Neu im Kino/Filmkritik: Was geschieht in diesen „Backrooms“?

Juni 18, 2026

Zum Glück orientiert sich der Film am ersten Trailer. Der zweite Trailer lässt einen generischen 08/15-Horrorfilm erwarten, in dem Menschen von einem Monster mehr oder weniger blutig, mehr oder weniger schrecklich durch dunkle Räume gejagt und fotogen ermordet werden.

Backrooms“ verlässt sich dagegen auf die Idee der Backrooms, der kafkaesken Hinterzimmer, in denen mal nichts, mal teils deformierte Möbel und und auch andere Gegenstände herumliegen. Vieles sieht aus, als habe jemand sie hergestellt, der die Originale nicht kennt. Die Wände, Decken und Böden schimmern in einem kränklichen Ocker; eigentlich haben sie keine Farbe, sondern einen Platzhalter-Farbton. Ein Raum führt in die nächsten Räume. Einige spätere Räume erinnern an seltsam verschobene Küchen und funktionslose Freizeiträume. Manchmal scheint man am Ende des Ganges auch einen anderen Menschen zu erblicken. Und es gibt seltsame Geräusche und nicht minder seltsame Stimmen.

Es ist ein M.-C.-Escher-würdiges Labyrinth, das Clark (Chiwetel Ejiofor) im Sommer 1990 erkundet. Es ist im Keller des von ihm geführten, kurz vor der Pleite stehenden Möbelgeschäftes, das in einem Vorort von Silicon Valley ist. Der Zugang erfolgt indem man einfach an einer bestimmten Stelle der Wand durch die Wand geht. Danach ist man in Räumen, die viel größer als das Möbelgeschäft sind und die keine erkennbare Funktion haben.

Zuerst erkundet er die Räume allein, dann mit seiner Angestellten Kat (Lukita Maxwell) und ihrem Freund Bobby (Finn Bennett). Sie sollen bezeugen können und auf Video aufnehmen, was er sieht. Sonst wird ihm niemand glauben. So ist seine Psychologin Dr. Mary Kline (Renate Reinsve), als er ihr davon erzählt, skeptisch. Er ist bei ihr wegen seiner gescheiterten Ehe, seiner ebenso gescheiterten Karriere als Architekt, seinen Wutausbrüchen und seiner generell instabilen Psyche in Behandlung. Es klingt auch ziemlich irre, was er ihr erzählt. Trotzdem folgt sie ihm später durch die Wand in die Backrooms.

Die Idee dafür hatte der heute Zwanzigjährige Kane Parsons als Sechzehnjähriger. Inspiriert von einer Internet-Horrorgeschichte, einer Creepypasta, experimentierte er mit der Open-Source-3D-Software Blender und Adobe After Effects und dem Konzept von Liminal Spaces herum, also unbewohnten Orten, Nicht-Orten und Transiträumen. In diesem Fall sind es Räume, die mehr Skizzen als echte Räume sind. Seinen ersten Film lud er 2022 auf YouTube hoch. Innerhalb von zwei Wochen wurde der neunminütige Clip zwanzig Millionen Mal aufgerufen. Seitdem erstellte er 24 weitere Episoden und Hollywood klopfte an seine Tür.

Mit seinem Spielfilmdebüt „Backrooms“ übertrug er dieses Konzept mit TV-Drehbuchautor Will Soodik auf die große Leinwand. Innerhalb weniger Tage wurde der 10 Millionen US-Dollar teure Horrorfilm zu einem riesigen Kassenerfolg und dem erfolgreichsten Film von A24. In den USA spielte er seit seinem Kinostart am 29. Mai etwas über 160 Millionen US-Dollar und weltweit über 250 Millionen US-Dollar ein. Um die Zahlen besser einordnen zu können helfen einige Vergleiche: „Masters of the Universe“ spielte in den USA bislang keine 50 Millionen US-Dollar und „Star Wars: The Mandalorian & Groku“ etwas über 160 Millionen US-Dollar ein. „Backrooms“ ist aktuell der zweiterfolgreichste Horrorfilm des Jahres; auf dem ersten Platz steht „Obsession“ (der bei uns am 25. Juni anläuft).

