Neu im Kino/Filmkritik: Über Denis Villeneuves Verfilmung der ersten Hälfte von Frank Herberts „Dune“

September 16, 2021

Als Warner Bros. Pictures im Dezember 2020 ankündigte, dass sie in den USA „Dune“ und weitere Blockbuster gleichzeitig im Kino und auf ihrem Streamingportal HBO Max veröffentlichen würden, war „Dune“-Regisseur Denis Villeneuve verärgert. Er befürchtete, dass dieser Schritt weitere „Dune“-Kinofilme verhindere.

Damals klang das nach dem Gefühlsausbruch eines gekränkten Regisseurs, der seine Filme lieber im Kino sieht. Heute wissen wir, dass er das auch sagte, weil er in „Dune“ nur die erste Hälfte von Frank Herberts achthundertseitigem SF-Klassiker „Dune – Der Wüstenplanet“ verfilmt hat. Sein Film endet nach hundertfünfzig Minuten einfach mitten in der Geschichte. Das Ende gibt es dann in ein, zwei Jahren und einen dritten „Dune“-Film, der auf „Der Herr des Wüstenplaneten“ (Dune Messiah, 1969) basieren soll, später. Falls es nicht dazu kommt, hat man mit „Dune“ einen halben Film gesehen. Und, ja, ich meine das genau so, wie ich es sage: „Dune“ ist wie ein „Tatort“, den man nach 45 Minuten anhält. Wobei der Vergleich mit Robert Schwentkes „Die Bestimmung – Allegiant“ (The Divergent Series: Allegiant, USA 2016) treffender wäre. Das war die erste Hälfte des zweiteiligen Finales einer vierteiligen Young-Adult-Dystopie, von der der Abschluss des Finales nie gedreht wurde. Das ist nichts Halbes und nichts Ganzes. Auch weil bis jetzt noch nicht bekannt ist, ob es „Dune: Part Two“ geben wird.

Immerhin führt die schon lange vor dem Dreh gefällte Entscheidung, „Dune – Der Wüstenplanet“ in zwei Filmen zu erzählen, dazu, dass Villeneuve viel Zeit hat, die Geschichte zu erzählen. Nämlich, wenn der zweite Teil wieder hundertfünfzig Minuten lang ist, gut fünf Stunden. Er kann also in aller Ruhe Figuren, Konflikte und Themen einführen. Er kann, immerhin soll „Dune“ der Auftakt einer Trilogie sein, das alles so einführen, das es bereits im ersten Film Hinweise auf Entwicklungen gibt, die erst im zweiten oder dritten Film wichtig werden. Genau das scheint Villeneuve mit dem aus der Perspektive der Fremen erzähltem Prolog zu beabsichtigen. Es wird, so der erste Eindruck, nicht die Geschichte von Paul Atreides sondern die der Fremen erzählt. In den nächsten Minuten ändert sich das. Die ersten vierzig Minuten spielen auf dem Wasserplaneten Caladan, dem alten Sitz des Hauses Atreides. Die nächsten fünfzig Minuten spielen dann auf Arrakis, dem neuen Sitz des Hauses Atreides, dem Wüstenplanet. Diese neunzig Minuten sind vor allem eine Einführung der Welt, in der die Geschichte spielt und der wichtigen Figuren. Villeneuve folgt hier zwar Herberts Buch, aber er präsentiert den Protagonisten Paul Atreides (Timothée Chalamet), der schon auf Caladan Visionen von einer in der Wüste lebenden, für ihn wichtigen, jetzt aber noch unbekannten Frau hat und der der Auserwählte ist, seinen Vater Leto Atreides (Oscar Isaac), einem besonnenem Herrscher, und seine Mutter Jessica Atreides (Rebecca Ferguson), einer Bene Gesserit, und die verschiedenen Konflikte so, dass sie nachvollziehbar sind. Besonders wichtig ist der Konflikt mit dem Haus der Harkonnen. Sie sind die bisherigen Kolonialherren von Arrakis und sie wollen den Planeten wieder in ihren Besitz bringen. Auf dem Planeten gibt es das Gewürz, auch Melange oder Spice genannt. Es ist gleichzeitig eine Bewusstseinserweiternde Droge und der Treibstoff für die Raumschiffe. Deshalb ist die Herrschaft über den Wüstenplaneten eine Lizenz zum Gelddrucken.

