Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Über Ridley Scotts Peter-Heller-Verfilmung „Das Ende der Sterne“

Neun Jahre nachdem eine Grippe ungefähr die gesamte Menschheit dahinraffte – Das müsst ihr als Prämisse einfach so akzeptieren. Außerdem handelt es sich um eine Science-Fiction-Geschichte. – leben Hig (Jacob Elordi), sein Hund Jasper und der militärische geschulte Überlebensexperte Bruce Bangley (Josh Brolin) in der Nähe von Denver auf einem Provinzflugplatz. Hig fliegt mit seiner Cessna die Gegend ab. Er sucht nach Auffälligkeiten. Das sind vor allem andere Menschen, die sie bedrohen könnten. In regelmäßigen Abständen fliegt er in die Stadt und holt Vorräte. Ab und an besucht er eine Mennoniten-Gemeinde, die ebenfalls die Seuche überlebte. Bangley erschießt alle Menschen, die in Schußweite ihres Flughafens kommen. Es ist ein eintöniges Leben.

Das ändert sich, als Hig sich entschließt, einem von dem Flughafen Grand Junction kommendem Funkspruch zu folgen. Mit dem Benzin, das er in seiner Cessna mitnehmen kann, kann er Grand Junction gerade so erreichen.

Outdoor-Fanatiker Peter Heller hat sich diese Geschichte ausgedacht, die Ridley Scott jetzt sehr kontemplativ verfilmte. Obwohl es in dem zweistündigem Film viel Action gibt – mehrere Angriffe und große Kämpfe in Gebäuden und, meistens, der freien Natur, eine Notlandung (im Film, nicht im Buch) -, beherrscht ein Gefühl der Ruhe, Friedfertigkeit und auch Empathie den Science-Fiction-Film. In den ersten Minuten, wenn Scott zeigt, wie Hig und Bangley in ihrer Männer-WG auf einem verlassenem Provinzflughafen zusammen leben und wie Hig die Beobachtungs- und Besorgungsflüge absolviert, etabliert Scott die Stimmung. Auch später sind ihm die ruhigen Momente, wenn Hig über die Wälder fliegt oder, nach einer Notlandung, eine Startbahn präpariert, wichtiger als die Action.

Damit setzt Scott einen Gegenpunkt zu den üblichen Dystopien, in denen in einer unwirtlichen Welt alle Errungenschaften der Zivilisation zugunsten des für Action guten, für die Realität und die Bildung einer Gemeinschaft untauglichen Faustrecht des jeder gegen jeden regiert. Es ist aber auch eine Welt die im Film und im Buch erstaunlich blass bleibt. Es gibt keine Erklärung für die Seuche, das Sterben der Menschheit und die immer noch vorhandenen Lebensmittel. Wobei, zugegeben, das das geringste Problem der Geschichte ist. Wenn plötzlich alle Menschen tot sind, halten die Vorräte an Sprite und Cola ewig.

Während der aus Higs Perspektive erzählte Roman es größtenteils bei ruhigen Naturbetrachtungen und einer kleinen Gruppe sich zusammenfindender Menschen in einer menschenleeren Landschaft belässt, bevorzugt der Film vor allem nach Higs Aufbruch mit einer Notlandung, Angriffen größerer durch die Landschaft marodierender Gruppen und der Grand-Junction-Episode immer wieder das Spektakel. Vor allem die Grand-Junction-Episode ist im Film viel größer als im Roman. Sie ist gleichzeitig satirisch überspitzt, erinnerungswürdig (auch dank Allison Janney als Herrscherin von Grand Junction) und in jeder Beziehung vollkommen sinnfrei. Sie kümmert sich in keinster Weise um die vorher etablierte Welt.

Hier wie auch in fast allen Episoden, in denen Menschen, also Hig, Bangley, Pops (Guy Pearce) und seine Tochter Cima (Margaret Qualley), auf andere Menschen treffen, regiert das Faustrecht und es wird munter, wie wir es auch aus anderen Endzeit-Dystopien zwischen „Mad Max“ und „The Walking Dead“ oder, für die literarisch versierten, „The Road“ kennen, gemordet, während die Protagonisten durch eine menschenleere Landschaft stolpern.