Neben den die Buchhalter in einen Glücksrausch versetzenden Zahlen überzeugt „Backrooms“ auch als Horrorfilm. In für einen Spielfilm, vor allem für einen Horrorfilm, unüblichen langen Einstellungen erzählt Kane Parsons eine Geschichte, die vor allem von ihrer Atmosphäre lebt. Die riesigen menschenleeren und funktionslosen Räume und die Geräusche beunruhigen. Die Räume wirken immer etwas falsch. Und die Hauptfiguren haben mit seelischen Problemen zu kämpfen. Parsons lässt sich auf seine Figuren und ihr Gefühlsleben ein. Und er erklärt fast nichts. Das führt dazu, dass die Erklärung am Filmende zugleich zu viel und zu wenig erklärt.

Aber das ist bestenfalls ein kleiner Kritikpunkt an diesem überzeugendem Debütfilm eines überraschend jungen Regisseurs. Wenn man nicht wüsste, dass Parsons erst zwanzig Jahre alt ist, würde man einen älteren Regisseur hinter der Kamera vermuten.

Selbstverständlich wird es weitere Filme geben, die in der Welt der Backrooms spielen. Davor dürfte „Backrooms“, zu Recht, auf einigen Jahresbestenlisten auftauchen.

Backrooms (Backrooms, USA 2026)

Regie: Kane Parsons

Drehbuch: Will Soodik

mit Chiwetel Ejiofor, Renate Reinsve, Mark Duplass, Lukita Maxwell, Finn Bennett

Länge: 111 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot ober „Backrooms“

Metacritic über „Backrooms“

Rotten Tomatoes über „Backrooms“

Wikipedia über „Backrooms“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: Über Joachim Triers Cannes-Gewinner „Sentimental Value“

Dezember 5, 2025

Das Auftauchen von ihrem Vater Gustav Borg (Stellan Skarsgård) im Elternhaus bei einer Gedenkfeier für ihre nach langer Krankheit verstorbene Mutter führt bei seinen Töchtern Nora (Renate Reinsve) und Agnes (Inga Ibsdotter Lilleaas) zu einer intensiven Beschäftigung mit ihrer Vergangenheit.

Nora ist, wie wir aus der wundervollen, vor allem hinter der Theaterbühne spielenden Eröffnungssequenz von Joachim Triers neuem Film „Sentimental Value“ wissen, eine begnadete Schauspielerin mit extremem Lampenfieber. Ihre jüngere Schwester Agnes ist verheiratet und hat einen neunjährigen Jungen. Mit ihrem Vater Gustav haben sie schon lange keinen Kontakt mehr. Sie vermissen ihn auch nicht.

Gustav Borg ist ein international bekannter Regisseur, der während ihrer Kindheit meistens drehte. Manchmal engagierte er Familienmitglieder, die er während des Drehs vor allem emotional gnadenlos ausbeutete. Die Kritik lobte anschließend die Leistungen der von ihm geführten Schauspieler. Auch der Kinder. Daneben war die Familie die Inspiration für seine Filme. Material eben, das er nach Belieben formte bis es zu seiner künstlerischen Vision passte. Sein letzter Erfolg liegt schon einige Zeit zurück. Das ist der ziemlich schnell offensichtlich werdende Grund, um Nora eine Rolle in seinem neuen Film anzubieten, die er speziell für sie geschrieben habe. Nora sagt dankend ab. Dafür gelingt es ihm, den ehemaligen US-Kinderstar Rachel Kemp (Elle Fanning) für sein neuestes selbstverständlich autobiographisch inspiriertes, tief in die Familiengeschichte eintauchendes Werk zu engagieren.

Joachim Triers neuer Film „Sentimental Value“ erhielt in Cannes den Großen Preis der Jury. Seit seiner Premiere wird er von der Kritik fast einhellig abgefeiert. Aktuell ist er in acht Kategorien, u. a. als Bester Film, für den Europäischen Filmpreis nominiert.

