Neu auf Netflix: Das Spielfilm-Finale „Peaky Blinders – The Immortal Man“

März 22, 2026

1940 spielt der spielfilmlange Nachschlag „Peaky Blinders – The Immortal Man“ zur TV-Serie „Peaky Blinders“. In einigen Ländern (Deutschland gehörte nicht dazu) wurde der Gangsterkrimi vor seinem Netflix-Start auch im Kino gezeigt.

Peaky Blinders“ ist – diese Erklärung ist nötig, weil die in Großbritannien allgemein bekannte TV-Serie in Deutschland fast unbekannt ist – eine von Steven Knight erfundene und, bis auf zwei Episoden, bei denen ein Co-Autor mitschrieb, allein geschriebene TV-Serie. Sie erzählt in sechs aus jeweils sechs Episoden bestehenden Staffeln das Leben der titelgebenden Peaky Blinders zwischen 1919 und 1933.

1919 sind die von Tommy Shelby angeführten Gangster die ungekrönten Herrscher in ihrem Viertel in Birmingham. In der ersten Staffel müssen sie, nachdem sie zufällig eine Waffenlieferung des Militärs erbeuten, gegen einen skrupellosen Polizisten kämpfen. Er soll die Waffen finden. Egal wie.

Die aufwendig produzierte Serie war ein Erfolg bei der Kritik und dem Publikum. Denn Knight und Otto Bathurst, der Regisseur der ersten drei Folgen, erzählen ihre vor hundert Jahren spielende Gangstersaga wie eine zeitgenössische Gangstersaga. Das lag an der Geschichte, der Ausstattung, den Schauspielern, der Inszenierung und der Musik. Der Titelsong „Red Right Hand“ ist von Nick Cave and The Bad Seeds. In den einzelnen Episoden erklangen weitere Songs von Nick Cave und anderen Alternative-Rock-Musikern.

Das war 2013, als die erste „Peaky Blinders“-Folge ausgestrahlt wurde, revolutionär und stilprägend für zahlreiche weitere Serien und Filme.

Der Spielfilm-Nachschlag „Peaky Blinders – The Immortal Man“, der die Geschichte der TV-Serie weiter- und zu Ende erzählt, beginnt sieben Jahre nach dem Serienende. Steven Knight schrieb das Drehbuch. Tom Harper, der drei der sechs Episoden der ersten „Peaky Blinders“-Staffel inszenierte, inszenierte jetzt das Ende der Geschichte von Tommy Shelby.

Im November 1940 lebt Tommy Shelby (Cillian Murphy), der nun frühere Anführer der Peaky Blinders, zurückgezogen in einem Landhaus. Er schreibt seine Memoiren und wird von Erinnerungen heimgesucht. Bitten, nach Birmingham zurückzukehren, ignoriert er.

In Birmingham führt sein Sohn Duke (Barry Keoghan), zu dem er keinen Kontakt hat, jetzt die Peaky Blinders an. Skrupel kennen Duke und seine Männer nicht. Nach einem Bombenangriff der Nazis auf eine Munitionsfabrik bedienen sie sich hemmungslos an der herumliegenden Munition und sonstigen für sie wertvollen Gegenständen. Duke zögert auch nicht, ein Geschäft mit dem aalglatten und skrupellosen Naziagenten John Beckett (Tim Roth) abzuschließen. Er und seine Männer werden das in den Hafen von Birmingham geschmuggelte Falschgeld im Land verteilen.

Beckett organisiert für die Nazis den Transport des in einem Konzentrationslager hergestellten gefälschten Pfundnoten nach Großbritannien. Die Blüten sollen dort unter das Volk gebracht werden und mit einer Geldschwemme die britische Wirtschaft destabiliseren.

Diese Idee beruht auf der wahren „Aktion Bernhard“. Der Plan wurde nie vollständig umgesetzt. Für einen Spielfilm ist es dennoch eine gute Ausgangsidee, in der auch die moralische Integrietät der Verbrecher getestet werden kann.

