Cover der Woche

September 7, 2021


Vic Warshawski entdeckt „Altlasten“

Mai 29, 2020

Als die taffe Chicago-Privatdetektivin V. I. Warshawski nach Kansas aufbricht, soll sie nur die spurlos verschwundene afroamerikanische Schauspielerin Emerald Ferring und den ebenfalls spurlos verschwundenen jungen Filmemacher August Veriden suchen. Er begleitete Ferring für eine Dokumentation über ihr Leben zu für sie wichtigen Orten, wie der Militärstation, auf der sie aufwuchs und dem nahe gelegenem College, auf dem sie studierte.

1983 kehrte sie wieder in die College-Kleinstadt zurück. Damals hatten Protestler das Militärgelände teilweise besetzt und lebten in einem Zeltdorf. Auf der Militärstation waren auch Atomraketen stationiert. Die Schauspielerin solidarisierte sich mit dem Widerstand.

In dieser Kleinstadt verliert sich dann die Spur von Ferring und Veriden. Während Warshawski nach einer weiteren Spur zu den beiden spurlos Verschwundenen sucht, beginnt sie in der Vergangenheit des Ortes herumzustöbern und sie stolpert über eine Leiche.

Dieser sich über viele Seiten erstreckende Gang in die Vergangenheit des Ortes und die Vergangenheit der USA mit links-feministischen Protestcamps, geheimen Militärforschungen an biologischen und chemischen Kampfstoffen und der noch weiter zurückreichenden Rassentrennung, hat auf den ersten, zweiten und dritten Blick nichts mit Warshawskis Auftrag zu tun. Aber weil Sara Paretsky eine erfahrene Erzählerin ist, ist auch klar, dass es doch eine Verbindung zwischen den Ereignissen von 1983 und dem Verschwinden von Ferring und Veriden gibt.

Trotzdem liest sich der Mittelteil von „Altlasten“ etwas zäh. Es passiert zwar einiges, aber letztendlich stochert Warshawski nur im Nebel herum, provoziert nach guter alter Hardboiled-PI-Tradition ihre Gesprächspartner und schnüffelt so lange in der Vergangenheit der Menschen, die ihr während ihrer Ermittlungen begegnen, herum, bis sie Lew-Archer-würdige Familiengeschichten aufdeckt. Und höchst problematische militärische Forschung, deren tödliche Folgen mit allen Mitteln vertuscht werden sollen.

Sara Paretsky: Altlasten

(übersetzt von Laudan & Szelinski)

Ariadne, 2020

544 Seiten

24 Euro

Originalausgabe

Fallout

William Morrow, 2017

Hinweise

Homepage von Sara Paretsky

Wikipedia über Sara Paretsky (deutsch, englisch)

Thrilling Detective über Vic Warshawski

Meine Besprechung von Sara Paretskys „Kritische Masse“ (Critical Mass, 2013)


Privatdetektive: Vic Warshawski erreicht die „Kritische Masse“

Februar 17, 2019

Kurz nachdem Robert B. Parker in seinen Spenser-Romanen das Modell des Privatdetektivs und seines besten Freundes etablierte, etablierte Sara Paretsky etwas anderes: den weiblichen Privatdetektiv. Ihr Charakter Vic Warshawski begann als weiblicher Philip Marlowe. Ihr erster Auftritt war in „Schadenersatz“ (Indemnity Only, 1982). In den nächsten Jahren folgten ziemlich schnell weitere Hardboiled-Romane mit ihr. Sie waren Kritiker- und Publikumserfolge. Weitere Autorinnen begannen Krimis mit taffen Privatdetektivinnen zu schreiben. In ihren Romanen behandelten sie auch die gesamte Palette aktueller Themen.

Neben Preisen und Nominierungen für ihre Romane wurde Sara Paretsky mehrmals für ihr Lebenswerk ausgezeichnet. 2002 erhielt sie den Cartier Diamond Dagger Award der Crime Writers‘ Association, 2011 den Anthony Lifetime Achievement Award und, ebenfalls 2011, wurde sie Grand Master der Mystery Writers of America (MWA).

Zur Verleihung des Titels Grand Master an Sara Paretsky schrieb die MWA: „The mystery genre took a seven-league stride thanks to Sara Paretsky, whose gutsy and dauntless protagonist showed that women can be tough guys, too,“ said Larry Light, Executive Vice President of Mystery Writers of America. „Before, in Sara’s words, women in mysteries were either vamps or victims. Her heroine, private eye V.I. Warshawski, is whip-smart and two-fisted, capable of slugging back whiskey and wrecking cars, and afire to redress social injustice.“

Mit „V. I. Warshawski – Detektivin in Seidenstrümpfen“ (V. I. Warshawski) gab es 1990 auch eine sehr freie, Richtung Komödie gehende Verfilmung des Warshawski-Krimis „Deadlock“ mit Kathleen Turner als Detektivin. Das Beste was über den Film gesagt werden kann, ist, dass aus der geplanten Serie nichts wurde und das dümmliche Machwerk vergessen ist; — das sind schon zwei Dinge.

