Neu im Kino/Filmkritik: Für Cédric Klapisch ist „Das Leben ein Tanz“ voller Möglichkeiten

September 10, 2022

Elise Gautier ist jung. Sie tanzt durch das Leben. Als Balletttänzerin. Und sie steht kurz vor dem großen Durchbruch. Da sieht sie während einer Aufführung von „La Bayadère“ (Die Tempeltänzerin), wie ihr Freund sie mit einer anderen Tänzerin betrügt. Kurz darauf stürzt sie auf der Bühne unglücklich. Sie verletzt sich am Knöchel.

Ihre Ärztin empfiehlt ihr eine zweijährige Auszeit. In dieser Zeit kann die Verletzung am Knöchel vollständig heilen. Elise will diesen Ratschlag nicht akzeptieren. Sie ist jetzt 26 Jahre. Sie muss jetzt tanzen. In zwei Jahren, mit dann fast dreißig Jahren, ist sie zu alt.

Trotzdem und notgedrungen, weil sie im Moment kaum gehen, geschweige denn Tanzen kann, nimmt sie eine Auszeit. Der Koch Loïc und seine Freundin nehmen sie mit zu einem in der Bretagne liegendem Künstlerwohnheim. Dort hilft sie ihnen etwas beim Kochen und beobachtet die anderen Künstler, die in der Herberge einige Zeit verbringen. Unter anderem ein Tanzensemble, das nicht klassisches Ballett, sondern modernes Ballett tanzt.

Es ist die renommierte (real existierende) Hofesh Shechter Dance Company. Sie probt ihr Stück „Political Mother: The Choreographer’s Cut“. Hofesh Shechter bietet Elise an, mit ihnen zu tanzen.

1961. Das ist wahrscheinlich die erstaunlichste Zahl bei Cédric Klapischs neuem Film „Das Leben ein Tanz“. 1961 wurde Klapisch geboren. Er ist jetz in dem Alter, in dem andere Regisseure Filme über Eltern und ihre Probleme mit ihren erwachsenen Kindern oder über den Tod des geliebten Partners und die darauf folgende Trauer oder über das Ende des Arbeitslebens und den Ruhestand erzählen. Es sind Filme für Gleichaltrige, die die Jahre bis zu ihrer Beerdigung zählen und in denen sie sich wehmütig an ihre Jugend erinnern.

Nicht so bei Cédric Klapisch. Sein Film ist durch und durch jugendlich. Er versprüht die Kraft und den Optimismus der Jugend. Es geht darum, Chancen zu ergreifen und seinem Leben eine neue Richtung geben.

Gleichzeitig ist „Das Leben ein Tanz“ ein fulminanter Ballettfilm. Zuerst porträtiert Klapisch ausführlich die Welt des klassischen Balletts. Mit vielen Balletttänzern. Auch Elise wird von einer Tänzerin gespielt. Marion Barbeau ist seit 2018 ist Erste Tänzerin des

Balletts der Opéra National de Paris. „Das Leben ein Tanz“ ist ihr Schauspieldebüt. Danach, in dem Künstlerhotel, zeigt Klapisch eine ganz andere, von ihm ebenfalls geliebte Art des Balletts. Elise, die auf das klassische Ballett schwört, lehnt das moderne Ballett als mindere Tanzform zunächst heftig ab. Dann beobachtet sie das Ensemble, wird zum Mittanzen eingeladen und tanzt, zunächst zögernd, mit. Klapisch verlässt sich in den Szenen darauf, dass das Zeigen des modernen Tanzes auch beim Zuschauer ausreicht, um zu verstehen, wie Elise ihre Meinung ändert und was sie im modernen Ballett entdeckt. Außer der Freude, sich wieder bewegen zu können. Mit Mehdi, in den sie sich auch verliebt.

Neben den ausführlich gezeigten Tanzszenen, umgibt Klapisch Elise von einem Ensemble sympathischer Figuren. Das sind, vor allem, Loïc, der sie bekocht, sich immer wieder heftig mit seiner Freundin streitet und versöhnt, die Herbergsmutter Josiane, deren Talent darin besteht, Künstlern einen Ort für Kreativität zu geben, Elises verständnisvoller New-Age-Psychotherapeut Yann, der unsterblich in Elise verliebt ist und die seine Gefühle ignoriert, und Elises Vater, der als Witwer mit drei erwachsenen Töchtern, immer noch an erster Stelle Anwalt und Büchernarr ist.

Das macht „Das Leben ein Tanz“ zu einer wunderschönen Liebeserklärung an das Ballett und einem lebensbejahendem und witzigem Musical.

Das Leben ein Tanz (En Corps, Frankreich 2022)

Regie: Cédric Klapisch

Drehbuch: Cédric Klapisch, Santiago Amigorena

mit Marion Barbeau, Hofesh Shechter, Denis Podalydès, Muriel Robin, Pio Marmaï, François Civil, Souheila Yacoub, Mehdi Baki

Länge: 118 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Das Leben ein Tanz“

AlloCiné über „Das Leben ein Tanz“

Rotten Tomatoes über „Das Leben ein Tanz“ (aktuell noch keine Kritiken)

Wikipedia über „Das Leben ein Tanz“

Meine Besprechung von Cédric Klapischs „Einsam Zweisam“ (Deux moi, Frankreich 2019)


TV-Tipp für den 27. Oktober: Climax

Oktober 26, 2021

Arte, 23.10

Climax (Climax, Frankreich 2018)

Regie: Gaspar Noé

Drehbuch: Gaspar Noé

Vor einer US-Tournee wollen eine 21-köpfige Gruppe junger Tänzer:innen und ihre Choreographin in einer leerstehenden Schulturnhalle noch einmal richtig feiern. Dummerweise wurde der Sangria mit Acid abgeschmeckt.

