„Paper Girls 2“: in der Gegenwart, aber nicht am Ziel ihrer Reise

August 23, 2017

Am Ende des ersten Bandes von „Paper Girls“ erleben die vier Teenie-Zeitungsausträgerinnen Erin, Tiffany, MacKenzie und KJ, nachdem sie 1988 am Halloweenmorgen in ihrer lauschigen US-Vorstadt Stony Stream auf viele Aliens, die ihnen mehr oder weniger freundlich gesonnen waren und die mehr oder weniger menschlich waren, trafen, einen Zeitsprung. Sie landen im Jahr 2016 und sie stehen der deutlich älteren Erin Tieng gegenüber.

Die Vierzigjährige glaubt den vier Mädchen, – was einen schon misstrauisch machen sollte -, und versucht ihnen zu helfen. Denn bei dem Zeitsprung ging KJ verloren. Erin, Tiffany und MacKenzie glauben, ihre Freundin in der verlassenen Stony Gate Mall zu finden. Jedenfalls ist das Einkaufszentrum der Ort, den das kleine viereckige Gerät mit dem Apfel-Symbol auf der Rückseite, Erin Tieng verrät, nachdem ihre Benutzer-ID erkannt wurde.

Zur gleichen Zeit tauchen eine weitere Erin Tieng und einige Urviecher, Flugsaurier und riesige Maden auf und die echte Erin (also die Teenie-Erin) entdeckt in der Shopping-Mal einen an der Decke schwebenden Hockeyschläger, auf dem steht „Vertrau anderer Erin nicht!!!“.

Nur: welche Erin Tieng ist gemeint?

In dem zweiten „Paper Girls“-Sammelband erzählen Autor Brian K. Vaughan und Zeichner Cliff Chiang die Geschichte flott weiter. Wobei sie dieses Mal fast vollständig auf popkulturelle Anspielungen verzichten und es sich eher um einen Thrillerplot handelt. Immerhin müssen die Mädels innerhalb einer kurzen Zeit an einem bestimmten Ort sein.

Auch der zweite Band liefert prächtige Unterhaltung und man will wissen, wie die Geschichte der jungen Zeitungsausträgerinnen (das dürfte in den USA auch einer der bedrohten Berufe sein) Erin, Tiffany, MacKenzie und KJ weiter geht.

Letztes Jahr erhielt „Paper Girls“ den Eisner und den Harvey Award als „Beste neue Serie“.

Brian K. Vaughan/Cliff Chiang: Paper Girls 2

(übersetzt von Sarah Weissbeck)

Cross Cult, 2017

144 Seiten

22 Euro

Originalausgabe

Paper Girls, Volume 2

Image Comics, 2017

enthält

Paper Girls # 6 – 10

Hinweise

Homepage von Cliff Chiang

Wikipedia über „Paper Girls“, Brian K. Vaughan (deutsch, englisch) und Cliff Chiang

Meine Besprechung von Brian Azzarellos “Wonder Woman: Blut (Band 1)” (Wonder Woman #1 – 6, 2011/2012)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Goran Sudžuka/Cliff Chiangs „Wonder Woman: Königin der Amazonen (Band 6)“ (Wonder Woman # 30 – 35, 2014)

Meine Besprechung von Brian K. Vaughan/Cliff Chiangs „Paper Girls 1“ (Paper Girls, Volume 1, 2016)


„Chew – Bulle mit Biss!“ feiert „Die letzten Abendmahle“

August 21, 2017

Als wir Tony Chu kennen lernten, war er ein Polizist der FDA (Food and Drug Administration), der seit einigen Jahren enorm mächtigen Arznei- und Nahrungsmittelbehörde. Er ist ein humorloser Sturkopf mit einer besonderen, fast einmaligen Fähigkeit. Er ist ein Cibopath, also ein Mensch, der beim Essen die gesamte Geschichte des Gegessenen erlebt. Eine Fähigkeit, die bei Mordaufklärungen durchaus nützlich ist. Wenn auch nicht besonders appetitlich.

Zusammen mit seinem inzwischen mit kypernetischen Implantaten aufgemotzten Kollegen John Colby gehen die beiden Polizisten gegen Menschen vor, die gegen Gesetze verstoßen und Hühnerfleisch essen, zubereiten oder damit handeln. Dieses Handels- und Verzehrverbot wurde erlassen, nachdem eine Vogelgrippe zum Tod von Millionen Menschen führte.

Nach ihrem ersten Comicauftritt begannen die von Autor John Layman und Zeichner Rob Guillory erfundenen Ermittler dann nach den Verantwortlichen für die Hähnchen-Pandemie, die allein in den USA 23 Millionen Opfer forderte, zu suchen. Mal mit-, mal gegeneinander, mal mit, mal gegen andere Ermittler, mit mehr oder weniger viel, mehr oder weniger erwünschter Hilfe von Tonys Familie und mit Poyo. Der komplett durchgeknallte Hahn, der alle 80er-Jahre-Actionhelden vor dem Frühstück verspeisen könnte, ist nach den Ereignissen von „Brust oder Keule“ (Band 9) und „Blutwurst“ (Band 10) in „Die letzten Abendmahle“ (Band 11) allerdings nicht dabei.

Diese Suche nach den Verantwortlichen für die Pandemie ist aber nur der rote Faden für eine zunehmend, positiv gemeint abstrus werdende Comicserie, die von ihren satirischen Überspitzungen und dem Einfallsreichtum der beiden Macher lebt. Denn neben Tony Chu haben viele Menschen besondere Fähigkeiten. Zum Beispiel seine Tochter Olive (die immer wichtiger wird). Sie ist auch Xocoscalperitekerin, d. h. sie kann Waffen aus Schokolade nachbauen, die den Originalen in nichts nachstehen. Sie ist auch Tortaespaderokerin, d. h. sie kann Tortillas in tödliche Waffen verwandeln. Es gibt, was wir erst im neuesten „Chew – Bulle mit Biss!“-Sammelband „Die letzte Abendmahle“ erfahren, auch Cognominutusker (sie können jede Speisekarte in jeder Sprache lesen [keine Ahnung, für was das wirklich nützlich ist]) und Victulocusiriker (sie können einen, wenn man in ihrer Gegenwart speist, an den Herkunftsort des Gerichts bringen; – weshalb mein kein Dinofleisch essen sollte). Alles ist immer satirisch verfremdet gezeichnet und die zahlreichen, munter Zeit und Schauplätze wechselnden Episoden nehmen auf nichts Rücksicht.

Das macht so viel Spaß, dass man wenig Interesse an der Lösung hat. Die wird es Mitte Januar 2018 mit dem nächsten „Chew“-Sammelband „Sauerer Apfel“ geben. Autor John Layman hat schon vor Ewigkeiten gesagt, dass „Chew“ nach sechzig Heften (bzw. 12 Sammelbänden) enden wird.

Als Bonus gibt es im elften „Chew“-Band mit „Chew Revival“ ein Crossover von „Chew“ mit Tim Seeleys Serie, „Revival“, die ebenfalls auf ihr Ende zusteuert.

John Layman/Rob Guillory: Chew – Bulle mit Biss!: Die letzten Abendmahle (Band 11)

(übersetzt von Annika Klapper)

Cross Cult, 2017

128 Seiten

20 Euro

Originalausgabe

Chew Vol. 11: The last suppers

Image Comics, 2016

enthält

Chew # 51 – 55

Hinweise

Homepage von Chew/John Layman

Comicgate: Interview mit John Layman (5. März 2011)

Meine Besprechung von John Layman/Rob Guillorys „Chew – Bulle mit Biss: Leichenschmaus (Band 1)“ (Chew Vol. 1: Taster’s Choice, 2009)

Meine Besprechung von John Layman/Rob Guillorys „Chew – Bulle mit Biss: Reif für die Insel (Band 2)“ (Chew: International Flavor, 2010)

Meine Besprechung von John Layman/Rob Guillorys „Chew – Bulle mit Biss: Eiskalt serviert (Band 3)“ (Chew Vol. 3: Just Desserts, 2010)

Meine Besprechung von John Layman/Rob Guillorys „Chew – Bulle mit Biss!: Flambiert (Band 4)“ (Chew, Vol. 4: Flambé, 2011)

Meine Besprechung von John Layman/Rob Guillorys „Chew – Bulle mit Biss!: Erste Liga“ (Band 5) (Chew Vol. 5: Major Legue Chew, 2012)

Meine Besprechung von John Layman/Rob Guillorys „Chew – Bulle mit Biss!: Space Kekse (Band 6)“ (Chew Vol. 6: Space Cakes, 2013)

Meine Besprechung von John Layman/Jason Fabok/Andy Clarkes „Batman Detective Comics: Der Herrscher von Gotham (Band 3)“ (Detective Comics 13 – 20, 2012/2013)

Ein aktuelles Interview mit kleinen Spoilern zur Geschichte von Chew (bescheidener Sound)


Kurzkritik: Kathrin Lange: Ohne Ausweg

August 17, 2017

Ohne Ausweg“ ist der dritte Roman mit dem Berliner Kommissar Faris Iskander. Nach seinen vorherigen Fällen genießt er in der Hauptstadt eine gewisse Berühmtheit. Normalerweise wäre das für Undercover-Ermittlungen hinderlich, aber in diesem Fall ist es ein Vorteil. Denn so kann um Iskander die Legende gestrickt werden, dass er frustriert von den früheren Ereignissen zum Islam konvertierte und jetzt eine Karriere als Terrorist anstrebt.

Als die für religiös motivierte Verbrechen zuständige LKA-Sondereinheit, deren Mitglied Iskander ist, von einem in wenigen Tagen oder Stunden geplanten Anschlag in Berlin erfährt, wird Iskander in das neue Hochsicherheitsgefängnis in Karlshorst eingeschleust. Der dort inhaftierte Terroristenanführer al-Sadiq soll den Anschlag geplant haben. Iskander soll sein Vertrauen erlangen und so an Informationen über den Anschlag gelangen.

In diese Moment wissen wir, auch ohne die Lektüre des Klappentextes, dass der Anschlag eigentlich von Rechtsextremen geplant wird und dass die Terroristen von Polizisten unterstützt werden.

Kathrin Langes neuen Iskander-Roman kann man als das Zusammentreffen von US-Thrillerplot und deutscher Piefigkeit beschreiben. Mit einem Touch James Patterson. Denn die Handlung schert sich kaum um Glaubwürdigkeit. Dafür gibt es alle paar Seiten (na gut, eher alle paar Dutzend Seiten) eine überraschende Wendung. So gerät Iskander während seinem teils haarsträubend verlaufenden Undercover-Einsatz in eine Knastrevolte, die den gesamten Terroristenplot erst einmal zur Seite schiebt. Wenn Iskander sich dann durch das von Gefangenen besetzte Gefängnis bewegt, scheinen die alle gerade das Gebäude verlassen zu haben. Jedenfalls muss er sich nicht mit den dort inhaftierten Extremisten jeglicher Couleur auseinandersetzen. Plötzlich vermutet die Sondereinheit einen Verräter in den eigenen Reihen und wenige Seiten später ist er enttarnt. Und dann muss noch der große Giftgasanschlag verhindert werden.

Die zahlreichen kleineren Anschläge, die bis dahin ausgeführt werden, würde keine ernsthafte Terrororganisation vor ihrem großen Anschlag ausführen. Sie haben auch keine erkennbaren Auswirkungen auf die Geschichte, die sich innerhalb weniger Stunden abspielt. Sie sind eher eine periodisch eingestreute Erinnerung an den unaufmerksamen Leser, dass es eigentlich um Terroristen geht, die einen sehr gefährlichen Anschlag planen. Währenddessen scheint das normale Stadtleben in Berlin weiterzulaufen, als sei nichts geschehen. Obwohl die Medien darüber berichten. Das ist nicht glaubwürdig und in diesem Fall mit zunehmender Seitenzahl auch nicht spannend.

Kathrin Lange: Ohne Ausweg

Blanvalet, 2017

448 Seiten

9,99 Euro

Hinweise

Homepage von Kathrin Lange

Wikipedia über Kathrin Lange


Kurzkritik: Leonhard F. Seidl: Fronten

August 16, 2017

Was habe ich da gelesen?

Eigentlich fragte ich mich schon während der Lektüre von Leonhard F. Seidls Kriminalroman „Fronten“, was ich da lese. Nach dem Klappentext geht es um einen bosnischen Waffensammler, der im oberbayerischen Auffing auf der Polizeistation Amok läuft, nachdem die Polizei seine Waffen konfiszierte.

Während des Amoklaufs ist auch eine muslimische Ärztin auf der Station. Später wird sie, aus nicht wirklich nachvollziehbaren Gründen, von der Polizei als Verdächtige behandelt.

Und ein ‚Reichsbürger‘ sinnt auf Rache. Unter anderem an der Ärztin.

Das ist die durchaus vielversprechende Ausgangslage, die, nun, auf sehr verschiedenen Wegen zu einem Ende geführt werden kann.

Seidl entschließt sich für einen sehr seltsamen Weg. Während des gesamten Romans springt er von der Gegenwart in die Vergangenheit der drei Protagonisten zurück zu genau datierten, aber eher unspezifischen Tagen in den Jahren 1988, 1995, 2001, 2007, 2013 und 2015. Diese über viele Seiten ausgebreiteten Ereignisse sind wenig interessant. Mit den aktuellen Ereignissen in Auffing haben sie praktisch nichts zu tun. Außer man will, in einer sehr gewagten Ursache-Wirkungskette, einen monokausalen Zusammenhang von einer bestimmten Erziehung oder Demütigung auf ein späteres Verhalten herstellen.

Die Ereignisse in der Gegenwart gewinnen vor allem durch die zusammenfassenden Berichte ihren Zusammenhang. Aber Berichte und Zeitungsartikel sind in einem Roman (oder Film) vor allem ein Mittel, um schnell Informationen zu vermitteln oder eine Perspektive einzufügen, die wichtig ist, aber zu sehr von der Haupthandlung ablenken würde. Manchmal ist das auch der erzählökonomische Weg, um den Protagonisten über bestimmte für ihn wichtige Dinge zu informieren.

In „Fronten“ ersetzen diese Zeitungsartikel und Berichte die Geschichte. So wird über den für den Roman zentralen Amoklauf in der Polizeistation nichts geschrieben. Es gibt nur, auf Seite 52/53 den Einsatzbericht des Roten Kreuzes über den Ausgang des Amoklaufs (ein toter, vier verletzte Beamte, ein schwer verletzter Täter). Was wie geschah können wir uns dann ausmalen.