Die Harkonnen sind die bösen Bösewichter, die als Kolonialherren despotische Unterdrücker waren. Um wieder die Herren über den Planeten zu werden, ermorden sie Leto Atreides und fast alle seine Gefolgsleute.

Paul und seine Mutter flüchten in die Wüste, wo die Fremen leben.

Ab diesem Moment wird der Film zu einer länglichen Abfolge von Episoden, die die Handlung nicht erkennbar voranbringen. Wer das Buch kennt und weiß, wie die Geschichte endet, ist hier im Vorteil. Denn nachdem Villeneuve in der ersten Hälfte des Films die Romanhandlung intelligent auf die Leinwand übertrug, klebt er nach Leto Atreides‘ Tod zu sehr an der episodenhaften Romanhandlung. Ein Thema ist nicht mehr erkennbar. Der den Roman bestimmende Konflikt mit den Harkonnen über die Herrschaft über den Wüstenplaneten verschwindet hier, wie im Roman, aus der Geschichte.

Auffallend ist in dem Moment auch das überkommene Frauenbild des 1965 erschienenen Romans, das hier bruchlos in den Film übertragen wird. Pauls Mutter Jessica Atreides, die ein Mitglied des einflussreichen Frauenordens der Bene Gesserit ist und die deshalb über außergewöhnliche Fähigkeiten verfügt, ist jetzt nur noch ein hilfsbedürftiges Anhängsel von Paul, der sie aus gefährlichen Situationen retten muss und gefährliche Situationen allein meistert. Und die Filmgeschichte ähnelt immer mehr „Lawrence von Arabien“ mit Paul als Retter der Fremen. Aber das ist dann die Geschichte des zweiten „Dune“-Films.

Villeneuve erzählt diese Geschichte, wie schon in seinem vorherigem Film „Blade Runner 2049“, mit teilweise enervierender, prätentiöser Langsamkeit. Natürlich sind die Bilder von dem Wüsten- und dem Wasserplaneten überwältigend. Die Präsentieraufmärsche der Soldaten sind, wie in den „Star Wars“-Filmen, zweckfrei, aber schön anzusehen. Und die Räume, durch die die Menschen gehen müssen, sind oft verschwenderisch groß. Das weckt auch immer wieder Erinnerungen an diverse Bibel-Filme; vielleicht auch weil Paul Atreides der Auserwählte, der Messias, ist,

In jedem Bild ist ein Übermaß an Respekt vor der Vorlage zu spüren. Villeneuve kürzte nicht herzhaft, setzte keine eigenen Schwerpunkte oder veränderte Perspektiven (was hätte aus „Dune“ für ein Film werden können, wenn Villeneuve die gesamte Geschichte aus der Perspektive der Fremen erzählt hätte!). Stattdessen folgt er Frank Herberts Geschichte fast schon sklavisch.

Trotz guter Momente, guter Schauspieler (teils nur in Minirollen), imposanter, für das Kino komponierter Bilder und einer guten ersten Hälfte, ist „Dune“ letztendlich ein enttäuschendes Werk. Das liegt allerdings nicht an der Vorlage, sondern an dem fehlendem Mut, die Geschichte aus den Sechzigern (wo sie mit ihrer Ideologie und ihren Bezügen steht) in die Gegenwart zu bringen und für den Film umfassend umzuarbeiten. Denn so wahnsinnig komplex, wie immer wieder behauptet wird, ist der Roman nicht.

Stattdessen gibt es eine viel zu ehrfurchtsvolle Bebilderung der ersten Hälfte des Romans.

Dune (Dune, USA 2021)

Regie: Denis Villeneuve

Drehbuch: Denis Villeneuve, Jon Spaihts, Eric Roth

LV: Frank Herbert: Dune, 1965 (Dune – Der Wüstenplanet)

mit Timothée Chalamet, Rebecca Ferguson, Oscar Isaac, Jason Momoa, Stellan Skarsgård, Stephen McKinley Henderson, Josh Brolin, Javier Bardem, Sharon Duncan-Brewster, Chang Chen, Dave Bautista, David Dastmalchian, Zendaya, Charlotte Rampling, Babs Olusanmokun, Benjamin Clementine

Länge: 156 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Die Vorlage

Frank Herbert: Dune – Der Wüstenplanet

(übersetzt von Jakob Schmidt)

Heyne, 2020 (die Filmausgabe)

800 Seiten

12,99 Euro

Zum Filmstart erschien der Roman mit einem neuen Cover.