TV-Premiere. Optisch beeindruckender, hemmungsloser, vom 70er-Jahre-Giallo beeinflusster Trip, der nicht jedem gefallen wird.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Sofia Boutella, Romain Guillermic, Souheila Yacoub, Kiddy Smile, Claude Gajan Maull, Giselle Palmer, Taylor Kastle, Thea Carla Schott, Sharleen Temple, Lea Vlamos, Alaia Alsafir, Kendall Mugler, Lakdhar Dridi, Adrien Sissoko, Mamadou Bathily, Alou Sibide, Ashley Biscette, Mounia Nassangar, Tiphanie Au, Sarah Belala, Alexandre Moreau, Naab, Straus Serpent, Vince Galliot Cumant

Hinweise

Moviepilot über „Climax“

AlloCiné über „Climax“

Metacritic über „Climax“

Rotten Tomatoes über „Climax“

Wikipedia über „Climax“ (englisch, französisch)

Meine Besprechung von Gaspar Noés „Love 3D“ (Love, Frankreich/Belgien 2015)

Meine Besprechung von Gaspar Noés „Climax“ (Climax, Frankreich 2018)


Neu im Kino/Filmkritik: Über Gaspar Noés „Climax“

Dezember 8, 2018

Jede Geschichte habe einen Anfang, eine Mitte und ein Ende. Aber nicht unbedingt in dieser Reihenfolge, sagte Jean-Luc Godard, der große Philosoph des Kinos, einmal.

Gaspar Noé, der große Provokateur des Kinos, nahm für seinen neuen Film „Climax“ Godards Satz wörtlich. Der Film beginnt mit dem Ende und auch der Vorspann ist nicht an der gewohnten Stelle. Aber das sind kleine formale Spielerei in einem Film, der letztendlich strikt chronologisch seine Geschichte erzählt.

1996 feiern 21 junge Tänzer und Tänzerinnen in Frankreich in einer Turnhalle einer schon einige Tage leerstehenden Schule das Ende der aufreibenden Proben. Am nächsten Tag soll die große Tour durch Frankreich und die USA beginnen. Diese Nacht wird gefeiert, getanzt und getrunken. Auch der von der Choreographin für ihre Tänzer und Tänzerinnen gemischte Sangria. Zu spät bemerken sie, dass in der Sangria nicht nur Alkohol, sondern auch etwas anderes ist, das sie vollkommen enthemmt.

Währenddessen legt DJ Daddy trendige Tanzmusik auf und als waschechter Master of Ceremony liefert er der zunächst feiernden und tanzenden, später halluzinierenden und verhexten Masse den passenden Soundtrack für die Hexenmesse, die dem Prinzip der Enthemmung gehorcht.

In seinem neuesten Film „Climax“ verzichtet Gaspar Noé auf ein Drehbuch. Bei den Dialogen dürften die Schauspieler improvisieren. Sie sind sowieso unwichtiger als die langen Tänze, die Enthemmungen, die Stadien der Trance und, nun, all die Dinge, die man auch noch so auf einer Party tut und über die man nachher nicht mit seinen Eltern oder seiner Freundin (wenn sie nicht dabei war) reden will.

Optisch ist das ein einziger Trip, der deutlich vom Horrorfilm der siebziger Jahre, vor allem dem Giallo und stilprägenden Regisseuren wie Dario Argento, inspiriert ist. Nur dass bei Noé die Kamera sich noch enthemmter durch die Räume bewegen kann. Die Leere der chronologisch gedrehten Geschichte kann sie kaum verdecken. Auch weil die Tänzer schnell austauschbare Opfer für die Anbetung eines abwesenden, nicht näher bezeichneten Satans sind. Wer will kann „Climax“ dann als Allegorie auf die Gesellschaft sehen, die angesichts einer nahenden Katastrophe einfach weiterfeiert.

Am Ende ist „Climax“ ein neunzigminütiger, formal beeindruckender, kompromissloser Low-Budget-Videoclip voll HipHop-, Electro- und Techno-Musik der neunziger Jahre, Farben und tanzender junger Menschen. Ein Feelbad-Trip mit höchst rudimentärer Story und pseudo-provozierender Szenen. Ob einem das gefällt, hängt vor allem davon ab, ob einem die Musik gefällt.

Climax (Climax, Frankreich 2018)

Regie: Gaspar Noé

Drehbuch: Gaspar Noé

mit Sofia Boutella, Romain Guillermic, Souheila Yacoub, Kiddy Smile, Claude Gajan Maull, Giselle Palmer, Taylor Kastle, Thea Carla Schott, Sharleen Temple, Lea Vlamos, Alaia Alsafir, Kendall Mugler, Lakdhar Dridi, Adrien Sissoko, Mamadou Bathily, Alou Sibide, Ashley Biscette, Mounia Nassangar, Tiphanie Au, Sarah Belala, Alexandre Moreau, Naab, Straus Serpent, Vince Galliot Cumant

Länge: 93 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Climax“

AlloCiné über „Climax“

Metacritic über „Climax“

Rotten Tomatoes über „Climax“

Wikipedia über „Climax“ (englisch, französisch)

Meine Besprechung von Gaspar Noés „Love 3D“ (Love, Frankreich/Belgien 2015)


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