Mit dieser durchgehend angewandten Collage-Technik will Seidl den Leser zum mit- und nachdenken bewegen. Nur: es funktioniert nicht. Alles ist zu kryptisch, vieles überflüssig und die angebotenen Erklärungen bleiben oberflächlich.

Leonhard F. Seidl: Fronten

Edition Nautilus, 2017

160 Seiten

16 Euro

Hinweise

Edition Nautilus über den Roman (mit mehr Synopse und den Daten der Lesetour)

Homepage von Leonhard F. Seidl

Wikipedia über Leonhard F. Seidl


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik (und ein Hinweis): Über die Stephen-King-Verfilmung „Der dunkle Turm“

August 10, 2017

Jetzt, endlich, nachdem schon seit Jahren, darüber gesprochen wurde, wahrscheinlich alle wichtigen Menschen in Hollywood, außer Clint Eastwood, irgendwann, mehr oder weniger ernsthaft, mit einer Verfilmung assoziiert wurden, Stephen King vor zehn Jahren die Verfilmungsrechte verkaufte und der Film dann mit verschiedenen Machern assoziiert wurde, ist die Verfilmung von „Der dunkle Turm“, Kings epischer, über Jahrzehnte geschriebener Fantasy-Saga, fertig.

Eine TV-Serie, die in einer noch unklaren Verbindung zum Film steht, – wahrscheinlich wird die Origin-Geschichte von Roland erzählt -, und ein weiterer Spielfilm, der sich irgendwie auch auf die TV-Serie beziehen soll, sind geplant. Ob den derzeit noch sehr schwammigen offiziellen Ankündigungen Taten folgen, wird die Zukunft zeigen.

In den USA ist der Film letzte Woche angelaufen. Aktuell steht er, was vor allem an der schwachen Konkurrenz liegt, auf dem ersten Platz der Kinocharts. Von der Kritik wurde er mit einem Furor verrissen, den zuletzt „Die Mumie“ erleben durfte.

Dabei ist „Der dunkle Turm“ nicht so schlecht, wie die Kritiken befürchten lassen. Ein guter Film ist er auch nicht. Sondern nur ein zutiefst durchschnittlicher, weit unter seinem Potential bleibender Film, der sich etliche Freiheiten gegenüber Kings Fantasy-Saga nimmt. Der Film ist nämlich eine einführende Interpretation in die von King über inzwischen acht Romane entworfene Welt,

Der vierzehnjährige Jake Chambers (Tom Taylor) lebt in New York. Seine Mutter hat einen neuen Freund und er ist in psychiatrischer Behandlung, weil er den Verlust seines Vaters noch nicht überwunden hat und Alpträume hat. Er träumt von einem dunklen Turm, einem Mann in Schwarz, einem Revolverhelden und einer untergehenden Welt. Er zeichnet seine Träume auf. Als er auf den Straßen von Manhattan und in seiner Wohnung Gestalten aus seinen Träumen begegnet, glaubt er, endgültig wahnsinnig zu werden.

Durch ein Portal betritt er Mittwelt, eine archaische Steampunk-Westernlandschaft. Dort erhofft er sich Antworten auf seine Alpträume, die doch keine Alpträume, sondern Bilder einer ihm unbekannten Realität sind. Er trifft den Revolvermann Roland Deschain (Idris Elba), der den Mann in Schwarz (Matthew McConaughey) verfolgt. Walter O’Dim hat übernatürliche Kräfte und eine große Gefolgschaft. Er will den dunklen Turm, der im Zentrum vieler verschiedener Welten steht, zum Einsturz bringen und so gleichzeitig alle Welten vernichten.

Roland will das verhindern und die Zeichnungen von Jake können ihm den Weg zum Mann in Schwarz und zum dunklen Turm weisen.

Ein klarer Konflikt, gute Schauspieler, beeindruckende Locations (gedreht wurde in Südafrika und New York) und trotzdem kann „Der dunkle Turm“ nicht wirklich begeistern. Die Tricks und die Actionszenen sind zwar gut, aber nicht grandios. Kein Dialoge bleibt im Gedächtnis. Alles wirkt etwas lieblos hingeschludert und fahrig. Deshalb hat man immer das Gefühl, dass mit etwas mehr Zeit beim Dreh und einer ruhigeren und konzentrierteren Erzählweise beim Erzählen der Filmgeschichte ein deutlich besseres Ergebnis möglich gewesen wäre.

Für einen Kinofilm wirkt alles immer eine Nummer zu klein. So als habe man den neunzigminütigen Pilotfilm für eine TV-Serie inszeniert.

Die Geschichte hat zwar ein klares Ende und keinen irgendwie gearteten Cliffhanger zum nächsten Film, aber trotzdem wirkt „Der dunkle Turm“ immer wieder wie ein Set-up, wie eine erste Begegnung mit einer Welt, in der noch viele Geschichten spielen können.

Idris Elba und Matthew McConaughey spielen weit unter ihrem Niveau. In Nikolaj Arcels Film haben sie nie die Präsenz, die sie in anderen Filmen und TV-Serien (ich sage nur „Luther“ und „True Detective“) haben. Das ist vor allem bei Idris Elba bedauerlich. Schon wieder hat er eine Rolle in einem Hollywood-Big-Budget-Film (auch wenn bei „Der dunkle Turm“ das Budget mit sechzig Millionen Dollar erstaunlich gering ist), schon wieder wird er unter Wert verkauft und schon wieder ärgert man sich darüber, dass Hollywood nicht die richtigen Rollen für Elba findet.

Insofern ist „Der dunkle Turm“ weit ab von dem Desaster, das man nach den ersten Kritiken befürchten konnte. Es ist aber auch nie ein Film, der unbedingt auf die große Leinwand drängt und der an irgendeinem Punkt beeindruckt. Er ist einfach in jeder Beziehung gewöhnlich und vorhersehbar.

Der dunkle Turm (The dark Tower, USA 2017)

Regie: Nikolaj Arcel

Drehbuch: Akiva Goldsman, Jeff Pinkner, Anders Thomas Jensen, Nikolaj Arcel

LV: basierend auf den „Der dunkle Turm“-Romanen von Stephen King

mit Idris Elba, Matthew McConaughey, Tom Taylor, Katheryn Winnick, Nicholas Hamilton, Jackie Earle Haley, Abbey Lee, Dennis Haysbert, José Zúñiga

Länge: 95 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Die Vorlage

Der Mann in Schwarz floh durch die Wüste, und der Revolvermann folgte ihm.“

Mit diesen Worten beginnt „Der dunkle Turm: Schwarz“. Der Roman erschien ursprünglich zwischen 1978 und 1981 im „The Magazine of Fantasy and Science Fiction“ als fünfteiliger Fortsetzungsroman. Er bildet der Auftakt zu Stephen Kings langlebigster Serie, die Fantasy munter mit allen möglichen Genres verknüpft. Neben den acht Romanen, Kurzgeschichten, zahlreichen Querverweisen zu und von seinen anderen Büchern und einer Comicserie ist „Der dunkle Turm“ vor allem ein sich in alle Richtungen ausdehnendes Werk.

In „Schwarz“ verfolgt der Revolvermann Roland, mit etlichen Zeitsprüngen (oder Erinnerungen), den Mann in Schwarz durch eine an einen Italo-Western erinnernde Steampunk-Wüstenlandschaft. Er erzählt einem Grenzbewohner, wie er eine ganze Stadt auslöschte. Er trifft Jake Chambers, ein aus unserer Gegenwart kommender Junge, der sich nur an Bruchstücke seines früheren Lebens erinnert. Jake lebt allein in einem verlassenen Gasthaus. Roland nimmt ihn mit und nach einigen gefährlichen Begegnungen mit mehr übernatürlichen als natürlichen Wesen steht er dem Mann in Schwarz gegenüber. Und diese Begegnung verläuft anders als im Film. Das liegt auch daran, dass Roland im Roman noch nicht weiß, was der dunkle Turm ist und was der Mann in Schwarz will.

Schwarz“ ist eine Sammlung von lose zusammenhängenden Impressionen und Episoden, die in einer prä-/postapokalyptischen Westernlandschaft spielen. Manche dieser Impressionen spielen in einer anderen Zeit. Oft ist der Zusammenhang zwischen diesen Episoden und der Hauptgeschichte nur erahnbar. Das liegt auch daran, dass sie für die aktuelle Geschichte bedeutungslos sind, und dass die Hauptgeschichte eine Ansammlung fast beliebig austauschbarer, folgenloser Begegnungen ist.

Schwarz“ ist ein wirklich schwer verständlicher, fast schon unverständlicher und damit unnötig konfuser Einstieg in die Welt des dunklen Turms.

Bei meiner grundsätzlichen Abneigung gegen Fantasy gehört der Roman zu den Büchern, mit denen ich absolut nichts anfangen kann.

Zum Kinostart veröffentlichte der Heyne-Verlag den ersten Band der „Der dunkle Turm“-Saga mit einem neuen Cover.

Stephen King: Der dunkle Turm: Schwarz

(Erweiterte und überarbeitete Neuausgabe)

(übersetzt von Joachim Körber)

Heyne, 2017 (Filmausgabe)

352 Seiten

9,99 Euro

Originalausgabe der ursprünglichen Fassung

The Dark Tower: The Gunslinger

Donald M. Grant Publisher, Inc., 1982

2003 erstellte Stephen King eine überarbeitete und leicht erweiterte Fassung, in der er einige Details an die weiteren Ereignisse seiner „Der dunkle Turm“-Serie anpasste, die er damals mit „Savannah“ (Song of Savannah) und „Der Turm“ (The Dark Tower) abschloss. Für den Moment. Denn 2012 erschient mit „Wind“ (The Wind through the Keyhole) ein achter Roman, der zwischen den „Der dunkle Turm“-Romanen „Glas“ und „Wolfsmond“ spielt.

Die Neuausgabe folgt der 2003er-Ausgabe des Romans.

Bonushinweis

Vor wenigen Wochen erschien die Taschenbuchausgabe von „Basar der bösen Träume“, der sechsten Sammlung von Kurzgeschichten von Stephen King. Zusätzlich zur gebundenen Ausgabe enthält das Taschenbuch die neue Geschichte „Die Keksdose“ (knapp vierzig Seiten). Insgesamt enthält die Taschenbuchausgabe 21 Geschichten, die in den vergangenen Jahren bereits an verschiedenen Orten erschienen und für die Buchausgabe von King überarbeitet wurden.

Stephen King: Basar der bösen Träume

(übersetzt von vielen, sehr vielen,unglaublich vielen Übersetzern)

Heyne, 2017

816 Seiten

12,99 Euro

Deutsche Erstausgabe

Heyne, 2016

Originalausgabe

The Bazar of Bad Dreams

Scribner, New York, 2015

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Der dunkle Turm“

Metacritic über „Der dunkle Turm“

Rotten Tomatoes über „Der dunkle Turm“

Wikipedia über „Der dunkle Turm“ (Film: deutsch, englisch; Romanserie: deutsch, englisch) und Stephen King (deutsch, englisch)

Homepage von Stephen King

Mein Porträt zu Stephen Kings Geburtstag

Meine Besprechung von Stephen Kings/Richard Bachmans „Qual“ (Blaze, 2007)

Meine Besprechung von Stephen Kings „Nachgelassene Dinge“ (The things they left behind) in Ed McBains „Die hohe Kunst des Mordens“ (Transgressions, 2005)

Meine Besprechung von Stephen Kings „Colorado Kid“ (The Colorado Kid, 2005)

Meine Besprechung von Joe Hill/Stephen King/Richard Mathesons „Road Rage“ (Road Rage, 2012)

Meine Besprechung der auf Stephen Kings Novelle “The Colorado Kid” basierenden TV-Serie “Haven”

Stephen King in der Kriminalakte, in seinem Trailer-Park und auf Europa-Tour

Meine Besprechung von Kimberly Peirces Stephen-King-Verfilmung “Carrie” (Carrie, USA 2013)

Meine Besprechung von Tod Williams‘ Stephen-King-Verfilmung „Puls“ (Cell, USA 2016)


Rainer Wittkamp stimmt den „Hyänengesang“ an

August 9, 2017

In einem alten „Tatort“ aus den Siebzigern verabschiedet sich der Kommissar, kurz nachdem die Leiche entdeckt wird, aus dem Kriminalfall in seinen lange geplanten Urlaub. Sein Assistent muss den Fall ohne die Hilfe seines Vorgesetzten aufklären.

Heute undenkbar.

Denkbarer und normaler ist in neueren Krimis, dass der Kommissar seinen Urlaub verschiebt, um den Fall aufzuklären. Meist aus eigenem Antrieb, seltener weil sein Vorgesetzter ihn darum bittet. So geschieht es auch in Rainer Wittkamps neuem Kriminalroman „Hyänengesang“.

Kommissar Martin Nettelbecks Vorgesetzte, Kriminalrätin Koschke, befiehlt ihm, seinen seit langem mit seiner Patchwork-Familie geplanten Ghana-Urlaub um einige Tage zu verschieben. Im Hotel de Rome wurde in einer Suite eine Frauenleiche gefunden. Das Zimmer war von Saif Mohamed Zekri, einem Attaché der Botschaft von Oman, gemietet worden und in punkto Diplomatie kennt Nettelbeck sich aus.

Zur gleichen Zeit will der eher unintelligente, sein Comeback planende Schlagersänger Roman Weiden sich an Maximilian Hollweg rächen. Weiden hat finanzielle Probleme. Er hat in den letzten Jahre Schulden abgestottert, während Hollweg, der ihm zu den Investitionen riet, sich eine goldene Nase verdiente. Jetzt, so glaubt der Sänger, hat Hollweg ihn beim Finanzamt wegen verschwiegener Vermögenswerte angeschwärzt. Weiden will ihn jetzt endgültig umbringen. Dafür bastelt er, nach einer im Internet gefundenen Anleitung eine Bombe.

Hollweg sitzt seit einem von Weiden verursachtem Unfall im Rollstuhl. Aktuell wird er von Jens Todsen gepflegt. Der will sich seine Rastalocken erst abschneiden, wenn er ein sich selbst gegebenes Versprechen erfüllt hat.

Hollweg verhandelt gerade mit dem Botschafter von Oman über eine große Investition, die er bedenkenlos mit Schmiergeldzahlungen in die richtigen Bahnen lanciert.