Neben dieser Geschichte erzählt Knight ungefähr gleichberechtigt auch die Geschichte der sich verändernden Beziehung von Tommy Shelby zu seinem Sohn Duke und eine Geistergeschichte. Denn Tommy Shelby wird von den Dämonen und Sünden seiner Vergangenheit heimgesucht und er möchte sterben. Aber er ist anscheinend der Mann, der nicht sterben darf. Dieser Themenkomplex – Trauer, Tod, Abschied, Dämonen der Vergangenheit – ist für den langsam erzählten Film wichtiger als der Vater-Sohn-Konflikt und die Kriminalgeschichte. Schon bei Tommy Shelbys erstem Auftritt ist klar, dass er sich im folgenden nicht in einen weiteren Kampf stürzen wird, sondern er seinen letzten Kampf kämpfen wird.

Diese spielfilmlange Abschiedsvorstellung ist nicht schlecht. Sie ist auch für Menschen, die die TV-Serie nicht kennen, genießbar als düsterer Einzelfilm über einen Mann, der von Geistern seiner Vergangenheit verfolgt wird und Erlösung sucht. Sie ist aber auch etwas enttäuschend. Stilelemente, die vor dreizehn Jahren revolutionär waren, sind heute zu vertraut. Die Dialoge könnten besser sein. Das Finale erinnert in seiner konfusen und auch kryptischen Inszenierung an TV-Serien, in denen das Budget für einen großen Kampf mit fotogenen Explosionen nicht vorhanden ist.

Die Geschichte ist – wenn wir sie mit den abschließenden Episoden von Rainer Werner Fassbinders „Berlin Alexanderplatz“ und Edgar Reitz‘ „Heimat – Eine deutsche Chronik“ vergleichen – viel zu brav. Während Fassbinder und Reitz ein von allen dramaturgischen Konventionen befreites Fest der Lebenden und Toten inszenierten, bleibt es bei Harper/Knight bei einem konventionellem während des Kriegs spielendem, schleppend erzähltem Gangsterfilm, in dem auch bei den Verbrechern irgendwann der Patriotismus erwacht (wie in Vincent Shermans heute ziemlich unbekanntem Gangsterfilm „Agenten der Nacht“ [All through the Night, USA 1942] mit Humphrey Bogart), und vielen Geistern und geisterhaften Erscheinungen, die den Gangsterfilmplot ausbremsen. Am Ende sitzt „The Immortal Man“ etwas unglücklich zwischen diesen Plots.

Peaky Blinders – The Immortal Man (Peaky Blinders: The Immortal Man, Großbritannien 2026)

Regie: Tom Harper

Drehbuch: Steven Knight

mit Cillian Murphy, Rebecca Ferguson, Tim Roth, Sophie Rundle, Ned Dennehy, Packy Lee, Ian Peck, Jay Lycurgo, Barry Keoghan, Stephen Graham

Länge: 112 Minuten

FSK: – (dürfte eine FSK 16 werden)

Hinweise

Netflix über „Peaky Blinders – The Immortal Man“

Moviepilot über „Peaky Blinders – The Immortal Man“

Metacritic über „Peaky Blinders – The Immortal Man“

Rotten Tomatoes über „Peaky Blinders – The Immortal Man“

Wikipedia über „Peaky Blinders – The Immortal Man“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Tom Harpers „Misfits – Staffel 1“ (Misfits, Großbritannien 2009) (Harper inszenierte drei Episoden der ersten Staffel)

Meine Besprechung von Tom Harpers „Die Frau in Schwarz 2: Engel des Todes“ (The Woman in Black 2: Angel of Death, Großbritannien 2014)

Meine Besprechung von Otto Bathursts „Peaky Blinders – Gangs of Birmingham: Geschenk des Todes/Waffenpoker“ (Großbritannien 2013)

Meine Besprechung von Steven Knights „Im Netz der Versuchung“ (Serenity, USA 2019)

 


DVD-Kritik: Kann der „Bodyguard“ die Innenminsterin schützen? Und will er das überhaupt?

