Zum Glück orientiert sich der Film am ersten Trailer. Der zweite Trailer lässt einen generischen 08/15-Horrorfilm erwarten, in dem Menschen von einem Monster mehr oder weniger blutig, mehr oder weniger schrecklich durch dunkle Räume gejagt und fotogen ermordet werden.
„Backrooms“ verlässt sich dagegen auf die Idee der Backrooms, der kafkaesken Hinterzimmer, in denen mal nichts, mal teils deformierte Möbel und und auch andere Gegenstände herumliegen. Vieles sieht aus, als habe jemand sie hergestellt, der die Originale nicht kennt. Die Wände, Decken und Böden schimmern in einem kränklichen Ocker; eigentlich haben sie keine Farbe, sondern einen Platzhalter-Farbton. Ein Raum führt in die nächsten Räume. Einige spätere Räume erinnern an seltsam verschobene Küchen und funktionslose Freizeiträume. Manchmal scheint man am Ende des Ganges auch einen anderen Menschen zu erblicken. Und es gibt seltsame Geräusche und nicht minder seltsame Stimmen.
Es ist ein M.-C.-Escher-würdiges Labyrinth, das Clark (Chiwetel Ejiofor) im Sommer 1990 erkundet. Es ist im Keller des von ihm geführten, kurz vor der Pleite stehenden Möbelgeschäftes, das in einem Vorort von Silicon Valley ist. Der Zugang erfolgt indem man einfach an einer bestimmten Stelle der Wand durch die Wand geht. Danach ist man in Räumen, die viel größer als das Möbelgeschäft sind und die keine erkennbare Funktion haben.
Zuerst erkundet er die Räume allein, dann mit seiner Angestellten Kat (Lukita Maxwell) und ihrem Freund Bobby (Finn Bennett). Sie sollen bezeugen können und auf Video aufnehmen, was er sieht. Sonst wird ihm niemand glauben. So ist seine Psychologin Dr. Mary Kline (Renate Reinsve), als er ihr davon erzählt, skeptisch. Er ist bei ihr wegen seiner gescheiterten Ehe, seiner ebenso gescheiterten Karriere als Architekt, seinen Wutausbrüchen und seiner generell instabilen Psyche in Behandlung. Es klingt auch ziemlich irre, was er ihr erzählt. Trotzdem folgt sie ihm später durch die Wand in die Backrooms.
Die Idee dafür hatte der heute Zwanzigjährige Kane Parsons als Sechzehnjähriger. Inspiriert von einer Internet-Horrorgeschichte, einer Creepypasta, experimentierte er mit der Open-Source-3D-Software Blender und Adobe After Effects und dem Konzept von Liminal Spaces herum, also unbewohnten Orten, Nicht-Orten und Transiträumen. In diesem Fall sind es Räume, die mehr Skizzen als echte Räume sind. Seinen ersten Film lud er 2022 auf YouTube hoch. Innerhalb von zwei Wochen wurde der neunminütige Clip zwanzig Millionen Mal aufgerufen. Seitdem erstellte er 24 weitere Episoden und Hollywood klopfte an seine Tür.
Mit seinem Spielfilmdebüt „Backrooms“ übertrug er dieses Konzept mit TV-Drehbuchautor Will Soodik auf die große Leinwand. Innerhalb weniger Tage wurde der 10 Millionen US-Dollar teure Horrorfilm zu einem riesigen Kassenerfolg und dem erfolgreichsten Film von A24. In den USA spielte er seit seinem Kinostart am 29. Mai etwas über 160 Millionen US-Dollar und weltweit über 250 Millionen US-Dollar ein. Um die Zahlen besser einordnen zu können helfen einige Vergleiche: „Masters of the Universe“ spielte in den USA bislang keine 50 Millionen US-Dollar und „Star Wars: The Mandalorian & Groku“ etwas über 160 Millionen US-Dollar ein. „Backrooms“ ist aktuell der zweiterfolgreichste Horrorfilm des Jahres; auf dem ersten Platz steht „Obsession“ (der bei uns am 25. Juni anläuft).
Neben den die Buchhalter in einen Glücksrausch versetzenden Zahlen überzeugt „Backrooms“ auch als Horrorfilm. In für einen Spielfilm, vor allem für einen Horrorfilm, unüblichen langen Einstellungen erzählt Kane Parsons eine Geschichte, die vor allem von ihrer Atmosphäre lebt. Die riesigen menschenleeren und funktionslosen Räume und die Geräusche beunruhigen. Die Räume wirken immer etwas falsch. Und die Hauptfiguren haben mit seelischen Problemen zu kämpfen. Parsons lässt sich auf seine Figuren und ihr Gefühlsleben ein. Und er erklärt fast nichts. Das führt dazu, dass die Erklärung am Filmende zugleich zu viel und zu wenig erklärt.
Aber das ist bestenfalls ein kleiner Kritikpunkt an diesem überzeugendem Debütfilm eines überraschend jungen Regisseurs. Wenn man nicht wüsste, dass Parsons erst zwanzig Jahre alt ist, würde man einen älteren Regisseur hinter der Kamera vermuten.
Selbstverständlich wird es weitere Filme geben, die in der Welt der Backrooms spielen. Davor dürfte „Backrooms“, zu Recht, auf einigen Jahresbestenlisten auftauchen.
Backrooms(Backrooms, USA 2026)
Regie: Kane Parsons
Drehbuch: Will Soodik
mit Chiwetel Ejiofor, Renate Reinsve, Mark Duplass, Lukita Maxwell, Finn Bennett
Nach „Das Spiel“ und „Doctor Sleeps Erwachen“ legt Mike Flanagan mit „The Life of Chuck“ seine dritte Stephen-King-Verfilmung vor. Es handelt sich um eine Verfilmung der Kurzgeschichte „Chucks Leben“. Sie gehört zu Kings wenigen Nicht-Horrorgeschichten, die dann, wie „Die Verurteilten“ und „Stand by me“, die Vorlage für sehr schöne und beim Publikum sehr beliebte Filme wurden. Das könnte in diesem Fall wieder passieren.
Dabei beginnt „The Life of Chuck“ wie ein schräger Katastrophenfilm.
Während die Welt gerade kollabiert, tauchen in Kalifornien plötzlich überall Reklametafeln auf, auf denen einem gewissen Chuck Krantz für 39 wunderbare Jahre gedankt wird. Zugegeben, dieser Krantz (Tom Hiddleston) sieht in seinem Anzug, der zu einem Bankbeamten oder einem Buchhalter passt, gut aus und er hat ein leicht verkniffenes pseudofreundliches Werbelächeln. Aber offensichtlich wirbt er nicht als austauschbares Modell für irgendein Produkt, sondern er ist diese Person, der gedankt wird – und die niemand kennt. Etwas später ist dieser Chuck Krantz im Radio, in der Luft und als Standbild auf jedem Bildschirm. Er breitet sich wie ein Virus aus.
Marty Anderson (Chiwetel Ejiofor), ein Lehrer, der später keine Rolle mehr spielen wird, fragt sich, während er nach dem Unterricht durch zerstörte Stadt fährt, wer dieser Chuck Krantz sei und wer ihm warum dankt.
In seinem neuen Film „The Life of Chuck“ beantwortet Mike Flanagan diese Frage. Dabei bewegt er sich, wie Stephen King in seiner dem Film zugrunde liegenden Kurzgeschichte, von der Gegenwart immer weiter zurück in die Vergangenheit; sozusagen vom Tod zur Geburt. In kleinen Episoden erfahren wir immer mehr über Chucks Leben, der im Film von Tom Hiddleston, Jacob Tremblay, Benjamin Pajak und Cody Flanagan gespielt wird. Dabei folgt Flanagan nicht stringent rückwärts Chucks Leben. Er schweift immer wieder ab, erzählt aus dem Leben anderer Figuren oder legt eine Pause ein.