Und wie Rainer Wittkamp in seinem neuesten Roman „Hyänengesang“ diese verschiedenen Handlungen, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben, auf wenigen Seiten miteinander verknüpft, ist ein großer Spaß. Nach etwas über zweihundert Seiten ist der Fall gelöst und der Kommissar darf Berlin in Richtung Urlaub verlassen.

Wie in seinen vorherigen Romanen garniert Wittkamp die Geschichte mit vielen Anmerkungen zum Jazz. Denn Nettelbeck ist Jazzfan und spielt Posaune. Das schöne bei Wittkamps Jazz-Namedropping ist, dass er sich nicht auf die allseits bekannten, seit Jahrzehnten toten Jazzheroen beschränkt, sondern die gesamte Avantgarde und moderne Entwicklungen mitnimmt. Ray Anderson, Robin Eubanks und Nils Wogram werden erwähnt und wer sie nicht kennt, sollte sich unbedingt eine Aufnahme von ihnen anhören.

Eigentlich könnte Wittkamp, wie Ian Rankin, George Pelecanos und Michael Connelly, mal eine Playlist für seine Leser erstellen. Dann könnte man sich vorm Lesen den Soundtrack zum Buch zusammenstellen.

Rainer Wittkamp: Hyänengesang

grafit, 2017

224 Seiten

11 Euro

Hinweise

Homepage von Rainer Wittkamp

Meine Besprechung von Rainer Wittkamps „Schneckenkönig“ (2013)

Meine Besprechung von Rainer Wittkamps „Frettchenland“ (2015)

Meine Besprechung von Rainer Wittkamps „Stumme Hechte“ (2016)


„Hard Revolution“: ein neuer, alter Roman von George Pelecanos

August 2, 2017

Neuer Verlag, neues Glück? Langjährige Fans von George Pelecanos werden vor allem dem Verlag für seinen Mut gratulieren. Denn trotz positiver Kritiken setzte der Amerikaner sich bei uns nie richtig durch. Drei Verlage versuchten es und gaben aus verschiedenen Gründen auf. Ars Vivendi ist der vierte Verlag und „Hard Revolution“ ist ein Roman, dessen gesellschaftspolitische Relevanz sich geradezu aufdrängt.

Pelecanos‘ Kriminalromane sind von einem konventionellen Beginn mit seinen nicht übersetzten Nick-Stefanos-Romanen über die fast vollständig übersetzte Washington-Noir-Serie hin zu seinen neueren Romanen immer mehr zu Sozialstudien und einer Jahrzehnte umfassenden Chronik seiner Heimatstadt Washington, D. C., geworden. Oft fasst er seine Romane, entsprechend den Hauptcharakteren, in verschiedenen Serien zusammen. In diesen Romanen tauchen immer wieder Charaktere aus seinen anderen Serien auf. Also ungefähr wie im Marvel Cinematic Universe, nur dass in den Romanen von Pelecanos niemand über irgendwelche Superkräfte verfügt.

Auch „Hard Revolution“, im Original bereits 2004 erschienen, ist Teil einer Serie. Nämlich der Derek-Strange/Terry-Quinn-Serie, die aus, je nach Rechnung, drei bis, wenn man auf Quinn verzichtet, fünf Romanen besteht. Die ersten beiden, „Schuss ins Schwarze“ (Right as Rain, 2001) und „Wut im Bauch“ (Hell to Pay, 2002), wurden übersetzt und die Privatdetektivromane spielen in der Gegenwart. Die letzten beiden Romane der Serien spielen in der Vergangenheit. In „What it was“ (2012) ist Derek Strange 1972 ein junger Privatdetektiv in Washington, D. C..

Hard Revolution“ geht noch weiter zurück in Derek Stranges Vergangenheit. Die ersten gut achtzig Seiten des vierhundertseitigen Romans spielen im Frühjahr 1959, als Derek bei einem jugendlichen Mutproben-Diebstahl vom Ladenbesitzer erwischt wird und vor der vor der Frage steht, welchen Weg er in seinem Leben beschreiten will: Verbrecher oder ehrbarer Bürger.

Der Hauptteil des Romans spielt im Frühjahr 1968. Derek Strange ist ein junger schwarzer Polizist bei der Metropolitan Police. Er trifft auf drei weiße Jugendliche, die mehrere Verbrechen begehen, unter anderem überfahren sie zum Vergnügen einen Schwarzen und sie wollen eine Bank überfallen.

Selbstverständlich spielt sich diese in zahlreichen Einzelhandlungen aufgesplittete Geschichte, wie man es von Pelecanos kennt, vor einem reich gezeichneten Hintergrund aus popkulturellen und, in diesem Fall, politischen Referenzen, Hinweisen und Anspielungen ab. Denn obwohl Pelecanos‘ Romane in der US-Hauptstadt spielen, interessiert ihn die große Politik, der Lobbyismus und die Hinterzimmerabsprachen nicht. Er beschreibt in seinen Geschichten nur die Auswirkungen die die Politik auf das Leben der Bewohner der Hauptstadt, den sprichwörtlichen kleinen Mann, hat. Für sie ist Politik höchstens am Wahlsonntag wichtig. Falls überhaupt. Aber 1968 war Politik Popkultur. Die Bürgerrechtsbewegung ging für ihre Anliegen auf die Straße. Martin Luther King wurde am 4. April 1968 in Memphis, Tennessee, erschossen. Die Nachricht von seiner Ermordung leitet den Schlussteil des Romans ein. Während der tagelangen Unruhen nach Luthers Tod versuchen Derek Strange und die anderen Charaktere des Romans, in der Grauzone zwischen Recht und Gerechtigkeit, einige noch offene Rechnungen zu begleichen.

Hard Revolution“ ist kein gewöhnlicher Krimi und wer einen lauschigen Häkelkrimi oder einen taffen Polit-Thriller voller abstruser Verschwörungstheorien und tapferer Einzelkämpfer oder einfach nur einen Pageturner, den man an einem Nachmittag verschlingen kann, lesen möchte, sollte um Pelecanos‘ neuestes auf Deutsch erhältliches Buch einen großen Bogen machen. Alle anderen müssen „One of Ten Best Books of the Year“ (Booklist) lesen.

Denn: „Those in the Known read Pelecanos.“ (Michael Connelly)

George Pelecanos: Hard Revolution

(übersetzt von Gottfried Röckelein)

Ars Vivendi, 2017

400 Seiten

24 Euro

Originalausgabe

Hard Revolution

Little, Brown and Company, 2004

Hinweise

Homepage von George Pelecanos

Meine Besprechung von George Pelecanos’ “Wut im Bauch” (Hell to pay, 2002)

Meine Besprechung von George Pelecanos’ „Drama City“ (2005)

Meine Besprechung von George Pelecanos’ „Der Totengarten“ (The night gardener, 2006)

Meine Besprechung von George Pelecanos’ „The Turnaround“ (2008)

Meine Besprechung von George Pelecanos‘ „Kein Weg zurück“ (The way home, 2009)

Meine Besprechung von George Pelecanos‘ „Ein schmutziges Geschäft“ (The Cut, 2011)

George Pelecanos in der Kriminalakte

 


Was ist „Dunkels Gesetz“?

Juli 26, 2017

Das Cover gefällt. Der Titel sowieso.

Der Klappentext mit den Signalworten „rabenschwarz“, „Provinz-Noir“ und „Abgesang auf den goldenen Westen“ weckt Interesse.

Die Länge – keine zweihundert Seiten – ist äußerst sympathisch. Schließlich muss nicht jeder Roman den Wettbewerb mit „Krieg und Frieden“ aufnehmen.

Aber alles das sind Äußerlichkeiten, die nichts über den Inhalt aussagen. Und um den soll es ab jetzt gehen.

Vor seinem Debütroman „Dunkels Gesetz“ veröffentlichte Sven Heuchert die hochgelobte Kurzgeschichtensammlung „Asche“. „Dunkels Gesetz“ ist dann auch mehr eine Sammlung von miteinander zusammenhängenden Kurzgeschichten und Impressionen aus der bundesdeutschen Provinz als ein stringent erzählter Roman. Das beginnt schon damit, dass der titelgebende Richard Dunkel eine Randfigur ist. Über weite Strecken des Romans ist er nicht in das Geschehen involviert. Weil er vieles überhaupt nicht erfährt, ist er noch nicht einmal ein passiver Beobachter.

Dunkel ist ein in Spanien lebender, älterer Ex-Söldner, der in der deutschen Provinz in der Nähe der belgischen Grenze einen Job als Security annimmt. Er soll einige Wochen eine stillgelegte Grube in Altglück bewachen. Vor kurzem wurde auf dem Gelände die Leiche eines Jungen gefunden.

Auf seinem Weg dorthin trifft er an einer Tankstelle, die direkt aus einem US-Noir stammen könnte (einsam gelegen, von Gott und der Welt vergessen und auch kein Postmann wird hier zweimal klingeln), auf den Besitzer Achim, seine seit kurzem bei ihm lebende Geliebte und ihre gerade noch minderjährige Tochter Marie. Diese drei Menschen stehen im Mittelpunkt des Romans.

Achim plant ein großes Drogengeschäft mit Falco, dem lokalen Gangsterboss. Er will ihn bei dem Geschäft auch betrügen, sich vollständig sanieren und aus der Gegend abhauen.

Soweit Achims genialer Plan.

Wenn man vor der Lektüre nicht den Klappentext gelesen hat, passiert über viele Seiten wenig bis nichts, was die Handlung erkennbar vorantreibt. Stattdessen wird eher länglich ein Drogengeschäft angebahnt, Marie erhält Reitstunden von Achim und lernt eine ältere Dame, die in der Nähe der Tankstelle lebt und Alkoholikerin ist, näher kennen.

In diesen kurzen Porträts von Gescheiterten und wie Heuchert auf wenigen Seiten das Bild einer gottverlassenen Landschaft voll gescheiterter und meist unsympathischer Gestalten (die uns trotzdem sympathisch sind) zeichnet, zeugt von seinem Können. Die Vorbilder sind erkennbar, aber er verwandelt sie und passt sie den bundesdeutschen Gegebenheiten an. Aus einem Country-Noir US-amerikanischer Prägung wird ein stimmungsvoller Provinz-Noir im Wirtschaftswunderland nach dem Ende des Wirtschaftswunders.

Nur die Story für seine Charaktere hat er noch nicht gefunden.

Insgesamt ist „Dunkels Gesetz“ gut genug, um mich neugierig auf Sven Heucherts nächsten Roman zu machen.

Sven Heuchert: Dunkels Gesetz

Ullstein, 2017

192 Seiten

14,99 Euro

Hinweise

Homepage von Sven Heuchert

Lovely Books über „Dunkels Gesetz“

 


Was ist „Die Start-up-Illusion“? Und gibt es ein Gegenmittel?

Juli 21, 2017

Wir müssen Start-ups fördern.

Wir brauchen ein deutsches Silicon Valley.

Wir sollten uns einmal ansehen, ob wir das wirklich wollen, meint der Wirtschaftsjournalist Steven Hill. Vielleicht sieht das Paradies dann nicht mehr so erstrebenswert aus.

In „Die Start-up-Illusion – Wie die Internet-Ökonomie unseren Sozialstaat ruiniert“ zeichnet Hill ein ernüchterndes Porträt der US-amerikanischen Internet-Ökonomie und von ihrem Zentrum Silicon Valley, das sich als Utopie einer künftigen, humaneren Wirtschaft, Arbeitsplatzmaschine, Gründer- und Innovationsparadies verkauft.

Schnell ist klar, dass Silicon Valley nicht zum Vorbild taugt. Anspruch und Wirklichkeit klaffen eklatant auseinander. Und diese Wirklichkeit hat weitreichende Folgen.

Kurz gesagt ruiniert die Internet-Ökonomie den Sozialstaat durch eine Zunahme von freien Beschäftigten, die teilweise als Selbstständige arbeiten müssen, ohne die Absicherung eines fest Angestellten oder auch nur annähernd das Einkommen und die Sicherheit eines klassischen Selbstständigen (ihr wisst schon: der Anwalt, der Architekt, der Arzt) zu haben, und durch eine zunehmende Verlagerung von Arbeit auf Maschinen. Das gilt inzwischen nicht nur für monotone Fließbandarbeiten, sondern auch für Tätigkeiten, die früher viel Wissen erforderten, wie Bank- und Steuerberater oder Übersetzer (so schlecht ist der Google-Übersetzer nicht). Die Arbeiter verdienen wenig(er), sie bezahlen keine oder nur geringe Abgaben und Steuern. Oft verdienen sie einfach nicht genug, um Steuern bezahlen zu müssen, Die soziale Sicherung des Einzelnen ist immer stärker gefährdet, weil der Sozialstaat immer weniger Geld hat, das er verteilen kann.

Gleichzeitig vernichten die Internet-Start-ups mehr Arbeitsplätze als sie schaffen.

Gewerkschaften oder andere Formen des Zusammenschluss von Lohnempfängern gegenüber den Lohngebern existieren in den Start-ups nicht. Einerseits weil Selbstständige notorisch organisationsschwach sind, andererseits weil sie mit Anbietern aus Ländern mit deutlich geringeren Lebenshaltungskosten konkurrieren müssen.

Dieses Modell einer Silicon-Valley-Wirtschaft ist für Steven Hill keine erstrebenswerte Zukunft. Entsprechend engagiert warnt er davor, diesen Alptraum als Vorbild zu nehmen.

Den Teufelskreislauf einer sich entsolidarisierenden Wirtschaft zeichnet Steven Hill am Beispiel des ihm von zahlreichen Recherchen bekannten Silicon Valley nach, ehe er sich den schon erkennbaren Veränderungen in der deutschen Ökonomie und dem deutschen Sozialstaat widmet.

Dabei entdeckt er das bundesdeutsche System der sozialen Sicherung, der Tarifpartnerschaft, die Künstlersozialkasse, die er gerne auf weitere Berufszweige ausweiten würde, und den deutschen Mittelstand in seiner traditionellen Form. Das sind für ihn bewahrenswerte Institutionen und Regelwerke, die nach seiner Meinung für die Zukunft gefestigt werden müssen. Das sollte angesichts der ökonomischen Entwicklungen nicht zögerlich, sondern mutig geschehen.