Februar 24, 2021

Spannender als die letzten drei Bond-Filme zusammen“, schrieb die Süddeutsche Zeitung laut dem DVD-Cover über die britische TV-Serie „Bodyguard“.

Mit sechs Stunden ist die Miniserie in jedem Fall kürzer als die letzten drei Bond-Filme.

In der von Jed Mercurio („Line of Duty“) erfundenen Serie geht es um David Budd (Richard Madden), Kriegsveteran mit posttraumatischer Belastungsstörung (nicht behandelt auf eigenen Wunsch) und Personenschützer bei einer Spezialeinheit der Londoner Polizei. Als er seine beiden Kinder zu seiner Frau, von der er getrennt lebt, bringen will, kann er im Zug einen Selbstmordanschlag verhindern. Kurz darauf wird er zum Personenschützer der Innenministerin Julia Montague (Keeley Hawes) befördert. Sie ist eine Kriegstreiberin und will ein heftig umstrittenes Überwachungsgesetz durch das Parlament bringen. Außerdem möchte sie in der Partei aufsteigen. Genug Konflikte und, immerhin ist „Bodyguard“ eine Krimiserie, genug potentielle Attentäter und, das kann man angesichts der vielen Frauen, von denen Budd umgeben ist und die ihm teilweise Befehle erteilen können, Attentäterinnen, die Montague umbringen wollen.

Auch Budd ist, jedenfalls in den ersten Episoden, ein möglicher Attentäter. Er macht Politiker wie Montague, die für Kriegseinsätze stimmten, für seine Situation verantwortlich. Er ist auch Mitglied einer losen Veteranengruppe, die ihren Hass auf die Politiker pflegt.

Der Verdacht zerstreut sich, nachdem er ihr das Leben rettet, es Spuren in den Sicherheitsapparat gibt (was natürlich etwas seltsam ist, weil das von ihr protegierte Gesetz der feuchte Traum der Sicherheitsbehörden ist) und er, wie „Bodyguard“ Kevin Costner in dem anderen Film, eine Affäre mit ihr beginnt.

Spätestens in dem Moment ist klar, dass „Bodyguard“, trotz einiger realpolitischer Anspielungen, reinstes Entertainment ist. Wahrscheinlichkeit und Logik werden einfach dem nächsten Anschlag geopfert. Das sorgt durchgehend für abenteuerliche Wendungen und, immer wieder, für vollkommen absurde Szenen. So war schon beim Auftakt, als Budd im Zug die Selbstmordattentäterin zur Aufgabe bewegen kann, die Polizei erstaunlich schießwütig. Budd scheint der einzige Bodyguard der Innenministerin zu sein. Und als Budd später mit einem Sprengstoffgürtel und einem Totmannschalter (also einer Vorrichtung, die die Bombe explodieren lässt, wenn er seinen Finger vom Sprengknopf entfernt) auf Londons Straßen stolpert, ist es ähnlich absurd. Er versichert den herbeigeeilten Polizisten, dass er die Bombe nicht zünden will. Die Mitglieder der Spezialeinheit überlegen nicht, wie sie die Bombe entschärfen könnten, sondern sie überlegen, wie sie ihn erschießen können – und damit die Bombe explodieren lassen. Etwas nachvollziehbarer wird die idiotische Szene, weil Budd in dem Moment schon in Richtung des Sicherheitsapparats ermittelt und der Täter seine Enttarnung verhindern kann, indem er Budd erschießen und ihn so endgültig zum perfekten und von den Bösewichtern schon lange geplanten Sündenbock werden lässt.

So ist „Bodyguard“ eskapistische Thrillerunterhaltung, die mit sechs Stunden etwas lang geraten ist. Gerade in der zweiten Hälfte der ersten Episode und der zweiten Episode plätschert die Geschichte arg ziellos vor sich hin. Am Ende der dritten Episode gibt es dann ein Ereignis, das alles verändert. Und das Finale ist ziemlich spannend. Wenn man nicht darüber nachdenkt.