Vor dem Filmstart erschien der Roman bereits in mehreren Übersetzungen.

Originalausgabe

Dune

Chilton Books, 1965

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Dune“

Metacritic über „Dune“

Rotten Tomatoes über „Dune“

Wikipedia über „Dune“ (2021) (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Denis Villeneuves „Enemy“ (Enemy, Kanada/Spanien 2013)

Meine Besprechung von Denis Villeneuves „Sicario“ (Sicario, USA 2015) und der DVD und des Soundtracks

Meine Besprechung von Denis Villeneuves „Arrival“ (Arrival, USA 2016)

Meine Besprechung von Frank Herberts „Dune – Der Wüstenplanet“ (Dune, 1965)


Neu im Kino/Filmkritik: „Die Mumie“ startet Universals „Dark Universe“ wenig überzeugend

Juni 9, 2017

Marvel machte es vor: mit mehreren, mehr oder weniger zusammenhängenden Kinofilmen ein eigenes Universum erschaffen und so einen steten Strom ein Einnahmen generieren, weil die Zuschauer ja wissen wollen, wie es weiter geht und sie auch die vorherigen Filme kennen sollten, um zu wissen wie es begann. DC versuchte es auch. Bis zu „Wonder Woman“ (startet nächsten Donnerstag in unseren Kinos) war das Projekt allerdings vor allem gruselig. Daran ändern auch die Einspielergebnisse nichts.

Universal will es jetzt auch machen und mit den alten Monsterhorrorfilmen, wie „Die Mumie“, „Frankenstein“, „Der Unsichtbare“ und „Der Wolfsmensch“, haben sie in ihren Archiven auch eine Reihe Klassiker, die einerseits uralt (die Filme entstanden vor allem in den Dreißigern), andererseits immer noch bekannt und beliebt sind. Und sie sind ein fester Teil unserer popkulturellen Gedächtnisses. Da bietet sich eine Neuauflage an. Auch wenn die letzten Reboot/Remake-Aufgüsse enttäuschten. Deshalb ignoriert Universal sie beim Start des „Dark Universe“. „Die Mumie“ ist der erste Film dieses Monsteruniversums. Die nächsten Filme sind schon mehr oder weniger konkret angekündigt. Johnny Depp ist „The Invisible Man“. Javier Bardem ist Doktor Frankenstein in dem für Februar 2019 angekündigten „Bride of Frankenstein“. „The Wolf Man“ und „Phantom of the Opera“ sind auch schon geplant, aber noch ohne Starttermin und Besetzung.

In dem „Dark Universe“ werden die Geschichten der alten Filme, die alle vollkommen unabhängig voneinander waren, in die Gegenwart verlegt und miteinander verknüpft. Mit der im Keller des Londoner Naturkundemuseums residierenden Geheimgesellschaft „Prodigium“, die das Böse erkennen, untersuchen, eindämmen und zerstören soll, gibt es eine Organisation, die in allen Filmen auftreten soll und sich sehr nach einer Kopie von Alan Moores „Liga der außergewöhnlichen Gentlemen“ anhört. Geleitet wird sie von Dr. Henry Jekyll (Russell Crowe; er ist auch der Erzähler des Films).

Im Mittelpunkt von „Die Mumie“ stehen allerdings der leichtfüssig-abenteuerlustige Grabräuber Nick Morton (Tom Cruise) und Ahmanet (Sofia Boutella), eine Pharaonin, deren Machtgier ihr zum Verhängnis wurde. Als Strafe wurde sie lebendig mumifiziert und mit Quecksilber an einem Ort weit weg von Ägypten – ähem – eingelagert.

Der Soldat, Glücksritter und Grabräuber Nick Morton klaut von der Archäologin Jenny Halsey (Annabelle Wallis) eine Schatzkarte. Mit seinem Freund Chris Vail (Jake Johnson) suchen sie im Irak den Schatz, den sie in den ersten Filmminuten finden, weil ein von ihnen angeordneter Luftangriff ein Dorf zerstört und die darunter liegende riesige Grabkammer öffnet. Dort finden sie den Sarg von Ahmanet und Nick hält sich, im Gegensatz zu der Archäologin, nicht lange mit einer Dokumentation der Kammer auf. Er setzt den Mechanismus, der Ahmanet gefangen hält, außer Kraft. Der Sarkophag taucht auf und er wird in einem Flugzeug Richtung England befördert. Auf dem Weg dorthin wird Nicks Kumpel Chris zu einem Besessenen, der von Nick in einer witzig gemeinten, aber unendlich dämlichen Szene erschossen wird und fortan als Ratgeber in Nicks Kopf auftaucht.