Eine neue Version von Deutschlands sozialem Kapitalismus, der für das digitale Zeitalter modernisiert wurde, könnte ein solides Fundament für die Zukunft bilden und aus Deutschland eine globale Supermacht machen, die sich dafür einsetzt, dass eine mehr und mehr technologiegetriebene Wirtschaft nicht die Kluft zwischen ungleichen Jobs weiter aufreißt, die Solidarität untergräbt und die Gesellschaft gefährdet.“ (Steven Hill, Seite 249)

Die Start-up-Illusion“ ist ein lesenswertes Buch, auch wenn er das deutsche System etwas zu euphorisch, fast schon als Paradies, zeichnet.

Hill recherchierte und schrieb das Buch 2016 während eines fünfmonatigen Forschungsaufenthalts an der American Academy in Berlin als Holtzbrinck-Fellow.

Steven Hill: Die Start-up-Illusion – Wie die Internet-Ökonomie unseren Sozialstaat ruiniert

Knaur, 2017

272 Seiten

14,99 Euro

Hinweis

Homepage von Steven Hill

 


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Über Luc Bessons „Valerian – Die Stadt der tausend Planeten“ und die Vorlage

Juli 20, 2017

Nach der Pressevorführung fragte ich mich: „Wer soll sich den Film ansehen?“

Dabei ist Luc Bessons neuer Film „Valerian – Die Stadt der tausend Planeten“ nicht unbedingt schlecht. Er ist in jeder Sekunde und in jeder Perspektive vergnüglicher als ein „Transformers“-Film und die sind ja alle Blockbuster.

Valerian – Die Stadt der tausend Planeten“ hat allerdings das „John Carter zwischen zwei Welten“-Problem. Zu jedem Bild und jeder Szene fallen einem schnell viele andere und oft auch bessere Filme ein. Bei „John Carter“ ist es „Flash Gordon“ und „Krieg der Sterne“, obwohl diese Filme sich bei Edgar Rice Burroughs‘ John-Carter-Geschichten bedienten. Bei „Valerian – Die Stadt der tausend Planeten“ ist es vor allem Bessons „Das fünfte Element“.

In dem Science-Fiction-Film hat Luc Besson vor zwanzig Jahren die „Valerian & Laureline“-Comics von Zeichner Jean-Claude Mézière und Autor Pierre Christin eigentlich schon verfilmt.

Mèzières war damals einer der Designer des Films. Jean ‚Moebius‘ Giraud, ein weiterer legendärer französischer Comiczeichner, war ebenfalls in das Filmdesign involviert. Letztendlich bestimmten sie den Look des Films.

In seinem neuesten Film kehrt Luc Besson jetzt, in einer fast schon aseptischen Version, in genau diese surreale Anything-goes-Welt zurück.

Valerian (Dane DeHaan), ein notorischer Schwerenöter, und Laureline (Cara Delevigne), seine ehrgeizig-strebsame Kollegin, sind im Jahr 2740 Regierungsagenten. Auf dem Wüstenplaneten Kirian, einem riesigen Einkaufsparadies (wenn man seine Spezialbrille aufsetzt), sollen sie einen illegalen Handel unterbinden und dabei den letzten lebenden Transmutator vom Planeten Mül beschaffen.

Nach dieser, in mehreren Dimensionen, etwas aus dem Ruder gelaufenen Aktion sollen sie auf der intergalaktischen Raumstation Alpha Commander Arun Filitt (Clive Owen) beschützen. Die Raumstation ist die titelgebende Stadt der tausend Planeten: ein Zusammenschluss von Welten im Weltraum, an der über Jahrhunderte immer mehr Welten andockten, bis sie zu einem unüberschaubarem Labyrinth unzähliger Welten und Geschöpfe wurde. In ihrem Comic sagen Mézière und Christin über die Stadt „dieser Name steht für tausend verschiedene Formen von tausend verschiedenen Welten, eine künstliche Konstruktion mit unzähligen Raumschiffhäfen, ein Organismus, in dem sich die unglaubliche Vielfalt des Universums konzentriert.“

Die Station ist eine Art Disney-World im Weltraum, das einem den Besuch vieler Kulturen bei minimaler Reisezeit ermöglicht.

Im Zentrum von Alpha gibt es in der Red Zone ein die Stadt bedrohendes, sich stetig vergrößerndes Problem unbekannten Ausmaßes. Alle Soldaten, die dorthin geschickt wurden verschwanden.

Und dann wird Commander Filitt entführt.

Valerian und Laureline versuchen den Commander zu retten und hinter das Geheimnis der Red Zone zu kommen.

Luc Besson schickt die beiden Agenten auf eine ebenso abenteuerliche, wie abstruse Reise durch die gesamte Raumstation, die fröhlich auf Logik und Sinn pfeift. Wie schon in „Das fünfte Element“ zählt nur der Moment und die vielen verschiedenen außerirdischen Rassen mit ihren teils außergewöhnlichen und verblüffenden Fähigkeiten.

Das sieht natürlich gut aus. Aber nie so gut, wie man es inzwischen aus US-amerikanischen Filmen, vor allem natürlich den „Guardians of the Galaxy“-Filmen, kennt. Angesichts des Budgets von 200 Millionen Euro sehen die Effekte sogar immer wieder erstaunlich schlecht aus. Gleichzeitig vermisst man, wenn Valerian und Laureline sich mit Außerirdischen unterhalten oder kämpfen, schmerzlich die Vergangenheit, als Außerirdische nicht am Computer entworfen wurden. In „Das fünfte Element“ oder, um eine weitere Inspiration für Bessons neuen Film zu nennen, „Barbarella“ gab es dafür Kostüme und Masken. „Barbarella“ ist ein französisch-italienischer Science-Fiction-Film. Roger Vadim inszenierte 1967 die Jean-Claude-Forest-Comicverfilmung mit seiner damaligen Frau Jane Fonda als Barbarella inszenierte. Damals agierten Schauspieler mit anderen Schauspielern. In „Valerian – Die Stadt der tausend Planeten“ agieren Schauspieler mit Pixeln.

Ein anderes Problem des Films ist, dass er auf einem gut fünfzig Jahre altem Comic basiert und der Geist der späten sechziger und siebziger Jahre immer zu spüren ist. Nur ist das, was damals revolutionär war, heute altbacken. Major Valerian muss zu sehr überkommene Macho-Attitüden pflegen. Sergeant Laureline zu sehr die hilfsbedürftige Damsel-in-Distress sein, die über einen Heiratsantrag ihres Vorgesetzten nachdenken muss.

Dane DeHaan und Cara Delevingne wirken in diesen Momenten nie wie ein sich kabbelndes Liebespaar, sondern bestenfalls wie Teenager, die unerschrockene Agenten und ein Liebespaar mimen sollen und dabei kopflos durch die einzelnen Szenen stolpern. Beiden gelingt es nie, ihren, zugegeben, eindimensionalen Charakteren eine größere Tiefe zu verleihen.

Für Besson, der als Zehnjähriger die „Valerian & Laureline“-Comics verschlang, war „Valerian – Die Stadt der tausend Planeten“ seit Jahrzehnten ein Wunschprojekt, das er erst jetzt verwirklichen konnte, weil, so Besson, erst jetzt die Tricktechnik die Comicbilder auf der Leinwand kreieren kann. Dummerweise ist heute die Zeit für genau dieses Projekt um. Weil Besson die „Valerian & Laureline“-Comics mit „Das fünfte Element“ de facto schon verfilmte. Weil die Welt des Comics heute zur Vergangenheit gehört und er sie nicht für die Gegenwart aktualisieren wollte. Weil die von Mèzières und Moebius in ihren Comics entworfenen surrealen Welten heute popkulturelles Allgemeingut sind. Weil ihre Bilder auch in den „Krieg der Sterne“-Filme verarbeitet wurden; allerdings deutlich ernster. Von Valerian und Laureline ist es nur ein kleiner Schritt zu Luke Skywalker und Prinzessin Leia und Commander Filitts Leibwächter scheinen direkt einem „Krieg der Sterne“-Film entsprungen zu sein.

Weil, und das ist der wichtigste Grund, Marvel mit seinen beiden „Guardians of the Galaxy“-Filmen die besseren Science-Fiction-Abenteuer drehte. In denen gibt es auch sexuelle Beziehungen zwischen Menschen und Außerirdischen und die Sache mit der Heirat ist sekundär. Wahrscheinlich weil es im Guardians-Kosmos kein Standesamt gibt.

Valerian – Die Stadt der tausend Planeten (Valerian and the City of a thousand Planets, Frankreich 2017)

Regie: Luc Besson

Drehbuch: Luc Besson

mit Dane DeHaan, Cara Delevigne, Clive Owen, Rihanna, Herbie Hancock, Ethan Hawke, Kris Wu, Sam Spruell, Rutger Hauer, Xavier Giannoli, Louis Leterrier, Eric Rochant, Benoît Jacquot, Olivier Megaton, Mathieu Kassovitz (yep, einige Regiekollegen), John Goodman (nur Stimme, im Original)

Länge: 138 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

alternativer Titel/Schreibweise: „Valerian und die Stadt der tausend Planeten“

Die Vorlage

Zum Kinostart veröffentlichte der Carlsen Verlag eine Filmausgabe von „Valerian & Laureline“, die die beiden Comics „Im Reich der tausend Planeten“ (Band 2) und „Botschafter der Schatten“ (Band 6) enthält. In „Im Reich der tausend Planeten“ sollen die beiden Agenten des Raum-Zeit-Service den Planeten Syrtis und die dortige, von der Erde nicht beeinflusste Zivilisation erkunden. Dummerweise werden sie schnell entdeckt und ein haarsträubendes Abenteuer beginnt.

Botschafter der Schatten“ spielt in Central City (im Film Alpha). Sie müssen den Botschafter, der den Vorsitz des Rates von Central City übernehmen soll und ein Imperialist vom alten Schlag ist, bewachen. Noch bevor er sein Amt antreten kann, wird er entführt. Valerian und Laureline suchen ihn – und wir entdecken etliche Wesen, die auch in Bessons Film mitspielen.

Diese beiden unterhaltsamen Comics sind die Vorlage für Luc Bessons Film. Allerdings hat Besson nur einige Bilder, Motive, Handlungsbruchstücke und viele Figuren übernommen, die er nach Belieben veränderte oder in einen neuen Kontext stellte. Man erkennt zwar die Verbindung zwischen der Vorlage und dem Film, aber die Filmgeschichte ist vollkommen anders.

In Frankreich erschienen seit 1967 23 Alben mit den beiden Agenten des „Raum-Zeit-Service“. Die deutschen Ausgaben sind bei Carlsen erhältlich, wo aus Laureline aus unbekannten Gründen Veronique wurde.

Jean-Claude Mézière/Pierre Christin: Valerian & Laureline – Filmausgabe

(übersetzt von Marianne Knolle und Brigitte Westermeier)

Carlsen Comic, 2017

96 Seiten

9,99 Euro

enthält

Im Reich der tausend Planeten

L’Empire des Mille Planètes

Dargaud, 1971

Botschafter der Schatten

L’Ambassadeur des Ombres

Dargaud, 1975

Hinweise

Deutsche Facebook-Seite zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Französische Homepage zum Film

Moviepilot über „Valerian – Die Stadt der tausend Planeten“

Metacritic über „Valerian – Die Stadt der tausend Planeten“

Rotten Tomatoes über „Valerian – Die Stadt der tausend Planeten“

Wikipedia über „Valerian – Die Stadt der tausend Planeten“ (deutsch, englisch, französisch) und die „Valerian & Laureline“-Comics (deutsch, englisch, französisch)

Carlsen über „Valerian & Laureline“ (bzw., in Deutschland „Valerian & Veronique“)

Meine Besprechung von Luc Bessons „The Lady – Ein geteiltes Herz“ (The Lady, Frankreich/Großbritannien 2011)

Meine Besprechung von Luc Bessons „Lucy“ (Lucy, Frankreich 2014)

Luc Besson in der Kriminalakte

DP/30 hat sich mit Luc Besson über den Film unterhalten. Hier schon einmal ein Ausschnitt aus dem Gespräch

Bis dahin könnt ihr euch das Gespräch von DP/30 mit Luc Besson über seinen Film „Lucy“ ansehen

Nachtrag 22. Juli: jetzt ist das vollständige DP/30-Gespräch mit Luc Besson online


“Abgeblockt” von Myron Bolitar, assistiert von Harlan Coben

Juli 19, 2017

Seit einigen Monaten veröffentlicht der Goldmann Verlag die noch ausstehenden Myron-Bolitar-Romane. Im Dezember erschien „Preisgeld“ (Back Spin), der vierte Bolitar-Roman. Für September ist „Böses Spiel“ (The final detail), der sechste Bolitar-Roman, und für Januar 2018 „Seine dunkelste Stunde“ (The darkest fear), der siebte Bolitar-Roman, angekündigt.

Myron Bolitar ist der erste Seriencharakter von Harlan Coben. Zwischen 1995 und 2000 veröffentlichte er in den USA sieben Kriminalromane mit dem Sportagenten, der auch, zum Schutz seiner Klienten, als Privatdetektiv arbeitet. Vor allem sein Freund Windsor Horne Lockwood III, kurz Win, gutaussehend, sehr vermögend und sehr kompetent (in jeder denkbaren Beziehung), hilft ihm dabei.

Mit diesen flotten PI-Romanen erschrieb Coben sich in der Krimi-Szene schnell einen guten Namen, bevor er mit seinen Standalone-Romanen zum Bestseller-Autor wurde. Sein erstes, auch verfilmtes Einzelwerk „Kein Sterbenswort“ stand unter anderem auf der New-York-Times-Bestsellerliste. Seitdem schrieb er zahlreiche Einzelromane und vier weitere Bolitar-Romane, die auch schnell übersetzt wurden. Aber einige seiner alten Bolitar-Romane, wie „Abgeblockt“, wurden nicht übersetzt. Im Original erschien der Krimi 1998 als „One false move“ und er ist, aus heutiger Sicht, eine Reise in die Vergangenheit, als es noch kein Google und Facebook gab, das Internet in den Kinderschuhen steckte (falls überhaupt) und Ermittlungen mit Telefonen, Archivbesuchen und, wie es sich für einen richtigen Hardboiled-Roman gehört, Schlägereien erledigt wurden.

Myron soll die junge, gutaussehende und sehr talentierte Basketballspielerin Brenda Slaughter beschützen. Sie erhält anonyme Anrufe und ihr Vater, ein ehemaliger Spieler, Trainer (auch von Myron) und ihr Manager, ist spurlos verschwunden.

Er hat zwar keine Erfahrung als Bodyguard, aber er hofft, Brenda, die gerade keinen Agenten hat, als neue Kundin zu gewinnen. Also nimmt er den Auftrag an.