So ist ein Höhepunkt eine lange improvisierte Tanznummer in der in der Nähe des Strandes liegenden Einkaufsstraße. Schlagzeugerin Taylor Franck (Taylor Gordon aka The Pocket Queen) trommelt. Menschen versammeln sich. Auch Chuck (Tom Hiddleston), der in seinem Anzug und mit seiner Aktentasche eindeutig auf dem Weg ins Büro ist, bleibt stehen. Irgendwann beginnt er zur Musik zu tanzen, lädt die ihm unbekannte Buchhändlerin Janice Halliday (Annalise Basso) zum Tanz ein und die Schlagzeugerin reagiert auf die beiden Tänzer, die wiederum auf sie reagieren. Es ist eine lange Szene, die als Musical-Nummer die Handlung bestenfalls minimal vorantreibt, und die dennoch noch länger hätte sein können.
Auch später – also wenn Chuck jünger ist – tanzt er gerne und Mike Flanagan zeigt das ausführlich. Sein Film ist eine Abfolge von verschiedene Genres bedienenden Kurzfilmen, die zusammen ein Porträt von Chuck und seiner Welt ergeben. Auch wenn Chuck nicht jede Person kennt, die in dieser Welt lebt und wir teilweise mehr über die Menschen wissen, denen Chuck begegnet als Chuck.
Aus diesen impressionistischen Stimmungsbildern aus einem überaus normalen Leben ergibt sich ein angenehm vor sich hin mäandernder, zutiefst menschenfreundlicher und optimistisch stimmender Film.
„The Life of Chuck“ ist der perfekte Film für einen lauschigen Sommerabend; gerne in einem Open-Air-Kino.
The Life of Chuck(The Life of Chuck, USA 2024)
Regie: Mike Flanagan
Drehbuch: Mike Flanagan
LV: Stephen King: The Life of Chuck, 2020 (Chucks Leben [Kurzgeschichte], enthalten in „If it bleeds“, 2020 [Blutige Nachrichten])
mit Tom Hiddleston, Jacob Tremblay, Benjamin Pajak, Cody Flanagan, Chiwetel Ejiofor, Karen Gillan, David Dastmalchian, Matthew Lillard, Carl Lumbly, Taylor Gordon, Annalise Basso, Mia Sara, Mark Hamill, Kate Siegel, Carl Sagan, Nick Offerman (Erzähler, im Original)
Länge: 111 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
–
Die Vorlage
„Chucks Leben“ ist eine der vier in „Blutige Nachrichten“ enthaltenen Geschichten
Stephen King: Blutige Nachrichten
(übersetzt von Bernhard Kleinschmidt)
Heyne, 2021
576 Seiten
11,99 Euro (Taschenbuch)
24 Euro (Hardcover)
–
Deutsche Erstausgabe
Heyne, 2020
–
Originalausgabe
If it bleeds
Scribner, New York, 2020
–
Außerdem: der neue Roman von Stephen King
Privatermittlerin Holly Gibney (bekannt aus „Mr. Mercedes“, „Finderlohn“, „Mind Control“, „Der Outsider“, „Holly“ und einer Geschichte in „Blutige Nachrichten“) muss sich um zwei zeitintensive Fälle kümmern. Sie arbeitet als Personenschützerin für eine Feministin, auf die zahlreiche Anschläge verübt werden. Gleichzeitig soll sie die Durchführung einer Mordserie verhindern. Der Täter kündigte in einem anonymen Schreiben an, wahllos 13 unschuldige und einen schuldigen Menschen umzubringen und so den Tod eines Unschuldigen zu rächen. Er sieht diesen Wahnsinn als einen Akt der Sühne.
Stephen King setzt in seinem Nachwort die Erwartungen so niedrig, dass man schnell zu einem „deutlich besser als erwartet“-Lob kommen kann. King schreibt: „Jetzt bin ich endlich zufrieden damit. Beziehungsweise – ich will aufrichtig sein – zufrieden genug. Es wird nie ganz so, wie ich es mir erhoffte, aber es kommt ein Punkt, wo man loslassen muss.“
Die Kritiker sind jedenfalls größtenteils zufrieden mit Kings neuestem Roman.
Beginnen wir mit einer der wichtigsten Informationen für das Superheldenfilmfanpublikum: es gibt im und nach dem Abspann jeweils eine kurze Szene. Die eine kann als Vorausschau auf kommende Filme im Sony’s Spider-Man Universe (SSU) verstanden werden. Die andere ist eher ein Gag. Hoffentlich. Und der Abspann ist sehr lang. Ohne den Abspann könnte „Venom: The Last Dance“ sogar unter hundert Minuten sein. Damit ist er, wie die vorherigen beiden „Venom“-Filme, für einen Superheldenfilm erfreulich kurz. Und er ist wieder ‚frei ab 12 Jahre‘. Angesichts der gezeigten Gewalt ist das eine nachvollziehbare Entscheidung.
Venom ist ein außerirdischer Symbiont, der echte und vermeintliche Gegner gerne tötet.
Sein aktueller Wirt ist der Journalist Eddie Brock, der sich langsam an den in ihm lebenden Venom gewöhnt hat. Trotzdem zanken sie ständig wie ein altes Ehepaar. Vor allem weil Eddie nicht töten will. Er wird wunderschön zerknautscht-genervt von Tom Hardy gespielt, der wie der Quartalssäufer aus der Kneipe wirkt, der schon zwei Drinks über seinen Durst getrunken hat und sich mit der Stimme in seinem Kopf streitet.
Betrunken treffen wir ihn am Anfang von „Venom: The Last Dance“ in einer Strandbar in Mexico. Dort erfährt er, dass er in den USA als Mörder gesucht wird und dass der in einer anderen Welt lebende Superbösewicht Knull seine, uh, Jäger zur Erde geschickt hat, um Venom zu jagen. Um seine Unschuld zu beweisen und um das andere Problem zu lösen, macht er sich auf den Weg nach New York. Mit einem Abstecher nach Las Vegas und zur nahe gelegenen Area 51. Das für seine vermeintlichen Forschungen an Außerirdischen unter Verschwörungstheoretikern und Alien-Fans bekannte Militärgelände soll in wenigen Tagen stillgelegt werden. Jetzt wird, einige Meter unter der Erde, allerdings noch emsig an Symbionten geforscht. Venom wäre, aus Sicht der Forscher und des Militärs, eine grandiose Ergänzung ihrer Forschungsobjekte.
In einer Nebengeschichte ist eine vierköpfige Hippie-Familie auf dem Weg zur Area 51. Denn das Familienoberhaupt glaubt an Außerirdische.
Mit „Venom: The Last Dance“ hat Tom Hardy jetzt seinen Vertrag erfüllt und weil es ein Vertrag über drei Filme war, wird der dritte und bislang letzte „Venom“-Film mit ihm als „das epische Finale“ und Abschluss einer Trilogie beworben. Kann man machen und wird heute einfach immer so gemacht. Weil meistens voneinander unabhängige Werke, die in sich abgeschlossenne Geschichten erzählen, als Trilogie gelabelt werden, ergibt das fast immer wenig bis keinen Sinn. Auch der dritte „Venom“-Film erzählt eine vollkommen eigenständige Geschichte mit neuen Gegnern und Konflikten, die innerhalb des Films gelöst werden. Nur Eddie Brock, Venom und zwei aus den vorherigen Filmen bekannte Figuren sind, in kleineren und für die Filmgeschichte unwichtigen Rollen, wieder dabei.
Der Film selbst ist der beste „Venom“-Film. Kelly Marcel, die Autoren der ersten beiden „Venom“-Film, erzählt in ihrem Regiedebüt eine einfache Fluchtgeschichte. Letztendlich geht es nur um die Frage, wie der Held von A nach B kommt und ob er seinen Verfolgern entkommen kann. Die Hippie-Familie ist eine nette Nebengeschichte, die man auch aus dem Film hätte herausschneiden können. Es gibt eine ordentliche Portion Humor, die sich auch daraus ergibt, dass Venom und Eddie ein seltsames Paar mit verschiedenen Moralvorstellungen sind.