Durch einen plötzlich auftauchenden Schwarm Raben wird das Flugzeug zum Abstürzen gebracht. Dabei stirbt Nick – und er wird kurz darauf in der Leichenhalle wieder wach. Wie das ging, interessiert und erstaunt niemanden.

Zur gleichen Zeit gewinnt Ahmanet durch das Aussagen von Menschen immer mehr Kraft und ihre Gestalt wird immer menschenähnlicher.

Nick, der Visionen von ihr hat, beginnt sie zu suchen, während sie, begleitet von ihren Untoten, ihn sucht.

Angesichts des vor und hinter der Kamera versammelten Talents – „Die üblichen Verdächtigen“ Christopher McQuarrie und „Jurassic Park“ David Koepp als Drehbuchautoren, „Star Trek“ Alex Kurtzman als Regisseur und Tom Cruise, der mit ihnen bereits mehrere Filme machte und der eigentlich immer gutes Mainstream-Kino macht, als Hauptdarsteller – enttäuscht „Die Mumie“ als Einzelfilm und als Auftakt eines ‚Universe‘. Zwar ist alles da, um „Die Mumie“ zu einem unterhaltsamen Blockbuster-Film zu machen, aber nie findet der Film seinen Ton oder Rhythmus. Alles wirkt immer verrückt, weil alle Elemente entweder am falschen Ort sind oder falsch präsentiert werden. Das beginnt schon in den ersten Filmminuten, wenn Russell Crowe (bzw. Martin Umbach in der synchronisierten Fassung) erzählt, warum und wie Ahmanet begraben wurde (was ein konventioneller Prolog wäre) und dass jetzt im Londoner Untergrund eine Grabkammer von Kreuzrittern gefunden wurde (was für weite Teile des Films eine vollkommen unwichtige Information ist, die aber Russell Crowe seinen ersten Filmauftritt beschert). Dann springt die Filmgeschichte in den Irak, wo Nick und Chris nach einem typischen, aber erschreckend unstimmig gespieltem und daher unwitzigem Buddy-Comedy-Dialog in das von Rebellen besetzte Dorf, in dem sie einen Schatz vermuten, einreiten und es zu einer Schlacht kommt, die „’Lethal Weapon‘ in der Wüste“ sein will.

Diese Comedy-Elemente und Tom Cruises Rolle als Schatzsucher knüpfen an die 1999er „Die Mumie“ und die beiden Fortsetzungen an. In ihnen spielte Brendan Fraser den Schatzsucher Rick O’Connell, der eine „Indiana Jones“-Kopie ist. Für die 2017er Version des Stoffes wurde dann einiges von dem Humor der Fraser-Filme genommen, aber alles soll gleichzeitig viel ernster und dramatischer sein; und natürlich der Auftakt für eine Reihe von Filmen.

Deshalb wird viel erklärt. Vieles wird sogar öfter erklärt in Dialogen, die einfach nur daran interessiert sind, die Informationen in den Kinosaal zu telegraphieren.

Dazwischen, also immer dann, wenn etwas Suspense angebracht wäre, stürmen Horden Untoter und Viecher auf Nick und Jenny, die ihn bei seinen Abenteuern begleitet. Da muss alles schnell gehen und, dank CGI, beeindrucken diese Szenen mit Vögeln, Untoten und Stürmen kaum. Im Gegensatz zu den Actionszenen, die live entstanden, wie der Kampf in dem abstürzendem Flugzeug.

Die Mumie“ ist ein Torso. Eine Ansammlung von Teilen und Ideen, die das Potential für einen guten Film gehabt hätten. Immer sieht man, was man mit der Szene erreichen wollte und was aus den Ideen hätte werden können, während man sich fragt, wo in der Produktion alles so schief ging, dass aus einem potentiell unterhaltsamen Horrorfilm ein Langweiler wurde, der noch nicht einmal unfreiwillig komisch ist.