Er vermutet, dass es einen Zusammenhang zwischen dem Verschwinden von Brendas Vater und den Anrufen gibt und dass die Lösung in der Vergangenheit liegt.

Abgeblockt“ ist ein typischer Bolitar- und Coben-Roman: flott geschrieben, witzig, unterhaltsam und mit einer Lösung, die man hätte erraten können, wenn man die Puzzleteile richtig zusammengefügt hätte. Ein echter Pageturner und die ideale Lektüre für den Sommerurlaub. Egal wo er verbracht wird.

Weil bei Serien ja immer wieder die Frage aufkommt. „Abgeblockt“ kann vollkommen unabhängig von den anderen Bolitar-Romanen gelesen werden. Auch wenn Bolitar-Fans alten Bekannten wieder begegnen und, was erst bei den vier nach 2000 erschienenen Bolitar-Romanen auffällt, Coben seine Charaktere in Echtzeit altern lässt.

Harlan Coben: Abgeblockt

(übersetzt von Gunnar Kwisinski und Friedo Leschke)

Goldmann, 2017

384 Seiten

9,99 Euro

Originalausgabe

One false move

Delacorte Press, 1998

Hinweise

Homepage von Harlan Coben

Mein Gespräch mit Harlan Coben über Myron Bolitar und seine Arbeit

Meine Besprechung von Harlan Cobens „Kein böser Traum“ (Just one look, 2004)

Meine Besprechung von Harlan Cobens „Kein Friede den Toten“ (The Innocent, 2005)

Meine Besprechung von Harlan Coben „Der Insider“ (Fade away, 1996)

Meine Besprechung von Harlan Cobens „Das Grab im Wald“ (The Woods, 2007)

Meine Besprechung von Harlan Cobens „Sie sehen dich“ (Hold tight, 2008)

Meine Kurzbesprechung der Harlan-Coben-Verfilmung „Kein Sterbenswort“ (F 2006)

Meine Besprechung von Harlan Cobens „Von meinem Blut“ (Long Lost, 2009)

Meine Besprechung von Harlan Cobens „In seinen Händen“ (Caught, 2010)

Meine Besprechung von Harlan Cobens “Sein letzter Wille” (Live Wire, 2011)

Meine Besprechung von Harlan Cobens „Nur zu deinem Schutz“ (Shelter, 2011)

Meine Besprechung von Harlan Cobens „Ich finde dich“ (Six Years, 2013)

Harlan Coben in der Kriminalakte


„Alien: Covenant“ – Der Roman zum Film von Alan Dean Foster

Juli 17, 2017

Für den neuen Alien-Film „Alien: Covenant“ durfte Alan Dean Foster wieder den Roman zum Film schreiben und das ist eine gute Nachricht. Der Science-Fiction-Autor schrieb in den vergangenen Jahrzehnten, neben seinen vielen eigenen Romanen, zahlreiche Filmromane, unter anderem für den ersten „Krieg der Sterne“-Film (als George Lucas), „Dark Star“ und zu den ersten drei Alien-Filmen. Er zählt zu den besten Filmroman-Autoren, weil er nicht nur die Filmgeschichte packend nacherzählt, sondern sie auch an den richtigen Punkten vertieft. Und das gilt auch für „Alien: Covenant“.

Die Geschichte dürfte inzwischen ja bekannt sein: Zehn Jahre nach den Ereignissen von „Prometheus“ fliegt das Raumschiff Covenant durch das All. Es ist ein Siedlungsschiff, das den Planeten Origae-6 besiedeln soll. Auf dem Weg dorthin, nach einem kleineren Unfall, der Reparaturarbeiten nötig machte, empfängt die Covenant Signale von einem erdähnlichen Planeten, der in der Nähe ihrer jetzigen Position ist. Die Besatzung entschließt sich, sich den Planeten anzusehen – und trifft auf Aliens und David, den überlebenden Android der Prometheus, der ein Vorläufermodell des Covenant-Androiden Walter ist.

Während im Film die Figuren immer etwas unglaubwürdig im luftleeren Raum schweben, sind sie im Roman dreidimensionale Charaktere mit einer Vergangenheit und glaubwürdigen Beziehungen zueinander. Dabei baut Foster ihre Biographie nicht aus, sondern er erzählt, welche Aufgabe sie im Raumschiff und bei der Besiedlung von Origae-6 haben und in welcher Beziehung sie zueinander stehen. Vor allem wer mit wem verheiratet ist. Auch ihr Verhalten erscheint im Roman weniger idiotisch als im Film.

Und die Geschichte, die sich im Film doch etwas langsam und für das „Alien“-geschulte Publikum vorhersehbar entwickelte (immerhin wissen wir ab der Titelsequenz, dass irgendwann die mörderischen Aliens auftauchen), entwickelt sich der Roman schnell zu einem Pageturner. Dabei ist es egal, ob man den Film kennt oder nicht kennt. Man will unbedingt wissen, was als nächstes passiert mit den Raumfahrern und den beiden Androiden.

Und hier ein schöner Dialog aus dem Roman:

Ricks sah zu ihm herüber: „Was soll das eigentlich überhaupt sein, West Virginia?“

Altertümliche Stammes-Demarkation“, erklärte Walter, ohne von seiner Station aufzusehen. „Davon gab es sehr viele, damals, als man so etwas noch als relevant betrachtete. Die Welt war voller kleiner politischer Instanzen, die alle an gegensätzlichen Interessen arbeiteten anstatt am Gemeinwohl ihrer Art oder des Planeten.“

Ricks dachte darüber nach. „Wie haben die Menschen da jemals etwas zuwege gebracht?“

Das haben sie nicht“, antwortete Walter tonlos.

(Alan Dean Foster: Alien: Covenant, Seite 109)

Alan Dean Foster: Alien: Covenant

(übersetzt von Peter Mehler)

Luzifer Verlag, 2017

396 Seiten

12,99 Euro

Originalausgabe

Alien: Covenant

Titan Publishing Group Ltd., 2017

Die Vorlage

Alien: Covenant (Alien: Covenant, USA 2017)

Regie: Ridley Scott

Drehbuch: John Logan, Dante Harper (nach einer Geschichte von Jack Paglen und Michael Green) (nach Charakteren von Dan O’Bannon und Ronald Shusett)

mit Michael Fassbender, Katherine Waterston, Billy Crudup, Danny McBride, Demián Bechir, Carmen Ejogo, Nathaniel Dean, Benjamin Rigby, Callie Hernandez, James Franco, Guy Pearce

Länge: 122 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Alien: Covenant“

Metacritic über „Alien: Covenant“

Rotten Tomatoes über „Alien: Covenant“

Wikipedia über „Alien: Covenant“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Ridley Scotts “Prometheus” (Prometheus, USA 2012)

Meine Besprechung von Ridley Scotts “Exodus – Götter und Könige (Exodus – Gods and Kings, USA 2014)

Meine Besprechung von Ridley Scotts “Der Marsianer – Rettet Mark Watney” (The Martian, USA 2015)

Meine Besprechung von Ridley Scotts „Alien: Covenant“ (Alien: Covenant, USA 2017)

Ridley Scott in der Kriminalakte

Homepage von Alan Dean Foster

Meine Besprechung von Alan Dean Fosters „Star Trek“ (Star Trek, 2009)

Meine Besprechung von Alan Dean Fosters „Terminator: Die Erlösung“ (Terminator Salvation: The Official Movie Novelisation, 2009)

Interview mit Alan Dean Foster über seinen Filmroman „Star Wars: Das Erwachen der Macht“

Meine Besprechung von Alan Dean Fosters „Star Wars: Das Erwachen der Macht – Der Roman zum Film (Star Wars: The Force awakens, 2015)


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: „Spider-Man: Homecoming“ in „Das Marvel Cinematic Universum“

Juli 13, 2017

In „The First Avenger: Civil War“ hatte Tom Holland bereits seinen ersten Auftritt als Spider-Man und das erspart uns jetzt, in seinem ersten Solofilm im Marvel Cinematic Universe, innerhalb weniger Jahre die dritte Wiederholung seiner Origin Story. In „Spider-Man: Homecoming“ ist Peter Parker bereits vertraut mit seinen Kräften und er möchte sie für die gute Sache einsetzen. Dummerweise meldet sich sein Mentor Tony Stark (aka Iron Man) nicht. Und Starks rechte Hand, Happy Hogan, ist damit beschäftigt, die zahllosen unerbetenen Anrufe des Teenagers abzuwehren.

Also beginnt Peter auf eigene Faust Bösewichter zu jagen. Meistens sehr kleine Bösewichter. Oft nervt er auch einfach nur die Nachbarschaft, während er lernt, mit seinen Kräften und dem ihm von Tony Stark geschenkten, mit zahlreichen Special Features ausgestattetem Spider-Man-Anzug umzugehen und sich tödlich langweilt. Denn eigentlich will er nur ein weiteres Abenteuer mit den Avengers erleben. Immerhin ist Captain America regelmäßig bei ihm in der Schule. Als Videoaufzeichnung mit erbaulichen Sprüchen, die die Schüler gelangweilt über sich ergehen lassen.

Bei einem seiner nächtlichen Streifzüge stolpert er in einen Waffendeal. „The Vulture“ Adrian Toomes verkauft hochgefährliche Waffen an Kleingangster. Toomes tut das schon seit Jahren, aber in einem so kleinen Maßstab, dass er bis jetzt von den Avengers ignoriert wurde. Und das würde Toomes, der über keinerlei Superkräfte verfügt, gerne auch weiterhin so halten.

Mit dem von Michael Keaton gespielten „Vulture“ Adrian Toomes gibt es im Marvel-Universum endlich einmal einen Bösewicht, der einem länger als bis zum Abspann im Gedächtnis bleibt und der auch ein sehr nachvollziehbares Motiv für seine Taten hat: er ist ein Unternehmer, der sich um seine Angestellten kümmert. Mit seiner kleinen Firma hatte er nach der Schlacht von New York (dem Finale des ersten „The Avengers“-Films) einen lukrativen Räumungsauftrag von Alien-Schrott und -Waffen erhalten. Als das von Tony Stark initiierte U.S. Department of Damage Control (D.O.D.C.) ihn fristlos rauswirft, beschließt er sich zu wehren. Das funktioniert auch bis zu dieser Nacht, in der Peter Parker über ihn stolpert und ihn besiegen möchte.

Dieser Kampf zwischen Spider-Man und The Vulture steht allerdings nicht im Mittelpunkt des Films.

Spider-Man: Homecoming“ ist in erster Linie eine Highschool-Komödie. Es geht um Freundschaften, die erste Liebe und Geheimnisse vor den Eltern. Im Superheldenmilieu läuft die Pubertät allerdings etwas anders ab als unter normalen Jugendlichen. Und Jon Watts erzählt das, sehr entspannt, mit viel Feingefühl für die Sorgen und Nöte eines Teenagers. Das ist vergnüglich, kurzweilig, witzig und durchgehend für ein jugendliches Publikum inszeniert. Er lässt sich, weil er die Geschichte nicht unerbittlich vorantreiben will, auch immer wieder mehr Zeit als nötig. Teilweise bis zum Stillstand. Am Ende dauert der Film über 130 Minuten. Watts behandelt Parkers Konflikte in der Schule allerdings durchgehend etwas oberflächlich. Er spitzt sie nie so zu, wie er könnte.

Es ist auch ein Film, der durchgehend wie die jugendfreie Version von „Kick-Ass“ (allerdings ohne Hit-Girl) oder, dank der unzähligen selbstironischen Bemerkungen von Peter Parker, „Deadpool“ in der jugendfreien Version wirkt. Einige Bilder wurden sogar direkt aus „Deadpool“ geklaut.

In den USA hat sich der Film, wenig verwunderlich, an die Spitzen der Kinocharts gesetzt und Marvel-Studios-Chef Kevin Feige schon weitere Filme mit Spider-Man angekündigt. Derzeit plant er eine sich über fünf Filme erstreckende Entwicklung für Peter Parker. „Homecoming“ ist der zweite Teil dieser Geschichte.

Spider-Man: Homecoming (Spider-Man: Homecoming, USA 2017)

Regie: Jon Watts

Drehbuch: Jonathan Goldstein, John Francis Daley, Jon Watts, Christopher Ford, Chris McKenna, Erik Sommers (nach einer Geschichte von Jonathan Goldstein und John Francis Daley)

LV: Charakter von Stan Lee und Steve Ditko

mit Tom Holland, Michael Keaton, Robert Downey Jr., Marisa Tomei, Jon Favreau, Gwyneth Paltrow, Zendaya, Donald Glover, Jacob Batalon, Laura Harrier, Tony Revolori, Bokeem Woodbine, Tyne Daly, Abraham Attah, Kenneth Choi, Chris Evans, Stan Lee

Länge: 134 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Spider-Man: Homecoming“

Metacritic über „Spider-Man: Homecoming“

Rotten Tomatoes über „Spider-Man: Homecoming“

Wikipedia über „Spider-Man: Homecoming“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Marc Webbs „The Amazing Spider-Man“ (The Amazing Spider-Man, USA 2012)

Meine Besprechung von Marc Webbs „The Amazing Spider-Man 2: Rise of Electro“ (The Amazing Spider-Man 2: Rise of Electro, USA 2013)

Buchkritik

Mit „Das Marvel Cinematic Universe – Anatomie einer Hyperserie“ legt Peter Vignold die überarbeitete Fassung seiner Magisterarbeit an der Ruhr-Universität Bochum vor. In der Arbeit beschäftigt er sich mit der Frage, wie die einzelnen Filme und TV-Serien des Marvel Cinematic Universe miteinander verbunden sind und was diese Filme von anderen Serien, wie „Matrix“, „Harry Potter“ und „X-Men“ unterscheidet. Denn die Marvel-Filme sind bei Kritikern beliebt, Fans vertiefen sich in die Filme, um auch wirklich jede Verbindung zwischen den Filmen und zu den Comics aufzuspüren und sie sind weltweit erfolgreich. Damit hat Marvel, seitdem es nicht mehr die Rechte an seinen Comicfiguren für die Verfilmungen verkauft, sondern die Filme selbst produziert, die Regeln für Hollywood-Blockbuster geändert. Inzwischen möchte jedes Studio sein eigenes Cinematic Universe von miteinander zusammenhängenden Filmen und Figuren schaffen, in dem, wie eine eierlegende Wollmilchsau, jeder Film zum Erfolg der anderen beiträgt. Bislang mit bescheidenem Erfolg.