Kelly Marcels Inszenierung ist dabei zweckdienlich unauffällig. Der Film selbst, auch wenn es der beste „Venom“-Spielfilm ist, ist ein wenig bemerkenswerter Superheldenfilm, der einfach nur bekannte Plot-Points, Action und einige bestenfalls durchwachsene Witze aneinanderreiht. Das gelingt ihm, wie gesagt, besser als in den Vorläuferfilmen „Venom“ und „Venom: Let there be Carnage“. Gut ist es immer noch nicht.
„Venom: The Last Dance“ ist das vorläufige Ende einer nie wirklich überzeugenden Superheldenfilmserie, die an der Kinokasse überraschend erfolgreich war.
Die Zukunft dieser Marvel-Figur ist noch unklar. Also ob das Finale wirklich ein Finale ist. Hauptdarsteller Tom Hardy schließt nichts aus. Venom kann sich jederzeit einen neuen Wirt suchen. Und mit diesem Film hat, so Marcel, die Geschichte von Knull begonnen, der in künftigen SSU-Filmen eine größere Rolle spielen soll.
Schauen wir mal.
Venom: The Last Dance(Venom: The Last Dance, USA 2024)
Regie: Kelly Marcel
Drehbuch: Kelly Marcel (nach einer Geschichte von Kelly Marcel und Tom Hardy) (basierend auf der von Todd McFarlane und David Michelinie erfundenen Marvel-Figur Venom)
mit Tom Hardy, Chiwetel Ejiofor, Juno Temple, Stephen Graham, Peggy Lu, Rhys Ifans, Alanna Ubach, Clark Backo, Andy Serkis
New York, 1841: Solomon Northup wird von Sklavenhändlern entführt und in die Südstaaten verkauft.
Steve McQueens grandioser Film schildert die wahre Geschichte von Solomon Northup. Der vielfach ausgezeichnete und hochgelobte Film erhielt, unter anderem, den Oscar als Bester Film.
Dalton Russell überfällt eine Wall-Street-Bank. Schnell wird sie von der Polizei umzingelt und Detective Keith Frazier beginnt mit den Verhandlungen. Spätestens als Madaline White als Unterhändlerin des Bankgründers auftaucht und sich in die Verhandlungen einmischt, weiß er, dass er es nicht mit einem normalen Banküberfall zu tun hat.
„‘Inside Man’ ist ein typischer Spike-Lee-Film, insofern er in jeder Sekunde ein bisschen mehr ist al ein reiner Genrefilm. Er macht böse Witze ebenso über den kulturellen Reichtum New Yorks wie über Post-9/11-Paranoia und War-on-Terror-Vorurteile. Er analysiert die Mechanik der Macht, verbindet sie mit gesellschaftlicher Hierarchie und bricht sie an der Politik der Hautfarben.“ (Alexandra Seitz: Inside Man, in Gunnar Landsgesell/Andreas Ungerböck, Hrsg.: Spike Lee, 2006)
Ein feiner Thriller
Anschließend zeigt Arte um 22.20 Uhr die knapp einstündige Doku „Jodie Foster – Hollywoods Alleskönnerin“ (Frankreich 2021). Und im Stream (bei WOW und Sky) läuft gerade, mit Jodie Foster, „True Detective: Night Country“. Die Serie soll gut sein.
mit Denzel Washington, Clive Owen, Jodie Foster, Willem Dafoe, Chiwetel Ejiofor, Christopher Plummer
Beginnen wir den Überblick über die aktuellen Filmstarts (abgesehen von dem Imkerfilm) mit einem Remake, gehen dann in die Zukunft und reisen über Deutschland nach Australien.
Zehn Jahre nach ihrem letzten Film kehrt Catherine Breillat mit „Im letzten Sommer“ in die Kinos zurück. Sie erzählt die Liebesgeschichte zwischen der ungefähr fünfzigjährigen erfolgreichen Anwältin Anne (Léa Drucker) und dem siebzehnjährigen Théo (Samuel Kircher, Debüt). Théo ist der Sohn ihres Mannes aus erster Ehe. Sie gehören zur Bourgeoisie, haben zwei Mädchen adoptiert und leben ein glückliches und sorgloses Leben. Mit ihrer Affäre setzt Anne das alles aufs Spiel.
„Im letzten Sommer“ ist das französische Eins-zu-eins-Remake von May el-Toukhys „Königin“ (Dronningen, Dänemark/Schweden 2019). Wie bei anderen aktuellen Remakes sind die Änderungen so gering, dass es zu einer Frage des persönlichen Geschmacks wird, welche Fassung einem besser gefällt. Und welche Schauspieler man für attraktiver hält. Also Trine Dyrholm im Original als Verführerin oder Léa Drucker. Gustav Lindh im Original als verführten und verführenden Teenager oder Samuel Kircher, der stark an Timothée Chalamet erinnert.
Größere Änderungen gibt es im dritten Akt. Sie ändern aber nichts daran, dass das Remake so nah am Original ist, dass niemand, der das Original kennt, sich das Remake ansehen muss. Es ist, als ob man einen Film, zugegebenen einen guten Film, der interessante moralische Fragen aufwirft und keine seiner Figuren verurteilt, zum zweiten Mal sieht.
Samuel Kircher erhielt die Rolle auf Empfehlung seines Bruders Paul. Der war ursprünglich für die Rolle des Siebzehnjährigen vorgesehen, aber veränderte Drehpläne verhinderten das. Er spielt jetzt in „Animalia“ eine Hauptrolle.
Im letzten Sommer (L’été dernier, Frankreich 2023)
Regie: Catherine Breillat
Drehbuch: Catherine Breillat, Pascal Bonitzer (Mithilfe) (basierend auf dem Drehbuch zu „Königin“ [Dronningen] von May el-Toukhy und Maren Louise Käehne)
mit Léa Drucker, Samuel Kircher, Olivier Rabourdin, Clotilde Courau, Serena Hu, Angela Chen
„Animalia“ hatte seine Premiere in Cannes beim Filmfestival. In Deutschland lief Thomas Cailleys neuer Film beim letzten Fantasy Filmfest als Centerpiece. Und damit dürfte klar sein, in welche Richtung der Film geht.
In der nahen Zukunft verwandeln einige Menschen sich langsam in Tiere. Zuerst sind die Veränderungen kaum zu bemerken. Später wird aus einem Arm ein Flügel und das Sprechvermögen nimmt ab. WiesoWeshalbWarum es zu diesen Mutationen kommt, ist unklar. Aber es kann jeden treffen und der Umgang mit diesen mutierten Menschen ist schwierig. Das spüren auch der sechzehnjährige Emile (Paul Kircher) und sein Vater Francois (Roman Duris). Denn Emiles Mutter verwandelt sich in ein Tier und soll ein ein extra für die mutierten errichtetes Zentrum gebracht werden. Dort soll sie geheilt werden. Francois will in ihrer Nähe bleiben. Deshalb zieht er mit seinem Sohn um in die Provinz. Auf dem Weg zum Zentrum verunglückt der Transporter und die Passagiere flüchten in den Wald.
Während die Polizei die Flüchtlinge sucht, versuchen Francois und Emile sich in ihrem neuen Wohnort einzurichten. Francois will, während er zunehmend verzweifelt in den Wäldern seine Frau sucht, als liebender Vater und Ehemann das Richtige tun. Emilie sucht und findet neue Freunde. Da bemerkt Emilie Veränderungen bei sich. Auch er wird zu einem Tier mutieren.
„Animalia“ ist ein atmosphärischer Hybrid aus Science-Fiction-, Horror- und Coming-of-Age-Film, der aus einem Minimum an Erklärungen das Maximum herausholt. Er konzentriert sich dabei auf die Vater-Sohn-Geschichte und wie sie, einzeln und gemeinsam, versuchen, mit den Veränderungen umzugehen.