Paretsky schrieb weiter. In den USA sind ihre Krimis Bestseller. In Deutschland veröffentlichte Piper zehn, Goldmann zwei und Piper einen ihrer Warshawski-Romane. Fast alle sind nur noch antiquarisch erhältlich. Fünf Warshawski-Romane sind noch nicht übersetzt. Paretsky schrieb auch zwei Einzelromane.

Und sie ist eine der Gründerinnen des internationalen Netzwerks „Sisters in Crime“.

Mit „Kritische Masse“ wagt jetzt der Argument-Verlag einen Neustart.

Dieses Mal sucht Vic Warshawski zunächst die spurlos verschwundene, drogensüchtige Judy Binder. In einem einsam in Palfry, einem Kuhdorf hundert Meilen weg von ihrer Heimat Chicago, gelegenem Meth-Haus findet Warshawski zwar nicht Judy, aber eine Leiche. Über ein, zwei Umwege wird Warshawski von Judys Mutter beauftragt, Martin Binder zu finden. Martin ist Judys Sohn, der noch bei seiner Großmutter lebt und ebenfalls spurlos verschwunden ist. Zuletzt arbeitete er bei Metargon, einer großen, seit Jahrzehnten bestehenden Computerfirma. Der Gründungsmythos reicht zurück bis zum Zweiten Weltkrieg. In der Firma entdeckte Martin etwas, das ihn beunruhigte und zu eigenen Nachforschungen veranlasste. Kurz darauf verschwindet er spurlos. Seitdem gibt es auch keine elektronischen Spuren von ihm.

Während Warshawski Judy und Martin Binder sucht, beginnt sie sich für die Vergangenheit der Familie Binder zu interessieren. Die jüdische Familie flüchtete während der Nazi-Diktatur aus Österreich.

Weil in einem Kriminalroman ein Autor nicht einfach so in epischer Breite vollkommen belanglose Informationen über das Leben der Eltern, Großeltern und Urgroßeltern von Figuren erzählt, ist schon auf den ersten Seiten klar, dass diese Geschichten aus der Vergangenheit etwas mit Martins Verschwinden zu tun haben werden. Damit ist auch klar, dass Martin wahrscheinlich keine aktuellen krummen und staatsbedrohenden Geschäfte von Metargon entdeckte. Diese Lösung wird angedeutet, als Warshawski eines Abends in ihrer Wohnung zurückkehrt und dort auf zwei Heimatschutz-Agenten trifft. Sie sind bei ihr eingebrochen und murmeln etwas von nationaler Sicherheit.

Insgesamt ist nach gut 540 Seiten die Erklärung für Martins Verschwinden dann fast schon erstaunlich unspektakulär und die Geschichte verliert sich etwas zu sehr in der Geschichte der Familie Binder. 

Das ändert nichts daran, dass die Freude über die Rückkehr von Sara Paretsky auf den deutschen Buchmarkt eindeutig überwiegt.

Nächstes Jahr will der Argument-Verlag einen weiteren Warshawski-Roman veröffentlichten.

Sara Paretsky: Kritische Masse

(übersetzt von Laudan & Szelinski)

Ariadne/Argument Verlag, 2018

544 Seiten

24 Euro

Originalausgabe

Critical Mass

G. P. Putnam’s Sons, 2013

Die Warshawski-Krimis

Schadenersatz (Indemnity Only, 1982)

Deadlock (Deadlock, 1984)

Fromme Wünsche (Killing Orders, 1985)

Tödliche Therapie (Bitter Medicine, 1987)

Blood Shot (Blood Shot, 1988 [britischer Titel: Toxic Shock])

Brandstifter (Burn Marks, 1990)

Eine für alle (Guardian Angel, 1992)

Engel im Schacht (Tunnel Vision, 1994)

Die verschwundene Frau (Hard Time, 1999)

Ihr wahrer Name (Total Recall, 2001)

Blacklist (Blacklist, 2003)

Feuereifer (Fire Sale, 2005)

Hardball (Hardball, 2009)

Body Work (2010)

Breakdown (2012)

Kritische Masse (Critical Mass, 2013)

Brush Back (2015)

Fallout (2017)

Shell Game (2019)

Hinweise

Homepage von Sara Paretsky

Wikipedia über Sara Paretsky (deutsch, englisch)

Thrilling Detective über Vic Warshawski

Ein Gespräch mit Sara Paretsky von 2009

Sara Paretsky 2013 in der National Writers Series


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