Vignold zeichnet nach, wie Marvel sein filmisches Universum gestaltet. In der ersten Phase („Iron Man“, „The Incredible Hulk“, „Iron Man 2“, „Thor“, „Captain America“, „The Avengers“) gelang das vor allem über wiederkehrende Nebencharaktere und die Post-Credits-Szenen, in denen es mehr oder weniger kryptische Hinweise auf kommende Filme gibt. In der zweiten Phase („Iron Man 3“, „Thor: The dark World“, „Captain America: The Winter Soldier“, „Guardians of the Galaxy“, „Avengers: Age of Ultron“, „Ant-Man“) verflechten sich die Filme immer mehr miteinander, es werden neue Charaktere eingeführt und die „Avengers“ wird zur dominierenden Binnenserie, der sich die anderen Serien unterordnen. Die TV-Serien liefern ergänzende, aber zum Verständnis der Kinofilme nicht notwendige Informationen. Das gilt vor allem für die ABC-Serien „Agents of S.H.I.E.L.D.“ und „Agent Carter“. Die Netflix-Serien „Daredevil“, „Jessica Jones“ und „Luke Cage“ reproduzieren, mit minimalen Hinweisen auf die Kinofilme, dagegen die im Kino etablierte Erfolgsformel beim Verknüpfen verschiedener Serien in einem anderen Medium.

Mit dem Ende der zweiten Phase des Marvel Cinematic Universe endet Vignolds doch sehr akademisch geschriebene Studie.

Im Kino sind wir mit „Captain America: Civil War“, „Doctor Strange“, „Guardians of the Galaxy, Vol. 2“ (immer noch abgekoppelt vom Avengers-Kosmos) und „Spider-Man: Homecoming“ (der zwar ohne die Kenntnis der Avengers-Filme verstehbar ist, aber davon ausgeht, dass man die Avengers-Filme kennt) in der dritten Phase, die 2019 mit einem „Avengers“-Film enden soll.

Und danach geht es in die vierte Phase.

Peter Vignold: Das Marvel Cinematic Universe – Anatomie einer Hyperserie

(Marburger Schriften zur Medienforschung)

Schüren, 2017

176 Seiten

19,90 Euro


„Star Wars – Der Auslöser“ – James Luceno erzählt die Vorgeschichte von „Rogue One“

Juli 11, 2017

Wir erinnern uns: der letzte „Star Wars“-Film „Rogue One“ erzählt, wie die Rebellen an die Pläne für den Todesstern kommen, der in dem ersten „Star Wars“-Film „Krieg der Sterne“ (so hieß er, als er 1978 in die deutschen Kinos kam) zerstört wird.

Rogue One“ beginnt auf dem Planeten Lah’mu. Dort leben der geniale Wissenschaftler Galen Erso, seine Frau Lyra und seine Tochter Jyn. Er wird von seinem alten Freund Orson Krennic, einem Offizier des Imperiums, und seinen Sturmtrupplern besucht und gefangen genommen. Nur Jyn kann entkommen und viele Jahre später, als junge Frau, zieht sie, auf der Suche nach ihrem Vater, in den Kampf gegen das Imperium. Das ist die Geschichte des Films.

In seinem Roman „Der Auslöser“ erzählt James Luceno, der bereits etliche „Star Wars“-Romane schrieb, die Vorgeschichte zu den Ereignissen auf Lah’mu.

Der Roman beginnt wenige Monate vor Jyns Geburt. Galen und Lyra Erso forschen auf einem abgelegenem Planeten für die Zerpen-Industriewerke, wie aus Kyber-Kristallen Energie gewonnen werden kann. Das sind lebendige Kristalle, die auch die Energiequelle für die Lichtschwerter der Jedi sind.

Die Ersos werden von Separatisten (den späteren Rebellen), die von seinem Wissen profitieren wollen, gefangen genommen. Krennic befreit ihn. Er ist ein alter Studienkamerad von Galen Erso und er tut das nicht aus altruistischen Motiven. Er möchte Galen Erso überzeugen, für die Republik (dem Vorläufer des Imperiums) zu arbeiten und die ultimative Waffe einsatzfähig zu machen: den Todesstern, der mit Kyber-Kristallen funktioniert.

Weil Erso ein überzeugter Pazifist ist und nur für friedliche Zwecke forschen will, muss Krennic ihn mit Argumenten überzeugen. Letztendlich muss er eine Situation schaffen, die dazu führt, dass Erso freiwillig für die Republik arbeitet.

Denn Krennic weiß, dass er auf die schnelle und harte Tour bei Erso nichts erreichen wird. Also nimmt er sich Zeit. Er macht Angebote, lässt sich Vorschläge des Wissenschaftlers ein und verändert auch Teile seines Plans, solange er so sein Ziel erreichen kann.

Luceno erzählt diese sich über Jahre hinziehende Verführung sehr episodenhaft und mit vielen Subplots. Diese sind zwar alle irgendwann mehr oder weniger wichtig für Ersos Entscheidungen und ständig passiert im Haupt- oder einem Subplot etwas, das manchmal auch, wie in einer Chronik, zusammengefasst wird. Dann erleben wir nicht den Kampf um eine Planeten, sondern lesen nur die kurze Zusammenfassung des Kampfes oder verfolgen ein Gespräch von Schmugglern, die über die veränderten Rahmenbedingungen für ihr Gewerbe reden. Das führt dazu, dass „Der Auslöser“ nie Pageturner-Qualitäten entwickelt, sondern vor sich hin plätschert, während Jyn noch ein Jahr älter wird und Galen Erso etwas weiter forscht.

Der Roman selbst liefert für die Kenner des Films etliche zusätzliche Informationen über Orson Krennic, Galen Erso, seine Frau und die Welt, in der sie Leben. Ihre Tochter ist als Baby und Kleinkind nur das intelligente, schweigsam in der Ecke sitzende Kind. Das sind Informationen, die man für das Verständnis der Filmgeschichte in keinster Weise benötigt. Aber das dürfte Star-Wars-Fans und Komplettisten, die wirklich jede Brotkrume an Information über diese Welt haben wollen, nicht stören. Für sie hat Luceno seinen Roman geschrieben.

Als Einzelwerk ist „Der Auslöser“ aus der Nicht-Star-Wars-Fanperspektive ein Roman, den man nicht lesen muss. Es passiert zwar einiges, man bleibt mild interessiert dabei, aber es wird nie wirklich spannend. Dafür bleibt die Geschichte dann doch zu episodisch und zu vieles passiert aus heiterem Weltall.

James Luceno: Star Wars – Der Auslöser: Ein Rogue One Roman

(übersetzt von Andreas Kasprzak)

Blanvalet, 2017

448 Seiten

13 Euro

Originalausgabe

Star Wars: Catalyst: A Rogue One Novel

Del Rey, 2016

Hinweise

Wikipedia über James Luceno (deutsch, englisch)


Mit Kristof Kryszinski im „TrailerPark“ und auf „TauchStation“

Juni 21, 2017

Am Ende von „TaxiBar“ stand Kristof Kryszinski auf einem Parkplatz in den Dünen der Atlantikküste zwischen Polizisten und Verbrechern, die ihn alle umbringen wollten.

Das hätte das Ende des von Jörg Juretzka erfundenen Ruhrpott-Hardboiled-Privatdetektivs und zuletzt Barbetreibers sein können.

Aber die Geschichte geht weiter. In „TrailerPark“ erzählt Kryszinski, wie er entkommen konnte. Ganz einfach: er springt einfach in das nächste Auto und rast los über die Düne auf die Straße in den Wald und dann, auf Schleichwegen, raus aus Frankreich.

Unter falscher Identität lebt er als Nepomuk Blaumanis in Portugal in dem Surferparadies Jerusalé in einem Trailerpark, in dem sich einige Urlauber und viele halbseidene Gestalten, die wenig Geld und viel Ärger mit der Polizei haben, treffen.

TrailerPark“ ist eine einzige Enttäuschung. Über zweihundert Seiten passiert nichts und dann kommt die große Welle. Denn natürlich will die Chiens du Nord immer noch ihr Geld haben und Blaumanis war (ist?) ein Söldner, der sich bei seiner Arbeit einige Feinde geschaffen hat, die ihn umbringen wollen. Und Kryszinski hat im Trailerpark einige Menschen kennen gelernt, die immer wieder Konflikte mit dem Gesetz haben.

Aber alles plätschert spannungs- und weitgehend ereignislos vor sich hin. Es gibt sogar, im Gegensatz zu allen anderen Büchern von Jörg Juretzka, nichts zu lachen.

TauchStation“, das unmittelbar an „TrailerPark“ anschließt, ist dann wieder ein Kryszinski-Roman, wie wir ihn lieben.

Kryszinski soll für Europol als „Operativer Mitarbeiter“ (d. h. wenn er stirbt, kennen wir ihn nicht und der Tod ist bei er Mission eine sehr wahrscheinliche Option) Nepomuk Blaumanis aus seiner Geiselhaft bei Islamisten freikaufen. Der Freikauf verläuft etwas anders als geplant. Auf ihrer Flucht wird in Damaskus die gerade mit ihnen gestartete Passagiermaschine von ihren Verfolgern abgeschossen. Als Quasi-Blinde-Passagiere fahren sie in einem Schiff über das Mittelmeer und, streikbedingt, betreten sie nicht in Genua, sondern in Marseille europäischen Boden.

Genau, das Marseille, das von der Chiens du Nord beherrscht wird, die Kryszinski immer noch töten will.

TauchStation“ wird, weil er hier seinen Kampf gegen die Chiens du Nord beendet, als Abschluss einer Trilogie verkauft. Aber der Roman kann auch unabhängig von den beiden vorherigen Romanen gelesen werden. Einige Hintergründe zu einigen Personen, die auch in „TrailerPark“ dabei sind, muss man sich dann halt zusammenreimen. Es gibt Begegnungen mit vielen alten Bekannte, wie den Kommissaren Hufschmidt und Menden, die Kryszinski wie die Pest hassen (und umgekehrt), Pierfrancesco Scuzzi, der als Nachtwächter immer noch nur an die Arbeit denkt, Computerguru Heckenpennes und den Stormfuckers, einer sich gerade im Ruhestand befindenden Bikergang, die Kryszinski im Kampf gegen die Chiens du Nord helfen, während Kryszinski von der einen Bredouille in die nächste gerät. Immer nach dem Prinzip „kein Plan ist so schlecht, dass er nicht doch gründlich schief gehen kann“. Entsprechend unvorhersehbar ist die Geschichte.

Das ist selbstverständlich ein großer Spaß mit Kristof Kryszinski, seinen uns seit vielen Romanen bekannten Freunden und ein, zwei neuen Freunden.

Und jetzt heißt es wieder: Warten auf die nächsten Ermittlungen des Herrn Kryszinski.

Jörg Juretzka: TauchStation

Rotbuch, 2017

272 Seiten

18,95 Euro

Jörg Juretzka: TrailerPark

Rotbuch, 2015

224 Seiten

16,95 Euro

Die Taschenbuchausgabe erscheint am 18. September für 12,95 Euro im Unionsverlag.

Dort sind auch fast alle früheren Ermittlungen von Kristof Kryszinski erhältlich.

Hinweise

Krimi-Couch über Jörg Juretzka

Lexikon der deutschen Krimiautoren über Jörg Juretzka

Kaliber .38 interviewt Jörg Juretzka (2002)

Literaturschock interviewt Jörg Juretzka (2003)

Alligatorpapiere: Befragung von Jörg Juretzka (2004)

2010LAB interviewt Jörg Juretzka (2010)

Meine Besprechung von Jörg Juretzkas „Sense“ (2000)

Meine Besprechung von Jörg Juretzkas „Bis zum Hals“ (2007)

Meine Besprechung von Jörg Juretzkas „Rotzig & Rotzig“ (2010)

Meine Besprechung von Jörg Juretzkas „Freakshow“ (2011)

Meine Besprechung von Jörg Juretzkas „Platinblondes Dynamit“ (2012)

Meine Besprechung von Jörg Juretzkas „TaxiBar“ (2014)


DVD-Kritik: „Suburra“ – Italien, Mafia, Politik und die Kirche ist auch dabei

Juni 19, 2017

Bevor am Donnerstag mit „Das Land der Heiligen“ ein gänzlich anderer Mafiafilm in unseren Kinos anläuft, kann man sich davor oder danach Stefano Sollimas grandiosen Thriller über das organisierte Verbrechen in Italien ansehen.

Zum Kinostart schrieb ich:

Giancarlo de Cataldo

Carlo Bonini

Stefano Sollima

Wer ein gutes Namensgedächtnis hat, hat jetzt alle nötigen Informationen, um sich auf den Weg ins Kino zu machen. Denn „Suburra“ basiert auf einem Roman von Giancarlo de Cataldo und Carlo Bonini, die bereits in mehreren hochgelobten Romanen eine inzwischen Jahrzehnte umspannende Chronik über römische Gangsterbanden und die Verstrickungen von ihnen mit der Politik schrieben. Giancarlo de Cataldo schrieb auch „Romanzo Criminale“ über die Magliana-Verbrecherbande, die in den siebziger und achtziger Jahren Rom beherrschte.

Stefano Sollima war der Regisseur der TV-Serie „Romanzo Criminale“ und, später, der TV-Serie „Gomorrha“ (die auf Roberto Savianos Tatsachenroman über die neapolitanische Mafia basiert) und des Polizeidramas „ACAB – All Cops are Bastards“, das auf dem Roman von Carlo Bonini basiert. Derzeit dreht Sollima „Soldado“, die Fortsetzung von „Sicario“. Das fällt dann wohl in die Kategorie: anderer Schauplatz, gleiches Thema.

Suburra“ erzählt dann die Geschichte von „Romanzo Criminale“ weiter. Jedenfalls insofern, dass der Film in Rom spielt und er wieder ein Porträt der Organisierten Kriminalität ist. In dem Roman gibt es dann auch einige sehr kurze Verweise auf die aus „Romazo Criminale“ bekannten und verstorbenen Bandenchefs.

In „Suburra“ plant der Samurai, der skrupellose Kopf des Verbrechens in Rom mit guten Verbindungen in die Wirtschaft und Politik, ein großes Bauprojekt, bei dem alle viel Geld verdienen können und einige Habenichtse gegen ihren Willen, mehr oder weniger handgreiflich, umgesiedelt werden.