Animalia(Le règne animal, Frankreich 2023)
Regie: Thomas Cailley
Drehbuch: Thomas Cailley, Pauline Munier
mit Romain Duris, Paul Kircher, Adèle Exarchopoulos, Tom Mercier, Billie Blain, Xavier Aubert, Saadia Bentaïeb, Gabriel Caballero
Länge: 128 Minuten
FSK: ab 12 Jahre (mit Eltern ab 6 Jahren erlaubt [Uhuh])
Bleiben wir in der Zukunft und wenden uns dem Probelm der Schwangerschaft zu. Obwohl das, wenn wir uns Sophie Barthes „Baby to go“ ansehen, kein Problem mehr ist. Rachel (Emilia Clarke) und Alvy (Chiwetel Ejiofor) leben in New York in einer luxuriösen und hochmodernen Wohnung. Es ist ein Biologe, der an das Natürliche glaubt und möglichst viel von der Natur bewahren möchte. Sie ist eine aufstrebende Managerin in einem Tech-Unternehmen. Sie möchte ein Kind und ist erfreut, als sie einen der wenigen Plätze in einer Geburtsklinik bekommt. Dort könnte sie, mit einem künstlichem Brutkasten, Pod genannt, ein Kind bekommen ohne auf ihre Arbeit verzichten zu müssen. Den Pod könnte sie wie eine Babybauch-Attrappe umschnallen, sich dann wie eine normale schwangere Frau fühlen und eine innige Beziehung zu ihrem Baby aufbauen. Begleitet würde sie bei ihrer Schwangerschaft von der Künstlichen Intelligenz der Firma, die sie so anleiten würde, dass ihre Schwangerschaft für ihr Kind optimal verläuft. Auch Alvy könnte den Pod tragen und so schon vor der Geburt eine Verbindung zu seinem Kind aufbauen.
Aber Alvy würde eine natürliche Schwangerschaft bevorzugen.
Barthes‘ Idee mit den Pods für künstliche und glückliche Schwangerschaften ist bestehend. Den daraus entstehenden Konflikt zwischen künstlicher und natürlicher Schwangerschaft formuliert sie schön aus. Sie entwirft dabei, immer mild satirisch überspitzt, eine durchaus glaubwürdige Zukunft. Aber nach einem guten Auftakt wird der Film im zweiten Akt, wenn Alvy der künstlichen Schwangerschaft zustimmt, immer zäher bis hin zu einem schwachen Ende. Und so fühlt sich diese Science-Fiction-Satire trotz guter Ideen, guter Inszenierung, guten Schauspielern und liebevoller Ausstattung fast schon wie eine Zeitverschwendung an.
Baby to go(The Pod Generation, Großbritannien 2023)
Regie: Sophie Barthes
Drehbuch: Sophie Barthes
mit Emilia Clarke, Chiwetel Ejiofor, Vinette Robinson, Rosalie Craig, Jean-Marc Barr, Jelle De Beule
Siebzehn Jahre nach „4 Minuten“ erzählt Chris Kraus die Geschichte von Jenny von Loeben (Hannah Herzsprung) weiter. Die begnadete Pianistin saß fünfzehn Jahre für einen Mord, den sie nicht begangen hat, im Gefängnis. Ihr damaliger Freund war der Täter.
Inzwischen ist ihre Jugendliebe als Gimmiemore (Albrrecht Schuch) bekannt. Aus dem Punker wurde ein erfolgreicher Schlagersänger und er ist Jury-Mitglied einer quotenträchtigen TV-Talentshow, in dem behinderte Musiker gegeneinander antreten.
Die immer noch äußerst unberechenbare und aggressive Jenny will sich an ihm rächen. Zusammen mit einem aus Syrien geflüchteten Musiker, der dort seine Hand, aber nicht seine postivie Lebenseinstellung verlor, beteiligt sie sich an der Talentshow.
Die Story von „15 Jahre“ ist eine wüste Kolportage, die einfach alles in die Geschichte packt, was gerade aktuell ist, einen guten Film oder eine gute Szene abgeben könnte. Dass vieles dabei nicht besonders glaubwürdig und wahrscheinlich ist, nimmt Chris Kraus sehenden Auges in Kauf. Die Schauspieler – Hannah Herzsprung als beständig ausflippende und um sich schlagende Pianistin, Albrecht Schuch als Parodie eines aalglatten TV-Talentshow-Jurors mit atemberaubend schlecht sitzender Perücke – werfen sich lustvoll in die unwahrscheinliche Geschichte und Chris Kraus inszeniert das kraftvoll als Rachefantasie voller physisch und psychisch Versehrter. Das Ergebnis ist halb großartiges Kino, das weder kunstvolles Arthauskino noch banales Kommerzkino ist und nie langweilt.
15 Jahre (Deutschland 2023)
Regie: Chris Kraus
Drehbuch: Chris Kraus
mit Hannah Herzsprung, Hassan Akkouch, Albrecht Schuch, Christian Friedel, Adele Neuhauser, Stefanie Reinsperger, Katharina Schüttler, Désirée Nosbusch
Nach Australien geht es mit den beiden Rucksacktouristinnen Hanna (Julia Garner) und Liv (Jessica Henwick). Als sie in Sydney ihren letzten Cent verfeiert haben, nehmen sie einen Job als Bedienung in dem titelgebenden „The Royal Hotel“ an. Dieses Hotel liegt im australischen Outback in der Nähe einer abgelegenen Bergbausiedlung. Es ist ein heruntergekommener Schuppen, in dem billiger Alkohol an die prollige Kundschaft, – Einheimische, Bergarbeiter und Quartalssäufer -, verkauft wird. Billy (Hugo Weaving), der Besitzer der Kneipe, heuert immer wieder arbeitssuchende Rucksacktouritinnen an. Für einige Wochen arbeiten sie als billige Arbeitskräfte im „Royal Hotel“.
Kitty Green erzählt vor allem, wie Hanna und Liv in der Kneipe arbeiten und die Kunden kennen lernen. Dabei sind sie immer wieder verstört von der australischen Saufen-bis-zum-umfallen-Trinkkultur und dem sexistischen und primitiven Verhalten der Gäste.
Viel mehr passiert bis zum Ende nicht. Es gibt keine Charakterentwicklung und keine Story, sondern nur die intensive, aber nicht sonderlich in die Tiefe gehende Beschreibung einer Situation und eines Ortes. Denn über die Trinker erfahren wir nur das, was sie in der Kneipe tun. Und das erschöpft sich im trinken und reden. Ein Film wie die Lektüre einer Feldstudie.
Die Inspiration für Kitty Green war Peter Gleesons Dokumentarfilm „Hotel Coolgardie“, den sie ziemlich genau nachstellte.
The Royal Hotel(The Royal Hotel, USA 2023)
Regie: Kitty Green
Drehbuch: Kitty Green, Oscar Redding (inspiriert von dem Dokumentarfilm „Hotel Coolgardie“)
mit Julia Garner, Jessica Henwick, Toby Wallace, Hugo Weaving, Ursula Yovich, Daniel Henshall, James Frecheville, Herbert Nordrum
Drehbuch: Alfonso Cuarón, Timothy J. Sexton, David Arata, Mark Fergus, Hawk Ostby
LV: P. D. James: The Children of Men, 1992 (Im Land der leeren Häuser)
2027: Seit 18 Jahren wurde weltweit kein Kind mehr geboren. Großbritannien ist ein Polizeistaat und eigentlich geht alles vor die Hunde. Da wird der desillusionierte Weltverbesserer Theo von einer Untergrundorganisation entführt. Er soll eine junge, schwangere Frau aus London in eine irgendwo außerhalb Englands liegende sichere Zone bringen. Denn das Baby darf nicht in die Hände der Regierung fallen. Auf ihrer Reise muss Theo schnell feststellen, dass er niemand vertrauen kann.