Das Drama ist eine selbstverständlich gut inszenierte und gespielte Familienaufstellung. Trier erzählt sie, subtil und nordisch unterkühlt, etwas langsam, mit milder Ironie und Sympathie für seine ziemlich normale Figuren und ihre Probleme. Gleichzeitig, immerhin stehen ein Großregisseur und eine Star-Schauspielerin im Mittelpunkt, gibt Trier einen Einblick in das Filmgeschäft und den Zusammenhang zwischen Künstler, Werk und Leben. Das garniert Trier mit ebenso wohldosierten wie absehbaren Pointen und sattsam bekannten Spitzen gegen den Kulturbetrieb. Aus diesen interessanten Teilen entwickelt sich allerdings keine klare Story.

Stattdessen plätschert das Drama wie eine Therapiestunde, bei der man stummer Beobachter ist, episch vor sich hin. Es ist gut, aber nie wirklich mitreißend.

Sentimental Value (Affeksjonsverdi, Norwegen/Frankreich/Dänemark/Deutschland/Schweden 2025)

Regie: Joachim Trier

Drehbuch: Eskil Vogt, Joachm Trier

mit Renate Reinsve, Stellan Skarsgård, Elle Fanning, Inga Ibsdotter Lilleaas, Anders Danielsen Lie, Jesper Christensen, Lena Endre, Cory Michael Smith, Catherine Cohen, Andreas Stoltenberg Granerud, Øyvind Hesjedal Loven, Lars Väringer

Länge: 133 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Filmportal über „Sentimental Value“

Moviepilot über „Sentimental Value“

Metacritic über „Sentimental Value“

Rotten Tomatoes über „Sentimental Value“

Wikipedia über „Sentimental Value“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Joachim Triers „Der schlimmste Mensch der Welt“ (Verdens verste menneske, Norwegen/Frankreich/Schweden/Dänemark 2021)


Neu im Kino/Filmkritik: „Der schlimmste Mensch der Welt“ ist gar nicht so schlimm

Juni 5, 2022

Subjektiv mag Julie (Renate Reinsve) sich für den titelgebenden „schlimmsten Mensch der Welt“ halten. Objektiv ist das Quatsch. Auch wenn wir Julie nicht mit Bösewichtern wie Adolf Hitler und Josef Stalin, sondern mit Menschen vergleichen, die für ihre Freunde und Verwandten das Leben zur Hölle machen. Julie ist da nur eine normal verunsicherte junge Frau um die Dreißig, die noch nicht weiß, was sie mit ihrem Leben machen soll. Entsprechend oft hat sie ihr Studienfach und ihre Liebhaber gewechselt. Für die große Karriere interessiert sie sich nicht. Bei Männern ist sie etwas unentschlossen. Jedenfalls nachdem sie auf einer Party Eivind (Herbert Nordrum) begegnet und beginnt, an ihrer Beziehung zu dem deutlich über zehn Jahre älterem Comiczeichner Aksel (Anders Danielsen Lie) zu zweifeln.

Aktuell wird Joachim Triers neuer Film „Der schlimmste Mensch der Welt“ überall verdient abgefeiert. Schließlich ist die in jeder Beziehung privilegierte Julie ziemlich liebenswert und die Entscheidung ihre Geschichte als romantische Komödie zu inszenieren, hilft. Wobei Joachim Trier („Louder than Bombs“, „Oslo, 31. August“) seine RomCom skandinavisch unterkühlt und damit ohne den verlogenen Hollywood-RomCom-Zuckerguß erzählt.

Der schlimmste Mensch der Welt (Verdens verste menneske, Norwegen/Frankreich/Schweden/Dänemark 2021)

Regie: Joachim Trier

Drehbuch: Eskil Vogt, Joachim Trier

mit Renate Reinsve, Anders Danielsen Lie, Herbert Nordrum, Hans Olav Brenner, Helene Bjørneby, Harald Vidar Sandem, Maria Grazia de Meo, Lasse Gretland, Karen Røise Kielland

Länge: 128 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „Der schlimmste Mensch der Welt“

Metacritic über „Der schlimmste Mensch der Welt“

Rotten Tomatoes über „Der schlimmste Mensch der Welt“

Wikipedia über „Der schlimmste Mensch der Welt“ (deutsch, englisch)