Aufgrund der Größe und der notwendigen Baugenehmigungen sind auch die Politik und die katholische Kirche involviert. Und das einzige, was der Samurai im Moment nicht gebrauchen kann, ist Unruhe und unerwünschte Aufmerksamkeit von der Polizei, der Presse und der Öffentlichkeit.

Als während einer kleinen Orgie in einem Nobel-Hotelzimmer eine von dem konservativen Abgeordneten Filippo Malgradi (im Roman Pericle Malgradi, „ein Musterbeispiel christlicher Lebensführung“) bezahlte minderjährige Prostituierte an einer Überdosis stirbt, beginnt eine Kette von Ereignissen, die Samurais Pläne gefährdet.

Sollima erzählt diese Geschichte, die in einer Woche im November 2011 spielt, bildgewaltig und mit großem epischen Atem. Dabei hat er mit seinen Drehbuchautoren Carlo Bonini, Giancarlo de Cataldo, Sandro Petraglia und Stefano Rulli (beide ebenfalls das Buch für den Spielfilm „Romanzo Criminale“ und mehrere Episoden für die legendäre TV-Serie „Allein gegen die Mafia“) das Dickicht der Personen und Handlungsstränge des Romans zurechtgestutzt, ohne es zu übermäßig zu vereinfachen. Es gibt immer noch viele Personen und viele Handlungsstränge, die sich langsam miteinander verknüpfen und gegenseitig beeinflussen. Meist, immerhin ist „Suburra“ ein Noir, in Richtung Abgrund. Nicht umsonst werden die Tage bis zur Apokalypse immer wieder eingeblendet.

Das ist großes Kino, das wegen seiner Bilder (Rom bietet halt immer einiges für das Auge) auf der großen Leinwand seinen vollen Reiz entfaltet.

Der Roman liest sich dagegen wie eine faktenversessene Reportage, die auf ausführlichen Recherchen (de Cataldo ist Richter, Bonini Investigativ-Journalist) basiert und wirklich keine Ecke des römischen Sumpfes und der Verflechtungen zwischen den verschiedenen Ebenen, Hierarchien, Personen und Organisationen unbeleuchtet lassen will. Für Italiener, die die Hintergründe, Personen (auch wenn sie im Roman andere Namen haben) und Anspielungen kennen, wird sich „Suburra“ wie eine lange Reportage lesen. Für uns ist das Geflecht des Enthüllungsromans mit den vielen handelnden Personen oft mühsam zu durchschauen.

In der aktuellen Ausgabe des Romans bei Heyne Hardcore gibt es daher dankenswerterweise auf der zweiten Umschlagseite ein Namensverzeichnis mit 37 Namen und etliche namenlose „Sonstige“.

Die bedächtige Erzählweise des Spielfilms und die vielen Personen erinnern dann an eine TV-Serie. Und die ist auch geplant. Für Netflix soll dieses Jahr die Geschichte von „Suburra“ weiter erzählen werden. Und das könnte wieder eine Serie sein, die man sich ansehen muss.

 

Das Bonusmaterial besteht aus einem nicht uninteressanten, aber auch nicht sonderlich in die Tiefe gehendem 13-minütigem „Blick hinter die Kulissen“ und einer umfassenden, selbstablaufenden Bildergalerie.

Suburra (Suburra, Frankreich/Italien 2015)

Regie: Stefano Sollima

Drehbuch: Carlo Bonini, Giancarlo de Cataldo, Sandro Petraglia, Stefano Rulli

LV: Giancarlo de Cataldo/Carlo Bonini: Suburra, 2013 (Suburra)

mit Pierfrancesco Favino, Elio Germano, Claudio Amendola, Alessandro Borghi, Greta Scarano, Giuila Elettra Gorietti, Antonello Fassari, Jean-Hugues Anglade

DVD

Koch Media

Bild: 2.35:1

Ton: Deutsch, Italienisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Hinter den Kulissen, Bildergalerie, mehrere Trailer

Länge: 125 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Die Vorlage

Suburra von Giancarlo de Cataldo

Giancarlo de Cataldo/Carlo Bonini: Suburra

(übersetzt von Karin Fleischanderl)

Heyne, 2016

416 Seiten

9,99 Euro

Deutsche Erstausgabe

Folio Verlag, Wien/Bozen, 2015

Originalausgabe

Suburra

Giulio Einaudi editore, Turin, 2013

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Suburra“

Rotten Tomatoes über „Suburra“

Wikipedia über „Suburra“ (englisch), italienisch [mit den Tagen bis zur Apokalypse])

Perlentaucher über den Roman „Suburra“

Meine Besprechung von „Romanzo Criminale – Staffel 1“

Meine Besprechung von „Romanzo Criminale – Staffel 2“

Meine Besprechung von Stefano Sollimas „Suburra“ (Suburra, Frankreich/Italien 2015)


Neu im Kino/Filmkritik (und ein Buchtipp): „Wonder Woman“ zeigt den Jungs, wo der Hammer hängt

Juni 16, 2017

Schon in „Batman v Superman: Dawn of Justice“ stahl die von Gal Gadot verkörperte Prinzessin Diana, aka „Wonder Woman“, in ihren wenigen Minuten Filmzeit den beiden titelgebenden Superhelden locker die Show. Mit „Wonder Woman“ hat die Comicheldin jetzt ihren überzeugenden Solofilm, der auch als Spielfilm und Einzelfilm überzeugt.

Dass „Wonder Woman“ der mit Abstand beste Film im „DC Extended Universe“ ist, wird hier nur der Vollständigkeit halber erwähnt. Denn diese Hürde hätte Regisseurin Patty Jenkins („Monster“) nach den mehr oder weniger desaströsen DC-Filmen „Man of Steel“, „Batman v Superman: Dawn of Justice“ und „Suicide Squad“ auch mit verbundenen Augen im Wachkoma geschafft. Sie erzählt die Origin-Story der Amazonenprinzessin Diana. Allerdings verlegte sie sie vom Zweiten Weltkrieg in die letzten Tage des Ersten Weltkriegs. Deswegen muss Diana im Film nicht (wie in den von ihrem Erfinder William Moulton Marston während des Zweiten Weltkriegs geschriebenen Geschichten) gegen böse Nazis, sondern gegen böse Deutsche kämpfen.

Diese verfolgen den US-Soldaten und Geheimagenten Steve Trevor (Chris Pine) auf die Amazoneninsel Themyscira. Bei einem Kampf am Strand können die Amazonen die Deutschen mit vielen eigenen Verlusten besiegen. Sie haben zwar keine Schusswaffen, aber Schwerter und ein jahrhundertelanges Training.

Trevor erzählt seinen Retterinnen, dass er von den Deutschen verfolgt wurde, weil er von General Ludendorff (Danny Huston) und Dr. Isabel Maru (Elena Anaya) Aufzeichnungen über ein von ihr erfundenes, tödliches Gas stahl und deren Labor zerstörte.

Diana entschließt sich, Trevor in die Welt der Männer zu begleiten und dort den Krieg zu beenden. Hinter dem Krieg kann nur der Kriegsgott Ares stehen.

Über London geht es nach Belgien und zwischen die Kriegsgräben. Dort plant Ludendorff, den sie für die menschliche Verkörperung von Ares hält, mit der Hilfe von Marus Erfindung, den Krieg zu seinen Gunsten zu beenden.

Patty Jenkins erzählt diese Geschichte mit der richtigen Dosis Action, einem leichten Camp-Touch (Dianas Lasso der Wahrheit) und einer ordentlichen Portion sich aus den Situationen ergebenden Humors. Immerhin erlebt Prinzessin Diana in London in der Welt der Männer Sitten, Gebräuche und Gepflogenheiten, die sich doch deutlich von den ihr bekannten unterscheiden. Das beginnt schon mit ihrer kampftauglichen Kleidung und endet bei ihrem respektlosen Umgang mit Männern, die daran gewöhnt sind, dass Frauen still und passiv sind.

Allerdings wird Dianas Origin-Geschichte zu sehr in einem klaren und entsprechend einfachen Gut- und Böse-Schema erzählt, das alle möglichen Grautöne der im Film angesprochenen moralischen und ethischen Fragen ignoriert. Das beginnt schon bei der ersten Begegnung von Diana mit Trevor. Er behauptet, dass er zu den Guten gehört und seine Verfolger die Bösewichter sind. Wir als Zuschauer wissen dank langjähriger Schulung in Hollywood-Konventionen, dass er recht hat, weil er von deutschen Soldaten verfolgt wird und Deutsche immer die Bösewichter sind. Aber Diana wird hier doch als arg naive und leichtgläubige Kriegerin gezeichnet. Auch später, in der Welt der Männer, will sie nur und ohne Umwege den Krieg beenden und so das Böse vernichten. In seiner herzigen Naivität sorgt ihr unbedingter Wille sofort Frieden zu schaffen und ihr Glaube, dass ihr das gelingt, indem sie den Bösewicht besiegt, für erfrischende Momente. Sie (und der Film) verschwendet auch keinen Gedanken an die Komplexität der Situation. Immerhin reden wir hier vom Ersten und nicht vom Zweiten Weltkrieg, in dem die Fronten eindeutig waren.

Diese eindeutige, alle möglichen Grautöne vermeidende Einteilung in Gut und Böse wird während des gesamten Films durchgehalten. Daher ist „Wonder Woman“ durchgehend unterkomplexer und auch apolitischer als nötig. Es ist ein bunter, unterhaltsamer, kurzweiliger, perfekt getimter Abenteuerfilm für die ganze Familie.

Und es ist ein DC-Film, der es locker mit den erfolgreichen Marvel-Filmen aufnehmen kann und sogar bessere Bösewichter hat.

Zum Schluss noch ein paar Fakten und Zahlen: „Wonder Woman“ ist der erste Superheldenfilm mit einer Heldin, der von einer Frau inszeniert wurde. Es ist der erste von einer Frau inszenierte Film mit einem Budget von über 100 Millionen US-Dollar. Er soll 150 Millionen US-Dollar gekostet haben. Und mit einem Einspielergebnis von über hundert Millionen US-Dollar in den USA am Startwochenende ist „Wonder Woman“ der erfolgreichste von einer Frau inszenierte Film. Davor war es „Fifty Shades of Grey“ von Sam Taylor-Johnson.

All die Zahlen sagen selbstverständlich nichts über die Qualität des Films aus. Daher ist es erfreulich, dass „Wonder Woman“ auch ein gelungener Film ist.

P. S.: Wie immer kann man sich bei den verschiedenen Fassungen (2D, 3D, Imax 3D) austoben. Ich habe den Film in 2D in einem normalen Kino gesehen und würde das als die optimale Fassung empfehlen. Wenn die Leinwand groß genug ist.

Wonder Woman (Wonder Woman, USA 2017)

Regie: Pattiy Jenkins

Drehbuch: Allan Heinberg (nach einer Geschichte von Zack Snyder, Allan Heinberg und Jason Fuchs)

mit Gal Gadot, Chris Pine, Connie Nielsen, Robin Wright, Danny Huston, David Thewlis, Said Taghmaoui, Ewen Bremner, Eugene Brave Cock, Lucy Davis, Elena Anaya, Lilly Aspell, Emily Carey, Wolf Kahler

Länge: 141 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche WarnerBros/DC-Facebook-Seite zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Wonder Woman“

Metacritic über „Wonder Woman“

Rotten Tomatoes über „Wonder Woman“

Wikipedia über „Wonder Woman“ (deutsch, englisch)

Bonushinweis

Wer nach oder vor dem Kinobesuch tief in die Geschichte von Wonder Woman einsteigen will, sollte sich „Wonder Woman Anthologie“ zulegen. Wie in den anderen Bänden der Anthologie-Reihe (Batman und Deadpool wurden ja hier besprochen) gibt es in dem dicken und schweren Sammelband einen Überblick über den Charakter und seine wichtigsten Auftritte, wie ihrem ersten Auftritt und Geschichten, die für den Charakter große Veränderungen oder einmalige Ausflüge bedeuten. Bei „Wonder Woman Anthologie – Die vielen Gesichter der Amazonenprinzessin“ sind das

Die Geburt von Wonder Woman (The Origin of Wonder Woman, von William Moulton Marston und Harry G. Peter, Wonder Woman 1 [1942])

Frauen der Zukunft( America’s Wonder Woman’s Women of Tomorrow, von William Moulton Marston und Harry G. Peter, Wonder Woman 7 [1943])

Der Schurken-Verbund! (Villainy Incorporated!, von William Moulton Marston und Harry G. Peter, Wonder Woman 28 [1948])

Streng geheim! (Top Secret!, von Robert Kanigher und Ross Andru, Wonder Woman 99 [1958])

Wonder Girl, die junge Amazone! (Wonder Woman: Amazon Teen-Ager!, von Robert Kanigher und Ross Andru, Wonder Woman 107 [1959])

Wonder Womans letzter Kampf (Wonder Woman’s Last Battle, von Dennis O’Neil und Mike Sekowsky, Wonder Woman 179 [1968])

Das zweite Leben der ursprünglichen Wonder Woman (The Second Life of the Original Wonder Woman, von Robert Kanigher und Don Heck, Wonder Woman 204 [1973])

Schwanengesang (Swang Song!, von Roy Thomas und Gene Colan, Wonder Woman 288 [1982])

Die Prinzessin und die Macht! (The Princess and the Power!, von Greg Potter und George Perez, Wonder Woman 1 [1987])

Akte der Gewalt (Violent Beginnings, von William Messner-Loebs und Mike Deodato jr., Wonder Woman 93 [1995])

Spinnst du jetzt völlig?! (Are You out of Your Minds?!, von John Byrne, Wonder Woman 113 [1996])

Der wahre Wert der Seele (The Bearing of the Soul, von Eric Luke, Yanick Paquette und Matthew Clark, Wonder Woman 142 [1999])

Die Entdeckung des Paradieses (Paradise Found, von Phil Jimenez, Wonder Woman 177 [2002])

Die Mission (The Mission, von Greg Rucka und Drew Johnson, Wonder Woman 195 [2003])

Die Mutter der Bewegung (The Mother of the Movement, von Darwyn Cooke und J. Bone, Justice League: The New Frontier Special 1 [2008])

Die Höhle des Minotaurs! (The Lair of the Miotaur!, von Brian Azzarello und Cliff Chiang, Wonder Woman 0 [2012])

Gothamazone (Gothamazone, von Gail Simone, Ethan Van Sciver und Marcelo Di Chiara, Sensations Comics featuring Wonder Woman 1 [2014])

Rettender Engel (Rescue Angel, von Amy Chu und Bernard Chang, Sensation Comics featuring Wonder Woman 7 [2015])

Dazu gibt es kundige Texte über den Charakter, ihre Entwicklung, die Macher und warum gerade diese Geschichten ausgewählt wurden.