Verfilmung des S-F-Romans von P. D. James. Für den Film spricht die Darstellerriege, die Kameraarbeit (Cuarón schneidet auch in Action-Szenen extrem selten, teilweise überhaupt nicht). Gegen den Film spricht die 08/15-Story, dass diese Negativutopie ein einziges Patchwork verschiedenster, sich letztendlich wiedersprechender Negativutopien ist und dass „Children of Men“ im Gegensatz zu den großen Negativutopien deshalb eskapistisches Kino ist.
Mit Clive Owen, Julianne Moore, Chiwetel Ejiofor, Michael Caine, Danny Huston, Charlie Hunnam
Drehbuch: Alfonso Cuarón, Timothy J. Sexton, David Arata, Mark Fergus, Hawk Ostby
LV: P. D. James: The Children of Men, 1992 (Im Land der leeren Häuser)
2027: Seit 18 Jahren wurde weltweit kein Kind mehr geboren. Großbritannien ist ein Polizeistaat und eigentlich geht alles vor die Hunde. Da wird der desillusionierte Weltverbesserer Theo von einer Untergrundorganisation entführt. Er soll eine junge, schwangere Frau aus London in eine irgendwo außerhalb Englands liegende sichere Zone bringen. Denn das Baby darf nicht in die Hände der Regierung fallen. Auf ihrer Reise muss Theo schnell feststellen, dass er niemand vertrauen kann.
Verfilmung des S-F-Romans von P. D. James. Für den Film spricht die Darstellerriege, die Kameraarbeit (Cuarón schneidet auch in Action-Szenen extrem selten, teilweise überhaupt nicht). Gegen den Film spricht die 08/15-Story, dass diese Negativutopie ein einziges Patchwork verschiedenster, sich letztendlich wiedersprechender Negativutopien ist und dass „Children of Men“ im Gegensatz zu den großen Negativutopien deshalb eskapistisches Kino ist.
Mit Clive Owen, Julianne Moore, Chiwetel Ejiofor, Michael Caine, Danny Huston, Charlie Hunnam
Serenity – Flucht in neue Welten (Serenity, USA 2005)
Regie: Joss Whedon
Drehbuch: Joss Whedon
Wem die „Guardians of the Galaxy“ zu pompös sind und wer von dem ganzen Familiengedöns beim „Krieg der Sterne genervt ist, sollte unbedingt die „Serenity“ besuchen. Das ist ein eher schrottreifer Weltraumfrachter mit einer bunten Besatzung. Angeführt werden sie, mehr oder weniger, von Captain Malcolm ‚Mal‘ Reynolds (Nathan Fillion im Han-Solo-Modus). Gemeinsam und ihren Dauer-Passagieren, die in „Serenity- Flucht in neue Welten“ für viel Ärger sorgen, erleben sie teils haarsträubende Abenteuer.
Die kurzlebige TV-Serie „Firefly – Der Aufbruch der Serenity“ hat heute Kultstatus. Der humorvolle Weltraum-Western „Serenity – Flucht in neue Welten“, der heute gezeigt wird, ist ein sympathischer Kino-Nachklapp mit der aus der TV-Serie bekannten Crew.
mit Nathan Fillion, Gina Torres, Alan Tudyk, Morena Baccarin, Adam Baldwin, Jewel Staite, Sean Maher, Summer Glau, Ron Glass, Chiwetel Ejiofor, David Krumholtz
Wie üblich ist auch bei dem neuesten Marvel-Film vorher nichts bekannt über den Plot und wer alles mitspielt. Neben dem Hauptcast – Benedict Cumberbatch, Elizabeth Olsen, Chiwetel Ejiofor, Benedict Wong, Michael Stuhlbarg (als Michael Stühlbarg), Rachel McAdams und Neuzugang Xochitl Gomez -, der zu einem großen Teil aus dem ersten „Dr. Strange“-Film bekannt ist, soll es auch einige Überraschungen geben. Laut der Gerüchteküche soll Bruce Campbell dabei sein. Aber der ist in jedem guten Film von Sam Raimi dabei. Raimi hat, nach einer neunjährigen Spielfilmpause, die er mit einigen TV-Serienepisoden und vielen Tätigkeiten als Produzent füllte, endlich wieder die Regie bei einem Spielfilm übernommen. Ältere kennen Sam Raimi vom „Tanz der Teufel“, Jüngere als den Regisseur von drei „Spider-Man“-Filmen mit Tobey Maguire als Peter Parker.
In „Doctor Strange in the Multiverse of Madness“ kann Raimi seine beiden Leidenschaften, nämlich „Horror“ und „Comic-Verfilmungen“ miteinander verbinden. Deshalb wird das Werk von Marvel auch schon als deren Horrorfilm angekündigt. Geworden ist es dann ein Marvel-Film mit einigen Horrorelementen.
Es geht um Doctor Strange, der – ähem, also die offizielle Synopse ist ziemlich irreführend, der Verleih bittet um spoilerfreie Besprechungen und die Story ist, nun, ähem, bestenfalls durchwachsen. In jedem Fall gibt es einen Bösewicht, der im Gedächtnis bleibt, ein sehr nachvollziehbares Motiv hat, das gleich am Anfang erklärt wird und ihre Handlungen antreibt. Außerdem hat sie ordentlich Screentime. Nachdem in den vorherigen Marvel-Filmen der Bösewicht oft die uninteressanteste Figur im ganzen Film war, ist das hier besser.
Davon abgesehen will Doctor Stephen Strange die junge America Chavez retten. Sie ist aus einem anderen Universum in sein Universum gestolpert, sagt ihm, dass es das Multiverse gibt (Hatten wir das nicht schon in „Spider-Man: No Way Home“ erfahren?) und um alles wieder in Ordnung zu bringen, müssen die beiden durch das Multiverse reisen. Das sind verschiedene Universen, die sich in Details unterscheiden. So ist Doctor Strange in einem Universum nett, in dem anderen weniger und im nächsten Universum kann er sogar ein Bösewicht sein. Für Benedict Cumberbatch, der hier wieder Doctor Strange spielt, ist das eine gute Gelegenheit, die Figur verschieden zu spielen.
Die Idee des Multiverse führt dann dazu, dass, wie in einem schlechten Fantasy-Film, plötzlich alles möglich ist. Es wird einfach in die nächste Welt gewechselt und schon geht’s. Und wenn in einem Film ein Fehler gemacht wurde, wird er im nächsten Film einfach in ein anderes Universum verbannt.
In „Doctor Strange in the Multiverse of Madness“ wird durch verschiedene Universen gesprungen und in jedem gibt es etwas zu entdecken. Sam Raimi kann so gleichzeitig ungefähr ein halbes Dutzend Filme inszenieren. Einmal natürlich eine Fortführung des ersten „Doctor Strange“-Films, der jetzt auch schon sechs Jahre alt ist. Dazwischen trat Cumberbatch in mehreren Marvel-Filmen als Dr. Strange auf. Einmal ein quitschbuntes CGI-Psychelic-Abenteuer, in dem Dinge durch eine schwerelose (Alb)Traumwelt schweben. Einmal einen mittelalterlichen Abenteuerfilm, in dem tibetanische Mönche ihr Kloster, das Kamar-Taj, mit Zauberkräften gegen eine Hexe verteidigen. Und, im Finale, einen Horrorfilm, der auch die Tradition des Horrorfilms huldigt. Es gibt natürlich eine gute Portion Fanservice für die Raimi-Fans und, vor allem, für die MCU-Fans.
Das ist durchaus vergnüglich, aber nie so vergnüglich wie seine „Evil Dead“-Filme, und wird mit der Zeit, trotz seiner kurzen Laufzeit von zwei Stunden, sogar etwas langweilig. Es gibt einfach zu viel CGI. Es gibt zu viele banale Erklärdialoge. Viel zu oft ist Dr. Strange mit einem anderen Dr. Strange beschäftigt, während der Bösewicht und auch die Freunde von Dr. Strange sich vollkommen aus dem Film verabschieden. Dann spielt Cumberbatch mit sich in einem Raum. Das bringt die Story nicht voran. Denn die Welt(en) wie wir sie (nicht) kennen, will jemand anderes vernichten. Außerdem verlässt die Story sich zu sehr auf Zauberei und das Betreten von anderen Universen. So können unsere Helden immer wieder einer tödlichen Gefahr entkommen, indem sie die Tür zu einer anderen Welt öffnen und in Sicherheit sind.
