Neu im Kino/Filmkritik: Über die Heldendemontage „The Death of Robin Hood“

Juni 18, 2026

Robin Hood kennen wir vor allem als jungen Mann, wenn er die allseits bekannten Abenteuer mit seinen allseits bekannten Freunden erlebt und den bösen Sheriff von Nottingham besiegt. Was danach geschah, wird dagegen seltener erzählt. Richard Lester tat es 1975 in „Robin und Marian“ mit Sean Connery und Audrey Hepburn als bittersüßes Melodrama. Außerdem kann ein Film mit Sean Connery nicht ganz schlecht sein.

Michael Sarnoski wählt einen anderen Ansatzpunkt in seinem „The Death of Robin Hood“. Bekannt ist er für das düstere, langsam erzählte Rachedrama „Pig“, ein Anti-“John Wick“-Thriller mit Nicolas Cage in der Hauptrolle, und „A quiet Place: Tag Eins“, seinem gelungenem Eintrag in das SF-Franchise. Gerade den Fans von „Pig“ sollte „The Death of Robin Hood“ gefallen.

1247 ist Robin Hood (Hugh Jackman, zuletzt die Leiche in „Glennkill“) ein alter Mann. Eine Legende, die irgendwo in den Bergen leben soll. Als Little John ihn um Hilfe bittet, muss er wieder in den Kampf ziehen. Sarnoski inszeniert diesen Rachefeldzug bildgewaltig als blutiges Gemetzel à la „The Northman“. Es sind hochästhetische Bilder, die in ihrer Brutalität verstören sollen.

Nach ungefähr vierzig Minuten gibt es einen Bruch. Im Breitbildformat 1:2,39 wird Robin Hood schwer verletzt. Mehr tot als lebendig wacht er in einem auf einer Insel liegendem Kloster auf. Ab diesem Moment erzählt Sarnoski die Geschichte im deutlich schmaleren 1:1,66-Format weiter.

Mit dem Wechsel des Bildformats beginnt ein neuer Film, in dem es nur noch um die Genesung von Robin Hood geht. Zuerst körperlich, dann auch geistig. Sarnoski erzählt dies enervierend ruhig. Schon bei seiner ersten Begegnung mit Schwester Brigid (Jodie Comer) ist der weitere Verlauf der Geschichte absehbar.

Den Mythos Robin Hood und Robin Hood hat Sarnoski bereits in den ersten Filmminuten demontiert. Zuerst erzählt Hood, ein alter, zotteliger in den Bergen lebender Einsiedler, einem durch die Einöde irrendem Mädchen, dass die Heldengeschichten über Robin Hood Lügen seien. Anschließend tötet er mit einem traurigem Blick das Kind, weil es ihn töten wollte. Sarnoski braucht keine fünf Minuten für diese Heldendemontage. Sein Robin Hood ist kein strahlender Held, sondern ein von seinen Taten verfolgter Mann, der Erlösung sucht – und müde weitermordet bis zu seinem schon im Filmtitel angekündigtem Tod.

Das ist dann etwas wenig Story und thematische Variation für einen über zweistündigen Film, der kontemplativ ähnliche Szenen aneinanderreiht.

The Death of Robin Hood (The Death of Robin Hood, USA 2026)

Regie: Michael Sarnoski

Drehbuch: Michael Sarnoski

mit Hugh Jackman, Jodie Comer, Bill Skarsgård, Murray Bartlett, Fatih Delaney, Noah Jupe

Länge: 122 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „The Death of Robin Hood“

Metacritic über „The Death of Robin Hood“

Rotten Tomatoes über „The Death of Robin Hood“

Wikipedia über „The Death of Robin Hood“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Michael Sarnoskis „A quiet Place: Tag Eins“ (A quiet Place: Day One, USA 2024)

 

 


Neu im Kino/Filmkritik: „A quiet Place: Tag Eins“ in New York, der Stadt, die niemals schläft und die niemals still ist

Juni 27, 2024

2018 war John Krasinskis Science-Fiction-Film „A quiet Place“ ein Überraschungserfolg. Er erzählte von einer Familie, die nördlich von New York auf einer einsam gelegenen Farm lebt. Seit über einem Jahr schweigen sie, weil Alien-Monster die Erde angegriffen haben und sich auf alles stürzen, was Geräusche verursacht.