In England war die sechsteilige Serie ein Kritiker- und Publikumserfolg.

Eine zweite Staffel ist beschlossen. Unklar ist, wann sie gedreht und ausgestrahlt wird.

Das Bonusmaterial besteht aus dem üblichen Werbematerial.

Bodyguard (Bodyguard, Großbritannien 2018)

Regie: John Strickland, Thomas Vincent

Drehbuch: Jed Mercurio

mit Richard Madden, Keeley Hawes, Sophie Rundle, Vincent Franklin, Ash Tandon, Gina McKee, Nina Toussaint-White

DVD

Pandastorm

Bild: 1,78:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (DD 2.0)

Untertitel: Deutsch, Englisch

Bonusmaterial: Making of, Interviews, Behind the Scenes, Originaltrailer

Länge: 362 Minuten (6 Folgen à 60 Minuten, 3 DVDs)

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zur Serie

Englische Homepage zur Serie

Moviepilot über „Bodyguard“

Metacritic über „Bodyguard“

Rotten Tomatoes über „Bodyguard“

Wikipedia über „Bodyguard“ (deutsch, englisch) (Vorischt Spoiler)


TV-Tipp für den 12. März: Peaky Blinders – Gangs of Birmingham: Geschenk des Teufels/Waffenpoker

März 12, 2015

Arte, 20.15
Peaky Blinders – Gangs of Birmingham: Geschenk des Todes/Waffenpoker (Großbritannien 2013, Regie: Otto Bathurst)
Drehbuch: Steven Knight
Birmingham, 1919: Tommy Shelby und seine Straßengang, die Peaky Blinders, sind die ungekrönten Herrscher in ihrem Viertel. Als seine Männer durch Zufall eine Waffenlieferung des Militärs erbeuten, glauben sie, das große Los gezogen zu haben. Aber der skrupellose Chief Inspektor Chester Campbell von der Royal Irish Constabulary wird aus London in die Industriestadt geschickt. Er soll die Waffen finden. Egal wie. Und dabei gleichzeitig unter den Verbrecherbanden, Gewerkschaften, den Linken, der IRA und allen Feinden der Krone aufräumen.
Ab heute zeigt Arte in Doppelfolgen die erste Staffel von „Peaky Blinders“, einer aufwenig produzierten Gangstersaga, die zwar vor gut hundert Jahren spielt, aber in der Wahl ihrer filmischen Mittel und der Musik ist die Serie absolut zeitgenössisch. Der Titelsong „Red Right Hand“ ist von Nick Cave and The Bad Seeds und es gibt noch mehr Alternative Rockmusik. Auch die starke Rolle der Frauen, die während des Krieges die Verbrecherbanden führten, wäre so in älteren Filmen nicht vorgekommen.
Die Story selbst zitiert immer wieder lustvoll Gangsterfilmklassiker und Steven Knight („Eastern Promises“) entwirft ein reichhaltiges Bild der damaligen Zeit und der politischen Wirren, die in den kommenden Jahrzehnten die Geschichte Englands bestimmten. Ich sage nur: IRA.
Und so ist „Peaky Blinders“ gleichzeitig mitreisendes Gangsterepos und Sozialstudie.
Die dritte Staffel ist bereits bestellt.
mit Cillian Murphy, Sam Neill, Helen McCrory, Paul Anderson, Joe Cole, Sophie Rundle, Eric Campbell, Ned Dennehy, Annabelle Wallis, Tony Pitts

Die DVD ist bei Koch Media erschienen
Peaky Blinders - Staffel 1 - DVD-Cover
Koch Media
Bild: 1.78:1 (16:9)
Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial: Making of
Länge: 322 Minuten (3 DVDs)
FSK: ab 16 Jahre

Hinweise
BBC Two über „Peaky Blinders“
Moviepilot über „Peaky Blinders“
Arte über „Peaky Blinders“
Wikipedia über „Peaky Blinders“ (deutsch, englisch)