
In einigen Wochen besucht Joe Hill Deutschland. Im Gepäck hat er seinen neuen Horrorroman. „King Sorrow“, in Deutschland in zwei Bänden erschienen, ist Hills bislang umfangreichstes Werk handelt. Dabei sind auch seine vorherigen vier Romane ziemliche Wälzer. Kürzer sind seine Comics und Kurzgeschichten. „King Sorrow“ kann auch als eine zwischen 1989 und 2022 spielende Zusammenstellung von Kurzgeschichten gelesen werden.
In einer Nacht beschwören die Freunde Arthur Oakes, Donna McBride, Donovan ‚Van‘ McBride, Gwen Underfoot, Colin Wren und Allison ‚Allie‘ Shiner, eher als Spaß, den titelgebenden King Sorrow herauf. Fortan verlangt er von den Jugendlichen jedes Jahr zu Ostern ein Menschenopfer, das jedes Jahr von einem anderen aus dem Freundeskreis benannt wird. Wen King Sorrow umbringt, ist ihm egal.
Über die nächsten Jahrzehnte wählen die Freunde immer wieder böse Menschen und Organisationen aus. Die Zahl der Opfer ist King Sorrow nämlich auch egal. Dabei fragen sie sich, ob sie auch die richtigen Menschen ausgewählt haben. Also: verhindern sie Leid und machen die Welt zu einem besseren Ort oder verschlimmern sie die Lage? Oder ist es letztendlich egal, wen sie auswählen? Geschützt sind sie durch ein unsichtbares Zeichen auf ihrer Brust. Wenn sie es berühren, kommt King Sorrow und tötet die Menschen, die sie bedrohen.
Schnell empfinden sie King Sorrow als eine Belastung. Jedes Jahr müssen sie, wenn sie nicht selbst sterben wollen, einen Mordauftrag geben. Dabei wollen sie keine Menschen umbringen. Jahre nach King Sorrows erstem Auftritt lehrt Arthur als Professor in Oxford. Dort könnte er einen Weg gefunden haben, wie sie sich von King Sorrow und dem auf ihnen lastendem Fluch befreien können.
Jede Zusammenfassung, Synopse und Klappentext liest sich interessanter als der Roman. Denn Joe Hill wählt einen weitgehend spannungstötenden Weg, die gut 1200-seitige Geschichte zu erzählen. Er unterteilt sie in fünf „Bücher“, vier deutlich kürzere „Zwischenspiele“ und einen Epilog. Es sind weitgehend eigenständige Kurzgeschichten mit wechselnden Protagonisten, in denen ein sich über viele Seiten erstreckendes Abenteuer erzählt wird. Dieses besteht einmal aus einer gefährlichen Situation in einem voll besetztem Passagierflugzeug. King Sorrow will während des Fluges neben seiner Zielperson alle Passagiere und die Besatzung töten. Weil Allie das verhindern will, steigt sie ebenfalls in das Flugzeug ein. Denn dann kann der Dämon sein Werk nicht vollenden. Oder? In einem anderen „Buch“ wurden die Geschwister Donna und Van in ein irgendwie von der US-Regierung geführtes, privates Geheimgefängnis entführt. Ihre Entführer wollen mehr über den Dämon herausfinden. Letztendlich wollen sie den Dämon für sich benutzen. Donna und Van wollen das nicht. Aber wie können sie sich aus ihrer Lage befreien? Denn ihre Hände sind so gefesselt, dass sie nicht ihre Brust berühren können. Sie können King Sorrow nicht zur Hilfe rufen. In einem anderen „Buch“ begibt Arthur sich in der englischen Provinz mit Colin, der inzwischen ein Vermögen angehäuft hat, als Begleiter in eine Höhle. Ein Troll führt sie durch das Labyrinth zu einem mythischen Gegenstand, mit dem sie King Sorrow besiegen können. Jedenfalls glaubt Arthur das. Aber vielleicht irrt er sich – und natürlich müssen die beiden Freunde mit dem Gegenstand die Höhle verlassen. In diesen in sich abgeschlossenen Geschichten informiert Joe Hill nebenbei über Ereignisse, die zwischen den „Büchern“ und „Zwischenspielen“ geschehen. Oft berichtet er auch einfach von Ereignissen; also anstatt den Leser miterleben zu lassen, was geschah, werden wir in einem Absatz über durchaus wichtige Ereignisse und Entscheidungen informiert, die unsere blass bleibenden Dämonenbeschwörer betreffen. Beispielsweise wie sie ihre Opfer auswählten oder was zwischen den einzelnen, sich normalerweise innerhalb kurzer Zeit abspielenden Ereignissen in den „Büchern“ und „Zwischenspielen“ geschah. Hill erzählt, mit Anspielungen auf historische Ereignisse, wie sich das Leben der Jugendfreunde über dreißig Jahre entwickelt. Einige erleben dabei das Ende des Buches nicht.
Als Leser bleibt man dran, weil man weniger das Gefühl hat, einen 1200-seitigen Roman zu lesen, sondern mehr das Gefühl hat, mehrere Kurzgeschichten zu lesen. Die Geschichten bedienen verschiedene Genres. Das sorgt für Abwechslung. Die Kapitel sind kurz. Und schon stellt sich ein Pageturner-Effekt ein.
Am Ende ist man trotzdem nicht zufrieden, sondern verärgert darüber, wie wenig Joe Hill aus der Idee machte.
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Joe Hill: King Sorrow I
(übersetzt von Stefanie Adam und Kristof Kurz)
Heyne, 2026
592 Seiten
24 Euro
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Joe Hill: King Sorrow II
(übersetzt von Stefanie Adam und Kristof Kurz)
Heyne, 2026
640 Seiten
24 Euro
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Originalausgabe
King Sorrow
William Morrow, 2025
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Joe Hill liest am
Freitag, den 23. Oktober, in München
Samstag, den 24. Oktober, in Berlin
Sonntag, den 25. Oktober, in Gelsenkirchen (Mord am Hellweg)
Montag, den 26. Oktober, in Köln
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Hinweise
Perlentaucher über Joe Hills „King Sorrow“
Bookmarks über Joe Hills „King Sorrow“
Deutschsprachige Joe-Hill-Fanseite
Wikipedia über Joe Hill (deutsch, englisch)
Meine Besprechung von Joe Hill/Stephen King/Richard Mathesons „Road Rage“ (Road Rage, 2012)