Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: „Emil und die Detektive“ in Berlin

September 24, 2026

Die Geschichte kennen wir. In der aktuellen Version geht sie so: Im Zug nach Berlin betäubt Max Grundeis den jungen, allein reisenden Emil Tischbein und klaut ihm die über 1000 Euro, die er dabei hat. Emil hat das Geld von seiner Mutter, einer, wie im Roman, alleinerziehenden, selbstständigen Friseuse, bekommen. Er soll es in der Hauptstadt seiner zunehmend hilfsbedürftigen Großmutter geben.

In Berlin angekommen verfolgt Emil den Dieb. Aber wie soll er ihn allein durch die große Stadt verfolgen und überführen können? Weil Emil sich vor einigen Tagen in seinem Heimatdorf an einem Streich, der schiefging, beteiligte, hat er Angst vor der Polizei.

Aber schon kurz nach seiner Ankunft in Berlin im Hauptbahnhof trifft er auf einige andere Kinder, die ihm spontan helfen. Beispielsweise gegen Fahrkartenkontrolleure.

Erich Kästners 1929 erschienener „Roman für Kinder“ war vor fast hundert Jahren ein sofortiger Bestseller. Heute ist der zeitlose Roman immer noch beliebt und, wie eine wiederholte Lektüre zum Filmstart zeigte, immer noch spannend und gut zu lesen. Außerdem kenne ich jetzt die Orte, die Emil in dem Roman besucht. Seit seinem Erscheinen wurde das Kinderbuch mehrfach verfilmt. Legendär und heute wohl ziemlich unbekannt sind die ersten beiden deutschen Verfilmungen. 1931 verfilmte Gerhard Lamprecht nach einem Drehbuch von Billy Wilder das Buch. Fritz Rasp spielte damals den Dieb. 1954 verfilmte Robert A. Stemmle nach seinem Drehbuch die Geschichte.

Jetzt verfilmte David Dietl nach einem Drehbuch von Antonia Scheurlen Emils Abenteuer. Beherzt verlegten sie die Geschichte in die Gegenwart. Und das funktioniert bemerkenswert gut. Der Grundplot – die Jagd von Emil und seinen neu gewonnenen Freunden nach dem Dieb quer durch Berlin – ist unkaputtbar. Die Neuerungen – einige andere Handlungsorte in der Berliner Innenstadt, einige neue Kinder, die benutzte Technik bei der Verbrecherjagd und, gegen Filmende, Grundeis‘ geplanter großer Betrug gegenüber naiven Kleinanlegern – sind gelungen. 2026 sind die Detektive weiblicher und diverser als 1929. Da waren sie ein fast reiner Jungenclub. Das Berlin-Porträt, das, zugegeben an die poppigen BVG-Werbekampagnen erinnert, gefällt. Da wird ganz Berlin zu einem Dorf, durch das Emil und seine neuen Freunde sich lässig bewegen, überall jemand kennen oder schnell kennen lernen und sich gegenseitig helfen. Es geht nichts über die Solidarität der Kinder, die in ihrem Abenteuerspielplatz einen Verbrecher jagen.

„Emil und die Detektive“ ist ein schöner Kinderkrimi für Kinder bis 12. Das gilt für Kästners Roman und Dietls Verfilmung.

Und bei einigen Kindern könnte die Begegnung mit Emil zu einer lebenslangen Leidenschaft für Kriminalgeschichten werden.

Emil und die Detektive (Deutschland 2026)

Regie: David Dietl

Drehbuch: Antonia Scheurlen

LV: Erich Kästner: Emil und die Detektive, 1929

mit Nicholas Jonah Peter, Merlin Sandmeyer, Luise Heyer, Lara Toni Lüdders, Kilian Kasa, Bela Louis Plass, Ai Vy Bui, Camille Moltzen, Ursula Werner

Länge: 100 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

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Die Vorlage

(in der schicken Filmausgabe mit 32 Bildern aus dem Film auf 16 Seiten und, selbstverständlich, den Zeichnungen von Walter Trier)

Erich Kästner: Emil und die Detektive

Atrium Verlag, 2026

176 Seiten

12 Euro

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Erstausgabe

Williams & Co, Berlin-Grunewald, 1929

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Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Emil und die Detektive“

Moviepilot über „Emil und die Detektive“

Wikipedia über „Emil und die Detektive“ (Buch: deutsch, englisch)

Meine Besprechung von David Dietls „GG 19″ (Deutschland 2007) (Omnibusfilm; von Dietl ist nur ein Kurzfilm)

Meine Besprechung von Erich Kästners „Die verschwundene Miniatur“ (1935/2009)

Meine Besprechung von Dominik Grafs Erich-Kästner-Verfilmung „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“ (Deutschland 2021) (überzeugend mit Tom Schilling als Fabian)

Meine Besprechung von Carolina Hellsgårds Erich-Kästner-Verfilmung „Das fliegende Klassenzimmer“ (Deutschland 2023)


Neu im Kino/Filmkritik: Erst ein Schuh, jetzt „Das Kanu des Manitu“

August 14, 2025

Dieses Mal müssen Abahachi, der edle Häuptling der Apachen (Michael Bully Herbig), und sein Blutsbruder Ranger (Christian Tramitz) das Kanu des Manitu finden. Einige Banditen und ein Ölbaron wollen es ebenfalls haben. Weil „Das Kanu des Manitu“ eine Komödie von Michael Bully Herbig ist, die gedanklich in der Tradition der „Bullyparade“ (1997 – 2002) und der daraus entstandenen, überaus erfolgreichen und ziemlich klamaukigen Komödie „Der Schuh des Manitu“ (2001) steht, ist diese Filmgeschichte nur der Aufhänger für allerei Albernheiten, Blödeleien und Sketche. Der gemeinsame Nenner dieser Parodie sind dabei die erfolgreichen Karl-May-Western aus den sechziger Jahren. Ob heutige Jugendliche diese Filme noch so gut kennen wie die Jugendlichen der achtziger und neunziger Jahren, die diese Western regelmäßig im TV sehen konnten, werden die kommenden Tage zeigen.