Diese Idee ist faszinierend und gut für etliche Suspense-Szenen. Aber sie ist auch, wenn man darüber nachdenkt, vollkommen idiotisch.

Nachdem der Film mit einem Budget von 17 Millionen US-Dollar über 340 Millionen US-Dollar einspielte, war eine Fortsetzung unvermeidlich. Die kam 2020 bzw. 2021 – wegen der Coronavirus-Pandemie verschob sich der geplante Starttermin – und sie spielte gut 300 Millionen US-Dollar ein. In dem Science-Fiction-Film gibt es eine Rückblende auf den ersten Tag der Alien-Invation in der Kleinstadt Millbrook. Gleichzeitig und hauptsächlich erzählt Krasinski die Geschichte des ersten Films weiter. Für nächstes Jahr ist der dritte und (bis jetzt) abschließende Teil angekündigt.

Dazwischen läuft jetzt „A quiet Place: Tag Eins“ an. In ihm erzählt „Pig“-Regisseur Michael Sarnoski, der auch das Drehbuch schrieb, eine Geschichte vom Anfang der Alien-Invasion.

Die konstant schlechtgelaunte Dichterin Samira (Lupita Nyong’o) hat Krebs im Endstadium. Einen Partner oder eine Familie scheint sie nicht zu haben. Jedenfalls spielen sie in dem Film keine Rolle. An einem sonnigen Tag macht sie zusammen mit anderen, ebenfalls in dem Hospiz lebenden Krebspatienten einen Ausflug nach Manhattan. In Chinatown besuchen sie in einem Theater die Nachmittagsvorstellung eines Puppenspielers. Danach wollen sie noch Pizza essen gehen. Dieses Vorhaben wird von dem Angriff der Aliens sabotiert. Die Wesen stürzen sich auf alles, was Geräusche verursacht und schwuppdiwupp ist New York eine fast menschenleere Stadt. Die letzten Überlebenden sollen zum Hafen gehen und von dort mit einem Schiff evakuiert werden. Anscheinend sind die Monster extrem wasserscheu.

Mit ihrer Katze Frodo geht Samira in die andere Richtung. Sie will nach Harlem und in ihrer Stammpizzeria noch einmal Pizza essen. Auf ihrem Weg trifft sie einige Menschen, wie Henri (Djimon Hounsou, der auch in „A quiet Place 2“ dabei ist). Der aus Großbritannien kommende Jura-Studenten Eric (Joseph Quinn) wird dabei ihr treuester Begleiter. Nachdem er aus einer überfluteten Subwaystation auftaucht und keine Ahnung hat, was passiert ist und wie er sich verhalten soll, ist Samira die erste Person, die er trifft. Er folgt ihr wie ein streunender Hund, der endlich eine Person gefunden hat, der er vertrauen kann.

A quiet Place: Tag Eins“ ist ein zwiespältiger Film. Die Prämisse – Monster stürzen sich auf alles, was Geräusche verursacht – ist inzwischen etabliert. Jetzt können in dieser Welt weitere Geschichten erzählt werden. Mal stehen diese, mal jene Menschen im Mittelpunkt der Geschichte. Einige Figuren überleben, andere nicht. Und das kann auch auf die Hauptfigur zutreffen. Sie wird ja nicht unbedingt für den nächsten Film gebraucht. Die Geschichte kann hier oder da spielen. Schließlich wurde die gesamte Welt angegriffen und so können überall „A quiet Place“-Geschichten spielen. Und die Geschichten können zu jedem Zeitpunkt nach der Invasion spielen. Dieses Konzept kann zu langlebigen Reihen führen.