Die Mumie (The Mummy, USA 2017)

Regie: Alex Kurtzman

Drehbuch: David Koepp, Christopher McQuarrie, Dylan Kussman (nach einer Geschichte von Jon Spaihts, Alex Kurtzman und Jenny Lumet)

mit Tom Cruise, Sofia Boutella, Annabelle Wallis, Jake Johnson, Courtney B. Vance, Marwan Kenzari, Russell Crowe

Länge: 111 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

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Moviepilot über „Die Mumie“

Metacritic über „Die Mumie“

Rotten Tomatoes über „Die Mumie“

Wikipedia über „Die Mumie“ (deutsch, englisch)

Damals

Heute

Die Zukunft?


Neu im Kino/Filmkritik: „Passengers“ – Jennifer Lawrence und Chris Pratt auf Weltraumurlaub

Januar 5, 2017

Die Avalon befördert über fünftausend Siedler und Besatzungsmitglieder zu einem neuen Planeten. Weil die Reise nach Homestead II 120 Jahre dauert, wurden die Menschen in einen Tiefschlaf versetzt, während Roboter das wirklich gut aussehende Schiff putzen, fliegen und auch anfallende Reparaturen erledigen. Während eines Asteroideneinschlags kommt es zu einer Fehlfunktion und Jim (Chris Pratt) wird geweckt. Neunzig Jahre zu früh. Seine ersten Versuche, sich aus seiner misslichen Situation zu befreien, scheitern. Zu bestimmten Bereichen des Schiffes hat er keinen Zugang. Die Beantwortung eines Hilferufs würde Jahrzehnte dauern und sein Vermögen sprengen. Denn die Avalon ist ein privates Schiff und die Hotline hat die bekannten irdischen Qualitäten. Als Maschinenbauingenieur versucht er, den Defekt an seinem Hibernation Pod zu beheben. Allerdings sind die Pods nur für eine einmalige Benutzung gedacht.

Immerhin gibt es in der Bar einen immer freundlichen Barkeeper. Arthur (Michael Sheen) ist ein Androide, der programmiert als der beste Barkeeper des Universums für den Humor des Films zuständig ist. Was dank der grandiosen Understatement-Leistung von Michael Sheen auch bestens gelingt.

Nachdem Jim das übliche Freizeitprogramm für Alleinreisende – Solo-Sport, Weltraumspaziergänge, überbordender Bartwuchs, lustvolles Zerstören der Einrichtung und kostenloses Upgrade in ein besseres Zimmer – durch hat, entdeckt er unter den sich im Tiefschlaf befindenden Personen eine Frau, in die er sich verliebt.

Irgendwann reicht ihm das stille Bewundern nicht mehr. Er weckt die Journalistin und erzählt ihr, dass es leider eine Fehlfunktion gegeben habe. Aurora (Jennifer Lawrence) glaubt ihm. Sie beginnen beide, mangels Alternativen, das Luxusleben im Raumschiff zu genießen – und jetzt habe ich schon ungefähr den halben Film verraten.

Dabei hat Aurora noch nicht erfahren, dass sie von Jim geweckt wurde (das ist jetzt keine echte Überraschung) und Laurence Fishburne, der als vierter Hauptdarsteller schon im Trailer gezeigt wird, ist noch nicht aufgetaucht.

Passengers“, der neue Film von „The Imitation Game“-Regisseur Morten Tyldum sieht gut aus. Das Raumschiff ist innen und außen eine wahre Augenweide und bei den Bildern aus dem Weltraum möchte man wirklich einen kleinen Spaziergang in ‚outer space‘ unternehmen. Auch die beiden Hauptdarsteller, Chris Pratt und Jennifer Lawrence (weniger Leinwandzeit, aber die erste Nennung und die höhere Gage), sehen gut aus und sind grundsympathisch. Allerdings herrscht zwischen ihnen eine ziemliche Funkstille, die vor allem am Drehbuch von Jon Spaihts liegt. Nach „Prometheus“ und „Dr. Strange“ und vor „The Mummy“ (der Tom-Cruise-Actionfilm ist in der Post-Produktion) gehört er zur Top-Liga der Drehbuchautoren. „Passengers“ schrieb er bereits vor über zehn Jahren. 2007 stand es auf der „Black List“, der jährlichen Liste guter, bis dahin nicht verfilmter Hollywood-Drehbücher. Es ist also eines seiner frühesten Werke. Er konnte es unbeeinflusst von Studiowünschen schreiben und selbstverständlich war es gedacht als Türöffner. Deshalb konzentriert sich die Geschichte auf wenige Personen (es gibt nur vier Rollen) und wenige Sets (einige Räume in einem Raumschiff). Das kann sehr günstig gedreht werden. Auch wenn „Passengers“ jetzt doch einen dreistelligen Millionenbetrag, der sich in beeindruckenden Sets und Bilder niederschlägt, kostete.