„Doctor Strange in the Multiverse of Madness“ ist nie so bahnbrechend wie Sam Raimis erster „Spider-Man“-Film oder so hemmungslos abgedreht wie seine „Evil Dead“-Filme. Als Marvel-Film, der auch gut ohne die Kenntnis der anderen Filme und Fernsehserien angesehen werden kann, ist er okay. Trotzdem will sich bei mir die Begeisterung, die ich bei den älteren MCU-Filmen empfunden hatte, auch dieses Mal nicht einstellen.
Im Abspann gibt es zwei Szenen. Die erste ist ein Ausblick auf möglicherweise kommende Ereignisse. Die zweite, ganz am Ende des Abspanns, ist mit Bruce Campbell, der im Film lediglich ein für den Film und das Marvel-Universum folgenloses, aber vergnügliches Cameo hat. So wie Stan Lee bis zu seinem Tod in den Marvel-Filmen kurze Auftritte hatte.
Doctor Strange in the Multiverse of Madness (Doctor Strange in the Multiverse of Madness, USA 2022)
Regie: Sam Raimi
Drehbuch: Michael Waldron (basierend auf Marvel-Figuren von Stan Lee und Steve Ditko)
mit Benedict Cumberbatch, Elizabeth Olsen, Chiwetel Ejiofor, Benedict Wong, Xochitl Gomez, Michael Stuhlbarg (als Michael Stühlbarg), Rachel McAdams, Patrick Stewart , Bruce Campbell, Julian Hilliard, Jett Klyne
Das war’s mit den bewegten Bildern. Werfen wir einen Blick auf die unbewegten Bilder und damit auf die Ursprünge von Doctor Strange. Der Panini Verlag hat pünktlich zum Filmstart eine dicke Anthologie über „Doctor Strange: Meister der mystischen Mächte“ veröffentlicht.
Die „Doctor Strange“-Anthologie ist wie die anderen Anthologien, die zu bekannten Marvel- und DC-Figuren, wie Black Widow, Deadpool und Batman, erschienen sind, aufgebaut. Es gibt, geschrieben von Christian Endres, Thomas Witzler und Arnulf Woock, kurze Texte zu wichtigen Aspekten der Figur und seiner Welt und einführende Texte zu seinen wichtigsten Comic-Abenteuern. Diese werden, von seinem ersten Auftritt bis zur Gegenwart, chronologisch abgehandelt und nachgedruckt.
Wie die anderen Anthologien ist auch die Anthologie über den Obersten Zauberer des Marvel-Universum ein schwer in der Hand liegender informativer Lesegenuss, der auch zeigt, wie sehr sich die Comics in den vergangenen sechzig Jahren veränderten. Seinen ersten Auftritt hatte der Zauberer im Juli 1963 in Strange Tales als „Dr. Strange, Meister der Schwarzen Magie“. Die fünfseitige Geschichte war als Füller gedacht. Den Lesern gefiel der Comic und der Rest ist Geschichte.
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Doctor Strange: Meister der mystischen Mächte – Die Doctor Strange-Anthologie
Panini, 2022
320 Seiten
29 Euro
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Zum Gratis-Comic-Tag, der dieses Jahr endlich wieder an seinem regulärem Termin, dem zweiten Samstag im Mai, stattfindet, gibt es ein „Doctor Strange“-Heft. In ihm sind drei Geschichten enthalten. In „Der Zauberlehrling“ (Mystic Apprentice, 2016) ist Stephen Strange noch ein Novize der mystischen Künste, dem die Astralformprojektion seines Körpers noch nicht gelingen will. „Der Tod von Doctor Strange, Kapitel 1“ (Death of Doctor Strange, 2021) enthält die ersten Seiten der Geschichte und endet mit einem Gast an seiner Haustür. In „Venom“ (Marvel Action: Origins, 2021) ist Doctor Strange nicht dabei. In dieser Geschichte erfahren wir, wie ein außerirdischer Symbiont zuerst Spider-Man Peter Parker und dann Eddie Brock als Wirt aussuchte.
New York, 1841: Solomon Northup wird von Sklavenhändlern entführt und in die Südstaaten verkauft.
Steve McQueens grandioser Film schildert die wahre Geschichte von Solomon Northup. Der vielfach ausgezeichnete und hochgelobte Film erhielt, unter anderem, den Oscar als Bester Film.
Der Marsianer – Rettet Mark Watney (The Martian, USA 2015)
Regie: Ridley Scott
Drehbuch: Drew Goddard
LV: Andy Weir: The Martian, 2011/2014 (Der Marsianer)
Wegen eines Sturms wird die erste bemannte Marsmission hastig abgebrochen und, durch eine Verkettung unglücklicher Umstände, Crewmitglied Mark Watney auf dem Mars zurückgelassen. Weil auch jede Funkverbindung unterbrochen ist, beginnt Watney sich auf dem Mars einzurichten. Bis Hilfe kommt…
Hochspannendes und realistisches SF-Abenteuer, mit einer ordentlichen Portion Humor. „Der Marsianer“ war ein Erfolg bei der Kritik und dem Publikum. Er ist einer von Scotts besten Filmen.
mit Matt Damon, Jessica Chastain, Kristen Wig, Jeff Daniels, Michael Pena, Kate Mara, Sean Bean, Sebastian Stan, Aksel Hennie, Chiwetel Ejiofor, Donald Glover, Benedict Wong, Mackenzie Davis
Andy Weir: Der Marsianer – Rettet Mark Watney (übersetzt von Jürgen Langowski) Heyne, 2015 512 Seiten
9,99 Euro
– Deutsche Erstausgabe
Heyne, 2014
– Originalausgabe
The Martian
2011 (online)
(gedruckt 2014 bei Crown und Del Rey)
New York, 1841: Solomon Northup wird von Sklavenhändlern entführt und in die Südstaaten verkauft.
Steve McQueens grandioser Film schildert die wahre Geschichte von Solomon Northup. Der vielfach ausgezeichnete und hochgelobte Film erhielt, unter anderem, den Oscar als Bester Film.
Z for Zachariah – Das letzte Kapitel der Menschheit(Z for Zachariah, USA 2015)
Regie: Craig Zobel
Drehbuch: Nissar Modi
LV: Robert C. O’Brien: Z for Zachariah, 1974 (Z wie Zacharias)
Nach einer nuklearen Katastrophe lebt die junge Ann allein auf der malerisch in einem Tal gelegenen elterlichen Farm. Bis nacheinander zwei unterschiedliche Männer kommen.
TV-Premiere eines Zweipersonenstücks, das zu einem Dreipersonenstück wird und eher kontemplativ ist. Zobels unter seinen Möglichkeiten bleibendes SF-Drama spricht eher geduldige Zuschauer an, die damit leben können, dass einiges im Dunkeln bleibt, einiges nur angedeutet wird und potentiell interessante und wichtige Fragen und Themen nicht vertieft werden. Das gilt vor allem für die Rolle des Glaubens, Fragen des Rassismus und männliches Dominanzverhalten. Außerdem ist die Bedrohung für die letzten Menschen (es geht um Radioaktivität) ein deutlicher Hinweis auf das Alter der Buchvorlage.
Oder mit den Worten des „Lexikon des internationalen Films“: „Prominent besetzter Endzeit-Film, der sich die Voraussetzungen für spannende Grundsatzfragen und Konflikte erarbeitet, die er letztlich allerdings allzu leicht auflöst.“
Dalton Russell überfällt eine Wall-Street-Bank. Schnell wird sie von der Polizei umzingelt und Detective Keith Frazier beginnt mit den Verhandlungen. Spätestens als Madaline White als Unterhändlerin des Bankgründers auftaucht und sich in die Verhandlungen einmischt, weiß er, dass er es nicht mit einem normalen Banküberfall zu tun hat.