Comicfans erinnern sich vielleicht an Garth Ennis‘ „Crossed“. Ennis schrieb eine Geschichte über eine Gruppe Menschen in einer Welt nach einer Zombieapokalypse. Danach erzählten andere Autoren weitere, in dieser Welt spielende, großartige Geschichten. Ennis einzige Bedingung war, dass die von ihm erfundenen menschlichen Figuren nicht wieder auftauchten.

Ähnlich ist es in dem von James DeMonaco erfundenem „The Purge“-Franchise. Nachdem die Prämisse etabliert war – in einer Nacht sind alle Straftaten erlaubt -, erzählten die Macher Geschichte aus verschiedenen „Purge“-Nächten. Dabei sparten sie nie mit ätzender Zeitkritik. In jedem „The Purge“-Film wurden andere Aspekte aus dieser Welt angesprochen und die Geschichte der Purge entwickelte sich weiter.

Dagegen ist „Tag Eins“, obwohl es sich erst um den dritten Film im „A quiet Place“-Franchise handelt, schon erstaunlich repetitiv. Gezeigt wird weniger eine Fortentwicklung dieser sehr, sehr leisen Welt, sondern eine Wiederholung des Bekannten und des damit verbundenen immergleichen Spannungsaufbaus. Zuerst ist alles still. Dann gibt es ein Geräusch. Die Monster tauchen auf. Die Menschen flüchten. Meistens sterben sie, seltener können sie entkommen.

In „Tag Eins“ erzählt Michael Sarnoski mit einer anderen Hauptfigur und an einem anderen Ort einfach noch einmal die bekannte Geschichte. Das ist in den zahlreichen Suspense-Szenen spannend. Der Handlungsort, das menschenleere New York, sieht gruselig aus. Die Hauptstory – Samira will eine Pizza – wird ohne Abschweifungen erzählt. Dass sie auf ihrem Weg zur Pizzeria einigen Menschen hilft, stört nicht weiter.

Gleichzeitig werden die Schwächen des Konzepts immer offensichtlicher. Es gibt keinen Spielraum für Variationen, weil es nur um die Spannung geht, wann es ein Geräush gibt, das zu einem Alienangriff führt. Also verstößt man immer wieder nonchalant gegen die aufgestellten Regeln. So reagieren die Monster mehrmals auf leisere Geräusche, die im Lärm unhörbar sind oder sie reagieren auf laute Geräusche nicht, aber Sekunden später auf ein viel leiseres Geräusch. Mal haben sie panische Angst vor Wasser, mal nicht. Die Monster sind hier nur noch die immer wieder plötzlich zuschlagende Bedrohung. Mehr erfahren wir nicht über sie. Über die Menschen erfahren wir auch nicht mehr. Ihre Funktion für die Handlung besteht weitestgehend darin, Monsterfutter zu sein.

Wenn man die Prämisse akzeptiert und nicht über Logiklöcher nachdenkt, wird man im Kino spannende, ziemlich stille hundert Minuten mit sehr schweigsamen Menschen erleben.

A quiet Place: Tag Eins (A quiet Place: Day One, USA 2024)

Regie: Michael Sarnoski

Drehbuch: Michael Sarnoski (nach einer Geschichte von John Krasinski und Michael Sarnoski, basierend auf von Bryan Woods und Scott Beck erfundenen Figuren)

mit Lupita Nyong’o, Joseph Quinn, Alex Wolff, Djimon Hounsou

Länge: 99 Minuten

FSK: ab 16 jahre

Hinweise

Moviepilot über „A quiet Place: Tag Eins“

Metacritic über „A quiet Place: Tag Eins“

Rotten Tomatoes über „A quiet Place: Tag Eins“

Wikipedia über „A quiet Place: Tag Eins“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von John Krasinskis „A quiet Place“ (A quiet Place, USA 2018)

Meine Besprechung von John Krasinskis „A quiet Place 2″ (A Quiet Place: Part II, USA 2021)