Unabhängig von dem möglichen Kassenerfolg – „Der Schuh des Manitu“ ist mit knapp 12 Millionen Kinobesucher in Deutschland die erfolgreichste deutsche Komödie; Herbigs Nachfolgefilm „(T)Raumschiff Surprise – Periode 1“ (2004) folgt mit über 9 Millionen Besuchern auf dem zweiten Platz, „Bullyparade – Der Film“ (2017) konnte mit knapp 1,9 Millionen Besuchern nicht an die vorherigen Erfolge anknüpfen – stellt sich natürlich die Frage, ob der Film nötig ist. Schließlich sind Michael Herbig, Christian Tramitz, Rick Kavanian und die anderen Mitwirkenden, die schon beim ersten Film dabei waren, an anderen Punkten in ihrer Karriere.

Jetzt kehren sie also zu den Anfängen ihrer Karriere und ihrem erfolgreichsten Werk zurück. Damit die Angelegenheit mehr als ein Aufwärmen altbekannter Gags für die Fans, eine Art Klassentreffen des damaligen Teams (und einiger Neuzugänge, von denen vor allem ein „Komparse“ im Gedächtnis bleibt) und eine Spekulation auf einen positiven Effekt auf das eigene Bankkonto ist, sollte es natürlich einen künstlerischen Grund geben, um sich wieder in die Welt von Winnetou, Karl May und den erfolgreichen Verfilmungen in den sechziger Jahren zu begeben.

Denn schon 2001 demontierte, parodierte und verschwulte Herbig die Karl-May-Western so sehr, dass danach alles dazu gesagt war. Entsprechend unnötig ist „Das Kanu des Manitu“.

Gelungen ist die Komödie so halbwegs. Sie ist technisch überzeugend, liebevoll ausgestattet und mit vielen Nebenbei-Gags. Sowieso ist die Gagdichte ziemlich hoch. Die Qualität ist durchwachsen und etliche der guten Gags werden bereits im Trailer präsentiert.

Die Aktualisierungen beziehen sich auf das gefahrlose Gebiet des Umgangs mit dem Wort „Indianer“ und einer durchaus berührenden Szene am Filmende. In ihr nehmen echte Apachen und Natives weiterer Stämme Abahachi/Herbig in ihren Kreis auf und bezeichnen ihn als einen der ihren, weil es nicht auf das Blut, sondern die inneren Werte ankomme.

In dem Moment sagt Bully Herbig auch, mit dem sprichwörtlichen Zaunpfahl, etwas über echte und falsche kulturelle Aneignung. Dass damals „Der Schuh des Manitu“ und heute „Das Kanu des Manitu“ keine Auseinandersetzung mit dem echten Wilden Westen ist, wusste schon damals jeder, der nicht vollkommen verblödet ist. Sie sind eine liebevolle Parodie der fantastischen Karl-May-Western, die unzählige Jugendliche durch die Kindheit und Jugend begleiteten.

Deshalb gibt es auch keine weiteren Aktualisierungen oder neue Themen für die Witze. Der Rassismus der aus Europa kommenden weißen Siedler, deren Glaube, ungezügelter Kapitalismus und die damit verbundene rücksichtslos betriebene Eroberung des Wilden Westens wären dankbare Objekte für neue Witze gewesen. Solche Gags würden das sichere Gebiet der Karl-May-Westernfilmparodie verlassen und sich mehr mit dem echten Wilden Westen und der Gegenwart beschäftigen. Das wollten die Macher nicht. Sie wollten einfach ihr altes Programm wieder präsentieren, etwas entstaubt und garniert mit zu vielen von Stefan Raab komponierten Songs und damit verbundenen Gesangseinlagen.

„Das Kanu des Manitu“ ist ein unnötiger Film mit Albernheiten, Klamauk und kindgerechtem Humor (beispielsweise wenn sie in einer Höhle das Kanu des Manitu suchen und finden), der in der Welt dreißig Jahre alter Sketche lebt.

Das Kanu des Manitu (Deutschland 2025)

Regie: Michael Bully Herbig

Drehbuch: Michael Bully Herbig, Christian Tramitz, Rick Kavanian

mit Michael Bully Herbig, Christian Tramitz, Rick Kavanian, Jasmin Schwiers, Jessica Schwarz, Friedrich Mücke, Daniel Zillmann, Tobias van Dieken, Pit Bukowski, Akeem van Flodrop, Tutty Tran, Merlin Sandmeyer, Waldemar Kobus, Jan van Weyde, Sky du Mont

Länge: 88 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

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Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Das Kanu des Manitu“

Moviepilot über „Das Kanu des Manitu“

Wikipedia über „Das Kanu des Manitu“

Meine Besprechung von Michael Bully Herbigs „Ballon“ (Deutschland 2018)

Meine Besprechung von Michael Bully Herbigs „Tausend Zeilen“ (Deutschland 2022)