„‘Inside Man’ ist ein typischer Spike-Lee-Film, insofern er in jeder Sekunde ein bisschen mehr ist al ein reiner Genrefilm. Er macht böse Witze ebenso über den kulturellen Reichtum New Yorks wie über Post-9/11-Paranoia und War-on-Terror-Vorurteile. Er analysiert die Mechanik der Macht, verbindet sie mit gesellschaftlicher Hierarchie und bricht sie an der Politik der Hautfarben.“ (Alexandra Seitz: Inside Man, in Gunnar Landsgesell/Andreas Ungerböck, Hrsg.: Spike Lee, 2006)
Ein feiner Thriller
mit Denzel Washington, Clive Owen, Jodie Foster, Willem Dafoe, Chiwetel Ejiofor, Christopher Plummer
Drehbuch: Alfonso Cuarón, Timothy J. Sexton, David Arata, Mark Fergus, Hawk Ostby
LV: P. D. James: The Children of Men, 1992 (Im Land der leeren Häuser)
2027: Seit 18 Jahren wurde weltweit kein Kind mehr geboren. Großbritannien ist ein Polizeistaat und eigentlich geht alles vor die Hunde. Da wird der desillusionierte Weltverbesserer Theo von einer Untergrundorganisation entführt. Er soll eine junge, schwangere Frau aus London in eine irgendwo außerhalb Englands liegende sichere Zone bringen. Denn das Baby darf nicht in die Hände der Regierung fallen. Auf ihrer Reise muss Theo schnell feststellen, dass er niemand vertrauen kann.
Verfilmung des S-F-Romans von P. D. James. Für den Film spricht die Darstellerriege, die Kameraarbeit (Cuarón schneidet auch in Action-Szenen extrem selten, teilweise überhaupt nicht). Gegen den Film spricht die 08/15-Story, dass diese Negativutopie ein einziges Patchwork verschiedenster, sich letztendlich wiedersprechender Negativutopien ist und dass „Children of Men“ im Gegensatz zu den großen Negativutopien deshalb eskapistisches Kino ist.
Mit Clive Owen, Julianne Moore, Chiwetel Ejiofor, Michael Caine, Danny Huston, Charlie Hunnam
Vor fünf Jahren erzählte „Maleficent – Die dunkle Fee“ die Geschichte von Dornröschen aus der Sicht der bösen Fee, die eigentlich eine gute Fee ist. Dem bestenfalls zwiespältigen Disney-Fantasy-Film gelang es nie, seine Geschichte schlüssig zu erzählen. Am guten Einspielergebnis von weltweit über 750 Millionen US-Dollar änderte das nichts und schnell wurde eine Fortsetzung angekündigt.
Mit „Maleficent: Mächte der Finsternis“ ist es jetzt soweit. Die Geschichte spielt einige Jahre nach den Ereignissen des ersten Films.
Aurora (Elle Fanning) lebt glücklich in ihrem Reich der Moore in trauter Harmonie mit den dort lebenden magischen Kreaturen, Tieren und Pflanzen. Ihre ‚Mutter‘ Maleficent (Angelina Jolie) schaut ab und zu vorbei. Als ihre große Liebe, der schöne Prinz Philipp (Harris Dickinson), ihr einen Heiratsantrag macht, der auch zu einer friedlichen Vereinigung des Reich der Moore und dem Menschen-Königreich Ulstead führen würde, steht der Besuch bei den zukünftigen Schwiegereltern, König John (Robert Lindsay) und Königin Ingrith (Michelle Pfeiffer), auf der Tagesordnung. Vor allem Königin Ingrith besteht darauf, dass die Fee Maleficent dabei ist.
Schweren Herzens und weil Aurora sie darum bittet, kommt sie mit und läuft in eine Falle von Königin Ingrith, die die Feen abgrundtief hasst und vernichten will. Aber Maleficent kann entkommen.
„Maleficent: Mächte der Finsternis“ ist ein weiterer Disney-Live-Action-Film, in dem außer den Schauspielern, eigentlich alles am Computer entstand. Auch die Schauspieler wurden teilweise ebenfalls exzessiv digital bearbeitet. Angelina Jolie sieht, wieder einmal, als absolut makellose Maleficent wie eine Trickfigur aus.
Der erzählerische Fortschritt gegenüber dem ersten Film ist enorm. Die Geschichte ist banal. So weiß jeder, spätestens wenn Königin Ingrith auf dem Besuch von Maleficent besteht, was bis zum Abspann passieren wird. Aber im Gegensatz zum ersten Film sind die Motive und Motivationen der einzelnen Figuren nachvollziehbar und stimmig. Ebenso klar ist der Konflikt zwischen den Menschen und den Feen gezeichnet und die damit verbundene Frage, wie er gelöst werden soll. Im Endeffekt stehen sich eine friedliche und eine nicht-friedliche Lösung gegenüber.
Beim Sehen erstaunte mich, auch wenn nur die bekannten Genretopoi abgehandelt werden, wie einfach die Filmgeschichte tagespolitisch interpretiert werden kann. Dann wäre Königin Ingrith Donald Trump (wobei sie viel intelligenter, intriganter und besser aussehend ist), ihr die meiste Zeit in einem tiefen Schlaf liegender Mann die willenlose republikanische Partei, Maleficent und die Feen die fälschlich für alles Böse verantwortlichen Mexikaner und die Kinder Philipp und Aurora Romeo und Julia, die an einen Frieden zwischen Menschen- und Feenwelt glauben. Am Ende steht dann eine versöhnliche Botschaft über das Zusammenleben. Denn selbstverständlich gewinnt nicht die böse, Hass und Zwietracht säende Menschenkönigin, sondern die auf Liebe, Vertrauen und friedliches Zusammenleben setzende Aurora.
Kinder – und für sie ist der Film trotz seiner für mich unverständlichen Ab-12-Jahre-Freigabe – werden diese realpolitischen Implikationen nicht bemerken, sondern eine herzige Liebesgeschichte mit Humor und vielen fabelhaften Wesen in einer bunten Mittelalter-Fantasywelt sehen und hoffen, dass die Prinzessin den Prinzen bekommt.
Ein wirklich guter Film ist „Maleficent: Mächte der Finsternis“ nicht. Dazu ist die Geschichte zu vorhersehbar und mit zwei Stunden arg langsam erzählt. Aber Maleficents zweites Kinoabenteuer ist deutlich gelungener als „Maleficent – Die dunkle Fee“.
Maleficent: Mächte der Finsternis (Maleficent: Mistress of Evil, USA 2019)
Regie: Joachim Rønning
Drehbuch: Micah Fitzerman-Blue, Noah Harpster, Linda Woolverton (nach einer Geschichte von Linda Woolverton)
mit Angelina Jolie, Elle Fanning, Harris Dickinson, Michelle Pfeiffer, Sam Riley, Chiwetel Ejiofor, Ed Skrein, Robert Lindsay, David Gyasi, Jenn Murray, Juno Temple, Lesley Manville, Imelda Staunton
Seit einigen Jahren verfilmt Disney seine Klassiker noch einmal. Dieses Mal nicht als Zeichentrickfilm, sondern als Live-Action-Abenteuer, also einer Mischung aus mehr oder weniger vielen Schauspielern und Computeranimationen. Oft inszeniert von sehr bekannten Regisseuren, wie zuletzt Tim Burton („Dumbo“) und Guy Ritchie („Aladdin“). An der Kinokasse sind diese nicht immer gelungenen Neuverfilmungen sehr erfolgreich.
Jetzt erlebt „Der König der Löwen“ die Live-Action-Behandlung. Vor fünfundzwanzig Jahren war dieser Disney-Trickfilm ein weltweiter Erfolg. Er war 1994 der erfolgreichste Film des Jahres, spielte gut eine Milliarde US-Dollar ein und ist im Moment der klassische Trickfilm mit dem höchsten Einspiel.