Wichtig ist bei einem ohne Auftrag geschriebenem Drehbuch, das zu Aufträgen führen soll, die Konstruktion des Drehbuchs und die stimmt; irgendwo zwischen Lehrbuch und TV-Vierteiler (also vier Episoden à 25 Minuten, in denen pro Episode ein Problem gelöst wird). Das hat Jon Spaihts wirklich gut, immer wieder mit viel Witz, aber auch ohne jemals auch nur im Ansatz die Tiefen der Geschichte auszuloten gemacht.

Denn die zahlreichen potentiellen Konflikte (die einem beim Ansehen des Trailers einfallen) werden entweder ignoriert (sorry, keine Aliens), schnell gelöst oder umgangen.

Das gilt vor allem für den im Zentrum des Films stehenden Konflikt zwischen Jim und Aurora. Immerhin hat er sie als sein Objekt des Begehrens geweckt und, weil sie jetzt das Ziel ihrer Reise niemals erreichen wird, zum Tod verurteilt. Er muss also unbedingt seine Tat vor ihr verheimlichen. Allerdings ahnt sie auch nichts davon. Sie akzeptiert sofort, dass sie durch eine dumme Fehlfunktion geweckt wurde. Das ist halt Schicksal. Dafür kann man niemand verantwortlich machen.

Erst durch Arthur erfährt sie den wahren Grund. Er sagt es ihr nebenbei. Nachdem ihm Jim einige Minuten früher sagte, dass er Aurora jetzt sagen wolle, dass er sie geweckt habe.

Sie ist darüber nicht begeistert und ehe es zu einigen dramatischen Ereignissen kommt, wird sich erst einmal in bester Pilcher-Manier angeschwiegen. Bis Laurence Fishburne plötzlich im Raumschiff steht und es zu einigen dramatischen Ereignissen kommt, die die letzte halbe Stunde fotogen füllen.

Passengers“ ist ein optisch beeindruckender Science-Fiction-Film, der mit seiner klaren Konstruktion der Geschichte gefällt, aber immer an der Oberfläche bleibt. Er ist ein Werbeclip für Weltraumreisen (allein schon das Schwimmbad) und kein existentialistisches Drama.

passengers-plakat

Passengers (Passengers, USA 2016)

Regie: Morten Tyldum

Drehbuch: Jon Spaihts

mit Chris Pratt, Jennifer Lawrence, Michael Sheen, Laurence Fishburne

Länge: 117 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

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Moviepilot über „Passengers“

Metacritic über „Passengers“

Rotten Tomatoes über „Passengers“

Wikipedia über „Passengers“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Morten Tyldums „Headhunters“ (Hodejegerne, Norwegen/Deutschland 2011)

Meine Besprechung von Morten Tyldums „The Imitation Game – Ein streng geheimes Leben“ (The Imitation Game, USA/Großbritannien 2014)


Neu im Kino/Filmkritik: „Doctor Strange“ betritt das Marvel Cinematic Universe

November 3, 2016

Gesehen in der Originalfassung in 3D im Imax – und das lohnt sich. Jedenfalls wenn man gerade in der Nähe eines Imax ist. Denn das Bild ist groß (etwa eine Stunde des Films wurde für das Imax-Kino optimiert, was zu einem wesentlich größerem Bild führt und dieses Mal funktioniert der Wechsel zwischen dem normalen Kinoformat und dem 1.9:1-Imax-Format flüssig), 3D stört nicht und die Spezialeffekte sehen verdammt gut aus.

Sie sind auch ein Problem des Films. Denn in den großen Actionszenen werden locker-flockig im „Inception“-Stil ganze Städte, Straßen und Häuserzeilen wild in alle möglichen Richtungen gefaltet oder zerschnitten und im Finale wird, eher Doctor Strange in eine andere Dimension wechselt, eine Stadt entstört. Das ist eine beeindruckende, in „Doctor Strange“ öfter wiederholte, Zirkusnummer, bei der auch immer spürbar ist, dass bei den Sprüngen zwischen den Dimensionen und Paralleluniversen niemand von den Schauspielern und Stuntmen in einer wirklich gefährlichen Situation ist.

