und Konfliktlösung giert. Auch ihre Charaktere passen nicht in die gängigen Hollywood-Klischees. Dafür ähneln sie zu sehr ganz normalen Menschen mit ganz normalen Problemen.

Certain Women“ ist wie das Leben: weitgehend undramatisch in den bekannten Bahnen, in denen Veränderungen langsam geschehen, aber nicht unspannend. Das liegt auch daran, dass in jeder Episode große Themen und Fragen auf eine leise, intime Art angesprochen werden.

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Certain Women (Certain Women, USA 2016)

Regie: Kelly Reichardt

Drehbuch: Kelly Reichardt

LV: Maile Meloy: Both ways is the only way I want it: Stories, 2009

mit Laura Dern, Kristen Stewart, Michelle Williams, Lily Gladstone, James Le Gros, Jared Harris, Rene Auberjonois, John Getz

Länge: 107 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Certain Women“

Metacritic über „Certain Women“

Rotten Tomatoes über „Certain Women“

Wikipedia über „Certain Women“

Meine Besprechung von Kelly Reichardts “Night Moves” (Night Moves, USA 2013 – mit zahlreichen O-Tönen von Kelly Reichardt und den Schauspielern)

Meine Besprechung von Kelly Reichardts „Night Moves“ (Night Moves, USA 2013 – zur DVD-Veröffentlichung)

Beim NYFF reden Kelly Reichardt, Kristen Stewart, Laura Dern und Lily Gladstone über den Film

Kelly Reichardt redet über ihren Film


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