Als Regisseur für die Neuverfilmung dieses Disney-Klassikers wurde Jon Favreau engagiert. Aktuell ist er als Happy Hogan in „Spider-Man: Far from Home“ im Kino. Bereits 2016 verfilmte er für Disney „The Jungle Book“ als Live-Action-Abenteuer neu. Der Film überzeugte in seiner Interpretation als Abenteuergeschichte. Das kann über seinen „Der König der Löwen“, der verdammt nah an einem 1-zu-1-Remake ist, nicht gesagt werden.
Drehbuchautor Jeff Nathanson veränderte die aus dem Trickfilm und dem ebenfalls erfolgreichen Musical bekannte Geschichte nicht. Die damaligen Hits wurden ohne große Änderungen neu eingesungen und Elton John spendierte den neuen Song „Never too late“, während Hans Zimmer wieder in afrikanischen Motiven badet.
Schließlich spielt der Film in Afrika. Im Geweihten Land freuen sich Löwenkönig Mufasa und seine Frau Sarabi über ihren gerade geborenen Sohn Simba. Der Löwenjunge soll später Mufasas Platz einnehmen. Als Löwenkind tobt er mit seiner Freundin Nala durch die Savanne.
Währenddessen sieht sich Mufasas missgünstiger Bruder Scar als rechtmäßigen Herrn des Geweihten Landes. Um den Thron zu besteigen, beschließt er, Mufasa zu töten. Als er mit den Hyänen seinen Plan durchführt, kann er Mufasas Tod so inszenieren, dass Simba sich für den Tod seines Vaters verantwortlich fühlt.
Der kleine Löwe flüchtet aus dem Geweihten Land und trifft das Erdmännchen Timon und das Warzenschwein Pumbaa. Die beiden Kumpel zeigen ihm eine andere Welt, die im wesentlichen eine Fortsetzung von Simbas unbeschwerter, in den Tag hineinlebender Kindheit und Jugend ist.
Als Simba ausgewachsen ist, taucht Nala auf. Sie erzählt ihm, was inzwischen in seinem alten Reich geschehen ist. Scar und die Hyänen errichteten eine Schreckensherrschaft und wirtschafteten das einst prächtige Land herunter.
Nach einem kurzen Zögern und weil Nala von ihm enttäuscht ist, entschließt er sich zur Rückkehr und zum Kampf gegen Scar.
Im Gegensatz zum Original dauert Jon Favreaus Neuverfilmung nicht knappe neunzig Minuten, sondern zwei Stunden, in denen man die überaus gelungenen und sehr, sehr lebensecht aussehenden Animationen bewundern kann. Allerdings fallen auch alle Schwächen der Geschichte auf. Eigentlich wird keine Geschichte, sondern eine Abfolge von lose zusammenhängenden Episoden erzählt, deren Wendepunkte exakt in der Minute sind, die in der Syd-Field-Schule empfohlen wird. So dauert es eine Stunde, bevor Simba seine Heimat und damit den Schutz seiner Familie verlässt. Der Grund ist der Tod seines Vaters, für den er sich verantwortlich fühlt. Eine halbe Stunde später redet er dann mit seiner plötzlich aufgetauchten Freundin Nala über eine Rückkehr und es geht zurück zum Schlusskampf.
Aufgrund der Filmlänge fällt auch auf, dass Simba ein ziellos durch die Geschichte stolpernder Protagonist ist. So etwas wie ein eigener Wille ist nicht erkennbar und nicht nötig. Denn Kraft seiner Geburt ist er der rechtmäßige Erbe von Mufasas Königreich. Bezweifelt wird diese Thronfolge nur von Mufasas Bruder Scar.
Dazu kommt das erschreckend konservative, niemals hinterfragte Gesellschaftsbild, in dem der Platz von jedem Lebewesen von der Natur vorgegeben ist. In dieser Welt hat Simba den Anspruch auf die Herrschaft, weil er der Sohn des Königs ist und weil die Löwen die herrschende Rasse sind. Das wurde so auch im Original-„Der König der Löwen“ gezeigt. Aber mit lebensecht aussehenden, sprechenden und damit in jeder Beziehung menschlichen Tieren und ausführlich dargestellt, hat dieses Bild einer Gesellschaft, in der alles vorherbestimmt ist und jedes Tier seinen festen und unveränderbaren Platz auf der Futterleiter hat, einen mehr als unangenehmen Beigeschmack.
Auch bei seinen neuen Freunden Timon und Pumbaa ändert sich dieser Determinismus nicht. Sie erzählen ihm zwar von ihrem sorgenfreien Leben und dass bei ihnen alles anders ist. Danach verzehren sie genussvoll Raupen, die ja auch Lebewesen sind. Das bricht, trotz vollmundiger Ankündigung, nicht aus dem von fressen und gefressen werden bestimmten Kreislauf des Lebens aus.
Nach dem überaus gelungenem „The Jungle Book“ ist Jon Favreaus zweiter Disney-Live-Action-Film eine Enttäuschung mit sehr schönen und sehr echt aussehenden Bildern.
Der König der Löwen (The Lion King, USA 2019)
Regie: Jon Favreau
Drehbuch: Jeff Nathanson (nach dem 1993er „Der König der Löwen“-Drehbuch von Irene Mecchi, Jonathan Roberts und Linda Woolverton)
mit (im Original den Stimmen von) Donald Glover, Beyoncé Knowles-Carter, James Earl Jones, Chiwetel Ejiofor, Seth Rogen, Billy Eichner, Florence Kasumba
New York, 1841: Solomon Northup wird von Sklavenhändlern entführt und in die Südstaaten verkauft.
Steve McQueens grandioser Film schildert die wahre Geschichte von Solomon Northup. Der vielfach ausgezeichnete und hochgelobte Film erhielt, unter anderem, den Oscar als Bester Film.
Der Marsianer – Rettet Mark Watney (The Martian, USA 2015)
Regie: Ridley Scott
Drehbuch: Drew Goddard
LV: Andy Weir: The Martian, 2011/2014 (Der Marsianer)
Wegen eines Sturms wird die erste bemannte Marsmission hastig abgebrochen und, durch eine Verkettung unglücklicher Umstände, Crewmitglied Mark Watney auf dem Mars zurückgelassen. Weil auch jede Funkverbindung unterbrochen ist, beginnt Watney sich auf dem Mars einzurichten. Bis Hilfe kommt…
Hochspannendes und realistisches SF-Abenteuer, mit einer ordentlichen Portion Humor. „Der Marsianer“ war ein Erfolg bei der Kritik und dem Publikum. Er ist einer von Scotts besten Filmen.
mit Matt Damon, Jessica Chastain, Kristen Wig, Jeff Daniels, Michael Pena, Kate Mara, Sean Bean, Sebastian Stan, Aksel Hennie, Chiwetel Ejiofor, Donald Glover, Benedict Wong, Mackenzie Davis
Wiederholung: Montag, 23. April, 01.45 Uhr (Taggenau!)
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Die Vorlage
Andy Weir: Der Marsianer – Rettet Mark Watney (übersetzt von Jürgen Langowski) Heyne, 2015 512 Seiten
9,99 Euro
– Deutsche Erstausgabe
Heyne, 2014
– Originalausgabe
The Martian
2011 (online)
(gedruckt 2014 bei Crown und Del Rey)
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Bonushinweis
Der zweite Roman von Andy Weir ist erschienen. In „Artemis“ es um einen Mord auf dem Mond. Und der Täter ist einer der zweitausend Bewohner der Mondstadt Artemis. Der Ermordete hat vorher Jazz Bashara beauftragt, eine Aluminiumfirma zu sabotieren. Aber Jazz wird bei ihrem Sabotageakt erwischt und muss jetzt herausfinden, wer der Mörder ist.
Klingt nach einer ganz anderen Art von Spannung als Weir Hard-SF-Debüt „Der Marsianer“. Und das ist schon einmal sehr erfreulich.