Ein anderes Problem von „Doctor Strange“ ist, dass, wie immer bei Marvel, der Bösewicht und seine Motivation schwach sind. Dieses Mal ist der Bösewicht Kaecilius; Mads Mikkelsen, der schon ein James-Bond-Bösewicht war und demnächst in „Star Wars: Rogue One“ mitspielt, verkörpert ihn mit stoischer Mine.

Er ist, neben seinem starren, humorlosen Blick und den schwarzen Augenrändern, als Bösewicht vor allem daran erkennbar, dass er am Filmanfang zwei sehr wichtige Blätter aus einem Buch herausreißt und nebenbei den Bibliothekar bestialisch ermordet.

Das sehr, sehr wichtige Buch stand in der Bibliothek von The Ancient One (Tilda Swinton), die den titelgebenden Dr. Stephen Strange (Benedict Cumberbatch) zu einem besseren Menschen und Magier erzieht. Keine leichte Aufgabe, denn Strange ist ein Geistesverwandter von Tony Stark: ein arroganter Schnösel vor dem Herrn, der wie ein Rockstar lebt und ein begnadeter Neurochirurg ist. Nach einem Autounfall (selbst verschuldet) kann er seine Hände nicht mehr bewegen. Weil sein Beruf auch seine Berufung und der Sinn seines Lebens war, ist für ihn sein jetziges Leben vollkommen sinnlos und es ist für ihn unvorstellbar, irgendeiner anderen Profession nachzugehen. Einmal Chirurg, immer Chirurg.

Als er erfährt, dass es in Kathmandu einen Ort, das Kamar-Taj, und eine Person, The Ancient One, gibt, die ihm helfen kann, macht er sich auf den Weg.

Doctor Strange“ erzählt die Origin-Story von Stephen Strange. Der von Steve Ditko erfundene Charakter hatte 1963 seinen ersten Comic-Auftritt und schon damals sah er mit dem Amulett und seinem Umhang aus wie ein aus einem Dreißiger-Jahre-“Flash Gordon“-Serial entsprungener Charakter. Heute ist er modisch vollkommen aus der Zeit gefallen. Aber Benedict Cumberbatch trägt ihn mit der augenzwinkernden Würde eines gestandenen Theaterschauspielers.

Scott Derrickson, der sich vorher vor allem im Horrorfilm austobte („Der Exorzismus von Emily Rose“, „Sinister“, „Erlöse uns von dem Bösen“) erzählt die Geschichte, wie man es von Marvel gewohnt ist, mit großem Staraufgebot (das teilweise nur wenige Szenen hat), überwältigenden Tricks (auch wenn man vieles schon so ähnlich gesehen hat) und einer ordentlichen Portion Humor, der einen über die Storylücken, die doch recht einfache Geschichte und die schwurbeligen Weisheiten von The Ancient One hinwegsehen lässt. Das liegt allerdings auch an Tilda Swinton, die diese Weisheiten verkündet als seien es Shakespeare-Verse. Sie könnte allerdings auch ein Telefonbuch vorlesen und wir wären überzeugt, einen tiefsinnig-bedeutungsvollen Text zu hören.

Letztendlich liefert „Doctor Strange“ wieder genau das, was man von einem Marvel-Film erwartet. Auch wenn, wie es sich für eine Origin-Story gehört, der Fokus auf dem Helden liegt und all die anderen Superhelden (die Avengers, die Guardians, die wie-war-noch-einmal-der-Name) pausieren müssen. Das führt dann auch zu einer angenehm kurzen Laufzeit von unter zwei Stunden.

Ach ja: selbstverständlich gibt es ein Cameo von Stan Lee und im und nach dem Abspann je eine Szene, die den nächsten Film anteasert.

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Doctor Strange (Doctor Strange, USA 2016)

Regie: Scott Derrickson

Drehbuch: Scott Derrickson, C. Robert Cargill (nach einer Geschichte von Jon Spaihts, Scott Derrickson und C. Robert Cargill

LV: Charakter von Steve Ditko

Mit Benedict Cumberbatch, Tilda Swinton, Chiwetel Ejiofor, Rachel McAdams, Michael Stuhlbarg, Mads Mikkelsen, Benedict Wong, Benjamin Bratt, Scott Adkins

Länge: 115 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Doctor Strange“

Metacritic über „Doctor Strange“

Rotten Tomatoes über „Doctor Strange“

Wikipedia über „Doctor Strange“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Scott Derricksons „Erlöse uns von dem Bösen“ (Deliver us from Evil, USA 2014)


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