Eine Fundgrube für Fans und Neueinsteiger. Mit Suchtfaktor.

Wonder Woman Anthologie – Die vielen Gesichter der Amazonenprinzessin

(übersetzt von Steve Kups, Mandy Matz und Alexander Rösch)

Panini, 2017

404 Seiten

34,99 Euro

Hinweise

DC Comics über Wonder Woman

Wikipedia über Wonder Woman (deutsch, englisch) 

Meine Besprechung von Brian Azzarellos Wonder Woman

Meine Besprechung von Meredith Finch/David Finch/Goran Sudzukas „Wonder Woman – Göttin des Krieges“ (Wonder Woman: War Torn, DC Comics, Januar 2015 – August 2015)

Meine Besprechung von Greg Rucka (Autor)/Nicola Scott/Bilquis Evelys (Zeichner) „Wonder Woman: Das erste Jahr (Rebirth – Die Wiedergeburt des DC-Univerums)“ (Wonder Woman: Year One, Part One – Finale, 2016/2017)

Meine Besprechung von Greg Rucka (Autor)/J. G. Jones‘ (Zeichner) „Wonder Woman/Batman: Hiketeia“ (Wonder Woman/Batman: The Hiketeia, 2002)


Greg Rucka und „Wonder Woman“: „Das erste Jahr“ und „Hiketeia“

Juni 14, 2017

Wenige Stunden vor dem Kinostart von „Wonder Woman“ muss man die 1941 von William Moulton Marston erfundene Superheldin wohl kaum vorstellen. Wobei Wonder Woman keine normale Superheldin, sondern die Amazonenprinzessin Diana ist und das ist schon ziemlich göttlich. Was auch daran liegt, dass sie und ihre Welt von der griechischen Mythologie inspiriert sind.

Ihre Origin Story, die auch im sehenswerten Film erzählt wird, erzählt Greg Rucka in „Das erste Jahr“ als Teil des DC-Comics-Komplettneustarts „DC Rebirth“ (bzw., auf Deutsch: „Rebirth – Die Wiedergeburt ds DC-Universums“). Selbstverständlich anders als der Film.

Das beginnt schon damit, dass der Comic in der Gegenwart spielt.

Diana lebt seit Ewigkeiten glücklich mit ihren Amazonen-Schwestern auf der Insel Themyscira. Ihre Welt hat keinen Kontakt zu unserer Welt, der „Welt der Männer“ und niemand weiß von der Insel.

Eines Tages stürzt ein Flugzeug ab. Nur der US-Soldat Steve Trevor überlebt den Absturz.

Weil die Amazonen danach glauben, dass der Kriegsgott Ares oder eine ähnlich dunkle Bedrohung in der „Welt der Männer“ Unheil anrichtet, muss eine Amazone Trevor begleiten und gegen die dunkle Bedrohung kämpfen. Diese dunkle Bedrohung ist die Sear-Terrorgruppe, die jetzt den Maru-Virus freisetzen will. Das ist ein biochemischer Wirkstoff, der Menschen in mordgierige Bestien verwandelt.

Neben dem Kampf gegen die Sear-Gruppe steht die Beziehung von Prinzessin Diana zu Steve Trevor und Dr. Barbara Ann Minerva, einer Wissenschaftlerin, die Dianas Sprache versteht, im Mittelpunkt. Beide helfen ihr, in der neuen Umgebung zurechtzukommen und beide werden, wie „Wonder Woman“-Fans wissen, eine wichtige Rolle in ihrem Leben spielen.

Das erste Jahr“ ist der kurzweilige Auftakt ihrer Geschichte in unserer Welt.

Schon 2002 schrieb Greg Rucka die Wonder Woman/Batman-Geschichte „Hiketeia“. Es ist seine erste „Wonder Woman“-Geschichte. Anschließend schrieb er drei Jahre lang „Wonder Woman“-Geschichten.

In „Hiketeia“ bittet Danielle Wellys Wonder Woman um Hiketeia. Das ist ein Ritual und Gesetz, bei dem dem Bittsteller Schutz gewährt und die volle Verantwortung für ihn übernommen wird. Letztendlich ist es eine Form des Kirchenasyls.

Wellys wird von Batman verfolgt, weil sie in Gotham City vier Männer ermordete. Batman will sie den Behörden übergeben. Gemäß dem Hiketeia muss Wonder Woman ihre Schutzbefohlene verteidigen.

Das ist ein schön klarer Konflikt, in dem es keine richtige Entscheidung gibt und den Rucka auch klar ausformuliert. Bei der Erklärung für Wellys‘ Taten und der Lösung des Konflikts verlässt Rucka dann allerdings der Mut zugunsten einfacher Lösungen.

Greg Rucka (Autor)/Nicola Scott/Bilquis Evely (Zeichner): Wonder Woman: Das erste Jahr (Rebirth – Die Wiedergeburt des DC-Univerums)

(übersetzt von Ralph Kruhm)

Panini, 2017

164 Seiten

16,99 Euro

Originalausgabe/enthält

Wonder Woman: Year One, Part One – Finale (# 2, 4, 6, 8, 10, 12, 14)

DC Comics, September 2016 – März 2017

Greg Rucka (Autor)/J. G. Jones (Zeichner): Wonder Woman/Batman: Hiketeia

(übersetzt von Christian Heiss)

Panini, 2017

100 Seiten

12, 99 Euro

Originalausgabe

Wonder Woman/Batman: The Hiketeia

DC Comics, 2002

Hinweise

DC Comics über Wonder Woman

Wikipedia über Wonder Woman (deutsch, englisch) 

Meine Besprechung von Brian Azzarellos Wonder Woman

Meine Besprechung von Meredith Finch/David Finch/Goran Sudzukas „Wonder Woman – Göttin des Krieges“ (Wonder Woman: War Torn, DC Comics, Januar 2015 – August 2015)

Homepage von Greg Rucka

Meine Besprechung von Greg Rucka/Steve Liebers „Whiteout“ (Whiteout, 1998/1999)

Meine Besprechung von Greg Rucka/Steve Liebers „Whiteout: Melt“ (Whiteout: Melt, 1999/2000)

Meine Besprechung von Greg Ruckas “Die Welt ohne Superman” (The Sleepers, 2009)

Meine Besprechung von Greg Ruckas “Batman: Hinter der Maske” (Cutter, März – Mai 2010/Beneath the Mask,  Juni – Juli 2010/Good King Wencesias, Februar 2009)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Greg Ruckas “Gotham Central: In Erfüllung der Pflicht (Band 1)” (Gotham Central # 1 – 5, 2003)

Meine Besprechung von Greg Ruckas „Star Wars: Imperium in Trümmern (Journey to Star Wars: Das Erwachen der Macht) (Star Wars: Shatterd Empire # 1 – 4, Disney/Lucasfilm 2015)

Meine Besprechung von Greg Ruckas „Star Wars: Vor dem Erwachen“ (Star Wars: Before the Awakening, 2015)

Meine Besprechung von Greg Rucka/Michael Larks „Gotham Central: Doppeltes Spiel (Band 2)“ (Gotham Central #6 – 12, DC Comics)

Meine Besprechung von Greg Rucka/Ed Brubakers „Gotham Central: Im Fadenkreuz des Jokers (Band 3)“ (Gotham Central # 11 – 15, DC Comics)

Meine Besprechung von Greg Rucka/Ed Brubakers „Gotham Central: Bullocks letzter Fall (Band 4)“ (Gotham Central # 16 – 22, DC Comics)

Greg Rucka in der Kriminalakte

 

 


Die „Paper Girls“, ein Raumschiff im Keller und ganz viele Aliens in der Vorstadt

Juni 14, 2017

Halloween, 1988: In einer typischen US-amerikanische Vorstadt trägt eine Gruppe Mädchen mitten in der Nacht Zeitungen aus. Sie haben Ärger mit den Jungs, von denen einer sich als Freddy Krueger verkleidet hat, und der Polizei. Alles wie immer. Bis sie im Keller eines verlassenen Hauses ein UFO entdecken (das aus einem Fünfziger-Jahre-Science-Fiction-Film stammen könnte), Außerirdischen begegnen, eine Puderdose mit einem Apfel-Symbol finden, fliegende Dinosaurier auftauchen und plötzlich alle Bewohner des Ortes verschwunden sind.

So beginnt Brian K. Vaughans neue Comicserie „Paper Girls“, die den prestigeträchtigen Eisner-Award als „Beste neue Serie“ erhielt. Zeichner Cliff Chiang erhielt einen Eisner-Award als „Bester Zeichner“.

Nach diesem furiosen Beginn geht es in dem ersten „Paper Girls“-Sammelband ähnlich flott weiter, ohne dass klar ist, wohin die Reise gehen soll. Jedenfalls gibt es verschiedene außerirdische und/oder aus einer anderen Zeit kommende Invasoren, die den Menschen gegenüber mehr oder weniger feindsinnig gesonnen sind und, in einer mehr oder weniger fernen Dimension, einen in einem 08/15-Apartment lebenden Mann, der wie Gott aussieht und eine große Kollektion unterschiedlicher T-Shirts hat. Beginnend mit einem „Public Enemy“-T-Shirt. Geschmack hat der Opa also.

Das T-Shirt ist nur eine der vielen Anspielungen, die Vaughan und Chiang in ihrer Geschichte mehr oder weniger offensichtlich versteckt haben. Dabei beziehen sich die meisten Anspielungen, immerhin spielt die Geschichte 1988 unter Teenagern, auf Filme und Stars der Achtziger. Ob heutige Jugendliche, die ja zu einem großen Teil das Zielpublikum von „Paper Girls“ sind, sie verstehen, bezweifle ich.

Davon abgesehen – und die Anspielungen sind nur die richtige Dosis Salz in der Suppe – erzählen Vaughan und Chiang eine Alien-Invasions-Geschichte mit einem neuen Dreh, der neugierig auf die weiteren Abenteuer der Paper Girls macht.

Brian K. Vaughan (Autor)/Cliff Chiang (Zeichnungen): Paper Girls 1

(übersetzt von Sarah Weissbeck)

Cross Cult, 2017

144 Seiten

22 Euro

Originalausgabe

Paper Girls # 1 – 5

Image, 2016/2017

Band 2 erscheint am 12. Juli.

Hinweise

Homepage von Cliff Chiang

Wikipedia über „Paper Girls“, Brian K. Vaughan (deutsch, englisch) und Cliff Chiang

Meine Besprechung von Brian Azzarellos “Wonder Woman: Blut (Band 1)” (Wonder Woman #1 – 6, 2011/2012)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Goran Sudžuka/Cliff Chiangs „Wonder Woman: Königin der Amazonen (Band 6)“ (Wonder Woman # 30 – 35, 2014)


„Durch Nacht und Wind“ reiten die Herren Goethe und Schiller

Juni 1, 2017

Der vollständige Titel ist altmodisch umständlich „Durch Nacht und Wind – Die criminalistischen Werke des Johann Wolfgang von Goethe, Aufgezeichnet von seinem Freunde Friedrich Schiller“ und der Roman gehört zu den Werken, in denen historische Figuren oder allseits bekannte fiktionale Charaktere, wie Sherlock Holmes, neue Abenteuer erleben. Mehr oder weniger gelungen. Mehr oder weniger nah am ursprünglichen Werk oder dem realen Menschen. Mit mehr oder weniger vielen Anspielungen.

In „Durch Nacht und Wind“ werden Geheimrat Johann Wolfgang Goethe und sein Freund Hofrat Friedrich Schiller im Winter 1797 von Großherzog von N. um Hilfe gebeten. Der wertvolle Carlottaring, der sich in seinem Besitz befindet, soll verflucht sein. Noch ehe Goethe und Schiller herausfinden können, ob es den Fluch wirklich gibt, ist der Großherzog tot. Seine Leiche fand man in einer von innen verschlossenen Truhe. Die schwere Truhe stand in der Mitte seines Zimmers und er wurde erwürgt.

Während die beiden Dichter versuchen, das Rätsel zu lösen, überschlagen sich die Ereignisse. Ein riesiger Mann in einem Ledermantel schleicht durch das Schloss. Schiller erhält aus dem Hinterhalt einen Hieb auf den Kopf. Er und Goethe verirren sich nachts im Labyrinth (Erinnert ihr euch an „Shining“?). Sie finden eine weitere Leiche. Und nach einigen ermittlungstechnischen Umwegen verfolgen sie quer durch Deutschland einen Verdächtigen, der immer wieder sein Aussehen und seine Identität ändert.

Für Abwechslung ist also gesorgt, es gibt einige Anspielungen auf die Werke der beiden Dichter und die Geschichte ist auch flott gelesen.

Aber „Durch Nacht und Wind“ ist einer der mild humorvoll erzählten Kriminalromane, die sich vor allem an Nicht-Krimifans richten, die eine Krimischnurre für einen Kriminalroman halten. Dabei zeichnet Comedy-Autor Stefan Lehnberg Goethe und Schiller eindeutig nach dem Bild von Sherlock Holmes und Dr. John Watson, die hundert Jahre später ermittelten. Goethe muss auch immer wieder wie eine Miniaturausgabe von Holmes agieren, was dann oft etwas unpassend wirkt. Sturm und Drang hin oder her.

Sowieso sind alle Charaktere erstaunlich unbelastet von den damaligen Konventionen. Oder, anders ausgedrückt, für Menschen, die im späten 18. Jahrhundert leben, verhalten sie sich alle sehr gegenwärtig.

Zu diesem Gefühlt trägt auch bei, dass Stefan Lehnberg sich kaum mit dem historischen Hintergrund und den gesellschaftlichen Konventionen aufhält. Er liefert auch keine Hintergrundinformationen über Goethe und Schiller. Außer dass, was man auch ohne einen Blick in ein Lexikon weiß, beide Dichter waren. Das erspart einem einerseits die mühsam verklausulierte Lektüre langer Wikipedia-Artikel, andererseits beschränkt sich der Lerneffekt auf das Wissen, dass damals „sei“ „sey“ und „Zentrum“ „Centrum“ geschrieben wurde.

Stefan Lehnberg: Durch Nacht und Wind

Tropen, 2017

240 Seiten

15 Euro

Hinweise

Homepage von Stefan Lehnberg

Wikipedia über Stefan Lehnberg