So stecken der Roman (weniger, weil es weniger Tote gibt) und der Film (mehr, weil es mehr Tote gibt) in einem seltsamen Zwiespalt zwischen behaupteter Botschaft, friedlicher Stimmung und dem Gezeigten. Durchgängig zeigt Scott Szenen, in denen umstandlos gemordet wird. Die ruhigen Momente zeigen dann kleine und kleinste Gruppen von Menschen, die isoliert voneinander leben, die nicht auf andere Menschen treffen wollen und die letztendlich nur auf ihren Tod warten. Denn ohne Kinder würde auch der Rest der Menschheit innerhalb weniger Jahre sterben. Die friedliche und überaus hilfsbedürftige Mennoniten-Gemeinde, die Hig besucht, bleibt Staffage. Mehr als die behauptete Utopie eines friedlichen Zusammenlebens ist sie nicht.

Entsprechend unvermittelt und mit dem visuellen Zaunpfahl wird am Ende von „Das Ende der Sterne“ die Botschaft in den Kinosaal gehämmert. Die einzige Figur, die in dem Moment eine aus dem Nichts kommende Wandlung erfährt, ist Bangley.

Das Ende der Sterne“ ist ein spannungsfreies Stimmungsstück mit Naturaufnahmen und, je nach Zählung, drei bis fünf eindimensional sympathischen Menschen, die all die Abenteuer erleben, die wir auch aus anderen Dystopien kennen und die dieses Mal von einer positiven Botschaft, nämlich dass Menschen Menschen brauchen und ein Zusammenleben möglich und wünschenswert ist, ummäntelt werden.

Das gilt gleichermaßen für den Roman und den Film. Drehbuchautor Mark L. Smith veränderte einiges an Hellers Geschichte, aber letztendlich blieb er dem Roman treu. Scott liefert dazu den Film mit schönen Menschen in schöner Landschaft mit schöner Musik. Das hat durchaus seinen Charme, ist aber auch etwas langweilig und durchgehend vorhersehbar.

Das Ende der Sterne (The Dog Stars, USA 2026)

Regie: Ridley Scott

Drehbuch: Mark L. Smith

LV: Peter Heller: The Dog Stars, 2012 (Das Ende der Sterne, wie Big Hig sie kannte; Das Ende der Sterne)

mit Jacob Elordi, Josh Brolin, Margaret Qualley, Guy Pierce, Benedict Wong, Allison Janney

Länge: 119 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Die Vorlage

Peter Heller: Das Ende der Sterne

(übersetzt von Eva Bonné)

Heyne, 2026

384 Seiten

14 Euro

Originalausgabe

The Dog Stars

Knopf, 2012

Deutsche Erstausgabe

Das Ende der Sterne, wie Big Hig sie kannte

Eichborn, 2013

Hinweise

Moviepilot über „Das Ende der Sterne“

Metacritic über „Das Ende der Sterne“

Rotten Tomatoes über „Das Ende der Sterne“

Wikipedia über „Das Ende der Sterne“ (Buch; Film: deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Ridley Scotts “Prometheus” (Prometheus, USA 2012)

Meine Besprechung von Ridley Scotts “Exodus – Götter und Könige (Exodus – Gods and Kings, USA 2014)

Meine Besprechung von Ridley Scotts „Der Marsianer – Rettet Mark Watney“ (The Martian, USA 2015)

Meine Besprechung von Ridley Scotts „Alien: Covenant“ (Alien: Covenant, USA 2017)

Meine Besprechung von Ridley Scotts „Alles Geld der Welt“ (All the Money in the World, USA 2017)

Meine Besprechung von Ridley Scotts „The Last Duel“ (The Last Duel, USA 2021)

Meine Besprechung von Ridley Scotts „House of Gucci“ (House of Gucci, USA 2021)

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